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Der Welt-Detektiv Nr. 5 – 3. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 5
Das Rätsel am Michigan-See
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin

3. Kapitel

Ein merkwürdiger Zwischenfall

Sherlock Holmes staunte jedoch gar nicht, als Jonny sein Zimmer im Savoy-Hotel betrat und Be­richt erstattete. Holmes lächelte nur. Das brachte Jonny aus der Fassung.

»Ich … ich verstehe Sie nicht, Meister«, stammelte er, »ich glaube … ich glaube gar, Sie … Sie zweifeln an dem, was ich Ihnen berichtete!«

»Keine Idee!«, widersprach Sherlock Holmes see­lenruhig. »Alles was du sagst, hat seine volle Rich­tigkeit. Wenn du aber ein Lob für deinen Spürsinn erwartest, so muss ich dich leider enttäuschen. Du weißt, dass ich nur dann lobe, wenn man mich rest­los zufriedengestellt. Das hast du aber nicht getan.«

»Nicht … getan?«, murmelte Jonny.

»Nein. Dein Bericht weist empfindliche Lücken auf. Ich vermisse nähere Details. Es genügt mir nicht, nur zu wissen, wie das Haus von außen aus­sieht, dass es aus weißen Steinen erbaut ist und ei­nen wundervollen Garten hat. Mich interessiert weit mehr, wie es von innen beschaffen ist, verstehst du?« Und als ihn Jonny fassungslos anblickte, fuhr er fort: »Sieh einmal, warum erzählst du mir nicht, dass Fergusson, dieser Halunke, ein Zimmer im ersten Stock der Villa bewohnt, dasjenige, weißt du, das den Balkon mit den roten Blumen besitzt! Es sind da noch andere Balkons da, drei, wenn ich nicht irre, aber auf den anderen stehen entweder weiße Blumen oder grüne Blattpflanzen oder gar keine. Aber Fergussons Balkon, der hat rote Blumen. Pelargonien, wenn du es ganz genau wissen willst.«

»Ich … ich … ich«

»Du wunderst dich?« Des Meistern Mundwinkel zuckten humorvoll. »Ein tüchtiger Detektiv soll sich über nichts, über gar nichts wundern. Er soll nur vorsichtig sein, übertrie­ben vorsichtig. Das bist du aber nicht, Jonny. Als du zu Beispiel am See standest und in den Garten späh­test, habe ich dich sofort sehen können, Jonny. Von dem Zimmer aus, das den Balkon mit den weißen Blumen hat. Weißt du? Hättest du aber die Linde als Deckung benutzt, die zwei Meter von dir stand, hätte dich kein Mensch entdeckt. Du siehst ein, mein Junge, dass ich dir unter diesen Umstän­den unmöglich das gewünschte Lob erteilen kann. Wenn ich dir etwas Freundliches sagen kann, so nur, dass ich nach deinen heutigen Leistungen glaube, aus dir im Laufe der Jahre noch einen wirklich brauchbaren Kriminalisten zu machen. So, und nun lass mich allein. Geh zu Graham und Kennedy hin­über: Sie warten schon lange auf dich.«

Aber Jonny regte sich nicht. Aus weitaufgerisse­nen, fast entsetzten Augen starrte der den Chef an.

»Mr. Holmes … um alles in der Welt … ich begrei­fe nicht … ich …«

»Eine schlimme Sache«, meinte der Meister lachend, »denn wenn du immer noch nicht verstehst, was los ist, fehlt dir das Wichtigste, was eine Detektiv neben Mut, Geduld und Schläue besitzen muss: die Kunst, schnell und richtig zu denken!«

»Ich …«

»Du brauchst deswegen nicht rot zu werden. Ich habe auch einmal angefangen und lernen müssen. Es fal­len eben keine Meister von Himmel. So, aber nun lass mich allein. Graham und Kennedy werden dir alles erzählen. Wenn ich einen von euch brauche, werde ich mich schon melden. Also einstweilen Good evening!«

Er klopfte Jonny auf die Schulter, nickte ihm freundlich zu und lächelte so lange, bis Jonny das Zimmer verlassen hatte. Dann freilich erstarb das Lächeln in den bartlosen, energischen Zügen. Allein mit sich, war er wieder ganz und gar der eiserne Wil­lensmensch, den nur eines interessierte: seine Ar­beit! Hochaufgerichtet schritt er immer auf und ab.

