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Der Detektiv – Der Fluch eines Geschlechts – 3. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Der Fluch eines Geschlechts
3. Kapitel

Ein Selbstmord

Doktor Heid eilte davon. Und Harst fasste mich wieder unter.

»Ihm nach, Schraut! Von ihm hängt alles ab!«

Wir holten ihn bald ein – in einer Nebenstraße. Keine Seele war in der Nähe. Als er unsere schnellen Schritte hörte, drehte er sich um.

»Herr Doktor, einen Augenblick«, rief Harst leise.

Der junge Arzt blieb stehen.

Harst grüßte, sagte: »Würden Sie mit mir unter jene Laterne kommen. Ich möchte Ihnen etwas mitteilen, etwas Interessantes.«

Heid wurde misstrauisch, trat zurück, meinte: »Wer sind Sie denn? Etwas mitteilen? Falls Sie Übles im Schilde führen, dann nehmen Sie sich in Acht!« Er griff in die Tasche. In seiner Rechten blitzte nun ein vernickelter Revolver.

Harst lachte leise auf. »Stecken Sie das Ding wieder weg, Herr Doktor! Wenn wir Meuchelmörder wären, hätten wir Sie längst abtun können. Bitte, kommen Sie. Meinetwegen behalten Sie Ihre Waffe auch in der Hand. Wir werden vorausgehen.«

Unter der Laterne fuhr Harst dann ganz leise fort, indem seine Augen das Gesicht des jungen Arztes forschend musterten.

»Sind Sie Hausarzt bei Baron Malwack?«

»Nein. Ich war heute zum ersten Mal dort. Sanitätsrat Friedrich ist verreist, und daher holte man mich. Aber was soll das alles?«

»Ich muss vorsichtig sein. Ihr Gesicht beruhigt mich. Sie lügen nicht. Ich bin Harald Harst, und ich bin im Interesse der Familie Malwack, besser Fräulein Thoras, hierhergekommen. Dies ist mein Sekretär Schraut, dessen Name Ihnen aus den Zeitungsberichten über meine Wettaufgaben bekannt sein dürfte.«

»Ah, wirklich Harald Harst …?«

»Hier bitte mein Ausweis mit Fotographie. Freilich ich trage zurzeit eine Verkleidung. Aber hier ist das in dem Ausweis erwähnte besondere Kennzeichen. Er streifte den linken Ärmel hoch. Am Unterarm hatte er eine lange Schnittwunde mit zackigen Rändern.

Heid war nun überzeugt, tatsächlich den berühmten Liebhaberdetektiv vor sich zu haben.

»Herr Harst ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung«, ereiferte er sich.

»Gut. Sie haben die Bisswunden Fräulein Thoras soeben verbunden. Hoffen Sie, dass sie durchkommen wird?«

»Falls keine schlimmere Vereiterung hinzutritt.«

»So, dann bitte ich Sie dringend, sofort zu der Friedrichsburg zurückzukehren und dort so zu tun, als hätte Sie lediglich die Besorgnis um die Verwundete zurückgetrieben. Kein Wort von dieser Unterredung, Herr Doktor, zu niemandem, auch nicht zu Ihrer Gattin, falls Sie verheiratet sind.«

»Ich bin verheiratet …«

»Wie gesagt, also zu niemandem eine Silbe! Erklären Sie dem Baron Gisbert, Sie hätten sich die Sache überlegt; die Komtesse müsste unbedingt in sachverständigende Pflege, und zwar unverzüglich. Können Sie sie bei sich aufnehmen? Ja? Das ist mir sehr lieb. Also: Sie verlangen mit aller Energie als Arzt, dass Fräulein Thora zu Ihnen geschafft wird. Ersinnen Sie einen Vorwand. Und lassen Sie sich nicht umstimmen. Sagen Sie, Sie würden, falls Ihrem Verlangen nicht stattgegeben wird, jede Verantwortung ablehnen und dies auch der Polizei mitteilen. Die Hauptsache jedoch: Weichen Sie dann auch nicht mehr eine Sekunde vom Lager Ihrer Patientin – nicht eine Sekunde! Bewachen Sie sie, als ob sie sich in einer Mörderhöhle befände. Wir werden einen Krankenwagen besorgen und auch Ihre Gattin benachrichtigen, dass eine Kranke bei Ihnen untergebracht werden muss. Wo wohnen Sie?«

