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Der Welt-Detektiv Nr. 6 – 4. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 6
Der Bettler-Millionär
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin

4. Kapitel

Ein unheimlicher Feind

Sherlock Holmes stand reglos hinter der Portiere. Durch ein winzig-kleines Loch vermochte er das Zimmer zu überblicken. Nortley stand vor dem Schreibtisch und sah unter halb geschlossenen Lidern nachdenklich nieder. Er war ein mittelgroßer Mann mit breiten Schultern und roten, groben Händen. Sein eckiges, vorgeschobenes Kinn verriet einen eisernen Willen. Nortley war nicht schön. Die Ba­ckenknochen traten scharf hervor, seine Nase war breit und sein bartloses Gesicht voller Falten.

Wie er so dastand, den massigen Oberkörper vor­geneigt, die plumpen Hände leicht geballt und den lauernden Blick starr auf die Platte des Schreibti­sches geheftet, erschien er Sherlock Holmes wie ein Raubtier voller Wildheit und Tücke.

Er hatte Nortley schon oft gesehen, aber noch nie­mals von einer solchen Nähe. Er entsann sich nicht, jemals in ein erbarmungsloseres, brutaleres Antlitz als dieses gesehen zu haben. Das also war der Mensch, den man den Mann ohne Seele nannte und der gewohnt war, seinen Weg über Leichen zu nehmen! Der Mann, auf dem die Flüche unzähliger Menschen lagen, deren Existenz er in seiner Gier nach Geld grausam vernichtet hatte!

Ja, einem Raubtier glich dieser Mann, einer Bestie in Menschengestalt, die – Sherlock Holmes schwor es sich – vernichtet werden musste, koste es, was es wolle. Nortley begann, im Zimmer auf und abzugehen. Es stieß unverständliche Worte aus, blieb bald hier, bald dort stehen und streifte mehr als ein­mal die Portiere, hinter welcher der heimliche Besucher stand.

Sherlock Holmes hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, um Nortley zu packen. Aber was hätte es genutzt, ihn zu verhaften? Noch war ihm nichts nachzuweisen …

Plötzlich trat Nortley zur Tür und klingelte. Wenig später erschien der Diener, der vor­hin die Telegrafenarbeiter hinein- und wieder hinaus­gelassen hatte.

Er blieb devot im Türrahmen stehen und maß seinen Herrn mit scheuen Blicken.

Nortley winkte ihn zu sich heran.

»Eine Frage, John«, brummte er. »Haben Sie sich von den Telegrafenarbeitern die Ausweise zeigen lassen?«

»Jawohl, Mr. Nortley. Alle sechs Mann besaßen abgestempelte Lichtbilder.«

»So, so«, merkte Nortley an, »alle sechs Mann.«

Er ging wieder im Zimmer spazieren. Dann blieb er plötzlich stehen und starrte den Diener lauernd an. »Wie dumm Sie sind, John!«, stieß er hervor, »gren­zenlos dumm!«

»Ich bitte um Verzeihung«, murmelte der Diener scheu, aber …«

Nortley unterbrach ihn mit herrischer Bewegung.

»Sie haben wohl nie eine Schule besucht, wie?«

»Aber gewiss, Mr. Nortley!«

»Doch?« Der Wucherer verzog sein Gesicht zu einem hämischen Grinsen. »Aber am Rechenunter­richt haben Sie nicht teilgenommen?«

John zeigte eine hilflose Miene.

»Ich habe im Rechnen sogar eine gute Note erhal­ten, Mr. Nortley«, erwiderte er furchtsam. Habe ich … habe ich etwas … falsch gemacht?«

»Pah«, machte Nortley, »ich habe nicht gesagt, dass Sie etwas falsch gemacht haben, sondern nur, dass Sie nicht rechnen können. Sie wissen nicht ein­mal, dass sechs weniger fünf eins gibt. Sie werden selbst zugeben müssen, dass eine solche Unkenntnis an Dummheit grenzt.«

Er trat zum Rauchtisch, entnahm der silberbe­schlagenen Kiste eine Zigarre und setzte sie in Brand.

»Aber, warten Sie«, sagte er. »Wir werden einmal diese Rechenaufgabe zusammen durchgehen. Kom­men Sie her.«

Betreten kam der Bedienstete der Aufforderung nach.

