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Elfenkönig O’Donoghue

Elfenkönig O’Donoghue

Aus: Moritz Hartmann – Märchen und Geschichten aus Osten und Westen

Vor langer Zeit beherrschte das ganze Land der Grafschaft Kerry ein wunderschöner junger und guter König. Sein Name war O’Donoghue. Die größten Baumeister und Zauberer der Welt hatten ihm auf hohen Bergen ein Schloss gebaut, das nicht seines Gleichen hatte. Die Wände waren aus purem Gold, die Türen und Tore aus Kristall, das Dach aus festem Morgenrot. In seinem Garten wurde es niemals Winter und Bäume aus Indien und Arabien blühten da und Blumen, die niemals verwelkten. So lebte König O’Donoghue sehr glücklich. Aber eines Tages kam ihm die Laune, den großen Stein, welcher den See in seinem Garten schloss, wegzuheben, um seinen Rittern und Edelfrauen seine große Kraft zu zeigen. Aber kaum hatte er den Stein weggehoben, als sich der See auf das Land stürzte und den größten Teil der Grafschaft Kerry überschwemmte und viele hunderttausend Menschen und die schönen Fluren, die sich sonst dort ausbreiteten, bedeckte. Denn der See im Garten des Königs war ein verzauberter See und grundlos. So entstanden die Seen von Killnary, das Wunder der Welt, der Stolz Irlands. Die Insel der Hirsche, die Insel der Eichen, die sich aus ihrem Schoß erheben und aussehen wie volle Blumenkörbe, zeigen noch heute, wie schön das Land gewesen sein muss, das von den Wellen des verzauberten Sees bedeckt wurde. König O’Donoghue, der Gute, konnte sich über seinen Leichtsinn nicht beruhigen, verzweifelte und warf sich in die Fluten.

Aber die Elfen, die im See von Killnary wohnen, fingen ihn in ihren Armen auf und versuchten ihn zu trösten. Der gute, junge, wunderschöne König gefiel ihnen so sehr, dass sie ihn gern zum Elfenkönig gemacht hätten. Aber das durften sie nicht, solange er ihnen nicht beweisen konnte, dass ihm die Menschen vergeben hatten. Dieses konnte er nur durch die Liebe eines schönen, unschuldigen Mädchens beweisen.

Jeden Maimorgen stieg nun König O’Donoghue hinauf und umritt die schönen Ufer des Killnarysees und suchte ein Mädchen, das schön und unschuldig wäre und ihn liebte. Er fand keines und kehrte auf seinem weißen Ross traurig in den See zurück, um am nächsten Maienmorgen wieder aufzutauchen.

Einmal vor langer, langer Zeit lebte am Ufer des Killnarysees in einer kleinen Hütte eine Jungfrau Namens Melcha. Sie war so unschuldig wie eine Heilige und so schön wie eine Elfe. Kein Jüngling der ganzen Grafschaft Kerry wagte, sich ihr in Liebe zu nähern, so unschuldig war sie und so schön. Das machte die arme Melcha sehr traurig. Einsam schlich sie an den Ufern umher. Sie gewann die Einsamkeit und den schönen See so lieb, dass sie am Ende die Menschen vergaß, die ganze Zeit am Ufer zubrachte, mit den Wellen sprach, mit den Vögeln sang und mit den Blumen sich unterhielt. Wenn es Nacht war, konnte sie kaum den Morgen erwarten, um wieder hinauszugehen an den See, so sehr war ihr Herz erfüllt von einer Sehnsucht, einer Liebe, die sie an die murmelnde und lispelnde Welle band. Besonders im Monat Mai war ihr oft zumute, als müsste sie sich auf einmal mitten in die Wellen werfen.

Einst – es war an einem schönen Maiabend – saß Melcha wieder draußen am Ufer und horchte dem Lispeln der Wellen und dem Rauschen des Laubes über ihrem Haupt. Es wurde spät, sie wollte zurück in die Hütte, aber sie konnte nicht. Eine geheimnisvolle Macht hielt sie zurück. Es war ihr, als ob sie jemand am Rock hielt. Aber als es immer später wurde, raffte sie sich auf und eilte, was sie konnte, vom Ufer fort. Da lispelte es mit wundersüßer Stimme aus den Wellen heraus:

Du schöne Jungfrau, bleibe, bleibe,
Verweile bis der Morgen taut;
Ich mache dich zur Elfenbraut,
Ich mache dich zum Königsweibe.

Diesen süßen Tönen konnte sie nicht widerstehen. Sie sank ins Moos und schlief ein. Nach einigen Stunden weckte sie noch süßere Musik. Sie sah zum See und im Morgengrauen tauchte aus der Mitte der Wellen ein schönes Haupt empor, das einen goldenen Helm mit weißem Federbusch trug. Dicke, schwarze Locken fielen auf die Schultern herab. Das Angesicht war weiß wie Lilien und fast durchsichtig, die Augen waren blau, die Zähne wie eine Perlenschnur. Bald stand ein ganzer Reiter auf den Wellen. Er trug einen grünen Panzer von Smaragd und ein langes, glänzendes Schwert. Sein Pferd war weiß wie Morgennebel und die Bügel und Zügel glänzten wie Tau. So ritt der Ritter über den See auf Melcha zu, die sich nicht regen konnte. Er stieg vom Ross, das er an einen Baum band und legte sich neben Melcha ins Moos.

