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Der Welt-Detektiv Nr. 5 – 5. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 5
Das Rätsel am Michigan-See
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin

5. Kapitel

Zwischen Leben und Tod

Der nächste Tag verging im Fluge. Holmes und seine Gehilfen hatten alle Hände voll zu tun, die nöti­gen Vorbereitungen für die kommende Nacht zu treffen. Der Meister selbst konferierte viele Stunden mit Jeffries, der über die Eröffnung, die ihm ge­macht wurden, mehr als einmal die Hände über den Kopf zusammenschlug und es nicht fassen wollte, dass Charles Morgan, der Millionär, ein Alkohol­schmuggler großen Stils war.

Aber Holmes wusste ihn eines Besseren zu beleh­ren.

»Die Burschen, die gestern Nacht den Sarg, in dem sich kein toter Mensch, sondern achtzehn strohum­wickelte Ballons mit Sprit befanden, transportierten, sind bereits dingfest gemacht und haben auch schon ein Geständnis abgelegt. Es sind Totengräber, die auf dem Friedhof wohnen und allnächtlich zu Mor­gans Villa fuhren – in der einen Nacht, um den Sarg hinzubringen, in der anderen, um ihn gefüllt abzuho­len.

Morgan spekulierte richtig: Nachts kam nie­mand auf den Friedhof, also war auch keinerlei Stö­rung zu befürchten. Wurden sie einmal beobachtet, wie sie mit einem Sarg abfuhren oder wiederkamen, fand sich immer bei dem Gewerbe der Kerl eine Ausrede: Man schaffte entweder einen Toten in amtlicher Auftrage fort oder holte ihn. Vom Friedhof aus wurde dann der Sprit verschoben. Im Großen versteht sich. Das, was übrig blieb, brachte Morgan unter der Hand in seinen Vergnü­gungslokalen an den Mann. Daher seine Millionen!«

»Aber woher bekam er den Alkohol?«

»Von Kanada. Direkt per Kutter über den Michigan-See. Die einfachste Geschichte der Welt. Es steht heute schon fest, dass die Brüder Fergusson die Hauptakteure dieser Schmuggelfahrten waren. Sie waren es, die Morgan immer von Neuem Sprit in ungeahnten Mengen zuführten. Als die Burschen nun verhaftet und ins Zuchthaus gesteckt wurden, saß Morgan fest. Ihm fehlten Leute vom Schlage der Fergusson, die sich weder vor Tod und Teufel fürch­teten. Und darum setzte er alle Hebel in Bewegung, sie wieder herauszuholen, was ihm ja auch gelungen ist.«

Jeffries starrte in die Luft.

»Fabelhaft!«, murmelte er dann. »Fabelhaft!«

»Was? Der Schmuggel?«

»Nein, Ihre Fixigkeit, mit der Sie die schwierigsten Kisten auf überraschende Weise aufknackten!«

Holmes lachte. Dann aber sagte er ernst: »Noch sind wir nicht ganz am Ziel. Wohl wissen wir, was in der Villa am Michigan-See vor sich geht, aber wer sonst noch mit den Burschen unter einer Decke steckt, das ahnen wir nicht. Ich denke aber, dass es Morgan nicht allein ist, der die Schmuggelei allein in Szene setzt und finanziert. Er wird noch andere Leute hinter sich haben – bekannte, reiche Bürger Chicagos, vermute ich, die ebenfalls Millio­nen vom Alkoholschmuggel einstecken und nach außen hin die biederen Bürger spielen. Diese Leute muss ich noch entlarven. Morgan wird sich hüten, ihre Namen preiszugeben, wenn wir ihn wirklich in kommender Nacht festnehmen. Er wird die Rache jener Kreise fürchten. Also müssen wir vorbeugen und sehen, dass wir auf anderem Weg ans Ziel kommen. Und diesen Weg habe ich bereits gefunden. Hören Sie zu, was heute Abend geschehen wird …«

Und mit gedämpfter Stimme entwickelte er dem Polizeidirektor von Chicago seine Pläne.

Und wieder wurde es Mitternacht. Eine Gestalt huschte durch den Garten der Villa am Michigan- See. Die Hunde fielen sie nicht an. Sie lagen betäubt an der Gartenmauer und regten sich nicht. Unange­fochten erreichte Holmes das Haus. Noch einmal ließ er seine Blicke in die Runde schweifen. Dann nickte er befriedigt.

Alle waren sie ringsum auf dem Posten: Jonny, Graham und Kennedy wie auch Jeffries mit dreißig seiner bis an die Zähne bewaffneten Leute.

