Heftroman der Woche
 

Neueste Kommentare

Archive

Folgt uns auch auf

Der Welt-Detektiv Nr. 3 – 5. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 3
Die Menschenfalle in Brooklyn
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin
5. Kapitel

Die Menschenfalle

Die Nacht der Entscheidung war gekommen. In der Seitengasse der Tyler Avenue lag seit Stunden eine dunkle Gestalt auf der Lauer. Es war Jonny Buston. Die Aufgabe, die ihm heute zugeteilt worden war, stellte hohe Ansprüche an seine Gewandtheit und Schauspielkunst, aber er war fest entschlossen, den Meister restlos zu befriedigen.

Von Sherlock Holmes selbst war nichts zu sehen. Und doch weilte er in der Nähe. Oben hinter ei­nem der Fenster stand, von der Dunkelheit verbor­gen, Sam Kennedy und knirschte mit den Zähnen. Dicht neben ihm verharrte eine zweite Gestalt in völ­liger Reglosigkeit und starrte auf die Gasse hinab.

Es war ein Mann, der einen weißen Spitzbart und eine goldene Brille trug und der von dem anderen mit Jones angesprochen wurde.

»Dort … dort unten … siehst du den Spürhund?«, zischte Kennedy.

Jones nickte.

»Aber es ist nicht Sherlock Holmes selbst.«

»Sein Gehilfe ist es. Ich kenne ihn. Seit Tagen treibt er sich hier herum. Teufel, wenn uns heute nicht der Coup gelingt, wird es Zeit, zu verschwin­den.«

»Ich fürchte die Hunde nicht!«, knirschte Jones. »Geh jetzt! Ich wette tausend zu eins, dass uns das Jüngelchen da auf den Leim geht.«

Wenige Minuten später verließ Sam Kennedy, eine Reisetasche in der Hand und eine Decke über den Arm, das Haus. Er schien eine Reise vorzuhaben und eilte, ohne sich umzusehen, zur Tyler Ave und ver­schwand im Dunkel der Nacht.

Darauf schien Jonny nur gewartet zu haben, denn kaum hatte sich der Inhaber der Wohnung entfernt, als er auch schon über die Gasse huschte, die Haus­tür mittels eines Nachschlüssels öffnete, die Treppe emporglitt und lautlos das gleiche Manöver erfolg­reich an der Korridortür vollführte. Dann schlich er durch die Räume. Totenstill war es ringsumher. Und doch befand sich noch ein Mensch in der Wohnung. Jener mit der goldenen Brille und dem Spitzbart. Er stand hinter einer Portiere und verfolgte jede Bewe­gung Jonnys mit glühenden Augen. Plötzlich klappte draußen die Korridortür. Kehrte Kennedy zurück?

Da stand er schon auf der Schwelle. Licht flammte auf.

»Einbrecher!«, schrie er. »Einbrecher!«

Jonny flüchtete. Dabei kam er der Portiere zu nahe.

Im gleichen Augenblick empfing er einen Schlag über den Kopf und fiel zu Boden.

»Gelungen!«, triumphierte Jones und sprang hinter der Portiere hervor. »Rasch, wir müssen ihn binden! Und dann hinüber!«

Sie legten Jonny Fesseln an, trugen ihn dann durch mehrere Räume und rissen plötzlich in dem Zimmer, das an Dr. Clarissons Wohnung stieß, einen breiten Schrank auf, dessen Rückwand leise surrend zur Sei­te rollte. Ein Schritt – und man befand sich in Dr. Clarisssons Operationsraum! Die Wand schloss sich wieder, und niemand hätte auch nur einen Augen­blick an dieser Stelle einen geheimen Durchgang von Wohnung zu Wohnung entdecken können.

Ohne Zögern schleppten Kennedy und Jones ihr Opfer zum Operationstisch und schnallten es fest. Jonny ließ alles ruhig mit sich geschehen, obwohl er Gelegenheit gehabt hätte, die Fesselung zu verhin­dern, denn er war nicht bewusstlos, wie seine Gegner glaubten. Wenn er dennoch keinen Widerstand leis­tete, so hatte das seinen guten Grund.

Der Schlag, der ihn getroffen, war nicht stark ge­nug gewesen, ihm die Besinnung zu rauben. Auch hier hätte er sich zur Wehr setzen können, aber er tat es nicht, weil alles das zu dem Plan gehörte, den Sherlock Holmes’ scharfsinniger Geist erdacht hatte. Unter halb geschlossenen Lidern beobachtete er die Schurken. Triumph verzerrte ihre Mienen.

Kennedys Hand fuhr blitzschnell in die Tasche, wo Jonnys Ausweise steckten.

«Da!«, keuchte er. »Siehst du es, was wir für ein Vögelchen gefangen haben?«

Jones starrte auf die Legitimationen.