»Potsdamer Chaussee 12. Aber … aber … entschuldigen Sie schon, Herr Harst, ich bin vollständig verblüfft über all diese seltsamen Forderungen, die Sie stellen, dass ich …«

»Glaube ich gern«, unterbrach Harst ihn. »Bitte Ihr Wort, dass Sie genau meine Anweisungen befolgen werden. Ein Menschenleben steht auf dem Spiel …«

Doktor Heid reichte Harst die Hand. »Weil Sie es sind. Mein Wort!«

Da beugte sich Harst vor, flüsterte Heid ein paar Sätze ins Ohr.

Und Heid prallte zurück, stammelte: »Un … un … möglich! Aber wenn Harald Harst so etwas behauptet, muss man schweigen.«

Gleich darauf eilte er in die Friedrichsburg zurück.

Eine Stunde später beobachteten wir aus sicherer Entfernung, wie die Komtesse fortgeschafft wurde. Wir begaben uns nun durch das Fenster wieder leise in unsere Zimmer zurück. Der Morgen dämmerte bereits.

»Schlafen zu gehen, lohnt nicht mehr«, meinte Harst. »Wir haben genug Arbeit. Unsere Wirtsleute werden Frühaufsteher sein. Dann lassen wir uns Kaffee geben und tun so, als ob wir zum Angeln wollten. Zerwühlen Sie die Betten etwas, Schraut. Ich werde mich waschen, den Oberkörper abreiben. Tun Sie es nachher auch. Wir müssen ganz frisch sein. Die Leute, gegen die wir kämpfen, sollen umgehend unschädlich gemacht werden. Es sind vielfache Mörder. Ich hoffe morgen Vormittag unsere Ermittlungen abgeschlossen zu haben.«

Ich merkte, dass die Erregung, die ihn dort in dem kleinen Laboratorium gepackt hatte, noch immer anhielt.

Dann saß er in einem alten Korbsessel am Fenster und lauschte den Vogelstimmen, die aus dem Waldstück gegenüber den neuen Tag jubelnd begrüßten.

»Schraut«, meinte er leise, »der Mensch ist doch die Gefährlichste aller Bestien. Kein Tier kennt die Habgier. Kein Tier tötet um des schnöden Geldes willen. Nur wir – der Homo sapiens, das intelligenteste aller Säugetiere – Entsetzlich dies alles!«

Worauf sich dies entsetzlich bezog, konnte ich nur vermuten.

Ich nahm ihm gegenüber Platz. »Würden Sie mir nicht vielleicht erklären«, bat ich, »wer nun eigentlich …«

Er winkte ab. »Das ist doch so klar, Schraut! Strengen Sie Ihr Hirn nur etwas an.«

Wir hörten im Nebenzimmer Geräusch. Höppners waren aufgestanden. Wir bekamen bald Kaffee, weiche Eier und anderes, frühstückten in Ruhe und verließen dann das freundliche Häuschen.

Es war nun sechs Uhr morgens. Wir gingen die Elsentraße hinunter. In der Friedrichsburg regte sich nichts. Wir trafen dann den alten Polizisten Gräber, dessen Nachtwache nun beendet war. Harst flüsterte mir zu: »Sehr günstig. Das erspart uns einen Gang zum Gemeindeamt.«

Er sprach Gräber an, sagte, wer wir seien – Versicherungsbeamte auf Urlaub und leidenschaftliche Angler, – fragte, wo man die Erlaubnis zum Angeln im kleinen Wannsee bekäme, und gelangte auf Umwegen unauffällig zu den Ereignissen der verflossenen Nacht.