Er war ein großer, starker Mann mit breiten Schultern und einem Kopf, an dem die hohe, kluge Stirn und die grauen, von buschigen Brauen bedeckten Augen, das Auffallendste waren. Das war Sherlock Holmes, der große Detektiv, dessen Name in aller Welt die Runde machte, dessen unerhörte Taten spaltenlang in den Zeitungen besprochen wurden, dessen Tatkraft und Energie, Hilfsbereitschaft und Wagemut sprichwörtlich geworden waren.

Das war Sherlock Holmes, vor dem die Verbre­cherwelt erzitterte, den sie verfolgte mit ihrem Hass und ihrer Tücke, den sie unschädlich zu machen suchte, wo es nur ging. Aber einen Sherlock Holmes zu besiegen, war keine Kleinigkeit. Wo er hin­schlug, wuchs kein Gras mehr, wo er hinschoss, stand keiner wieder auf, und wo er sich eines Falles annahm, triumphierte sein Geist über Niedertracht und Heimtücke.

Es war nicht verwunderlich, dass Sherlock Hol­mes von einer gewissen Kategorie von Menschen wie die Pest gehasst wurde. Ja, man fürchtete ihn und seine Organisation mehr als die Polizei.

Den größten Detektiv aller Zeiten nannten ihn die Zeitungen – und wahrhaftig, dieser Ehrentitel gebührte ihm vollkommen. Erst heute, vor wenigen Stunden, hatte er wieder einmal seine Unerschro­ckenheit und unvergleichliche Kaltblütigkeit bewie­sen.

Bei der tollen Verbrecherjagd durch die Straßen Chicagos war John Fergusson erschossen worden. Natürlich hatte man sogleich die Taschen des Toten durchsucht. Dabei entdeckte Sherlock Holmes ein win­zig kleines Zettelchen, das, schmutzig und zusam­mengeknüllt, einen höchst unscheinbaren Eindruck machte, aber dennoch für ihn von höchster Wichtig­keit war. Auf den ersten Blick hatte er nämlich er­kannt, dass der Zettel einige merkwürdige Zeichen trug.

Auch Jeffries, der Polizeidirektor von Chicago, hielt den Zettel in der Hand, aber er warf ihn fort, weil er das darauf Gekritzelte für unwichtig hielt. Holmes aber hob das Papier heimlich wieder auf und stellte fest, dass es sich in den merkwürdigen Zeichen um eine Geheimschrift handelte.

Die Dechiffrierung war für ihn, den geübten Kri­minalisten, das Werk einer Viertelstunde. Die Über­setzung der Zeichen lautete: Auto wartet an Kreuzung. Seid vorsichtig. Wenn Gefahr, Flucht verschieben. Charles M.

Keinen Augenblick war der Weltdetektiv im Zweifel, was es mit dieser Botschaft für eine Be­wandtnis hatte. Der Kassiber war es, den ein Helfer den beiden Brüdern ins Cleveland-Zuchthaus ge­schmuggelt hatte!

Charles M.

Wer war das?

Holmes starrte ins Leere. Hunderttausend Men­schen leben in den USA. die mit Vornamen Charles heißen und deren Familiennamen mit M beginnt.

In diesem Augenblick traf Jeffries ihn zu.

»Mr. Holmes«, rief er ganz aufgeregt, »der Schur­ke muss seit seinem Ausbruch aus dem Zuchthaus schon wieder ein neues Verbrechen verübt haben. Sehen Sie her, was ich soeben bei dem Toten in ei­ner Geheimtasche entdeckte!« Dabei zeigte er auf ein längliches Blatt Papier, das sich als Bankscheck erwies.

