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Tony Tanner – Agent der Weißen Väter 6.12

Wo die Erde blutet – Teil 12

Ein verächtliches Schnaufen schien die einzige Antwort seitens Dorkas zu bleiben. Schließlich entschied sich der dicke Wissenschaftler denn doch zu einer ausführlicheren Replik: »Die Gleichsetzung von tatsächlicher Macht oder geistiger Größe mit äußerem Glanz ist Ausdruck einer an Idiotie grenzenden Verkennung der Umstände, die auch dadurch nicht entschuldbarer wird, dass sie in unserer so genannten aufgeklärten Gesellschaft virulent gras­siert.«

Auch wenn Dorkas diese Unverschämtheit mit kultivierter Stimme ausgesprochen hatte, sagte der Inhalt doch deutlich, dass er sich persönlich angegriffen fühlte, wenn ein anderer der Forza Nobile am Zeug flicken wollte.

Plötzlich kamen Tony Tanner Zweifel, ob Dorkas über diese geheimnisvolle Gruppierung wirklich so wenig wusste, wie er vorgab. Woher rührte dieses persönliche Interesse, das in der scharfen Antwort unüberhörbar durchgeklungen war? Gab es Verbindungen zwischen dem Wissenschaftler und dieser Forza Nobile, die Dorkas nicht offenbaren wollte? Die aber so eng waren, dass Dorkas bereit war, ein Risiko einzugehen und dabei auch auf keinen anderen Rücksicht zu nehmen? War die Forza Nobile vielleicht gar die geheimnisvolle Macht im Hintergrund, an deren Fäden auch er, Tony Tanner, hing?

Der Verdacht, einmal in Gedanken formuliert, bekam mit jedem Moment größere Wahrscheinlichkeit. Während sie die letzten Meter an geparkten Wagen, Sperrmüll und Schmutzhaufen entlang rollten, verwandelte sich die Gegend. Sie war in Tonys Augen nicht mehr bloß schäbig oder nur unerfreulich. Sie war gefährlich. Und Dorkas? Dorkas musste dann auch ein Teil der Gefahr sein, und sei es nur, weil er in seinem Eifer jede Vorsicht ver­gaß.

 

»Dieses Haus muss es sein«, sagte Steele deutete auf ein mehrstöckiges Gebäude. Es stand allein, von seiner Nachbarschaft durch unbebautes Land voller Gestrüpp und Müll getrennt.

Steele fuhr an dem Haus vorbei und hielt erst in der Nachbarschaft an, wo es ein paar Geschäfte und Gaststätten gab, und wo er seinen teuren Wagen, der hier mehr als deplatziert wirkte, lieber abstellte als in einer der schmutzigen Seitenstraßen. Immerhin konnten sie ihr Zielgebäude von dort aus beobachten.

Die Männer reckten die Hälse und versuchten, das Haus einzuschätzen. Es wirkte noch heruntergekommener als die Umgebung. Alle Jalousien waren herabgelassen, kein Licht war zu sehen.

»Es scheint unbewohnt zu sein!« Die Enttäuschung in Dorkas’ Stimme war so deutlich, dass Tony seinen eben erst formulierten Verdacht wieder fallen lassen musste. Entweder war Dorkas ebenso überrascht wie alle anderen oder er konnte sich genial verstellen. Tony erspar­te es sich, alle möglichen Konsequenzen aus der zweiten Wahlmöglichkeit zu durchdenken.

»Neben dem Hauseingang habe ich ein Schild gesehen«, sagte er, »so etwas wie ein Firmenschild.«

»Nun, es stellt sich überhaupt die Frage, was wir jetzt unternehmen«, antwortete Steele. Er hatte die Hände immer noch am Lenkrad und beobachtete die Straße durch die Frontscheibe und die Rückspiegel, obwohl der Wagen mit abgestelltem Motor geparkt war.

»Rein theoretisch können wir noch eine Weile abwarten und schauen, was sich tut.«

»Ich fürchte, ich muss da widersprechen«, meldete sich Little zu Wort. Er spürte deutlich, wie sich erneut diese unbekannten Sentenzen in sein Bewusstsein drängten, die er inzwischen als Anzeichen zu deuten wusste.

»Wir haben noch eine Weile Zeit, aber dann kommen hier einige Männer an, die uns keine Zeit mehr lassen werden, um abzuwarten.«

»Dann müssen wir eben wieder verschwinden«, kam es unerwartet von Dorkas. »Es würde bedeuten, dass wir auch die Forza Nobile in Gefahr bringen und …«

»Sind Sie sicher, dass sich diese sogenannte Forza Nobile überhaupt in irgendeiner Weise in diesem Gebäude versteckt – oder dass diese Ruine überhaupt etwas mit der Forza zu tun hat?«, schnitt ihm Steele den Satz ab.

»Nein … nein«, stotterte Dorkas, »natürlich nicht, aber der Zettel …«

»Der Zettel konnte uns nicht einmal Gewissheit geben, ob die Adresse und der Name Forza Nobile überhaupt in einem Zusammenhang standen. Wir sind davon ausgegangen. Oder genauer, Sie sind davon ausgegangen, aber wissen tun wir es nun mal nicht, ist es nicht so?«, sagte Tony.

 

Dorkas drehte sich mühsam auf seinem Sitz um und schaute Tony an.

»Es ist, aber Sie werden doch zugeben müssen, dass die Wahrscheinlichkeit sich aus ein­deutigen logischen Denknotwendigkeiten ergibt …«

»Gehen wir, das wird mir zu theoretisch«, erklärte Steele und stieg aus. Die anderen folg­ten seinem Beispiel. Tony stellte fest, dass der muffige Geruch tatsächlich nicht nur ein Produkt seiner Einbildung war. Er lag wie eine Schimmelschicht über der Straße. Dazwischen mischte sich der scharfe Geruch von Teer und Naphtalin, der ebenso wie ein ständiges Brausen von der Fabrik herüberzog.

Zwei Passanten bogen um eine Ecke und wechselten, als sie die Gruppe erblickten, schnell die Straßenseite.

»Wenn wir jetzt losstürmen«, gab Tony Tanner zu bedenken, »dann hetzen wir den Leuten, die in diesem Haus sein könnten – wer immer es auch sein mag – auch unsere Verfolger auf den Hals.«

»Ist mir klar«, antwortete Steele und ging auf das Haus zu. Sein Tonfall machte deutlich, dass ihm diese Tatsache nicht nur klar, sondern auch vollkommen schnuppe war.

»Keiner zu Hause«, meldete sich Dorkas aus dem Hintergrund und deutete auf die dunk­le Fassade, der sie sich näherten. Sein nach Taten dürstender Enthusiasmus war merklich geschrumpft und es schien, als sei er ganz froh, hier wieder wegzukommen.

Tatsächlich war an der gesamten Fassade kein einziger Lichtschimmer bemerkbar. Das Gebäude wirkte völlig verlassen.

»Und wieder einmal gleitet die geheimnisvolle Forza Nobile dem kenntnishungrigen Suchenden durch die Finger«, bemerkte Tony sarkastisch. Er war über diese Entdeckung alles andere als enttäuscht. Dass Steele sich jetzt in den Hauseingang stellte und mit einer kleinen, aber sehr hellen Maglite die Namensschilder aus dem Dunkel holte, war nur noch ein Rückzugsgefecht. Ein Mann wie Steele, da war sich Tony Tanner sicher, wollte sein Gesicht wahren. Also leuchtete er wohl noch ein wenig in der Gegend umher, um nicht sofort zuge­ben zu müssen, dass er auf eine Schnapsidee hereingefallen war.

 

Das Messingschild neben dem Eingang, das Tony im Vorbeifahren schon bemerkt hatte, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als Firmenschild eines Schusters mit Namen Stephen Kingpah, der seine Werkstatt im zweiten Hinterhof hatte. Inzwischen gab es den zweiten Hinterhof nicht mehr, was den beklagenswerten Zustand des einst recht soliden Schildes erklären mochte.

Das Gebäude hatte ein Souterrain, dessen Fenster, natürlich ebenfalls mit herabgelassenen Rollladen versiegelt, mit der Oberkante knapp die Höhe des Gehweges erreichten. Tiefe, mit Eisengittern abgedeckte Kästen dienten als Lichtschächte. Als Steele nach unten leuchtete, sahen alle die dicke Schicht von verfaulten Blättern, die von wer weiß wo hierhin geweht worden waren, von Papierfetzen, Straßenstaub und Taubendreck.

»Hier hat seit Jahren keiner mehr das Fenster geöffnet«, stellte Steele fest. Er sprach mehr zu sich selbst als zu den anderen.

Links des Hauses wucherten Pflanzen zwischen einer rostigen Blechgarage und zwei oder drei Automobilen, die nicht so aussahen, als wären sie in den letzten beiden Jahrzehnten bewegt worden. Mit einer plötzlichen Milde im Herzen erinnerten sie Tony Tanner an sein erstes eigenes Auto, einen klapprigen Morris Minor. Auf der rechten Seite bot sich das ähn­liche Bild, mit der Abwandlung, dass hier keine Autos, sondern alte Backöfen, Schränke, Wannen und Klosettschüsseln samt zugehöriger Spülanlage herumstanden. Es wirkte eine wenig so, als hätte hier ein vorbeikommendes volltrunkenes Haus seinen Inhalt erbrochen, um dann singend weiterzutorkeln.

»Danke, ich erkläre meine Nachforschungen für beendet«, erklärte Dorkas laut. Er wand­te sich ab und machte Anstalten, zum Wagen zurückzugehen. Nach einigen Schritten drehte er sich um, bemerkte, dass seine Aktion keine mitreißende Wirkung auf seine Begleiter gehabt hatte, und kehrte leise murrend um.

 

Steele ließ den grell-weißen Lichtkegel aus seiner Lampe über die verstreuten Gegenstände gleiten. Bizarre Schatten bauten sich auf, wanderten und schienen den Betrachtern auffordernd zuzuwinken, bevor sie ihren Weg in die Dunkelheit antraten. Harte rostige Kanten wurden sichtbar, seltsame Kurven – Dinge, die wie die Überbleibsel auf einem längst vergessenen Schlachtfeld waren und nun vergeblich auf Verständnis warteten.

Mit ausdauernder Konzentration betrachtete Steele das Gelände, trat einige Schritte auf das struppige Gras und leuchtete in einige bisher verborgene Winkel. Die Ernsthaftigkeit, mit der er seine Untersuchung betrieb, ließ auch die anderen nicht ungerührt. Seine Suche mach­te es wahrscheinlich, dass es etwas gab, nach dem er suchte.

Plötzlich gewann die Dunkelheit für sie einen anderen Charakter. Sie schien etwas zu ver­stecken, irgendetwas in ihrer kompakten Schwärze zu verbergen.

Sicherlich hätte Steele sich noch länger mit Badeöfen und alten Herden beschäftigt, wenn ihn nicht ein Geräusch unterbrochen hätte. Es war ein Auto.

Sicherlich kein ungewöhnliches Ereignis in einer Millionenstadt, aber in den letzten Minuten war kein Wagen durch diese Straße gekommen. Allen war bewusst, dass es jetzt los­ging.

»Los doch, hierher«, befahl Steele in einem zischenden Flüsterton. Little sprang etwas unbeholfen über eine Badewanne und ging hinter ihr in Deckung. Die energische Tat war ein Ausfluss seiner Verärgerung. Er war sicher, dass er die Ankunft ihrer Verfolger auf die Minute genau vorhersagen konnte. Jetzt fühlte er sich enttäuscht und Zweifel überkamen ihn, ob die neue innere Sicherheit über die Macht seiner Instinkte, die er verspürt hatte, nicht mehr als ein Trugbild gewesen war.

Während Steele seine Lampe ausschaltete und den Kopf einzog, versuchte Tony Tanner den fetten Wissenschaftler in Deckung zu zerren.

Ohne dass er recht begriffen hätte, was vor sich ging, spürte Dorkas doch deutlich, dass sie sich in ernster Gefahr befanden. Und weil er eben noch in Gedanken versunken war – die sich, wen wundert’s, mit der Forza Nobile beschäftigt hatten – geriet er in Verwirrung, produ­zierte einen völlig unangemessenen Totstelleffekt und rührte sich keinen Zentimeter vom Fleck. Schließlich setzte Tony nicht mehr auf seine Überredungskünste, sondern auf eine robustere Methode und schob Dorkas mit einem kräftigen Zangengriff um den Oberarm durch das wild wuchernde Kraut und hinter einen rostigen Herd.

Mit Mühe kauerten sie sich dahinter, was teils an dem Leibesumfang des Wissenschaftlers lag, teils daran, dass er nach wie vor stur sein Paket mit dem Grand Albert und der Statue des Hermes Trismegistos bei sich trug.

 

Das Motorengeräusch kam rasch näher. Die Maschine heulte auf, als der Fahrer zurück­schaltete und schließlich vor dem Haus stoppte.

Stelle schob den Kopf aus der Deckung. Direkt vor sich sah er den Wagen.

Es war ein dreirädriger Robin, auf dessen Seitentür mit ungelenkem Pinsel die Worte Pizza Express gemalt worden waren.

Der Fahrer stieg aus, riss die Heckklappe auf, holte einen flachen Karton heraus und ver­schwand dann aus der Sicht. Er hatte den Finger schon über dem Klingelknopf, als er mit einem erschreckten Aufschrei zurückzuckte. Neben ihm wuchs geschmeidig die Gestalt eines hageren Mannes aus dem Dunkel.

»Eine Frage«, sagte der Mann, »ist Ihre Lieferung für eine Person in diesem Haus?«

Was für eine blöde Frage, dachte Steele, der Kerl muss mich für dämlich halten. Aber Steele war es egal und der Pizzabote nickte eifrig. Er war ein junger schwarzhaariger Mann, der, wenn er vielleicht auch kein echter Italiener sein mochte, doch den idealen Pizzaboten darstellte. Er war überhaupt sehr kooperativ, stellte Steele mit Genugtuung fest. Er ließ sich die Pizza zum doppelten Preis abkaufen und verriet dann noch den Klingelknopf, den es zu betätigen galt und die Art und Weise, wie das zu geschehen hatte, weil man nur durch den Code drei kurz, zwei lang den begehrten Einlass erhalten konnte.

 

Nachdem der Pizzabote davongeknattert war, versammelten sich die restlichen drei Männer um Steele. Der schnüffelte an der warmen Pappschachtel.

