Lese-Tipp

Der Walzer

Download-Tipps

Paraforce – Band 42

Neueste Kommentare
Archive
Folgt uns auch auf

Der Spion Band 1 – Die Schlacht bei Jena – 5. Kapitel

Franz Theodor Wangenheim
Der Spion
Band 1 – Die Schlacht bei Jena
Historischer Roman
Verlag von C. P. Melzer, Leipzig 1840

5. Kapitel

Dumm scheinen, ist zuweilen eine große Klugheit.

Von dem ganzen Schwarm, der seit acht Uhr morgens das Vorzimmer Sr. Exzellenz belagert, waren nur noch vier Individuen übrig. Es war als ob die Excellenz drei von ihnen auf eine harte Geduldprobe hatte setzen wollen. Aber sie harrten aus. Der an der Tür des Audienzzimmers haltende Greis las von der ellenlangen Liste die Namen Herr Kammergerichtsassessor Doktor Weiß, Herr Revisor Schwarz und Herr Konsulent Wolfgang. Die Tür öffnete sich vor den dreien. Es blieb nur einer noch im Antichambre.

Der Greis an der Tür, vom langen Stehen ermüdet und wohl erwägend, dass die Audienz der eben eingelassenen Herren ziemlich lange dauern würde, suchte einen Stuhl, ließ sich darauf nieder und, indem er den einzigen Zurückgebliebenen mit Domestiquenscharfsinn für einen pauvre-honnète erkannte, tröstete er ihn.

»Gedulden Sie sich eine einzige halbe Stunde, dann sind Sie bei Seiner Exzellenz, dem Herrn Minister.«

»Ich habe Zeit«, war die ergebungsvolle Antwort.

»Zeit?« Der Alte maß ihn unter Kopfschütteln. »Nun freilich, wenn man noch in den Jahren ist, so denkt man immer, man habe noch Zeit …«

»Das meine ich nicht, denn ich wollte nur sagen, für meine Geschäfte mit des Herrn Ministers Exzellenz sei immer Zeit. Es ist nicht viel daran.«

»Aber, lieber Herr, wenn die Geschäfte nichts auf sich haben, warum wollen Sie denn den gnädigen Herrn behelligen? Er hat noch nicht einmal zu Mittag speisen können. Solcher Andrang von Menschen ist mir mein Lebtag nicht vorgekommen. Das macht der vertrackte Krieg …«

»Krieg? Was Sie sagen! Krieg? Mit wem?«

»Ei, Jemine! Wollen Sie einen alten Mann zum Narren halten? Sie sollten nicht wissen …?«

»Was sollte wohl ein Magister erfahren!«

»Ja so! Das ist ein anderes«, erhob sich der Alte und rückte dem Herrn Magister einen Stuhl. Nehmen der Herr Magister gefälligst Platz; sind schon so lange auf und nieder gewandert. Ja, was ich doch sagen wollte, es gibt Krieg, und zwar einen sehr schlimmen Krieg mit den französischen Hunden; aber wir sind Preußen, wir werden sie nicht schlecht grüßen. «

»Da wird es schlimm aussehen mit dem Schulwesen. «

»Ja, Not kennt kein Gebot und der Krieg wirft alles drüber und drunter, Krone und Zepter wie alter Plunder. Aber wir können gar nicht anders, werden uns doch nicht von einem lumpigen Kaiser Napoleon in den spanischen Bock spannen lassen?«

»Nein gewiss nicht.«

»Sehen Sie, Herr, ich diene nun schon über fünfzig Jahre, habe schon so manches gesehen, kenne den Siebenjährigen Krieg durch und durch; aber solch eine Niederträchtigkeit ist noch nicht dagewesen. Na, drinnen … aber im Vertrauen … drinnen sitzt der Fürst! Der wird wohl hineinfegen, wenn es los geht.«

»Der Fürst? Welcher Fürst?«

»Hohenlohe. Aber inkognito – kein Mensch soll es wissen.«

Der Magister klopfte ihm zur Versicherung die Schulter.

