Heftroman der Woche
 

Neueste Kommentare

Archive

Folgt uns auch auf

Der Welt-Detektiv Nr. 5 – 2. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 5
Das Rätsel am Michigan-See
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin

2. Kapitel

Das Haus am Michigan-See

Ja. Tom Fergusson war wirklich entkommen. Ein Haus, das er blindlings betreten und das zu seinem Glück einen zweiten, in eine andere Straße münden­den Zugang besaß, hatte ihm dazu verholfen. Nun kauerte er in einem halbdunklen Fahrstuhlschacht und reinigte sich von Staub und Schmutz. Dann machte er sich daran, sein Äußeres so weit wie mög­lich zu verändern.

Viel Mittel standen ihm nicht zur Verfügung, aber schon allein die blaue Brille, die er bei sich trug und nun aufsetzte, verlieh seinen Zügen einen ganz an­deren Ausdruck. Als er schließlich das Versteck ver­ließ und langsam davonhumpelte, ähnelte er einem alten, gebeugten Mann, der sich mühsam vorwärtsschleppte.

Da er die Kühnheit besaß, ein kleines Geschäft zu betreten, in dem er für ein paar Dollar einen getra­genen Havelock, einen Schlapphut sowie einen Spa­zierstock kaufte, hätte ein Fremder in ihm unmög­lich den gefürchteten Raubmörder erkennen können.

Wenn Fergusson jedoch geglaubt hatte, die Verfol­ger endgültig abgeschüttelt zu haben, so irrte er sich.

Einer war da, dem es gelang, ihm in das Haus mit den zwei Eingängen zu folgen, und der ihn von da an keinen Moment aus den Augen gelassen hatte. Dieser Mann war Jonny Buston. Wie ein Schatten glitt er hinter dem Verbrecher her. Als Tom Fergus­son an der Hastings Street eine Straßenbahn bestieg, schwang auch er sich auf die Plattform. Flüchtige Sekunden durchzuckte ihn der Gedanken, die vorhin missglückte Verhaftung durchzuführen. Als er dann aber doch von der Festnahme an diesem Ort absah, geschah dies nicht nur der ahnungslosen Fahrgäste wegen, die unter Umständen bei einer heftigen Ge­genwehr Fergussons zu Schaden gekommen wären, sondern auch darum, weil in Jonny ein unbezwing­barer Spüreifer erwacht war.

Fuhr der Verfolgte einfach ins Blaue, um zwi­schen sich und der Polizei eine möglichst große Ent­fernung zu legen, oder hatte er ein ganz bestimmtes Ziel im Auge. Suchte er vielleicht auf dem schnells­ten Weg seinen Schlupfwinkel auf, oder begab er sich zu Komplizen? Jonnys Gedanken arbeiteten fieberhaft. Dass die Brüder Fergusson mächtige Hel­fer besaßen, stand fest. Niemals hätten die beiden aus dem Zuchthaus in Cleveland entkommen kön­nen, wenn ihnen nicht von außen Hilfe gebracht worden wäre! Alle Versuche der Polizei, diese Un­bekannten dingfest zu machen, waren bisher ergebnislos ver­laufen. Zu Teufel, wenn es nun gelang, hinter das Geheimnis zu kommen!

Jonny Buston hatte Mühe, die in ihm aufflackern­de Erregung niederzukämpfen. Verstohlen schielte er hinter seiner Zeitung zu Fergusson hinüber, der auf seinem Eckplatz zu schlafen schien. Die Kalt­blütigkeit des Verbrechers war staunenerregend. Wahrscheinlich fühlte er sich sicher und aller Ver­folgung ledig.

Die Straßenbahn hatte längst das Weichbild der Stadt hinter sich gelassen. Durch immer stiller wer­dende Vorstadtstraßen nahm sie den Weg, vorbei an gepflegten Gärten, Villen und Parkanlagen.

Etwa drei Haltestellen vor der Endstation er­wachte Fergusson plötzlich, sah verschlafen um sich und verließ den Waggon.

Nun erst begann für Jonny die schwerste Arbeit. Bäume, Mauervorsprünge und Plakatsäulen als De­ckung benutzend, schlich er hinter dem immer schneller ausschreitenden Mann her. An der Tatsa­che, dass Fergusson einem ganz bestimmten Ziel zustrebte, war nunmehr nicht zu zweifeln. Erstaun­lich war nur, dass sich dieses vorläufig noch unbe­kannte Ziel inmitten dieses vornehmen Villenvier­tels befand! Was hatte Fergusson just hier zu su­chen? Nicht zum ersten Mal ging er diesen Weg! Das erkannte Buston deutlich genug an der Sicherheit, mit der Fergusson bald rechts, bald links schmale Fußwege einschlug, die einen Ortsfremden fraglos in die Irre geführt hätten. Plötzlich hemmte Fergus­son jäh den Schritt und sah sich blitzschnell um.