»Peperoni, Sardellen und zu viel Knoblauch«, stellte er sachkundig fest. »Diese Forza Nobile ernährt sich italienisch, passt ja auch irgendwie, jedenfalls zum Namen.«

Die Schachtel wurde Little in die Hand gedrückt, dann tippte Steele den Code in den Klingelknopf. Während er das tat, wurde ihm bewusst, dass es nicht den allerkleinsten Grund gab, warum der Pizza-Mann ihn nicht belogen haben sollte. Sicherheitshalber fuhr Steeles Hand also zum Holster mit der Waffe.

Sie warteten eine Weile, dann klang das Schnarren des Türöffners. Steele drückte die Tür auf und sie drängten sich, mehr oder weniger energisch, in einen schmalen Flur. Es war stock­dunkel.

Dennoch erweckte ein stechender Geruch von Reinigungsmitteln und Toilettensteinen, unterlegt von einem weichen Kohlsuppen-Mief ein bestimmtes Bild von einer ausgetretenen Holztreppe mit abgegriffenem Geländer.

Ein durchdringendes Quietschen ertönte aus der Tiefe. Dann schnitt ein Lichtkegel die Stufen einer abwärts führenden Treppe aus dem Dunkel.

Steele gebot den anderen mit einer schnellen Geste am Platz zu bleiben und ging mit dem Pizzakarton auf den Lichtschein zu. Unter seinen Sohlen klackerten lockere Fliesen. Er muss­te sich vorsichtig die Treppe hinabtasten, Stufe um Stufe, dann stand er in einem kleinen Flur, an dessen Ende die nur einen Spalt geöffnete Tür lag.

Steele konnte eine schattenhafte, reglose Gestalt erkennen, die sich von innen gegen die Tür lehnte, um sie gegebenenfalls sofort mit ihrem gesamten Körpergewicht zudrücken zu können.

»Ihre Pizza, Sir«, sagte Steele. Er war sich nicht sicher, ob Pizzaboten ihre Kunden mit Sir ansprachen.

 

Die Gestalt hinter der Tür durchbrach ihre Starre und regte sich. Sie streckte ihm eine Hand entgegen. Zwischen zwei Fingern flappte schlaff eine Banknote.

»Rest für Sie«, erklang eine eigentümlich hohe Stimme. Steele nahm das Geld und gab im Gegenzug den Pizzakarton. Der andere öffnete die Tür keinen Millimeter weiter, sondern drehte stattdessen den Karton, um ihn hochkant durch den offenen Spalt zu ziehen. Dann warf er sich gegen die Tür. Vielleicht war es seine gewöhnliche Art, eine Tür zu schließen.

Vielleicht aber hatte er auch instinktiv bemerkt, dass Steele sich zwar abdrehte, aber die Drehung mit zunehmender Geschwindigkeit weiterführte und dadurch Schwung aufnahm, bis er wieder vor der Tür stand und sein Bein herauskatapultierte, um die Tür mit einem blitzar­tigen Tritt zu öffnen.

Es gab den Zusammenprall zwischen der Wirkung, die panisch bewegte muskellose Körpermasse zeitigen kann, und dem tausendmal geübten Karatetritt, mit dem Steele die Tür traf.

Hier war es Steele, für ihn selbst am meisten überraschend, der den Kürzeren zog, denn die massive, zufallende Tür prellte sein Bein zur Seite, dass ihm Hören und Sehen verging. Steele ließ sich fallen und konnte nur noch blitzschnell seinen Schuh zwischen Tür und Rahmen schieben.

Die scharfe Kante traf seinen Fuß an der empfindlichsten Stelle. Der Schmerz ließ Steele aufstöhnen.

Der Mann hinter der Tür bemerkte jetzt, dass er seine Wohnung nicht verschließen konn­te und reagierte mit einer Mischung aus Wut, Hilflosigkeit und Panik. Er zog die schwere Tür wieder ein Stück auf und schmiss sich erneut gegen das Türblatt. Sein heftiges Atmen und angestrengtes Keuchen zeugte von seiner körperlichen Anstrengung ebenso wie von seiner Nervosität.

Steele hatte den kurzen Moment genutzt und seine Stellung etwas verändert. Jetzt war nur noch sein Schuh in Gefahr und nicht mehr seine Fußknochen. Trotzdem hatte Steele schlech­te Karten.

Wut stieg in ihm auf. Er hatte die Sache verbockt. Zu langsam, zu selbstsicher, zu unvor­sichtig. Nun lag er auf dem Boden und musste seine Funktion darauf beschränken, seine Knochen als Türstopper demolieren zu lassen.

Kurz dachte er daran, aufzuspringen und die Tür mit einem gewalttätigen Kick vollends zu zertrümmern. Aber er wusste nicht, was dieser Kerl hinter der Tür für ein Arsenal hatte – ein Mann, von dem Steele inzwischen wusste, dass er ziemlich fett und ziemlich ängstlich war, mithin eine totale Flasche und insofern einer von der Sorte, die eine Pumpgun hinterm Schrank aufbewahren und sie auch benutzen, obwohl sie diese nicht nachladen können.

 

Diese an sich lächerliche Sache geriet aus der Kontrolle, etwas, das Steele absolut nicht schmeckte. Und wie zum Hohn hing der verdammte Pizzakarton noch fett tropfend zwischen Tür und Rahmen, wie eine zu große Diskette, die noch nicht völlig in das Laufwerk gedrückt worden war.

Die Angelegenheit wurde auf überraschende Weise entschieden. Etwas kam aus der Dunkelheit. Eine schnaufende, beschleunigte Masse, aus der Schwärze hervorstoßend, keu­chend wie eine Dampflok der British Railways, der Albtraum eines jedes frommen Gleisarbeiters.

Die Masse überrannte den liegenden Steele, traf seine Hand und versetzte ihm zugleich einen Treffer in den Solarplexus, dass Steele vor Schmerz gurgelnd die Augen verdrehte und für einen Moment in Bewusstlosigkeit abglitt, dann prallte sie krachend gegen die Tür.

Hinter der Tür erklangen ein geller Aufschrei und ein Gepolter. Auf der Flurseite der Tür hin wiederum sackte Dorkas zu einem Häufchen Elend zusammen, ähnlich einer Schaufel zu weich geratener Verputzmasse, die von der Wand abläuft.

Gab es eben noch eine Sekunde voller Aktivität und Hektik, wie sie sich kein futuristi­scher Maler schöner hätte ausdenken können, so erstarrte in der nächsten Sekunden alles in Bewegungslosigkeit. Dorkas war von seinem Rammstoß betäubt und konnte sich rühren, woll­te es nicht einmal, Steele wollte sich rühren, konnte es aber nicht, weil das riesige Hinterteil von Dorkas sein Gesicht zerdrückte, und der Unbekannte hinter der Tür schien sich auch nur noch durch dumpfes Stöhnen artikulieren zu können.

Tony Tanner und Little retteten die Situation und den japsenden Steele vor dem jämmer­lichen Erstickungstod, indem sie jeder einen Arm von Dorkas packten und den Wissenschaftler, dessen Kopf auf die Schulter pendelte – jeder Ringrichter hätte hier auf tech­nischen K. O. entschieden – zur Seite führten.

Dann hob Tony Tanner, ganz britischer Gentleman und Sohn seiner Eltern und potenziel­ler Ehemann einer wunderbaren Francine, den in der Mitte stark gequetschten Pizzakarton auf und klopfte höflich an der halb offenen Tür, bevor er sie gänzlich öffnete und damit den Blick auf ein undefinierbares, jedoch äußerst umfängliches, dumpf stöhnendes Etwas in einem rot­blau karierten Flanellpyjama freigab.

Tony Tanner räusperte sich dezent, legte den Pizzakarton neben den liegenden Flanellpyjama und sprach die Worte: »Ihr Abendessen ist da, Sir!«

Er sagte es mit jener Mischung aus Sanftmut, Respekt und Autorität, die seinen Chef in der British Travel Agency zur Ekstase zu treiben pflegte, weil sie genau jener Haltung ent­sprach, mit der der kultivierte Offizier des Britischen Empire einem Eingeborenenhäuptling entgegen zu treten hatte, nachdem er kurz vorher dessen Dorf samt Bewohnerschaft hatte zu Klump schießen lassen.

Der Inhalt des liegenden Flanellpyjamas gab ein unartikuliertes Gurgeln zur Antwort und riss die Augen auf. Insofern passte er sich dem Bild des wilden Häuptlings zumindest gesichtsmäßig an.

»Na los«, brabbelte er dann, »machen Sie es kurz. Ich habe auf Sie gewartet.«

»Wir wissen Ihre freundliche Einladung zu schätzen, werter Sir«, versetzte Tony Tanner und machte ein Gesicht, das zu seinen wohlgesetzten Worten passte. »Indessen sollten wir doch nicht in Hast verfallen, ist es nicht so?«

Der Flanellpyjama stöhnte.

»Sie wollen mich foltern, ja?«, stieß er mit einer Stimme aus, die einfach zu hell für den gewaltigen Resonanzkasten war, der sich unter dem rot-blauen Karo, in der Art eines Walrückens der Zimmerdecke entgegen wölbte. Ob in der Stimme Angst schwang, oder ob die Folterfrage wie eine Bitte klang, das wollte Tony Tanner jetzt nicht entscheiden.

 

Er hatte sich unterdessen kurz umgeschaut. Er hatte Zeit dazu, weil Dorkas immer noch schnaufend und total groggy an der Wand lehnte und Little damit beschäftigt war, Steele hochzuhelfen und zu stützen, der stöhnend seinen lädierten Fuß testete, indem er ihn zuerst vorsichtig aufsetzte und dann, als der Schmerz erträglich war, fest auf den Boden rammte, zugleich als Probe und um seinen Wut abzuleiten. Jake Little nickte heftig zu diesem Zornesausbruch als wolle er sagen: Lass es raus, Baby, wir wollen doch nichts Pampiges in uns reinfressen, bevor wir wieder bei McDonald’s sind.

So war es also Tony Tanner, der eine zerfledderte Visitenkarte entdeckte, die innen an der Tür mit einer Heftzwecke befestigt war.

Unter einem Namen stand nur ein Wort: Internetrecherche.

Tony sah auf den ersten Blick, dass diese Visitenkarte ein fürchterlich billiges, geradezu peinliches Ding war, eigenhändig auf dem PC erstellt und dann sogar noch schlampig ausge­schnitten. Ohne es selbst zu registrieren, zog er die richtigen Schlussfolgerungen.

»Herr Peak-Maude«, sagte Tony Tanner sanft und dennoch mit Autorität, »oder darf ich George zu Ihnen sagen? Wir kommen in durchaus friedlicher Absicht. Entschuldigen Sie bitte unser … ähm, zugleich unkonventionelles und übermäßig energiegeladenes Eintreten, und verzichten Sie bitte darauf, daraus voreilige Schlussfolgerungen auf unsere Absichten zu zie­hen.«

Während es Tony durch den Kopf fuhr: Junge, Junge, so ein Satz aus dem Stegreif und noch ohne zu Stottern und mit grammatikalisch richtigem Ende, Tony, alter Knabe, du bist doch noch nicht so vertrottelt, wie ich von dir dachte; antworte George Peak-Maude, der in dem bisherigen Verlauf dieser Geschichte nur kurz als Flanellpyjama bezeichnet worden ist, mit einem lang gezogenen und zu hellen Hääääääääh?.

Ungerührt bückte sich Tony nach dem Pizzakarton und öffnete ihn. Ein Schwall von lau­warmem Knoblauch und Cabanossiduft kam ihm entgegen und erinnerte ihn, dass er selbst seit einiger Zeit nichts gegessen hatte.

»Ihre Pizza wird kalt, George«, sagte Tony väterlich. Er streckte eine Hand aus, um dem Flanellpyjama, der in dem bisherigen Verlauf der Geschichte schon als George Peak-Maude, Internetrechercheur vorgestellt worden ist, auf die nackten Füße zu helfen.

Peak-Maude ergriff nach einigem Zögern die Hand. Mithilfe des herbeigeeilten Little bekam Tony Herrn Peak-Maude in die Senkrechte. Tony drückte ihm den Pizzakarton in die Hand. Peak-Maude riss immer noch die Augen auf und nahm den Karton widerstrebend, als wäre er ein unverdientes Geschenk. Dann stach ihm der Duft in die Nase, seine Backen füll­ten sich mit dem Speichel des Appetits und er musste schlucken.

Eine Sekunde des Zögerns, dann sagte Peak-Maude kurz »Kommen Sie!« und patschte mit seinen nackten Füßen in den Nebenraum.

 

Tony, Little, Dorkas und Steele, der leise die Tür verschloss, folgten ihm.

Der Raum, in den sie traten, war nur durch eine schwache Glühbirne erleuchtet, die in einer Nachttischlampe ohne Stoffschirm steckte.

Es gab nur einen kleinen Tisch und einen Bürostuhl, den der Wohnungsbesitzer für sich in Anspruch nahm.

Peak-Maude wirkte wie ein Verhungernder, der einen Knochen abnagen darf. Er griff die große Pizza mit beiden Händen, hob sie hoch, faltete sie zusammen, riss seinen Mund auf und biss so gierig zu, dass ihm der Teig beide Ohren mit Tomatenbelag rot färbte und seine Nase wie ein Eisbrecherbug durch weichen Käsebelag pflügte und Cabanossischollen zur Seite warf.

Nach dem Abbeißen zermalmte er seine Beute, dass sich seine Backen hamsterartig wölb­ten, und schluckte dann mit tanzendem Adamsapfel. Das Verzehren der Riesenpizza dauer­te nur wenige Minuten, dann nässte Peak-Maude seinen Zeigefinger an der Zunge und tupfte damit die Krümel aus dem Karton. Anschließend leckte er sich ausführlich die Wurstfinger ab. Zuletzt rülpste er dezent mit vor dem Mund geballter Faust und lehnte sich zurück. Seine Hände mit den behaarten Handrücken und den fetten Fingern lagen auf der Tischplatte. Für einen Moment rührt er sich nicht, saß nur in sich zusammengesunken und schien weit entfernt zu sein. Seine Backen zitterten. Dann erwachte George Peak-Maude mit einem Zucken wie­der, raffte sich auf und schaute seine Besucher an.

