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Der Detektiv – Band 26 – Die Gesellschaft der roten Karten – Teil 2

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 26
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Die Gesellschaft der roten Karten

Teil 2

Die Reise bis Batavia verlief ohne jeden Zwischenfall. Eines Morgens lief die India dann in den Hafen von Tandschong Priok ein.

Wreedens Ponywagen erwartete uns am Hafen. Nach kurzem Abschied von dem Prinzen, dessen Auto ihn abholte, fuhren wir auf der vorzüglichen Straße längs der Eisenbahn, die von Tandschong Priok nach Batavia neben einem künstlichen Kanal entlangführt, bis zu einer Wegeabzweigung, von der nach Süden eine Chaussee durch endlose, künstlich bewässerte Reisfelder, durch Eingeborenen- und Chinesendörfer, durch Kokospalmenanpflanzungen und Palmenhaine bis zum neuen Viertel von Batavia läuft.

Ich muss nachholen, dass Wreeden Junggeselle war, genauso wie auch der nach Harsts Ansicht so fragwürdige Prinz. Unser leichter, von zwei Ponys gezogener und von einem Javanen gelenkter Wagen bog gerade in ein neues Kampong (Dorf) ein, als sich plötzlich das linke Hinterrad löste und der Wagen so hart mit der Achse aufschlug, dass diese sich verbog.

Nachdem wir uns von dem Schreck erholt, denn wir hatten gehörige Püffe abbekommen, und nachdem wir auch festgestellt hatten, dass der Wagen nun nicht mehr zu benutzen war, gingen wir drei zu Fuß weiter. Wreeden wollte in dem zumeist von Chinesen bewohnten Kampong sich nach einem anderen Gefährt für uns umsehen und ließ uns in einer recht sauberen chinesischen Teestube allein, wo wir im Schatten eines Zeltdaches an einem kleinen Tisch Eislimonade tranken.

Als Wreeden nach einer halben Stunde immer noch nicht zurückgekehrt war, wollten wir ein wenig durch das Dorf wandern. Wir bezahlten unsere Zeche und traten auf die Straße hinaus, sahen uns sofort von einer Unmenge bettelnder Chinesenrangen umkreist und waren froh, diesem Geheul und Geschrei durch das Erscheinen eines leichten Bambuswägelchens zu entgehen, dessen Lenker, ein fetter Chinese, uns bedeutete, Mynheer Wreeden hätte noch eine Abhaltung, wir sollten nur vorausfahren.

Der Einspänner raste mit uns davon. Das Pferd, ein Brauner, machte dem chinesischen Kutscher viel zu schaffen. Der Gaul war eines jener angenehmen Tiere, die vor jeder Kleinigkeit scheuen, mit einem Satz zur Seite springen und dann wie besessen dahinjagen.

Gerade als wir uns einem einzelnen Gehöft näherten, sprang aus einem Reisfeld ein kleiner schlitzäugiger Knirps hervor und bewarf das Pferd mit Steinen. Dieses ging nun durch. Der Kutscher verlor jede Gewalt über den Gaul, und plötzlich lenkte diese Bestie dann durch den Torweg des Bambuszaunes in den Hof des kleinen Anwesens ein und raste so gegen einen Brunnenrand, dass der Wagen umkippte und wir auf einen Haufen Maisstroh flogen, der jedoch nur die Deckschicht für eine richtige Fallgrube bildete, das heißt, wir sanken sehr schnell samt des Maisstrohs in die Tiefe, rappelten uns freilich schnell auf, sahen aber nur noch, wie man oben über die quadratische Öffnung wieder ein Bambusgitter warf und darüber neues Maisstroh so hoch aufhäufte, dass wir sehr bald nicht einen Lichtstrahl mehr von oben empfingen.

Ich war so sprachlos über diese ungeheure Schurkerei, die ich nun erst voll durchschaute, dass ich kein Wort herausbekam.

Harsts kurzes Auflachen brachte mich dann etwas zu mir.

»Da sind wir ja in Batavia gleich gebührend empfangen worden!«, sagte er. »Und wir berühmte Herren lassen uns so einwickeln! Schämen sollten wir uns!«

Ohne unser gewöhnliches Handwerkzeug – Taschenlampe, Selbstspanner und Taschenmesser – waren wir nie. Auch nun nicht. Harst schaltete also seine Taschenlampe ein und leuchtete das etwa 6 Meter tiefe und drei Meter breite Erdloch ab; es hatte Bretterwände, die stellenweise schon verfault waren.

Der Lichtkegel blieb dann auf einer Stelle der Holzverschalung haften. Ich schaute genauer hin, nahm zunächst nur etwas wie einen roten Fleck wahr.

