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Die Feinde der Tuchhändlerin

Während der gesamten Zeit des Mittelalters sah man den Status der Frau nach kanonischem und weltlichem Recht als minderwertig an und stellte die Frau unter die Vormundschaft des Mannes. Dies führte in vielfältiger Weise zu Benachteiligungen in fast allen Lebenslagen. In der sich Ende des Hochmittelalters rasant entwickelnden Stadtgesellschaft war die wirtschaftliche Stellung der Frau genauso vielschichtig und uneinheitlich wie ihre soziale Stellung. Aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus waren Frauen zum größten Teil sowohl vor als auch während der Ehe erwerbstätig. Anhand städtischer Steuerlisten lässt sich nachvollziehen, dass insbesondere ledige oder verwitwete Frauen aus den unteren Schichten unverhältnismäßig viel vertreten waren. In vielen großen Handelsstädten und kleineren Ortschaften vermehrten sich kaufmännische und gewerbliche Tätigkeiten von Frauen. Doch dieses war einigen Vertretern des männlichen Geschlechts ein Dorn im Auge.

Das Buch

Caren Benedikt
Die Feinde der Tu
chhändlerin

History, Taschenbuch
Piper Verlag, München, März 2012
368 Seiten / 9,99 €
ISBN: 9783492272988

Kurzinhalt:
Worms, 1231. Die durchwachte Nacht hat tiefe Ringe unter die blauen Augen der jungen Tuchhändlerin Constanze gezeichnet. Etwas Schreckliches ist passiert: Ihre geliebte Schwester Maria ist verschwunden. Seit sie zum Hafen aufgebrochen ist, um dort Waren abzuholen, hat sich ihre Spur verloren. Mithilfe des Ritters Konrad, der ihr treu zur Seite steht, begibt Constanze sich auf die Suche. Und gerät dabei in höchste Lebensgefahr.

Im Mittelpunkt des vorliegenden Romans Die Feinde der Tuchhändlerin von Caren Benedikt steht Constanze Hohenau, Tochter des Tuchhändlers Richard Hohenau, der im Jahre 1231 zu Worms mitten auf dem Marktplatz ermordet wird. Keiner der gaffenden Schaulustigen ruft einen Medikus herbei. Im Kreise seine Begleiter – darunter befindet sich auch der Mörder – stirbt einer der Ratsherren, welcher auf die Geschicke der Stadt großen Einfluss ausübte. Zufall oder Kalkül? Nachdem ihre Schwester Maria nicht nach Hause zurückkehrte, kommen ihr Gedanken an eine Verschwörung in den Sinn. Hat ihr ehemaliger Bräutigam Matthias Schoeffer seine Finger im Spiel und will auf Rache aus? Die Tuchhändlerin muss sich gegen Neid, Hass und Gier behaupten.

Die Autorin

Caren Benedikt, geboren 1971, wuchs in einer norddeutschen Kleinstadt auf. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten und arbeitete danach als freie Journalistin. Heute lebt sie gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in einem kleinen Ort bei Bremen. »Die Feinde der Tuchhändlerin« ist ihr erster Roman.

Weiteres zur Autorin unter www.caren-benedikt.de

Leseprobe

Worms im Jahre 1228. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Auf dem Marktplatz starb gerade ein Mann. Man sagte, es sei einer der großen Ratsherren, die alle Belange von Worms überklug zu lenken vermochten. Ein Mann des Rates, zusammengebrochen, lag sterbend auf dem noch matschigen Boden dieser lebendigen Stadt. Das Gejohle der Schaulustigen war ohrenbetäubend, und alle strömten herbei, um aus nächster Nähe das Leiden dieses bedeutenden Mannes beobachten zu können. Er selbst wurde nicht mehr gewahr, dass um ihn herum die Menschen gafften und feixten, während er kurz davor war, seinem Schöpfer gegenüberzutreten.
Richard Hohenau hatte sich das Sterben anders vorgestellt. Friedlich und ruhig, in seinem eigenen Bett, umgeben von den Menschen, die ihn liebten. Doch jetzt war es ganz anders gekommen – in aller Öffentlichkeit, mit Schweißperlen auf der Stirn, drückenden Schmerzen in der Brust -‚ und er schämte sich ob der Unwürdigkeit der Situation. Sein seidenes Wams klebte ihm am Körper, und seine sonst so gepflegten Haare hingen strähnig herab. Zitternd öffnete er die Augen und versuchte, die Gesichter der Menschen zu erkennen, die sich um ihn geschart hatten. Er ahnte nur noch schwach die Silhouetten jener, die sich über ihn beugten und ihm helfen wollten, empfand große Sinnlosigkeit in ihrem Tun, fühlte sich jedoch außerstande, diesen Gedanken zu äußern.
»Lasst ihn uns ins Trockene tragen«, hörte er die Stimme eines seiner Begleiter, und mit einem Ruck hievten sie seinen Körper hoch.
Erneut durchfuhr ihn der bittere Nadelstich der Erkenntnis, einem Komplott zum Opfer gefallen zu sein. Es war von Anfang an ein abgekartetes Spiel gewesen, und er hatte es früher erkennen müssen. Eine unbändige Wut stieg in ihm auf, da es zu spät war und er gehen musste, ohne seine Töchter warnen zu können. Er sorgte sich, die Mädchen ohne Schutz zurückzulassen, und wollte alle Kraft zusammennehmen und sich aufbäumen, um das Verbrechen an ihm herauszuschreien. Ein letztes Mal blickte er die Männer an, die seine Glieder gepackt hatten und sich einen Weg durch die Menge bahnten. Auch die Verräter waren unter ihnen, seine Mörder. Er hob den Arm und versuchte auf sie zu zeigen, doch seine Kräfte schwanden und der grau bedeckte Himmel von Worms wurde vor seinen Augen schwarz. Noch einen kurzen Moment schmerzte seine Brust, und die Dunkelheit umschlang seinen Körper wie in einem gewaltigen Strudel. Dann spürte er, wie sie seine Hand nahm.
Katharina war gekommen, um ihn zu sich zu holen, und er sah den lächelnden Blick seiner Frau nach so vielen Jahren. Er erwiderte ihren Griff, ließ sich von ihr fortziehen und seinen toten Körper als leere Hülle zurück.
Als die Männer mit ihm das trockene Quartier erreichten, war Richard Hohenau bereits tot. Seine Töchter waren nun ganz auf sich gestellt.

