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Abenteuer des Captains Bonneville 10

Washington Irving
Abenteuer des Captains Bonneville
oder: Szenen jenseits der Felsengebirge des fernen Westens
Verlag von J. D. Sauerländer. Frankfurt am Main, 1837

Neuntes Kapitel

Losgelassene Pferde. Vorbereitungen zu den Winterquartieren. Hungrige Zeiten. Die Nez Percé, ihre Ehrlichkeit, Frömmigkeit, friedliches Betragen und religiösen Zeremonien. Captain Bonnevilles Unterredung mit ihnen. Ihre Liebe zum Spiel.

Es war dem Captain Bonneville sehr angenehm, nach einer so langen und mühsamen Reise seine armen, abgematteten Pferde von den Lasten befreien zu können, unter denen sie beinahe erlegen waren, sie sich auf dem grünen Grase wälzen und nach allen erstandenen Leiden eine lange Ruhe genießen zu sehen.

Es wurde nun alles in Bewegung gesetzt, um ein Winterlager zu bereiten, eine zeitweise Befestigung zum Schutz der Partie aufgeworfen, ein sicherer und bequemer Park angelegt, in welchen die Pferde bei Nacht getrieben werden konnten, und Hütten zur Verwahrung der Güter erbaut.

Nachdem dieses geschehen war, verteilte Captain Bonneville seine Streitkräfte: Zwanzig Mann sollten als Besatzung bei ihm bleiben, um das Eigentum zu beschützen. Die übrigen wurden in drei Brigaden aufgeteilt und in verschiedene Richtungen geschickt, um sich von der Büffeljagd zu ernähren, bis der Schnee zu tief gefallen sein würde.

Es würde in der Tat unmöglich gewesen sein, die ganze Truppe in der Umgegend zu versorgen. Sie lag an der äußersten Westgrenze des Büffel-Bezirks. Diese Tiere waren erst neuerlich durch die Nez Percé völlig aus der Gegend vertrieben worden, sodass, obwohl die Jäger der Besatzung beständig munter bei der Hand waren, die Gegend zu durchstreifen, sie doch kaum hinlänglich Wild einbrachten, um dem Hunger abzuwehren. Dann und wann hielten sie ein dürftiges Mahl von Fischen und Vögeln und hatten bisweilen eine Antilope. Häufig mussten sie aber den Hunger mit Wurzeln, dem Fleisch von Wölfen oder Bisamratten stillen. Selten konnten sich die Bewohner des Winterquartiers rühmen, eine volle Mahlzeit zu haben. Nie hatten sie etwas für den folgenden Tag übrig.

Auf diese Weise darbten sie bis zum 8. Oktober, wo eine Partie von fünf Nez Percé zu ihnen stieß, die sie einigermaßen mit der Härte ihrer Lage aussöhnten, indem diese in einer noch weit größeren Entblößung waren. Unglücklichere Menschen hatten sie noch nicht angetroffen. Sie besaßen weder einen Bissen Fleisch noch Fisch noch sonst etwas, um davon zu leben, mit Ausnahme wilder Wurzeln, wilder Rosenknospen, der Rinde gewisser Pflanzen und andere Gewächse. Auch besaßen sie keine Waffen, weder zum Jagen noch zur Verteidigung, als einen alten Speer. Dennoch murrten oder beschwerten sich die armen Schelme nicht, sondern schienen an ihre schlechte Kost gewöhnt zu sein. Wenn sie die weißen Menschen nicht ihren praktischen Stoizismus lehren konnten, so lernten sie sie wenigstens die genießbaren Eigenschaften von Wurzeln und wilden Rosenknospen kennen und versahen sie von ihrem eigenen Vorrat mit Lebensmitteln.

