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Der Welt-Detektiv Nr. 3 – 3. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 3
Die Menschenfalle in Brooklyn
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin
3. Kapitel

Ein unheimlicher Vorgang

Mit der ihm eigenen Energie entfaltete der Weltdetektiv eine fieberhafte Tätigkeit, die damit ihren Anfang nahm, dass er das den Londoner Akten beige­gebenen Polizeifoto sofort in Tausenden von Ex­emplaren vervielfältigen ließ. Um zwei Uhr nachmit­tags besaßen nicht nur die Beamten vom Erken­nungsdienst, sondern auch alle New Yorker Policemen das Bild des Giftprofessors.

Der Erfolg dieser Maßnahmen erwies sich jedoch als gleich null, weil keiner der Beamten sich entsin­nen konnte, den Mann je – weder vor längerer noch in jüngerer Zeit – gesehen zu haben. Dafür gab es zwei Erklärungen: Entweder war seine Rechnung falsch und Rodger befand sich gar nicht in New York oder der Gesuchte hatte sein Aussehen derartig verändert, dass er mit dem Bild nicht mehr die geringste Ähnlichkeit aufwies.

Wimberton stimmte der Misserfolg skeptisch. Er kam nach reiflicher Überlegung zu dem Ergebnis, dass Mr. Holmes Spur unmöglich die richtige sein konnte, und ging dazu über, seinerseits die ersten Recherchen, natürlich in anderer Richtung, anzustel­len.

Als der Weltdetektiv abends um sechs Uhr die Wohnung verließ, war Buston noch nicht aus Wa­shington zurückgekehrt. Darüber machte er sich je­doch keine Gedanken. Wahrscheinlich war Jonny bei seinen Nachforschungen auf Schwierigkeiten gesto­ßen, die seine Arbeit verlangsamten.

So begab er sich, über Bustons Ausbleiben nicht im Geringsten beunruhigt, dorthin, von wo er seine Nachforschungen nach einem ganz bestimmten Plan setzen wollte: zur Ecke Tyler Avenue/Brunswick­ Street. Hier war die Unglückliche aufgetaucht, hier hatte sie die Kraftdroschke bestiegen, hier in der Nä­he musste sich also auch ihr bisheriger Aufenthalts­ort befinden, denn es war kaum anzunehmen, dass sie in ihrer Todesangst erst längere Zeit umhergeirrt war.

Die Straßenkreuzung lag ziemlich verlassen da, als der berühmte Kriminalist heranschlenderte.

Mit scharfen Augen spähte er um sich. Am Droschkenhalteplatz stand eine einsame Autotaxe. Von dem Chauffeur war nichts zu sehen. Wahr­scheinlich befand er sich in dem kleinen Lokal, das sich an der Ecke etabliert hatte. Langsam schritt er in die Tyler Avenue hinein, sorgsam Haus für Haus mus­ternd. Ab und zu griff er verstohlen zum Notizbuch und stenografierte bestimmte Namen auf. Auch die Brunswick Street kontrollierte er auf diese Weise.

Als er dann schließlich jenes kleine Lokal an der Ecke betrat, hatte er die Namen von fünf Ärzten no­tiert.

Es war nicht schwer, mit dem Barkeeper in ein Gespräch zu kommen, das sich anfangs um das Wet­ter, dann um die bevorstehenden Wahlen und dann um die verflixten Krankheiten drehte, denen der Mensch zeitweise unterlag. Sherlock Holmes be­hauptete, seit Jahren an Rheumatismus zu leiden, aber keinen Arzt zu finden, der ihm helfen könne. Nun sei ihm ein gewisser Dr. Timm empfohlen wor­den – er sprach damit den Namen einer der fünf no­tierten Ärzte aus – der ein Spezialist auf diesem Ge­biet sein solle. Der Barkeeper schüttelte den Kopf.

Das könne wohl kaum stimmen, meinte er, denn den Dr. Timm, den kenne er recht gut, der wohne ja gleich um die Ecke herum, aber der sei Spezialist für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten. Von Rheuma­tismus verstehe der wahrscheinlich genau so viel wie ein Droschkengaul von Kunstbutter. Aber da sei ein Professor Harley …

»Ach«, unterbrach der Weltdetektiv, »ich entsinne mich, den Namen bereits einmal gehört zu haben. Ist das nicht der Mann, er dem Millionär Davidson durch eine geschickte Operation das Leben rettete?«

Der andere zuckte die Schultern.