1. Kapitel

Die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Ihr sonst so gesunder Teint war aschfahl, und die durchwachte Nacht hatte tiefe Ringe unter ihre blauen Augen gezeichnet. Zitternd stand sie am Fenster und starrte in den Innenhof hinunter. Es nieselte unmerklich, und irgendwann in den letzten Stunden war die tiefschwarze Nacht einem grauen Tagesbeginn gewichen. Constanze konnte noch immer die Spuren des Karrens sehen, mit dem sich ihre Schwester tags zuvor gemeinsam mit einem Knecht in Richtung Worms aufgemacht hatte, um die eingetroffenen Waren vom Hafen abzuholen.
Das Anwesen mit dem Tuchhandel und dem Seidenkontor lag nur etwa fünfzehn Minuten vor der inneren Stadtmauer von Worms, einer Stadt, die sich in den letzten zehn Jahren zu einer lebendigen Metropole entwickelt hatte. Der Hafen von Worms war zu einem Umschlagplatz für Waren aller Art geworden, und der florierende Handel hatte auch ihrem eigenen Geschäft, das sie vor drei Jahren gemeinsam mit ihrer Schwester vom Vater übernommen hatte, einen ansehnlichen Wohlstand beschert. Der Weg von der Stadtmauer bis zum Hafen betrug noch einmal ungefähr zehn Minuten, fünfzehn vielleicht, wenn man sich vom Getümmel auf dem Marktplatz ablenken ließ.
Selbst wenn sich Maria hatte aufhalten lassen, um dem bunten Treiben der Ständler und mancher Gaukler zuzuschauen, hätte sie im Laufe des gestrigen Nachmittages heimkehren müssen.
Fröstelnd schlang Constanze ihr Schultertuch um den Körper, ohne dabei den Blick vom Hoftor zu wenden. Sie hatte es gewusst. Sie wusste, dass der Tag kommen würde, an dem etwas Schreckliches passieren und sie für ihre Gottlosigkeit bestraft würde. Jetzt hatte es offenbar ihre Schwester getroffen. Was mochte ihr nur zugestoßen sein?
Dumpfes Geschirrklappern drang aus der Küche in ihre Kammer herauf. Sie sah, wie Haubold, ihr Verwalter, mit schweren Schritten zum Gesindehaus hinüberstapfte und im nächsten Moment einen der Knechte zur Ordnung rief. Von irgendwoher hörte man einen Hund bellen, und langsam begann das geschäftige Hin und Her auf dem Hof. Die Schneiderinnen kamen gerade durch das Tor geschlendert, um im Seidenkontor wieder aus Constanzes Sichtfeld zu verschwinden. Obwohl alles wie immer schien, war Constanze, als würde eine Totenstille über dem gesamten Anwesen liegen.
Sie wandte sich vom Fenster ab, raffte ihre Röcke und verließ leise, fast schon schleichend, ihre Kammer. Lautlos ging sie über den Korridor die wenigen Treppenstufen ins Erdgeschoss hinab und öffnete zögerlich die Küchentür. Sic hoffte in diesem Moment nichts sehnlicher, als ihre Schwester an dem langen Eichentisch die Morgensuppe einnehmen zu sehen. Doch als Constanze eintrat, war der Platz auf der Bank leer. Allein die Haushälterin stand an der Feuerstelle und kochte Schweineknochen aus.
»Hast du Maria heute gesehen, Hemma?«
Die Alte drehte sich schwerfällig um und fuchtelte mit der Suppenkelle. Is nich hier gewesen. Das junge Ding treibt sich rum. Der fehlt eine feste Hand. Hab ich ja schon lange gesagt. Würd mich nicht wundern, wenn se in ‘n paar Monaten ‘n Bastard zur Welt bringt.«
Constanze zog geräuschvoll die Luft ein und schloss kurz die Augen, machte auf den Fersen kehrt und verließ den Raum. Hätte ihr Vater nicht so große Stücke auf Hemma gehalten, wäre sie von Constanze schon längst zum Teufel gejagt worden. Doch selbst nach seinem Tod mochte sie nicht seinem Willen zuwiderhandeln.
Sie trat auf den Innenhof hinaus, und kalte Herbstluft schlug ihr entgegen. Bei jedem Atemzug stieß sie kleine Wölkchen aus, während der Wind an ihrem gebundenen Zopf zerrte und sie die Augen zusammenkniff, um bei dem peitschenden Nieselregen etwas erkennen zu können.
»Haubold, ist die Ware angekommen?«, rief sie dem Verwalter zu, der gerade aus dem Tuchlager heraustrat.
Er schüttelte den Kopf und bemerkte sofort die dunklen Ränder unter ihren Augen und eine ungewohnte Blässe, die ihn an milchiges, leicht zerbrechliches Glas erinnerte.
»Noch nichts angekommen«, antwortete er kurz. »Und Hugo ist auch nicht da. Ist Eure Schwester heimgekehrt?«
Constanze verneinte wortlos und sah dann zu den Pferdeställen hinüber. »Lass mein Pferd satteln, ich werde selbst zu den Fuhrleuten reiten.«
Haubold blieb wenige Schritte vor Constanze stehen. »Wünscht Ihr, dass ich Euch begleite?«
Wieder schüttelte Constanze den Kopf. »Sag Hanns, er soll mich begleiten.« Sie zögerte einen Moment. »Und gib auch Konrad Bescheid. Wir werden einen Karren mitnehmen. Sollte die Ware noch nicht unterwegs sein, werden wir sie mitbringen. Du selbst bleibst derweil hier und führst den Hof.«
Haubold nickte und ging zu den Stallungen hinüber, während Constanze ihm nachsah. Er war ein kleiner, untersetzter Mann, der bereits in den Diensten ihres Vaters gestanden hatte, längst bevor sie das Laufen lernte. Sie vertraute ihm. Man sah ihm nicht nur die Jahre an, sondern auch die Liebe zum Wein. Außerdem hatte er die zweifelhafte Gewohnheit, im Hurenhaus ein und aus zu gehen, dessen Wirt er nicht selten den gesamten Monatslohn überließ.
Trotz allem war sein Verhalten Constanze und Maria gegenüber stets tadellos gewesen, und er führte den Tuchhandel so, wie er es von ihrem Vater gelernt hatte.
»Hanns, du fauler Hund«, rief er. »Wo hast du dich wieder verkrochen?«
Vermutlich hatte Hanns es sich im hinteren Teil der Stallungen gemütlich gemacht. Constanze hörte den Verwalter in schroffem Ton Verwünschungen ausstoßen. Ohne weiter darauf zu achten, ging sie zurück, um sich für ihren Ritt umzuziehen.

