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Mahpiya-win – Die Entscheidung – Teil 12

Einige Tage später ritt ein Mann auf die Ranch. Er führe ein gesatteltes Pferd und ein schwer beladenes Packpferd mit sich. Als sie ihn sah, klopfte ihr Herz wie wild. Sie beherrschte sich, ihm nicht entgegenzulaufen. Das musste er sein. Seine Lederkleidung war schmutzig und von einem undefinierbaren Braun, eine Schlangenhaut diente als Hutband, in der eine Adlerfeder steckte. Seine Haut war wind- und wettergegerbt.

»Mam‘«, grüßte er und tippte an die Hutkrempe. »Sind Sie Mrs. Cahoon?«

Mahpiya-win nickte.

»Man nennt mich Buckskin Joe. Ich hab von Doc Walter den Auftrag, Sie durch die Wildnis zu führen.«

»Ich möchte ins Indianerland.«

Er nickte. »Der Doc hat mich bereits bezahlt.«

»Möchten Sie hereinkommen und sich ausruhen?«

Er schüttelte den Kopf. »Wenn es Ihnen recht ist, brechen wir auf, sobald Sie fertig sind.«

»Das ist ganz in meinem Sinne.« Sie lief ins Haus, um sich umzuziehen.

Mrs. Stomack umarmte sie herzlich. »Es wird alles gut, Kindchen.«

»Ich gehe zu meiner Familie zurück.« Tränen der Freude sammelten sich in Mahpiya-wins Augen.

»Passen Sie gut auf sich auf.«

»Und Sie? Bleiben Sie hier?«

»Ja, jemand muss sich doch um den alten Griesgram kümmern.« Mrs. Stomack seufzte.

Als Mahpiya-win aus dem Haus trat, saß Joe lässig am Rand des Wassertroges und rauchte.

»Ich bin gleich soweit.« Am Grab ihres Kindes kniete sie nieder und betete. Chasca war von ihr gegangen, doch seinen Vater würde sie wiedersehen. Zum ersten Mal seit der Trennung von ihrem geliebten Mann und dem Tod ihres Sohnes spürte sie Hoffnung und Zuversicht. Sie blickte zum Himmel und lächelte. Irgendwo da oben war er und sah auf seine Mutter herab, freute sich mit ihr, dass sie seinen Vater bald in die Arme schließen konnte.

Sie musste sich beherrschen, um nicht zum Haus zu laufen. Es war ein weiter Weg zu ihrer Familie und sie konnte es kaum erwarten, aufzubrechen. Ihr Vater quälte sich, auf einen Stock stützend, auf die Veranda. Den linken Fuß zog er nach. Ächzend ließ er sich auf die Bank plumpsen und starrte stumpf vor sich hin. Die letzten paar Tage war er um Jahre gealtert. Das weiße Haar war zerzaust und sein Gesicht mit Bartstoppeln bedeckt. Er hatte sich aufgegeben. Ein alter verbrauchter Mann, der nichts mehr erwartete.

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ich gehe weg, Vater.« Sie wollte sich schon abwenden, als seine zittrige Hand die ihre suchte.

»Tut leid«, murmelte er undeutlich.

Eine Hitzewelle durchfuhr sie. Er berührte sie. Vor ihm ging sie in die Hocke. War es tatsächlich das, was sie sah? Tränen glitzerten in seinen Augen. Plötzlich war es so leicht, ihn zu umarmen, ihn an sich zu drücken. »Ich wünsche dir, dass du wieder gesund wirst«, flüsterte sie. »Mrs. Stomack und Patrick kümmern sich um dich und die Ranch.«

Sie spürte, wie seine gesunde Hand sich an ihr festhielt. Plötzlich war er der Vater, den sie sich immer gewünscht hatte. Tränen rannen ihr Gesicht entlang. So lange hatte sie darauf gewartet. Wieso erst jetzt? Wieso nicht die Jahre zuvor? Wieso nicht als Kind, als sie ihn so dringend gebraucht hatte? Sie hätte ihn so gern gefragt. Ein letztes Mal drückte sie ihn, umarmte mit beiden Händen sein Gesicht und küsste ihn auf die Stirn. Seine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. Glasige Augen blickten sie an und baten stumm um Verzeihung. Es fiel ihr nicht leicht, denn alles blieb unbeantwortet. Doch langsam nickte sie. »Ich wünsche dir das Beste, Vater. Es ist alles gut zwischen uns.« Die letzten Worte fielen ihr schwer, doch war es die einzige Gelegenheit, ihm dies zu sagen. Sie wollte es später nicht bereuen, wenn sie schwieg. Sie strich ihm über die stoppelige, faltige Wange und erhob sich.