So schöne Worte sprach er zu ihr, dass ihr wohl ums Herz wurde und sie zu lachen und zu weinen begann wie ein Kind. Bald sagte sie ihm, dass sie ihn liebte und er sagte es ihr wieder. Dann gab er sich ihr zu erkennen als König O’Donoghue. Als sie sagte, dass sie seine Braut sein wollte, steckte er ihr einen goldenen Ring an den Finger. Sie gab ihm ihre Schärpe. Dann küsste er sie und versprach, sie am Maienmorgen des nächsten Jahres abzuholen, um sie zu heiraten. Dann stieg er wieder auf sein weißes Pferd, ritt bis in die Mitte des Sees, winkte noch einmal mit der Hand und versank. Die ganze Luft klang von Musik, alle Bäume begannen mit einem Mal zu blühen und Blätter und Blumen riefen: »König O’Donoghue ist Bräutigam.«

Melcha glaubte, dass sie geträumt habe, aber der Ring an ihrem Finger sagte es ihr deutlich, dass sie König O’Donoghues Braut war.

Am liebsten hätte Melcha die ganze Zeit bis zum Maienmorgen des nächsten Jahres verschlafen, so sehr sehnte sie sich, des Königs O’Donoghues Frau zu werden. Endlich kam der Abend vor jenem Morgen. Sie zog ihr weißes Brautkleid an und steckte Blumen ins blonde Haar, das sie lang auf beiden Seiten herabfallen ließ. So stellte sie sich auf den Felsen hin, der heute der Fels der Adler heißt, um den ganzen See zu überschauen. Aber sie wartete lange. Kein König O’Donoghue kam. Sie fürchtete schon, er hätte seine Braut vergessen.

Als aber der Morgen zu grauen begann, erkannte sie, wie im Zwielicht der See sich öffnete. Aus seinem Schoß stieg zuerst eine Schar von kleinen schönen Knaben, welche Kränze, Sträuße und Blumenkörbe in den Händen trugen. Gekleidet waren sie in kurze, luftige, hellgrüne Wämschen, die die zarten Glieder kaum bedeckten. Ihnen folgte eine Reihe von Jungfrauen, welche goldene Gewänder, Schleier und Geschmeide aller Art auf roten Kissen trugen. Gekleidet waren sie in langwallende, faltige weiße Gewänder. Ihre blonden Locken spielten im Wind. Gleich nach ihnen kamen zwölf Harfner, teils Jünglinge in kurzen Gewändern, teils Greise mit breit herabfließenden Bärten, langen weißen Kaftanen. Sie spielten auf Harfen süße Melodien und die Knaben, die neben ihnen gingen, sangen dazu. So unter Harfenklang und Gesang tauchte König O’Donoghue auf seinem weißen Ross empor. Er war anders gekleidet als im vorigen Jahr. Seine ganze Rüstung war weiß, ein weißer, breiter Mantel deckte ihm die Schultern. Aber auf der Brust war die grüne Schärpe zu sehen, die ihm Melcha geschenkt hatte. Auf den schwarzen Locken trug er eine goldene Königskrone und in der Rechten ein Zepter von Elfenbein, auf dessen Spitze ein Kleeblatt von Gold erglänzte. Ihm folgte noch eine Reihe von Pagen, Rittern und Frauen. Aber der ganze Zug stellte sich auf dem entgegengesetzten Ufer auf und Melcha war von ihm durch die Breite des Sees getrennt.

Doch erkannte sie, wie ihr der Bräutigam liebend zulächelte. Eine ungeheure Sehnsucht ergriff sie, zu ihm zu gelangen. Sie wollte vom Felsen hinabspringen. Aber sie fürchtete zu ertrinken, ohne dass sie vielleicht ihr Bräutigam retten konnte. Sie zauderte und fing an zu weinen. Da ertönte es hinter ihr:

Nur zu, nur zu, du schöne Fee!
Killnarysee
Tut seiner Königin nicht weh.

Da fasste sie sich ein Herz und sprang hinab. Da stand der ganze Zug unten und König O’Donoghue drückte sie in seine Anne. Die Harfner begannen zu spielen, die Jünglinge, Knaben und Mädchen zu singen. Unter dem Ruf »Hoch O’Donoghue, König der Elfen! Hoch Melcha, seine Königin!« versank der ganze Elfenkönigshof in die Tiefe des Sees.

Seit jener Zeit blüht und gedeiht das schöne Ufer des Killnarysees, denn der Elfenkönig liebt das Land, in dem seine Königin geboren worden war.

Jeden Maienmorgen taucht er noch aus dem See. Und glücklich derjenige, der ihn da erblickt, denn ihm wird es wohl ergehen und er wird lange leben.