Der Pfad war matschig, und es regnete unaufhörlich. Hanns saß zusammengekauert auf dem Kutschbock, während das Wasser ihm vom Rand der Hutkrempe auf die Beine tropfte. Sein Blick war starr auf die Hinterbacken des Pferdes gerichtet, das sich selbst seinen Weg durch die Pfützen suchte.
Konrad ritt schweigend neben Constanze her. Obwohl auch er durchnässt war, saß er aufrecht und mit erhobenem Haupt auf seinem Pferd. Die Zügel hielt er in der rechten Hand, während er in der linken eine Armbrust unter dem Umhang verbarg. Er war jederzeit auf jeden Angriff gefasst. Wie immer. Constanze wusste nicht, wie er mit Nachnamen hieß, welchen Beruf er hatte oder woher er kam. Eines Tages, etwa vor einem Jahr, hatte er bei ihr nach Arbeit gefragt. Er hatte weder hungrig noch ausgemergelt ausgesehen, und doch hatte Constanze erkannt, wie wichtig es für ihn war, eine Anstellung zu bekommen. Da sie, eine alleinstehende Geschäftsfrau, ohnehin einen Beschützer brauchte, hatte sie eingewilligt, ihn als eine Art Leibwächter einzustellen. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, lag es wohl nicht zuletzt an seinem Äußeren, dass sie sofort Zutrauen gefasst hatte. Er sah aus, wie sie sich einen Ritter immer vorgestellt hatte: groß, mit gebräunter Haut und hellblonden, im Nacken gestutzten Haaren. Bis auf ein kleines Kinnbärtchen war er stets sehr glatt rasiert und wirkte selbst jetzt, durchnässt wie er war, gepflegt und stolz wie ein Edelmann. Constanze ahnte, dass er ein Geheimnis barg, das ihn eines Tages wieder forttreiben würde. Und obwohl sie ihn kaum kannte, hoffte sie inständig, dass dieser Tag in weiter Ferne lag.
Sie erreichten den etwas schmaleren Weg entlang des Waldes und mussten hintereinander reiten. Der Boden war hier lehmiger und weniger weich, sodass hier im Gegensatz zu dem vorigen Wegabschnitt keine Spuren zu erkennen waren.
Constanze ritt gedankenverloren, den Blick zu Boden gesenkt. Was war Maria nur geschehen? Lebte sie noch? Sie war so fröhlich und ausgelassen gewesen, als sie die Plane über den Karren warf, die als Abdeckung für die Tuchballen dienen sollte. »Hierfür könnte ich mir jede Menge leckerer Früchte kaufen«, hatte Maria gescherzt und dabei auf die Geldkatze um ihren Hals gedeutet, deren Inhalt für die Bezahlung der Ware gedacht war. Constanze hatte gelacht und ihre Schwester in gespieltem Ernst ermahnt, dass sie sich hoffentlich unterstehen werde. Obwohl es erst gestern war, kam es Constanze wie eine Ewigkeit vor, seit sie die Stimme ihrer Schwester zuletzt gehört hatte.
Es regnete noch immer, als sie den Wald hinter sich ließen und die kleine Steigung bis zur inneren Stadtmauer von Worms hinaufritten, wo sich der Weg gabelte.
»Soll ich die Wachen fragen, ob sie Eure Schwester gestern gesehen haben, Herrin?«
Constanze überlegte kurz. »Nein, Konrad. Wir sollten zunächst zu den Flößern reiten. Wenn wir dort nichts erfahren, können wir sie auf dem Rückweg immer noch befragen.«
Als sie die Stadtbefestigung von Worms durch das Speyerer Stadttor passierten, deutete einer der Wachposten einen kurzen Gruß an, setzte aber seine Unterhaltung fort, ohne sie weiter zu beachten. Konrad nickte, nahm die Zügel auf und lenkte sein Pferd in Richtung Hafen.
Während sie an der Wollgasse vorbeikamen, betrachtete Constanze die wenigen noch erhaltenen Häuserfronten. Es war einige Monate her, im Juli des Jahres 1231, als in einem Hof in der Brotgasse ein Feuer ausgebrochen war und die halbe Stadt bis hin zur Judenpforte vernichtet hatte. Manche Gebäude waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Andere waren geringer beschädigt und konnten inzwischen fast vollständig wiederhergerichtet werden.
Als sie endlich den Marktplatz erreichten, sah Constanze wie selbstverständlich zum Dom hinüber, der einem großen graubraunen Fels gleich in den Himmel ragte. Noch immer prasselte ihr der Regen ins Gesicht. Dennoch konnte sie den Blick nicht von dem Gotteshaus wenden, das mit seiner kreuzförmigen Basilika auf dem höchsten Punkt von Worms erbaut worden war. In ost-westlicher Richtung wurde sie von zwei Chören mit Rundtürmen begrenzt. Es war das größte Gebäude, das Constanze je gesehen hatte, und es schien, als würden die Turmspitzen die dicken schweren Wolken tragen. Auf der Brüstung des Ostchorfensters machte sie eine Bärenfigur mit ihrem Jungen aus, die ebenso wie der Löwe und der Widder das Böse von diesem heiligen Ort fernhalten sollten. In ihrer Kindheit hatte Constanzes Mutter ihr erklärt, was die Figuren bedeuteten. Constanze hatte damals Angst vor dem Gebäude mit seinen furchteinflößenden Fresken gehabt. Heute fühlte sie sich sicher, ja fast schon geborgen beim Anblick dieses majestätischen Bauwerks. Nur schwer löste sie ihren Blick, und als sie schließlich in Richtung Hafen abbogen und dem Dom den Rücken kehrten, ließ der Regen endlich nach.