Die Bedürfnisse des Lagers wurden endlich so dringend, dass sich Captain Bonneville entschloss, eine Abteilung zu der Pferde-Prärie abzuschicken, einer nördlich von ihrem Winterlager liegenden Ebene, um Vorräte von Lebensmitteln herbeizuschaffen. Als die Leute zur Abreise bereit waren, schlug er den Nez Percé vor, dass sie oder einige von ihnen der Jagdpartie beiwohnen möchten. Zu seinem Erstaunen lehnten sie dies sogleich ab. Da er sah, dass sie in einer fast ebenso dürftigen Lage waren wie seine eigene Leute, so fragte er sie um die Ursache ihrer Weigerung. Sie erwiderten, dass dies ein geheiligter Tag bei ihnen sei und der große Geist zornig werden würde, wenn sie solchen dem Jagen widmeten. Sie erboten sich jedoch, die Jagdpartie zu begleiten, wenn sie ihre Abreise bis zum nächsten Tag verschieben wollen, was jedoch die quälenden Forderungen des Hungers nicht erlaubten. So machte sich die Jagdpartie auf den Weg.

Einige Tage danach bedeuteten einige von ihnen dem Captain Bonneville, dass sie jagen gehen wollten.

»Was«, rief er, »ohne Flinten und Pfeile; und nur mit einem alten Speer bewaffnet? Was hofft Ihr zu erlegen?«

Sie sahen einander lächelnd an, gaben aber keine Antwort. Sie schickten sich zu der Jagd mit einer natürlichen Frömmigkeit an, die für die Zuschauer erbaulich gewesen zu sein scheint. Sie verrichteten zuerst einige religiöse Gebräuche und richteten für ihre Sicherheit und ihr Jagdglück einige kurze Gebete an den großen Geist. Nachdem sie hierauf den Segen ihrer Frauen erhalten hatten, sprangen sie auf ihre Pferde und ritten weg; sämtliche christlichen Zuschauer durch das Beispiel erstaunend und beschämend, das sie ihnen von ihrem Glauben und ihrer Abhängigkeit von einem höchsten und wohlwollenden Wesen gegeben hatten.

Gewohnt, wie ich zuvor gewesen war, sagte Captain Bonneville, in den unglücklichen Indianern blutdürstige und von jedem Laster befleckte Menschen zu finden, das die menschliche Natur erniedrigen kann, konnte ich mich kaum von der Wirklichkeit dessen überzeugen, was ich mit angesehen hatte. Verwunderung über eine so ungekünstelte Empfindsamkeit und Frömmigkeit, wo wir sie am wenigsten erwarteten, stritten in aller Busen mit Scham und Verwirrung, eine so reine und heilsame Lehre von Geschöpfen erhalten zu haben, die in Hinsicht aller Künste und Bequemlichkeiten des Lebens so tief unter uns standen.

Das einfache Gebet der armen Indianer blieb nicht unerhört. Im Laufe von vier bis fünf Tagen kehrten sie mit Fleisch beladen zurück. Captain Bonneville war neugierig, zu erfahren, wie sie dies bei so dürftigen Mitteln bewerkstelligt haben konnten. Sie gaben ihm zu verstehen, dass sie die Herden Büffelochsen in vollem Rennen gejagt hätten, bis sie solche ermüdet hatten, wo es ihnen dann leicht wurde, sie mit dem Speer zu erlegen. Sie bedienten sich derselben Waffe, um ihnen das Fell abzuziehen. Um ihre, ihren christlichen Freunden gegebene Lehre zu vervollständigen, waren die armen Wilden ebenso barmherzig, wies sie fromm gewesen waren, und teilten großmütig mit ihnen die Ausbeute ihrer Jagd, indem sie ihnen Lebensmittel für mehrere Tage verabreichten.

Ein späterer und genauerer Umgang mit diesem Volksstamm gab dem Captain noch eine weit größere Veranlassung, ihre Frömmigkeit zu bewundern.

Dieses Volk bloß religiös nennen zu wollen, würde nur eine schwache Idee von der gottesfürchtigen Ergebenheit beibringen, die in ihrem ganzen Benehmen liegt.

