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Der Welt-Detektiv Nr. 4 – 2. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 4
Der König der Brillanten-Marder
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin
2. Kapitel

Der Konkurrent

Der Brillantenraub erregte in London großes Aufsehen. In langen Spalten beschäftigten sich die Blätter mit dem Fall und wiesen dabei auf die Tatsa­che hin, dass der freche Gaunertrick keineswegs eine Einzelerscheinung sei, denn es treibe in London eine Diebesbande schon seit Monaten ihr Wesen, und zahl­lose Juweliere seien ihr bereits zum Opfer gefallen.

»Fraglos«, schrieb beispielsweise die Evening Post, »handelt es sich in allen diesen bisher unauf­geklärten Fällen um ein und dieselbe Bande, die im­mer neue Tricks ersinnt, doch stellt das jüngste Verbrechen, bei dem einer der kühnen Brillantenräuber als Sherlock Holmes auftrat, wohl den Gipfel aller Raffinements dar. Es wäre zu wünschen, dass dieser Vorfall unserer echten Sherlock Holmes ver­anlasst, das seine zur Unschädlichmachung der Ban­de zu tun.«

Am nächsten Tag erschien in allen Londoner Zei­tungen ein Inserat, das alle Personen, die zu den auf­sehenerregenden Brillantendiebstählen irgendwelche zweckdienliche Angaben zu machen hatten, auffor­derte, sich zu melden. Selbst die Angabe der gerings­ten Beobachtungen sei erwünscht.

Unterzeichnet war das Inserat nicht mit dem Namen Sherlock Holmes, sondern mit Hovard Toggons.

London spitzte die Ohren. Es war nicht das erste Mal, dass man diesem Namen begegnete. Vor einem halben Jahr war er anlässlich des Mordes an dem Börsenmakler Jefferson, mit reichem Lob ge­schmückt, durch die Blätter gegangen. Dann noch einmal vor etwa drei Monaten, als die Aufklärung des großen Bankeinbruchs gelang, und schließlich vor wenigen Wochen, was gewiss jeder Leser vermute hatte, sondern mit dem, anlässlich der bekannten Wechselfälscheraffäre.

Alle diese Fälle hatte Hovard Toggon aufgeklärt, und es gab in England viele Leute, die dem jungen und so plötzlich aufgetauchten Detektiv eine große, glorreiche Zukunft prophezeiten und ihn wohl schon so halb und halb mit Sherlock Holmes, dem berühm­ten Meisterkriminalisten verglichen.

Die Tatsache, dass sich nun außer Sherlock Hol­mes auch noch Hovard Toggon der Verfolgung der Juwelenräuber widmete, machte den Fall noch sen­sationeller, wie er ohnehin schon war, denn zu der Frage, wer die tollkühnen Verbrecher sind, gesellte sich nun noch eine zweite, nämlich: »Wer wird sie­gen – Holmes oder Toggon?«

Zwei Konkurrenten standen im Kampf. Grund ge­nug, die allgemeine Spannung ins Riesenhaft zu stei­gern. Während sich aber der Weltdetektiv scheinbar sehr wenig der Aufklärung des Falles widmete, ent­faltete Toggon eine außergewöhnliche Rührigkeit. Er stellte stundenlange Verhöre an, verfolgte – die Pres­se berichtete ganz ausführlich darüber – zahllose Spuren und ließ ansonsten nichts unversucht, was irgendwie Licht in die dunkle Angelegenheit bringen konnte.

Daneben war noch ein Dritter mit allen Kräften am Werk, eine Spur der Diebe zu finden: Inspektor Wimberton von Scotland Yard. Aber er verweigerte allen Reportern, die ihn aufsuchten, nähere Angaben über den Stand seiner Nachforschungen.

So blieb London eine volle Woche hindurch in völ­liger Ungewissheit. Bis dann am neunten Tag etwas Unerwartetes geschah.

Abends kurz vor sieben Uhr läutete das Telefon m Büro des Inspektors Sturm. Gleichgültig nahm er den Hörer von der Gabel und meldete sich, aber sein Mienenspiel veränderte sich jäh, als die ersten Worte an sein Ohr schlugen. Es war kein anderer als Hovard Toggon, der sich am anderen Ende des Drahtes befand.