Ein scheußlicher, beißender Gestank lag in der Luft, obwohl die Fischer ein gutes Stück vom Anlegeplatz der Handelsflöße entfernt waren. Unruhe stieg in Constanze auf.
Würde sie jetzt endlich erfahren, wo Maria abgeblieben war?
Mit bangem Herzen und dennoch zielstrebig trieb sie ihr Pferd an und setzte sich an die Spitze der kleinen Gruppe. Als sie den Hals reckte, konnte Constanze das Fährboot erkennen, das im aufgewühlten Wasser hin- und herschwankte. Ein eigenartiges Gefühl durchflutete sie. Ungewissheit und Besorgnis drohten ihr fast den Atem zu nehmen. Sie spürte, wie sie unter ihrer Kleidung eine Gänsehaut überlief, und fröstelte so heftig, dass Konrad sie ansah.
»Herrin?«
Constanze nickte ihm schweigend zu. Noch nie hatte sie eine solche Angst verspürt. Sie hoffte inständig, dass ihre Stimme ihr gehorchen möge.
»Dort!« Sie deutete zu einem der Boote. »Da ist das Fährboot von Jérôme van Laaken. Gleich werden wir wissen, ob Maria die Ware abgeholt hat.«
Konrad sah sich um. Es herrschte reges Treiben im Hafen. Nichts deutete auf ein Unheil hin, jeder ging offenbar seiner Arbeit nach. Er stieg vom Pferd und drückte Hanns die Zügel in die Hand.
»Ich werde die Flößer fragen, wenn Ihr es wünscht«, sagte er zu Constanze.
»Das werde ich selbst übernehmen«, entgegnete sie. »Ich kenne Jacques und Pino. Wenn es ein Gerücht zu erzählen gibt, werden sie es mir bestimmt nicht vorenthalten.«
Konrad nickte stumm und folgte Constanze zum Anleger, ohne den Griff um die Armbrust zu lockern, die er immer noch unter seinem Umhang verbarg. Als Constanze das Boot erreichte, eilte ihr ein Bursche entgegen. Sein pechschwarzes Haar sah aus, als wäre es mit einem viel zu stumpfen Messer gestutzt worden. Er trug eine dunkelrote Hose und ein gelbes Hemd, was ihn wie einen Gaukler aussehen ließ. Er hatte tiefbraune Augen und ein schmutziges Gesicht, doch als er Constanze anlachte, blinkten ihr strahlend weiße und ungewöhnlich ebenmäßige Zähne entgegen.
Ein untersetzter, grimmig dreinblickender Kerl folgte ihm ein wenig schwankend, was wohl eher auf den reichlichen Schnapsgenuss denn auf das gleichmäßige Schaukeln des Boots zurückzuführen war.
Constanze bemühte sich, ein Lächeln aufzusetzen und ihre Anspannung zu verbergen.
»Seid gegrüßt, ihr beiden!«
»Mademoiselle Constanze«, erwiderte der Bursche, der, wie Constanze wusste, Pino hieß, »wir haben Euch bereits gestern erwartet. Wir waren in Sorge.« Er deutete eine Verbeugung an, während der andere, deutlich ältere hinter ihm etwas auf Französisch vernehmen ließ, was nicht besonders freundlich klang.
Pino übersetzte: »Jacques erzählt, dass wir die Ware schon wieder mitnehmen wollten, Mademoiselle Constanze. Das meint er natürlich nicht so. Er wollte sicher nur einen kleinen Scherz machen. Wir hätten auch noch bis morgen auf Euch gewartet.«
Constanze lächelte gezwungen.
Pino kam einen Schritt näher auf sie zu, musterte Konrad abschätzig und fuhr dann im Flüsterton fort: »Mademoiselle Constanze, wir haben eine ganz besondere Ladung für Euch mitgebracht.«
Er sah sich verschwörerisch nach allen Seiten um und senkte seine Stimme noch mehr.
»Mein Herr hat …«, er unterbrach sich, um nochmals einen prüfenden Buick auf Konrad zu werfen, »… mein Herr hat Euch …« Wieder schaute er argwöhnisch zu Konrad hinüber. »Warum sieht Euer Kämpe immer so aus, als würde er im nächsten Moment sein Schwert ziehen und einem den Kopf von den Schultern schlagen? Liegt es an mir oder an Jacques? Es liegt an Jacques, nicht wahr? Aber er würde ihm doch nichts tun, nicht wahr, Mademoiselle? Und mir doch auch nicht?«
Constanze drehte den Kopf. Konrad sah aus wie immer, groß, stark und allzeit zum Kampf bereit, aber er wirkte in ihren Augen nicht bedrohlich.
»Konrad? Wie kommst du denn darauf, Pino?«
Wieder musterte Pino ihn ausgiebig, wobei er einen halben Schritt hinter Constanze blieb, sodass er ein wenig den Kopf recken musste, um Konrad sehen zu können.
»Spricht er eigentlich auch? Ich glaube, ich habe ihn noch nie sprechen hören. Man hat ihm doch nicht die Zunge herausgeschnitten? Ich habe schon oft davon gehört, aber es noch nie gesehen. Glaubt Ihr, Mademoiselle, er würde mir den abgeschnittenen Stummel einmal zeigen?«
Constanze musste lachen. Dieser kleine Bursche hatte es mit seinem Geplapper doch tatsächlich geschafft, sie an einem Tag wie diesem zum Lachen zu bringen.
Sie fasste Pino an den Schultern und beugte sich zu ihm hinab.
»Er hat seine Zunge noch, Pino. Und ich glaube nicht, dass er sie sich abschneiden lässt, nur damit du einmal einen solchen Stummel siehst.«
Pino riss erschrocken die Augen auf, als Konrad blitzschnell neben ihn trat.
»Ich habe meine Zunge noch und außerdem erstaunlich gute Ohren. Aber du brauchst wirklich keine Angst vor mir zu haben. Falls dir mal einer der Flößer hier Ärger machen sollte, dann sag ihm, dass du unter meinem persönlichen Schutz stehst, sobald du deinen Fuß nach Worms setzt. Als mein Freund.«
