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Geisterjäger John Sinclair: Schrei, wenn der Hauptautor kommt

John Sinclair Band 1885: Schrei wenn die Bestie kommt

Autor: Jason Dark
Titelbild: Timo Würz
Bastei-Verlag
Erscheinungsdatum: 26.08.2014
Preis: 1,70 €

Bei John Sinclair hat sich in den letzten Monaten einiges getan: Neue Autoren kamen hinzu, die der Serie frischen Wind geben, Jason Dark bei der Arbeitslast unterstützen und auch die Marke »Sinclair« für die nächste Generation erhalten sollen. Ob das tatsächlich alles so freiwillig von Helmut Rellergerd abgenickt wurde, wie es in verschiedenen Presseerklärungen verlautbart wurde, lasse ich mal dahingestellt. Die Zeit für eine Veränderung war aber sicherlich gekommen, angesichts der gesunkenen Qualität der Geschichten.

Fakt ist jedenfalls, dass zwischen den neuen Autoren und Jason Dark vorerst kein Kontakt besteht. Dies war auch nicht der Fall, als Michael Breuer vor einigen Monaten mit Band 1851 Dreizehn Seelen für den Satan den ersten Fremdautoren-Roman nach über 30 Jahren geschrieben hatte. Damals spielte Band 1852 einfach nach Band 1850, Michael Breuers Geschichte wurde einfach übergangen.

Mittlerweile scheint das anders zu sein. Seit einigen Wochen fällt es nun schon auf, dass bei keinem Roman Bezug zu dem vorhergehenden Fall genommen wird. Gut, da die neuen Autoren, sei es Alfred Bekker, Michael Breuer oder Eric Wolfe, unabhängig voneinander schreiben, ist es nicht verwunderlich, dass solche Verbindungen nicht erwähnt werden. Andererseits könnte die Redaktion und das Lektorat solche auch nachträglich einfügen. So hat man in letzter Zeit das Gefühl, eine Art »Jerry Cotton mit Dämonen« zu erleben, eine Aneinanderreihung zusammenhangloser Einzelromane. Ob es zwischen den Gastautoren doch noch Absprachen geben wird, werden wir wohl erst in den nächsten Monaten sehen.

Unabhängig davon könnte man schlussfolgern, dass Jason Dark durch den Einsatz zusätzlicher Autoren – die nun die Hälfte aller Romane jährlich schreiben sollen – mehr Zeit und Möglichkeiten hätte, sich auf die roten Fäden und vor allem auf die Qualität seiner Romane zu konzentrieren, doch so richtig fällt das nicht auf. Im Gegenteil, das Niveau scheint in letzter Zeit noch etwas weiter eingebrochen zu sein.

Auffallend ist, dass nicht nur die neuen Autoren etwas Probleme haben, richtiges Sinclair-Feeling aufkommen zu lassen, was natürlich verständlich ist, schließlich müssen sie sich erst einmal richtig in die Serie einarbeiten, sondern auch Jason Dark selbst. Häufig wirken seine Romane allzu routiniert, lust- und belanglos geschrieben, ohne dass man das Gefühl erhält, der Autor hätte wirklich mehr Zeit, seine Geschichten zu schreiben und sie besser zu durchdenken.

Im vorliegenden Fall geht es nach längerer Zeit wieder um eine Thematik, die in den neueren Romanen meist wie ein Fremdkörper wirkt: Atlantis. Dementsprechend tritt der Fortlauf der Geschichten um den versunkenen Kontinent seit Jahren auf der Stelle. Meist geht es um irgendeine Kreatur, die den Untergang überlebt oder durch einen Zeitsprung den Weg in die Gegenwart geschafft hat und nun entweder ein Mitglied des Sinclair-Teams ins Visier nimmt oder blind auf Mordtour geht. In Schrei, wenn die Bestie kommt gibt es von beidem etwas, aber dann doch nichts Ganzes …

Eines Abends taucht der kleine Magier Myxin in Johns Wohnung auf. Er berichtet ihm von einem dämonischen Riesenvogel aus Atlantis, nur »Bestie« genannt, die über die flammenden Steine den Weg in die Gegenwart gefunden und dabei sogar Sedonia, die Freundin des Eisernen Engels, entführt hat. Nun soll John helfen, die Bestie zu besiegen.

Dazu reist er in den nordwestlich von London gelegenen Ort Millom, wo er Unterstützung von einem Ranger namens Lex Wilde erhält, dessen Frau ebenfalls von dem Riesenvogel entführt wurde. Gemeinsam reisen sie mit Myxins Hilfe nach Atlantis, um sich dem dämonischen Tier zu stellen, das noch immer auf der Jagd nach Menschenfleisch ist …

Eine eigenartige Geschichte. Einerseits ergibt sie in vielerlei Hinsicht keinen Sinn, andererseits kann man ihr nicht einen gewissen Unterhaltungswert absprechen.

Fragen nach der Logik sollte man bei Sinclair-Romanen eigentlich nicht stellen, ich mache es trotzdem: Warum transportiert Myxin John nicht gleich nach Millom, statt ihn umständlich mit dem Flugzeug anreisen zu lassen? In der Zwischenzeit wird noch eine Frau entführt, deren Mann Lex Wilde von Myxin auf Johns Ankunft vorbereitet wird. Nur, warum so ein Aufwand? Warum entführt die Bestie überhaupt Menschen aus der Gegenwart ins alte Atlantis? Dort dürfte es auch so genug Beute geben. Und warum bleibt am Ende eine der Entführten in der Vergangenheit zurück? John meint über die Frau namens Amy: »Sie war in der Vergangenheit zurückgeblieben, und das würde auch so bleiben.« Was hindert Myxin und seine Freunde daran, einfach nochmal in die Vergangenheit zu reisen und sie auch noch zu retten? Wahrscheinlich der Umstand, dass der Roman nur 64 Seiten haben darf.