Gräber ließ sich genau so leicht ausholen wie unser biederer Wirt. Wir hörten sehr viel Gutes über den Baron Gisbert, weniger Gutes über dessen Diener Franz Thomas, den er sich aus Transvaal mitgebracht hatte, wo er Farmbesitzer gewesen war. Dann befand sich nach Gräbers Angaben noch ein Gärtner im Haus, ein jüngerer Mensch namens Max Berg, der gleichzeitig Kutscher bei den beiden Pferden war. Schließlich noch eine Köchin Ulrike Balz, eine ältere Person, die ebenso unfreundlich wäre wie der hochmütige Diener Franz Thomas.

Gräber plauderte gern. Der Baron hatte ihm heute wieder zehn Mark geschenkt, weil er so schnell zur Stelle gewesen war und den Doktor Heid geholt hatte.

Als der Polizist sich verabschiedet hatte, notierte sich Harst die Namen und das Charakteristische der einzelnen Bewohner der Friedrichsburg kurz in sein Taschenbuch.

»Alles sehr wertvoll, Schraut«, meinte er. »Nun ins Bahnhofsrestaurant. Dort wollten wir uns ja um halb acht mit Berthold Müller treffen.«

Doch der Erwartete erschien nicht. Harst wurde immer unruhiger.

»Die Sache kommt mir verdächtig vor. Aber wir dürfen nicht in seinem Pensionat nachfragen«, meinte er. »Halt, ein Gedanke. Wir werden telefonieren.«

Der Bahnhofswirt stellte uns seinen Apparat zur Verfügung. Harst erhielt auch sehr bald Anschluss, meldete sich: »Hier Julius Kowger. Firma Knittel. Ich muss Herrn Müller sofort sprechen.«

»Der schläft noch«, erklärte ein Stubenmädchen der Pension.

»Wecken Sie ihn. Ich melde mich in fünf Minuten nochmals.«

Die fünf Minuten waren um. Und nun kam die erregte Antwort.

»Soeben ist Herr Müller tot in seinem Bett aufgefunden worden.«

Wir verließen den Bahnhof. Da kam hinter uns unser Freund Gräber daher gekeucht.

»Eine nette Geschichte. Kaum im Bett –wieder raus!«, rief er. »Bei Mertens liegt ein Selbstmörder im Bett. Auf Wiedersehen. Habe es eilig …«

Harst folgte ihm. Nach einer Weile sagte er: »Ich hätte den armen Kerl noch eindringlicher warnen sollen! Es war vorauszusehen, dass man auch ihn stumm machen würde, nachdem man bei Thora das Geschäft ziemlich glatt erledigt hatte.«

»Sie glauben nicht, dass die Bulldoggen es waren, sondern dass Menschen die Komtesse …«

Er fiel mir ins Wort. »Doch, es waren die Hunde. Und gerade, weil sie es waren …« Er führte den Satz nicht zu Ende. »Ah, dort in jenem Haus ist Gräber verschwunden. Kehren wir um. Nein, doch nicht. Es gefällt mir bei Höppners nicht. Wir werden uns umquartieren. Gehen wir zu Mertens.«

Das Pensionat gehörte einer älteren Witwe. Die Ärmste rang verzweifelt die Hände, weil sie fürchtete, der Selbstmord würde ihre Pension in Verruf bringen. Harst beruhigte sie. Wir nahmen gleich drei teure Zimmer, und Harst bat dann, ihn doch mal in das Zimmer Müllers zu führen.

»Als Beamter einer Lebensversicherungsgesellschaft verstehe ich etwas von Selbstmorden«, erklärte er etwas unklar.

Aber der Mertens genügte diese Begründung. So gelangten wir denn in das zum Garten hinausgehende Hochparterrezimmer, wo Gräber bis zum Eintreffen des Arztes und des Gemeindevorstehers Wache halten musste. Er hatte nichts dagegen, dass wir uns den Toten ansahen. Die Mertens war wieder davongeeilt.

Müller lag im Nachthemd im Bett, war bis zur halben Brust zugedeckt. Auf dem kleinen Nachttisch am Kopfende des Bettes stand unter anderem ein Glas, in dem ein milchiger Rest einer Flüssigkeit am Boden zu bemerken war. Neben dem Glas aber lag ein Bogen Papier, Oktavformat; darauf war zu lesen – mit Tinte geschrieben:

Ich habe das Leben satt! Ich scheide freiwillig aus dieser Welt, die mir nur Enttäuschungen gebracht hat. Berthold Müller.