Konrad lächelte den Kleinen vertrauenerweckend an. »Wirst du das tun?«, fragte er mit sanfter Stimme.
»Ja, Herr«, stammelte Pino. »Gewiss, Herr! Ich danke Euch.«
»So ist’s recht. Und nun sag endlich, was du Mademoiselle Constanze berichten wolltest.«
»Ach ja, richtig.« Pino deutete mit der Hand auf die Tuchballen, die mit einer grauen Plane abgedeckt waren.
»Auf den ersten Blick sieht es aus, als wären alle Ballen flandrisches Tuch.« Er dämpfte seine Stimme. »Aber das ist es nicht«, frohlockte er dann und rieb sich die Hände.
»Nun erzähl schon!«, forderte Constanze ihn auf.
»Venezianische Seide«, hauchte Pino. »Mit Muster und feinem Glanz. Sie ist im Tuch eingerollt. Um sie zu sehen, müsst Ihr den Ballen aufwickeln.«
Constanze hob erstaunt die Augenbrauen. »Sag deinem Herrn, dass ich ihm danke, Pino!«
»Mein Herr sagte ebenfalls, ich soll Euch auf das Herzlichste grüßen und seine tiefe Ergebenheit übermitteln, Mademoiselle. Er würde Euch in Kürze gern mal wieder selbst seine Aufwartung machen. Ist es Euch recht, Mademoiselle? Mein Herr meint, dass Euer letztes Treffen bereits über ein Jahr her ist und er sich schon sehr auf die Zusammenkunft freut. Darf ich ihm ausrichten, dass Ihr Euch ebenso freut, Mademoiselle?«
Constanze war verwirrt. Pinos ununterbrochenes Geplapper ließ sie keinen klaren Gedanken fassen.
»Ja!«, brachte sie ein wenig hastig hervor. »Sag deinem Herrn, ja, ich freue mich ebenso.«
Pino strahlte. Sofort wies er Jacques auf Französisch an, mit dem Abladen der Ballen zu beginnen. Mürrisch setzte sich der Ältere in Bewegung, spuckte über den Bootsrand und bedeutete Hanns mit einer Geste, den Karren näher an das Boot zu bringen. Er schlug die Plane zurück, schulterte den ersten Ballen und stapfte damit schlechtgelaunt zum Wagen hinüber.
»Pino«, sagte Constanze, »ich wollte dich noch etwas fragen.« Sie zögerte einen Augenblick. Sie kannte die Antwort auf ihre Frage bereits. Und doch musste sie sich vergewissern.
Pino blickte sie interessiert an. »Ja, Mademoiselle?« »Du kennst doch Maria, meine Schwester?«
»Oui, Mademoiselle, ich kenne sie. Sie ist bildschön. Fast so schön wie Ihr selbst. Natürlich kann sie mit Euch nicht wetteifern. Aber das macht nichts. Wenn ich älter wäre, würde ich sie bitten, auf dem Boot eine Fahrt mit mir zu machen.« Er grinste sie verschmitzt an.
»Ja, Pino, schön.« Constanze wollte sich nicht mehr von seinem Gerede ablenken lassen. »Aber, was ich wissen wollte: Hast du sie vielleicht gesehen? War sie gestern hier, um die Ware abzuholen?«
Er blickte sie überrascht an. »Gestern? Aber nein! Ihr seid doch jetzt wegen der Ware hier … Mademoiselle Maria war nicht bei uns. Nicht gestern und nicht heute. Wieso fragt Ihr? Wollte sie denn die Ware holen? Ihr ist hoffentlich nichts geschehen, Mademoiselle?« Pino wirkte besorgt.
»Nein, nein, es ist schon alles in Ordnung. Ich dachte nur.« Constanze wollte nicht, dass sich Marias Verschwinden binnen kürzester Zeit wie ein Lauffeuer verbreitete.
»So« – sie zog einen Beutel mit Geld hervor -‚ »gib das hier deinem Herrn von mir. Und das« – sie drückte ihm zwei Pfennige zusätzlich in die Hand – »ist für dich und Jacques. Kümmerst du dich darum, dass die Ware verladen wird, ja?«
Pino sah sie fragend an. Offenbar hatte er bemerkt, dass Constanze ihm nicht die Wahrheit über Maria gesagt hatte. Aber mit den beiden Münzen würde er für seinen Kameraden und sich ein gutes Mahl im Wirtshaus kaufen können. Er hatte zwar reichlich Proviant von seiner Mutter mitbekommen, aber mit zerlassenem Speck und einem warmen Stück Brot würde sich Jacques’ Laune verbessern und die Rückreise wesentlich erträglicher werden. Also nickte er eifrig, stopfte das Geld in seine Hosentasche und widmete sich dann der Lieferung.
»Konrad«, flüsterte Constanze, »ich werde jetzt zum Stadtvogt reiten und ihn um Hilfe bitten. Würdest du mich bitte begleiten?«
Konrad sah zu Boden und scharrte dabei mit dem Fuß in der Erde. »Wenn Ihr erlaubt, Herrin, so überwache ich erst noch das Verladen der Ware und sorge dafür, dass sie sicher nach Hause kommt. Ich werde dann zurückkehren und am inneren Speyerer Tor auf Euch warten.«
Diesmal war es Constanze, die das Gefühl hatte, nicht die ganze Wahrheit zu erfahren. Warum wollte Konrad dem Stadtvogt nicht begegnen? Gewiss, Heinrich von Worms war kein angenehmer Zeitgenosse. Aber sie konnte sich nur schwer vorstellen, dass sich Konrad von ihm abschrecken ließ. Für den Moment entschied sie, es auf sich beruhen zu lassen.
»Wie du willst. Dann treffen wir uns später dort.«
»Ich danke Euch, Herrin. Ich werde mich beeilen und gewiss vor Euch dort sein.«
Constanze hob kurz die Hand zum Gruß und Konrad, der Jacques und Hanns bereits half, die Ballen vom Boot zu hieven, nickte ihr zu.