Jeffries strahlte ob seines Fundes über das ganze Gesicht.

»Diese Halunken!«, rief er. »Auf welche Weise mögen sie sich wohl in den Besitz dieses Schecks gesetzt haben?«

»Wirklich«, bestätigte der Detektiv, »ein Scheck!«

»Und was für ein Betrag! Er lautete auf zwanzig­tausend Dollar!« Und die Hand zur Faust ballend, fügte er hinzu: »Gestohlen hat ihn der Bursche, ge­stohlen!«

»Fraglos.«

Jeffries hatte eine Idee.

»Warten Sie, ich werde augenblicklich bei Charles Morgan anrufen!«

Er wollte davonstürzen, aber Holmes hielt ihn zurück.

»Bei wem wollen Sie anrufen? Bei Charles Mor­gan?«

»Ja. Sein Scheck ist es nämlich. Sehen Sie, da steht seine Unterschrift!«

Holmes nahm den Scheck. Ja, da stand klar und deutlich der Name Charles Morgan.

Charles M.!

Sekunden nur überlegte er, dann lächelte er lie­benswürdig und sagte: »Ich halte es für besser, Mr. Jeffries, den Bestoh­lenen später zu benachrichtigen. Apropos Charles Morgan! Ist das derselbe Morgan, dem die großen Chicagoer Vergnügungspaläste gehören?«

»Ja. Kennen Sie ihn«

»Oh, nur dem Namen nach. Was ist das für ein Mann?«

»Ein prächtiger Mensch. Und reich dazu. Ein Self- made-man, wie er im Buche steht. Kam vor sechs Jahren nach Chicago mit nichts am Leib als einem zerrissenen Anzug und ein paar schief gelaufener Stiefel – und heute? Heute ist er ein Millionär, wohnt draußen am Michigan-See in einer Prachtvil­la und hat den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als die Dollar zu zählen, die ihm allmählich seine Etablissements einbringen. Immerhin«, schloss er, »zwanzigtausend Dollar sind zwanzigtausend Dol­lar! Wir sollten Mr. Morgan lieber gleich ver­ständigen!«

»All right«, sprach Holmes entschlossen, »aber nicht telefonisch. Kommen Sie, geben Sie mir den Scheck. Ich werde selbst, und zwar sofort zu Mr. Morgan hinausfahren und ihm das Papier wieder­bringen. Vielleicht erfahre ich sogar bei dieser Ge­legenheit, auf welche Weise Morgan den Scheck losgeworden ist.«

Drei Minuten später raste der Detektiv bereits zum Michigan-See hinaus.

Die Gedanken sprangen wie toll hinter seiner Stirn. Noch wusste er nicht, wie das alles zusammenhing … die Geheimschrift, der Scheck, der rät­selhafte Chiffrebrief mit der Unterschrift Charles M., aber eine innere Stimme sagte ihm, dass diese Namensgleichheit kein Zufall sein konnte!

Ein Charles M. hatte die Raubmörder aus dem Zuchthaus befreit und in Sicherheit gebracht – und von einem Charles Morgan trug einer der Verbre­cher auf einen hohen Betrag lautender Scheck bei sich! Dann freilich stellten sich Zweifel ein. Wie kam ein Millionär dazu, sich mit Raubmördern ge­mein zu machen?

Was hatte ein Mann wie Charles Morgan mit Männern zu tun, die man ins Zuchthaus gesteckt hatte, weil sie sich am Geld und eben ihrer Mitmen­schen vergriffen hatten? Aber hatte Jeffries nicht selbst gesagt, dass Morgan nicht immer der reiche Mann gewesen war, den er heute vorstellte? War nicht auch Morgan arm gewesen wie eine Kirchen­maus, ehe er nach Chicago kam? Wie war es über­haupt möglich, dass ein Mensch innerhalb von sechs Jahren zum Millionär werden konnte?

