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Aëlita – Teil 30

Alexej-Tolstoi-AelitaAlexej Tolstoi
Aëlita
Ein utopischer Roman

Was Gussew am vergangenen Tag getan hatte

Um zehn Uhr morgens war Gussew von dem Landgut Tuskubs nach Soazera geflogen. An Bord hatte er eine Aviationskarte, Waffen, Proviant und sechs Handgranaten, die er von Petrograd insgeheim, ohne dass Losj es wusste, mitgenommen hatte.

Um die Mittagsstunde erblickte Gussew unter sich Soazera. Die Hauptstraßen der Stadt waren menschenleer. Vor dem Haus des Rates der Ingenieure, auf dem riesigen sternförmigen Platz, standen Militärflugzeuge und Truppen. Sie waren in drei konzentrischen Halbkreisen aufgestellt.

Gussew begann abwärts zu gleiten. Und da hatte man ihn offenbar auch schon bemerkt. Auf dem Platz startete ein funkelndes Luftschiff mit sechs Flügeln. Zitternd in den Strahlen der Sonne stieg es steil in die Höhe. Längs seiner Bordwände standen silbrige Figürchen. Gussew beschrieb einen Kreis über dem Luftschiff. Behutsam holte er aus dem Sack eine Granate heraus.

Auf dem Luftschiff drehten sich die farbigen Räder und bewegten sich die Drahtenden auf dem Mast. Gussew beugte sich aus dem Boot und drohte mit der Faust. Vom Schiff her ertönte ein schwacher Schrei. Die silbrigen Figürchen hoben ihre kurzen Gewehre. Kleine gelbe Rauchwölkchen flogen auf. Kugeln pfiffen. An Gussews Boot wurde ein Stück von der Bordwand weggerissen.

Gussew schimpfte vergnügt mit lauter Stimme. Er hob das Leitwerk in die Höhe. Danach ließ er sich abwärtsfallen, dem Luftschiff entgegen. Und während er wie ein Sturmwind darüber hinwegfegte, warf er die Granate. Er hörte, wie es hinter ihm ohrenbetäubend krachte und donnerte. Da brachte er die Steuervorrichtung wieder in die horizontale Lage und drehte sich um. Er sah, wie das Flugzeug sich unbeholfen in der Luft überschlug, qualmend und auseinanderfallend, und auf die Dächer niederstürzte.

