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Der Welt-Detektiv Nr. 6 – 2. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 6
Der Bettler-Millionär
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin

2. Kapitel

Der Kampf beginnt

Einige interessante Feststellungen, die Sherlock Holmes im Häuschen Frau Poolys machte, veranlass­te ihn, sofort nach London zurückzukehren.

Sein erster Weg führte ihn zu Scotland Yard. In­spektor Tuckesham, der Leiter des Dezernats zur Bekämpfung des Schmuggelwesens, sprang auf, als er den berühmten Kriminalisten bei sich eintreten sah.

»Mr. Holmes in eigener Person!«, rief er. »Na, wenn das nichts zu bedeuten hat!«

Der Weltdetektiv lächelte.

»Es ist nichts Besonderes, das mich zu Ihnen führt«, sagte er leichthin. »Ich möchte Sie nur um eine kleine Auskunft bitten. Sie haben doch auch den verbotenen Rauschgifthandel unter sich, nicht wahr?«

Tuckesham nickte. Ein wenig Misstrauen lag in seinem Blick, als er fragte: »Sind Sie einem neuen Fall auf der Spur, Mr. Hol­mes?«

»Nicht im Geringsten«, gab der Weltdetektiv zu­rück. »Es hätte mich nur interessiert, ob in letzte Zeit größere Erhebungen mit Rauschgiften – besonders Kokain – bekannt geworden sind?«

»Ganz und gar nicht, Mr. Holmes. Der Handel mit verbotenen Rauschgiften ist seit sechs Monaten stark zurückgegangen, ja. Ich möchte fast behaupten, er hat aufgehört. Im Augenblick wenigstens. Das ist wohl auf mein Eingreifen im Falle Thomas und Kumpanen zurückzuführen«, fügte der Inspektor nicht ohne Stolz hinzu. »Sie erinnern sich vielleicht an die Geschichte, Mr. Holmes? Eine Bande von sechzehn Mann hatte sich auf den Handel mit Kokain gewor­fen. Bis ich dahinter kam und die Brüder hinter Schloss und Riegel brachte. Das war vor etwa sieben Monaten. Seitdem ist alles ruhig.«

»Hm«, machte der Weltdetektiv und knackte mit den Fingergelenken, wie er es immer tat, wenn seine Gedanken sich lebhaft mit einer bestimmten Materie befassten.

Dann hob er plötzlich schlagartig das scharfge­schnittene Antlitz und fragte: »Haben Sie einen gewissen Fred Pooly gekannt, Inspektor?«

Tuckesham zeigte eine verwunderte Miene. Offen­bar verwunderte ihn der seltsame Gedankengang seines Besuchers. Dennoch überlegte er angestrengt.

»Pooly sagen Sie, Fred Pooly?« Aber dann entsann er sich doch nicht eines Menschen dieses Namens.

Sherlock Holmes verabschiedete sich und suchte die Büros des Erkennungsdienstes auf, wo er erneut nach einem Mann namens Pooly fragte.

»Wer soll das sein?«

»Ein etwa dreißigjähriger Mensch«, erwiderte der Weltdetektiv, »der vor acht Wochen in London ver­unglückt und gestorben sein soll.«

Man wälzte ein dickes Buch – mit dem Erfolg, dass der Beamte nach einigen Minuten erfreut nickte und mit dem Finger auf eine Eintragung wies.

»Nun?«, fragte Sherlock Holmes mit undurchdring­licher Miene.

»Der Mann ist nicht verunglückt, Mr. Holmes«, erwiderte der Beamte. »Er wurde von einem Policeman ausgeschossen und starb zwei Tage später an der erlittenen Verletzung.«

Der Weltdetektiv schien eine derartig Auskunft erwartet zu haben, denn er verriet keinerlei Erstau­nen.

»Können Sie aus der Eintragung auch ersehen, aus welchem Grund der Mann niedergeschossen wur­de?«, erkundigte er sich.

»Leider nicht, aber darüber könnte Ihnen ja der Policeman am genauesten Bericht erstatten. Es heißt Charles Smith und gehört zur 39. Station.

Ehe eine halbe Stunde verstrichen war, stand Sher­lock Holmes dem Policeman, einem stämmigen Ir­länder, gegenüber. Da Holmes seine Bitte um Schil­derung näherer Einzelheiten mit einem kleinen Geldgeschenk unterstützte, empfing er den anschau­lichsten Bericht, den er sich wünschen konnte.