Holmes presste die Lippen zusammen. Der Mann, von dem er bis vor einer Viertelstunde nichts ge­wusst hatte, füllte plötzlich sein ganzes Denken aus. Sein an kühne Kombinationen gewöhntes Hirn schlug Brücke auf Brücke, mit dem Resultat, dass er, als der Kraftwagen vor der luxuriösen Besitzung am Michigan-See hielt, innerlich fest überzeugt war, in Morgan einen Mann anzutreffen, der unmöglich das sein konnte, was er vorzustellen bemüht war.

Ein Diener öffnete das Tor, maß den Besucher mit forschenden Blicken, um dann zu erklären, dass Mr. Morgen nicht anwesend wäre.

»Dann werde ich ihn erwarten«, erwiderte der Krimi­nalist gleichgültig. »Bitte führen Sie mich ins Haus. Mein Name ist Sherlock Holmes.«

Der Diener fuhr leicht zusammen. Er starrte den Draußenstehenden an und schien wirklich erst in diesem Augenblick den gefürchteten Kriminalisten zu erkennen, dessen Bild ja hundertmal durch alle Zeitungen, Magazine und Zeitschriften gegangen war.

Völlig eingeschüchtert trat er zur Seite. Wenig später befand sich Holmes im Inneren der mit aller erdenklichen Pracht ausgestatteten Villa. Und siehe da: Kaum drei Minuten vergingen, als auch schon Charles Morgan erschien. Er war also doch zu Hau­se gewesen!

Ein wenig unsicher, aber doch mit beherrschter Miene eilte der etwas beleibte Mann auf den Besu­cher zu.

»Mr. Holmes!«, rief er. »Ist es möglich? Ich fasse die Freude kaum, die Sie mir durch Ihren überra­schenden Besuch bereiten! Schon immer war es mein sehnlichster Wunsch«, fuhr er fort, nunmehr seine volle Sicherheit zurückgewinnend, »der Welt größter Kriminalisten kennenzulernen. Und nun wird mir dieses Glück so unvermutet zuteil. Es ist doch hoffentlich ein angenehmer Anlass, der sie zu mir führt?«

Holmes lächelte verbindlich. »Was wohl sonst! Ich bringe Ihnen zwanzigtausend Dollar, die Sie gewiss verloren haben oder um die man sie bestohlen hat.«

Charles Morgans Züge blieben undurchdringlich. Nur seine Augen leuchteten seltsam als einziges Zeichen seiner innerlichen Erregung.

»Zwanzigtausend Dollar?«, wiederholte er. »Ich verstehe Sie nicht ganz. Man hat mich bestohlen, sagen Sie? Wie … wie kommen Sie darauf?«

»Vermissen Sie nichts? Gar nichts?«

Morgan verneinte. Dann versuchte er ein Lächeln, aber es wirkte unschön, weil sich sein Gesicht ver­zerrte.

»Sie scherzen, Mr. Holmes!«

»Nicht im Geringsten. Oder sollte jemand Ihre Unterschrift gefälscht haben?«

Dabei zog Holmes den Scheck hervor und hielt ihn Morgan hin.

Der Millionär erblasste.

»Sie erkennen also die Unterschrift als die Ihre an?«

»Ja … gewiss … natürlich … aber ich verstehe nicht, wie Sie …«

Holmes zuckte die Schulter, um dann gleichgültig zu sagen: »Ich fand den Scheck bei dem Raubmörder John Fergusson.«

Morgan Prallte zurück. Sein Blick wurde starr. Sein Körper zitterte.

»Der Kerl ist nämlich tot«, fuhr Holmes kalt fort. »Erschossen. Aber warum erschrecken Sie so? Kannten Sie Fergusson?«

»Ich?« Charles Morgans Atem ging heiß und schwer. »Nein, nein. Wie sollte ich wohl diesen schrecklichen Menschen kennen? Aber ich bin au­ßer mir. Dieser Raubmörder soll meinen, soll diesen Scheck da besessen haben? Dann … dann«, Mor­gans Stirn wurde feucht, »dann gibt es nur eine Er­klärung dafür.«