»Danke für Ihre Freundlichkeit«, sagte er mit einer Stimme, die nicht ganz so fest klang, wie es der Sprecher vorgehabt hatte, »man stirbt halt nicht gern mit leerem Magen. Beantworten Sie mir nur noch diese zwei Fragen … wie wollen Sie es machen? Kopfschuss, Garrotte, Genickschlag, Gift, vielleicht Rizin? Und von welcher Firma kommen Sie – CIA, NSA, MI5, DeuxiËme Bureau, Mossad? »

Diese Frage hörte Tony nur aus dem Nebenraum, denn er hatte die Mahlzeit genutzt, um sich umzuschauen. Das dauerte nicht lange, denn die Wohnung bestand nur aus zwei Räumen. Hinter der Eingangstür lag ein kleiner Flur, von dem aus man in das Esszimmer kam, aber auch in den größeren Nebenraum treten konnte. Dieser Nebenraum enthielt nichts als ein Gestell, auf dem zwei Monitore standen. Nur das flimmernde, leicht bläuliche Licht der Bildschirme erhellte den Raum. Eine Ablage enthielt zwei Tastaturen, die von einem Platz aus bedient werden konnten, auf dem Boden standen zwei Rechner. Tony bezeichnete sich nicht als Experten, aber die Anlage schien nicht von schlechten Eltern zu sein. Jedenfalls gehörten auch einige externe Festplatten und Zusatzgeräte und ein Laserdrucker zu ihr, und hier gab es auch nicht das chaotische Kabelgewirr, das schon bei den wenigen Computerkomponenten in seinem eigenen Büro herrschte, sondern eine saubere Verlegung dicker und dünner Verbindungen auf kleinen, H-förmigen Brücken. Ansonsten gab es nicht zu sehen, außer einem Stapel Papier neben dem Drucker, Papierfetzen auf dem Boden und Unmengen leerer Chipstüten, die bei jedem Schritt zur Seite raschelten.

 

Die Tatsache, dass es in dieser peripheren Unordnung nicht von Kakerlaken wimmelte, lag daran, dass diese munteren Tierchen unter Hunger gelitten hätten, denn in keiner der Tüten – Tony prüfte es bei einigen nach – fand sich auch nur ein winziger Rest von einem Krümelchen.

Tony ließ seinen Blick über die Bildschirme gleiten – beide Rechner waren im Internet, der eine lud zurzeit eine große Datenmenge, der andere zeigte die Oberfläche von Google.uk. An der Wand hingen fünf gleichartige Uhren, unter denen New York, London, Tokio, Delhi und Linux stand. Nur die roten Digits der Linux-Uhr liefen. Es fiel Tony als geübtem Reisenden leicht zu erkennen, dass die New York- und die Delhi-Uhr standen, und der London-Zeitmesser zeigte absurde zwei Uhr.

Tony wandte sich dem Badezimmer zu. Es war eng, sodass nichts außer Waschbecken, einer Toilette und einer Dusche Platz fand. Der Boden war größtenteils mit leeren Behältern vollgestellt, die einst Duschgel und Haarwaschmittel enthalten hatten.

Durch die Tür konnte Tony den mampfenden Peak-Maude sehen, umgeben von den schweigenden, schattenhaften Gestalten seiner ungebetenen Gäste, die ihm wie eine Dienerschaft zuschauten. Die Szene erinnerte an ein absurdes Theaterstück, zugleich bedroh­lich und komisch, und sie weckte in Tony Tanner die immer lauernde Frage, was ihn eigent­lich dazu trieb, auf diese Weise in das Leben eines Fremden einzudringen.

Tony lehnte sich an den Türrahmen und nahm die Gelegenheit wahr, George Peak-Maude in aller Ruhe zu betrachten.

Bisher hatte er nur Splitter wahrgenommen – die aufgerissenen Augen, den umfangreichen Bauch, den Flanellpyjama mit seinen kuriosen rot-blauen Karos. Jetzt stiegen Tonys aufmerk­same Blicke von den großen, nackten und offensichtlich zu Plattfüßigkeit neigenden Tretern des Herrn Peak-Maude hinauf über feiste Schenkel im Dorkasformat, auf denen der Bauch gestrandet war wie ein müder Wal, weiter hoch über Brust und Schultern, die nur durch ihren Fettbelag ein eindrucksvolles Volumen erreichten, um schließlich zu einem Nacken zu gelan­gen, der rötlich und in mehreren Speckschichten drapiert aus dem Flanellpyjamakragen ent­stieg. Seltsamerweise sah der Hals vorne wie hinten gleich aus, wenn man Peak-Maudes Adamsapfel absah, der sich tapfer durch die drei oder vier Kinnlagen drängte, die vorne, mit­samt einem Wust borstiger Behaarung, aus dem offenen Kragen der Pyjamajacke ragten und den Kopf stützte.

Einen kantigen Kopf, der nicht völlig zum Körper zu passen schien, der sich aber mit lang herabhängenden, schwarzen Haarsträhnen, denen man die Selbstfrisur mit der Geflügelschere deutlich ansah, um Anpassung mühte. Peak-Maudes zitternde Backen waren von kurzen, stoppeligen Barthaaren übersät, die ihm das schmuddelige Aussehen eines arabischen oder südamerikanischen Duodez-Diktators gaben.

 

Das Profil erweckte in Tony Tanner sofort Assoziationen an eine Unke. Die Vorstellung war Tony im ersten Moment geradezu peinlich, sie erschien ihm arrogant und ein bisschen unanständig. Aber der Eindruck war so stark, dass Tony keine andere Chance hatte. George Peak-Maude wollte es wohl selbst – woran, und zum Teufel mit aller politischen Korrektheit und humanistisch-säuerlichem Moralgesülze, sollte denn bitteschön ein Mensch denken, wenn er diesen Hals sah, diese sorgfältig übereinander gelagerten Doppel-, Dreifach-, Vierfachkinns, deren Bögen und Schwingungen in einem wulstigen Lippenpaar zu enden schienen, von wo dann der Bogen des Gesichtes, kaum unterbrochen von einer winzigen Stupsnase und buschigen Brauen zu der fliehenden Stirn aufstieg, die sich im Gestrüpp der Haare verlor. Vielleicht sieht jeder Mensch beim Essen ein wenig bescheuert aus, dachte Tony Tanner und nahm sich fest vor, den Dicken auf keinen Fall zu unterschätzen.

Wie kann der Kerl mit seinen Fingern überhaupt eine Tastatur bedienen, fuhr es Tony durch den Kopf. Die Frage war berechtigt, angesichts der Fingerkuppen in Briefmarkengröße, die jetzt unter abgekauten Nägeln leicht bibbernd auf der Tischplatte lagen.

Aber das war nicht die einzige Frage, die sich Tony stellte. Tony Tanner hielt sich nicht unbedingt für einen Menschenkenner und das mochte der Grund sein, warum er mit diesem George Peak-Maude nicht zurande kam. Das, was seine Augen sahen, überzeugte ihn einfach nicht. Dieser fette Mann schien sein wirkliches Wesen vor der Umwelt zu verstecken. Er war hochgewachsen und hätte selbst Steele um einiges überragt, aber Peak-Maude lief etwas gebückt mit hängenden Schultern und eingezogenem Kopf umher, als erwarte er ständig von irgendwoher einen Schlag und müsste sich überhaupt kleiner machen, als er war.

Vielleicht war es das, dachte Tony Tanner. Vielleicht versteckt sich George Peak-Maude ja hinter seinen Fettwülsten – vor der Welt, vor sich selbst. Selbst seine zu hohe Stimme klang wie verstellt, als würde da einer am Telefon sitzen und mit der Umwelt sprechen und hoffen, nicht erkannt zu werden. Ja, so mochte es sein, und vielleicht war Tony Tanner der Erste, der den anderen Peak-Maude zumindest ahnte, der sich hinter Fettschichten wie hinter Panzerplatten verkrochen hatte.

Als Peak-Maude seine Frage gestellt hatte, antwortete ihm zuerst Schweigen. Tony, der bisher als Einziger zu dem Flanellpyjama gesprochen hatte, fühlte sich bemüßigt, in das Esszimmer zu treten und zu antworten. Allerdings wusste er nicht genau, was er überhaupt antworten sollte. Aber seine Erziehung half ihm.

»Bevor wir uns in Details verlieren«, antworte also Tony Tanner in leichtem Plauderstil, »sollten wir uns vorstellen. Verzeihen Sie, wenn wir diese Selbstverständlichkeit bisher ver­säumt hatte.«

Tonys Hand, gefolgt von den immer noch oder schon wieder aufgerissenen Glupschaugen Peak-Maudes, die unter den struppigen Brauen wie Kiesel unter Grasbüscheln hervorglitzer­ten, deutete auf die Umstehenden.

»Herr Jeremy Steele, Herr Jake Little, Mister Dorkas und meine Wenigkeit …«, hier folg­te eine angedeutete Verbeugung, die linke Hand vor der Brust, die andere leicht nach hinten geschwenkt, äußerst zuvorkommend, zugleich mit jener Prise Ironie, die Höflichkeit von Kriecherei trennt, »Tony Tanner.«

Es folgte ein verblüfftes Schweigen.

»George Peak-Maude«, sagte George Peak-Maude mit seiner zu hellen Stimme. Er ver­stummte. Hinter seiner Stirn arbeitete es. »Angenehm«, fügte er dann nach einer kleinen Pause noch hinzu. Es klang wie eine Frage.

Eigentlich hätte Tony Tanner gern ab jetzt die Gesprächsführung an einen anderen abge­geben. An Dorkas oder an Steele, die doch beide so begierig waren, diese Adresse hier zu besuchen. Aber keiner der beiden machte Anstalten, auch nur den Mund zu öffnen. Sie betrachteten George Peak-Maude in seinem rot-blau karierten Flanellpyjama wie ein kurioses Kunstwerk, dessen Sinn ihnen bisher noch verschlossen war.

»Würden Sie mir bitte meine Frage beantworten, Herr, äh, Tanner«, bat Peak-Maude. »Zu welchem Verein gehören Sie und wie wollen Sie es machen?«

Tony Tanner räusperte sich, um seine Hilflosigkeit zu überspielen. Es war ihm peinlich, hier als Killer irgendeines Geheimdienstes zu erscheinen. Andererseits konnte diese Vorstellung ja auch durchaus ihre Vorteile haben, sobald es darum ging, Peak-Maude zu grö­ßerer Redseligkeit zu animieren …

Tony warf einen wütenden Blick auf Dorkas und begann dann, den Tisch zu umkreisen. Er spürte, wie ihm die Blicke Peak-Maudes folgten, und er spürte deutlich, dass in diesen Blicken mehr lag als Neugier oder Furcht. Was dieses mehr war, konnte Tony nicht sagen.

»Also, wir gehören zu keinem dieser von Ihnen genannten … Vereine«, antwortete Tony dann.

Der Kopf von Peak-Maude ruckte in die Höhe, als wäre unter den Speckfalten ein hydrau­lischer Teleskopmechanismus verborgen. Die Ähnlichkeit mit einem fetten Kapaun, der ein schmackhaftes Korn entdeckt hat, war zu naheliegend, um Tony oder einem der anderen zu entgehen.

»Nicht? Jetzt weiß ich es«, rief er, »Ich hätte es sofort ahnen müssen, aber ich glaubte nicht, dass es Sie überhaupt, äh, also wirklich gibt.«

Tony blieb stehen und schaute den sitzenden Mann an, während dessen Blicke sich von Tonys Gesicht losrissen und, als wären sie ertappt worden, zur Seite auswichen.

»Sagen Sie mir, was Sie hätten ahnen müssen, Herr Peak-Maude, damit wir bei unserem Gespräch zu einem Ergebnis kommen.«

»Vatikan«, flüsterte der Angesprochene, »Sie sind vom Vatikan geschickt. Sie sind Siccarier, ich hätte es ahnen müssen, aber ich hatte nicht geglaubt, dass es diese Bande … äh Institution wirklich gibt – das Heilige Offizium zur Bekämpfung der Feinde des Glaubens. Oh ja, ich weiß, was jetzt kommt – die Garrotte, weil ja kein Blut vergossen werden darf. Erst die Letzte Ölung, dann die Garrotte – und wer von Ihnen kann die Generalabsolution erteilen, wenn Sie mich abgemurkst haben?«

»Ich fürchte, Sie sind erliegen einem Missverständnis«, mischte sich Dorkas ein.

»Was denn dann? Ritter von Alexandria, der hohe Orden von Byzanz, der Tempel vom Grab, das heilige Banner vom hohen Gral – wer hat Sie geschickt?«

»Forza Nobile«, antwortete Tony Tanner mit einer wahren Grabesstimme.

Peak-Maude fuhr seinen Kopf wieder ein, seine Blicken sprangen unter nervös flattern­den Lidern von einem zum anderen.

»Ich wusste, dass das Ärger geben würde«, flüsterte er dann.

Jetzt war zum ersten Mal die Stimme von Jeremy Steele zu hören.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte Steele. »Wir sind hier um Sie zu schützen. Nicht wir sind die Gefahr, es sind andere. Und die werden bald hier sein. Wie das so ist, Herr Peak-Maude, es gibt in dieser Welt nichts umsonst – Sie sagen uns alles, was Sie über die Forza Nobile wissen, und wir sorgen dafür, dass Sie dieses Wissen auch weiterhin noch genießen können. Ein anständiges Geschäft.«

Peak-Maude knetete seine Wurstfinger. Man hätte fast glauben können, er trauere der Perspektive, vom MI5 erschossen zu werden, nach.

»Vor einiger Zeit kamen drei Männer hierhin«, begann Peak-Maude dann seine Erzählung.

»Auf welche Weise haben Sie diese Männer kennengelernt?«

»Über das Internet. Ich kommuniziere nur über das Internet. Die drei Männer kamen aus Indien. Wir machten einen genauen Termin aus und ich hinterlegte eine Info über meine Adresse und die Klingel, die sie drücken sollten und den Code, als Erkennungszeichen …«

»Auch wieder drei lang, zwei kurz?«, fragte Steele, der jetzt das Gespräch an sich gezo­gen hatte.

»Das tut wohl nichts zur Sache, Sir. Ich wechsele die Erkennungszeichen öfter einmal. Es waren also drei Inder, das heißt, zwei waren Inder, beide in Weiß gekleidet. Und der Dritte war eindeutig Europäer …«

Peak-Maudes Blick wanderte fast zwanghaft erneut zu Tony, setzte sich auf dessen Gesicht fest und glitt wieder ab. Tony Tanner wurde es mulmig. Was sollte das? Was verbarg dieser Kerl? Hatten die anderen diesen Blick bemerkt? Und was dachten sie sich dabei? Steele hatte mit Sicherheit etwas bemerkt, davon war sich Tony überzeugt. Steele entging nichts. Er registrierte alles und lag dabei wie ein lauerndes Krokodil ganz der Oberfläche einer freund­lichen Aufmerksamkeit.

»Man lernt nicht einfach so über das Internet Leute kennen, die für einen Besuch um die halbe Welt reisen«, stellte Steele fest, hob seinen Fuß an und ließ ihn einmal weit kreisen, wobei die Knochen vernehmlich knackten.

