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Atlantis Teil 34

Im Scheinwerferraum des Leuchtturms saßen die beiden Freunde. Uhlenkort, reisefertig, stand auf.

»So wäre alles für deine Fahrt geordnet. Wäre meine Anwesenheit nicht dringend erforderlich, würde ich dir mein Flugzeug hierlassen. So jedoch geht es nicht. Ich werde es aber sofort nach meiner Ankunft wieder hierherschicken. Du kennst ja die Maschine. Du wirst alle Bequemlichkeiten während der Fahrt haben. Meine einzige Sorge, Johannes, ich spreche sie immer wieder aus, ist, dass der schroffe Klimawechsel deiner Gesundheit schaden könnte. Von Nordpolbreite in Äquatornähe. Ich fürchte für dich. Die einzige Beruhigung ist, dass Tredrup, der Treue, mit dir fahren wird. Er wird für dich sorgen, er wird über dich wachen. Wo er nur bleibt? Er weiß doch, dass ich fahren muss. Das Flugzeug steht schon auf der Klippe startbereit.«

Er blickte auf die Uhr. »Ich muss gehen. Zuviel ist für mich zu tun. Die Last ist aber leichter geworden.«

Er reckte seine Gestalt hoch auf.

»Nun, ich sehe, dass der Tag nicht fern ist, der die Schicksalswende bringt. Die Organisation der europäischen Staaten … wie stehe ich jetzt ihr gegenüber? Schicksalswende … auch für Christie Harlessen, für mich …«

Die letzten Worte, unhörbar waren sie gesprochen. Einen Augenblick blickte er ernst zu Boden.

Harlessen – Uhlenkort!

Im Geist wiederholte er die Worte. Und dann, als schüttle er alle trüben Gedanken ab, wandte er sich dem Freunde zu, drückte ihm die Hand.

»Leb wohl, ich gehe mit geringerer Sorge, weil du auch da mir Trost gegeben hast.«

Die Tür zum Raum wurde von außen hastig aufgerissen. Schwer atmend, wie erschöpft vom schnellen Lauf, stand Tredrup vor ihnen.

»Uhlenkort! Du bist noch hier … Gott sei Dank!«

»Was ist, Tredrup? Was ist?«

Statt einer Antwort zog Tredrup einen kleinen Zettel aus der Tasche.

»Hier! Hier.« Er schrie es fast. »Christie!«

»Was? Was ist mit Christie?«

Uhlenkort umklammerte dessen Hand, entriss ihm den Zettel. Sein Gesicht war tief erblasst.

Ein paar Mal schöpfte Tredrup nach Atem. Dann kam es herausgesprudelt, das Unverhoffte, Wunderbare, was ein glücklicher Zufall ihm durch des Äthers Wellen zugetragen hatte.