»Nichts anrühren!«, rief Gräber, als Harst das Glas hochheben wollte. »Natürlich hat er sich vergiftet.«

»Scheint so«, meinte Harst sehr gedehnt.

Da wurden im Flur Schritte laut. Doktor Heid und der Gemeindevorsteher traten ein.

Heid stutzte, als er Harst und mich erkannte, tat aber völlig fremd.

Der Gemeindevorsteher, der ja gleichzeitig auch die höchste Polizeigewalt des Ortes darstellte, wollte gerade zu sprechen beginnen, als Harst ihm schnell seinen Ausweis hinreichte und seinen linken Ärmel dann hochstreifte und die Narbe zeigte.

Dann öffnete er die Tür, schaute hinaus, schloss sie wieder und sagte flüsternd: »Doktor Heid kennt uns schon. Sie haben doch nichts dagegen, dass ich mich hier etwas umsehe. Bitte treten Sie alle in jene Ecke neben den Ofen. Und bitte verpflichten Sie Gräber zu strengstem Stillschweigen, Herr Gemeindevorsteher. Er ist etwas redselig, und hier liegt Mord, nicht Selbstmord vor!«

Der Gemeindevorsteher erklärte bereitwillig, sich ganz Harsts Anordnungen zu unterwerfen. »Bei Ihrer Berühmtheit, Herr Harst!«, fügte er respektvoll hinzu.

Wir, die wir in der Ofenecke standen, bekamen allerlei zu sehen. Harst begann mit der Untersuchung des Toten. Plötzlich richtete er sich auf, holte vom Schreibtisch Siegellack, entblößte Müllers Brust noch mehr und ließ ein brennendes Tröpfchen des roten Lacks auf die linke Brustwarze fallen.

Ich glaubte wahrzunehmen, dass die Haut rings um die Brustwarze sich etwas spannte.

Harst zog Müller nun das Nachthemd vollends aus, besichtigte die Haut der Arme, der Brust, des Halses und des Gesichts mit einer Sorgfalt, als suche er etwas ganz Besonderes.

Nachdem er sich dann noch im Zimmer alles Mögliche mit gleichem Interesse angeschaut hatte, so die Feder des Federhalters, die Tinte im Schreibzeug, das Fensterbrett und auch den Spüleimer, wandte er sich an Doktor Heid.

»Der Mann hat sich nicht vergiftet, sondern ist durch das indianische Pfeilgift Curare in einen Starrkrampf ähnlichen Zustand versetzt worden, der regelmäßig den Tod nach sich zieht, wenn nicht alsbald die Nervenlähmung durch elektrische Behandlung beseitigt wird. Schnell also, Herr Doktor. Tun Sie das Nötige. Aber absolutes Schweigen! Sie wissen!«

Heid lief schon hinaus, um seine Elektrisiermaschine zu holen.

Dann sagte Harst zu den beiden Beamten: »Bitte verändern Sie hier nichts im Zimmer. Schließen Sie es ab, sobald Doktor Heid den Bewusstlosen wieder ins Leben zurückgerufen hat, und befolgen Sie dasselbe, was ich ihnen sagte: Schweigen Sie! Nichts von dem, was ich festgestellt habe, nichts über meine Person. Fragt man Sie, so sagen Sie: ›Ja, ein Selbstmordversuch. Aber dem Doktor ist es gelungen, den Mann noch zu retten.‹ So, guten Morgen. Sie hören noch von mir.«

Wir gingen in den Garten unter die Fenster Berthold Müllers.

Harst murmelte: »Sehr unbegabt – sehr!« Dann kehrten wir ins Haus zurück. Er teilte Frau Mertens mit, wir würden morgen Abend einziehen. Er zahlte die Miete für eine Woche voraus, und die Mertens strahlte. Sie war so in Angst gewesen, ihr Pensionat könnte nun leer bleiben.

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