»Keine Ahnung, ich habe davon nie etwas gehört, aber möglich ist es schon. Hat vornehme Kundschaft, der Mann.«

»Dann wird er recht teuer sein«, sagte Sherlock Holmes. »Unsereins muss ja mit jeden Cent rechnen.«

»Ja, ja«, konstatierte der Barkeeper und sann eifrig nach. Schließlich erklärte er, es sei da noch ein Arzt in der Nähe, der wohl auch tüchtig sein müsse, denn außer­halb besäße er sogar eine größere Klinik.

»Wer ist das?«

»Dr. Clarisson heißt er und wohnt Tyler Avenue 15!«

Den Namen hatte Holmes ebenfalls notiert.

»Ja«, fuhr der andere fort. »vielleicht versuchen Sie mal bei ihm ihr Glück. Auf viel Höflichkeit dürfen Sie sich aber nicht gefasst machen. Der Kerl soll es an Grobheit mit jeden Rosskutscher aufnehmen. Vie­le meiner Gäste, die ihn einmal konsultierten, gehen nie wieder hin.«

»So etwas!«, murmelte der Weltdetektiv. »Der Mann schneidet sich doch aber ins eigene Fleisch, wenn er so grob mit seinen Patienten umgeht!«

»Möglich, aber vielleicht liegt ihm gar nichts an Patienten, die hier in dieser Gegend wohnen, weil hier ja nur kleinere, wenig bemittelte Leute wohnen. Vielleicht verdient er auch mit seiner Privatklinik Geld genug, dass er die Praxis in der Tyler Avenue mehr aus Liebhaberei betreibt. Gibt genug komi­sche Käuze unter den Ärzten! Und dann weiß ich im Übrigen wirklich nicht«, schloss er, sich hinter dem Ohr kratzend, »ob dieser Dr. Clarisson für Sie mit Ihrem Rheumatismus infrage kommt. Genau weiß ich es nicht, ich müsste da erst einmal meine Frau fragen. Aber wenn ich mich nicht irre, soll sich der Mann mehr mit anderen Krankheiten befassen.«

»Was sind das für andere Krankheiten?«

»Ja«, und der Barkeeper lachte, »das ist schwer zu sagen. Ein Gast meinte mal, zu Dr. Clarisson gingen bloß Leute, die sich ihr Oberstübchen wieder in Ord­nung bringen lassen wollten.«

Des Kriminalisten Antlitz zuckte mit keinem Mus­kel, als er fragte:

»Dann ist er also mehr ein Spezialist für Geistes­krankheiten?«

»So wird es wohl sein«, bestätigte der Mann. »Manch­mal soll es da oben bei ihm höllisch laut hergehen. Na ja, das ist ja kein Wunder, wenn so ein Verrückter mal einen Tobsuchtsanfall kriegt …«

Zehn Minuten später betrat Sherlock Holmes die 241. Polizeistation, zu deren Revier die Tyler Avenue gehörte. Er brauchte nur seinen Namen zu nennen, um auf der Stelle zu dem Diensthabenden Kommissar geführt zu werden, der ihm respektvoll grüßend ent­gegentrat.

Wie er es vorausgesehen hatte, lag gegen Dr. Cla­risson nicht das Geringste vor. Dieser betrieb seine Praxis in der Tyler Avenue 15 seit annähernd drei Jah­ren. Nur einmal, vor etwa sieben Monaten, hatte man einmal mit ihm zu tun gehabt. Einige Anwohner hat­ten sich wegen ruhestörenden Lärms beklagt, an dem der Arzt jedoch schuldlos war: Ein Patient, der sich in Dr. Clarissons Behandlung und am Tag darauf in die in einem Vorort gelegene Privatklinik überführt werden sollte, erlitt einen Anfall und bekam zu nächtlicher Stunde Schreikrämpfe.

Damals hatte der Arzt den recherchierenden Be­amten versprochen, derartige Vorfälle nach Mög­lichkeit durch rechtzeitiges Fortbringen der jeweili­gen Kranken zu verhindern, und wirklich waren seit jener Zeit die Klagen immer mehr verstummt.

