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Mahpiya-win – Die Entscheidung – Teil 3

Wärme war das Erste, was Belinda fühlte. Sie setzte sich auf und hielt das Fell, das sie wärmte, vor ihre Brust. Jemand hatte sie ausgezogen. Verwundert stellte sie fest, dass sie nicht gefesselt war. Wozu auch? Die Indianer wussten, dass sie keine Fluchtmöglichkeit aus dem Lager hatte. Durch die geöffnete Türklappe des Zeltes drang Tageslicht. Der Geruch von Fett und Kräutern hing in der Luft und von draußen drang das Aroma von gekochtem Fleisch herein. Das Zelt war geräumig. Verschiedene Körbe standen in einer Reihe, ein eigenartiges Gestell mit einer hohen Lehne erregte ihre Aufmerksamkeit. Eine Frau trat ein und hielt ihr eine Schale hin. Auffordernd deutete sie darauf und plapperte in ihrer Sprache. Vorsichtig griff Belinda danach. Bekam sie eine letzte Mahlzeit, bevor man sie tötete? Ein schneller Tod war nicht so schlimm, doch die Grausamkeiten, die man sich erzählte, kamen sicher nicht von ungefähr. Sie roch an der Schale. Es sah wie eine Suppe mit großen Fleischbrocken aus. Besaßen die Wilden nicht mal Gabel und Löffel? Wie primitiv sie doch waren. Und statt der Betten lagen sie auf Fellen am Boden. Jeder anständige Mensch schlief in einem Bett. Sie spitzte die Lippen und kostet behutsam, um sich nicht zu verbrennen. Es schmeckte ganz gut, ein wenig süßlich. Während sie aß, betrachtete sie die Frau. Durch das vom Wind und Wetter gegerbte Gesicht war das Alter schwer zu schätzen, doch sie musste schon weit über die vierzig sein. Ihr dunkles, mit Silberfäden durchzogenes Haar war zu zwei Zöpfen geflochten, die bis über ihre Brust hingen. Das einfache hellbraune Lederkleid war an den Nähten mit bunt gefärbten Borsten verziert.
Das Lächeln, mit dem Belinda der Frau die leere Schale reichte, misslang. Wie lange würde es dauern, bis man sie holte? Die Frau nahm aus einem Bündel ein Kleid und warf es Belinda in den Schoß. Bekam sie ein eigenes Totenkleid? Wie viele Frauen waren vor ihr in dem Kleid gestorben? Im Prinzip war es egal, in welchem Fetzen sie starb. Die Frau riss ihr das Fell weg und redete mit ungeduldiger Stimme auf sie ein, während sie sie hoch zog. Sie besaß ungeheure Kraft. Um sie nicht zu verärgern, streifte Belinda das Kleid über. Es schmiegte sich weich an ihre Haut, war aber nicht so schön wie das Kleid der Frau. Es trug keinerlei Verzierung. Zufrieden nickte die Frau. Von draußen erklang eine Stimme und die Indianerin antwortete. Ein Mann trat ein. Er trug lediglich ein Tuch, das zwischen seinen Beinen durchgezogen und an einem Gürtel befestigt war. Wie unanständig. Belinda zwang sich, nicht hinzusehen. Er sprach kurz mit der Frau in seiner Sprache, dann wandte er sich zu Belinda. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Das mulmige Gefühl in ihrer Magengegend verstärkte sich.
»Wo ist deine Familie?«, fragte er in besserem Englisch, als es viele Einwanderer konnten.«
Dieser Teufel sprach ihre Sprache. Belinda überlegte fieberhaft. Welches war die richtige Antwort, um leben zu dürfen? »Ich habe keine Familie.«
Er war um einen halben Kopf größer als sie und wohl auch einige Jahre älter. Noch nie hatte sie in so dunkle Augen geblickt. Seine Haut war bronzefarben und sein Oberkörper wies kein einziges Härchen auf.
»Waschté.« Er nickte. »Du bleibst bei Wacinyanpi-win.«
Er unterhielt sich kurz mit der Indianerin, dann drehte er sich um, ohne sich um Belinda zu kümmern.
»He, warte«, rief Belinda und wollte ihm nach, doch sie wurde von der Frau zurückgerissen.
»Du kannst mich nicht zwingen, hierzubleiben. Hast du verstanden?«
Er drehte sich mit einem belustigten Grinsen um. »Dein Volk hat sich nicht gut um dich gekümmert.« Sein Blick richtete sich auf ihre Oberarme, deren Narben unter den angeschnittenen Ärmeln gut sichtbar waren. Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zelt. Belinda war wie vor den Kopf geschlagen. Was bildete sich dieser Heide ein? Wieder wollte sie ihm nach und wieder riss die Frau sie zurück und schlug Belinda mit einem Stock auf den Rücken. Ohne über ihr Tun nachzudenken, warf sich Belinda herum und entriss der Indianerin den Stock. Wut und Enttäuschung siegten über ihren Verstand und gaben ihr die Kraft. So viele Prügel hatte sie die letzten Monate einstecken müssen, so viele Demütigungen ertragen, doch nun war das Maß voll. Lieber sollten die Wilden sie töten, als dass sie noch einmal Schläge über sich ergehen lassen würde.
»Schlag mich nie wieder«, zischte Belinda und schleuderte den Stock gegen die Zeltwand. »Nie wieder. Sonst bring ich dich um, oder ihr müsst mich umbringen.« Ihre Nasenflügel bebten, scharf sog sie die Luft ein. Nur mühsam brachte sie das Zittern ihrer Hände unter Kontrolle, die sich am liebsten um den Hals der Frau gelegt hätten. Auch wenn die Frau ihre Worte nicht verstand, es gab ihr ein gewisses Maß an Genugtuung, das zu sagen. Die Indianerin schaute sie kurz an, plapperte etwas und nickte dann. Belinda glaubte so etwas wie Anerkennung aus dem Tonfall herauszuhören. Aber sie täuschte sich sicher.

Fortsetzung folgt …