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Das Harzmärchenbuch von August Ey Teil 63

Sagen und Märchen aus dem Oberharz
Gesammelt und herausgegeben von August Ey im Jahre 1862

Der Schneider und der Teufel

Ein Schneidermeister hatte drei Töchter und einen Gesellen. Trotzdem, dass der Alte erst durch Sparsamkeit, dann durch Geiz schmählich reich geworden war, mussten seine drei Töchter aber doch immer fleißig mit nähen, ohne dass sie mit dem Gesellen sprechen durften. Die eine Tochter mochte den Schneidergesellen gern leiden und er sie auch. Da blieb ihnen denn weiter nichts übrig, als mit den Augen zu reden. Auch dabei mussten sie sich verteufelt vorsehen, dass es der Alte nicht merkte, sonst bekam der Geselle gleich den Laufpass.

Einmal hatte diese Tochter die Woche und musste kochen. Sie machte das Mittagsessen, waren gerade Bratbirnen und Klümpe gewesen, da kam der Geselle hinaus, tat, als wolle er das Bügeleisen heizen und sprach schnell ein paar Worte mit seinem Mädchen. Der Alte war aber gleich dahinter, hörte es, und augenblicklich musste der Geselle aus dem Haus. Ehe er aber wegging, versprach ihm feine Braut, des Abends die Tür zu öffnen, damit er sie ein wenig besuchen könne. Das geschah auch. So hatten sie manch Stündlein beisammen zugebracht, ohne dass sie ertappt worden waren. Eines Abends aber, als auch der Schneidergeselle kaum im Haus war, stand der Alte auf und ging ständig walten. Der Schneidergeselle retirierte auf den Balken, legte sich darauf und wartete ab, was daraus wurde.

Das Mädchen durfte für diesmal nicht aufstehen, damit es sich nicht verriet. Wie nun der Schneidergeselle da lag, sah er, dass der Alte Bretter zusammenholte und einen Sarg daraus machte. Dann holte er eine ganze Mulde voll Geld, setzte das in den Schrein, und als er damit fertig war, wurde ein Getobe und Gebrause hörbar, als ob das Haus untergehen sollte, sodass dem verliebten Schneiderlein himmelangst wurde. In dem Augenblick stand bei dem alten Schneidermeister der Teufel und jener sprach:

Hier nimm dir, was dein,
Und gib mir, was mein.

Da sprach der Teufel:

Man sieht’s, man horcht.

Der Schneider sprach:

Was bist du dumm.
Meine Mädel sind zur Ruh,
Und das Haus ist feste zu.

Der Teufel sagte:

Man sieht’s, man horcht.

Der Schneider sprach:

Ach schweige du
und greife zu.

Darauf fasste der Teufel das Geld und wollte damit fort.

Doch der Schneider sagte: »Vergiss den Kontrakt nicht. Wenn nun jemand den geforderten Ziegenbock bringt, der kein weißes Haar an sich hat und von der ersten Stunde an mit Hafer gefüttert ist, und den Tag, wie heute, um diese Stunde dir den Bock mit den Worten reicht:

Hier nimm, was dein,
und gib, was mein.

so gehört ihm das Geld. Du gehst es doch ein?«

»Ja«, sagte der Teufel und fuhr zum Dach hinaus. Das ganze Haus stank aber wie lauter Teufelsdreck. Danach legte sich der alte Schneider in den Sarg und war augenblicklich mausetot.

Da machte sich der Schneidergeselle auch gleich aus dem Staube. Er hatte am ganzen Leibe, von Angstschweiß triefend, keinen trockenen Faden gehabt. Am folgenden Morgen nahm er Abschied von seiner Braut und ging weltein. Der Schneidermeister wurde begraben, und seine Töchter nähten nun fleißig und ranzionierten sich durch. Nach Jahren kam der Schneidergeselle wieder zurück und fand die drei Mädchen zwar arm, aber ehrlich und rechtlich. Sie klagten ihm ihr Leid. Ihr Vater wäre doch so reich gewesen, nach seinem Tod aber hätte man keinen Taler von dem vielen Geld gefunden. Sie wüssten nicht, wo das viele Geld geblieben wäre.

Darauf antwortete der Schneidergeselle, er wolle sehen, ob er es wieder anschaffen könne. Er brauche aber Zeit dazu und einen Ziegenbock, der kein weißes Haar an sich haben dürfe. Die Schneiderinnen hatten gerade eine Ziege, die lammt eben und warf ein schwarzes Bocklamm. Da es aber ein weißes Kreuz auf dem Kopf hatte, so taugte es nicht dazu.

Kurz danach lammte des Nachbars schwarze Ziege, warf aber ein Bocklamm, das kein weißes Haar an sich hatte.

Das war gut. Der Schneider kaufte das Tierchen und fing es gleich an mit Milch und Hafer zu nähren, bis zu dem Tag, wo es Zeit wurde. Dann nahm er den Bock, zog ihn in den Stall des verstorbenen Schneidermeisters, ohne dass jemand etwas davon wusste, und wartete, bis es elf schlug.

Er hielt den Bock am Strick und sprach:

Satan, heran!
Nimm, was dein,
Gib, was mein!

Gleich darauf wurde ein gewaltiges Poltern oben auf dem Heuboden vernommen. Der Teufel durchbrach die Decke, kam herunter, hatte ein kleines Fässchen unter dem Arm und warf das in den Stall hin; fasste dann den Bock, riss ihn auseinander, schlug mit der Bocklende den Schneider um die Ohren, dass der arme Mensch nicht wusste, was ihm widerfuhr, und wie tot zur Erde stürzte. Als der Schneider wieder zu sich kam, lag das Fässchen bei ihm. Er war aber über und über voll Blut. Sowohl das Blut als auch das Fässchen sagten ihm aber deutlich genug, mit wem er zu schaffen gehabt hatte und wer dagewesen war. In dem Fässchen waren aber lauter blitzblanke feine Gulden gewesen. Der Schneidergeselle wurde nun Meister und heiratete kurz danach sein Mädchen. Natürlich blieben die anderen beiden Schwestern bei den jungen Leuten, und da sie als eine reiche Familie angesehen wurden, so bekam der junge Schneidermeister durch seine beiden Schwägerinnen auch noch zwei Schwäger.

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