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Shane Flannigan 2 – Hängt sie höher

Shane Flannigan 2
Hängt sie höher

Stets waren es Nächte wie diese gewesen. Nächte, die nicht allzu hell waren, der Mond oft von Wolken bedeckt. Und stets an Sonnabenden, an denen sich die meisten Cowboys in der Stadt aufhielten. Jedenfalls hatte das sein Vormann Jake Morris erzählt. Seit knapp einer Woche war Shane Flannigan der neue Besitzer der Double F Ranch. Jake war ein fähiger Cowboy, ein Mann, auf den er sich verlassen konnte. Er hatte bereits für seinen verstorbenen Ziehvater gearbeitet, als Shane vor sieben Jahren mit Gabe zur Wildpferdjagd aufgebrochen war.

Er löste Jake ab, der unbeweglich an einem Baum lehnte.

»Wenn etwas geschieht, dann in den nächsten Stunden«, flüsterte Jake. »Zwischen Mitternacht und Morgengrauen.

Shane antwortete nicht. Während Jake sich zum Schlafen legte, hielt Shane Wache. Jake war sicher, dass die Falle zuschnappen würde. Die Cowboys, denen er vertraute, waren auf ihren Posten. Zuvor hatten sie sich in der Stadt blicken lassen, so wie jeden Sonnabend. Sie verzichteten auf ihren Saufabend und die Mädchen aus Lillys Bordell, denn es ging um ihre Ehre. Kein Cowboy vertrug es, wenn Rinder seiner Ranch gestohlen wurden. Jake glaubte an einen Verräter in den eigenen Reihen. An diesem Platz hatten sie schon vor Tagen einen Großteil der Rinder versammelt. Für Rinderdiebe ein gut gelegener Ort, da die Diebe schnell flüchten konnten.

Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sich das erste Morgengrauen am Himmel abzeichnen würde, als Schüsse erklangen. Jake lief mit anderen Cowboys zwischen den Bäumen hervor.

»Die Schüsse kamen aus der Richtung, wo Derrick und Billy lagern«, murmelte Jake.

»Und wenn es ein Ablenkungsmanöver ist?«, mutmaßte Shane.

Flüche wurden laut.

»Jake, drei bleiben hier, die anderen reiten mit uns. Wir sehen nach, was dort los ist.«

Jake teilte die Cowboys ein, dann ritten sie los. Im ersten Morgenlicht trafen sie im Lager ein. Don Wilsey, der Älteste der Cowboys, sah ihnen entgegen.

»Erzähl!«, forderte Shane auf.

»Sie kamen aus dem Nichts«, erzählte Don zerknirscht.«Wir bemerkten sie erst, als die Rinder in Bewegung waren.

»Wo ist Billy?«, fragte Jake.

Erst jetzt sahen sie das Bündel am Boden liegen. Shane kniete sich bei Billy nieder. Er war der Jüngste gewesen, noch keine 18 Jahre alt. Er musste gleich tot gewesen sein, denn wenig Blut war aus der Brustwunde ausgetreten, wie er im Dämmerlicht erkannte. Irgendetwas irritierte ihn, nur wusste er nicht, in welche Richtung sein Argwohn ging. Das Ganze stank zum Himmel, und zwar gewaltig. Das sagte ihm sein Instinkt.

»Ich häng’ die Hurensöhne auf. Eigenhändig knüpf’ ich die verdammten Schweine an den nächstbesten Ast«, knurrte Jake und ballte seine Hände zu Fäusten.

Die anderen murmelten zustimmend.

»Wie viele waren es?«, fragte Shane.

»Ich bin mir nicht sicher. Mindestens vier.« Don blickte an Shane vorbei zu der Leiche.

 

Nachdem Billy begraben worden war, machten sie sich an die Verfolgung der Viehdiebe. Shane, Jake und neun Cowboys. Die Spuren waren deutlich zu erkennen.

»Wie weit habt ihr die Banditen nach den letzen Überfällen verfolgt?«, fragte Shane.

