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Der Welt-Detektiv Nr. 2 – 3. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 2
Die schwarze Schlange
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin
3. Kapitel

Eine unheimliche Entdeckung

Obwohl Jonny hundert Fragen auf den Lippen brannten, wagte er es doch nicht, eine einzige laut auszusprechen, weil ihm ein Seitenblick verriet, wie Sherlock Holmes’ Hirn arbeitete.

Neun Uhr war es geworden. Der Sturm hatte auf­gehört, aber pechschwarze Wolkenfetzen segelten, vom fahlen Mondlicht gespenstisch beleuchtet, in jagender Hast am Firmament dahin. Die Landstraße bot in ihrem aufgeweichten Zustand einen trostlosen Anblick; der Schmutz sprang zu beiden Seiten des Wagens mehr als einmal meterhoch auf. Es war ver­messen, mit einer solchen Geschwindigkeit auf der glitschigen Straße entlangzusausen, aber der Chauf­feur hielt das Steuer mit nervigen Fäusten. Nur in den Kurven dämpfte er das Tempo, um aber sogleich wieder Gas zu geben, wenn sich der Weg in einer neuen Geraden erstreckte. Wenn kein besonderer Zwischenfall die Fahrt störte, musste Carinpool noch vor Ablauf der nächsten Viertelstunde erreicht sein.

»Nur so kann es sein«, murmelte Sherlock Hol­mes plötzlich.

Er lehnte sich zurück und lächelte finster. Dann holte er die Shagpfeife aus der Tasche. Das nahm Jonny als gutes Zeichen. Wahrhaftig, er hätte das Schweigen auch keine Sekunde länger ausgehalten, ohne vor Wissbegier geplatzt zu sein.

»Wie kann es nur sein?«, stieß er erregt hervor.

Sherlock Holmes stopfte die Pfeife, setzte sie in Brand und stieß den Rauch langsam gegen die Wa­gendecke empor.

»Hör zu, mein Junge«, sagte er. »Wir sitzen der Schwarzen Schlange näher auf dem Pelz, als du ahnst. Duck, Greanter und Dr. Autchin sind Mitglie­der der Bande. Von den beiden Ersteren wussten wir es, von Autchin erfuhr ich es, als ich ihn verband.

Er trug das Abzeichen, die Schwarze Schlange aus Metall, am Innenfutter der Weste. Man scheint je­doch von seiner Seite aus Verrat befürchtet zu haben, denn Duck und Greanter wurden ausgeschickt, ihm das Lebenslicht auszublasen.

Die Geschichte muss mit dem Tod Lady Caringpools Zusammenhängen. Nicht nur deswegen, weil Autchin ein Ferngespräch nach dem Schloss ange­meldet hatte, sondern weil er auch einen Ausschnitt aus der heutigen Times bei sich hatte, der ausführ­lich über die Trauerzeremonie auf dem Schloss be­richtete. Dann stellte es sich heraus, dass die Verbin­dung mit Carinpool plötzlich gestört war. Das alles sind keine Zufälle. Autchin ist Arzt. In dem einzigen Schreibtischfach, das offen stand und in dem scheinbar gewühlt worden war, machte ich zu­dem eine merkwürdige Entdeckung. Es schien, als sei der ganze Inhalt mit einem hauchdünnen, weißen Sand überzogen. Wahrscheinlich verwahrte Autchin dort ein bestimmtes, weißpulveriges Medikament auf. Und dieses, einzig und allein, nur dieses ist von Duck und Greanter geraubt worden, denn wenn du genau hingesehen hast, wirst du an Greanters Rock zwei mehlartige Flecke bemerkt haben.«

Nein, Jonny hatte sie nicht bemerkt. Er starrte den Meister nur fassungslos an.

»Was nun kommt, ist lediglich eine Vermutung«, fuhr Sherlock Holmes fort. »Lady Carinpool starb vor einigen Tagen, wenn ich recht gelesen habe, in­folge eines längeren Leidens. Nachdem ich bei ei­nem Mitglied der Schwarzen Schlange einen dies­bezüglichen Zeitungsausschnitt vorgefunden habe und außerdem noch weiß, dass dieses Mitglied mit dem Schloss telefonisch in Verbindung zu treten versuchte und weiter im Begriff stand, England zu ver­lassen, möchte ich bezweifeln, dass die Lady eines natürlichen Leidens erlegen ist. Wo sich die Brüder von der Schwarzen Schlange sehen lassen, riecht es immer brenzlich, mein Junge. Du erinnerst dich, dass ich das heute Abend schon einmal gesagt habe. Mit Recht, wie du inzwischen gesehen hast.«

»Und nun«, rief Jonny mit heißem Kopf, »nun wol­len Sie auf dem Schloss nachforschen, ob …«

»Schätze, dass ich in diesem Fall der Welt größtes Heupferd wäre«, unterbrach Holmes seinen Famulus trocken. »Ich weiß gar nicht – wenigstens vorläufig nicht – ob mein Verdacht zu recht besteht. Und wen ich es wüsste, würde ich auch nicht wie ein schnau­bender Drache auf Carinpool erscheinen. Die Kugeln sitzen der Schwarzen Schlange recht locker im Re­volver, mein Sohn. Und wenn auf dem Schloss ein Verbrechen begangen wurde, dann kannst du auch Gift darauf nehmen, dass die Bande Leute auf dem Schloss sitzen hat, die gut aufpassen. Nein, wir werden unsere Nachforschungen hübsch im Verschwiegenen beginnen.«

»Aber jetzt? Mitten in der Nacht?«

»Oho«, prustete der Welt-Detektiv heraus, »noch fehlen einige Minuten an Viertel nach neun. Aber selbst, wenn es später wäre, würden wir, taxiere ich, den Weg zur Gruft auch noch finden.«

Jonny riss den Mund auf.

»Zur Gruft?«, echote er tonlos. »Zur Schlossgruft?« Dann ging ihm ein Licht auf.

»Weil … weil Autchin von einer Gruft redete …?«

Holmes ließ die Fingergelenke knacken. »Auch darum, mein Sohn, auch darum.«

Dann verfiel er wieder in Schweigen und blieb so lange stumm, bis der von ihm zuvor instruierte Chauffeur plötzlich auf offener Landstraße hielt.

Nacheinander verließen sie den Wagen.

Holmes wandte kurz den Kopf. »Sieh zu, dass du die Wasserleitung findest, Jonny«, knurrte er. »und eine Schüssel. Verbandzeug habe ich selbst bei mir.«

Fortsetzung folgt …