»Zufall! Glücklicher Zufall, Uhlenkort!« Er lachte. Eine gewisse Verlegenheit mischte sich darein. »Du weißt«, es kam etwas stotternd, »ich fuhr mit meiner Belegschaft nach Stettin, wollte sie eigentlich weiter zum Ural bringen. Trennte mich schwer von den Leuten. Ihr Schicksal lag mir sehr am Herzen. Ich wollte wissen, wie ihre Reise verlaufen war, wie sie sich an der neuen Arbeitsstelle zurechtfinden würden. Und … hm! Da tat ich etwas … Es war vielleicht, nein, sicherlich nicht ganz richtig … ich gab ihnen die Uhlenkort-Welle. Heute sollten sie mir Nachricht geben. So war es verabredet. Ein einmaliger Missbrauch, Uhlenkort! Du wirst verzeihen! Und«, er schlug klatschend die Hände zusammen, »es war gut so! Tredrup und Tredrups Nase, das Glück wollte ihnen wohl. Ich sitze in der Stadt in meinem alten Quartier. Den Empfänger eingeschaltet, höre, was die vom Ural mir erzählen. Nichts sonderlich Gutes. Das veränderte Klima, sie kamen gerade in die heiße Jahreszeit hinein, das Heimweh. Ich war nicht sonderlich erbaut von dem Gehörten, saß und saß, dachte nach. Die Zeit verging. Uhlenkort … Harlessen!, klang es ein paar Mal im Hörer. Ich wollte ihn eben abnehmen. Es betraf mich ja nicht. Da! Walter … Christie …! Ganz leise klang es im Hörer. Ich presste die Muschel fest ans Ohr. Was war das? Christie? … Harlessen … Uhlenkort. Ich schloss die Augen, schärfte mein Gehör zum Äußersten. Ein Hilferuf? Christie Harlessen? Nichts anderes konnte es sein. Ich saß, verschlang die Worte, horchte, was weiter kommen würde. Saß, wartete … nichts zu hören, nichts weiter. Ich sagte mir: Das kann nicht sein. Sie muss, sie wird weitersprechen. Und dann klang es wieder an mein Ohr. Leise, unendlich leise: … Insel … das Einzige, was ich verstand. Doch sie hatte die ersten Worte wiederholt, sie würde auch die wiederholen. Ich horchte weiter. Andere, neue Worte drangen zu mir: Kanal … südwärts … Dann blieb es unverständlich. Ich riss den Zettel aus meiner Tasche, schrieb mit, wie ich es verstand … wartete weiter, vielleicht würden die Laute deutlicher. Plötzlich war alles verstummt. Das hier«, er deutete auf den Zettel in Uhlenkorts Hand, »ist, was ich hörte … wie ich es der Reihe nach zusammenstellte: Walter … Hier Christie … Uhlenkort-Harlessen … Insel … Kanal … West zu Südwest …«

Er wandte die Augen zum Jugendfreund. Dieser stand abgewandt am Tisch. Uhlenkorts Blicke hafteten an dessen Gestalt, als erwarte er, dass der sich umdrehen und …

Nein … der konnte nicht … wollte nicht …

»Vielleicht hätte man es in Hamburg oder in anderen deiner Kontore besser verstanden!«, brach Tredrup das Schweigen.

Uhlenkort schaute auf, schlug sich mit der Hand an die Stirn. »Gewiß! Natürlich! Wie konnte ich das außer acht lassen. Werde sofort anfragen und Befehl geben, dass die Stationen Tag und Nacht besetzt bleiben. Und wenn man den Ruf auch dort nicht besser versteht … sie wird ihn wiederholen … morgen … in den nächsten Tagen. Einmal wird es, muss es gelingen, ihn unverstümmelt zu hören.«

Er reichte Tredrup die Hand. »Klaus, ich danke dir.«

»Danke es Tredrups neugieriger Nase!«, erwiderte der lachend. »Ja, ja! Tredrups neugieriger Nase. Du bist nicht der Erste und Einzige in der Welt, der diese Eigenschaft konstatiert. Aber …« Er zuckte die Achseln. »Wieder einmal ist der Beweis erbracht, dass manchmal dabei etwas herauskommt.« Er schielte leicht zu der Gestalt des anderen. »… manchmal freilich auch nicht.« Er schüttelte sich wie ein Hund, der im Wasser war.

»Glück auf, Walter Uhlenkort!«

Er ging mit ihm zur Tür, reichte ihm zum Abschied die Hand.

»Tredrups Nase!« Er warf einen scheuen Blick zu dem Raum zurück, flüsternd kamen die Worte aus seinem Mund. »Tredrups Nase verspürt guten Wind, Uhlenkort. Mir träumte gestern, es wäre nicht das letzte Mal, dass ich hier oben in Spitzbergen war.«

»Klaus Tredrup, hast du die nächtliche Fahrt ganz vergessen, jene Fahrt nach Süden? Sei gewarnt!«

Uhlenkort sagte es, halb war es Scherz, halb Ernst.

»Und wenn ich hundert Jahre alt würde, ich werde sie nie vergessen. Werde auch immer daran denken, wenn ich mit ihm zu den Antillen fahre … Uhlenkort-Welle, Glück auf!«

»Danke dir, Klaus, auf Wiedersehen! Wäre möglich, dass wir uns bald wiedersehen.«

Tredrup wollte fragen, da schritt Uhlenkort schon die Stufen hinunter.

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