Obwohl der Regen inzwischen ganz aufgehört hatte, kam sie durchnässt bei dem herrschaftlichen Gebäude an. Sie musste einen jämmerlichen Eindruck machen, dachte sie.
Doch dann besann sie sich, dass sie sich ihres Aufzugs nicht zu schämen brauchte, war sie doch wie eine Bürgersfrau gekleidet, der man ein gewisses Vermögen durchaus ansehen mochte.
Ein Büttel des Stadtvogts, der vor der Tür stand, trat ihr entgegen.
»Ich möchte den Vogt sprechen«, sagte sie entschlossen, wobei sie den Kopf hob.
»Erwartet er Euch?«
»Ich bin Constanze Hohenau, die Tuchhändlerin und Tochter des früheren Ratsmitglieds Richard Hohenau.«
»Ich weiß, wer Ihr seid«, entgegnete der Büttel selbstgefällig. »Und dennoch muss ich Euch fragen, ob Euch der Vogt erwartet?«
Selbstbewusst machte sie einen Schritt auf den Mann zu, der sie um gut einen Kopf überragte.
»Es geht um eine dringende Angelegenheit, und Ihr verschwendet meine Zeit!« Sie verschränkte die Arme vor dem Körper. Im Laufe der Jahre hatte sie gelernt, Befehle zu erteilen und Untergebene in ihre Schranken zu weisen. Fast hörte sie wieder die Stimme ihres Vaters, der zu ihr gesagt hatte: »Constanze, was immer du erreichen willst, benutze deine Stimme. Piepse nicht, zögere nicht. Und lasse sie niemals zu hoch klingen. Fordere fest und in angebrachter Lautstärke, dann wirst du bekommen, was du begehrst.«
Mehr als einmal hatte sie erfahren, wie wertvoll dieser Rat ihres Vaters war und dass er ihr genau das bescherte, was sie sich erhoffte. Insbesondere dann, wenn sie es mit allzu vorwitzigen Händlern zu tun hatte, die sie zu übervorteilen versuchten, weil sie eine Frau war.
Der Büttel blickte sie an, als wollte er eine Frage formulieren.
»Wird’s bald? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!«, herrschte Constanze ihn an.
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um öffnete die Tür und bat sie ins Haus.
»Wartet hier, ich werde meinen Herrn holen«, sagte er mit dem Anflug von Untergebenheit in der Stimme.
Einen Augenblick später hörte man Stimmen, und der Stadtvogt beugte sich über das obere Flurgeländer.
»Ihr wünscht mich zu sprechen, Constanze Hohenau? Darf ich Euch bitten, heraufzukommen?«
Constanze raffte die Röcke und stieg die Stufen hinauf. Der Büttel warf ihr am oberen Treppenabsatz einen beleidigten Blick zu, hatte sie ihn doch genötigt, dem Befehl seines Herrn zuwiderzuhandeln.
»Gestattet?«, bemerkte sie, als sie sich mit einem gewinnenden Lächeln an ihm vorbeischob.
Der Mann brummte etwas, setzte sich wieder in Bewegung und stieg eilig die Treppen hinab. Constanze sah noch, wie er wieder nach draußen ging und die Eingangstür krachend hinter sich ins Schloss fallen ließ. Dann betrat sie die Wachstube.
»Ich grüße Euch. Habt Dank, dass Ihr mich empfangt.« »Nehmt Platz und berichtet mir, was Euch zu mir führt. Es ist hoffentlich keine Unannehmlichkeit?«
Constanze setzte sich auf einen der Holzstühle und betrachtete ihn kurz. Es waren fast drei Jahre vergangen, seitdem sie dem Stadtvogt zum letzten Mal begegnet war. Er hatte an Gewicht zugelegt und sein Gesicht, von Pockennarben entstellt, wirkte aufgequollen und fleckig. Kleine, frische Schnittwunden an seinem Hals ließen vermuten, dass er kurz zuvor einen unvorsichtigen Barbier aufgesucht hatte. Das letzte Bad dürfte hingegen länger zurückliegen, denn der säuerliche Gestank, der von ihm ausging, ließ Übelkeit in Constanze aufsteigen.
»Leider ist es tatsächlich eine beunruhigende Angelegenheit«, begann sie. »Als Bürgerin der Stadt Worms möchte ich ein Verbrechen anzeigen und Euch um Hilfe bitten.«
»Dann hoffe ich, Euch helfen zu können. Schildert mir das Geschehen.«
Der Vogt machte keinen besonders interessierten Eindruck. Aber Constanze wusste, dass er ihr zuhören musste, ob er wollte oder nicht. Immerhin hatte ihr Vater ein wichtiges Amt bekleidet und genoss der Name ihrer Familie ein hohes Ansehen in der Stadt. Die Tatsache, dass der Tuchhandel seit ihrer Übernahme des Geschäfts erst recht aufgeblüht war, hatte ihre Stellung in Worms weiter gefestigt. Natürlich nahmen ihr viele Neider den Prozess übel, den sie vor drei Jahren geführt und für sich entschieden hatte. Doch sie hatte damit deutlich gemacht, dass sie keineswegs eine hilflose Waise war, unfähig, sich und ihr Gesinde zu ernähren und den von ihrem Vater ererbten Betrieb aufrechtzuerhalten. Constanze straffte die Schultern und atmete tief durch.
Dann erzählte sie dem Vogt, dass ihre Schwester mitsamt Knecht und Karren spurlos verschwunden war, seit sie tags zuvor hätte Waren am Hafen abholen sollen. Als sie endete, sah der Vogt sie unverwandt an, als würde er noch auf den Kern ihres Anliegens warten.
»Und weiter?«, fragte er, als von der jungen Frau nichts mehr kam.
Constanze war verwirrt, bemühte sich aber, es zu verbergen. »Weiter nichts!«
»Das ist alles?« Der Vogt erhob sich von seinem Stuhl, ging zum Fenster hinüber und drehte Constanze den Rücken zu. So verharrte er einen Moment, bis er sich ihr wieder zuwandte. »Wenn das wirklich alles ist, verstehe ich Eure Aufregung nicht. Wie alt ist Eure Schwester? Siebzehn, achtzehn? Sie wird einen Liebsten haben. Das liegt doch auf der Hand!«