»Kindchen, ich habe Ihnen einige Lebensmittel für den langen Weg eingepackt«, sagte Mrs. Stomack, die aus dem Haus trat, zu Buckskin Joe ging und ihm einen Leinensack reichte, den er am Packpferd befestigte. Mrs. Stomack ließ es sich nicht nehmen, Mahpiya-win noch einmal zu umarmen. Patrick, der drüben bei der Scheune stand, winkte.

Mit geübten Handgriffen befestigte sie die Satteltaschen auf ihrem Pferd und saß auf. Ein letzter Blick zurück, dann gab sie ihrem Führer mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie soweit war. Widersprüchliche Gefühle tobten in ihr. Gerade in dem Moment, in welchem sie einen Zugang zu ihrem Vater fand, verließ sie ihn. Doch die Freude, bald ihren Mann in die Arme schließen zu können, verdrängte ihre Gedanken. Vor Ungeduld wäre sie am liebsten angaloppiert.

 

Stundenlanges Reiten forderte seinen Tribut. Am dritten Tag knickten ihre Beine weg, als sie vom Pferd stieg. Die Innenseiten ihrer Oberschenkel waren wund, ihr Körper fühlte sich an, als wäre sie unter eine Büffelherde geraten.

Buckskin Joe reichte ihr einen Tiegel. »Die Salbe wird Ihnen helfen. In einigen Tagen werden Sie sich fühlen, als hätten Sie nie etwas anderes gemacht.«

Sie verkroch sich ins Gebüsch und behandelte ihre Beine. Er war ein schweigsamer Mann, der nur das Nötigste sprach, aber einer, auf den sie sich blind verlassen konnte. Weder gab er Anzüglichkeiten von sich, noch näherte er sich ihr in ungebührlicher Weise. Aus Rücksichtnahme wollte er den nächsten Tag rasten, doch in Mahpiya-win wuchs die Ungeduld. Trotz der Schmerzen drängte sie zum Aufbruch. Wenn der Schnee sie überraschte, war es schwierig, vorwärts zu kommen. Während eines schweren Regens übernachteten sie in einer heruntergekommenen Weidehütte.

»Es geht mich nichts an, doch ich nehme an, Sie haben gute Gründe, um eine so beschwerliche Reise auf sich zu nehmen.«

»Ich suche meine Familie.«

Er nickte verstehend. Der Doc hatte ihm sicherlich von den Gerüchten erzählt, die es um sie gab.

»Ich habe mein ganzes Leben in der Wildnis verbracht. Meine Großmutter war eine Cherokee. Die ersten Jahre meiner Kindheit habe ich in ihrem Dorf gelebt. Auch später hatte ich gute Kontakte zu ihnen gepflegt. So lange, bis ihr Dorf von den Soldaten dem Erdboden gleichgemacht wurde.«

Sie dachte schon, er sei mit seiner Erzählung fertig, als er weitersprach.

»Ich verstehe Sie. Doch bedenken Sie, dass die Zeit der freien Indianer vorbei ist. Wer sich nicht freiwillig in die Reservate begibt, um dort ein menschenunwürdiges Dasein zu fristen, wird umgebracht. So einfach ist das.« Nachdenklich blickte er sie an. »Sie wissen nicht viel von diesen Dingen, nicht wahr?«

»Von den Reservaten weiß ich nichts, nein«, murmelte sie.

»Die Überlebenden der Gemetzel werden in die Reservate getrieben. Viele krepieren während der tagelangen Fußmärsche. Verpflegung gibt es so gut wie keine. Mädchen und Frauen werden …« Er schien ein anderes Wort sagen zu wollen, überlegte es sich aber anders. »… vergewaltigt. Die versprochenen Lebensmittelrationen treffen gar nicht oder verdorben ein. Kinder werden den Müttern entrissen und gezwungen, in die Schulen der Weißen zu gehen.« Eine Weile schwieg er. »Sie fragen sich, warum ich Ihnen das alles erzähle. Meine Frau wuchs bei den Cherokee auf. Sie war so weiß wie Sie. Eines Tages fand ich ihren geschändeten, zerstückelten Körper … und den meiner Tochter.« Sein Blick schien Mahpiya-win zu durchbohren. »Sie werden nur den Tod und Schlimmeres finden.«

Es war so grausam, was sich die Menschen gegenseitig antaten. Warum gab es kein friedliches Nebeneinander? Sie schluckte. Und wenn er ihr noch so schlimme Dinge erzählte. Ihre Sehnsucht nach Wakteka war zu groß. In seinen Armen zu liegen war alles was für sie zählte. Ihre einzige Heimat war bei ihm. Dies war das erste und einzige Mal, dass Buckskin Joe so viel sprach. Die weitere Reise verbrachten sie meist schweigend. Sie überquerten Hügelketten und Täler, Wälder und Flüsse, hielten sich so gut es möglich war, versteckt. Hin und wieder trafen sie fahrende Händler oder andere Trapper. Jeder erzählte, dass es vermehrt Gemetzel zwischen Indianern und Weißen gäbe und es unklug sei, weiterzureisen. Friedensverträge wurden von den Weißen so schnell gebrochen, wie sie abgeschlossen wurden. Die Lakota kämpften um die Paha Sapa, ihre heiligen Berge, in denen das von den Weißen begehrte Gold in großen Mengen vorkam. Mahpiya-win weigerte sich, die Reise abzubrechen. Wenn es sein musste, würde sie Enapays Gruppe alleine finden.

