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Daphne Niko – Der zehnte Heilige

Niko-DaphneDaphne Niko – Der zehnte Heilige

Immer wieder erleben archäologische Thriller, gespickt mit einem mystischen oder Zeitreisethema, so etwas wie eine Renaissance. Denken wir nur an Das Jesus Video von Andreas Eschbach oder die Romane von Dan Brown und Raymond Khoury. Nun ist es Daphne Nikolopoulos gelungen, mit ihrer Buchreihe um Sarah Weston das Genre wieder einmal neu zu beleben. In Deutschland ist bisher der erste Band der Sarah-Weston-Reihe mit dem Titel Der zehnte Heilige im Luzifer-Verlag erschienen, in den USA wurden 2013 bereits The Riddle of Solomon und im November 2015 The Orakle veröffentlicht, die hoffentlich auch bald in deutscher Übersetzung vorliegen werden.

Daphne Niko, die mit vollem Namen Daphne Nikolopoulos heißt, ist gebürtige Griechin und lebt seit dem Teenageralter in den USA. Sie ist Autorin, Journalistin und Redakteurin und schreibt archäologische Thriller, die Charaktere und Plätze der Vergangenheit lebendig werden lassen und mit Geschehnissen der heutigen Zeit verbinden. Sie ist Chefredakteurin der Palm Beach Illustrated, einer hoch angesehenen regionalen Zeitschrift und Redaktionsleiterin der Palm Beach Media Group.

Daphne Niko bereiste in den letzten zwei Jahrzehnten die ganze Welt. Viele von ihr besuchte Orte inspirierten sie für ihre Romane. Ihre besondere Leidenschaft gilt den Wüsten und dem Nomadenleben, sie verbrachte viel Zeit bei verschiedenen Stämmen in Afrika und Asien und sie bezeichnet sich selbst als moderne Nomadin.

Wenn Daphne Niko nicht schreibt, verbringt sie ihre Zeit gern mit ihren Kindern, kochend, reisend oder lesend.

Daphne ist ein aktives Mitglied der Authors Guild and International Thriller Writers. Sie lebt mit ihrer Familie in Süd-Florida.

Der zehnte Heilige gewann 2012 die Goldmedaille der Florida Book Awards.

Der-zehnte-HeiligeDer zehnte Heilige

Der zehnte Heilige erzählt von der gefährlichen Reise der Archäologin Sarah Weston aus der schroffen äthiopischen Wüste auf die Straßen von Paris, London und Texas. Sie riskiert alles auf ihrer Suche nach der Entzifferung einer längst vergessenen Prophezeiung, die den Planeten vor einer brutalen, drohenden Katastrophe retten kann. Doch ist die Wahrheit den Preis wert, den sie zahlen muss? Cambridge Archäologin Sarah Weston macht eine ungewöhnliche Entdeckung in den Bergen des alten äthiopischen Königreiches von Aksum: ein versiegeltes Grab mit Inschriften in einem obskuren Dialekt. Sie versucht, die Inschrift zu entziffern und die Identität des Mannes zu ermitteln, der dort beigesetzt wurde, dabei entdecken sie und ihr Kollege, der amerikanische Anthropologe Daniel Madigan, ein tödliches Geheimnis. Hinweise führen Sarah und Daniel nach Addis Abeba und die Klöster von Lalibela. In einer unterirdischen Bibliothek entschlüsseln sie Prophezeiungen über die letzten Stunden der Erde von einem Mann, den die koptischen Mystiker als »Zehnten Heiligen« verehren. Ein Brief aus dem 14. Jahrhundert beschreibt die katastrophalen Ereignisse, die zum Untergang der Welt führen sollen, und leiten Sarah nach Paris, wo sie ein weiteres Teil des alten Puzzles findet. Mit ihren Entdeckungen kommt Sarah einer weltweiten Verschwörung auf die Schliche und riskiert ihr eigenes Leben auf der Suche nach der ganzen Wahrheit.

