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Atlantis Teil 13

Klaus Tredrup kam über den Glockengießerwall hergeschlendert. Vor dem Gebäude des Hamburgischen Kuriers blieb er stehen, nahm die unvermeidliche Pfeife aus dem linken Mundwinkel, klopfte sie sorgfältig aus und ließ das altgediente Gebrauchsstück in der Jackentasche verschwinden. Dann trat er in das Gebäude und fuhr in den zweiten Stock zu den Redaktionen hinauf.

Hier angekommen wollte er dem Botenmeister, wie er es in diesen Wochen schon so oft getan hatte, ein Manuskript übergeben. Aber heute hatte dieser eine Bestellung für ihn.

»Herr Tredrup, der Chefredakteur wünscht Sie zu sprechen.«

»Hm … so … na, denn man tau, Klaus!«

Eine Minute später saß er dem Redaktionsgewaltigen in dessen Arbeitszimmer gegenüber.

»Herr Tredrup, Wahrheit und Dichtung zusammen machen den Journalisten. Das haben Sie ja auch richtig erkannt. Ein Journalist sind Sie. Aber hinter das Geheimnis der Mischung sind Sie noch nicht gekommen. Es ist wie die Kunst, eine Bowle zu mischen. Von dem und dem und dem was … Das Ganze muss schmecken … und bekommen. Das war bei Ihren letzten Artikeln nicht mehr der Fall. Die Zahl der Leser, die protestieren, wurde immer größer. Das C. T. unter Ihren Arbeiten wurde von der Konkurrenz schon ironisch identifiziert mit dem J. H. … jenem J. H. …«

»J. H.? Ist das …« Klaus Tredrup schaute den Chefredakteur verständnislos an. »… ist das etwa ein Vorgänger von mir?«

»Vorgänger, Herr Tredrup!? Unter uns gesagt … die Ehre wäre, etwas groß … für Sie!«

»Wieso? Was? Was?«

»Erinnern Sie sich nicht?«

»Woran?«

»An jenes Gutachten, das vor fünf Jahren …«

»Ach so! Ja, ja … J. H.! Ja, das. Hm! Und da vergleicht man mich wirklich mit ihm?«

Er strich sich lachend über die Magengegend.

»Hm, hm! Eine große Ehre für mich … aber den J. H. hätte ich für längst vergessen gehalten. Fünf Jahre sind es her, dass …«

»… dass sämtliche Redaktionen der Welt sich den Kopf zerbrechen, Tag und Nacht, über die eine Frage: ›Wer ist J. H.?‹«

»Nun, das kann ich Ihnen sagen.«

»Was? Was? Sie wissen?«

»Nun, das ist eben ein Mann, der … hm!«

Der Chefredakteur war in höchster Spannung aufgesprungen und starrte den Sprecher an.

»… der die Ehre nicht voll zu schätzen weiß, von der Geburt bis zum Letzten … nun, sagen wir mal, Räuspern … in einer verehrlichen Presse verewigt zu werden …«

»Herr Tredrup!«

»Herr Doktor … Ich habe die Ehre … Der edle Lord geht fort zu Schiff nach Spitzbergen …«

Er war im Begriff, die Tür zu schließen. Aber mit einem Tigersatz war auch der Chefredakteur an der Tür.

»Herr Tredrup! Wohin? Nach Spitzbergen?«

»In der Tat, Herr Doktor, nach Spitzbergen.«

»Einen Augenblick bitte! Wollen Sie wieder Platz nehmen!«

Tredrup setzte sich.

»Jawohl, mein Herr! Meister Tredrup geht nach Spitzbergen … aber nicht als Journalist, sondern wieder als ehrlicher Ingenieur, als Bohringenieur der Firma Jacob Jeremias Uhlenkort & Söhne … Ihnen gesagt, Herr Chefredakteur.«

»Außerordentlich interessant, Herr Tredrup. Lassen wir alles vorher Gesprochene! Sie kennen doch die letzten Nachrichten aus Spitzbergen?«

»Keine Ahnung, Herr Doktor.«

»Na ja. Aber Sie kennen doch Spitzbergen?«

»Keine Ahnung, Herr Chefredakteur. Bin noch nie dort gewesen. Weiß gerade nur, dass es da oben eine Insel Spitzbergen gibt.«

»Aber Sie wissen doch, wo es liegt. Und Sie wissen vielleicht auch, dass fünfzig Knoten westlich davon auf dem siebenundsiebzigsten Breitengrad Black Island liegt?«

»Herr Doktor, es dürfte, niedrig gerechnet, wenigstens hundert Inseln in der Welt geben, die auf den Namen Black Island hören.«

»Glaube ich Ihnen gern, Herr Tredrup, ohne jede Nachprüfung. Aber hier handelt es sich um jenes Black Island auf siebenundsiebzig Grad acht Minuten nördlicher Breite und zwölf Grad vierzehn Minuten östlicher Länge von Greenwich.«

Tredrup legte die Hand an die Stirn.