Nortley wies auf die silberne Kiste. »Nehmen Sie sechs Zigarren heraus. Bis sechs werden Sie wohl zählen können. Zwei … vier … sechs. So. Legen Sie die Zigarren auf den Tisch. Und nun nehmen Sie fünf fort. All right. Wie viel bleiben übrig?«

»Eine, Mr. Nortley.«

»Eine«, bestätigte dieser. »Wie gut und richtig Sie das schwierige Exempel gelöst haben. Eine also bleibt übrig. Da liegt sie. Aber es braucht sich bei dieser Aufgabe nicht gerade um Zigarren zu handeln. Man kann auch beispielsweise Telegrafenarbeiter an ihre Stelle setzen. Sechs Arbeiter kommen, fünf gehen wieder fort – also 6 minus 5 sind gleich 1. Einer bleibt übrig, verstehen Sie das, John? Einer muss übrig bleiben. Muss genauso da sein wie die Zigarre da!« Mit diesen Worten war er zu der Portiere getreten und tippte nun leise dagegen.

»Kommen Sie hervor, lieber Herr«, sagte er. »Es ist ungesund, solange mucksmäuschenstill zu ste­hen. Der Blutkreislauf stockt, und Füße und Arme schlafen ein. Jeder Arzt würde Ihnen ein so unver­nünftiges Handeln verbieten.«

Sherlock Holmes unterdrückte die Verwünschung, die ihm auf der Zunge schwebte, und trat von der Portiere fort.

Das, was er hatte verhüten wollen, war nun doch geschehen. Nun war nichts mehr zu ändern. Nortleys Kaltblütigkeit war bewunderungswürdig. Er wies auf den Entdeckten und sagte zu dem Betroffenen zu­rückweichenden Diener: »Sechs weniger fünf gibt eins. Da haben Sie den einen.« Dann drehte er den Kopf und starrte den Ei­nen an. Seine Augen funkelten, als er hervorstieß: »Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie zur Aufstel­lung hinter der Portiere bewog? Aber nein, lassen Sie nur! Sparen Sie sich die Worte. Was bezweckten Sie wohl anderes als einen Diebstahl! Ja, stehlen wollten Sie. Stehlen. Und solche Leute schickt das Te­legrafenamt ins Haus!«

Er trat noch einen Schritt näher an den Entdeckten heran und betrachtete ihn mit scharfen Blicken. Die Prüfung schien ihn zu befriedigen, denn in seinen Augen leuchtete es sekundenlang merkwürdig auf. Dann aber sagte er kalt wie zuvor:

»Ich könnte jetzt die Polizei verständigen und Sie abführen lassen. Sie verdienen nichts Besseres. Aber ich will keine fremden Leute im Haus haben und mag die Polizei nicht. Und darum mögen Sie noch für dieses Mal mit dem Schrecken davonkommen. Vielleicht ziehen Sie aus dieser Sunde die Lehre«, fuhr er mit seltsamer Betonung fort, »andere Leute und deren Wohnungen künftig zufrieden zu lassen. Sollten Sie dagegen ein zweites Mal versuchen, bei mir einzudringen, würden Sie mich weniger gut ge­launt finden. Ich würde Sie ohne Anruf über den Haufen schießen. So, ich denke nun, wir verstehen uns.«

Dann wandte er sich an den Diener: »Dalli, John, der Herr wünscht, hinausgeführt zu werden!«

Als Sherlock Holmes später eine Kraftdroschke besieg, um nach Hause zu fahren, war seine Stim­mung alles andere als rosig. Nortley hatte ihn er­kannt,. das stand für ihn fest!

Des Halunken letzte Worte waren deutlich genug gewesen! »Sollten Sie ein zweites Mal versuchen!« Das war mehr als eine leere Drohung, das war eine offene Kriegserklärung!

»Was zum Teufel fällt dir ein, gegen alle Verabre­dung die Villa zu verlassen?«, fuhr er, heimgekehrt, Jonny an.

