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Der Freibeuter – Norcroß in Frankreich und Russland

Der-Freibeuter-Dritter-TeilDer Freibeuter
Dritter Teil
Kapitel 14

»Ich kam damals auf einem deutschen Schiff mit meinem Jungen nach Frankreich. Wir landeten im Hafen von Dünkirchen, und ich versäumte nicht, meinen Landsmann und alten Beschützer und Freund, den Herzog von Ormund, welcher seit einigen Jahren hier wohnte und viel Vertrieb mit dem in Bar-sur-Aube lebenden Prätendenten unterhielt, aufzusuchen und ihm meine Aufwartung zu machen. O Gott, wie empfing mich Henrica mit der alten Herzlichkeit! In meinem Herzen aber waren die Gluten erloschen, die sie einst angefacht hatte, das Feuer, das mich verzehrt, hat einer anderen Sonne ihr Dasein zu verdanken.

Der Herzog zeigte sich nicht minder gütig gegen mich als seine Tochter. Er drängte mir sogleich Wohnung  und Unterhalt in seinem Hause auf; ich brauchte für nichts zu sorgen. Inzwischen war es mir doch unerträglich, untätig zu liegen, und überdings ängstigte mich die Sorge um die meinen, die ich den hämischen  Angriffen meiner Feinde in Stockholm bloßgestellt  wusste. Zu jener Zeit war der mississippische Handel in Frankreich sehr blühend. Alle französischen Häfen lagen voll von aus Amerika kommenden Schiffen, und die reiche Ladung brachte reichen Gewinn. Eine Menge mittelmäßiger Köpfe und sonst auch unbedeutender Menschen, machte täglich ein großes, schier unglaubliches Glück. Der herbeiströmende Reichtum war unermesslich. Ich kannte alle die Vorteile  und Kunstgriffe, welche damals im Schwung gingen, ich kannte die Schwäche des Grundes, auf welchen dieses Glück gebaut war. Obwohl ich niemals Neigung zum Handelswesen gehabt hatte, so entschloss ich mich doch, um nur etwas zu treiben und Geld zu verdienen, Anteil an der mississippischen Handelsgesellschaft zu nehmen, und meiner Frau zu schreiben, dass sie unverzüglich nach Dünkirchen abreisen möchte. Allein der Herzog von Ormund, welcher über meine eigentliche Bestimmung im Klaren war, riet mir ernstlich von diesem Vorhaben ab und bat mich dringend, mich mit diesen Leuten nicht einzulassen, weil ich sonst des Ärgers und Verdrusses kein Ende finden und gewiss nur im Bösen von ihnen kommen würde. Der brave Prinz zeigte sich mir als ein wohlwollender Vater. Ich fand bald, dass er recht habe und sein Rat sehr gut gemeint sei, und ich folgte ihm.

Der Herzog tat mir vielmehr den Vorschlag, ein Orlogschiff der französischen Flotte zu führen, und versprach mir, sich dergestalt bei dem Herzog-Regenten für mich zu verwenden, dass mir ein solches nicht entgehen könne. Sei mir dies aber nicht gelegen, so möchte ich eine Bedienstung an seinem kleinen Hof annehmen und lebenslänglich bei ihm verbleiben.

Ich muss gestehen, weder das Eine noch das Andere stand mir an. Nur ein Gefühl durchflammte wie ein heiliges Feuer meine Brust. Es war das Bedürfnis  der Rache an meinen Feinden in Schweden. Da nach den veränderten Umständen der Krieg zwischen Russland und Schweden mit erneuter Heftigkeit  und Erbitterung auszubrechen drohte, so ging mein ganzes Streben dahin, in russische Dienste zu kommen, damit ich Gelegenheit hätte, meine Racheplan auszuführen.«

»O, ich kenne das Gefühl unbefriedigter Rache«, sagte Friederike, »es nagt wie Gift an der Seele. Ich habe es empfunden.«

»Um jene Zeit ging der Herzog mit seinem Hofstaat wieder nach Paris. Dort betrieb ich durch den russischen Gesandten meine Angelegenheit, und hatte bald die Freude, zu erfahren, dass Hoffnung zu einer Anstellung beim neuen russischen Seewesen für mich vorhanden sei. Der Herzog widersetzte sich zwar meinem Vorhaben und fragte mich oft, was ich unter dieser wilden und ungeschliffenen Nation tun wolle. Aber ich ließ mich nicht davon abbringen.

Inzwischen war mein Entschluss und auch die Ursache  desselben nicht unbekannt geblieben. Ich scheute mich auch gar nicht , meinen glühenden Hass gegen die Gewalthaber überall laut auszusprechen. Es war kein Wunder, dass man dem schwedischen Gesandten Sparre alles hinterbrachte. Dieser Mann bildete sich ein, es stände in seiner Macht, mich zu hindern, dass ich nicht in des Zaren Dienste trete, weil ich ein schwedischer Untertan sei. Er ließ mir dies mit mancherlei Drohungen zu wissen tun, die ich natürlicherweise verlachte und mit spitzigen Repliken erwiderte, sodass es zwischen uns zu großer Erbitterung  kam. Da nun Sparre einsah, er werde nichts gegen mich ausrichten können, so steckte er sich hinter den englischen Gesandten in Paris und brachte ihn, in Betreff meiner, auf seine Seite. Dieser Letztere ließ mir einst sagen, er habe gehört, dass ich Willens wäre, bei der spanischen Flotte Dienste zu nehmen. Er untersage mir dies, kraft der Gewalt, die er über mich, als einen geborenen Untertan des Königs von Großbritannien, habe. Darauf antwortete ich, dass mir dergleichen niemals in den Sinn gekommen sei, selbst wenn ich es aber vorgehabt habe, so würde ich, als mein eigner Herr, niemand in der Welt darum befragt haben. Die Wirkung dieser Antwort hatte ich bald zu verspüren. Auf einem Spaziergang auf den Boulevards wurde ich in der Abenddämmerung von Häschern ergriffen und auf die Festung Fort l’Evêgue geschleppt. Dort erhielt ich ein elendes Loch zur Wohnung, aber die französische Höflichkeit erlaubte nicht, dass ich als ein Verbrecher gehalten würde, sondern als ein braver, rechtlich gesinnter Mann, der sich unter die List und Gewalt seiner Feinde schmiegen musste.