»Kennen Sie Dr. Clarisson persönlich?«

»Gewiss. Dr. Holmes, er ist ein stiller, ruhiger und überaus liebenswürdiger Mann.«

»Mir erzählte man, dass er seinen Patienten unge­mein grob entgegenträte.«

»Das ist mir neu. Ich kann nur sagen, was ich selbst beobachtete, Mr. Holmes. Mir gegenüber war er sehr höflich.«

Der Weltdetektiv verharrte einige Minuten in angestrengtem Nachdenken.

»Seit drei Jahren betreibt Clarisson seine Praxis, nicht wahr?«, fragte er plötzlich.

»Ganz recht.«

»Und früher?«

»Das ist mir nicht bekannt. Wenn es Sie interes­siert, werde ich einmal nachsehen lassen.«

Der Kommissar eilte voraus und kehrte bald mit dem Bescheid zurück, dass der Arzt vor drei Jahren zugezogen sei.

Der Detektiv schrieb die genaue Adresse auf, dann schob er den Beamten plötzlich das Bild Ephraim Jones Rodgers hin.

»Kennen Sie den Mann?«

»Allerdings«, bestätigte jener, »das ist der sogenannte Gift-Professor Rodger aus London. Das Bild wurde heute an alle Policemen verteilt.«

»Nun ja«, drängte Holmes, »so meine ich das nicht. Ich möchte von Ihnen wissen, ob dieser Mann nicht einem Menschen ähnlichsieht, den auch Sie ken­nen!«

Der Beamte betrachtete lange das Foto, um dann mit betonter Bestimmtheit den Kopf zu schütteln.

»Nein. Mr. Holmes.«

Ruhig steckte der große Detektiv das Bild wieder zu sich, um sich dann nach einigen belanglosen Wor­ten zu empfehlen. Mittlerweile war es acht Uhr ge­worden.

Er fuhr zum nächsten Postamt und gab eine längere Depesche an die Polizei-Zentrale in Cleveland auf. Dann kehrte er, ehe er sich nochmals zur Tyler Ave begab, in seine Wohnung zurück, wo Jonny Buston soeben eingetroffen war.

Er strahlte über das ganze Gesicht. Mit Recht, denn was er in Washington erfahren hatte, bestätigte nur vollkommen die Vermutung, dass die Tote einem satanischen Schurkenstreich zum Opfer gefallen war. Es handelte sich in ihr um die Person Eve­lyne Shawlers.

Unter Tränen hatte die unglückliche, verwitwete Mutter Jonny Buston erzählt, dass Evelyne vor drei Wochen nach New York gefahren sei, um dort – weil sich die Familie in Not befand und demnächst vor größeren Zahlungen stand – einen alten, kostbaren Schmuck zu verkaufen. Von dieser Fahrt war sie nicht zurückgekehrt.

Die von der verzweifelten Mutter sofort verstän­digte Polizei hatte die Verschwundene nicht wieder herbeischaffen, sondern nur feststellen können, dass Evelyne wirklich in vier, fünf großen und bekannten Juwelengeschäften gewesen war und dort den Schmuck angeboten hatte. Bei keiner der Firma war es jedoch zu einem Abschluss gekommen, weil man den Preis, der für das Schmuckstück gefordert wur­de, als zu hoch erachtete.

Was Evelyne weiter unternommen hatte, blieb un­geklärt. Jedenfalls kehrte sie nie wieder nach Wa­shington zurück. Voller Erregung hatte Jonny Buston dem Meister diesen Bericht gegeben.

»Und wissen Sie, Mr. Holmes«, schloss er, »was ich nun annehme?«

»Schieß los!«

»Dass Evelyne den Schmuck auf jeden Fall verkau­fen wollte, um nicht ohne das Geld nach Hause zu­rückkehren zu müssen, und vielleicht selbst ein Inse­rat aufgab, auf das hin sich dann jener, vorläufig noch im Verborgenen sitzende Schurke meldete.

Er lockte das ahnungslose Mädchen in eine Falle und …«

»So ungefähr magst du recht haben«, meinte Sher­lock Holmes, »nur glaube ich nicht, dass sie selbst inseriert haben sollte. Das hätte nicht nur Geld, son­dern auch Zeit gekostet. Es erscheint mir sehr viel wahrscheinlicher zu sein, dass Ms. Shawler eine der großen Zeitungen zur Hand nahm und sich ein paar Adressen jener Leute heraussuchte, die dauernd annoncieren, Brillanten, Perlen und sonstigen Schmuck zu hohen Preisen anzukaufen.