 

Die Wurstfinger beruhigten sich und lagen nun nebeneinander auf dem Tisch. Wie erschossene Würstchen, dachte Tony und stellte selbst fest, dass diese Beobachtung eher poe­tisch als realistisch war.

»Es gab da einen Chatroom, der sich mit Konspirologie beschäftigte und da …«

»Das Thema Konspirologie beschäftigt Sie also auch?«

George Peak-Maude nickte eifrig, wobei sein Drei- oder Vierfachkinn mit leise flappen­dem Geräusch auseinandergezogen und wieder ziehharmonikaartig zusammengedrückt wurde.

»Ich habe eine Menge Fakten gesammelt, man braucht nur einen Tag im Internet zu sein, um …, nun, man muss auch wissen, wie, und ich bin …, aber nicht dass ich etwas gegen die Forza …«

»Kehren wir bitte zuerst einmal zu den Indern zurück«, entschied Steele freundlich, aber doch so, dass keinerlei Widerspruch denkbar schien. »Diese Inder werden Sie doch nicht ein­fach mit Verschwörungstheorien derart beeindruckt haben, dass sie um jeden Preis einen tutu­tut-Code auf Ihrem Klingelknopf spielen wollten.«

»Nun ja«, bekannte George Peak-Maude zögernd, »wir kamen zuerst ins Gespräch, sozu­sagen, und dann konnte ich sozusagen einige Beiträge zu der Diskussion liefern, die sich nicht aus offiziellen Quellen …«

Die Leichenwürstchenfinger auf dem Tisch zuckten wie Frankensteins Monster, als es vom Stromstoß getroffen wurde, und begannen alsdann, nicht vorhandene Krümel zur Seite zu fegen.

»Sie haben sich also als Hacker eingeführt«, stellte Steele sachlich fest.

Der Kopf von George Peak-Maude versank noch ein wenig tiefer in die Fettwülste, was in Tonys Augen einerseits stark an eine Schildkröte erinnerte, ihn andererseits in seiner Theorie über das Seelenleben dieses Mannes bestätigte.

»Nun ja, ein gewisser Ehrgeiz hat mich …« Die nachfolgenden Worte von George Peak-Maude wurden zu einem unverständlichen Gebrabbel.

»Sie haben sich also als Hacker von Graden eingeführt, und die Herren aus Indien woll­ten sich hier zu Ihnen begeben, um an Informationen zu kommen, habe ich das so richtig dar­gestellt?«, fragte Steele und bekam ein verschämtes Kopfnicken als Antwort.

»Hatten Sie schon vor dem Besuch die Forza Nobile erwähnt?«, mischte sich Dorkas ein.

»Naja, tut mir leid, aber das hatte ich. Ich erwähnte die Forza Nobile aber nur kurz im Zusammenhang mit … nun ja, … mit verschiedenen Verschwörungstheorien.«

»Und darauf sind die Inder angesprungen?«

»Ja, das hat sie sofort interessiert.«

»Wie hießen die Inder?«, fragte Tony Tanner plötzlich. Es war eine spontane Frage, die sich selbst aussprach, als er an Indien dachte, genauer an Bombay, genauer an seine Helfer dort.

Peak-Maude schaute ihn nur hilflos an und Tony stellte fest, dass er froh war, keine Antwort zu bekommen. Nachdem er seine eigene Stimme gehört, seine eigene Frage vernom­men hatte, überkam ihn sofort Furcht vor der möglichen Antwort. Es war eine instinktive Furcht vor den Dingen, die sich vielleicht zeigen konnten und die er nur vage ahnte.

»Wir haben nur die Namen genutzt, die wir schon zu Beginn im Chatroom genutzt haben. Ich nenne mich Wonderboy, und der Inder, mit dem ich kommuniziert habe, nannte sich Yogi Rama.«

»Wie sind Sie auf die Forza Nobile gestoßen?«

»Reiner Zufall. Ich bemerkte, dass es eine Reihe gesperrter Seiten gab und da ist mein Ehrgeiz erwacht. Und so kam ich dann auf die E-Mails der Forza.«

Dorkas stöhnte leise auf.

»Die Forza Nobile äh, … wir nutzen also E-Mails?«, vergewisserte er sich.

George Peak-Maude nickte wieder mit dem leise flappenden Geräusch.

»Es gibt ziemlich zahlreiche Botschaften, sie sind wie E-mails, aber sie haben ein eigenes System. Ich kann es nicht in Gänze öffnen oder einsehen. Außerdem habe ich nicht so ganz kapiert, was das alles sollte.«

»Warum nicht?« Das war wieder Jeremy Steele.

»Nun ja, es waren meistens ganz kurze Mitteilungen, Fragen und Antworten. Ich konnte nicht feststellen, worauf sich die ganze Geschichte bezog.«

»Aber Sie werden noch ein paar Dinge in Erinnerung behalten haben.«

»Es ging um irgendein deutsches U-Boot, um irgendwelche Franzosen, Rabbi Kahane, um so was wie den Gral … was weiß ich, und um einen Abbé, den sie wohl suchen. Es ist alles ein Gemisch aus Politik, militärischem Kram und alten Geschichten … ach ja, irgendwo war von Saddam und Saladin die Rede, dann spielten sie so eine Art von Was wäre geschehen wenn-Spiel. Es gab Dossiers über irgendwelche Personen und Gruppen, meistens ziemlich abgefahrene Literaten und Extremisten. Für mich war das bald ziemlich langweilig.«

»Aber Ihre indischen Kunden … ich nehme doch an, dass es Kunden waren …?«

»Nun ja, ich bekam natürlich für meine Arbeit eine gewisse Summe …«

»Also Kunden. Die Inder fanden das alles aufregender als Sie. Was passierte? Haben Sie denen Zugangscodes gegeben?«

»Nein, nein, ich schwöre, lieber Herr Steele. Ich habe lediglich alles ausgedruckt, was ich irgendwie auf den Bildschirm bekommen konnte. Es war ein ganzer Aktenordner voll. Damit sind sie abgezogen. Übrigens sind das nicht alles Sachen von der Forza Nobile gewesen, son­dern auch Seiten, die sich wiederum auf die Forza Nobile beziehen, also Dossiers über die Sammler von Dossiers, wenn Sie verstehen …«

»Haben sie erwähnt, warum sie sich für die Forza Nobile interessierten?«

»Die Inder? Nein, sie schienen etwas besorgt, dass die Forza Nobile das Internet nutzt. Sie fragten mich, ob ich etwas von Suchmaschinen oder von Spidern bemerkt hätten, die viel­leicht von der FN eingesetzt werden.«

»Und?«

»Nichts. Aber, nun ja, ich habe meine Rechner auch ganz gut eingepackt. Ich meine, da kommt keiner rein, aber auch sonst habe ich nichts bemerkt.«

»Können Sie uns jetzt einen Blick auf die Botschaften ermöglichen, die Sie, sagen wir, sich erhackert haben?«

»Das würde etwas dauern. Die, also, äh, Ihre Leute haben ja gemerkt, dass sie angezapft werden. Also haben sie den Code geändert. Und danach wurde mir das auch zu heiß, und ich habe die Finger davon gelassen.«

»Waren die Leute von der Forza Nobile in dieser Hinsicht schnell?«

»Nicht besonders. Ich glaube, es hat sie nicht mal besonders interessiert. Sie scheinen auch nicht so besonders vorsichtig zu sein, ich sage scheinen, aber das sind vermutlich nur die Nachrichten, die ganz vorn liegen, und dahinter ist eine Riesenstruktur, die man nur ver­muten kann. Da fällt mir ein, dass ich irgendwo noch einen Ausdruck herumfliegen haben müsste. Mir ist gerade die Laserkartusche verreckt, als das Papier herauskam. Also habe ich noch einmal ausgedruckt und den ersten Ausdruck weggeworfen.«

Mit diesen Worten drückte sich George Peak-Maude in die Höhe und schlurfte in den Nebenraum.

Steele folgte ihm auf dem Fuß. Dann kam Little. Tony Tanner und Dorkas blieben einen Moment allein im Esszimmer. Tony fiel erst jetzt auf, dass der Raum ein Fenster hatte.

Allerdings waren die Jalousien herabgelassen und die Gurte, mit denen sie bewegt werden konnten, waren durchgeschnitten.

 

Dorkas schüttelte den Kopf. Er wirkte enttäuscht.

»Was haben Sie gedacht«, versuchte Tony, ihn aufzumuntern. »Dass sich Ihre Forza Nobile noch mit reitenden Boten Pergamente zukommen lässt? Oder vielleicht einen kleinen Briefdrachen benutzen«

»Unfug, solche pubertären Vorstellungen sind doch wohl eher Ihr Ressort. Ich bin einfach besorgt. Die Forza Nobile sammelt Informationen, schafft Verbindungen, erkennt Hintergründe, und daraus entsteht etwas, was ein einfacher Mensch wie ich als Wissen bezeichnen würde. Und allein auf Wissen beruht die Möglichkeit zum Handeln.«

»Na schön – was war das jetzt? Blanker Neid, Ehrfurcht, Bewunderung?«

»Erschrecken wäre das treffende Wort, Herr Tanner, Erschrecken. Stellen Sie sich doch einfach vor, welche Macht darin besteht, seit Jahrhunderten Entwicklungen zu analysieren … und vielleicht sogar mitzubestimmen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Forza Nobile ein derartiges Gebilde ist. Obwohl … wahrscheinlich hatte ich mir die Sache nicht richtig vor Augen geführt. Ich dachte, unter uns gesprochen, an so eine Art von Gelehrtenklub.«

»So klingt es in meinen Ohren auch.«

»Ja, aber ein Gelehrtenklub mit Ambitionen. Und da sei die Frage erlaubt, welche sind es.«

Im Nebenraum raschelte George Peak-Maude auf allen vieren durch leere Chipstüten, brachte leere Erdnussdosen zum Rollen und stand schließlich schnaufend auf, in der Hand ein zerknülltes Papier. Er schaute sich kurz um und reichte es dann Tony.

Es blieb bei einem Versuch, denn Dorkas`Hand schoss blitzartig vor und grapschte nach dem Papierball. Mit seiner Beute machte Dorkas dann einen Ausfallschritt nach hinten, und, als er sich vergewissert hatte, dass ihm keiner den Fang streitig machte, begann er, das Papier umständlich zu glätten. Seine erwartungsfrohe Miene verfinsterte sich, als der die ersten Zeilen überflog.

»Oh, wie unerfreulich, das ist ja Italienisch!«

Trotzdem begann er zu laut zu lesen, betonte die ersten Worte falsch und ungeschickt und gab schließlich auf.

»Herr Tanner, Sie können doch italienisch? Wenn Sie die Güte hätten?«

Tony Tanner hob ironisch abwehrend die Hände.

»Aber nicht doch, ich will Ihnen doch nicht das Recht der ersten Lesung streitig machen, wer bin ich denn, nur an so etwas zu denken?«

Irgendwie war es inzwischen jedem gelungen, irgendwo Platz zu nehmen. Steele lehnte mit überkreuzten Beinen an der Wand, im rechten Winkel zu ihm hockte Dr. Jake Little auf die gleiche Weise, und man hätte nur noch ein Lagerfeuer vor ihnen entzünden müssen, um die Illusion zweier Indianer während der Ruhe auf einer Pirsch zu erwecken.

Little beugte sich zu Steele vor und zischte: »Wir haben nicht alle Zeit der Welt, Mr. Steele, man sollte das hier nach Möglichkeit abkürzen, das wäre mein Rat!«

»Wir sind nicht ohne Grund hier, denke ich«, meinte Steele leise. »Haben wir noch eine Viertelstunde?« Little nickte, wurde aber trotzdem den Eindruck nicht los, dass Steele sich gar nicht verkrümeln wollte, sondern mit fatalistischem Genuss auf das Eintreffen von Feinden wartete, um es ihnen so richtig zu zeigen.

Jeremiah Steele hielt Tony Tanner im Auge. Er war gespannt, ob diesem Reisekaufmann das Italienische lag.

Tony Tanner wartete genüsslich ab, bis Dorkas die gewünschte, ins Rötliche gehende Hautverfärbung zeigte, und nahm sich dann des Papiers an.

Die Buchstaben waren nicht gut zu lesen, teilweise waren es nur noch unleserliche Schatten oder undeutliche Striche. Die Tatsache, dass der Raum lediglich durch zwei, wenn auch große, Bildschirme erhellt wurde, machte alles auch nicht besser, jedenfalls bis Peak-Maude ein überraschend helles Lämpchen anknipste, das er zum Verkabeln benötigte.

»Lesen Sie, los lesen Sie«, forderte Dorkas ungeduldig.

»Dossier … Merlin Hougefeen …«, Tony hatte Schwierigkeiten, den Namen auszuspre­chen. »Geb. … geboren 1881 in Woudrichem als Jan-Pieter Hougefeen, Vater Büroangestellter, Mutter Näherin, drei Geschwister, schwierige wirtschaftliche Verhältnisse, schlechter Schüler, Neigung zu Einzelgängertum, kein Anschluss an Klassenkameraden, keine Freundschaften, frühes Interesse an religiösen Texten, vor allem solchen aus der mittel­alterlichen Mystik und dem asiatischen Kulturkreis, schrieb romantische Gedichte, malte Aquarelle, hasste jede Art von sportlicher Betätigung, vor allem jede Form von Mannschaftssport, liebte einsame Wanderungen und lange Radfahrten, guter Schwimmer, besaß ein selbst gebautes Segelboot, normale Gesundheit, aber Neigung zu nervöser Übererre­gung, erschreckte eine junge Dame mit einem überfallartigen Liebesgeständnis, was fast zu einem Schulverweis geführt hätte, nachdem sich Verwandte der Angesprochenen beim Direktor beschwert hatten, Schulabschluss 1900, Studium an der Universität Leiden, Studium der …«

»Was ist, so lesen Sie doch weiter«, herrschte Dorkas Tony an.

»Lesen Sie doch selbst«, antwortete der und hielt Dorkas den unleserlichen Text vor die Nase. Dorkas versuchte sich mit zusammengekniffenen Augen als Entzifferer, rollte einige Worte versuchsweise auf der Zunge und schluckte sie dann wieder herunter.