»Siehst du,« meinte Harst noch immer in demselben Ton heiterer Selbstironie, »siehst du, mein Alter, da ist sogar eine der berüchtigten roten Karten an das Holz genagelt, damit wir ja wissen, mit wem wir es hier zu tun haben.«

Er trat näher heran. Ich ebenfalls. Wir lasen gleichzeitig den vorgedruckten Text, der hier jedoch noch etwas verändert war, indem man mit Rundschrift Verschiedenes über die ausgestrichene Druckschrift geschrieben hatte.

»Welche Frechheit!«, rief ich leise. »Wir beide sind als Ware behandelt worden, wir sollen für unsere Freilassung an die Gesellschaft eine halbe Million Mark zahlen. Also Erpresser sind auch diese Halunken.«

»Ja – und einen Scheck über diese Summe soll ich ausstellen, den die Java Bank hier schon einlösen würde!«, fügte Harst hinzu. »Das ist in der Tat eine ganz großzügige Bande. Da – zum Schluss steht noch, ich solle auch einen Brief an Lord Wolpoore schreiben und diesen bitten, für mich bei der Bank gutzusagen!« Eine kurze Pause. Dann leise: »Ich werde den Brief schreiben! Die Halunken sollen sich wundern!«

Das klang so drohend, dass ich fragte: »Was hast du mit diesem Brief vor?«

»Das wirst du schon …«

Weiter kam er nicht. Wir standen noch immer mit dem Gesicht zur roten Karte hin; wir hatten nicht das geringste verdächtige Geräusch gehört. Und doch wurden wir nun plötzlich zu Boden gerissen, während man uns gleichzeitig Decken über den Kopf warf. Ich wehrte mich verzweifelt gegen die unsichtbaren Angreifer, bis ich ganz dumpf Harsts Stimme vernahm: »Keinen Widerstand, Schraut – zwecklos!«

Ich sah das selbst ein. Man band mir die Hände über der Brust gekreuzt so fest zusammen, dass der Druck der Riemen mir das Atmen erschwerte. Dann führte man mich – ich zählte die Schritte mit – genau vierzig Schritt in horizontaler Richtung über dumpf dröhnende Holzdielen – also einen von der Fallgrube abzweigenden Gang entlang, bis in einen Raum, wo mir die Decke vom Kopf genommen wurde. Ich erblickte Harst vor mir, der gleichfalls in derselben Weise gefesselt war; neben mir aber einen langen Kerl in abgerissenen Leinenkittel und einer Art Zeugmaske vor dem Gesicht. An der Decke dieses kleinen Raumes, der keine Fenster hatte und dessen Wände und Fußboden aus getrockneten Lehmziegeln bestanden, hing eine sehr große, brennende Petroleumlampe mit rundem Glasschirm. Außer zwei kastenähnlichen, mit Reisstroh gefüllten Betten, einem rohen Tisch und zwei Schemeln enthielt unser Kerker noch ein Holzgestell, auf dem ein Dutzend Bücher lagen, daneben eine Löschblattunterlage, Federhalter, ein neues, noch verkorktes Tintenfass und einige weiße Bogen Schreibpapier.

Der lange, hagere Mensch, der Hautfarbe der Hände und des Halses nach ein Chinese, leerte uns nun wortlos die Taschen aus, entnahm Harsts Portefeuille das Scheckbuch, legte es auf den Tisch, legte die rote Karte, die vorhin an der Wand der Grube befestigt gewesen, daneben und deutete stumm auf Papier und Tintenfass. Dann ging er durch die niedrige Balkentür hinaus, die nach innen zu keinerlei Drücker oder Schloss hatte, ging stumm und mit einer gewissen sicheren Ruhe davon, die diesen Burschen als recht gefährlichen Gegner kennzeichnete.

Wir waren allein. Wir sahen uns an. Dann begann Harsts zu schimpfen, zu wettern, so, wie ich es noch nie von ihm gehört hatte. Er schlug mit den Füßen gegen die Tür, belegte die Gesellschaft der roten Karten mit Ehrentiteln, von denen Mörderbande noch der zahmste war. Aber mitten zwischen diese Blütenlese von Kraftausdrücken flocht er die Sätze ein, die er mir nur kaum vornehmlich zuraunte: »Spiele die gleiche Komödie! Die Schufte müssen denken, wir meinten es ernst mit unserer Wut!«

Ich gab mir alle Mühe, genau wie er den bis zur Sinnlosigkeit Erregten vorzutäuschen. Erst nach einer geraumen Weile beruhigten wir uns, setzten uns auf die Schemel und warteten. Es musste jemand kommen und Harst die rechte Hand frei machen, wenn er den Scheck ausfüllen und den Brief an den Lord schreiben sollte.