Eine Sekunde früher – und er hätte Jonny sehen müssen, der just im Schatten eines Gartentores un­tergetaucht war. So sah er aber weit und breit keine menschliche Seele, ein Umstand, der seine Augen triumphierend aufblitzen ließ. Schnell schritt er wei­ter, um dann nach etwa dreißig Metern vor einer kleinen Pforte Halt zu machen, die in eine ungefähr zwei Meter hohe Steinmauer eingelassen war und fraglos den Nebeneingang zu einer Villa darstellte, die sich inmitten des sich hinter der Mauer erstre­ckenden Gartens erhob. War diese Villa das Ziel Tom Fergussons, des Raubmörders? Ja, sie war es!

Ganz deutlich sah Jonny, wie Fergusson einen Schlüssel aus der Tasche zog, die Pforte aufschloss und das Grundstück betrat. In das Geräusch der wieder zufallenden Tür mischte sich in demselben Augenblick das wilde Gebell zweier Hunde – Jonny riet auf Ulmer Doggen – das aber jäh verstummte und in ein freudiges Gewinsel überging. Nun gab es keine Zweifel mehr. Der Schlupfwinkel Tom Fer­gussons war gefunden!

Diese Erkenntnis rief ein wahres Tohuwabohu hinter Jonny Bustons Stirn hervor. Wem gehörte das Haus? Etwa Fergusson selbst? Oder einem jener Komplizen, die seine Flucht aus dem Zuchthaus ermöglicht hatten? Jonny biss die Zähne zusammen. Koste es, was es wolle: Er musste herausbekommen, was es mit diesem Haus für eine Bewandtnis hatte! Atemlos lauschte er. Das freudige Gewinsel der Hunde entfernte sich mehr und mehr, um schließ­lich ganz zu verstummen. Fergusson hatte gewiss die Villa betreten und die Tiere mit hineingenommen. Jonny setzte sich in Trab und umlief die Mauer.

Ein Laut der Verwunderung kam über seine Lip­pen, als er sich plötzlich den blauen Fluten des Mi­chigan-Sees gegenübersah. Von hier aus war es ihm auch möglich, die Villa zu erblicken. Es war ein herrlicher großer Bau, der ganz in Weiß gehalten war und mehr einem kleinen Schloss als einem Haus ähnelte.

Der Mann, dem dieser Besitz gehörte, musste über Millionen gebieten. Ein breiter Weg führte durch den Garten zum See hinab, wo am Laufsteg ein paar Kähne zu harmloser Ruderfahrt einluden. Nicht weit ab davon lag ein angepflocktes, großes Motorboot, das am Heck den Namen HEXE II führte.

Alles ringsumher atmete Reichtum und Wohl­stand. Springbrunnen im Garten schossen hohe Fon­tänen, und weiter oben, seitlich der Villa erhob sich eine Garage, deren Tore weit geöffnet waren und Jonny den blitzenden Kühler eines eleganten Auto­mobils sehen ließ. Und hier … ausgerechnet hier sollte sich der Schlupfwinkel eines Verbrechers, eines aus dem Zuchthaus ausgebrochenen Raub­mörders befinden? Es war schwer, an diesem schier fantastischen Gedanken festzuhalten – und doch: Existierten nicht Beweise? Jawohl, es gab untrügli­che, unumstößliche Beweise: den Schlüssel, den Fergusson zur Seitenpforte besaß, und dann das Freudengebell der Hunde!

Der Ort, an dem sich die Entflohenen bisher ver­borgen gehalten hatten – er war endgültig gefunden! Nun galt es, noch das Letzte festzustellen.

Auch das schaffte Jonny im Verlauf der nächsten halben Stunde: Der Mann, der dieses Grundstück besaß, war kein Geringerer als Charles Morgan … derselbe Charles Morgan, dem vier der größten und luxuriösesten Vergnügungspaläste Chicagos gehör­ten! So schnell es ihm seine Füße gestatteten, kehrte Jonny Buston in belebtere Straßen zurück.

Als er dann endlich eine Autodroschke erwischte und sich erregt in das Polster warf, erstrahlte sein ganzes Gesicht in sieghafter Freude. Wahrhaftig: Diesmal sollte der Chef mit ihm, dem Assistenten, zufrieden sein!

Fortsetzung folgt …