Damit hatte dann alles angefangen.
Als Gussew nun über der Stadt flog, erkannte er alles bereits im Spiegel Gesehene wieder: die Plätze, die Regierungsgebäude, das Arsenal und die Arbeiterviertel. Vor einer lang sich hinziehenden Fabrikmauer sah er eine aufgeregte vieltausendköpfige Menge Marsianer, die einem aufgestörten Ameisenhaufen glich. Gussew ging nieder. Die Volksmenge stob nach allen Seiten auseinander. Er landete auf dem frei gewordenen Platz und lachte über das ganze Gesicht.
Jetzt erkannte man ihn. Tausende Hände erhoben sich, aus den Kehlen ertönte es brüllend: »Der Magazitl, der Magazitl!« Schüchtern begann die Menge näher zu kommen. Gussew erblickte bebende Gesichter, flehende Augen und radieschenrote kahle Schädel. Das waren alles Arbeiter, Proleten, armes Volk.
Er stieg aus dem Boot, warf den Sack über die Schulter und machte eine weit ausladende Handbewegung in der Luft.
»Ich grüße euch, Genossen!« Es wurde still um ihn, wie im Schlaf. Inmitten dieses schmächtigen Völkchens erschien Gussew als ein Riese. »Habt ihr euch hier versammelt, um Reden zu schwingen, Genossen, oder um zu kämpfen? Wenn ihr Reden schwingen wollt, dann lebt wohl, ich habe keine Zeit.«
Durch die Menge flog ein schwerer Seufzer. Einige Marsianer schrien mit verzweifelter Stimme: »Rette uns, Sohn des Himmels!« Ihre Schreie wurden von der ganzen Menge aufgenommen. »Rette, rette, rette uns, Sohn des Himmels!«
»Ihr wollt also kämpfen?«, sagte Gussew, und dann brüllte er heiser aus vollem Hals. »Der Kampf hat begonnen. Soeben hat mich ein Militärflugzeug überfallen. Ich habe es heruntergeholt und zum Teufel geschickt. Zu den Waffen, mir nach!« Er griff in die Luft, als erfasste er ein Lenkseil.
Durch die Volksmenge drängte sich Gor (Gussew erkannte ihn sofort). Gor war grau vor Aufregung, seine Lippen zitterten. Er krallte sich mit den Fingern an Gussews Brust fest.
»Was sagen Sie? Wozu rufen Sie uns auf? Man wird uns vernichten. Wir haben keine Waffen. Wir brauchen andere Kampfmittel …«
Gussew riss Gors Hände von seiner Brust.
»Die wichtigste Waffe ist der Entschluss. Wer sich entschließen kann, der hat auch die Macht. Dazu bin ich nicht von der Erde hierhergeflogen, um lange Reden zu halten … Ich bin dazu von der Erde hergeflogen, um euch zu lehren, wie man einen Entschluss fasst. Ihr seid verspießert, Genossen Marsianer. Wer den Tod nicht fürchtet, der folge mir! Wo ist euer Arsenal? Dort holen wir uns Waffen! Kommt alle mit, ins Arsenal!«
»Aja-jai!«, kreischten die Marsianer.
Ein Gedränge begann. Gor streckte verzweifelt die Hände gegen die Menge aus.
So hatte der Aufstand begonnen. Ein Führer war gefunden. Ein Schwindel ergriff alle. Das Unmögliche schien möglich.
Gor, der langsam und wissenschaftlich einen Aufstand vorbereitet hatte, der nach dem gestrigen Tag sogar gezögert hatte und sich noch nicht entschließen konnte, war plötzlich wie aus dem Schlaf erwacht. Er hielt zwölf aufwühlende Reden, die über den Fernsehspiegel in die Arbeiterviertel weitergegeben wurden. Vierzigtausend Marsianer schickten sich an, zum Arsenal zu marschieren. Gussew teilte die Vorrückenden in kleinere Haufen ein, die im Schutz der Häuser, Denkmäler und Bäume von einer Stelle zur anderen liefen. Er hatte auch angeordnet, dass an allen Kontrollspiegeln, mithilfe derer die Regierung die Bewegung in der Stadt verfolgte, Frauen und Kinder aufgestellt wurden, die nicht sonderlich laut und eifrig auf Tuskub schimpfen mussten.
Durch diese asiatische List gelang es, die Wachsamkeit der Regierung eine Zeit lang einzuschläfern.
Gussew fürchtete eine Luftattacke der Militärflugzeuge. Um wenigstens für kurze Zeit die Aufmerksamkeit abzulenken, schickte er fünftausend unbewaffnete Marsianer ins Zentrum der Stadt. Dort sollten sie laut schreien und um warme Kleidung, Brot und Chawra bitten. Er sagte zu ihnen: »Keiner von euch wird lebend von dort zurückkehren. Daran müsst ihr denken. Geht.«
Die fünftausend Marsianer schrien einmütig aus vollem Halse »Aja-jai«, spannten riesige mit Aufschriften versehene Schirme auf und setzten sich in Gang, um zu sterben. Sie sangen dabei mit trostlos heulenden Stimmen ein altes verbotenes Lied:

Unter den gläsernen Dächern,
Unter den eisernen Arkaden
Raucht die Chawra
Im steinernen Topf.
Wir sind lustig, lustig.
Gebt doch in unsere Hände den steinernen Topf! Aja-jai! Wir kehren nicht zurück
In die Schächte, in die Steinbrüche,
Wir kehren nicht zurück
In die schrecklichen, toten Korridore,
Zu den Maschinen, zu den Maschinen.
Wir wollen leben. Aja-jai! Leben!
Gebt doch in unsere Hände den steinernen Topf!

Unter Geheul drehten sie die riesigen Sonnenschirme und verschwanden in den engen Straßen. Das Arsenal, ein niedriges, viereckiges Gebäude im alten Teil der Stadt, wurde von einer kleinen Truppenabteilung bewacht. Die Soldaten standen im Halbkreis vor den mit Bronzeplatten beschlagenen Toren. Sie deckten zwei seltsame, aus Drahtspiralen, Scheiben und Kugeln bestehende Maschinen. (Gussew hatte solch ein Ding bereits in dem verlassenen Haus gesehen.) Die Angreifer rückten durch eine Menge kleiner, krummer Gässchen vor und umgaben das Arsenal. Seine Mauern waren steil und sehr fest.

Gussew, der hinter den Ecken hervorlugte und, Deckung suchend, von einem Baum zum anderen lief, erkundete die Stellung. Es war klar: Das Arsenal musste im frontalen Angriff genommen werden, durch das Tor. Gussew befahl, in einem der Hauseingänge die Bronzetür auszuheben und sie mit Stricken zu umwickeln. Die Angreifer erhielten den Befehl, geschlossen im Sturm vorzugehen und dabei möglichst laut und schreckenerregend »Aja-jai!« zu schreien.

