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Der Wintergast

Georg Keil
Märchen und Geschichten eines Großvaters

Der Wintergast

Der Herbst war vergangen, der Winter kam heran und blies kalt von den Bergen herab. Schneeflöckchen, so fein wie Flaumfedern, tanzten in der Luft und haschten sich einander. Die Bäume waren fast kahl, dürre Blätter wirbelten und rauschten auf dem Boden. Im Ofen knisterte ein helles Feuer und verbreitete eine angenehme Wärme in der Stube.

Der kleine Emil saß am geschlossenen Fenster und sah durch die hellen Scheiben dem Tanz der Schneeflöckchen zu, die, sowie sie die Erde berührten, schmolzen und verschwanden. Da kroch draußen an der Fensterscheibe eine kleine Fliege langsam empor und konnte sich kaum am glatten Glas halten, so matt war sie.

»Du armes kleines Tierchen«, sagte Emil zu ihr, »wie musst du doch frieren! Du hast ja kein Röckchen an, das dich wärmt, und auch keine Strümpfe an deinen kleinen Füßen! So komm doch herein in die warme Stube, du armes Tierchen!«

Er machte das Fenster auf und die kleine Fliege kroch langsam herein. Die Wärme tat ihr gut. Sie wurde nach und nach ganz munter und lebendig, strich sich die Flügel und putzte sich das Köpfchen mit den kleinen Beinen. Dann dehnte sie ihre Flügel aus, flog in die Höhe und setzte sich auf den warmen Ofen. Sie wollte sich wohl ihre kleinen Füßchen wärmen, die in der Kälte ganz erstarrt sein mochten.

Nachdem sie sich gewärmt hatte, flog sie wieder hin zu Emil und setzte sich auf seine Hand und sah ihn so dankbar an, als wollte sie sagen: »Danke dir, guter Emil!«

»Das hat dir gewiss recht gutgetan, mein gutes Tierchen?«, fragte sie Emil.

Die kleine Fliege antwortete ihm mit einem summ, summ! Denn sie konnte ja weiter nichts sprechen.

Die Fliege blieb nun da in der warmen Stube den ganzen Winter lang. Sie und Emil hatten sich einander recht lieb und wurden bald gute Freunde. Sie konnten gar nicht voneinander lassen. Wenn Emil des Morgens aus seinem Bettchen kam, gleich flog sie zu ihm hin und setzte sich auf seinen Kopf und sagte: »Summ, summ!« Das sollte wohl so viel heißen wie: Guten Morgen! Wenn er dann seine Milch verzehrte, da saß sie immer neben ihm. Er gab ihr ein Krümchen von seinem Zucker, das sie ganz zierlich mit den Vorderfüßchen anfasste, herumdrehte und daran leckte. Man sah es ihr ordentlich an, wie ihr das gut schmeckte! Und wenn es zum Essen ging, da setzte sie sich auf Emils Teller und flog nicht eher fort, als bis er ihr ein Bröckchen von seinem Brot oder Fleisch gegeben hatte. Die Fliege war aber auch so gar gut und fromm. Niemand mochte ihr etwas zuleide tun.

Emil hatte die Fliege Lieschen genannt, und wenn er rief »Lieschen, Lieschen!«, so kam sie gleich herbeigeflogen und ließ sich auf seine Hand nieder. Da sie den kleinen Emil immer so fleißig sah, so wollte auch sie gern etwas lernen. Wenn er sein Lesebuch aufschlug, so setzte sie sich auf das Blatt und sah die Buchstaben an, die Emil ansah und die er schon alle kannte und mit Namen zu nennen wusste. Er hätte ihr gern das Sprechen und Lesen gelehrt und gab sich deshalb alle Mühe, indem er ihr öfters das Abc vorlas. Sie sagte aber immer nur: »Summ, summ!«

Dabei blieb es, was Emil sehr leidtat.

Manchmal war Lieschen aber auch unartig. Wenn der Tisch gedeckt war und eine Schüssel mit gebackenen Pflaumen auf demselben stand, setzte sie sich auf dieselben und naschte ein Tröpfchen von der süßen Brühe. Emil durfte aber dann nur sagen: »Lieschen! Lieschen! Naschkätzchen!« So flog sie schnell davon und verkroch sich hinter dem Ofen und kam lange Zeit nicht zum Vorschein, denn sie schämte sich, dass sie so unartig gewesen war.

Nur einen einzigen Feind hatte Lieschen in der Stube. Das war ein alter grämlicher Nussknacker mit einem dicken Kopf, einer großen Nase und einem breiten Mund mit großen weißen Zähnen. Sonst hatte Emil öfters mit dem Nussknacker gespielt, ihm Nüsse zu knacken gegeben und darüber gelacht, wenn er sein großes Maul aufsperrte. Seit aber Lieschen in der Stube war, bekümmerte er sich gar nicht mehr um ihn. Der Nussknacker musste nun immer einsam auf dem Schrank stehen und bekam keine Nüsse mehr zu knacken. Der merkte nun bald, dass das um Lieschens willen geschah. Er wurde ihr deshalb recht feind, und wenn sie sich einmal auf seine Nase setzte, so machte er sein großes Maul weit auf und schnappte nach ihr und wollte sie fangen. Aber Lieschen war schneller als er und flog immer schnell davon, noch ehe er sie erwischt hatte.

So ging der lange Winter hin! Emil war sehr fleißig gewesen. Er konnte schon die schönsten Märchen und Geschichtchen ganz allein lesen, und er las sie Lieschen öfters vor.

Lieschen hörte auch recht aufmerksam zu, wenn er ihr etwas vorlas, guckte mit in das Buch und lief über die Zeilen hin, die er eben las, gleich, als wollte sie mitlesen. Wenn er sie aber fragte, »Nun, Lieschen! Hat dir denn das Märchen gefallen?«, so konnte sie nichts weiter sagen als summ, summ!

Der Winter war nun vergangen, die Luft wurde wieder warm, die Bäume wurden grün, die Sonne stieg höher am Himmel und schien wieder zu den Fenstern herein in die Stube. Lieschen setzte sich öfters in den warmen Sonnen schein und breitete ihre Flügel aus, sodass sie in schönen Farben glänzten und schillerten. Dann wollte sie zum Fenster hinausfliegen. Da diese aber geschlossen waren, so stieß sie sich mit ihrem kleinen Köpfchen an die Scheiben, dass es laut tönte: puff, puff. Das musste ihr doch so wehtun!

»Du willst wohl einmal hinaus ins Freie und möchtest frische Luft schöpfen?«, sagte Emil zu ihr. »Ich will dich hinauslassen, komm aber ja bald wieder, Lieschen, damit du des Nachts, wenn es kalt wird, nicht frierst!«

Lieschen flog freudig summend hinaus in die warme Frühlingsluft.

Lange, lange stand Emil am offenen Fenster und rief: »Lieschen! Lieschen!«

Aber Lieschen kam nicht zurück.

Gewiss hatte sie ihre Brüder und Schwestern gefunden, die sie so lange nicht gesehen hatte, und die sie nicht wieder fortziehen ließen. Gewiss erzählte sie ihnen von dem guten Emil und wiederholte ihnen in ihrer Sprache all die schönen Märchen und Geschichtchen, die er ihr vorgelesen hatte!