»Gabe wollte nicht, dass wir wegen einiger Rinder so viel Aufhebens machten.«

Shane war irritiert. »Er wollte nicht, dass ihr die Viehdiebe verfolgt?«

Jake schüttelte den Kopf. »Zu Gabes Zeit waren es vier Diebstähle. Da jeweils nur wenige Rinder gestohlen worden waren, pfiff er uns stets zurück.«

Das war allerdings seltsam. Wenn die Jungs im Herbst einige Rinder für den Selbstgebrauch klauten, sah jeder Rancher darüber hinweg, solange es sich in Grenzen hielt. Die Cowboys, die im Winter arbeitslos waren, mussten für ihren Lebensunterhalt vorsorgen. Doch sobald es um Profit ging, verhielt sich die Sache anders.

»Ich hätte schwören können, dass es funktioniert«, unterbrach Jake Shanes Gedanken.

»Es waren doch nur diejenigen eingeweiht, die dabei waren, oder?«

Jake nickte. »Ja, und das macht mir Sorgen. Ich hätte für all die Jungs die Hand ins Feuer gelegt.«

»Ein Verräter?«, mutmaßte Shane.

Missmutig ritt Jake neben Shane. Dass sich ein Verräter unter den Cowboys befand, die er schon jahrelang kannte, machte ihn gereizt. Nur diejenigen, die dabei gewesen waren, hatten gewusst, dass die Cowboys Stellung bezogen hatten.

»Was ist mit denen, die nicht eingeweiht waren?«

»Am meisten misstraue ich Nat Parry. Er ist neu im County. Ist ein Großmaul und hat immer Geld, das er angeblich beim Poker gewinnt.«

»Wo ist Parry jetzt?«, fragte Shane.

Jake zuckte mit den Schultern. »Schläft vermutlich irgendwo seinen Rausch aus.«

Sonntags war der freie Tag der Cowboys, wenn sie nicht grad eine Rinderherde trieben.

»Was schätzt du, wie viele Rinder die Bande bislang gestohlen hat?«, fragte Shane, während er die Umgebung beobachtete.

»Mit der letzten Nacht so an die 300 Rinder. Jetzt wäre die Herde groß genug, um sie über die Grenze nach Kansas zu treiben.«

»Die Spuren führen in die Sangre de Cristo Range. Die Wälder und kleinen Täler sind ideale Verstecke, um gestohlenes Vieh zu sammeln und umzubränden.«

Die Banditen nicht zu verfolgen, sondern weitere Diebstähle zuzulassen, entbehrte jeder Logik. Das hatte sie ermutigt, immer wieder zuzuschlagen.

»Ich frage mich, weshalb Gabe die Viehdiebe nicht verfolgen ließ«, murmelte Shane mehr zu sich selbst.

»Das haben wir uns alle gefragt. Es wurde viel gemunkelt. Ich arbeite seit zehn Jahren für die Double F Ranch. Ich kannte euch, bevor ihr zur Wildpferdjagd aufgebrochen seid. Du hast dich vom Wesen her nicht viel verändert, anders verhielt es sich mit Gabe. Er war der Hampelmann der Frau, nicht mehr der Sohn, den Horacio kannte. Ich glaube, das hat ihm das Herz gebrochen.«

Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander. »Einmal hat Horacio Stella mit einem Cowboy in einer der Weidehütten erwischt. Er verpasste ihr ein paar Ohrfeigen. Seit diesem Tag an hasste sie ihn. In einer schwachen Stunde hat er mir das erzählt.«

Sie hatten einen scharfen Ritt hinter sich. Die Sonne würde bald untergehen, und es war Zeit, sich einen geeigneten Lagerplatz zu suchen. Mensch und Tier brauchten eine Pause.

»Wir lagern dort im Kiefernwald.« Shane zeigte nach links.