Jonny Buston, der seine Sache sehr gut gemacht zu haben glaubte, fiel aus allen Wolken. Er habe, ver­teidigte er sich, ganz deutlich den verabredeten Pfiff vernommen und daraufhin die Arbeiter veranlasst, die Arbeit an dem Telefonmast einzustellen. Dann freilich habe er sich gewundert, dem Meister nirgends im Haus zu begegnen. Zum Umkehren sei es aber zu spät gewesen. Und dann habe er auch ge­glaubt, Sherlock Holmes sei anderen Sinnes gewor­den und wünschte, allein im Haus gelassen zu wer­den.

»Nortley hat doch etwa nichts gemerkt?«, schloss er besorgt?

»Bewahre!«, antwortete der Weltdetektiv grimmig auf, »Nortley ist ahnungslos wie ein frischgeborenes Ba­by!«

Am nächsten Morgen kam mit der Frühpost unter anderen Dingen auch ein größeres Päckchen an, das von Jonny auf dem Korridor niedergelegt wurde, weil der Meister just in seinem Zimmer mit Inspek­tor Tuckesham eine Konferenz abhielt. Genau zehn Minuten vor neun Uhr gab es einen fürchterlichen Krach. Irgendetwas musste in der Wohnung explo­diert sein.

Als Sherlock Holmes die Tür zum Korridor aufriss, sah er diesen in eine riesige Rauchwolke gehüllt. In diesem Augenblick tauchte inmitten der Wolke eine rußgeschwärzte Gestalt auf.

Es war Jonny Buston.

»Eine Höllenmaschine!«, schrie er. »Sie war im Paket. Drei Meter stand ich davon ab, als sie explo­dierte!«

Da sofort alle Fenster und Türen geöffnet wurden, verzog sich der Rauch allmählich. Nun erst erkannte man richtig die Folgen der Explosion. Wände und Decke war rußgeschwärzt. Von dem Garderoben­spiegel war nichts als ein paar undefinierbare Holz­teile übriggeblieben, die, mit denen des total zerris­senen Tischchens vereint, den Fußboden bedeckten.

Der Korbstuhl schien als einziges Möbelstück die Katastrophe überstanden zu haben, doch hatte ihn der Luftdruck bis in den äußersten Winkel des Kor­ridors geschleudert. Die Bilder waren wie von einer unsichtbaren Hand von den Wänden fortgefegt, und Inspektor Tuckinghams Schlapphut ließ sich erst eine ganze Weile suchen, ehe er sich als ein in zwei Teile gerissenes Fetzenhäuschen finden ließ.

Das Paket selbst, in dem sich die höllische Ma­schine befunden hatte, ließ sich nirgends entdecken. Es war durch die Gewalt der Explosion in Atome zerstoben.

»Verdammt!«, schrie der Inspektor. »Komme ich darum her, um mich in Stücke reißen zu lassen?«

»Dieses Schicksal dürfte lediglich Ihren unglück­lichen Hut ereilt haben«, sagte Sherlock Holmes kalt­blütig. »Das heißt, Sie haben recht. Eigentlich sollte das Ding anderes zerreißen als diese Möbel da!«

Er lachte trocken auf.

»Es scheint, als hätten wir noch einmal Glück ge­habt. Inspektor!«

Tuckesham starrte bald auf die Trümmer, bald auf den Kriminalisten, dessen Ruhe ihm unnatürlich er­schien.

»Und das sagen Sie so, als wäre weiter gar nichts geschehen?«, rief er erregt. »Zum Teufel. Sie schei­nen es gewohnt zu sein, dass man Ihnen derartige Liebesgaben ins Haus schickt!«

Dann wurde er still und ließ den Blick noch einmal über die Trümmerstätte gleiten.

»Wie furchtbar muss Sie dieser Mensch hassen!«, sagte er plötzlich.

»Welcher Mensch?«

»Der Ihnen diese Höllenma­schine schickte«, murmelte Tuckesham. »Haben Sie irgendeine Ahnung, wer dahinterstecken könnte?«

Sherlock Holmes kniff die Lippen zusammen. Dann huschte ein gefährliches Lächeln über seine Züge.

»Wer?«, wiederholte er. »Nun, ein Mensch, der mir gestern den Krieg erklärt hat und der mir scheinbar heute nur beweisen wollte, dass er es ernst meint!«

Fortsetzung folgt …