»Es ist auch gar nicht anders möglich, will ich Ihnen sagen, Herr Magister, das weiß ich an mir selbst. Was soll ein Greis wie der Herzog von Braunschweig an der Spitze der Armee? Genug, dass unser König selbst ins Feld rückt. Das gibt der Sache schon genug Ansehen; aber der Herzog von Braunschweig sollte in seinem Land bleiben, denn … im Vertrauen … er und der Fürst sind einander nicht grün.«

»Was Sie sagen! Ich dächte, unter Fürsten …«

»Herrschen ebenso gut Neid, Eifersucht und andere gehässige Leidenschaften als unter uns gewöhnlichen Menschenkindern. Das Schlimmste dabei ist, dass wir plebejen Menschen für die Leidenschaften der Fürsten büßen müssen. Aber ich habe nichts gesagt, um Jesu Wunden, Herr Magister, ich wäre um den Dienst.«

»Sein Sie unbesorgt, geehrter Herr Kammerdiener …«

Gern hätte der Magister noch länger mit dem schwatzhaften Alten verkehrt, doch das Geräusch im Audienzzimmer rief den Diener ab. Er stand wieder an der Tür und verbeugte sich tief vor dem Assessor und seinen beiden Begleitern. Als der Assessor an dem Magister vorüberschritt, maß er ihn mit einem ebenso langen wie misstrauischen Blick, doch das nichtssagende Gesicht des Schwarzen hatte in dem Augenblick einen so entschiedenen Anstrich von Dummheit, dass der misstrauische Assessor vollkommen beruhigt weiter ging. Nun kam die Ehre der Audienz an den Magister. Er wahrte jeden seiner Blicke, schien nicht einmal zu bemerken, dass eine spanische Wand die rechte Seite des Zimmers einnahm. Die Exzellenz musterte den Ein tretenden mit beinahe bedauerndem Lächeln und spendierte dann folgende Worte: »Sr Excellenz von Haugwitz hat mir Sie empfohlen …«

»Schmeichelhaft für mich.«

»Sie sollen in der Mathematik stark sein.«

»Bitte recht sehr …«

»Nur nicht zu bescheiden. Ich suche eben einen Mann, der mit dieser Wissenschaft auch Sprachkenntnisse verbindet. Sie sind aus dem Elsass gebürtig; des Französischen also gewiss mächtig?«

»Ganz und gar – ich schmeichle mir.«

»Und andere Sprachen? Wie sieht es da aus?«

»Latein, Griechisch, Hebräisch und etwas Sanskrit.«

»Diese Sprachen sind nicht eben so gar notwendig; ich meinte neuere, lebende Sprachen: Polnisch, Englisch oder Italienisch …«

»Polnisch verstehe ich zu sprechen und zu schreiben; ich wollte schon einmal eine polnische Grammatik mit lateinischer Erklärung schreiben.«

»Das ist ja schön …«, meinte die Excellenz mit frohem Händereiben. »Sie selbst haben den Wunsch geäußert, dass Sie sich in der Welt umsehen möchten. Der Zeitpunkt dazu ist günstig und es steht bei Ihnen, ob Sie sich poussieren wollen …«

»Wer möchte das nicht!«

»Gut denn – ich bin sogleich wieder bei Ihnen; muss nur einiges ordnen.«

Die Excellenz schlüpfte hinter die spanische Wand. Der Magister hörte zwar ein Flüstern, doch anstatt sein Gehör anzuspannen, um zu lauschen, strengte er sein scharfes Auge an, um einen auf dem Tisch geöffnet liegenden Brief zu lesen. Leider war der obere Teil des Briefes von anderen Papieren bedeckt und erst auf der Mitte des Blattes fing das für den Spion wichtige Geheimnis an.

… Seine Hoheit der Churfürst werden erst dann den Befehl erteilen, dass die sächsischen Truppen marschieren, wenn die preußische Armee die sächsischen Lande deckt. Auf keinen Fall aber soll Dresden als eine Festung betrachtet oder gar einem Bombardement ausgesetzt werden …

Vonseiten des Kriegsministeriums war unter dieser Note etwas bemerkt, aber der Spion konnte es nicht sogleich entziffern. Es war einerseits zu unleserlich geschrieben, andererseits trat die Excellenz wieder hinter der spanischen Wand hervor.