Die Sache war so gewesen:

Der Policeman bemerkte vor acht Wochen eines Nachts einen Mann, der sich an der recht dunklen Ecke Crashes Street/Nighton Street auf dem Boden niedergelassen hatte und den spärlich vorübergehen­den Passanten Streichhölzer anbot. Er war zerlumpt gekleidet und machte auch sonst keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck.

Der Policeman forderte ihn zum Verlassen des Platzes auf. Der Bettler versuchte anfangs, den Be­amten durch wehleidige Worte weichzustimmen, erhob sich dann aber, als Charles Smith an seiner Aufforderung festhielt, und ging langsam die Nigh­ton Street hinunter. Eine halbe Stunde später kam der Policeman auf seiner Runde erneut an der Straßen­ecke vorbei, um zu sehen, dass der Bettler heimlich zurückgekehrt war. Diesmal hatte er sich jedoch nicht auf dem Boden niedergelassen, sondern stand im Dunkel einer Haustür.

Schon wollte der Policeman schnellen Schrittes auf den hartnäckigen Bettler zugehen, um ihn erneut zu vertreiben, als er eine merkwürdige Beobachtung machte. Er sah nämlich, wie plötzlich ein Passant zu dem Bettler in der Haustür trat. Beide tuschelten miteinander, und der Policeman hörte deutlich Geldmünzen klingen. Gleich darauf kam der Fremde wieder aus der Tür heraus und eilte mit auffallend schnellen Schritten fort. Der Bettler dagegen blieb, wo er war.

Diese Geschichte missfiel dem Policeman. und er beschloss, sich den Mann etwas genauer anzusehen. Er betrat also urplötzlich die Haustür und bemerkte, wie groß das Erschrecken des Zerlumpten war. Diesmal entwickelte dieser die größte Eile, fortzukommen, aber der Beamte hielt ihn zurück und ver­langte, seine Papiere zu sehen. Dergleichen führte der Mann jedoch nicht mit sich, woraufhin ihn Charles Smith aufforderte, ihn zur Feststellung sei­ner Personalien zur 39. Station zu begleiten.

Anfangs widerstrebte der Mann dieser Einladung, dann ging er mit. aber nur, um nach wenigen Schrit­ten kehrtzumachen und davonzulaufen. Damit war der Policeman aber erst recht nicht einverstanden. Er jagte dem Bettler, der ihm nun doppelt verdächtig erschien, nach und folgte ihm in die dunkle Crashes Street. Hier aber wandte sich der Mensch plötz­lich um, riss einen Revolver aus der Tasche und gab auf den Policeman einen Schuss ab. Daraufhin zog auch Charles Smith die Waffe – mit dem Erfolg, dass der gefährliche Bursche schwerverletzt zusammen­brach.

Das hatte der Policeman natürlich nicht gewollt, aber nun war nichts mehr zu ändern. Er veranlasste die sofortige Überführung des Unbekannten in das nächste Krankenhaus, wo dieser jedoch nach zwei Tagen verschied, ohne das Bewusstsein wiederer­langt zu haben.

Da man nicht wusste, mit wen man es zu tun hatte, musste sich der Erkennungsdienst mit dem Toten befassen. Hierbei stellte sich heraus, dass der Mann den Namen Fred Pooly führte und bereits früher ein­mal, vor drei Jahren, mit den Behörden in Konflikt geraten war. Es hatte sich wohl damals um Einbruch gehandelt, an dem Pooly mit noch ein paar anderen teilgenommen hatte. Jedenfalls besaß man in Scotland Yard sein Foto und seine Fingerabdrücke, die die Identifizierung seiner Persönlichkeit ermöglichten. Ob nun Fred Poolys nächtlicher Streichholzhandel nur ein Deckmantel für irgendeine andere dunkle Sache gewesen war oder nicht, konnte nicht ermittelt werden. Pooly blieb für immer stumm und ruhte nun schon seit vielen Wochen auf dem Armenfriedhof.

Sherlock Holmes hatte die Erzählung des Policeman mit keiner Silbe unterbrochen. Sein Hirn arbei­tete fieberhaft. Was er soeben erfahren hatte, deckte sich vollkommen mit seinen Vermutungen.

So also war der Mann jener unglücklichen Frau umgekommen, die gestern den Tod in den Fluten der Themse gesucht hatte!