Constanze stand ebenfalls auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Mit einem gezwungenen Lächeln sagte sie: »Maria ist siebzehn, und sie hat keinen Liebhaber.«
Der Vogt grinste kurz und freudlos. »Wie wollt Ihr da so sicher sein? Ihr seid eine strenge Schwester. Deswegen würde sie Euch wohl kaum ins Vertrauen ziehen …«
Constanze schluckte schwer. Sie fragte sich, aus welchem Grund der Vogt den Eindruck hatte, dass sie Maria eine strenge Schwester sei.
»Sie hätte sich mir sehr wohl anvertraut!«, sagte sie wütend, während sie sich bemühte, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben.
»Mein liebes Fräulein Constanze, junge Frauen neigen nicht dazu, ihren Eltern oder, wie in Eurem Fall, ihrem Vormund alles zu erzählen. Das wissen wir beide. Kehrt heim, und die Sache wird sich von allein aufklären. Vermutlich wird Eure Schwester schon wieder zurück sein und auf Euch warten. Und Euren Knecht wird sie bestochen haben. Wahrscheinlich war er betrunken und hat sich mit einer Hure … äh … einer Hübschlerin, vergnügt. Geht und überzeugt Euch, dass ich recht habe.«
Mit einer Armbewegung deutete er zur Tür.
Ein Gefühl der Verzagtheit übermannte Constanze. Er würde also nichts unternehmen. Sie würde völlig allein dastehen. Wie immer. Mit einem Mal kam sie sich furchtbar einsam vor und schlich mit gesenktem Kopf zur Tür. Doch dann drehte sie sich abrupt um, stemmte die Fäuste in die Hüften und trat wieder einen Schritt auf den Vogt zu. »Ich verstehe also richtig, dass Ihr, Heinrich, Stadtvogt von Worms, einem Euch angezeigten Verbrechen keine Beachtung schenken werdet?«
Er zuckte zusammen. Eben hatte er noch geglaubt, sie überzeugt zu haben. »Ich sagte doch, es ist kein Verbrechen …«
»Und ich bin überzeugt, dass meiner Schwester etwas zugestoßen ist. Doch offenbar weigert Ihr Euch, Eurer Stellung gemäß zu handeln.«
»Wie meint Ihr das?« Er straffte seinen Körper und machte einen bedrohlichen Schritt auf sie zu.
Constanze musterte ihn kurz, nahm sich jedoch vor, sich nicht einschüchtern zu lassen. Wenn sie ihre Schwester retten wollte, dann musste sie jetzt und hier einen Anfang machen.
»Ihr habt mich verstanden, Vogt!«, rief sie laut aus und trat ihm, statt zurückzuweichen, ein weiteres Stück entgegen. Ihr Blick war fest auf ihn gerichtet.
»Ich habe nicht vor«, fuhr sie in einem etwas versöhnlicheren, aber festen Ton fort, »Euch Ärger zu bereiten. Doch ich muss handeln, um das Verschwinden meiner Schwester aufzuklären. Und wenn Ihr mir nicht helfen wollt, muss ich um Anhörung im Rat bitten. Ihr wisst, dass noch einige Freunde meines Vaters einen Sitz in der Versammlung haben. Insbesondere dürfte Euch bekannt sein, dass Ambrosius von der Höhen, mein Onkel, den Vorsitz innehat.«
»Ambrosius ist nicht Euer Onkel.« Der Stadtvogt spie die Worte förmlich aus, das Gesicht vor Wut gerötet.
Constanzes Ton wurde nun ruhiger, beinahe sanft, und sie lächelte. »Er ist mein Taufpate, Herr Vogt, und mir herzlich verbunden, seitdem meine Mutter mir das Leben schenkte. Schwört meinen Unmut herauf, und Ihr werdet auch seinen Einfluss zu spüren bekommen, das versichere ich Euch.«
Heinrich ballte die Fäuste und schnaubte. »Ihr, Ihr …!«
»Wollt Ihr sagen, dass Ihr bereit seid, mir zu helfen, Vogt? Habe ich Eure Worte richtig gedeutet?« Sie funkelte ihn mit erhobenem Haupt an.
Er schnaubte abermals, entspannte sich dann jedoch ein wenig. »Ihr habt mich richtig verstanden. Als Vogt der Stadt Worms werde ich mich des von Euch vorgetragenen Anliegens annehmen und meine Büttel auf Erkundung schicken. Ich selbst werde mich ebenfalls umhören. Was meintet Ihr, wohin Eure Schwester und Euer Knecht unterwegs waren?«
»Sie wollten Ware von den Flößern holen«, antwortete Constanze. Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, kam ihr die heimliche Lieferung der Seide in den Sinn. »Allerdings sind sie dort nie angekommen. Ich weiß nicht einmal, ob sie überhaupt Worms erreicht haben. Womöglich wurden sie unmittelbar hinter den Auen, am großen Waldstück vor der Weggabelung, abgefangen.«
»Vielleicht wollt Ihr es mir überlassen, die Nachforschungen anzustellen?«, bemerkte der Vogt grimmig.
»Selbstverständlich«, sagte Constanze, um dann versöhnlich hinzuzufügen: »Eben weil ich auf Eure Fähigkeiten vertraue, bin ich ja hier.«
Der Stadtvogt grummelte etwas Unverständliches, ehe er erklärte: »Wie ich schon sagte, werde ich mich umhören. Sobald ich Neuigkeiten habe, schicke ich einen Boten mit Nachricht.« Damit schritt er an ihr vorbei und öffnete die Tür.
»Ich danke Euch, Vogt Heinrich. Und es wird mir eine Freude sein, bei dem nächsten Zusammentreffen meinem Patenonkel Ambrosius von Eurer Hilfsbereitschaft zu berichten.« Als sie sich zum Gehen wandte, konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass der Vogt ihr nur zu gern ein Messer in den Rücken gerammt hätte.