Der Roman beginnt in zwei Handlungssträngen, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Sarah Weston sucht seit 5 Monaten ergebnislos nach dem Eingang zu einer königlichen Totenstätte in Aksum. Viele Jahrhunderte zuvor finden Beduinen einen mehr toten als lebendigen Mann im Wüstensand, der ganz sicher nicht zu ihrem Volk gehört, den sie aber in Freundschaft bei sich aufnehmen. Der Leser verfolgt die Geschichte dieses Mannes genauso wie Sarahs Erlebnisse, die aufgrund ihrer Neugier zu einem Abenteuer auf Leben und Tod ausarten. Was die Schicksale miteinander verbindet und welche Rolle der Brief aus dem 14. Jahrhundert dabei spielt, wird dem Leser zwar schnell klar, aber was hat es nun mit der weltweiten Verschwörung auf sich?

Daphne Niko lässt den Leser an vielem, was sie auf ihren Reisen sicher erlebt und gesehen hat, teilhaben. Die Beschreibungen der Orte wirken authentisch und man bekommt eine Vorstellung davon, wie es in Aksum aussieht beziehungsweise vor vielen Jahrhunderten ausgesehen hat. Sie vermittelt ein Gefühl von den Weisheiten und der Lebensphilosophie der Nomaden in damaliger Zeit in der gleichen Weise wie von der Korruption und Macht in der heutigen Zeit. Der Autorin ist es gelungen, den Leser immer direkt am Geschehen teilhaben zu lassen, manchmal ist er den handelnden Personen im Wissen einen Schritt voraus, aber an den richtigen Stellen kommt es auch zu Situationen, die nur Sarah zu meistern weiß. Diese Mischung aus Teilnahme und Erwartung macht die Geschichte spannend und unterhaltsam zugleich. Ähnlich wie bei vielen anderen Romanen dieser Art ist auch Sarah Weston als Mensch charakterisiert, der an seine Ideale glaubt und dabei ihren Weg ohne Wenn und Aber bis zum Schluss geht. Die Probleme mit ihrem adligen Vater machen es nicht leichter für sie, passen aber irgendwie in das Klischee, dessen sich Daphne Niko hier bedient. Insgesamt bleibt Sarah als Figur glaubwürdig, denn nur so und nicht anders ist sie in der Lage, dieses Abenteuer zu bestehen.

Bei allem Unterhaltungswert regt Der zehnte Heilige aber auch zum Nachdenken an, denn schlussendlich beinhaltet das Buch auch Themen, die heute aktueller denn je sind. Das Endzeitszenario, welches die Inschriften in dem Grab und der Brief aus dem 14. Jahrhundert beinhaltet, ist nicht visionär, sondern in naher Zukunft gut vorstellbar. Überbevölkerung und Naturkatastrophen sind keine zukünftigen Themen genauso wenig wie die Zerstörung der Erde durch den Menschen. Daphne Niko zeigt in ihrem Buch, wie auch ein einzelner Mensch etwas bewegen kann, wenn er die Möglichkeiten dazu hat.

Zum Schluss noch ein paar Worte zu dem Buch selbst. Das Cover halte ich für sehr gelungen, ansprechend und zum Inhalt passend. Sprachlich ist der Text gut und flüssig geschrieben, obwohl man an einigen Stellen den Eindruck hat, dass bestimmte Begriffe nicht ganz in den Kontext passen. Vielleicht hat die Autorin aber einen außergewöhnlichen Schreibstil, der es den Übersetzern dann nicht ganz einfach machte. Das zu beurteilen liegt aber nicht in meiner Hand.

Insgesamt ist Der zehnte Heilige ein spannender und unterhaltsamer Roman, den ich nur weiterempfehlen kann. Die Mischung aus historischen und archäologischen Elementen mit Sarahs Erlebnissen macht das Buch zu einem Abenteuerthriller, der Spaß macht und zum Nachdenken anregt.

Das Buch ist 2015 erschienen im Luzifer Verlag mit der ISBN 9783958350656, hat 400 Seiten, kostet 13,95 Euro und ist auch als E-Book erhältlich.