Um sich nicht zu verraten, entfachten sie kein Feuer. Nach der Versorgung ihrer Pferde, einer kalten Mahlzeit aus Brot und Fleisch legten sie sich zum Schlafen. Die Nacht blieb ruhig. Im ersten Morgengrauen sattelten sie auf und folgten den Rinderspuren.

»Viehdiebe sind darauf bedacht, so schnell wie möglich abzuhauen«, sagte Shane.

Worauf willst du hinaus?«, fragte Jake.

»Etwas kam mir eigenartig vor, ich wusste jedoch nicht, was es war.«

»Und inzwischen ist es dir eingefallen.«

»Billy starb nicht durch eine Kugel, sondern durch einen Messerstich.« Shane zügelte sein Pferd und lauschte. Mit einer Handbewegung gab er den anderen zu verstehen, still zu sein. Kein Zweifel. Entferntes Rindergebrüll. Die Herde musste vor ihnen sein. Langsam ritten sie weiter. Shane gab Zeichen auszuschwärmen. Sie hielten sich nicht mehr an die Spur der Herde. Die hohen Kiefern, deren Äste erst sehr weit oben wuchsen, machten ein Durchkommen leicht, aber sie boten keinerlei Versteckmöglichkeiten. Untrüglicher Geruch, den jeder Rindermann kannte, lag in der Luft. Der Gestank von verbranntem Fell und Fleisch.

Der Wald endete jäh. Vor ihnen in der Senke hatten die Banditen ihr Lager aufgeschlagen. Die sechs Männer fühlten sich so sicher, dass sie nicht einmal eine Wache aufgestellt hatten. Zischend bohrte sich das Brandeisen in die Flanke der brüllenden Kuh. Sobald der Mann sein heißes Eisen wegnahm, wurde das am Boden liegende Rind losgebunden. Es bot sich keine Möglichkeit, sich unbemerkt anzuschleichen. Shane gab das Zeichen für den Angriff. Trotz des Überraschungsangriffes reagierten die Banditen blitzschnell. Der eine warf das Brandeisen weg, hechtete zu einem Gewehr, das in seiner Nähe lag und schoss, ohne zu zielen. Während seine Kugel in die Luft flog, wurde er von mehreren Kugeln getroffen. Die Viehdiebe wussten, dass sie keine Gnade erwarten durften. Sie wehrten sich verzweifelt, doch bis auf eine Kugel, die einen Cowboy an der Schulter traf, richteten ihre Kugeln keinen Schaden an. Die Cowboys feuerten unbarmherzig. Es war ein kurzer, gnadenloser Kampf.

Ein Bandit war tot, einer wälzte sich mit einer Kugel im Bauch stöhnend am Boden, die anderen vier hatten leichte Schussverletzungen. Der Verletzte mit der Schusswunde am Arm musste Nat Parry sein, den Shane bisher noch nicht gesehen hatte. Die Ähnlichkeit mit Stella Foster war unübersehbar. Für ihn jedenfalls. Niemand anderem schien das bisher aufgefallen zu sein. Plötzlich erinnerte er sich auch an Stellas Familiennamen vor ihrer Heirat mit Gabe. Parry.

»Bist du Stellas Bruder?«, fragte Shane den Verletzten.

Der Mann lachte hämisch. »Gut geraten.«

Wahrscheinlich hatte Stella von den Diebstählen gewusst und Gabe bedrängt, nichts zu unternehmen.