»Nun?«

»Dass der Verbrecher den Scheck aus einem mei­ner Büros entwendet hat. Ja, ja«, fuhr er, plötzlich lebhafter werdend, fort, »jetzt entsinne ich mich sogar genau, dass ich den Scheck einem meiner An­gestellten mitgab. Gestern war das. Vielleicht hat dieser Angestellte den Scheck verloren oder ihn nicht sicher genug aufbewahrt, sodass der Kerl ihn rauben konnte!«

»Hm«, machte Holmes und wiegte den Kopf hin und her, »das wäre allerdings eine Erklärung …«

»Natürlich«, fuhr Morgan eifrig fort, »so und nicht anders muss es gewesen sein. Und nun ist er tot, sagen Sie? Wirklich tot? Und der andere auch? Der Bruder?«

»Der ist entkommen.«

Charles Morgan starrte zu Boden. Als er wieder aufschaute, lag sein Gesicht wieder in ruhigen Fal­ten.

Er streckte seinem Besucher die Hand hin und erklärte: »Jedenfalls danke ich Ihnen. Sie habe mich vor einem empfindlichen Verlust bewahrt.«

In diesem Augenblick erklang wildes Hundege­bell zum offenen Fenster herein. Morgans Gesicht nahm für flüchtige Sekunden einen raubtierhaften Ausdruck an, der aber in den einer ausgesprochenen Nervosität überging, als sich das aufgeregte Gebell in ein freudiges Winseln verwandelte.

»Ah«, konstatierte Holmes, »Sie halten sich bissige Hunde, wie?«

«Oh«, murmelte Morgan, »sie beißen nicht, sie bellen nur …«

Aber das Bellen und Winseln der Hunde schien ihn in eine unbegreifliche Unruhe zu versetzen, die er vor Holmes zwar eifrig, aber vergebens zu verber­gen bemüht war. Holmes war hartnäckig genug, seinen Besuch, der ihn in seinen Verdacht gegen Morgan nur noch verstärkt hatte, noch weiter auszu­dehnen, zumal er hoffte, aus dem Verhalten dieses Mannes weitere Schlüsse ziehen zu können.

So lenkte er das Gespräch in eine harmlose Bahn, sprach von der herrlichen Lage dieser Besitzung und äußerte plötzlich den Wunsch, einmal vom ersten Stockwerk aus einen Blick über den Michigan-See zu werfen, der doch wahrscheinlich, wie er liebens­würdig meinte, unbeschreiblich schön sein müsse.

Was blieb Morgan übrig, als den Wunsch seines Besuchers zu erfüllen! Mit bebenden Knien schritt er, Holmes führend, hinauf, stieß die Tür eines Zimmers auf und führte ihn auf einen Balkon.

Wirklich, der Blick über den See war unbe­schreiblich schön, aber dennoch hatte Holmes im Augenblick herzlich wenig für ihn übrig. Sein schar­fes Auge spähte nach rechts und nach links, als wollte er sich alles genau einprägen. Der Balkon, auf dem er stand, war mit weißen Blumen ge­schmückt, der zu seiner Rechten wies keinen Blu­menschmuck auf und der zu seiner linken Hand trug Pelargonien. Rote Pelargonien.

Doch was war das? Narrte ihn eine Halluzination? Für den Bruchteil einer Sekunde war hinter dem Fenster jenes Zimmers, das den Balkon mit den ro­ten Blumen besaß, das verzerrte Gesicht eines Man­nes aufgetaucht, den Holmes nur allzu gut kannte; das Gesicht Tom Fergussons! Aber es verschwand blitzschnell wieder, und Holmes war kaltblütig ge­nug, mit keinem Wimpernzucken zu verraten, was er bemerkt hatte.

Er trat, seiner Bewunderung über die herrliche Aussicht Ausdruck verleihend, ins Zimmer zurück und plauderte zwanglos mit dem Mann, der lange nicht jene Beherrschungskunst besaß. Als Holmes sich noch einmal umwandte und zum Fenster hin­ausschaute, gewahrte er am Ende der Mauer, dicht am See, die Gestalt Jonnys, seines Assistenten. Das sagte ihm genug! Dieser fixe Kerl war dem flüchti­gen Raubmörder bis hierher gefolgt. Nun freilich beging er damit, dass er sich da unten so zur Schau stellte, anstatt sich hinter der Linde zu verstecken, einen großen Fehler.

