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Die Waldmühle – Kapitel 2

Die Waldmühle
Ein Märchen aus Robert Reinicks Märchen- Lieder- und Geschichtenbuch, 1873
Kapitel 2

ein Mensch ist in der Mühle zu sehen! Nur das Mühlrad klapperte fort und fort, und in dem nämlichen gleichmäßigen Takt zitterten Pfosten und Wände des baufälligen Hauses. Sein Geschrei »Wirtschaft!« verhallte in dem räucherigen Gang. Einem richtigen Instinkt folgend, ging er an zwei verschlossenen Türen vorüber nach der letzten, die offen stand, und die führte zur Küche.

Schwarz genug sah es darin aus. Kraut und Rüben lagen halb geputzt auf dem Boden umher, daneben das Messer. Auf dem Feuerherd über dem ausgebrannten Holz hing ein Kessel mit Wasser, aber wer nicht da war, das war die Küchenmagd. Statt dieser saß eine braune Katze auf dem Schemel, blinzelte mit den Augen, sah dem Soldaten jämmerlich ins Gesicht und blinzelte dann wieder vor sich hin. Er guckte in die Töpfe hinein, Alles leer!

»Dass doch gleich neunmalhundert und neunundneunzig Kartaunen die ausgehungerte Festung neunzigmal in die Luft sprengen möchten! Hier sieht es nicht um einen Pistolenschuss besser aus, wie in meinem eigenen Magen! Aber am Ende steht das Mittagbrot schon drinnen auf dem Tisch, da käme ich gerade recht zum Einhauen!«

Die nächste Tür führte zur Wohnstube; auch da kein Mensch. Eine alte schwarze Henne saß auf dem Polsterstuhl am kleinen Fenster. Das Tageslicht dämmerte wegen des dichten Weinlaubes heimlich herein. Vor der Henne auf einem Tischchen lag ein Strickzeug, eine Brille, ein Gesangbuch, ein Bund Schlüssel und eine offene Tabakdose. Sonst alles still bis auf das Ticken der Wanduhr und das Schwirren des weißen Nachtvogels, der den Soldaten hierher geleitet hatte und der sich nun wie ein Betrunkener an den Fensterscheiben den Kopf stieß.

Kerzengerade stellte sich der lustige Bruder vor die Henne. Es war von jeher seine Gewohnheit, mit allem, was ihm vorkam, laut zu diskutieren, mit Mensch und Vieh, mit seiner Muskete wie mit seinen Stiefeln.

Mit militärischem Anstand, die Hand am Hut, sprach er: »Exzellenz, Frau Kakelhenne! Vielleicht Kommandeur dieser rappligen Festung?«

Die Henne zuckte mit ihren geschwollenen roten Augenlidern, als ob sie seine Frage bejahte.

»Gut«, fuhr jener fort, »Exzellenz Rapport zu vermelden, dass ich, Hans Quäckenberger, verabschiedeter Musketier, ohne weitere Redensarten vollen Besitz von dieser Festung oder Mühle hiermit zu nehmen willens bin. Einverstanden damit?«

Die Henne hob den Kopf in die Höhe, als nickte sie ihm zu.

»Brav, alte Kakelhenne«, rief der Soldat, »die Kapitulation ist geschlossen und jetzt will ich es mir bequem machen!«

Er warf sein Ränzel von der Schulter auf die Ofenbank, dass es nur so krachte, zog die Stiefel von den müden Beinen und sah sich nach Pantoffeln um. In der Stube war nichts davon zu sehen. Um welche zu suchen, steckte er den Kopf durch die nächste Tür. Die führte zu einer Kammer, darin sah es zierlich aus, als ob ein schmuckes, feines Mädel dort wohnen müsste. Kein Staub auf den Möbeln, auf dem Tisch ein Nähzeug. Myrten und Rosenstöcke auf dem Fensterbrett und selbst ein kleines Klimperklavierchen am Fenster. Das war geöffnet und ein aufgeschlagenes Notenbuch stand auf dem Pult.

Bei all dem wieder keine Menschenseele. Nur ein zartes kleines Lachtäubchen saß auf der Stuhllehne vor dem Klavier. Dem schien es nicht lächerlich zu Sinne.

Es hatte die Federn aufgeblasen, das Hälschen kurz eingezogen, den Kopf traurig auf einer Seite hängen. Mit den Augen starrte es fortwährend in die Notenblätter hinein.