»Es ist höchst ärgerlich«, klagte er dann. »Gerade aus den Studienfächern hätte man … na ja, es soll halt nicht sein. Können Sie noch etwas weiters entziffern, Herr Tanner?«

»1902 hält sich H. in München auf, wo er Kontakt zu den Kosmikern um Schuler und Klages bekommt. Erste literarische Versuche, die wenig Erfolg haben. Hat Beziehungen zu ariosophischen, theosophischen und anthroposophischen Kreisen, versucht 1903 in München im Umkreis von Ludwig Derleth und Stefan George einen asketisch-esoterischen Kriegerbund unter dem Namen Sanctus Michaelis-Gilde zu gründen, gewinnt Amalia Stuckenbroich für das Projekt, das von einer äußerst frauenfeindlichen Tendenz getragen wird, sie stellt ihre Villa in Bad Tölz zur Verfügung, im folgenden Jahr scheitert das Projekt, nachdem sich Amalia Stuckenbroich von ihrem Mann getrennt hatte und mit einer rumäni­schen Opernsängerin namens Valeria Donescu zusammenlebte, was einen gesellschaftlichen Skandal erster Güte hervorrief, zumal Stuckenbroich ihren Ehemann, einen Verehrer und Gönner Alfred Schulers, als faden, blöden Blondling bezeichnete und das wilde Zigeunerblut ihrer Liebhaberin lobte. H, gerät in eine tiefe Lebenskrise. Er wandert über die Alpen nach Italien, lebt einige Zeit in Venedig und Rom und nimmt anschließend sein unter­brochenes Studium wieder auf. Geldmangel ist sein ständiges Problem. 1911 Promotion bei Ari van Gunnerk in Antwerpen über Einflüsse des Taoismus auf die westliche Geisteswelt. Versuche, seinen Lebensunterhalt im Bereich der Universität zu bestreiten, scheitern. H. lernt 1913 Mareike D. kennen, Heirat 1914, am Tag des deutschen Einmarsches in Belgien. Die Ehe leidet schon bald unter den ständigen wirtschaftlichen Problemen. H. wird Vater zweier Kinder. Geldnot zwingt ihn, sich einen Broterwerb als Angestellter in einer Rotterdamer Importfirma zu suchen. H. leidet unter seiner stupiden Arbeit, die er so schlecht erledigt, dass er sich binnen Kurzem eine neue Stelle suchen muss. H. bekommt Alkoholprobleme. Phasen ständigen Alkoholkonsums wechseln mit Zeiten, in denen er keinen Tropfen anrührt und sich, wie er selbst ausdrückt völlig in der Strömung befindet. H. beginnt einige Buchprojekte, die allerdings alle zu keinem Ergebnis führen. 1918 schickt er einem Verleger ein Manuskript, das ohne Kommentar zurückgeschickt wird, worauf H. es in den Ofen wirft und über Monate in tiefe Depressionen verfällt, die seine Tauglichkeit für das Alltagsleben fast vollkommen zer­stören. Ehestreitigkeiten sind an der Tagesordnung. H.’s Versuche, seinen Kindern ein guter Vater zu sein, scheitern kläglich. In einem Brief an einen Bekannten klagt er: Ich konnte nicht einmal einen Kanarienvogel halten, weil mir alles Lebendige unter den Händen verstarb. Wie soll ich da Kindern ein Vater und Vorbild sein? 1921 verlässt ihn seine Frau, 1923 wird H. geschieden. Da Mareike inzwischen mit einem anderen Mann, der schon seit langer Zeit ihr Liebhaber war, zusammenlebt, bedeutet die Auflösung der Ehe für H. auch das Ende seiner finanziellen Verpflichtungen. Er stimmt in die Adoption seiner Kinder durch den neuen Ehemann seiner Ex-Frau ein. Dennoch wird H. von dem Gefühl des Scheiterns heimgesucht. Er gibt seine bürgerliche Existenz auf, lebt von Gelegenheitsarbeiten, beginnt ein Studium, das er bald wieder abbricht, verkauft seine gesamten Habseligkeiten, darunter eine nicht unbeträchtliche Bibliothek, die sein ganzer Stolz war und wandert durch Europa. 1925 mit … in Berlin, nimmt an den Seancen von Fritz Paulsen teil, ist selbst weder als Medium noch zur Hypnose brauchbar. Teilnehmer an den Privatseminaren von Moische Blumenfeld über Chassidismus und Kabbalismus sowie von Hermann Graf von Bengtstorff über germanisches Kriegertum und arische Weltgesinnung. H. hält sich mit kleinen Zeitungsartikeln, Theaterkritiken, Kunstbesprechungen über Wasser, lebt in äußerst bescheidenen Verhältnissen, kann sich aber dennoch den Ruf eines eleganten Salonlöwen erarbeiten. Veröffentlicht Artikel in esoterischen Blättern, schafft es, im adonistischen Verlag unter dem Namen Merlin ein Buch über Gnosis und Alchimie zu veröffentlichen …«

 

Tony hob den Kopf und rieb sich die Augen. »Bevor Sie mich wieder anmosern, hier steht nichts.«

»Dann haben Sie die Güte, uns das zum Besten zu geben, was da noch steht und uns nicht vorzuschweigen, was da nicht steht«, antwortete der erboste Dorkas.

»Anfang der Dreißigerjahre über Arnold Klanzenhuber, einem Bekannten aus der Zeit der Münchner Kosmiker Kontakt zu Horst von Trattenfurt, der im Auftrag von Heinrich Himmler rassische und esoterische Forschungen betreibt. 1935-1936 und 1937-1939 mit entsprechen­den Forschungsreisen in Tibet und Indien. 1941 im Iran, mit dem Auftrag, über die arische Rassengemeinschaft Möglichkeiten der militärischen Kooperation auszuloten. H. wird von einer britischen Agentin namens Maggie T. beim Liebesspiel gewürgt und für tot zurückge­lassen. Ein Mitglied einer Sufi-Sekte findet ihn und rettet den leblosen H. Anfang 1943 kehrt H. nach Deutschland zurück. … 1943 von einem SS-Sonderkommando unter Obersturmbannführer Hartung in einem Wald bei Delmenhorst erschossen, 1943 als Kollaborateur von niederländischen Partisanen nahe s’Hertogenbosch in einem Straßengraben ertränkt, 1945 Selbstmord, nachdem er von kanadischen Truppen in der Nähe von Wesel festgenommen worden war, 1945 bei einem Luftangriff auf den Ruhrkessel zu Tode gekommen. … 1955 Teilnehmer einer Versammlung der … Nunc scio vere. Das war es dann wohl«, beendete Tony Tanner seine Lesestunde. Er knüllte das Papier wieder zusammen und wollte es gerade auf den Boden werfen, als sich Dorkas auf ihn stürzte und sich des Papierknäuels bemächtigte.

»Wie können Sie nur«, schimpfte Dorkas, »so eine Barbarei.«

»Bitte keine künstliche Aufregung«, konterte Tony, »diese Geschichte von einem Altnazi, der mindestens viermal zu Tode kommt, um dann zehn Jahre nach seinem letzten Ableben wieder auf der Bildfläche zu erscheinen, also ich weiß nicht. Die Niederländer sind ja als harte Knochen bekannt, aber dass einer eine Erschießung und einen Selbstmord überlebt ist eher unwahrscheinlich.«

»Trotzdem, es werden hier genügend Namen genannt, bei denen man ansetzen kann. Obwohl ich zugegebenermaßen noch von keinem etwas gehört habe. Das heißt doch, Stefan George war im Kreis um Verlaine und Mallarm, womit wir beim Symbolismus wären, natür­lich Baudelaire nicht zu vergessen, also Dandytum, Drogen, Dekadenz, überreife Erotik, die Müdigkeit des Westens an sich selbst, sodass wir von hier schnell in jene Kreise der Weisheitssucher geraten, die sich dem Morgenland zuwenden, wobei der Orient sich als ima­ginärer Ort der eigenen Innerlichkeit herausschält, sodass wir hier also bei den esoterischen Klubs wären, die sich auch gerne in die Politik mischten, und zwar, das muss man wohl so sehen, eher auf der sogenannten rechten Seite der Politik, soweit sie nicht doch einer anar­chistisch-kommunitären Utopie in der Nachfolge Fouriers und Enfantins anhing …«

 

Dorkas unterbrach seinen Vortrag und starrte auf das Papierknäuel auf seiner Handfläche, als wäre es eine Kristallkugel, in der er besondere Zeichen erkennen könnte.

»Trotzdem«, sagte er zögernd, »trotzdem ist das alles sehr seltsam. Ein Merlin Hougefeen, der ein ziemlicher Versager gewesen zu sein scheint und viermal umgebracht werden muss. Ich frage mich, was der mit der Forza Nobile zu tun hat.«

George Peak-Maude verdrehte besorgt die Augen. Hatten diese Männer nicht anfangs behauptet, sie seien von der Forza Nobile – und nun taten sie so, als sei ihnen dieser Merlin unbekannt, ausgerechnet der, auf den sich die meisten der Nachrichten, die er im Internet gefunden hatte, bezog? Er sackte in sich zusammen. Diese Kerle würden ihn doch umbringen, davon war er überzeugt. Obwohl Peak-Maude nicht der Mann war, der beten konnte, formu­lierte er doch inbrünstig die Bitte an einen unbekannten Gott, er möge ihm vielleicht jeman­den zu Hilfe schicken.

Steele hatte Tony Tanners Übersetzung mit Interesse verfolgt. Tony war wieder in seinem Ansehen gestiegen. Steele sagte: »Da nicht alles wahr sein kann an diesem Papier, muss nichts wahr sein, ich gebe das zu bedenken, Gentlemen!«

»Trotzdem könnte er bei dem Laden eine große Nummer sein, bei all der Aufmerksamkeit, die er so genießt im Web«, mischte sich George Peak-Maude ein. Die Aufregung ließ seine helle Stimme fast schrill klingen. »Ich erinnere mich genau, dass die Nachrichten, die ich aus­gedruckt habe, fast alle an einen Merlin gingen. Und es war ein Merlin, der ständig seine Leute mit Fragen bombardiert hat. Sie sind von der Forza, haben Sie gesagt? Sie haben mich angelogen. Also, wer schickt Sie wirklich?«

»Das ergibt keinen Sinn«, mischte sich nun Steele ein und ignorierte den zeternden Peak-Maude völlig. »Wieso wird ein solches Dossier, das in keiner Weise einen positiven Eindruck hinterlässt von der Forza Nobile über einen ihren Leiter erstellt?«

»Weil es vielleicht in dieser obskuren Forza Nobile zugeht wie bei uns im Büro. Es gibt mindestens drei Fraktionen, die sich gegenseitig in die Pfanne hauen wollen«, steuerte Tony Tanner seine Lebens- und Berufserfahrung bei.

»Wie könnte sich eine solche Gesellschaft über Jahrhunderte halten, wenn sie sich vor allem mit Intrigen in den eigenen Reihen beschäftigt?«, protestierte Dorkas. »Das ergibt nun wirklich keinen Sinn. Aber ich glaube, ich weiß, wo die Erklärung liegt. Am Ende steht doch Nunc scio vere. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass dies Lateinisch ist und Nun weiß ich wirklich bedeutet. Ich betone scio, also die Ich-Form. Was darauf hindeutet, dass dieses Ich niemand anderes ist, als Merlin Hougefeen selbst, der hier so eine Art von kritischer Lebensbilanz gezogen hat, in bester stoischer Tradition übrigens.«

»Ich Ihnen eigentlich klar, dass dieser Kerl inzwischen über hundertzwanzig Jahre alt sein müsste? Damit wäre er ja fast rekordverdächtig«, antwortete Tony. »Das ist selbst für einen zähen Holländer, der seinen eigenen Selbstmord überlebt eine Herausforderung. Und wenn ich aus meinen bescheidenen Lateinkenntnissen etwas beitragen kann, also ich meine, man könnte auch übersetzen: Jetzt kenne ich die Wahrheit – im Sinne: Nur ich allein weiß halt, wie es wirklich war.«

»Kann sein, kann sein. Wissen Sie, wie lange diese Dinge schon im Internet schwirren«, verteidigte sich Dorkas.

Wieder mischte sich Peak-Maude ein: »Die Daten der E-Mails lagen nicht länger als ein paar Jahre zurück, einige waren recht aktuell. Aber ich muss wissen, wer Sie schickt, bitte, nun sagen Sie es doch, meine Herren!«»

»Na gut, dann ist Merlin vielleicht eher ein Titel als eine bestimmte Person? Oder in der Forza Nobile kursiert ein Pülverchen, das alten Herrschaften wieder Pepp für ein weiteres Jahrzehnt gibt«, grinste Tony. So langsam konnte er die Sache mit der Forza Nobile nicht mehr ernst nehmen.

»Ich unterstelle, dass wir heute zu keinem abschließenden Befund kommen werden«, stellte Dorkas fest und ließ das Papier in seiner Tasche verschwinden. Dann griff er sein Paket, das er zwischenzeitlich abgestellt hatte, und klemmte es sich wieder unter den Arm.

»Da wir gerade beim Thema E-Mails sind«, sagte Steele und deutete auf den Bildschirm, der immer noch einen Balken zeigte, der sich langsam nach rechts schob. Die Festplatte des angeschlossenen Rechners ratterte hörbar, ein grünes Lämpchen flackerte. Steeles Finger schwenkte vom Bildschirm in Richtung auf George Peak-Maude. »Sie terrorisieren Ihre Umwelt mit Spam, liege ich da richtig?«

Der Mund von George Peak-Maude klappte auf, schloss sich wieder, gab dann endgültig den Kampf gegen die Schwerkraft auf und fiel herunter. Schließlich zuckte Peak-Maude die Schultern und deutete ein Kopfnicken an, was schwer zu erkennen war, weil sein Kopf bis zum Ohrläppchen in die Schulter versunken war.