Das Haus war umstellt.

Die Maus hätte er sehen mögen, die hier ent­schlüpfen konnte, wenn es ums Ganze ging! Durch ein Kellerfenster, dessen Scheibe er lautlos durch­schnitt, drang er in die Villa ein. Die elektrische Taschenlampe ließ ihn die zu dem Erdgeschoss füh­rende Treppe bald finden. Geräuschlos glitt er von Baum zu Baum, bis er das Zimmer fand, das er suchte – jenes, in dem ein großer Schreibtisch stand – jenes, in dem Charles Morgan nach Aussage der von ihm verhafteten Totengräber seine Korrespon­denz aufzubewahren pflegte.

Eine Stunde brachte er in dem Raum zu. Als er ihn verließ, lag ein sieghaftes Lächeln auf seinen Zügen. Er hatte gefunden, was er suchte. Die Liste derjeni­gen, die in Chicago mit Charles Morgan Hand in Hand arbeiteten! Der Fall war restlos geklärt! Mor­gan war das Haupt einer Schmugglerbande, deren Umsätze in die Millionen gingen!

Nun galt, das Nest auszunehmen! Ein Pistolen­schuss sollte das Signal zum allgemeinen Angriff sein. Schon wollte Holmes an eines der Fenster tre­ten, um das verabredete Zeichen zu geben, als un­terdrücktes Stimmengemurmel sein Ohr erreichte.

Auf leisen Sohlen schlich er über den Gang und presste sein Ohr an die Türfüllung, durch deren Fu­gen leiser Lichtschimmer fiel.

Da er nicht gut verstand, was drinnen gesprochen wurde, beugte er sich zum Schlüsselloch nieder. Dabei stieß ihm aber ein ganz arges Missgeschick zu. Der Schlüssel fiel polternd heraus. Eine Sekunde herrschte Totenstille, dann aber erscholl drinnen ein wider Fluch. Ein Mensch raste zur Tür …

Holmes tat das Klügste, was er tun konnte. Er jag­te die Treppe hinauf. Er hatte aber kaum die Hälfte der Stufen überwunden, als die Tür bereits aufgeris­sen wurde. Charles Morgan war es, der in der Fül­lung erschien. Im Augenblick erkannte er die ge­fährliche Situation.

»Hund!«, brüllte er.

Blitzschnell griff seine Hand nach einem kleinen, unscheinbaren Knopf. Da geschah das Unerwartete. Ein Mechanismus surrte. Dann klappten die Stufen der Treppe blitzschnell zusammen und bildeten eine glatte, stiel abwärts führende Fläche. Holmes verlor den Halt unter den Füssen. Er stürzte. Krachen ent­lud sich die Pistole in seiner Hand. Aber das Nieder­sausen konnte er nicht verhindern. Mit rasender Ge­schwindigkeit rutschte er die spiegelblanke Fläche hinab und landete direkt vor den Füßen Charles Morgans, neben dem indessen auch noch eine ande­re Gestalt aufgetaucht war … Tom Fergusson, der entsprungene Zuchthäusler.

Keine Feder vermöchte es, auch nur annähernd das zu schildern, was sich nun abspielte. Ein wilder, fürchterlicher Kampf entspann sich auf dem Korri­dor. Wohl verfügte Holmes über die Kräfte eines Riesen, aber er war im Nachteil, weil er von Anfang an am Boden lag. Hageldicht sausten die Schläge auf ihn nieder, und schon riss Fergusson den Revol­ver aus der Tasche. Da änderte sich jäh die Situation. Ein schlanker, sehniger Körper tauchte am Ende des Ganges auf und jagte mit Riesensprüngen heran.

Es war Jonny Buston. Zweimal durchschnitt sein Gummiknüppel die Luft – dann war der Kampf ent­schieden. Lautlos brachen Morgan und Fergusson zusammen und rührten sich nicht mehr. Als Graham und Kennedy, Jeffries und die Policemen heran­keuchten, gab es für sie nicht mehr viel zu tun. Die aus drei Männern bestehende Dienerschaft, die na­türlich in die Geheimnisse der Villa eingeweiht war, wurde leicht überwältigt. Das war das Ende Charles Morgans und seines Komplizen Fergusson, die bei­de noch in derselben Nacht ins Polizeigefängnis überführt wurden. Als die Zeitungen jedoch am nächsten Morgen spaltenlange Artikel über Sherlock Holmes neue Tat brachten, hatte der Kriminalist mit seinen Begleitern Chicago bereits verlassen, um sich nach New York zurückzubegeben, wo ein neues Rätsel seiner wartete …

Ende