So hielt es der Weltdetektiv für ratsam, den Be­such abzubrechen. Er versicherte Charles Morgan seiner ausgezeichneten Hochachtung und verließ gleich darauf die Villa, um sich von dem Kraftwa­gen auf dem schnellsten Weg ins Savoy-Hotel zu­rückringen zu lassen, wo eine halbe Stunde später auch Jonny erschien, um dem Meister seinen Be­richt abzustatten. Was Letzterer darauf erwiderte, wissen wir bereits.

Noch während Holmes nachdenklich in seinem Zimmer auf und ab schritt, ließ sich der Polizei­direktor bei ihm melden. Jeffries fiel aus allen Wol­ken, als er den Stand der Dinge erfuhr.

»Hell and devils!«, fluchte er und sprang wie von der Tarantel gestochen vom Clubsessel. »Morgan steckt mit dem Raubgesindel unter einer Decke? Befreit sie aus dem Zuchthaus? Gibt ihnen Schecks über zwanzigtausend Dollar? Beherbergt die Brut in seinem eigenen Haus? Herr! Das wollen Sie mir erzählen?«

»All right.«

Jeffries schnappte nach Luft, um dann in ein Hohnlachen auszubrechen.

»Nein«, rief er, »verspotten wollen Sie mich! Ja­wohl oder wollen Sie mir vielleicht vormachen, Sie hätten, wenn Sie Fergusson wirklich in der Villa gesehen haben, diese in aller Seelenruhe wieder ver­lassen?«

»Hören Sie einmal zu …«

»Nein, ich will nicht. Sie sagen mir nicht die Wahrheit. Ich wette tausend gegen eins, dass Sie Fergusson auf der Stelle dingfest gemacht hätten!«

»Dann wäre ich der Welt größter Hornochse ge­wesen«, antwortete Holmes amüsiert, um dann, ernster werdend, fortzufahren: »Jeffries, jetzt hören Sie einmal gut zu! Fergusson ist ein Raubmörder, der unschädlich gemacht werden muss. Das wissen wir. Punkt. Fergusson hält sich in der Villa am Michi­gan-See verborgen, und wir brauchen nur zuzupa­cken, um ihn fest zu haben. Das wissen wir auch. Punkt. Was wir aber noch nicht wissen, aber unbe­dingt in Erfahrung bringen müssen, ist das: Welcher Art ist das Verhältnis zwischen Morgan und den Raubmördern! Glauben Sie etwa, ein rein freund­schaftliches? Nein, da stecken andere Geschichten dahinter! Geschichten, Jeffries, vor denen es mir, offen gestanden, jetzt schon graust! Denn daran zweifle ich nicht mehr: Wir sind heute einer Verbre­cherbande auf die Spur gekommen! Einer Bande, die von Morgan und den Fergussons geführt wird! Und darum hat Morgan die Burschen auch wieder aus dem Zuchthaus herausgeholt!«

»Das … das war … Morgan?«

Holmes nickte. »Erinnern Sie sich des kleinen Zettels, den wir bei dem Toten fanden? Er brachte mich eigentlich erst auf die Spur!«

Jeffries rang die Hände.

»Was aber, um Himmels willen, soll geschehen? Wir können doch nicht einfach zusehen …«

»Das lassen Sie meine Sorge sein. Noch heute Nacht werde ich den ersten Vorstoß gegen die Herr­schaften am Michigan-See unternehmen.«

»Allein?«

»Nein. Hilfskräfte werden mich begleiten.«

»Und ich?«

»Sie?«, sprach Holmes, »Sie gehen nach Hause und legen sich ins Bett, um für die morgige Nacht Kräfte zu sammeln. Denn morgen, lieber Freund, morgen dürfte für Sie die Arbeit beginnen!«

Fortsetzung folgt …