»Ich habe kein kommerzielles Interesse«, flüsterte er. »Es geht mir darum, die Leute auf­merksam zu machen.«

»Na schön. Herr Peak-Maude«, antwortete Steele trocken, »dann schicken Sie mir eine akustische E-Mail und erklären mir, auf was ich aufpassen muss.«

»Auf die große Verschwörung.« George Peak-Maude legte seinen Finger mitten auf den Bildschirm. »Das Internet ist das Netz, in dem wir alle als kleine Fische zappeln. Wissen Sie, wie lange die Börse braucht, um auf irgendein Ereignis zu reagieren? Dreißig Sekunden! Spätestens nach zehn Minuten ist jedes Ereignis in die Kalkulation einbezogen, und wenn es auch ein Kometeneinschlag in Tokio sein sollte.«

»Schön, und was ist daran so verschwörerisch?«

»Die Geschwindigkeit verdeckt die Realität. Es ist so, als ob Sie mit einem Tiefflieger über den Boden rasen und sich dabei die Landschaft anschauen sollen. Inzwischen erleben wir die Kriege und die Katastrophen in Echtzeit mit. Aber das ist der Trick. Weil wir nicht mer­ken, dass uns das Tempo die Sicht verstellt. Warum kam es 1987 zu einem Börsencrash? Weil in den USA nur noch die Computer handelten. Schließlich mussten sie abgestellt werden, weil sonst die Kurse ins Bodenlose gefallen wären. Aber wer hat in diesen wenigen Minuten wirk­lich davon profitiert? An der Börse wird kein Geld gewonnen oder verloren, es wechselt nur den Besitzer. Also, wer ist der neue Besitzer der Milliarden?«

»Klingt aufregend. Ist aber völlig nichtssagend.«

 

Peak-Maude schaute Steele verblüfft an. Dann sammelte er sich und setzte neu an: »Nun gut, vielleicht war ich eben ein wenig zu hochgestochen. Was ich sagen wollte, war, dass heute eine Handvoll Leute, dadurch, dass sie auf einen Knopf ihres Rechners drücken, Dinge in Bewegung setzen können, die so schnell passieren, dass sich diese Leute hinter der Geschwindigkeit verstecken können, weil wir so lange brauchen, um überhaupt zu verstehen, was gerade vor sich geht, dass wir keine Chance haben, den Ereignissen auszuweichen, es sein denn, wir würden selbst durch einen Rechner reagieren. Aber auch das ist ein Trick. Heute zieht jeder Mensch in Nordamerika, Europa, Australien und Japan eine Fährte von elektronischen Daten hinter sich her. Versicherungsdaten, Bestellungen bei Versandhäusern, Nachrichten, die nicht gelöscht wurden. Wir haben fast eine Milliarde Menschen, über die allein aus ihren Daten Persönlichkeitsprofile erstellt werden. Sie hatten vor zwei Jahren Größe 48 und jetzt 52? Sie ernähren sich ungesund, Sie essen zu viel. Sie haben außerdem Lebenshilfebücher bestellt? Aha, Sie haben sich also aus Frust Ihr Fett angefressen. Oder warum waren Sie in den letzten zwei Jahren alle zwei Wochen in einem bestimmten Hotel? Ihre Ehefrau war nicht bei Ihnen, denn die hatte in einem der fraglichen Zeiträume eine Autopanne und musste Hilfe vom Automobilklub anfordern. Sie haben aber Doppelzimmer bestellt. Und so weiter und so fort. Sagt Ihnen der Name John M. Poindexter etwas? Na? Er ist Admiral, war einmal Sicherheitsberater des US-Präsidenten und leitet jetzt das Information Awareness Office des Pentagon. Dieser Mister Poindexter, und fragen Sie mich nicht, woher ich das jetzt weiß, aber es ist einer der Gründe, warum ich zur Nervosität neige, hat ein Programm angeleiert, dem er den Namen Total Information Awareness gegeben hat. Dafür will er jährlich 200 Millionen Dollar von der Darpa einsacken. Und er wird sie bekom­men, darauf können Sie einen lassen. Also – es ist Poindexter, der Sie schickt?«

»Wer ist Darpa?«

»Also nicht Poindexter. Darpa ist die Abkürzung für Defence Advanced Research Project Agency. So, um was geht es bei der Geschichte? Um Rasterfahndung im Internet. Und das bedeutet heute, Zugriff auf 99 Prozent aller Daten, die nicht auf irgendwelchen privaten Festplatten unter der Matratze lagern. Natürlich werden die US-Militärs höflich anfragen, ob sie in diesem oder jenem Staat ihren Kampf gegen den Terrorismus führen dürfen. Aber mal ehrlich, wer glaubt schon, dass die sich tatsächlich daran halten, wenn ihnen irgendein euro­päischer Polit-Fuzzi die Suche verbietet? Vergessen wir es doch! Wie ist es denn mit Echelon? Da wird doch auch gelauscht, was das Zeug hält, ob das erwünscht ist oder nicht. Und mei­nen Sie vielleicht, in diesem Augenblick würden die Jungs in Langley oder Cheltenham nicht das Internet durchsuchen und nicht bei jedem Handy-Gesäusel mithören? Die knabbern uns am Ohr, das ist es doch! Welcher Idiot braucht ernsthaft Handys, mit denen er Scheißbilder verschicken kann? Keiner. Aber das ist der nächste Schritt, die Werbung macht diesen Plattköpfen klar, dass sie unbedingt so ein Teil brauchen, und wissen Sie, wer dabei vor lauter Gier sabbert?

Richtig, unsere Freunde in Langley und Cheltenham, Hand in Hand, die große transatlan­tische Allianz, George Orwell lässt grüßen! Ist doch klasse, jetzt bekommen die Geheimdienste schon die Bilder mitgeliefert. Und wenn die Bullen sich auf die Suche nach Kinderpornografie machen, dann jubelt jeder, dass man den bösen Onkels auf die Finger haut. Aber wie viel Informationen dabei hängen bleiben, die nichts mit diesen Kinderf… zu tun haben, da fragt keiner nach. Wissen Sie was, ich bin sicher, dass 90 Prozent von allen diesen Schmuddelbildern vom Staat ins Netz gestellt werden, damit er vor der eigenen Öffentlichkeit ein Alibi fürs Schnüffeln hat. So ist das. Soso, Sie lesen also ein E-Book? Spannende Geschichte? Was glauben Sie, wie viele Nachrichten darin untergebracht sind, und was Sie damit alles erreicht? Sie werden mit Neugier gefüttert und Sie werden ausgelauscht, aber nicht von irgendwem, sondern es geschieht ganz von allein, und wenn man will – husch, dann findet jemand ganz leicht zusammen, wer Sie sind und was Sie tun. Ich sage nur Projekt Palladium. Na ja, was ich sagen will – entweder wir klettern wieder alle auf die Bäume oder wir machen uns darauf gefasst, dass Big Brother uns bei jeder Scanner-Kasse im Supermarkt über die Schulter schaut. Und das ist das, was ich Verschwörung nenne! Seid ihr Palladium-Leute? Ich könnte euch nützlich sein? Bitte legt mich nicht um, bitte!«

 

Nachdem George Peak-Maude geendet hatte, sagte keiner ein Wort. Die Festplatten rat­terten und die Ventilatoren rauschten.

»Ich muss jetzt erst einmal unter die Dusche«, beschied George Peak-Maude seinen Zuhörern und schlurfte dann, begleitet vom Rascheln leerer Chipstüten ins Bad und schickte neue stumme Gebete um Rettung zum Himmel.

»Ist dieser Herr nun ein Genie oder ein Irrer«, fragte Dorkas mit leiser Stimme. Steele zuckte die Achseln. »Die Trennlinie ist bekanntlich unscharf. Aber er hat natürlich in gewis­ser Weise recht. Aber zu uns: Mit Verschwinden ist nichts mehr, oder?« Es klang kriegslüs­tern.

Little schüttelte hastig den Kopf.

»Zu spät«, sagte er. »Sie halten gerade vor der Tür.«

Steele schob seine Hand unter die Jacke. Es war eine harmlose Bewegung, als würde ein freundlicher Vater nun nach der Brieftasche greifen, um seinem Sohn ein Eis zu spendieren. Aber Steele brachte seine Waffe zum Vorschein.

»Auch gut, dann werden wir die Sache schon hier klarstellen.«

Nur Tony Tanner sah diesen seltsamen Ausdruck von Zufriedenheit, fast von einer boshaften Vorfreude, die etwas Dämonisches hatte. Es war nur ein Moment, dann wechselten Steeles Züge wieder zu der kalten Gelassenheit, die seinen vorherrschenden Eindruck bestimmten. Es ging so schnell, dass sich Tony sofort fragte, ob er sich nicht vielleicht getäuscht hatte.

»Es sind … », Little legte seine Handflächen auf das Gesicht, versteckte sich dahinter wie ein verschrecktes Kind. Während er die unmerklichen Impulse empfand, zartes Wispern, das entfernte Ereignisse in seinem Bewusstsein erklingen ließen, drängte sich ihm eine andere Erkenntnis auf. Er wollte sie nicht, er hatte nicht nach ihr verlangt, sie erschreckte ihn, aber er musste sie akzeptieren wie eine Krankheit.

Er spürte den Druck seiner verschwitzten Handflächen auf Wangen, Augenhöhlen und Stirn. Es war seine eigene Hand, er selbst übte diesen Druck aus und er selbst spürte ihn. Es war sein Körper – aber in diesem Körper wurde sich Little nun einer anderen Person bewusst. Oder eher eines anderen Aspektes seiner eigenen Person, als würde er sich selbst unerwartet im Spiegel, aus einer ungewohnten Perspektive betrachten und sich wundern, wer wohl die­ser so vertraut scheinende Unbekannte sein mochte. Jeder Aspekt von Little, das wurde ihm nun bewusst, hatte einen anderen Namen. Und noch eins wurde ihm deutlich. Er hatte es schon seit Langem gewusst, es mit sich herumgetragen wie ein düsteres Geheimnis, und jedes Mal, wenn sich dieses Geheimnis an die Oberfläche drängen wollte, hatte er es panisch ver­drängt, hatte es unter einer Art von kindischem Lalala-ich-höre-dir-lalalalal-nicht-zu-lalala verschüttet. Und hatte damit seinen eigenen Zustand verschlechtert, ja die Verschlechterung in gewisser Weise sogar als Schutz in Anspruch genommen.

Das hässliche Wort, das Little zu verschreckt hatte, lautete Schizophrenie, gerne auch mit dem hübschen Wort Spaltungsirresein umschrieben. Jetzt erkannte Little – Jake-John­ Boo Little – dass er sich vor einem Popanz gefürchtet hatte, vor einer mit wissenschaftli­chem Dreschabfall ausgestopften Vogelscheuche. Es war alles ganz einfach, ER musste es nur akzeptieren. ER musste einsehen, dass er Jake Little war, der nervige Pedant, der tagelang über Datenreihen brüten konnte und seine Mitarbeiter mit seinem kleinkarierten Skeptizismus an den Rand der Verzweiflung trieb. Er musste einsehen, dass er ebenfalls John war, ein Name, den ihm eine längst verflossene Freundin gegeben hatte, weil deren letzter Freund ebenfalls Jake hieß und der, wie sie nicht müde wurde zu betonen, ein totales Voll-Arschloch gewesen war. John war anders als Jake. Tatsächlich hatte sich John in den Tank gelegt, damals, als seine Odyssee begann, weil Jake dazu der Mumm gefehlt hätte. Aber John hatte auch noch eine andere Eigenschaft, die Jake völlig abging.

 

John war sensibel, empfindsam – ein bekennendes Weichei, ein Frauenversteher der übel­sten Sorte, ein williger Sitzpinkler und schamloser Schattenparker. Jetzt war er John, das wurde Little deutlich. Aber damit war die Party im Hause Little ja noch nicht zu Ende, auch wenn der Dritte im Bunde vielleicht zurzeit keine Rolle spielte. Nummer Drei nannte sich Boo – ein Witz unter den Mitarbeitern des Institutes, die ihn heimlich Doktor Boolittle nannten, wegen seiner Fähigkeit, mit den Versuchsdelfinen eine Kommunikation aufzubauen, wobei der Laut »Buh« eine gewisse Rolle spielte.

Diese Erkenntnis, diese wenigen Sekunden, in denen sich Little dessen gewahr wurde, öffnete den Boden unter ihm und ließ ihn in eine schrankenlose Leere stürzen. Und zugleich gab sie ihm die Fähigkeit zu schweben und auf diese Weise die gähnende Leere zu verspot­ten. Es war alles so einfach, und nur seine Angst hatte ihm diesen Moment der Angst und der Befreiung gleichzeitig erspart und gestohlen.

Vielleicht, so bildete sich der Gedanke in Littles Kopf, schweben wir alle über diesem Abgrund. Vielleicht bemerken die meisten Menschen ihn nur nicht, weil sie mit banaler Dummheit gesegnet sind und den eisigen Hauch aus der Tiefe nicht spüren können. Andere wissen darum und verplempern ihr Leben damit, ihn zu leugnen. Und wieder andere, und zu diesen durfte sich jetzt Little (Jake-John-Boo) zählen, schwebten über der Leere und ähnelten darin vielleicht sogar den Engeln.

»Oh Mann«, sagte Little (John) plötzlich, »das war Mystik, zweiter Teil.«

Steele prüfte seine Waffe. Er warf einen kurzen Seitenblick auf den Amerikaner.

»Was ich gern wissen wollte, war eigentlich etwas anders?« Steele war noch nicht restlos überzeugt, ob Little so etwas wie ein Medium war. Eigentlich passten Leute wie Little nicht in Jeremiah Steeles rationales Weltbild. Aber die letzten Stunden hatten auch in Steele etwas Neues angeregt. Hier lag ein gewaltiges Abenteuer vor ihm, und da musste nicht alles erklär­bar sein. Daher lag in seinem Blick, den er Little jetzt zuwarf, etwas Verschwörerisches und Aufforderndes.

Little schwieg und konzentrierte sich.

»Sie kommen in zwei Gruppen. Einmal drei Personen. Es sind die, die uns kennen. Einer konnte in meinen Kopf schauen, aber er benutzt ein anderes Signal. Und dann sind da noch fünf andere. Sie hassen uns, obwohl sie uns nicht kennen. Ich kann ihren Hass spüren. Es ist, als müsste ich selbst mit den Zähnen knirschen … Ich, ich bin nicht einmal sicher, ob es wirk­liche Menschen sind …«

Steele nickte. Er würde Little glauben. Aber zunächst musste er ihn beruhigen und ihm die Angst nehmen, so wie damals den jungen und unerfahrenen Warwulf-Boys, die er trainiert hatte, oder wie den Soldaten, die er geführt hatte und die ihm Vertrauen geschenkt hatten. »Solange man Löcher in sie machen kann, soll uns das schnurz sein«, antwortete Steele also, blickte Little dann unversehens ins Gesicht und zwinkerte ihm mit einem blitzschnellen und nur angedeuteten Lidschlag beider Augen zu. Dann beendete er die Inspektion seiner Waffe und schaute auf seine anderen Begleiter.

Little stand ruhig und etwas stolz neben ihm. Der Mann war brauchbar, aber sicherlich nicht dazu, um Gegner auszuschalten. Dorkas? Der klammerte sich an sein Paket fest und wirkte nicht besonders kampfeslustig. Vergiss ihn, dachte sich Steele, aber das hatte er eigent­lich schon vorher gewusst. Blieb Tony Tanner, der auch alles andere als beglückt aus der Wäsche schaute, aber immerhin so wirkte, als würde er sich nicht im nächsten Moment in die selbige machen.

Im Grunde machte sich Steele keine Sorgen. Acht Gegner bedeuteten keine unlösbare Aufgabe. Zumindest nicht, wenn man die Famagusto 666 mit Steeles selbst gebauter elektro­nischer Zusatzausrüstung in den Händen hielt, die Waffe, die in völliger Dunkelheit auf die Herztöne des Gegners abgefeuert werden konnte.