»Schnell, schnell!«, schrie er. »Kommen Sie sofort hierher … ich bin in Williams Hotel in der Coate Street … ein Mord!«

»Mord? Wer ist ermordet worden?«

»Noch weiß ich es nicht. Der Tote trägt keinerlei Ausweise oder sonst irgendetwas bei sich, was seine Identität klären könnte. Nur das eine weiß ich genau: Das Verbrechen hängt mit dem Brillantenraub bei Sune & Co. zusammen!«

»Teufel!«, entfuhr es dem Inspektor. »Darf ich auf Ihr sofortiges Kommen rechnen?«

»Ich bin in zehn Minuten dort!«

Als Wimberton den Hörer zurücklegte, benötigte er einige Sekunden zur Wiederherstellung seines seeli­schen Gleichgewichts. Die Meldung hatte ihn doch mit etwas zu elementarer Plötzlichkeit erreicht. Hun­dert Gedanken schossen ihm durch den Kopf, aber sie liefen alle krass durcheinander und führten zu keinem Resultat. Nur einer von ihnen schob sich klar und deutlich in den Vordergrund seiner Empfindun­gen: dass Hovard Toggon doch ein tüchtiger Kerl sein musste …

Für flüchtige Augenblicke spielte er mit dem Vor­satz, Sherlock Holmes telefonisch anzurufen und ihm Mitteilung von dem Verbrechen in der Coate Street zu machen. Dann aber schlug er den Gedan­ken mit trotziger Gebärde aus. Mochte Holmes allein zusehen, wie er mit dem Fall fertig wurde.

Mit Ferry und Brother, zwei seiner tüchtigen Be­amten, verließ er wenig später Scotland Yard. Bro­ther kannte die Coate Street sehr gut, wie er auch vom Williams Hotel eine genaue Beschreibung geben konnte. Dieses Haus, das sich so stolz Hotel nann­te, war in Wirklichkeit ein kleines einstöckiges Ge­bäude, das höchstens die Bezeichnung Gasthof verdient hätte. Dem ärmlichen Viertel, in dem es lag, angepasst, war auch sein Komfort ein sehr beschei­dener, aber die Gäste legten darauf wohl auch wenig Wert. Es waren kleine Geschäftseisende, Hausierer. Clarks, die in Williams Hotel logierten und gewiss zufrieden waren, für wenige Cents ein Bett und ein Dach über dem Kopf zu haben.

Nach achtminütiger Fahrt erreichten die Beamten ihr Ziel. Zum Hotel gelangte man nur, wenn man die ebenerdig gelegene Speisewirtschaft durch­schritt, die tagsüber viel von Chauffeuren besucht wurde, jedoch in den Abendstunden, wie auch nun, ziemlich vereinsamt dalag.

Hier bereits trat ihnen Hovard Toggon entgegen. Toggon war ein schlanker, kleinerer Mann von italienischem Typus, der außer seinen großen, dunklen Augen, die immer kohlig zu glühen pflegten, keine Besonderheiten aufwies.

Mit triumphierender Miene reichte er dem Inspek­tor und dessen Begleitern die Hand, während Mr. William, der Besitzer des Gasthauses, bleich und sichtbar erregt hinter dem Schanktisch stand. Außer ihm befand sich noch ein Mensch im Raum, ein Mann mit brandrotem Haupt- und Barthaar, der eine grüne Schürze trug und scheinbar den Posten eines Hausdieners bekleidete.

Er stand mit blöder Miene abseits und hörte mit halb geöffnetem Mund auf das, was die Männer mit­einander sprachen. Wimberton brauchte Hovard Toggon nicht erst aufzufordern, zu erzählen, was sich ereignet hatte. Toggon berichtete freiwillig alles, was er wusste.

»Ich verfolgte unzählige Spuren«, sagte er, »aber alle stellten sich als falsch heraus. Bis ich eines Ta­ges bei meinen Nachforschungen auf einen Mann stieß, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Mr. Holmes aufwies. Das veranlasste mich, mir den Burschen etwas genauer anzusehen. Mein Verdacht, es in sei­ner Person mit jenem Gentleman zu tun zu haben, der als Holmes bei dem Juwelier auftrat, nahm umso mehr zu, als ich mir die Gewissheit verschaffte, dass der Mann in Verbrecherkreisen verkehrte.

Es dauerte drei Tage, bis ich endlich herausbekam, dass er hier in Williams Hotel ganz bescheiden ein Zimmer bewohnte. Seit dieser Zeit ließ ich ihn nicht mehr aus den Augen. Gestern nun traf er sich mit einem anderen Mann in einem Kaffeehaus an der Garden Road, doch vermochte ich das Gespräch leider nicht zu belauschen. Derselbe Mensch kam heute, etwas um halb sieben Uhr, hierher und begab sich indes anderen Zimmer hinauf. Überraschend schnell erschien er aber wieder und eilte davon. Diese Eile kam mir verdächtig vor.