Während sie, ihr Pferd am Zügel führend, auf die Stadtmauer zuschritt, entdeckte sie Konrad, der lässig an die Mauer gelehnt auf sie wartete. Sobald er sie sah, stieß er sich ab und trat an ihre Seite.
»Was habt Ihr erreicht, Herrin?«
Sie schüttelte wortlos den Kopf und bedeutete ihm, ihr zu folgen. Gemeinsam passierten sie die Wachen, die ihnen keinerlei Beachtung schenkten. Erst als sie außer Hörweite waren, berichtete sie.
»Ich weiß es nicht. Der Vogt wird notgedrungen etwas unternehmen müssen. Aber ich traue ihm nicht.« Sie überlegte kurz. »Vielleicht sollten wir die Torwachen befragen, ehe der Vogt mit ihnen spricht?«
»Überlasst das mir, Herrin. Es ist besser, wenn ich allein gehe. Ich werde ihnen eine Münze geben, aber auch mit Hieben drohen, wenn nötig. Sie werden mir antworten, verlasst Euch darauf.«
Constanze drückte ihm einen kleinen Beutel in die Hand, und er ging zu den Wachen zurück.
Eine eigenartige Ruhe lag in der Luft. Constanze verlangsamte ihren Schritt, um dann etwas abseits des Weges auf Konrad zu warten. Ihr war, als würde jemand sie beobachten. Doch als sie sich in alle Richtungen umblickte, konnte sie niemanden entdecken. Verlor sie langsam den Verstand? Und doch schien sie gleichsam den Atem eines Fremden zu spüren, obwohl sie niemanden ausmachen konnte. Ihr Herz schlug schneller, und kalte Angst packte sie. Im nächsten Moment sah sie Konrad, der auf seinem Rappen auf sie zugeritten kam, und Angst und Beklemmung fielen augenblicklich von ihr ab.
»Haben die Wachen etwas gesehen?«, fragte Constanze.
Konrad trat dicht neben sie. »Nur einer von den beiden hatte gestern Wache, aber nur bis Mittag. In der Zeit war sie nicht hier.«
Constanze war verwundert. Nicht wegen der Nachricht an sich, sondern weil er sie so leise vortrug, obwohl niemand in der Nähe war, der sie hätte belauschen können.
»War er sich da ganz sicher? Ich meine, kennt er Maria denn überhaupt?«, sagte sie im Flüsterton.
Die Frage schien Konrad peinlich zu sein. Constanze ahnte, dass die Wachleute sehr wohl wussten, wer Maria war, und anzügliche Bemerkungen über sie hatten fallen lassen.
»Sie kennen Eure Schwester, Herrin. Und sie ist bis gestern Mittag nicht durch das Stadttor getreten. Da sie gleich nach dem Morgenmahl aufgebrochen ist, hätte sie bis dahin längst dort vorbeikommen müssen.« Er kniff nachdenklich die Augen zusammen.
»Sie hat die Stadt nicht erreicht, Herrin. Was immer ihr auch zugestoßen ist, es muss irgendwo hier passiert sein.«
Er deutete mit einer ausladenden Handbewegung in die Umgebung, und die Beklemmung, die Constanze zuvor überwältigt hatte, erfasste sie erneut. Sie beugte sich vertraulich zu Konrad.
»Konrad, es ist eigenartig. Ich hatte vorhin den Eindruck, beobachtet zu werden. Dabei war weit und breit niemand zu sehen. Und dieses Gefühl beschleicht mich nun erneut.«
»Wir werden beobachtet«, bekräftigte Konrad, und er war sich seiner Sache so sicher, dass Constanze ein Schauer über den Rücken lief. »Und genau aus diesem Grund flüstere ich. Jemand belauscht uns in seinem Versteck, der wissen möchte, ob wir etwas herausgefunden haben. Und derjenige muss zwangsläufig mit dem Verschwinden Eurer Schwester zu tun haben.«
Constanze starrte ihn an. Wie konnte er bloß so ruhig bleiben?
»Und was unternehmen wir jetzt?«, raunte sie.
Konrad zwinkerte ihr zu. »Aber Herrin, ich sage es Euch«, sagte er plötzlich ganz laut. »Vielleicht war sie in Worms, vielleicht auch nicht. Wir können es nicht klären. Es tut mir leid, aber wir sollten zum Hof zurückreiten und dort warten. Sie ist eine erwachsene Frau. Was soll ihr schon geschehen sein?«
Constanze brauchte einen Moment, um zu verstehen. »Ja, Konrad«, sagte sie dann laut und vernehmlich, »es ist ja nicht das erste Mal, dass sie sich vor der Arbeit drückt. Wenn ihr das Geld ausgeht, wird sie schon zurückkehren. Ich muss mich ums Geschäft kümmern. Komm jetzt, begleite mich nach Hause.«
Damit ließ sie sich von ihm in den Sattel helfen, nahm die Zügel auf und drückte die Unterschenkel an die Flanken ihres Pferdes, während sich Konrad anschickte, ihr zu folgen.

Veröffentlichung der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlages Hamburg