»Tod und Teufel!«, stieß er hervor. »Wo Jonny Buston sich herumtreibt, ist Sherlock Holmes nicht fern!«

»Vergeht dir der Mut?«, zischelte Kennedy. »Ha! Der Spürhund geht uns genauso in die Falle wie die­ses Jüngelchen da!«

Jones nickte. Angesichts des Gefesselten verflogen die furchtsamen Gedanken, die ihm für einige Auge­nblicke seine Triumphgefühle getrübt hatten. Er trat zu einem Wandschrank, der Spirituosen enthielt, goss sich ein Glas Schnaps ein und schüttete seinen Inhalt einem Zug hinunter.

Der Alkohol schien ihn zu stärken. Seine etwas bleichen Züge nahmen wieder Farbe an. Kurz ent­schlossen trat er zum Operationstisch.

»Schnell – gib ihm die Spritze, ehe er wieder zu sich kommt!«, zischte Sam Kennedy.

Jones lachte lauthals auf, um sich dann mit einem teuflischen Grinsen des gläsernen Instruments zu bemächtigen, das bereits zur Hand lag und mit einer hellen, farblosen Flüssigkeit gefüllt war.

Kennedy öffnete dem Regungslosen die Kleidung und wenig später stieß Jones die Spritze in das Fleisch des entblößten linken Oberarmes, um sie erst in entleertem Zustand wieder zurückzuziehen.

»So!«, murmelte er und trat zurück. »Wenn er er­wacht, wird sich sein Verstand bereits verwirrt ha­ben.«

»Vielleicht auch nicht!«, erscholl da plötzlich in ihrem Rücken eine scharfe Stimme. »Aber ehe diese Frage restlos geklärt wird, möchte ich Sie freund­lichst bitten, die Hände hochzuheben!«

Mit einem Doppelschrei fuhren die beiden Männer herum. Sie sahen die große Gestalt Sherlock Hol­mes’ vor sich. Zwei Revolver funkelten in seinen Händen und sowohl Jones als auch Kennedy hatten das Vergnügen, in je eine drohende Mündung zu starren.

»So, Jonny, komm!«, fuhr der Weltdetektiv kalt­blütig fort, »lege den beiden ehrenwerten Gentlemen Handschellen an! Sie müssen nämlich wissen«, wandte er sich an diese, während Jonny sich mit ei­nem gewaltigen Ruck seiner Fesseln entledigte, »dass ich so frei war, den gefährlichen Inhalt der Spritze mit einer weniger gefährlichen Portion harm­losen, klaren Leitungswassers zu vertauschen.«

Die Wirkung dieser Worte war eine furchtbare. Der drohenden Revolvermündung nicht achtend, warf sich Kennedy mit einem heiseren Wutschrei auf den verhassten Kriminalisten.

»Hund!«, schrie er. »Stirb oder …«

»Zurück!«, donnerte ihm Sherlock Holmes entge­gen. Aber Kennedy war blind in seiner Wut. Kra­chend entlud sich die Waffe in des Weltdetektivs Hand, aber sie verfehlte ihr Ziel, weil es Kennedy in letzter Sekunde gelungen war, den Arm, der die Waffe hielt, hochzuschlagen. So zischte die Kugel haarscharf an des Rasenden Ohr vorbei und fuhr oben in die Decke.

Da pressten sich auch schon Kennedys Fäuste um Sherlock Holmes’ Hals, doch ehe sie sich dort fest­zukrallen vermochten, traf ein schwerer Faustschlag des wutschäumenden Angreifers Schläfe.

Kennedy taumelte zurück, aber nur, um sich Se­kunden später erneut auf den Todfeind zu werfen. Ein furchtbares Ringen, Brust an Brust, setzte ein. Die Kämpfenden stürzten zu Boden und rissen im Sturz ein Tischchen um, auf dem verschiedene chi­rurgische Bestecke, unter anderem auch eine Schere, gelegen hatten. Blitzschnell griff Kennedy zu, und ehe Sherlock Holmes es verhindern konnte, funkelte die gefährliche Waffe bereits in des Schurken Hand. Zweimal, dreimal stach er zu, aber seine teuflische Absicht. Sherlock Holmes seines Augenlichts zu berauben, misslang, weil es dem Detektiv noch rechtzeitig glückte, Kennedys Handgelenk mit eiser­nem Griff zu umspannen.

Erbarmungslos drehte er es um, bis Kennedy die Schere stöhnend seinen Fingern entgleiten ließ. Das entschied den Kampf auf Leben und Tod. Ein leises Klirren – ein metallenes Schnappen – und Kennedys Handgelenke wurden von ein paar unzerreißbaren Handschellen umschlossen.

Aufatmend sprang der Weltdetektiv empor – um keinen Augenblick zu früh. Denn Jonny, der wäh­renddessen mit Jones gekämpft hatte, drohte in dem Ringen zu unterliegen.

Mit zwei mächtigen Sprüngen war Sherlock Hol­mes bei den Männern. Seine Faust fuhr kräftig nie­der. Aufstöhnend ließ Jones von seinem Gegner ab und sank rücklings zu Boden, wo ihn binnen weniger Augenblicke das gleiche Schicksal erreichte, das seinem Kumpan soeben ereilt hatte.

Mit stieren Blicken maßen die Überwältigten ihren Bezwinger.