 

Als sie über einen Kamm ritten, sahen sie sich plötzlich Indianern gegenüber, die gerade eine Hirschkuh erledigt hatten. Für eine unbemerkte Flucht war es zu spät. Die drei hatten sie bereits erblickt und liefen auf ihre Ponys zu.

»Cheyenne«, mutmaßte Joe. »Los, hauen Sie ab.« Jetzt zeigte sich sein jahrelanges Leben in der Wildnis. Seit sie im Indianergebiet waren, lag sein Gewehr stets in seiner Armbeuge, um es im Notfall schnell zu benutzen. Der erste Schuss traf einen Indianer, noch bevor er sein Pferd erreichte. Ein weiterer Schuss aus Joes Gewehr streckte ein Pferd nieder, das seinen Reiter unter sich begrub. Mit einem zischenden Laut bohrte sich ein Pfeil in Mahpiya-wins Satteltaschen. Joe schoss ununterbrochen und rief ihr zu, endlich wegzureiten. Doch ihre Angst, dass es womöglich Krieger aus ihrem eigenen Dorf waren, ließ sie erstarren. Der letzte der drei Angreifer war schon bedenklich nahe, als er sich an die Brust griff und vom Pferd stürzte. So schnell wie der Spuk begann, war er zu Ende. Erleichtert atmete Mahpiya-win aus. Der Indianer bewegte sich. Joe zielte.

»Nein«, schrie Mahpiya-win, »Er ist verwundet, Sie dürfen ihn nicht töten.«

Joes Blick sprach Bände. Mahpiya-win sprang vom Pferd und lief auf den Krieger zu.

»Sind Sie verrückt?«, Joe war ebenfalls abgesprungen und riss sie am Arm zurück. Mit dem Kopf deutete er auf den Verletzten, der ein Messer in der Hand hielt. Stöhnend rollte er sich auf die Seite. Aus seiner Brustverletzung sudelte Blut. Mahpiya-win erinnerte sich, dass Lakota und Cheyenne befreundet waren. Sie hoffte, dass das noch immer so war.

»Ich bin eine Lakota. Kennst du die Gruppe von Enapay?«, versuchte sie ihr Glück.

Staunend blickte er sie an.

»Kennst du Wakteka?«

Er lachte kehlig auf. »Er wird seinem Namen gerächt und schlachtet die Weißen.«

»Wo ist meine Familie? Wo lebt Enapays Gruppe?« Sie vergaß jede Vorsicht und hockte sich vor ihm hin.

»Wind River Tal«, hauchte er, dann sackte sein Kopf zur Seite und seine Augen brachen. Seine Hand hielt noch immer das Messer.

»Kennen Sie das Tal?«

Joe nickte. Eine seltsame Unruhe erfasste Mahpiya-win. Das Ziel war so nahe. Bald konnte sie ihren Mann in die Arme schließen.

Zwei Tage später gelangten sie in das Tal. Langsam ritten sie in das Dorf, dessen Anzahl der Tipis merklich kleiner geworden war. Es herrschte gedrückte Stimmung.

»Ich bin Mahpiya-win, Waktekas Frau. Kennt ihr mich nicht mehr?« Sie erkannte Zitkala-win, die näher kam. Mahpiya-win sprang vom Pferd.

»Lila tayan wacin yanke.« Von Zitkala-win strömte kein Hass so wie früher. Sie war überrascht, Mahpiya-win zu sehen und nannte sie respektvoll Cousine.

»Han mis eya.« Mahpiya-win lächelte. »Hier bin ich zu Hause.« Sie sah sich um, konnte weder Wakteka noch andere Krieger sehen. Nur einige Alte waren im Lager. Auch von Wacinyanpi-win keine Spur.

»Ich sehe wenige Menschen. Wo sind sie?«, fragte sie mit Unbehagen.

»Bald nachdem du weg warst, wurden viele von uns krank. Die Pocken, wie die Weißbäuche die Krankheit nennen, haben sie zum Großen Geist getragen.

Erschrocken schlug Mahpiya-win eine Hand vor dem Mund.

Fortsetzung folgt …