»Bitte tausendmal um Vergebung, du schönster Schatz!«, rief der Kamerad der Taube zu und zog, noch immer in der Tür stehend, den verknüllten Hut bis tief auf die Erde. Aber aus Spaß wurde Ernst. Der Anblick der Taube übte augenblicklich eine seltsame Gewalt über ihn aus, er konnte seine Augen nicht von ihr abwenden.

»Allerherzigster Tausendschatz«, platzte er endlich verlegen heraus, »auf Parole! Hans Quäckenberger war von jeher ein großer Liebhaber von Tauben, nicht sowohl von gedünsteten, als vielmehr von gebratenen.«

Das Täubchen schüttelte ängstlich seine Federn, als schauderte es über und über.

»Aber so wahr ich ein braver Kerl bin«, fuhr jener fort, »wenn ich auch vor lauter Hunger ein Wolf werden sollte, an dir werde ich mich nie vergreifen, denn ich bin ganz vernarrt in dich, du liebes kleines Tierlein du!«

Da sah ihn die Taube mit einem so freundlichen und doch so traurigen Blick an, dass es dem guten Kerl fast weich ums Herz wurde. Er zog sich aus der Kammer zurück und lehnte die Tür hinter sich an. Lange dauerte freilich diese weiche Stimmung nicht, und er setzte seine Haussuchung fort.

Der Kammer gegenüber führte eine andere Tür in einen Verschlag. Da standen ein Paar gute Betten, darunter zwei Paar Morgenschuhe. Am Türnagel hing ein weichgefütterter geblümter Schlafrock, an der Wand wohl ein halbes Dutzend lange Tabakpfeifen, davon sogar einige gestopft, über den Pfeifen eine Pistole. Das kam alles wie gerufen! Bald prangten die Pantoffeln an seinen Füßen, der Schlafrock an seinem Leib. Nun galt es, sich ein gutes Mittagsbrot zu verschaffen. Was diesen Punkt betrifft, da braucht jeder Soldat, der den Krieg mitgemacht hat, keinen Lehrmeister dazu.

Fürs Erste nahm er der Henne vor dem Schnabel den Bund Schlüssel weg. Die schrie und schlug mit den Flügeln, als ob sie eine Herde Küken verteidigen wollte. Es half ihr nichts.

»Alte«, rief er, »sei du froh, wenn ich dich nicht selbst beim Kragen nehme und dich verspeise!«

Da ließ die Henne augenblicklich die Flügel hängen und verkroch sich hinter dem Ofen.

Nun holte sich der Geselle Speck und Kartoffeln, Brot und Käse aus dem Schrank, einen Humpen Bier aus dem Keller. Nachdem er das alles auf dem Tisch in der Wohnstube zusammengestellt hatte, warf er sich gravitätisch in den Großvaterstuhl und hieb in die Speisen ein, als wären sie seine allergrimmigsten Feinde, während ihm in diesem Augenblick doch in der Welt nichts lieber war, als gerade diese.

Das Mahl war verzehrt, der Humpen geleert, der Schnurrbart mit dem Ärmel des geblümten Schlafrockes abgewischt, da überkam ihn auch gleich eine solche Müdigkeit, dass er den Lockungen der Betten, die er eben gesehen hatte, nicht länger widerstehen konnte. Er ging in die Schlafkammer und machte die Tür hinter sich zu. Als er noch einmal durch das Türfensterchen in die Wohnstube zufällig zurückschaute, hatte er seine Lust daran, zu sehen, wie es auf dem Schlachtfeld, das er eben verlassen hatte, dem Esstisch nämlich, mit einem Mal wieder lebendig geworden war. Das Huhn war hinter dem Ofen hervorgekrochen, die Katze aus der Küche herbeigeschlichen, das Täubchen aus der Kammer hereingeflogen. Alle saßen nun auf dem Tisch und verzehrten die wüst umherliegenden Brotkrumen mit großem Heißhunger. Es fiel ihm nicht ein, sie zu stören.

So müde er auch war, sein Übermut verließ ihn nicht. Mit einem »Juchhe!« schnellte er die Pantoffeln von den Füßen, dass sie bis an die Decke flogen. Ohne die Kleider abzulegen, sprang er mit einem Satz ins nächste Bett. Kaum hatte er nur die Augen geschlossen, so ging das Schnarchen los, mit einem Gerassel, dass es mit dem Klappern der Mühle ein ganz harmonisches Konzert abgab.