Einige Tage nach meiner Gefangennahme kam meine Frau mit meinem Sohn nach Paris. Auch ihr begegnete man überall mit Artigkeit, zuvorkommender  Hochachtung, und – da mein Schicksal allgemein bekannt worden war – mit Mitleid, und trug ihr vielfach an, sich für mich zu verwenden. Sie ließ es auch nicht an Bitten und Vorstellungen fehlen. Die Teilnahme, welche sie fand, kam mir zu gute. Vor allem aber rastete der Herzog von Ormund nicht eher – und das vorzüglich auf Henricas Antrieb – bis er mir die Freiheit wieder verschafft hatte. Die Bosheit der Gesandten war vernichtet, sie mussten mich zu ihrem großen Ärger schon nach einigen Wochen wieder auf freiem Fuß sehen. Ich umarmte mein Frau in des Herzogs Haus, wo auch sie wohnte, und wir beide erhielten schöne Beweise der edelsten Freundschaft sowohl vom Herzog als auch von seiner Tochter.

Aber nicht die Bitten und Tränen meiner Frau, nicht Henricas Bitten, nicht des Herzogs Vorstellungen, nichts in der Welt konnte mich jetzt vermögen, meinen Vorsatz, nach Russland zu gehen, aufzugeben. Die neue schwedische Niederträchtigkeit des Gesandten Sparre gegen mich hatte Öl in die Flamme meines Hasses und meiner Rache gegossen. Ich ließ Frau und Kind in Paris beim Herzog und empfahl sie dem Schutz des Allmächtigen. Ich selbst ging mit einem Schiff nach Petersburg. Der Zar Peter nahm mich sehr gnädig auf. Er erinnerte sich meiner sogleich von der Jagd her, wo ich das Vergnügen hatte, Sie, mein Fräulein, zuerst kennenzulernen, jener unvergesslichen Jagd, die der dänische Kronprinz dem russischen Zaren gab, und wo ich von fremdem Willen getrieben, der Sonne mich zuerst nahte, die mich nachher versengte.«

»Nur weiter! Wir wissen ja!«, sagte das Fräulein missmutig.

»Peter nimmt bekanntlich talentvolle Fremde gern in seine Dienste. Er schätzt sich glücklich, unter zwölfen einen brauchbaren Mann zu finden. Kaum hatte ich ihm meine bösen Schicksale in Schweden, nach Karls XII. Tode, erzählt, als er mir sogleich eine Kapitänsstelle bei der Flotte antrug. Diese Gnade machte mir viele Feinde, vorzüglich unter den Einheimischen. Aber die Gunst des Zaren und des Herzogs von Holstein, der mich von Schweden aus gut kannte und mir Beweise seiner Neigung zu mir gab, machte mich sicher.

Alle die Seeleute, welche sich durch meine schnelle Erhebung zurückgesetzt glaubten, und denen ich danach ein Dorn im Auge war, arbeiteten heimlich, mich zu verderben, und versuchten den Vizeadmiral Gordin gegen mich aufzubringen. Dies war nicht schwer, denn er war ein Schotte von Geburt und glaubte schon deshalb alle geborenen Engländer ex officio hassen und verfolgen zu müssen. Hernach zogen sie aber auch alle Kapitäne und Kapitänlieutenants auf ihre Seite, welche geborene Dänen waren. Alle diese Leute mochte nicht leiden, dass ich ein Schiff vom ersten Range führte und beim Zar und seiner nächsten Umgebung freien Zutritt genoss, die sie doch nicht anders als nur mit Mühe sprechen konnten. Aber ich kann nicht leugnen, mein Name war vor mir in Rußland bekannt worden und der Zar brauchte keinen Menschen zu fragen, wer ich wäre und was ich früher getrieben habe. Er war wohl davon unterrichtet.

Zu dieser Zeit, nämlich im Herbst 1721, kam zu meinem Verdruss der Friede mit Schweden zustande. Alle meine Hoffnungen wurden dadurch vernichtet. Zwar hätte ich in einer glänzenden Lage in Russland bleiben können; denn als nach dem für ihn höchst vorteilhaften Nystädter Frieden mit Schweden der Zar den Titel als Kaiser und den Namen Peter der Große annahm, hätte es von meiner Seite nur eines Wortes bedurft, so wäre ich Kommandeur gewesen und hätte Haus und Landgut bekommen. Aber ich sah keine meinem Gemüt angemessene Beschäftigung  für mich, und Ruhe oder ein friedliches Geschäft war mir unerträglich. Was sollte mir ein gemächliches Leben? Wen die Geister der Rache und leidenschaftlicher Liebe über die Erde jagen, dem zünden sie den Boden an, auf dem er ruhig hausen will.

Ich muss gestehen, ich fasste einen Widerwillen gegen den Zaren, als er sich selbst Peter den Großen nannte. Auch schien mir es nicht ohne Grund, als ob er sich verwandelt habe. Wenigstens zeigte er sich nicht mehr gegen mich so leutselig wie zuvor, und ich musste Äußerungen von ihm hören, die ich an jedem Erdengott verabscheue. Ich nahm also ohne Weiteres meinen Abschied und reiste nach Frankreich zurück.«

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