»Es ist mir lieb, dass Sie nach etwas Höherem streben, als gerade unter Folianten und Bücherstaub zu verkümmern. Die Aufnahme, welche Ihnen in Berlin zuteil geworden ist, lässt mich mit Recht voraussetzen, dass Preußen an Ihnen einen Verehrer habe …«

»Exzellenz, es tut mir leid, nicht ein geborener Preuße zu sein.«

»Wahrhaftig? Nun es sind nur Vorurteile, welche von der Geburt auf die Neigung schließen. Machen Sie sich um Preußen verdient, so haben Sie größeren Anspruch, es Vaterland zu nennen, als derjenige, welcher nichts anderes für sich hat, denn darin geboren zu sein. Das ist ein sehr prekäres Verdienst. Wie?«

»So prekär, wie der Flecken, nicht darin geboren zu sein. Unmaßgeblich …!«

»Ganz gut bemerkt. Ich sehe schon, Sie werden auftauen. Wenn Sie wollen, können Sie sich um Preußen auf eklatante Weise verdient machen und es wird Sie zu seinen Landeskindern zählen.«

»Geben Sie mir nur einen Wink, um …«

»Mehr als das. Ihnen wird nicht unbekannt geblieben sein, dass der Krieg zwischen Preußen und Frankreich unausbleiblich, unvermeidlich ist.«

»Also dennoch!«

»Gewiss, wie ich sage. Es liegt mir daran, einen sprach- und sachkundigen Mann in der Umgebung der feindlichen Heerführer zu wissen, um von den Gerüchten, welche dort im Umlauf sind, genau unterrichtet zu werden.«

»Exzellenz wollen doch nicht mich dazu ersehen haben?«

»Was stößt Ihnen dabei auf? Ein Mann von Ihrem Wissen wird sich über das Vorurteil der pöbelhaften Menge erheben und sich selbst sagen: Siehe, du bist der Mann, um den sich das Schicksal der kultivierten Welt wie das Rad um die Spindel dreht!«

»Zu dieser sublimen Höhe der Philosophie habe ich es noch nicht bringen können.«

»Und nun gar dabei das Achselzucken der Resignation! Herr Magister, ich achte die Empfehlung zu hoch, als dass ich dieselbe durch Ihre Bescheidenheit oder auch falsches Ehrgefühl vernichten ließe. Greifen Sie getrost in das Glücksrad, welches Ihnen dargeboten wird und Sie werden sich endlich zum innigsten Dank gegen mich verpflichtet fühlen.«

»Aber Exzellenz möge bedenken, welchen Titel ich mir erwerbe. «

»Im Krieg verliert das seinen hässlichen Schein.«

»Die Wahrheit hingegen tritt nackt hervor.«

»Ich sehe schon, dass ich mich vergeblich abmühe — das sind Begriffe, welche vom Katheder stammen. Sie haben recht, bleiben Sie bei Ihren Büchern und erwarten die Blüte der Wissenschaften, wenn die Trommeln rasseln und die Haubitzen brüllen.« »Exzellenz zürnen?«

»Ei ja doch! Wohin soll man denn greifen in Kriegszeit, wenn ein Mann wie Sie, dem alle Mittel zu Gebote stehen, dessen Äußeres jeden Verdacht entkräftet, sich zurückzieht? Und wähnen Sie etwa, dass nicht auch finanzielle Vorteile dabei zu erlangen stehen? Was verschlägt es Ihnen, wenn Sie während des Krieges die Pädagogik in ein sicheres Verwahrsam bringen? Ist das Glück auf der Seite des guten Rechts, unsere Waffen siegreich, so haben Sie ein artiges Sümmchen zurückgelegt und das Land ist Ihnen in dem Grade verpflichtet, dass Ihnen der beste Lehrstuhl in der Monarchie zuteilwerden muss.«

»Wirklich?«

»Ich könnte Ihnen das verbrieft und besiegelt geben.«

Hier war der Einigungspunkt zwischen dem Staatsmann und dem Spion. Die Exzellenz schien sehr erfreut, denn sie eilte wieder hinter die spanische Wand und flüsterte. Die Gelegenheit nahm der Spion wahr und las unter dem Reskript:

Wenngleich dem Hohenlohischen Heer der Waffenplatz an der Elbe genommen und auch die Strategie in obiger Forderung verletzt wird, so gestehen wir doch Sr. Hoheit dem Kurfürsten diese Forderung zu …

Mehr bedurfte der Spion nicht, und im nächsten Augenblick zeigte sein Gesicht wieder die Maske der Einfältigkeit.