Auch über die Struktur der Handlung könnte man sich Gedanken machen. Als langjähriger Fan freut man sich ja schon, wenn Figuren wie Myxin, Kara und der Eiserne Engel alle paar Jahre mal auftauchen. In diesem Fall werden sogar Sedonia, die Freundin des Eisernen sowie er selbst entführt und gefangen gehalten, doch statt von ihren Erlebnissen zu berichten, füllt Jason Dark den halben Roman mit der Geschichte von Lex Wilde und seiner Frau. Dazu kann man nur sagen: Chance vertan!

Zumal John Sinclair kaum Gefühlsregungen zeigt, angesichts der Tatsache, dass Sedonia, die fast schon vergessen zu sein schien und nun nach 15 Jahren wieder einen Auftritt erhält, entführt wurde. Lapidar wird ihr Name hin und wieder einmal eingeworfen, ohne dass der Geisterjäger wirklich über sie und ihr Schicksal nachdenkt. Schließlich spielt sie im Finale nur eine austauschbare Statistenrolle. Wie es der Riesenvogel geschafft hat, auch den Eisernen Engel in seine Gewalt zu bringen erfährt man erst gar nicht und auch die Frage, ob der Schwarze Tod tatsächlich hinter allem steckte, wie John am Ende kurz vermutet, bleibt unbeantwortet im Raum stehen.

Dennoch ist der Roman nicht per se schlecht. Langeweile kommt eigentlich nie auf, es gibt eine gute Portion Action und auch die Szenen im alten Atlantis, auf die sich häufig viele Fans freuen, sind ansprechend geschrieben. Zu gefallen weiß auch der ungewöhnliche Auftritt eines Zyklopen, einem Wesen, das sonst eher selten bei »John Sinclair« in Erscheinung tritt. In diesem Fall ist Ursus, der Zyklop, ein Kannibale und Diener der Bestie, der nach kurzem, aber intensivem Kampf mit dem Geisterjäger das Zeitliche segnet.

Nur, mit der Logik ist das eben so eine Sache. Entweder man denkt nicht darüber nach, was zugegebenermaßen ziemlich schwierig sein kann, oder man stolpert immer wieder über sie. Für die neueren Romane von Jason Dark ist diese Geschichte jedenfalls gerade so noch im durchschnittlichen Bereich anzusiedeln.

Wie bereits eingangs erwähnt sind nun auch andere Autoren am Werk. Bekannte Namen gesellen sich dazu: Michael Breuer, Alfred Bekker, Oliver Fröhlich, Uwe Voehl und Christian Schwarz, um zumindest die zu nennen, von denen man bisher weiß. Auf einer Leserseite vor einigen Wochen bat das John-Sinclair-Lektorat darum, den neuen Autoren eine gewisse Eingewöhnungszeit einzuräumen.

Eine gute Idee wäre, ihnen auf den Leserseiten auch Platz einzuräumen, sich vorzustellen, doch stattdessen haben sich die Verantwortlichen dazu entschieden, bei Gastautoren-Romanen die Leserseite ganz wegzulassen. Eine etwas fragwürdige Wahl, zumal nicht jeder mühselig das Internet nach Informationen über oder Interviews mit den Autoren durchforstet.

Und es scheint, als würde man ihnen die gewünschte Eingewöhnungszeit gewähren. Überraschend gut sind ihre Romane bisher angekommen, wenn man sich in den verschiedenen Foren umsieht. Nun, Meinungen sind bekanntlich subjektiv. Während ich dem von Uwe Voehl geschriebenen Roman Nr. 1878 Die Pestgasse stilistisch wie inhaltlich nicht viel abgewinnen konnte und mit Alfred Bekkers etwas eigenwilliger Interpretation der Gesetzmäßigkeiten der Serie noch nicht so richtig warm geworden bin, sehen das offensichtlich zahlreiche Leser anders.

Nehmen wir exemplarisch mal Alfred Bekker: In seinen Romanen vibriert das Kreuz, es wird durch das Ausrufen der Erzengel »eingeschaltet«, John Sinclair ist nur Inspektor, Suko nur Statist und seine Waffen werden gar nicht erst erwähnt. Einerseits könnte man sich fragen, wie Alfred Bekker zu diesen Fehlinformationen gekommen ist, andererseits findet sich hier die größte Schwierigkeit für die neuen Autoren: Die Balance zwischen eigenen Ideen bzw. Interpretationen und dem ursprünglichen Sinclair-Universum, dessen Kontinuität, dem Stil und der Beschreibung der Figuren zu finden.

Allerdings bleibt die Frage offen, ob das überhaupt möglich ist, angesichts der doch der zweifelhaften Kontinuität innerhalb der Romane von Jason Dark. Gibt es das berühmte »Sinclair-Feeling« eigentlich überhaupt noch, oder handelt es sich dabei nur um ein Hirngespinst aus vergangenen Tagen? Egal, wie es sich auch entwickeln wird, die Serie ist schon lange nicht mehr das, was sie einmal war, und durch den Umbruch, der bereits erfolgt und noch erfolgen wird, wird sie wahrscheinlich noch einmal eine ganz andere Form annehmen. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss jeder für sich entscheiden. Ich jedenfalls fühle mich in »meiner« Serie schon länger nicht mehr richtig heimisch, und das nicht erst durch die neuen Autoren.

Bildquelle:

(rh)

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