Steele musste sich heimlich beglückwünschen, dass er diesen ganzen Elektronikkram treu und brav tagtäglich mit sich schleppte, am Mann, wie es bei Militär und Warwulf so schön hieß.

»Darf ich mal?«

Steele drehte sich einige Male um die eigene Achse, schloss die Augen und hob dann die Waffe.

»Peng!!« Nach etwa drei Sekunden hatte er den Dauerton im Ohr und hätte das Dorkasche Dasein abrupt beendet, sofern er die Schussautomatik aktiviert gehabt hätte. Befriedigt nick­te Steele, und wieder glaubte Tony Tanner, dieses kurze Aufblitzen einer dämonischen Vorfreude auf Kampf zu bemerken. Steele deutete auf ihn.

»Im Prinzip steht unsere Sache nicht einmal schlecht. Wir haben nur das Problem, dass wir in einer Falle sitzen. Wie eine Ratte, würde ich sagen. Wir kommen hier nicht raus, außer durch die Tür.«

»Wir könnten leise die Rollladen öffnen und uns verzischen«, schlug Tony Tanner vor. Er fand sich selbst nicht übermäßig überzeugend. Das Kopfschütteln seitens Steele überraschte ihn also nicht.

»Unser Internet-Verschwörungstheoretiker hat die Gurte durchgeschnitten, außerdem sind die Rollladen seit Jahren nicht mehr geöffnet worden. Selbst wenn wir sie aufkriegten, würde das einen derartigen Lärm machen, dass wir alle Gegner auf uns ziehen würden. Nein, wir müssen durch die Tür raus. Ich nehme an, unsere Kampfpartner (Steele grinste boshaft, als er diese Version politisch korrekter Sprache über die Lippen brachte) sind sich noch nicht sicher, wo wir in dieser Ruine stecken. Das bedeutet, wir können jetzt noch durch die Tür raus und sie draußen erledigen. Also, darf ich bitten? Ich brauche Sie als Ablenkung.«

Tony Tanner spürte, wie sich sein Puls raketenmäßig beschleunigte. Er versuchte, das Zittern seiner Hände zu unterdrücken.

»Ich habe keine Waffe«, sagte er dann, und es klang nicht trotzig.

»Ich habe eine Waffe«, antwortete Steele und betonte dabei das Wort ich. »Ich brauche Sie nur zur Ablenkung der Gegner. Seien Sie da, machen Sie manchmal Lärm, aber bleiben Sie schön in Deckung und achten Sie darauf, nicht erwischt zu werden. Ihre Aufgabe ist ziem­lich beschissen, Sie spielen den Köder. Aber ich bin immer in Ihrer Nähe und passe auf.«

Und dann trat Steele vor und schob sein Gesicht ganz nahe an das Gesicht Tony Tanners, sodass Tony das Licht der Monitore als Spiegelung in den stahlblauen Augen Steeles glitzern sah wie ferne kalte Sonnen und das teure Aftershave roch, das Steele benutzte.

»Ein Trost, Tanner: Wenn einer Sie umlegt, dann werde ich das sein«, zischte Jeremy Steele. Und dann lauter: »Die anderen bleiben hier. Verkriechen Sie sich notfalls unter den Tisch oder zu dem Dicken in die Dusche. Los!« Schon sein Tonfall duldete nicht den gerings­ten Widerspruch.

Eine harte Hand legte sich auf Tonys Schulter und drehte ihn zum Flur. Wie betäubt und doch im Zustand äußerster Anspannung, ging Tony auf die Wohnungstür zu.

Steele lauschte einen Moment.

»Gut«, nickte er dann. »Sie sind noch draußen.«

 

Unhörbar öffnete er die Tür, steckte die Waffe durch den Spalt und richtete sie in die Dunkelheit.

»Gehen Sie«, befahl er. »Leise bis zur Haustür. Vermeiden Sie auf jeden Fall, in diese Wohnung zurückzukehren. Keine Angst, ich bin immer in Ihrer Nähe.«

»Ich weiß«, antwortete Tony. Wie oft hat mir dieser verdammte Kerl die Haut gerettet?, schoss es ihm dann durch den Kopf. Oft genug jedenfalls, um an seine Fähigkeiten auf die­sem Gebiet zu vertrauen.

Tonys Füße begannen sich unter ihm zu bewegen und trugen ihn über den Flur bis zur Treppe, dann die Stufen hoch bis zur Eingangstür.

Steeles Hand legte sich wieder auf seine Schulter und stoppte ihn. Einen Augenblick stan­den beide Männer reglos wie Statuen. Tony versuchte, sich in der Dunkelheit ein Bild seiner Umgebung zu formen. Rechts war die Eingangstür, erkennbar an dem Lichtstreifen, der zwi­schen Boden und Unterkante durchschimmerte. Zu seiner Linken war nichts außer Schwärze und dem undefinierbaren Geruch. Aber dort musste eine Treppe sein -’irgendwie’ musste da eine Treppe sein.

Tony war so in seine Orientierung vertieft, dass er nichts bemerkte. Aber Jeremy Steele bemerkte etwas. Steele bemerkte die Veränderung an dem Licht, das unter der Tür durchsi­ckerte. Er atmete zischend ein und stieß Tony dann mit einem derben Faustschlag nach links in die Dunkelheit.

Tony stolperte vorwärts, verlor das Gleichgewicht, fiel und konnte sich dann halten, weil er gegen die Treppe stürzte. Hinter ihm krachte die Haustür. Sie wurde aus den Angeln geris­sen und flog in den Flur. Steele musste sich mit einem Satz nach hinten retten, sonst wäre er getroffen worden.

Ich bin überrascht worden, dachte Steele, aber ohne Wut, nur es blitzschnell registrie­rend, es aufnehmend in seinen Erfahrungsschatz mit diesem Feind, diese Brüder haben mich gelinkt wie einen Anfänger. Noch während er das dachte, geriet er mit einem Fuß über die oberste Stufe der Kellertreppe und fiel nach hinten. Instinktiv rollte er sich zusammen, zog den Nacken ein, um den Kopf bei einem Aufprall zu schützen. Seine Waffe, die er gegen die Tür gerichtet hatte, schwang mit seinem Arm nach oben. Steele stürzte rückwärts in die Dunkelheit.

»Los, laufen Sie«, schrie er Tony zu. Seine Stimme überschlug sich.

Und Tony lief nicht, aber er kletterte, wie ein von Panik ergriffener Affe, auf allen vieren die Stufen in die Höhe.

 

Steele hatte Glück. Er prallte auf einen Widerstand, der seinen Sturz aufhielt. Er traf mit einer Schulter auf die Wand. Der Aufprall war heftig, Steele konnte das Knirschen seiner eige­nen Knochen und Gelenke deutlich hören, die Schmerzimpulse, die heiß durch seinen Körper fauchten, nahmen ihm fast das Bewusstsein. Aber er konnte sich an der Wand festhalten, und er konnte sich orientieren. Nun wusste er wieder, wo er sich befand.

Sein lauter Schrei hatte zwei Absichten gehabt. Steele wollte Tony Tanner antreiben. Und er wollte die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich lenken. Vor allem die letztgenannte Absicht wurde zu einem vollen Erfolg.

Das Viereck der Tür, das Steele durch seine Position etwas schräg und verzerrt sah, schim­merte in dem matten grauen Licht der Straße. Plötzlich huschten Schatten herbei und verdeck­ten die müde Helligkeit.

Es waren zwei Männer, und sie hatten diese hässlichen Dinger aus Tschechien, die dazu dienen, viel Lärm zu machen und den Munitionsfabrikanten ein auskömmliches Dasein zu sichern, weil sie mit einem knarrenden Geräusch ihre 40 Patronen innerhalb von einigen Sekunden entleeren können. Die beiden Benutzer der beiden Waffen fanden diese Eigenschaft offensichtlich gut, denn sie nutzten sie zur Gänze aus.

Steele konnte sich nur noch nach vorn werfen, dorthin, wo seiner Berechnung nach der schmale Wandstreifen zwischen Flur und Kellertreppe sein musste. Seine Berechnung war nicht völlig zutreffend, er sprang zu weit und prallte ein weiteres Mal hart auf. Sein kurzes Stöhnen ging in dem Schnarren der Abschüsse und dem Heulen der Querschläger unter. Steele krümmte sich zusammen und verließ sich darauf, dass er im toten Winkel lag. Wenn nicht, dachte er mit grimmigem Sarkasmus, wird das mein Totenwinkel. Während um ihn her die Querschläger jaulten und die Funken, mit denen die Geschosse auf die Wand schlugen, durch die Schwärze sprangen, war Steele völlig ruhig. Er trennte seinen Geist von seinem Körper, er bemerkte die Angst, die einfach, so verständliche, existenzielle Angst, die wie ein Tier in jedem Körper wohnt, aber er ließ sie nicht die Oberhand gewinnen. Steele betrachtete sozu­sagen aus höherer Perspektive, dass seine Hand zu zittern begann, dass ein Muskel in seinem Augenlid zuckte, dass ihm der Schweiß den Nacken herunterlief.

Im richtigen Moment würde er die abgetrennte Verbindung schon wieder herstellen.

Der richtige Zeitpunkt kam, als beide Schützen ihre Magazine entleert hatten. Das war ziemlich unprofessionell, sagte sich Steele. Wie konnte man nur so blöde sein, gleichzeitig das Feuer einzustellen, um die Magazine zu wechseln? Jeder Feldwebel hätte im Manöver bei so einer Sache eine Stimmbandfraktur riskiert, und dies zu Recht.

Steele machte den beiden Schützen ihre unverzeihliche Schlamperei bewusst. Während sie noch mit den Ersatzmagazinen hantierten, tauchte er aus dem Kellerabgang auf. Er sah seine Ziele deutlich vor dem Hintergrund des hell schimmernden Türvierecks und feuerte zwei Mal.

Das schwere Kaliber fegte die Opfer von den Beinen und warf sie nach hinten gegen den Eingang. Sie blieben verkrümmt liegen und zwangen den nächsten Angreifer, mit einem Sprung über sie hinweg zu setzen. Als seine Schuhe den Boden berührten, glitt er auf den blu­tigen Fliesen aus und schlug längelang auf den Boden. Damit hatte Steele nicht gerechnet, und so ging sein Schuss etwas über das Ziel hinweg und zertrümmerte die Wandkacheln. Der Kerl lag jetzt auf dem Boden und rührte sich nicht, und Steele konnte ihn nicht sehen.

 

Es war Zeit, sein akustisches Zielfindungssystem einzusetzen. Das bittere Grinsen in Jeremy Steeles Gesicht hatte nicht lange Bestand. Sein Gegner lebte, denn er feuerte jetzt auf ihn und zwar ziemlich gut gezielt. Aber dieser Gegner hatte keinen Herzschlag.

Tony Tanner spürte unter seinen Fingern ausgetretene Holzstufen, auf die brüchiges Linoleum genagelt war. Seine Arme und Beine trommelten auf die Treppe und trugen ihn nach oben, während hinter ihm ein Abschussknall in den nächsten überging. Tonys Bewegungen waren nichts als Ausformungen eines blinden Instinktes, der ihn nach oben trug und der ihn vorwärts peitschte, nur fort von der Gefahr.

Seine Hände griffen ins Leere, Tony war auf dem Treppenabsatz angekommen. Bevor seine Beine und Füße das verstanden hatten und reagierten, katapultierten sie ihn in der Haltung eines startenden Flugzeugs weiter, bis er das Gleichgewicht verlor und auf den Bauch plumpste.

Tonys Kinn hatte Grundberührung, vor seinen Augen tanzten muntere Sternlein, die die Situation noch nicht gänzlich verstanden zu haben schienen, sonst hätten sie sich auch schon verzogen. Trotzdem war die Flachlage auf dem stinkenden Boden nicht völlig verkehrt, stell­te Tony fest, denn nun heulten die Kugeln über seinen Nacken hinweg, dass er den Luftzug spüren konnte.

Seine lautstarke Landung hatte sowohl übelwollende als auch schwer bewaffnete Mitmenschen aufmerksam gemacht.

Tony drückte den Kopf gegen den Boden, rubbelte mit der Wange über das Linoleum und schob sich bäuchlings vorwärts. Seine Arme und Beine zitterten so stark, dass er sie kaum zu einer kontrollierten Bewegung zwingen konnte. Über ihm platzte das Flurfenster und verteilte seine Glassplitter um ihn herum. Seine Fingerspitzen stießen an boshaft spitze Kanten, das Glas stach durch den Stoff hindurch in seinen Oberschenkel.

Irgendwie schaffte er es dennoch, sich auf dem Treppenabsatz weiterzuarbeiten, das Geländer zu umrunden und die nächste Treppe zu erreichen. Aus den Augenwinkeln sah er die Mündungsblitze und hatte den Eindruck, er würde genau in den Lauf schauen. Es waren drei Männer, die dort unten feuerten. Bevor Tony auch nur eine weitere Regung über sich brachte, musste er sich vorsichtig die Splitter aus den Fingern und dem Bein ziehen. Das Peitschen der Schüsse übertönte sein Stöhnen.

Dann mischte sich ein anderer Knall in das Geknatter, einmal, zweimal, von unten erklang ein Schrei und eine der automatischen Waffen verstummte.

Tony schob sich weiter nach oben, zugleich begann er zu rechnen. Little hatte von acht Gegnern gesprochen, davon hatte Steele drei unschädlich gemacht, blieben weitere fünf. Tony hielt das nach wie vor für ein unfaires Verhältnis.

Seine Überlegungen wurden durch die Kollision mit einem Gegenstand unterbrochen. Es war ein unerfreulich harter Gegenstand, der die Festigkeit seiner Schädelplatte auf die Probe stellte. Tony rutschte zwei Stufen hinunter, raffte sich wieder auf und streckte die Hand aus. Da stand auf dem nächsten Treppenabsatz ein solider Blecheimer. Ein gefüllter solcher, wie Tony inzwischen wusste, denn ein Teil des Inhalts war ihm beim Aufprall in den Nacken geschwappt, und ein weiterer Teil hatte sich dort verteilt, wo jetzt seine Hände und Unterarme lagen. Weiterhin konnte Tony Tanner über den Inhalt des Eimers zu Protokoll geben: Er war flüssig, kalt, stank nach einer Mischung aus Kernseife und Toilette und neigte zum Aufschäumen.