»Herr Magister«, redete ihn die Exzellenz wieder an, »wir können sofort an die Arbeit gehen. Es ist ein Leichtes, was Sie zuerst effektuieren. Ich habe eine Proklamation, welche erst vom Hauptquartier aus veröffentlicht werden soll. Sie werden den Druck besorgen und mehrere Exemplare mit sich nehmen. Setzen Sie sich, ich werde Ihnen diktieren.

Sr. Majestät, der König, haben allergnädigst befohlen, Folgendes der Armee bekannt zu machen:

Alle Bemühungen Ihrer und Ihrer nächsten alliierten Staaten, den Frieden noch länger zu erhalten, sind fruchtlos gewesen, und wenn nicht das ganze nördliche Deutschland, ja vielleicht ganz Europa, der Willkür eines nie ruhenden Feindes und seinen verheerenden Armeen überlassen werden soll, so ist der Krieg unvermeidlich.

Se. Majestät haben ihn beschlossen, da die Ehre und Sicherheit des Staates in Gefahr ist. Glücklich würden Sie sich geschätzt haben, wenn Sie diese auf einem friedlichen Wege hätten erhalten können. Dies weiß die Armee, dies weiß die Nation, ja die Welt; aber mit froher Zuversicht werden Sie jetzt Ihr Heer zum Kampf für Vaterland und Nationalehre führen, denn die gerechte Sache ist mit uns.

Es ist Seiner Majestät nicht unbemerkt geblieben, dass die Armee längst den Krieg gewünscht und wenngleich Rücksichten, die allein aus Ihrem Standpunkt richtig erwogen werden können, Sie abhielten, diesem Wunsch früher nachzugeben, so haben Sie ihn doch geehrt, da Sie Sich überzeugt halten, dass er nur aus wahrer Ehr- und Vaterlandsliebe, welche die Armee immer in so hohem Grade an den Tag gelegt, entsprossen ist. Auch die gesamte Nation hat schon bewiesen, welchen lebhaften Anteil sie an diesem Krieg nimmt, und es gereicht Sr. Majestät zur großen Beruhigung, dass das, was jetzt geschieht, nicht allein unvermeidlich, sondern auch der einstimmige Wunsch des ganzen Volkes ist.

Sr. Majestät sind überzeugt, dass schon die Erhaltung der Nationalehre und des Ruhms, den Friedrichs Geist über seine Preußen verbreitete, die Armee zu der gewohnten Tapferkeit und zum willigen Ertragen aller im Krieg unvermeidlichen Mühseligkeiten hinlänglich aufmuntern würde; allein dieser Krieg hat noch mehrere, noch allgemeinere Zwecke.

Wir haben es mit einem Feind zu tun, der rings um uns her die zahlreichsten Armeen geschlagen, die mächtigsten Staaten gedemütigt, die ehrwürdigsten Verfassungen vernichtet, mehr als eine Nation ihrer Unabhängigkeit und ihres Namens beraubt hat.

Ein gleiches Schicksal war der preußischen Monarchie zugedacht. Schon bedrohten zahlreiche Heere ringsum ihre Grenzen und vermehrten sich täglich. Auch sie sollte in Kurzem hinabsinken, ja wohl gar einem fremden Gebieter dienen. Übermut und Raubbegier träumten schon die Teilung des nördlichen Deutschlands.