Sie sind von tadelloser Rechtschaffenheit. In der Reinheit ihrer Absichten und Beobachtungen ihrer religiösen Gebräuche sind sie merkwürdig übereinstimmend.

Sie haben gewiss mehr mit einer Nation von Heiligen gemein, als mit einer Horde von Wilden.

In der Tat mag die friedliche Politik dieses Stammes ihren Ursprung in den Lehren der christlichen Barmherzigkeit haben, denn es möchte scheinen, dass sie einige Begriffe vom christlichen Glauben durch katholische Missionare und Handelsleute eingesogen haben, die sich unter ihnen aufhielten. Sie hatten selbst eine Art von Kalender von den Fest- und Fasttagen der römischen Kirche und man findet bei ihnen einige Spuren ihres Zeremoniells. Es ist mit ihren eigenen wilden Riten vermischt worden, was ein seltsames, halb zivilisiertes und halb barbarisches Mischmasch darbietet. Samstags schmücken sich Männer, Frauen und Kinder auf das Beste und versammeln sich um eine an der Spitze des Lagers aufgesteckte Stange. Hier unterwerfen sie sich einem phantastisch-wunderlichen Zeremoniell, das sehr den religiösen Tänzen der Quäcker gleicht, das aber ihren Enthusiasmus noch auffallender macht. Während der Pausen dieses Zeremoniells unterrichten sie ihre obersten Häuptlinge, die das Priesteramt versehen, in ihren Pflichten und ermahnen sie zur Tugend und guten Taten.

Es liegt, bemerkt Captain Bonneville, etwas Altertümliches und Patriarchalisches in dieser Vereinigung der Dienstverrichtungen eines Anführers und Priesters, wie dies bei manchen ihrer Sitten und Gewohnheiten der Fall ist, die alle stark das Gepräge der Religiosität an sich tragen.

Es scheint, dass der würdige Captain ein sehr großes Interesse am Lichtstrahl fand, den er so unvermutet mitten in der Finsternis der Wüstenei antraf. Er bemühte sich während seines Aufenthaltes unter diesem einfachen und gutmütigen Volk, ihnen, soweit es ihm möglich war, die milden und humanisierenden Vorschriften des christlichen Glaubens beizubringen und sie mit den Hauptzügen seiner Geschichte bekannt zu machen. Es macht der Reinheit und dem Wohlwollen seines Herzens große Ehre, dass er aus seiner Bemühung eine reine Glückseligkeit schöpfte.

»Sehr oft«, sagte er, »war meine kleine Zelthütte gedrängt oder vielmehr gestopft voller Zuhörer, denn sie lagen einer über dem andern auf dem Boden, bis kein Platz mehr da war. Alle horchten begierig auf die Wunder, welche der große Geist den weißen Menschen offenbart hätte. Kein anderer Gegenstand machte ihnen nur halb so viel Vergnügen oder zog nur halb so viel ihre Aufmerksamkeit auf sich. E sind mir nur wenige Szenen so frisch in meinem Andenken geblieben oder deren ich mich mit solchem Vergnügen erinnerte, als diese Stunden des Umgangs mit einem fernen und wohlwollenden Völkerstamm mitten in der Wüste. Die einzige Ausschweifung, welcher sich dieses mäßige und musterhafte Volk hingibt, scheint das Spiel und das Pferderennen zu sein. Diesen überlassen sie sich mit einer Begier, die an Betörung grenzt. Gruppen von Spielern versammeln sich frühzeitig am Abend um eines ihrer Zelthüttenfeuer und bleiben, in ihr Spiel und seinen Wechsel vertieft, bis lange nachdem der folgende Tag angebrochen ist. Wie die Nacht vorrückt, werden sie immer hitziger und erpichter. Wetten vermehren den Betrag und ein Verlust führt nur zu einem größeren, bis im Laufe einer einzigen durchgespielten Nacht der reichste Häuptling der ärmste Schelm im Lager wird.«