»Ah! So. Richtig! Ich erinnere mich, richtig! Wenn ich nicht gleich im Bilde war, Herr Doktor, so muss ich Ihnen sagen, damals, als die wundersame Mär durch die Welt eilte, durchlebte ich gerade Momente, Momente, Herr Doktor, die, wenn ich sie in wohlgebauten Feuilletons Ihren Lesern vorsetzen würde, von diesen vielleicht auch nur für eine Bowle aus Essenzen gehalten würden … Was Neues von Black Island, Herr Doktor?«

»Aber ja! Hier das Neueste.« Er griff nach einer noch druckfeuchten Fahne.

»Erscheint heute im Mittagsblatt. Black Island wieder um hundert Meter gestiegen, Herr Tredrup.«

»Hm! Noch mal … na ja, Herr Doktor. Aber das ist schließlich nichts besonders Verwunderliches. Das hat man schon tausendmal in der Südsee gesehen. Da steigen die Inseln auf und ab wie die Pfannkuchen im heißen Fett. Allerdings, gesehen hat es selten einer. Es ist eine brenzlige Sache, wenn man nahe dabeisitzt. Ohne Seebeben und etwas Feuerwerk pflegt das gewöhnlich nicht abzugehen. Wie weit waren denn die Leute davon entfernt, als die Insel sich hob?«

»Beim ersten Mal kaum fünf Kilometer, Herr Tredrup.«

»À la bonne heure! Alle Wetter! Aus solcher Nähe … das ist ja wirklich wunderbar. Und beim zweiten Mal?«

»Beim zweiten Mal waren Augenzeugen nicht zugegen. Erst nach vierundzwanzig Stunden stellte ein Walfänger die neuerliche Steigung fest. Ist das nicht rätselhaft?«

»Rätselhaft! Was sagen denn die Herren Schriftgelehrten dazu?«

»Nun, eben … rätselhaft!«

»Das ist gerade nicht viel. Und Sie meinen, Herr Doktor, die Nuss zu knacken, das wäre etwas für Klaus Tredrup?«

»Ungefähr meine ich das so, Herr Tredrup. Wenn Sie jetzt nach Spitzbergen gehen, so besuchen Sie Black Island und schicken Sie uns Artikel von … der richtigen Mischung.«

»Ansehen werde ich mir dieses merkwürdige Eiland jedenfalls, Herr Doktor. Ob ich Ihnen Artikel darüber senden werde … senden kann, weiß ich noch nicht.«

»Aber ich bitte dringend darum, Herr Tredrup.«

»Vielleicht, Herr Doktor … vielleicht … vielleicht auch nicht. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

Klaus Tredrup trat aus dem Gebäude wieder ins Freie. Mit stillvergnügtem Lächeln stopfte er die Pfeife und setzte den Tabak in Brand. Vergnügt sah er den blauen Rauchwölkchen nach. Dann vergrub er behaglich die Hände in den Rocktaschen und schlenderte über die Straße. Seine Lippen bewegten sich im Selbstgespräch.

»Wieder mal eine Etappe deines Lebens beendet. Kurz, aber vergnügt! Klaus! Klaus! Nun bist du auch Journalist gewesen. Na … Schwamm drüber! Jetzt hin zu Uhlenkort, den Vertrag machen! Dann weiter nach Spitzbergen! Aber … Black Island … Black Island …«

Immer wieder kam der Name von seinen Lippen. »’ne Sache! Das Black Island, ‘ne Sache für Klaus Tredrups Nase … von der in drei Weltteilen die Sage umgeht … vielleicht nicht mit Unrecht, dass sie sehr wissbegierig und neugierig sei.«

 

*

 

»Bitte, Herr Tredrup!« Das alte Faktotum des Hauses Uhlenkort öffnete die Tür zum Chefzimmer.

»Herr Tredrup!«, rief er durch den Spalt und ließ den Besucher eintreten. Tredrup kam ins Zimmer. Es war leer. Aus dem Nebenraum hörte er die Stimme Uhlenkorts am Telefon. Ein längeres Gespräch, wie es schien. Er ließ sich in einen Klubsessel fallen und horchte nach dem Nebenzimmer.

Na! Vorläufig kein Schluss abzusehen. Hm! Da auf dem Schreibtisch der Hamburgische Kurier … mal her damit! Er beugte sich über den Tisch und ergriff das Blatt.

Banausen ihr! Die Ehre, Klaus Tredrup zu eurem Mitarbeiter zu rechnen, wusstet ihr nicht zu schätzen. Möge es euch leidtun! Er wandte die Seiten des Blattes. »Olle Kamellen!«, murrte er und schob das Blatt verächtlich zurück.

Da … sein Blick blieb auf einem Blatt heften, das unter der Zeitung gelegen hatte. Gleichgültig glitt sein Auge darüber hinweg. Die Unterschrift J. H. … Er prallte zurück. Sekundenlang. Tausend Gedanken durcheilten sein Gehirn. J. H. … J. H. … Wie Magnetpole zogen ihn die beiden Buchstaben an. Er wehrte sich … Er kämpfte. Langsam, wie von einer unwiderstehlichen Macht gezogen, beugte er sich immer mehr nach vorn.