»Wir fechten also für Unabhängigkeit, für Haus und Herd, ja für alles, was uns teuer ist. Wenn Gott unserer gerechten Sache, unseren Waffen und dem Mut, der gewiss die Brust jedes Preußen belebt, den Sieg verleiht, so können wir die Retter Tausender Bedrückten werden. Gewiss ist niemand in der Armee, vom obersten Feldherrn bis zum Soldaten, dessen Herz kalt bei solchen Zwecken bleiben kann. Jeder Krieger, der in diesem Kampf fällt, ist für eine heilige Sache der Menschheit gestorben. Jeder Krieger, der ihn überlebt, hat außer einem unsterblichen Ruhm auch seinen Anteil an dem Dank, dem Jubel und en Freudentränen des geretteten Vaterlandes.

Wer unter uns könnte den Gedanken ertragen, dieses fremder Willkür preisgegeben zu sehen? Aber indem wir für uns selbst kämpfen, indem wir die tiefste Erniedrigung, die eine Nation nur bedrohen kann, von uns selbst abkehren, sind wir zugleich die Retter und Befreier unserer deutschen Mitbrüder. Die Augen aller Völker sind auf uns, als die letzte Stütze aller Freiheit, aller Selbstständigkeit und aller Ordnung in Europa, gerichtet. Der Sieg, nach dem wir trachten, ist kein gemeiner Sieg. Groß sind die Zwecke desselben und groß die Mittel des siegestrunkenen Feindes. Groß, ausgezeichnet und entscheidend müssen daher auch unsere Anstrengungen sein.

Sr. Majestät werden diese Anstrengungen, Gefahren und Mühseligkeiten treulich mit Ihren Truppen teilen. Sie wissen, was Sie von Ihren Mitstreitern zu erwarten haben.

Sie wissen, dass unverdrossene Bereitwilligkeit, unermüdliche Wachsamkeit, unbedingte Entschlossenheit und ausdauernde Beharrlichkeit von Ihrer braven Armee keinen Augenblick weichen können, und dass sie unter allen Umständen ihrer großen Bestimmung eingedenk sein wird.

Die Schicksale der Völker und Heere stehen zwar in Gottes Hand, doch verleiht er meist nur anhaltenden Sieg und dauerhaftes Gedeihen der Gerechtigkeit. Sie ist mit uns, das Vertrauen der guten Sache ist mit uns, für uns ist die Stimme der Zeitgenossen. Der glücklichste Erfolg wird unsere Unternehmungen krönen.

Die Exzellenz steckte das Papier, welches den Entwurf zu dieser Proklamation enthielt, wieder zu sich. Ein leichter Wink bedeutete den Magister, dass er sich nun erheben könnte.

»Ich bitte mir heute Abend einen Besuch aus«, entließ ihn die Exzellenz, »um dann alle Nebendinge zu Ihrer größten Zufriedenheit zu ordnen.«

Es ist beinahe nicht möglich, dass man den Ideengang eines Magisters Roth, eines Spions wie er, mutmaßen könne; doch muss man ihm zum Ruhm nachsagen, dass er, vermöge einer ziemlich verkehrten Philosophie, in sich selbst Beruhigung fand. Diese Philosophie, welche er auch schon dem Blumenmädchen von St. Antoine gepredigt hatte, ließ ihn nie die Vorwürfe der Selbstanklage empfinden. Aus diesem Grund war es ihm möglich geworden, sich in kleinere Familienkreise einzuführen, indem er stets das Aushängeschild eines heiratslustigen Magisters trug. Nun hatte er gewiss den größten Wurf getan, der für einen Spion offensteht. In seiner Hand lag die Macht, diese oder jene Partei zu täuschen, ja das Schicksal eines ganzen Heeres konnte leicht von seinem Bericht abhängen. Er wusste selbst nicht, dass dieses Bewusstsein ihn so sehr durchgeistigte, dass sein Gesicht keineswegs noch so nichtssagend aussah, dass sein Schritt fest, beinahe kühn und herausfordernd, sein Anstand nicht der eines Magisters, wohl aber der eines gewandten Weltmannes war. So durchstrich er die Straßen von Berlin. Ein mehr als lebendiges Treiben hatte sich während weniger Stunden verbreitet. Auf den größeren Plätzen der Stadt marschierte das Militär von den verschiedensten Waffengattungen auf. Das Volk staunte seine Brüder an, welche bereit waren, Blut und Leben für Vaterland und Preußennamen zu wagen. Auch der Magister blieb einige Minuten vor einem Jägerbataillon stehen. Aus jedes einzelnen Soldaten Auge blitzte der kühne Mut, das Hochentzücken, sich zum ersten Mal vor das Vaterland zu stellen. Bald ertönte der Ruf: »Es lebe der König!«