Stunden vergingen. Nichts regte sich. Ich wurde müde. Ich legte mich auf das Strohlager. In unserer Zelle herrschte eine entsetzliche Hitze. Ich schlief ein. Als ich erwachte, sah ich auch Harst auf seiner Strohschütte liegen. Er atmete tief und ruhig. Ich empfand quälenden Hunger und Durst. Schließlich begann ich Stroh zu kauen.

Dann wachte auch Harst auf, rief: »Die Bande will uns verhungern lassen! Oh, wenn ich einen davon erwischte! Wie spät mag es sein, Schraut?«

»Keine Ahnung«, sagte ich matt. Mir war so elend zumute, dass ich nicht mal sprechen mochte. Harst erhob sich, taumelte dabei.

»Man wird verrückt in dieser stickigen Luft!«, brüllte er.

Dann schaute er zu der Lampe empor. »Das Glasbassin ist frisch gefüllt, Schraut. Es dürfte jetzt Nacht sein«, erklärte er mit einem ärgerlichen Auflachen. »Unsere erste Nacht in Batavia!«

In der Tür war plötzlich der lange, maskierte Chinese erschienen, schritt bis zum Tisch, legte eine rote Karte darauf und ging wieder hinaus.

Auf dieser Karte stand in schöner Rundschrift auf der nichtbedruckten Seite:

Ersparen Sie sich jedes Komödienspiel! Sie werden es schon lernen, sich wirklich zu fürchten.

Wir lasen das Geschriebene gemeinsam, Kopf an Kopf.

Harst flüsterte: »Es war eine falsche Spekulation, diese Wutanfälle. Die Schufte durchschauen mich. Ich wollte so tun, als ob diese Äußerungen eines grimmen Ärgers auf meine Enttäuschung über meine geringe Fähigkeit, selbst eine solche Falle wie diese hier rechtzeitig durchschauen zu können, zurückzuführen seien. Aber ich habe die Intelligenz dieser Bande unterschätzt. Sie haben richtig sich gesagt, dass ein Harald Harst niemals in einer solchen Lage ein solches Benehmen zeigen würde. Meine Spekulation, die Leute also glauben zu machen, ich hätte meine Kaltblütigkeit und damit meine große Überlegenheit eingebüßt, war verfehlt! Ich weiß jetzt auch, was sie vorhaben: Sie wollen uns durch Hunger und Durst erst so weit marode machen, dass wir unfähig sind, ihnen einen Streich zu spielen.«

Er richtete sich wieder auf, sagte laut, natürlich in der Annahme, dass wir ständig beobachtet und belauscht würden: »Wir sollen also das Gruseln lernen, Schraut! Ich meine auch in dieser javanischen Schule werden wir es nicht lernen! Ich habe meine Nerven jetzt wieder in der Gewalt.«

So sprach Harst zu einer Zeit, in der wir immerhin noch leidlich bei Kräften waren. Es begannen nun Stunden, Tage, über deren Zahl wir uns nicht klarwerden konnten. Unsere Zelle hatte, während wir schliefen, ein neues Möbelstück erhalten, dass ich hier nur seiner Beschaffenheit nach andeuten will: ein Fass mit einem Holzdeckel, das man in anderer Aufmachung in modernen Wohnungen stets ins Badezimmer verlegt. Unser schweigsamer Wärter ließ sich nicht mehr blicken. Unsere gefesselten Arme starben uns ab; die Muskeln wurden von Krämpfen befallen. Wir litten entsetzlich. Sehr bald vermochten wir uns kaum mehr von unseren Lagerstätten zu erheben. In der von Gestank erfüllten, verbrauchten Luft, trockneten unsere Kehlen aus, dass wir kaum noch sprechen konnten. Die Petroleumlampe wurde stets wieder gefüllt, ohne dass wir jemand gewahr wurden.

Nach einem bereits von leichten Fieberträumen gestörten Schlaf erwachte ich nun abermals zu jenem Zustand interesselosen Hindämmerns, in dem man kaum noch einen klaren Gedanken zu fassen vermag.

Dann vernahm ich ein Geräusch, das ich langsam seiner Eigenart nach erkannte: das Kratzen einer Feder auf Papier.

Mein matter Blick richtete sich auf einen Mann, der an dem Tischchen unter der Lampe saß und mühsam Wort für Wort mit der Feder hinmalte: Harst! Harst mit nicht gefesselten Armen! Vor ihm auf dem Tisch ein Wasserkrug aus rotem Ton, aus dem er hin und wieder einen Schluck nahm.