Bei Gott! J. H.! Seine Augen blickten über das Papier nach oben.

Spitzbergen, den …

Lieber Walter! …

Fieberhaft eilten seine Blicke über das Folgende … Black Island … Wie ein Schlag durchzuckte es ihn. Seine Augen öffneten sich, unnatürlich weit.

Black Island … Er suchte das Wort wieder … Experiment! … Der Beweis?

Sekundenlang saß er so. Die Stimme Uhlenkorts im Nebenraum riss ihn auf. Mit hastiger, zitternder Hand schob er das Zeitungsblatt über den Brief, wie es gelegen hatte. Tief aufatmend lehnte er sich in den Klubsessel zurück. Unter Anstrengung brachte er ein vernehmliches Gähnen hervor.

»Sie hier, Herr Tredrup?«

»Jawohl, Herr Uhlenkort.« Langsam nahm er die Hand vom Mund. »In diesem Augenblick führte mich Ihr Faktotum herein. Dem einladenden Klubsessel konnte ich nicht widerstehen … Halb zog er mich, halb sank ich hin … und gähnte … Wie geht es Ihnen, Herr Uhlenkort?«

Seine Augen hingen an den halb abgewandten Zügen Uhlenkorts.

Der griff anscheinend zerstreut nach der Zeitung, besah sie einen Augenblick und reichte sie dann Tredrup.

»Ich will hier nur ein paar Papiere zusammenpacken. Vielleicht sehen Sie währenddessen in die Spalten Ihres Leibblattes.«

»Danke! Danke, Herr Uhlenkort. Schon beim Morgenkaffee bis auf die Annoncen verdaut.«

»Nun, es dauert nur einen Augenblick.«

Uhlenkort ergriff den Brief und einige andere Papiere, sortierte sie und legte den Brief in seine Brieftasche.

»Was Neues, Herr Tredrup?«

»Ja, Herr Uhlenkort. Ich habe die Journalisterei satt. Auf die Dauer Journalist! Nee! Nichts für mich. Ich bin jetzt bereit, den Vertrag so, wie Sie ihn vorschlugen, abzuschließen.«

Uhlenkort lachte. »Gut, Herr Tredrup.« Er wandte sich zu einem Schrank und holte ein Schriftstück hervor, legte es vor Tredrup auf den Tisch.

»Der Vertrag liegt hier, braucht nur noch die Unterschrift.«

Die Feder fuhr über das Papier. Da stand in markigen Buchstaben: Klaus Tredrup.

»Bitte, Herr Uhlenkort.«

Uhlenkort nahm die Feder und setzte seinen Namen daneben.

»Die Schrift wie der Mann!«, sagte er lachend.

»Wie meinen Sie das?«

»Na! Klaus Tredrup, wie er steht und geht. Für einen Grafologen ein Kinderspiel.«

Tredrup lachte mehr innerlich als äußerlich.

»Wenn es Ihnen passt, Herr Tredrup, können Sie schon morgen fahren. Ein Fünfzigtausend-Tonnen-U-Boot fährt morgen Mittag da hinauf.«

»U-Boot! Famos! Fünfzigtausend Tonnen, das ist prima! Zu meiner U-Bootzeit gab es solche großen Dinger noch nicht. Ich werde eine interessante Fahrt machen. Wahrscheinlich mehr in der Maschine als in der Kajüte stecken … aber weshalb U-Boot, Herr Uhlenkort?«

»Nun, das hat seine Gründe. Eis … und sonst noch allerlei …«

»All right, Herr Uhlenkort. Ich fahre morgen mit. Vielleicht sehe ich Sie da oben mal wieder.«

»Kann sein … kann nicht sein.«

Uhlenkorts Blick ruhte einen Augenblick forschend auf Tredrups Zügen. Das lachende, fröhliche Gesicht gab ihm keine Antwort. Tredrup wandte sich um, um zu gehen.

»Einen Augenblick noch, Herr Uhlenkort. Wissen Sie schon das Neueste?«

Uhlenkort zuckte die Achseln. »Neues passiert jede Stunde … jede Minute.«

»Nein, etwas Neues, was uns direkt oder indirekt angeht.«

»Sie machen mich neugierig, bitte.«

»Ich komme soeben vom Redaktionsgebäude des Hamburgischen Kuriers, wo ich mich verabschiedete. Da teilte mir der Chef noch die Nachricht mit, dass Black Island …« Er hielt einen Augenblick inne und sah Uhlenkort gerade ins Gesicht. Aber dessen Miene zeigte keine Veränderung.

»… dass Black Island schon wieder um hundert Meter gestiegen ist.«

»Ah, richtig. Ich vergaß davon zu sprechen. Ein Telegramm der Grubenleitung brachte mir bereits schon heute Morgen die Nachricht.«

»Ach so, gewiss! Hätte ich mir denken können. Ich werde dort die erste sich bietende Gelegenheit benutzen, um dieser Insel, diesem Black Island, einen Besuch abzustatten.«

»Tun Sie das, Herr Tredrup. Vielleicht haben Sie Glück und ergründen das Rätsel von Black Island. Gute Fahrt!«

 

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