Da zuckte ein Lächeln um des Magisters Mund, ein Lächeln, wie es der Teufel übt, wenn er den Fang getan hat und die Armensünderseele noch zur teuflischen Lust zappeln lässt.

Bald genug aber kehrte der Magister zu seiner klüglicheren Rolle zurück, schritt weiter und es berührte ihn kaum, da man an den Straßenecken einander erzählte, wie der französische Gesandte, Laforest, an diesem Morgen öffentliche Beschimpfung habe erdulden müssen. Den Spion erfüllte nun wieder etwas anderes, als sich um Berlin und seine Preußen zu bekümmern. Darum schlug er den Weg nach einer am äußersten Ende der Hauptstadt gelegenen Gasse ein. Hier suchte er das unscheinbarste Haus. Auf den ersten Blick musste man es für eine sehr zweideutige Spelunke erkennen. Der Flur des Hauses war so dunkel, dass nur ein mit ihm genau Vertrauter den Weg über denselben zu finden imstande war. Der Magister kannte ihn genau. Bald hielt er vor einer niedrigen Tür, welche sich auf sein leises Klopfen öffnete. Eine alte, ziemlich unreinlich gekleidete Frau bat ihn, bei ihr einzutreten. Er weigerte sich desselben und fragte nur, ob die Leute beisammen wären. Sie bejahte, lobte die Leute ungemein. Nun forderte der Magister die alte Frau auf, ihm zu sagen, wie hoch sich die Zeche beliefe. Er bezahlte sehr splendid, die Alte dankte in einer Sintflut von schmeichelhaften Ausdrücken und führte ihn weiter.

Nach einem ziemlich beschwerlichen Weg durch dunkle Gänge, über wandelbare Treppen, hielten sie denn vor einer Tür, die in einem halben Jahrhundert weder Bürste noch irgendein anderes Säuberungswerkzeug gesehen hatte; aber die Frequenz dieses abgelegenen Lokales konnte man leicht an einer schwarzen Kruste erkennen, welche sich unter der Klinke gebildet. Die Alte blieb zurück, der Magister öffnete und wie auf ein Signal rief man ihm ein freudiges Willkommen entgegen.

Aber welch ein Aufenthalt hier! Welch eine Gesellschaft! Aus dem Tabakqualm schimmerte es, als ob eine Lampe brannte, denn die Flamme derselben, obwohl sie so hoch flackerte, dass sich ihr Ölgeruch auf lästige Weise bemerklich machte, wurde von den Wolken aus zehn bis zwölf Pfeifen niedergedrückt. Um den grau scheinenden Eichentisch waren Männer versammelt, auf deren Gesichtern alle Merkzeichen der Verworfenheit in den erschreckendsten Zügen gezeichnet waren. Aus diesem Gesicht mit den grauen, schillernden Augen und dem roten, wirrigen Bart, sprach ein so hoher Grad von Verworfenheit, dass dieses Versteck kaum tief genug war, den Mann vor einem nicht gar scharfsichtigen Agenten der öffentlichen Sicherheit zu verbergen. Jenes Gesicht, über welches einige Narben liefen und welches nur ein Auge zeigte, sprach von einer sehr nahen feindlichen Berührung, die bei nächtlicher Weile, wie etwa bei diebischem Einbruch, stattgefunden hatte. Wieder ein anderes zeigte den aufgedunsenen Schlemmer, der bürgerliche Ehre und Ehrlichkeit längst seinen Leidenschaften geopfert und – was mehr als diese unerträglichen Schlüsse – die Namen der Männer fanden sich in den Aktenstücken über eine am Ende des 18. Jahrhunderts gesprengte Räuber- und Diebesbande im Elsass. Und diese verworfenen Kreaturen waren bei dem Eintritt des Spions in einen Rausch des Entzückens versetzt!