Ich betrat diesen Raum hier, gab mich Mr. Willi­ams als Detektiv zu erkennen und bat um Angabe des Zimmers, in dem der angebliche Stadtreisende wohne. Es handelte sich um das Zimmer Nr. 8 im ersten Stock. Leise schlich ich hinauf und lauschte an der Tür. Im Zimmer war alles still. Etwas beunru­higt – der Mann, der sich so eilig entfernt hatte, ging mir nicht aus dem Kopf – blickte ich durchs Schlüs­selloch. Und da sah ich denn, was geschehen war: Der Mann im Zimmer lag auf der Erde und war tot«

»Ermordet?«

Hovard Toggon nickte.

»Erstochen.«

Gemeinsam eilten sie hinauf. Toggon hatte im Zimmer alles unverändert gelassen. Der Tote lag lang ausgestreckt am Boden. Auch Wimberton stellte auf den ersten Blick eine gewisse Ähnlichkeit mit Sherlock Holmes fest. Der Tod war durch einen meuchlings von hinten geführten Messerstich, der das Herz durchbohrt hatte, eingetreten.

Als nach einer halben Stunde der mit einem Auto herbeigeholte Mr. Sune erschien und voller Erregung die Frage, ob dieser Mann mit jenem identisch sei, der bei ihm als Sherlock Holmes auftrat, bejahte, gab es keinen Zweifel mehr: Hovard Toggon hatte sich auf der richtigen Spur befunden.

»Warum haben Sie mich nicht früher benachrich­tigt?«, knirschte Wimberton. »Weiß der Teufel, wie hätten vielleicht schon die ganze Bande lebend hinter Schloss und Riegel!«

Toggon seufzte.

»Wer konnte diese plötzliche Wendung ahnen«, sagte er. »Ich wollte nicht mit vagen Vermutungen, sondern mit Tatsachen zu Ihnen kommen.«

»In welchen Kreisen ist Ihrer Ansicht nach der Mörder zu suchen?«

»Ich bin überzeugt, dass dieser Mann hier von ei­nem seiner beiden Komplizen getötet wurde«, erwi­derte Toggon bestimmt. »Vielleicht fürchteten die Burschen von seiner Seite Verrat.«

Wimberton nickte. Diese Vermutung lag nahe. Sein Blick streifte die Gestalt des Detektivs. War doch ein tüchtigerer Kerl als er geglaubt hatte, diese Hovard Toggon! Und seine Stimme klang unwillkür­lich wärmer, als er sagte: »Wir werden von nun an den Fall gemeinsam weiterbearbeiten, Mr. Toggon, ja?«

»Mit tausend Freuden!«, erwiderte dieser. »Aber für heute bitte ich noch um Dispens. Mir ist soeben ein Einfall gekommen, den ich noch unbedingt durch­führen möchte.«

Er reichte Wimberton und den anderen die Hand und ging. Wimberton schaute ihm seufzend nach. Dann machte er sich daran, das Protokoll aufzuneh­men. Er diktierte, Ferry schrieb und Brother schnüffelte im Zimmer herum. Plötzlich gab er aber die Beschäftigung auf und lauschte zur Tür hin. Ganz deutlich hatte er draußen einen schleichenden Fuß vernommen. Mit Zeichen verständigte er Wim­berton. Der Inspektor diktierte ruhig weiter, bedeute­te Brother aber durch einen Wink, nachzusehen, was das Geräusch bedeute. Wie eine Katze schlich dieser auf leisen Sohlen zur Tür und riss sie jäh auf. Aber auf dem halbdunklen Gang war niemand zu sehen. Wütend warf Brother die Tür wieder zu.

Eine Weile blieb es auf dem Gang noch still. Dann löste sich ein dunkler Schatten aus dem Schwarz einer Nische, der lautlos davonglitt, um schließlich in einem anderen Zimmer zu verschwinden. Hier entpuppte er sich als der rothaarige Haudiener, der vorhin mit blöder Miene im Lokal gestanden und den Worten der Männer gelauscht hatte. Langsam trat er zum Tisch und starrte stumm vor sich nieder. Dann löste er mit wenigen Griffen Bart und Perücke und verbarg beides in der Tasche. Hätte Wimberton in diesem Augenblick den Hausdiener erblickt, er wäre gewiss nicht wenig erstaunt gewesen, denn der Mann, der hier in Williams Hotel als Hausdiener angestellt zu sein schien, war kein anderer als Sherlock Hol­mes!

Fortsetzung folgt …