Leseprobe:

Zur Mittagsstunde brannte die subsaharische Sonne die Erde zu feinem Pulver. Der Boden war brüchig und trocken wie altes Pergament. Jedes Mal, wenn eine Schaufel sich knirschend in die Erde bohrte, stieg der Staub in großen Wirbeln auf und hing in der Luft. Sarah Weston machte eine Pause vom Graben und wischte sich Schmutz und Schweiß von ihrer Stirn. Sie war erschöpft, da sie seit dem Morgengrauen gearbeitet hatte, so wie sie es jeden Tag in den letzten fünf Monaten getan hatte, um etwas – irgendetwas – zu finden, dass ihre Theorie bestätigte, unter der heißen Erde und dem Granit läge eine königliche Totenstatt, wie sie ihresgleichen kein Archäologe in diesem Teil der Welt je unberührt vorgefunden hatte.
Aksum. Jenes äthiopische Großreich, welches vor Jahrhunderten das einflussreichste Königreich in Ostafrika und Arabien gewesen war. Das sagenumwobene Ahnenland der Königin von Saba. Die Heimat von Herrschern und mächtigen Kriegern und unermesslichen Reichtums, alles begraben in weitläufigen Labyrinthen unterhalb der zerbrochenen Stelen, welche wie stumme, immerwährende Soldaten an den Ausläufern des Sankt-Georgs-Bergs standen.
Sarah glich ihre Koordinaten mit der Anzeige des Georadars ab. «Hier muss es sein.» Sie grub ihre Schaufel in die Erde.
Diese Routine war ihr nicht neu. Als Archäologin der Universität von Cambridge war sie auf Expeditionen rund um die Welt gesandt worden, von den Grabmälern Ägyptens zu den Dschungeln Guatemalas. Bei der Arbeit vor Ort würde niemand jemals vermuten, dass sie eine Aristokratin war; die einzige Tochter eines britischen Baronets und einer amerikanischen Schauspielerin, die genauso berühmt für ihre Schönheit gewesen war, wie auch für ihren Hang zu Wodka und Valium, die ihr Leben gefordert hatten.
Ungeachtet des allbekannten Namens Weston hütete Sarah ihr Privatleben und unternahm große Anstrengungen, um ihrer Crew gleichzustehen. Sie war die Erste, die vor Sonnenaufgang ihre Ärmel aufrollte, und die Letzte, die ihre Spitzhacke nächtens aufhing.
Sie sah kein bisschen wie die Debütantinnen aus, mit denen sie aufgewachsen war. Sie versuchte nicht, ihre herabfallenden blonden Locken zu bändigen; stattdessen steckte sie ihre Haare unter billige Bandanas, die sie von Straßenhändlern kaufte. Ihre Figur, so schlank und geschmeidig wie die eines Windhundes, versteckte sie unter ausgebeulten, abgetragenen Khakihosen und ausgefransten T-Shirts von Marks & Spencer. Ihre Augen hatten die Klarheit und Farbe von Gletschereis, doch niemand konnte das wissen, da sie die große schwarze Fliegersonnenbrille selten absetzte, die sie seit ihrem Aufbaustudium besaß. Sie gab sich auch keine besondere Mühe, die dunklen Halbmonde von den Spitzen ihrer Fingernägel zu entfernen. Der «vornehme Schmutz», wie sie ihn nannte, erinnerte sie an ihre Verbindung zur Erde und zu den Menschen, die vor ihrer Zeit darauf gewandelt waren.
Sie arbeitete an der Ausgrabung mit wie jeder andere, obwohl sie die Expedition leitete – zum ersten Mal in ihren fünfunddreißig Lebensjahren hatte sie diese begehrte Chance erhalten. Sie wusste es besser, als sich aufs hohe Ross zu setzen; es war zu einfach, herunterzufallen oder gestürzt zu werden – wie sie es auf die harte Tour von ihrer Mutter gelernt hatte.
«Das ist so frustrierend», meinte Aisha, eine Austauschstudentin von der Al Akhawayn-Universität in Marokko. «Es sind jetzt, was, fünf Monate? Man sollte meinen dürfen, dass wir mittlerweile fündig wären.»
«Geduld, Mädchen», sagte Sarah, ohne aufzusehen. «Das ist kein Indiana-Jones-Film. Die erste Lektion der Archäologie: Egal wie lange es dauert, du lässt nicht locker.»
Aisha richtete ihren Hidschab mit langen, dunklen Fingern. Sie seufzte mit der Ungeduld der Jugend und nickte in Richtung der Berge jenseits der Ausgrabungsstätte. «Glauben Sie, dass etwas da draußen ist?»
Eine leichte Brise wisperte über die ausgedörrte Landschaft. Sarah verengte die Augen und blickte zum Horizont. «Ich weiß es.»
«Ist das Ihre professionelle Meinung oder das berühmte Bauchgefühl, das von Archäologen erwartet wird?»
«Ein bisschen von beidem, nehme ich an. Sieh mal, wenn es leicht wäre, dann wäre die Stätte aller Wahrscheinlichkeit nach längst geplündert worden. Die Tatsache, dass wir so lange brauchen, um sie zu finden, ist genau genommen ein gutes Zeichen. Was immer da unten ist, wurde sehr wahrscheinlich seit fünfzehn und mehr Jahrhunderten nicht mehr von menschlichen Augen gesehen.»
«Nur ein Brite würde das für sexy halten.»
Sarah lachte und klopfte dem Mädchen auf die Schulter. «Na los. Lass uns in die Stadt fahren und zu Mittag essen. Ich sterbe vor Hunger.»