»Erkennen Sie nun, dass alles Komödie war?«, rief der Weltdetektiv, während ein spöttisches Lächeln seine Mienen umspielte. »Ihre Absicht, meinen bra­ven Jonny für alle Zeiten unglücklich zu machen, soll Ihr letztes Bubenstück gewesen sein!«

Jones schwieg mit zusammengepressten Lippen, aber Kennedy stieß eine wilde Verwünschung hervor. Er riss wie toll an den Fesseln, aber umsonst; sie hielten stand und rissen nicht.

»Zweck der Komödie war lediglich, Sie einmal bei der Arbeit zu beobachten«, fuhr Sherlock Holmes ruhig fort. »Es interessierte mich, zu wissen, wie die unglückliche Evelyn Shawler in den Tod getrieben wurde. Dass es Ihrer ungeheuer starken Lebensener­gie gelang, in einem unbewachten Augenblick zu entkommen, ist wahrhaftig nicht Ihre Schuld. Im Übrigen will ich kurzen Prozess machen. Sie sind nicht der Arzt Dr. Clarisson aus Cleveland«, wandte er sich an den Weißbärtigen mit der goldenen Bril­le«, sondern der Zuchthäusler Ephraim Jones Rodger aus London. Wie viele Schandtaten Sie gemeinsam mit Ihren Komplizen – jenen Zuchthäuslern, die da­mals mit Ihnen entflohen – ausgeführt haben, weiß ich heute noch nicht, das werden meine weiteren Nachforschungen ergeben. Aber wie Sie sich der unglücklichen Ms. Shawler bemächtigten, das kann ich Ihnen sehr genau erzählen. Das unglückliche Mädchen suchte ihren Komplizen Thomas Walker auf, der angeblich Geschäfte mit Brillanten machte. Walker erklärte der unerfahrenen Evelyne, er habe einen guten Käufer für den Schmuck, einen gewissen Kennedy! So wurde das Mädchen vor drei Wochen in die Wohnung nebenan gelockt, niedergeschlagen und ihres Schmuckes beraubt. Anfangs hatten Sie wohl mit der Unglücklichen andere Pläne, dann beschlos­sen Sie, sie aber doch unschädlich zu machen. Es ist so einfach, einen Menschen mittels des furchtbaren Giftes irrsinnig zu machen und ihn dann in die eige­ne Klinik zu bringen, wo er langsam und auf ganz natürliche Weise, nur unter falschen Namen dem Tod zugeführt wird. Nun, bei Evelyne Shawler missglückte Ihre Ab­sicht. Das Mädchen entkam – freilich nur, um zu sterben. Aber sie lenkte die Spur auf die Menschen­falle, die hier in Brooklyn im Stillen, dafür aber um­so furchtbarer arbeitete. Vor zwei Tagen kamen Sie – Sherlock Holmes’ kalter Blick glitt zu Kennedy hinüber – »mit Walker, dem Brillantenhändler, in Streit. Sie schlugen ihn nieder. O, ich sah wohl die Schatten am Fenster! Aber ich kam zu spät! Sie wa­ren schneller – und damals ahnte ich auch noch nichts von der bequemen Tür im Kleiderschrank! Dass ich in der darauffolgenden Nacht nochmals in ihrer Wohnung war und in der nächsten Ihre ein bisschen unter die Lupe nahm, Mr. Rodger, das konnten Sie natürlich nicht wissen. Auch nicht, dass ich ihr Gespräch belauschte, in dem Sie den Plan besprachen, einen von uns, mich oder meinen braven Jonny, in Ihre Falle zu locken. Aber diesmal sind Sie selbst in die Grube gefallen, die Sie für an­dere gegraben haben! Vorwärts jetzt! Inspektor Wimberton von der Detektiv-Zentrale wird sich freu­en, Sie kennen zu lernen!«

Ja, er freute sich wirklich, der brave Wimberton, aber zuvor sperrte er vor Staunen eine halbe Stunde lang den Mund auf und vergaß, ihn wieder zuzuma­chen. Der Besuch in der Privatklinik brachte wei­tere Untaten der Verbrecher ans Tageslicht.

Schmachteten doch vier Personen, deren Ver­schwinden seinerzeit großes Aufsehen erregt hatte, hinter ihren Mauern.

Die Unglücklichen, deren Bankkonten von den Schurken restlos geplündert worden waren, wurden sofort in ärztliche Behandlung gegeben, um durch sachgemäße Pflege wieder der Gesundung zugeführt zu werden. Da Sherlock Holmes es vorzog, sich der stürmischen Begeisterung New Yorks durch eine schnelle Rückkehr nach London zu entziehen, fand der zwei Monate später gegen die Schurken ange­strengte Prozess ohne ihn statt. Zwei Tage währten die Verhandlungen. Dann wurde das Todesurteil verkündet, das die Verbrecher mit gleichgültiger Miene entgegen. Offenbar hatten sie nichts ande­res erwartet.

Zwei Wochen darauf funkte der Sender New York die Kunde um die Welt, dass Jones und Kennedy durch den elektrischen Stuhl hingerichtet worden waren. Die Menschenfalle in Brooklyn hatte aufge­hört, zu existieren.

Der 4. Band betitelt sich:

Der König der Brillanten-Marder