Wortlos nahm Jake sein Rohleder und gab einige kurze Befehle. Geeignete Bäume waren bald gefunden. Minuten später baumelten vier Seile von starken Ästen. Unsanft wurden den Banditen die Hände auf den Rücken gebunden und zu ihren gesattelten Pferden gezerrt, die ein Cowboy unter die Bäume führte. Der hagere Bandit mit schulterlangem Haar stieß dem Cowboy, der ihn zum Pferd brachte, seinen Fuß gegen dessen Schienbein. Als der Cowboy für einen Augenblick seinen Griff lockerte, wand sich der Bandit, langte nach dem Messer des Mannes und stieß zu. Der Cowboy stieß einen Schmerzensschrei aus und taumelte zur Seite. Das alles ging so schnell, dass keiner der anderen so rasch eingreifen konnte. Der Bandit hechtete nach, um nach dem Revolver des Cowboys zu greifen, der auf dem Boden lag. Da war Shane zur Stelle, erwischte den Banditen mit seinem Stiefelabsatz in der Kniekehle. Noch bevor der Mann schießen konnte, feuerte Shane. Die drei anderen Banditen schienen sich mit ihrer Lage abzufinden. Zahlenmäßig waren sie unterlegen und ihre Bewacher passten gut auf. Die Cowboys hievten die Männer auf die Pferde und legten ihnen die Schlingen um den Hals.

»Was ist mit ihm?«, fragte Jake.

»Den brauchen wir nicht mehr zu hängen, er hat’s bald überstanden, sagte Shane, der den Hageren untersuchte. »Der andere ist schon hinüber.« Damit meinte er den Bandit mit dem Bauchschuss.

»Großer Boss, hast du schon überlegt, von wem wir den Tipp letzte Nacht erhielten?«, rief Nat Parry. Er blickte an Shane vorbei. Sein höhnisches Gelächter erstarb gurgelnd, als Jake seinem Pferd auf die Flanken hieb. Die beiden anderen Pferde mit den Banditen auf ihren Rücken wurden ebenfalls angetrieben. Drei Paar Beine zuckten in der Luft. Die Zuckungen wurden weniger, bis sie erstarben. Die Seile mit den schweren Körpern pendelten langsam aus.

»Spinnt der, was ist denn mit dem los?«, fragte einer der Cowboys.

Don Wilsey schwang sich auf ein Pferd und trieb es an.

»Der Tipp von letzter Nacht«, rief Shane Jake zu, während er in den Sattel stieg.

»Verdammte Hölle«, knurrte Jake, lief zu seinem Pferd und jagte hinter den beiden nach.

Shanes Morganwallach hatte Dons durchschnittliches Cowboypferd bald eingeholt. Als er neben ihm ritt, beugte er sich zur Seite und stieß Don vom Pferd. Don fiel so heftig, dass er nach Atem ringend liegen blieb. Er kämpfte sich hoch und wartete gebückt. Inzwischen erreichte auch Jake die beiden.

»Sag, dass es nicht stimmt, Don«, verlangte Jake.

»Nat Parry fragte mich, ob ich mitmachen will.« Dons Stimme verriet, dass er mit seinem Leben abgeschlossen hat. »Ich bin für die Arbeit zu alt. Rheuma macht mir zu schaffen und ich kann mich ohne Schmerzen nicht bewegen.«

»Und Billy?«

»Das war ein unglücklicher Zufall. Nat, der Idiot, hat sich mit mir unterhalten. Da Billy ihn erkannte, musste ich was unternehmen. Es tut mir wirklich leid um ihn.« Er zuckte bedauernd die Schultern. Es war alles gesagt.

»Wir nehmen dich mit in die Stadt«, sagte Shane.

»Sie werden mich hängen. Gebt ihr mir die Chance, wie ein Mann zu sterben?« Nur an seiner rauen Stimme war seine Erregung erkennbar. Er ließ sich nicht dazu herab, um zu betteln.

Jake sah Shane durchdringend an. Er war der Boss. Shane dachte eine Weile nach. Langsam zog er seinen Revolver, warf ihn vor Dons Füßen auf den Boden und nickte Jake zu.

Don wusste, dass seine Zeit vorbei war. »Das ist sehr nobel«, murmelte er. Er warf sich zu Boden, dort wo die Waffe lag.

Jake wartete, bis er den Revolver hob. Sein Gewehr krachte. Stumm blickten sie auf den Cowboy, der zu alt für die Arbeit geworden war. Jeder musste seine eigene Entscheidung treffen und die Konsequenz daraus ziehen.