Die Feder kratzte weiter, geführt von einer zitternden Hand.

Und an der Tür lehnte unser Wächter mit über der Brust gekreuzten Armen, das Bild lässigen Sicherheitsgefühls und Kraftbewusstseins.

Dann sagte Harald mit rauer, ganz fremder Stimme: »Da – Scheck und Brief sind fertig!«

Der lange, gelbe Kerl mit dem Zeuglappen vor dem Gesicht nahm beides entgegen, kam dann auf mein Lager zu und schnitt meine Riemen durch. Wie Bleiklötze sanken mir die Arme herab.

Der Wächter verließ die Zelle. Harst stand schwerfällig auf, stützte sich auf den Tisch, benutzte dann den Schemel als Stock und schwankte mit dem Wasserkrug zu mir hin.

Ich trank, bis Harst mir den Krug von den Lippen nahm. Dann holte er genauso schwerfällig von dem Wandbrett eine Schüssel mit gekochtem Reis, formte Kügelchen und fütterte mich. Gleich darauf war ich wieder eingeschlafen. Als Letztes merkte ich, dass Harst meine Arme massierte.

Wieder erwachte ich. Harst schlief nun. Ich taumelte zum Wandbrett, stillte meinen Hunger aus der Schüssel, trank Wasser dazu. Ich hatte mich an den Tisch gesetzt. Auf der Tischplatte links lag ein beschriebener Bogen Papier. Harsts Handschrift war nur schwer zu erkennen.

Es war der an Lord Wolpoore gerichtete Brief. Ich las Folgendes:

Mylord!
Wir werden irgendwo in strenger Haft gehalten. Selbst einem Mann wie Ihnen, jedenfalls keinem einzelnen Menschen, wäre es möglich, uns in diesem Haus zu finden. Hinter uns her wird man jetzt mit größtem Eifer von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf suchen. Alles umsonst! Wo wir verborgen sind, kann nicht einmal Wreeden ahnen, der sich fraglos Vorwürfe macht, dass er sich von uns trennte. Schnelle Besorgung von einer halben Million Lösegeld bringt uns die Freiheit und Rettung. Es tut not, dass Sie bei der Java Bank dafür sorgen, dass mein Scheck schnell eingelöst wird. Mein Guthaben auf der Deutschen Bank in Berlin beträgt jetzt genau 456 836 Mark. Ich bin also für eine halbe Million stets gut. Meine Kontonummer dort ist 4891234, meine Telefonnummer in Berlin ist Schmargendorf 1245. Bitte erledigen Sie alles Nötige. Dank im Voraus

Ihr
Harald Harst

Dieselben Wörter, die in diesem Brief hier stärker gedruckt sind, waren auf dem Original mit roter Farbe oder Tinte in derselben Weise kenntlich gemacht.

Dass dies nicht durch Harst geschehen war, lag auf der Hand. Ich las nun diese Wörter der Reihe nach, und da sah ich mit einem Mal völlig klar. Denn der Sinn dieser Sätze sagte genug. Lauteten sie doch:

In einem einzelnen Haus hinter Dorf, wo Wreeden sich von uns trennte. Schnelle Rettung tut not.

Harst hatte diese Sätze also versteckt in den anders lautenden Brieftext hineingebracht, um Wolpoore auf unsere Spur zu leiten. Und natürlich hatte er sie niemals irgendwie gekennzeichnet diese Wörter! Nein – rot unterstrichen hatte sie ein anderer, der sie richtig herausgefunden und zusammengestellt hatte. Und dies konnte nur einer von der Gesellschaft der roten Karten gewesen sein!

Einer? Wer? Und da fiel mir wieder der Prinz Blönheelm ein, den Harald ja für das Haupt dieser Bande hielt.

Blönheelm? Aber wie nur hatte er es fertiggebracht, diese Wörter und Sätze mit ihrer so schwerwiegenden Bedeutung zu entdecken? Und wie hatte Lord Wolpoore sie finden sollen, wenn die Wörter nicht irgendwie gekennzeichnet waren?

Ich saß da, starrte auf den Brief und erkannte, dass ich mir soeben irrtümlicherweise eingebildet hatte, nun in allem, was dieses Schreiben betraf, klar zu sehen.

Nur eins war sicher: Man hatte den Brief hier wieder auf den Tisch gelegt mit diesen rot unterstrichenen Wörtern, damit Harst merken sollte, dass man seine List durchschaut hätte, eine List, die auszuklügeln und unter den Augen des Wächters ohne langes Überlegen zu Papier zu bringen, einem durch Hunger und Durst halb toten Menschen geglückt war!