Die Soldaten, die das Tor bewachten, blickten ruhig auf die Geschäftigkeit in den Nebengassen. Sie hatten nur die Maschinen vorgerückt, über deren Spirale nun knisternd ein violettes Licht lief. Die Marsianer zeigten darauf, kniffen die Augen zusammen und pfiffen leise: »Fürchte sie, Sohn des Himmels.«

Es war keine Zeit zu verlieren.
Gussew stellte sich breitbeinig hin, ergriff die Stricke und hob die Bronzetür hoch. Sie war schwer, aber das machte nichts – sie ließ sich tragen. So schritt er, von einer Hauswand gedeckt, bis an den Rand des Platzes vor. Von dort aus war es nicht mehr weit bis zum Tor des Arsenals. Im Flüsterton befahl er den seinen: »Haltet euch bereit!« Mit dem Ärmel wischte er sich über die Stirn und dachte bei sich: Hehe, jetzt sollte man so recht in Zorn geraten. Damit hob er die Tür hoch und ging unter ihrer Deckung weiter.

»Gebt uns das Arsenal! … Wollt ihr wohl das Arsenal hergeben, ihr verdammtes Gesindel!«, brüllte er mit sich überschlagender Stimme und rannte schwerfällig über den Platz auf die Soldaten zu.

Einige Schüsse knallten, explodierende Aufschläge trafen die Tür. Gussew wankte. Da packte ihn ernstlich der Zorn und er lief schneller, in unflätigen Worten schimpfend. Und um ihn herum heulten und kreischten bereits die Marsianer, von allen Ecken und Enden, aus den Haustüren, hinter den Bäumen hervor kamen sie gerannt. In der Luft platzte mit Donnerknall eine Kugel. Aber die vorstürzenden Ströme der Angreifer überrannten die Soldaten und die schrecklichen Maschinen.

Gussew erreichte fluchend das Tor und schlug mit einer Ecke der Bronzetür gegen das Schloss. Das Tor gab krachend nach und öffnete seine Flügel. Gussew lief hinein und fand sich in einem viereckigen Hof, wo in Reihen geflügelte Luftschiffe standen.

Das Arsenal war genommen. Vierzigtausend Marsianer erhielten Waffen. Gussew verband sich über das Spiegeltelefon mit dem Haus des Höchsten Rates der Ingenieure und forderte die Auslieferung Tuskubs.

Als Antwort sandte die Regierung ein Luftgeschwader zu einem Angriff auf das Arsenal aus. Gussew flog ihm mit der ganzen Flotte entgegen. Die Flugzeuge der Regierung flohen. Sie wurden eingeholt, umzingelt und über den Trümmern der alten Stadt Soazera vernichtet. Die Luftschiffe fielen vom Himmel, zu Füßen der gigantischen Statue des mit geschlossenen Augen lächelnden Magazitl. Der Abglanz des Sonnenunterganges schimmerte auf seinem geschuppten Helm.

Der Himmel war in der Gewalt der Aufständischen. Die Regierung zog im Haus des Rates Polizeitruppen zusammen. Auf dem Dach wurden Maschinen aufgestellt, die feurige Geschosse, runde Blitze, aussandten. Ein Teil der aufständischen Flotte wurde von ihnen vom Himmel heruntergeholt. Als die Nacht einbrach, belagerte Gussew den Platz vor dem Haus des Höchsten Rates und begann in den Straßen, die sternenförmig vom Platz ausgingen, Barrikaden zu bauen. »Ich werde euch schon beibringen, wie man eine Revolution macht, ihr ziegelroten Teufel«, sagte Gussew und zeigte, wie man die Steinplatten aus dem Pflaster heben muss, wie man Bäume umschlägt, Türen aushängt, Hemden mit Sand füllt.

Gegenüber vom Haus des Höchsten Rates ließ er die zwei im Arsenal erbeuteten Maschinen aufstellen und daraus die Regierungstruppen mit feurigen Geschossen überschütten. Doch die Regierung überzog den ganzen Platz mit einem elektromagnetischen Feld.

Da hielt Gussew seine letzte Rede an diesem Tag, eine sehr kurze, aber bedeutungsvolle Rede. Dann stieg er auf eine Barrikade und schleuderte, eine nach der anderen, drei Handgranaten. Die Wirkung ihrer Explosion war entsetzlich: Drei Flammengarben schossen hoch, und in die Luft flogen Steine, Soldaten, Stücke von Maschinen, der ganze Platz war eingehüllt in Staub und beißenden Rauch. Die Marsianer brachen in ein Geheul aus und gingen zum Angriff über. (Das war in dem Augenblick geschehen, als Losj auf dem Landgut Tuskubs in den Fernsehspiegel geblickt hatte.)

Die Regierung zog das elektromagnetische Feld zurück, und nun sprangen von beiden Seiten über den Platz, über die Kämpfenden kleine tanzende Feuerbälle, die platzend ganze Bäche von bläulichen Flammen niederfallen ließen. Die finsteren pyramidenförmigen Gebäude erzitterten von dem Getöse.

Das Feuergefecht dauerte nicht lange. Über den von Leichen bedeckten Platz stürmte Gussew an der Spitze einer ausgewählten Abteilung in das Haus des Höchsten Rates. Das Haus war leer. Tuskub und alle Ingenieure waren geflohen.

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