 

***

 

Die moderne Stadt Aksum zeigte nichts ihrer einst bedeutsamen Identität. Von allen vergessen – außer den Gläubigen, welche Wache über die Kirchen standen, und den Bauern, welche darauf beharrten, der wasserarmen Erde ihren Lebensunterhalt abzuringen – stand sie da wie ein trauriges Mahnmal längst verlorenen Glanzes.
Dennoch nannte die Stadt siebenundvierzigtausend Einwohner ihr eigen, von denen die meisten zur Mittagszeit unterwegs waren. Der Ort schwirrte vor Geschäftigkeit. Das würzige Aroma köchelnder Wots strömte aus lehmigen Innenhöfen. Alte zahnlose Frauen, zu schwach zum Kochen, saßen auf Bänken am Wegesrand und spannen Baumwolle für die Webstühle. Kinder rannten unbeaufsichtigt über die halbbefestigten Straßen und kreischten voller Freude, während sie einander mit dornigen Akazienzweigen nachjagten. In weiße Baumwollgewänder gehüllte und das hagere Antlitz der Armut tragende Dörfer bummelten durch die Stadt, zu keinem weiteren Zweck als die Langeweile zu mildern, welche in einem armen, abgelegenen Bauerndorf unvermeidbar war.
Sarahs liebste Küche war Tigrinya, ein chaotischer Stand am Straßenrand, der mittags hunderte von Äthiopiern verpflegte. Das Essen war nicht besonders gut, aber die Energie war unbezahlbar. Alle versammelten sich hier, um sich zu treffen und Klatsch zu teilen. Dieser Tag war wie jeder andere: Es gab keinen Sitzplatz, Einheimische stritten mit dem Koch über die Wartezeit für ihr Essen, der Gestank heißen Öls tränkte die Luft, amharische Musik plärrte aus einem altmodischen Ghettoblaster aus den achtziger Jahren.
«Versucht, einen Tisch zu bekommen», sagte Sarah zu den anderen. «Ich gehe bestellen.»
Sie sprach ein besseres Amharisch als jeder andere in ihrer Crew. Seit ihrer Kindheit hatte sie eine Begabung für Sprachen gehabt, und ihre Fähigkeit, sich Fremdsprachen innerhalb weniger Monate anzueignen, hatte ihr unter den Archäologen einen Vorteil verschafft. Sie mochte es, sich an den Einheimischen zu üben. Während sie in der Schlange stand, verwickelte sie die Menschen in Gespräche: Bauern über den grausig regenlosen Sommer und Teenager über ihre Tischfußballstrategien. Um die Wahrheit zu sagen, genoss sie es mehr mit den Afrikanern zu sprechen als mit ihren eigenen Leuten, deren kannibalischen Klatsch übereinander sie unerträglich langweilig fand.
Über ihre Schulter hinweg flüsterte ein äthiopischer Mann in gebrochenem Englisch: «Sie sind die englische Lady, ja? Von der Ausgrabung im Tal.»