Tief aus seiner Kehle kam ein gefährliches Grollen. Das Schicksal hatte ihm in der letz­ten Zeit viel abverlangt, aber dieses Gefühl … dieses Gefühl von nassem, von einer stinken­den Flüssigkeit getränktem Stoff im Nacken brachte ihn an den Rand seiner Schicksalsschlagertragenskapazität. Angetrieben von einem Impuls, der stärker war als alle rationalen Überlegungen, packte Tony Tanner den Eimer (den er nicht Eimer nannte, sondern mit einer Reihe von Bezeichnungen bedachte, die an dieser Stelle aus Gründen des guten Geschmackes und der Zensur nicht aufgeführt werden können) und schmiss ihn mit Schwung über das Geländer.

Eine Sekunde später vernahm er einen dumpfen Aufschrei und lautes Poltern. Er hatte, ohne es zu wollen, einen Verfolger erlegt.

Der Gedanke war nicht beruhigend. Die Schießerei hatte aufgehört und war einer tücki­schen Stille gewichen. Der Eimer schepperte die Stufen hinunter. Dann wieder Stille – eine Stille, so verlogen wie die Samtpfötchen einer Katze, die gleich ihre Krallen ausfahren wird. Schritte, da waren Schritte. Leise und vorsichtig, kaum hörbar, aber es waren Schritte.

Schlussfolgerung: Der Kerl ist immer noch hinter dir her. Der Anfall von Kampfeslust war verschwunden, jetzt fühlte sich Tony Tanner nur wie ein Häuflein Staub vor dem Sauger eines großen kosmischen Hausmädchens. Sobald der Verfolger den Treppenabsatz umrundet hatte, brauchte er nur noch auf die Streukraft einer auf Automatik gestellten und leise bewegten MP zu vertrauen …

Ein weiter Satz brachte Tony bis an das Ende der Treppe. Schon wollte er der Biegung des Geländers folgen und in das nächste Stockwerk fliehen, als er einen Lichtschimmer bemerk­te. Es war ein schmaler, etwas unregelmäßiger heller Streifen, wie er typischerweise unter einer ziemlich alten und verzogenen Tür durchscheint.

 

In dem Moment, in dem Tony das Licht bemerkte, erklang von unten das Knirschen von Glassplittern unter den Schuhsohlen seines Verfolgers. Ohne weitere Überlegung sprang Tony in Richtung auf die Tür. Zwar hatte er sich nicht vorgenommen zu klopfen. Aber weil er über einen Karton stolperte, der im Dunkeln vor der Tür stand – ebenso tückisch wie der inzwi­schen ein Stockwerk tiefer befindliche Eimer – geriet sein Eintritt in die fremde Wohnung sowohl dynamisch als auch spektakulär. Tony Tanner prallte im Fallen mit der Schulter gegen die Tür und riss sie mitsamt Angel aus dem Rahmen. Krachend und in einer Staubwolke lan­dete er in dem angrenzenden Zimmer. Beim Versuch, sich durch Abrollen vor dem Sturz zu schützen, geriet er mit den Füßen in einen hochbeinigen Blumenständer und fällte das Möbelstück.

Bevor Tony sich aufrichten konnte, stieg ihm der Geruch in die Nase. Nicht dass ein Tony Tanner selbst Erfahrungen mit diesem Mittel gehabt hatte. Aber durch seine Aufenthalte in Nordafrika, mal abgesehen von einigen Freunde Francines, die sich als Spät-Hippies gerier­ten, war Tony dieser süßliche Duft wohlbekannt. Er blickte auf und bemerkte fünf Augenpaare, die ihn völlig verhuscht, verdattert und milde durch eine bläuliche Wolke anglupschten. Es erinnerte ihn ein wenig an seine ersten Begegnungen mit Mathilda, der Kuh des Bauern Harryford, der wiederum über zig Ecken mit Tonys Mutter verwandt war.

Eine Entschuldigung murmelnd, die angesichts der Umstände unzureichend bleiben musste, stand Tony auf und klopfte sich den Staub aus dem Blazer. Er verlor dabei wertvolle Sekunden, konnte aber diesen angelernten Reflex einfach nicht unterdrücken. Während er sich derart in einen zivilisierteren Zustand zu versetzen suchte, nahm er den Anblick des Zimmers auf und konnte, klopfenderweise, ein gewisses Befremden nicht unterdrücken.

 

Das Mobiliar des Zimmers bestand aus einem riesigen altertümlichen Schrank, dessen alt­fränkische Würde durch grelle Plakate, mit denen er beklebt war, stark litt. Ansonsten war der Boden mit Blumentöpfen bedeckt, aus denen charakteristische Pflanzen wuchsen.

Die fünf Anwesenden saßen auf Autositzen um einen kleinen runden Tisch. Die blaue Qualmwolke über ihren Köpfen und die riesige Hasch-Tüte, die einer in den Händen hielt, erklärte ihre stoische Gelassenheit. Die fünf Personen boten nicht unbedingt den altersmäßi­gen Bevölkerungsdurchschnitt. Bei drei von ihnen waren die Gesichter unter zigarrendicken Rasta-Locken und wuscheligen Bärten verdeckt, dennoch war sich Tony sicher, dass sie nicht über zwanzig Jahre alt sein konnten. Bei den restlichen beiden Personen handelte es sich zum einen um einen Herrn im Rentenalter, der mit verschossenem Pullover, Cordhose und Filzpantoffeln das Idealbild eines geruhsamen Lebensabends darstellte. Die Frau neben ihm kam ihm im Alter gleich, nur das sie rosa Pantoffeln mit Wollpuscheln, einen geblümten Hausfrauenkittel und eine Plastikduschhaube auf dem Kopf trug.

Die Münder der fünf gingen auf und zu, aber kein Laut entflog ihren Lippen, bis sich denn einer der Jüngeren überwand, die Augen aufriss und ein Ey, Mann, boah brabbelte. Danach beugte er sich langsam vor und griff in Zeitlupe die Rauchtüte, um sie sich alsdann zwischen die Zähne zu klemmen.

»Der Herr ist gekommen in all seiner Pracht«, murmelte die alte Dame und rückte ihre Duschhaube zurecht.

»So sei es«, antwortete Tony Tanner würdevoll und stakste an ihnen vorbei. »Weitermachen«, rief er der Gesellschaft über die Schulter zu.

Er stieß die Tür zum nächsten Zimmer auf und befand sich mitten in einem Schlafgemach. Oder besser, er befand sich mitten in einem Matratzenlager zwischen Hanftöpfen.

Ein Fenster stand offen, und von unten hörte Tony zeternde Stimmen.

Ein Blick nach unten zeigte ihm drei Personen, die er nicht kannte und die ihn nicht kann­ten, die aber dennoch mit seiner Person in engster Beziehung standen.

Herbie Gerrard und Dough Leonard hatten keinerlei Interesse entwickelt, sich aktiv an dem schneidigen Sturmangriff auf das Haus zu beteiligen. Erstens war es nicht ihre Art, in das Feuer eines unbekannten Gegners zu laufen, und zweitens hatten sie zu viel Erfahrung, um derartige Husarenstücke zu schätzen. Solche Häuser hatten ihrer Erfahrung nach immer Hinterausgänge oder, je nach Sichtweise, Hintereingänge. Nach genau einem solchen suchten Gerrard und Leonard nun. Obwohl sie bei schlechtem Licht durch einen Schuttplatz stapfen mussten, wäre der Job nicht schlecht gewesen, wenn, ja wenn der Zwerg Lalle nicht mit von der Partie gewesen wäre. Er saß auf den Schultern von Dough Leonard, krallte sich in dessen brillantineglänzenden Haaren fest, strampelte mit seinen Beinchen und ließ einen ständigen Strom von Verwünschungen auf die beiden Männer herabprasseln. Dass keiner von beiden und wahrscheinlich nicht einmal Lalle selbst die Flüche verstehen konnte, machte sie noch unheimlicher.

»Scheint alles dicht zu sein«, sagte Herbie Gerrard in diesem Moment.

»Ja, tote Hose hier hinten«, bestätigte Dough Leonard. »Aber vielleicht machen wir uns einen Weg oder so, was denkst du?«

Lalle riss an Leonards Haaren und kreischte wie ein Papagei. Dough Leonard verstand immerhin so viel, dass der Zwerg nach vorne getragen werden wollte. Er machte sich auf den Weg um das Haus herum.

»Bin gleich wieder da«, sagte er zu Gerrard. Der hatte seine Pistole in der Hand, ging leicht in die Knie und beobachtete aufmerksam die Rückseite des Hauses. Ein Krachen direkt hinter ihm ließ ihn herumfahren. Dann hörte Herbie Gerrard ein leises Rauschen, hob den Kopf und sah für den Bruchteil einer Sekunde das Unterteil eines hanfbewachsenen Blumentopfes, bevor dieser seine Stirn berührte und ihn in einen längeren Zwangsschlaf ver­setzte.

Als Tony sich seines Treffers sicher sein konnte, wuchtete er die erste Matratze aus dem Fenster, warf die zweite auf die erste und schaffte auch die dritte nach draußen. Er wusste selbst nicht, ob er blitzschnell oder schneckenlangsam gehandelt hatte, wartete jede Sekunde darauf, dass die Tür aufflog und ein Mann mit einer Waffe eindrang, um ihn zu erledigen.

 

Die Vorstellung war lähmend, aber auch zugleich inspirierend, denn sie half Tony, seine angeborene Abneigung gegen Sprünge aus der ersten Etage zu überwinden. Er mühte sich auf das Fensterbrett, hörte hinter sich ein Geräusch und sprang.

Und es war wie immer. Ob im verdammten Schulschwimmbad oder im besch… Londoner Süden, es klappte einfach nicht mit Tony Tanners Sprüngen. Er drehte sich in der Luft, kam in Rückenlage und stürzte, mit den Armen wedelnd eine endlose Strecke in eine unbekannte Tiefe. Genug Zeit, um in aller Ruhe darüber nachzudenken, ob die Matratzen richtig lagen und ob er seinen Sprung richtig gezielt hatte.

Tony hatte.

Obwohl ihm der Einschlag in den Federkern alle Luft aus den Lungen rammte, landete er unverletzt und konnte sich zur Seite rollen.

Er kam neben dem bewegungslosen Herbie Gerrard zu liegen und konnte mit einem schnellen Griff dessen Waffe in die Hand bekommen. Tony stellte fest, dass der Griff der Pistole glitschig von Schweiß war. Das Gefühl war unangenehm und überhaupt bedeutete diese Waffe keineswegs eine Beruhigung.

Tony lief gebückt vorwärts und versteckte sich hinter einem verrotteten Eisschrank. Er ging keine Sekunde zu spät in Deckung, denn eben raschelte Dough Leonard um die Hausecke.

»Hey, Herbie, wo steckst du denn, du blöder Arsch?«, rief Leonard. Dass sein Kumpel verschwunden war, machte Leonard unruhig. Überhaupt passte ihm diese ganze Aktion nicht. Zu viel Lärm, zu viele Leute, zu unübersichtlich. Sie sollten verschwinden, entschied Leonard, egal was Mister Moon dazu sagte. Diese fünf Kerle, die ihnen Mister Moon aufs Auge gedrückt hatte, waren derartige Pfeifen, dass die Aktion nur schief gehen konnte. Jetzt hatte er diese kleine Zecke Lalle abgesetzt, und nun war die Zeit für den Abschied gekom­men.

Solche Überlegungen schwirrten durch Leonards Kopf und sorgten dafür, dass dieser Profi für einen Moment nicht aufpasste. So konnte es den geschehen, dass ihn eine blitzschnell auf­schwingende Kühlschranktür mit der Wucht eines Football-Verteidigers rammte und ihn flachlegte. Bevor Leonard überhaupt mitbekam, was geschah, war ein Schatten über ihm, stemmte einen Fuß auf seine Brust und drückte ihm eine Pistole ins Gesicht.

»Eine falsche Bewegung und ich mache aus deinem Scheißhirn Biodünger!«, zischelte der Schatten. Leonard verharrte in Angststarre, während der Schatten routiniert nach seiner Waffe suchte und sie sofort fand, was kein Wunder war, denn Leonards Jackettbrust beulte sich unter der Masse eines 7,65er Trommelrevolvers.

Der Schatten schwang sich zur Seite und war nun unsichtbar hinter Leonard. Der konnte nur die wütenden Atemzüge seines Feindes hören.

»Pass auf«, erklang es hinter ihm. »Du nimmst jetzt deinen Kumpel über die Schulter und machst dich vom Acker, dreh dich nicht um, komm nie wieder und danke Gott, dass ich heute schon genügend deiner Sorte geschlachtet habe!«

Leonard wagte kaum zu nicken, stand dann, immer noch halb benommen, auf und wank­te zu Herbie Gerrard. Der schlug inzwischen die Augen auf und starrte, nervös blinzelnd, in den Nachthimmel.

»Hat alles nicht geklappt, oder so …«, murmelte er.

Dough Leonard schob seine Arme unter den Achseln des anderen durch und drückte ihn in die Höhe. Dann schwankten die beiden Männer, so schnell sie konnten zwischen dem herumliegenden Schrott zur Straße.

»Noch eins«, brüllte es hinter ihnen her. Die beiden erstarrten zur Salzsäule.

»Eure Schlaghosen sehen von hinten vielleicht so was von echt voll Scheiße aus!«, brüll­te Tony Tanner ihnen hinterher und machte sich dann zur anderen Seite aus dem Staub.

Als er vorsichtig um die Hausecke peilte, sah er nur eine Person.

Es war Jeremy Steele, der einen leblosen Körper über die Eingangsstufen ins Haus zog.

»Es war gut, dass Sie diese Kerle abgelenkt haben«, sagte er, als Tony neben ihn trat. »So konnte ich die restlichen zwei locker erledigen.«

Dann öffnete er die Jacke des Toten und untersuchte das Hemd.

»Seltsam«, knurrte Steele.

»Was ist seltsam?«, fragte Tony Tanner. »Die anderen zwei sind übrigens getürmt.«

»Seltsam ist, dass diese Kerle keine Schutzwesten tragen.« Mehr sagte Steele nicht, und so konnte Tony nicht begreifen, mit welchem Problem sich Steele herumschlug.

Steele hatte bemerkt, dass sein akustisches Zielerfassungssystem bei diesen Gegnern nicht funktionierte. Er konnte keinen Herzschlag hören. Für Steele, der rational dachte, gab es nur eine Erklärung. Diese Kerle mussten neuartige Schutzwesten tragen, deren Kunststofffasern die Herztöne unter die akustische Erfassbarkeit durch das System dämpften.

Aber keiner der fünf Getöteten hatte eine Schutzweste getragen.

Steele richtete sich auf und wischte sich die Stirn.

»Ich lasse die Leichen verschwinden, und Sie gehen schon mal zurück in die Wohnung«, sagte er.

Fortsetzung folgt …