Das ist vorläufig nichts als eine vage Ver­mutung, aber wir wollen sie nicht außer Acht lassen. Du wirst dich also noch heute der Mühe unterziehen, Jonny, und jene Zeitungen, die vor drei Wochen er­schienen, auf diesbezügliche Inserate hin zu untersu­chen.«

Mit Feuereifer stürzte Jonny Buston davon, wäh­rend sich der Weltdetektiv grübelnd auf den Weg zur Tyler Avenue machte. Den Mantelkragen hochge­schlagen und die Mütze tief in die Stirn gezogen, schlenderte er die Straßenseite hinab, die dem Haus Nr. 15 gegenüberlag. Es war ein Gebäude, das sich mit seinen zahllosen Fenstern und in seiner veralte­ten Bauart in nichts von den Häusern unterschied, die sich rechts und links erhoben.

Das Haus zur Rechten bildete die Ecke zu einer kleinen Nebengasse. Dr. Clarisson bewohnte nicht das ganze Gebäude, sondern nur das erste Stockwerk, das aus etwa zehn Räumen besehen mochte. Hier und dort fiel matter Lichtschein durch die herabge­lassenen Rollläden.

Im Schutz einer gegenüberliegenden Haustür ste­hend, blickte Sherlock Holmes zu den verdunkelten Fenstern empor. Seine Lippen pressten sich fest auf­einander. Jage er einem Phantom nach? Oder sollte er mit seiner Annahme, dort oben die Lösung des Rätsels zu finden, recht behalten? Noch wusste er es nicht. Noch waren seine Nachforschungen zu wenig fortgeschritten, um ihm einen klaren Überblick zu verschaffen.

Aber morgen            … oder übermorgen           … dann viellei­cht …

Da ließ ihn das leise Klappern schneller Schritte aufhorchen. Im gleichen Augenblick jagte auch schon eine zwergenhafte Gestalt aus der schmalen Sei­tengasse heraus und keuchte die Tyler Ave hinab. Gleich darauf sah er, dass er ein Kind vor sich hatte, einen Knaben, dessen Gesicht, als es für Sekunden vom unruhig flackernden Gaslicht gestreift wurde, in grauenvoller Weise verzerrt war.

Diese Beobachtung veranlasste ihn, dem Knaben mit langen Sprüngen nachzujagen. Es holte ihn ein und hielt ihn fest. Aber er hätte nicht mit der Mög­lichkeit seiner Gegenwehr gerechnet, sodass er umso überraschter war, als sich der Knabe mit Kratzen und Beißen, Faustschlägen und Fußtritten seinen Armen zu entwinden versuchte.

Wie ein Teufel gebärdete er sich. Natürlich um­sonst, denn Sherlock Holmes Fäuste hielten schraub­stockartig fest, was sie eben einmal gepackt und nicht wiederloslassen wollten.

»Lassen Sie mich!«, keuchte das Kind. »Lassen Sie mich! Ich muss zur Polizei …«

»The devil!«, stieß der Weltdetektiv betroffen her­vor. »Zur Polizei?«

Er hatte den Jungen, der vielleicht zwölf Jahre zäh­len mochte, unwillkürlich losgelassen. Das rächte sich nun, denn ehe es sich der Detektiv versah, rannte der Boy schnell wie ein Wiesel die Tyler Ave hinab.

Holmes sah ihm ängstlich nach. Dann drehte er sich, einem plötzlichen Einfall nachgebend, um und lief zu der Seitengasse, aus der der Junge wie ein Blitz hervorgeschossen war. By Jove! Was war das? Hatte der Knabe darum …?

Hinter den beiden erleuchteten Fenstern im ersten Stock des Eckhauses tauchten schemenhaft zwei Schatten auf … zwei Schatten, die im gleichen Au­genblick zu einem einzigen verschmolzen … Dann erscholl ein Schrei! Der zusammengeballte Schatten stürzte zu Boden. Gleich darauf tauchte er wieder auf … nein … nicht mehr der Doppelschatten, son­dern nur einer … Sherlock Holmes sah ihn langsam und mit gespreizten Händen in die Mitte des Zimmers zurückweichen. Sekunden später erlosch das Licht.

Da gab es für Sherlock Holmes kein Halten mehr. Er jagte zur Haustür, die zum Glück noch unver­schlossen war, stieß sie auf und stand wenige Au­genblicke darauf vor der Korridortür des ersten Stocks.

Fortsetzung folgt …