Sie wandte sich dem Fremden zu. Er war groß und schlaksig und trug Levi’s Jeans, die über den Knöcheln endeten, eine Kette mit einer silbernen Menelik-Münze als Anhänger und eine alte Yankees Baseballmütze. Sie schätzte ihn als einen typischen Profiteur aus der Gegend ein, der gefälschte Antiquitäten für alles Fremde – bevorzugt amerikanisch – eintauschte. Sie zwang sich zu einem steifen Lächeln, antwortete aber nicht.
«Ich kann Ihnen helfen. Ich kenne einen Ort mit alten Dingen.»
«Hören Sie, Mister–»
«Ejigu.» Er streckte seine Hand aus. «Sehr schön, Sie zu treffen.»
«Hören Sie, Ejigu, ich will nicht unhöflich sein, aber ich brauche Ihre Hilfe nicht. Danke trotzdem.»
«Schauen Sie das.» Er holte zwei Keramikfragmente aus seiner Tasche, wobei er verstohlen über seine Schulter blickte.
Sarah bemühte sich darum, desinteressiert zu wirken, während sie die Scherben begutachtete. Eine trug verblasste geometrische Muster – Rautenbahnen, stilisierte vertikale Linien, kleine Kreise mit Kreuzen darin –, die alle in Ockergelb gezeichnet waren. Die andere war schwarz und weiß mit fließenden Schnörkeln. Sie ließ ihre Finger über den freigelegten Lehm der zerbrochenen Kante gleiten. Sie war glatt, als wäre sie vor langer Zeit geborsten und längst wieder von der Erde ausgehärtet worden. Viertes oder fünftes Jahrhundert schätzte sie aufgrund der Symbolik. Insbesondere die Kreuze deuteten auf die nachchristlichen aksumitischen Zivilisationen hin, die hierzulande irgendwann nach dem Jahr 320 verbreitet gewesen waren. «Woher haben Sie das?»
Ejigu war deutlich zufrieden mit sich selbst, dass er ihr Interesse geweckt hatte. «Ist Geheimnis», flüsterte er in pseudoverstohlener Manier. «Aber wenn englische Lady wissen will …»
Er rieb Zeigefinger und Daumen in der universalen Geste des Geldes aneinander.
Sarah schüttelte den Kopf und lachte. «Nein, danke, mein Freund. Ich arbeite für eine Universität. Das bedeutet, dass ich kein Geld habe, das ich Ihnen geben könnte.»
Ejigu musterte sie von oben bis unten. «Das ist eine schöne Uhr», sagte er, während er auf die ramponierte Timex an ihrem Handgelenk deutete. «Sie geben mir und ich bringe Sie, wo Sie diese Dinge finden.»
«Sie haben mehr von dieser Art gesehen?»
«Oh, ja, Lady. Viel, viel mehr.» Er weitete die Augen.
Sarah schmunzelte, um ihm zu zeigen, dass sie das für eine Übertreibung hielt. Sie traute ihm nicht, aber die Scherben interessierten sie genug, um das Ganze einen Schritt weiterzutreiben.
Die voluminöse äthiopische Dame hinter der Scheibe bellte Sarah an, ihr Gequatsche zu beenden und ihre Bestellung aufzugeben.
«Hören Sie, ich muss los. Wenn Sie es ernst meinen, treffen Sie mich morgen hier. Sie bringen mich zu Ihrem Fundort, und wenn Ihre Behauptung wahr ist, dann verspreche ich, Sie zu entlohnen.»
Sie gaben sich die Hand darauf, und Sarah lief zum Bestellfenster.

 

***

 