Der Weltdetektiv nickte finster, als er sich dem Policeman zuwandte.

»Eine traurige Geschichte«, sagte er. »Doch nun sagen Sie mir noch schnell, was aus den Dingen ge­worden ist, die Fred Pooly bei sich trug.« Und mit Nachdruck fügte er hinzu: »Ich denke da besonders an die Streichhölzer, die der Mann verkaufte, und nehme an, dass er die Schachteln in einem sogenann­ten Bauchladen mit sich herumtrug.«

»Allerdings«, bestätigte Charles Smith. »Er ver­wahrte die Dinger in einer länglichen aufklappbaren Holzkiste, die er, an einem Riemen befestigt, vor sich trug. Das Ding ist mit ins Krankenhaus gekom­men. Aber glauben Sie mir, Mr. Holmes«, schloss er treuherzig, »in dem Kasten ist nichts Verdächtiges verborgen. Ich habe gleich nachgesehen!«

»So? Was glaubten Sie denn zu finden?«

»Eigentlich gar nichts – es sei denn Einbruchs­werkzeug. Aber die Kiste enthielt nur Streichholz­schachteln, nichts weiter.«

Aber Sherlock Holmes schienen gerade diese harmlosen Schächtelchen zu interessieren. Er fuhr sofort in das näher bezeichnete Krankenhaus und trug hier dem Anstaltsleiter sein Anliegen vor. Die­ser gab sofort einem der Angestellten die entspre­chenden Anweisungen.

Dann wandte er sich wieder dem berühmten Besu­cher zu und lächelte.

»Wir haben sogar eine besondere Kammer einge­richtet, wo wir alle Dinge aufbewahren, die sich im Besitz von Kranken befinden, die bei uns sterben. Oft melden sich die Angehörigen erst monatelang nach dem Ableben und verlangen dann die Herausgabe bestimmter Gegenstände, die nach ihren Angaben die bei uns Verstorbenen zur Zeit ihrer Einlieferung bei sich getragen haben. Sowie nun ein Patient das Zeitliche segnet, kommt sein Nachlass in einen Sack, der mit einer Nummer versehen und dann in die Aufbewahrungskammer gebracht wird. Auf diese Weise kann bei uns keine Stecknadel verloren ge­hen.«

In diesem Augenblick stürzte der Angestellte mit allen Anzeichen der Erregung zur Tür herein.

»Die Kammer«, stotterte er, » die Kammer ist … ist aufgebrochen und beraubt worden!«

»Unmöglich!«, stieß der Leiter der Anstalt betrof­fen hervor.

Sherlock Holmes blieb völlig ruhig Ja, er lächelte sogar eigentümlich, als er sagte: »Nichts ist unmöglich, Herr Direktor. Ich möchte fast behaupten, dass mir der Einbruch sogar sehr erklärlich erscheint!« Dann wandte er sich an den Angestellten: »Was geraubt wurde, ließ sich wohl nicht sogleich ermitteln?«

»Nein«, erwiderte dieser und gestikulierte aufge­regt mit den Händen. »Die Kammer sieht aus, als hätten Vandalen in ihr gehaust. Alles ist durchwühlt und durcheinandergeworfen.«

»Nun«, sprach der Weltdetektiv seelenruhig, »dann lassen Sie sich nur Zeit, wieder Ordnung zu schaffen. Schätze, dass die Diebe nicht viel mitgenommen haben, höchstens den Sack, in dem sich die Kiste mit den Streichhölzern Fred Poolys befanden!«

»Aber, Mr. Holmes!«, rief der Direktor fassungslos. »Was können den Dieben ein paar Streichholz­schachteln bedeuten?«

»Sehr viel«, entgegnete Sherlock Holmes und er­hob sich. »Aber das lassen Sie nur meine Sorge sein. Vielleicht denken Sie daran, mich über das Resultat der Aufräumungsarbeiten zu verständigen, ja? Sehr liebenswürdig. Aber nun will ich wirklich nicht län­ger stören.« Und er empfahl sich.

Vier Stunden später rief das Krankenhaus bei dem Kriminalisten an und teilte mit, dass außer dem Sack Nr. 498 nichts entwendet sei. Dieser aber war dersel­be, in dem man die Klappkiste mit den Streichholz­schachteln verwahrt hatte. Ganz so, wie es der Welt­detektiv vorausgesagt hatte.

Fortsetzung folgt …