Er gebot Ruhe. Sein nächster Befehl war, die kleinen Fenster zu öffnen, damit der Qualm sich verzöge und seine Kleidung nicht so sehr durchdränge, dass er bei Personen von Stande zu erscheinen sich nicht scheuen dürfte.

»Es ist Zeit«, verfolgte er sich dann, als man willig Folge geleistet hatte, »heute Abend in der neunten Stunde könnt Ihr dieses Haus verlassen. Ich selbst werde euch abholen und das nötige Geld mitbringen.«

»Was sollen wir tun?«, fragten mehrere zugleich.

»Haltet das Maul, Burschen! Wer hat zu fragen? Erwartet, was ich Euch vorschreibe, erfüllt meine Befehle und Ihr habt Eure Pflicht getan. Nur so, nicht anders, könnt Ihr wieder zu dem Verein gelangen, den man menschliche Gesellschaft nennt.«

»Na, nimm es nur nicht so krumm«, begütigte ihn der Rotbärtige, »sei froh, dass die Jungen so vorlaut sind; denn das zeugt von ihrer Willfährigkeit.«

»Ich erkenne das, aber man muss alle Schubfächer seines Hirnkastens in bester Ordnung haben, wenn man in so kritischer Zeit keinen Fehler machen will. Also hört mich ruhig an. Jeder merke sich, was ihn betrifft. Ihr werdet mit Zeugnissen versehen, mit Zeugnissen, welche man in der preußischen Armee respektieren wird. Ich gebe jedem von Euch so viel Geld, dass er sich einen Wagen und Pferd, Branntwein und andere Lebensmittel anschaffen könne. Zu unserem Glück fehlt es an Sudeltonnen, Ihr werdet also die Marketender spielen.«

Der Schlemmer konnte seine Freude nicht verbergen: »Gott verdamm mich, das habe ich mir schon lange gewünscht. Da hat man doch immer etwas für einen nüchternen Magen und eine matt gewordene Seele.«

»Wenn ich dich nicht besser kennen würde, Schmerbauch, du solltest bald Hungerpfoten saugen!«, drohte der Spion. »Du kennst mich, Bursche, und die erste Unvorsichtigkeit bringt dir das Ding aus Hanf.«

»So nimm doch nur nicht alles so«, murrte der Schlemmer. »Für was hat man denn das Maul, wenn man nicht sprechen soll und fressen und saufen?«

»Jetzt wirst du es schließen und hören. Merkt Euch also, was ich Euch vorschreibe.«

Er zog das schwarze Buch aus der Tasche. »Sollte bei irgendeiner Division eines Armeekorps schon ein Marketender engagiert sein, so ist nur darauf zu sehen, dass man sich an ihn mache. Es sind gewöhnlich Leute, die lieber schwadronieren als arbeiten, verdorbene Subjekte von allen Farben. Na, mit denen wisst ihr ja fertig zu werden. Also du, Roter Fritz, meldest dich bei dem Oberst von Böhmken. Er hat die erste Infanterie-Brigade der Division von Tschammer. Kannst dich an den Sekretär Hellmund machen, zeigst ihm fünf, sechs Dukaten, so hast du die Erlaubnis, mit zu karren. Du, Blaustrumpf, meldest dich beim Obersten von Elsner. Der Feldwebel von der 3. Kompanie des Bataillons Herzog hat eine Amour in der Kamelstraße in Magdeburg. Grüße ihn von daher im Vorbeigehen und – nun, er gilt viel bei dem Obersten. Du verstehst mich schon.«

Alles war still geworden, man hörte nur den Magister. Aber hier sprach er anders als bei der Exzellenz. Wie ein Feldherr Befehle erteilt, so schrieb er jedem seiner Helfershelfer vor, was zu tun und wie am sichersten zum Ziel zu gelangen sei. Da wurde auch nicht eine Brigade vergessen. Jedes Bataillon wurde namhaft gemacht. Es unterlag keinem Zweifel, dass der Magister der am besten unterrichtete Mann in ganz Berlin war.