Am nächsten Nachmittag wartete Sarah bei Tigrinya. Ihre anständige englische Erziehung riet ihr, niemals einem Einheimischen zu vertrauen, besonders nicht an einem Ort wie Äthiopien, wo alles für den richtigen Preis gekauft oder verkauft werden konnte. Doch ihre amerikanische Seite fiel genau so schwer ins Gewicht. Nachdem ihre Eltern sich hatten scheiden lassen, war sie mit ihrer Mutter nach New York gezogen und hatte ein Internat in Connecticut besucht. In dieser rücksichtslos wetteifernden Umgebung hatte sie ihre Instinkte geschärft. Sie hatte gelernt, wie man Menschen einschätzte und sie bei ihren eigenen Spielchen austrickste. Diese Raffinesse «made in America» leistete ihr in der Praxis gute Dienste. Ganz bestimmt hatte sie keine Angst vor Ejigu. Sie betrachtete ihn als einen kleinen Gauner, einen Kerl, der auf einen schnellen Dollar aus war und sich dann dem nächsten Handel zuwandte.
Obwohl sie bezweifelte, dass viel dabei herauskäme, würde sie trotzdem gehen. Die meisten anderen Archäologen – ganz gewiss ihre Kollegen aus Cambridge – würden es niemals in Betracht ziehen, Hinweisen von Eigeborenen zu folgen, welche sie alle als raffgierige falsche Propheten betrachteten. Sie andererseits hatte keine derartigen Vorurteile. Obwohl sie sich darüber im Klaren war, dass neunundneunzig Prozent dieser Versprechungen leere waren, hatte sie ein Gespür für das restliche eine Prozent, und das Leben hatte ihr beigebracht, ihrem Gespür zu folgen.
Ejigu war pünktlich. Für eine Wanderung angezogen – mit zerrissenen Jeans und schlammverkrusteten Nike-Schuhen mit limonengrünen Schnürsenkeln, die er offensichtlich bei einem Touristen eingetauscht hatte – gesellte er sich zu Sarah an einen hölzernen Picknicktisch unter einem Baum abseits der die Zeit vertrödelnden Einheimischen.
Sie zündete sich eine Zigarette an und offerierte auch ihm eine. «Also», sagte sie in einem argwöhnischen Tonfall. «Wo gehen wir hin?» Sie sprach amharisch, damit sie nicht für eine unwissende Auswärtige gehalten wurde.
Ejigu deutete in Richtung der Berge, nördlich des Tals, in dem Sarahs Expedition stationiert war. «Da oben. Nicht einfach zu finden. Sie müssen klettern.»
Sie klappte ihr tragbares Fernglas auseinander, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Das Gelände, felsig und ausgedörrt, ging langsam in das Vorgebirge über und gipfelte in steilen, von den Winden aufgerauten Felswänden. Auf einer der weit entfernten Klippen stand ein fachgedecktes Steinbauwerk. Sarah konnte es nicht genauer erkennen. «Was ist das für ein Gebäude?»
Sie kannte die Legende des Klosters. Es war eine der von den neun Heiligen, die das Christentum in Äthiopien verbreitet hatten, gebauten Kirchen. Abuna Aregawi, einer jener Neun, hatte sein Ordenshaus hoch auf eine Klippe gestellt, wo kein gewöhnlicher Mensch es erreichen konnte. Selbst die Mönche, die dort lebten, hatten keinen leichten Zugang. Jedes Mal, wenn sie das Kloster verließen, um Wasser zu holen oder sich auf Meditation zu begeben, mussten sie über ein geflochtenes Lederseil herabsteigen, das von der Felswand herabhing, und auf demselben Weg auch wieder hinauf.
Die exilartige Lage war nicht unbeabsichtigt; der Ort war dazu bestimmt, von der Welt abgeschieden zu sein. Debre Damo beherbergte wichtige illuminierte Handschriften und fantastische religiöse Gemälde, und die Äthiopier betrachteten diesen Platz als heilig. Sarah hatte ihn schon lange sehen wollen, wusste aber, dass es unmöglich war, denn bis zu diesem Tag war es Frauen nicht erlaubt, in dessen geweihten Bereich vorzudringen.
«Diese Dinge, ich finde in Höhlen auf der Straße zu Debre Damo», fuhr Ejigu fort. «Es ist sehr reich. Töpferei, Münzen, Glas …»
«Glas?» Sarah war überrascht. Laut aksumitischer Geschichte waren Glaswaren nicht in Äthiopien hergestellt, sondern vielmehr aus Ägypten und Syrien importiert worden. Sie waren kompliziert zu befördern und sehr teuer, und wurden daher nur von den wohlhabenden Klassen verwendet. Derartige Objekte könnten Hinweise auf die schwer auffindbare Grabanlage bieten. Das reizte sie.
«Ja, gefärbtes Glas», sagte er. «Blau, gelb … Sie werden sehen.»
Am Ende könnte doch etwas dran sein. «Dann lassen Sie uns gehen.» Sie drückte ihre Zigarette im dünnen Aluminiumaschenbecher aus. «Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.»

Quellenangabe:

Eine Antwort auf Daphne Niko – Der zehnte Heilige

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