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Kind geblieben?

Kind geblieben?

Das Mädchen hatte zwei kleine Zöpfchen, rechts und links, wobei der Linke ein wenig verrutscht war und schief hing. Die blonden, feinen Haare wurden von roten Gummibändern gehalten, an denen eine winzige Plastikerdbeere baumelte. Ihr Mund war klebrig und verschmiert, was eindeutig an dem riesigen Lutscher lag, den sie mit Hingabe bearbeitete. Ein zartes Rotzbläschen hing an ihrem Nasenloch, es verschwand mit einem leisen Plipp!, nur um beim nächsten Atemzug etwas größer aufzutauchen.

Er starrte sie an, mit einer Mischung aus Ärger und Ekel, und irgendwie war es ihm sogar seltsam unangenehm, dass sie ihn mit ihren großen, dunklen Knopfaugen beobachtete. Es war, als hüte sie ein Geheimnis und wolle zuerst herausfinden, ob er dessen auch würdig war, ehe sie es ihm mitteilte. Sie wischte sich die nassen Finger, ohne ihnen einen Blick zu würdigen, an dem schmutzigen Kleidchen ab und sagte dann: »Warum lassen sie ihn denn nicht raus? Er ist sicher ganz einsam, so allein da drin.«

Er war sprachlos. Ihr Alter kannte er natürlich nicht, aber die höfliche Ausdrucksweise hatte er auf keinen Fall erwartet. Die Stimme klang piepsig, aber ruhig und so, als wüsste sie genau, wovon sie sprach. Er wusste es natürlich nicht.

»Was willst du?«, fragte er und sein Tonfall war eindeutig feindselig. Nein, er war nicht der nette Mann von nebenan, der gute Nachbar oder wie auch immer man dazu sagen wollte. Er, nennen wir ihn Herrn Meier, war eindeutig ein griesgrämiger, alter Mann. Er mochte keine Kinder und er hatte auch keine, genauso wenig, wie er verheiratet war. Herr Meier war ein, mehr oder weniger, selbsternannter Dauer-Single, er arbeitete gerne und hart, genoss seine Fernsehabende mit einem kühlen Bier in seiner kleinen Wohnung oder einen Abend in der Kneipe, allein natürlich, denn an Freunde band er sich ebenso ungern wie an Frauen. Zeit seines Lebens war Herr Meier ein rationaler Mensch gewesen, Gefühle zu zeigen war ihm peinlich und seine deutlichste Schwäche war seine ungehobelte Art. Er war, um es vereinfacht zu sagen, nicht nett, auch nicht liebenswert, wie alte Menschen manchmal sind. Nein, Herr Meier war einfach unhöflich, barsch, schlichtweg ein böser, alter Mann. Die Nachbarn mieden ihn und die Kinder sowieso. Nicht einmal die Hunde in der Gegend wollten ihn beschnüffeln. Er war wie Ebenezer Scrooge, nur mit sehr viel weniger Geld und zeitlich einige Hundert Jahre später anzusiedeln.

Wie dem auch sei, da stand er also, vor der Haustüre, der Schlüssel schon im Schloss und vor ihm dieses kleine Mädchen, mit dem wissenden Blick, was Herrn Meier eine Gänsehaut bescherte. Hinter dem Kind, in der Mitte des U-förmigen Wohnkomplexes, spielten andere Mädchen und Jungen, wie so oft, auf dem kleinen Spielplatz, lachten und tobten. Herr Meier hatte sich deswegen bei der Hausverwaltung beschwert, aber niemand war darauf eingegangen. Immerhin waren es Kinder, die brauchten Platz zum Spielen, was Herrn Meier unverständlich war. Er hatte als Kind bei seinem Vater im Geschäft mitgeholfen und aus ihm war etwas geworden, auch ohne Spielplatz.

Er sah also nochmals zu dem Mädchen, welches nun wieder eifrig an ihrem Lutscher leckte und fragte sich, warum er nicht einfach hineinging. Sie starrte ihn immer noch an, hatte sie überhaupt geblinzelt? Er benahm sich wie ein Idiot und er fühlte sich unbehaglich und hilflos und das konnte er auf den Tod nicht ausstehen. Er drehte also den Schlüssel im Schloss.

»Und?«, erklang die piepsige Stimme wieder.

»Was und?«, bellte er. Warum ging er nicht einfach weg? Darauf konnte er sich keine Antwort geben, es war wie verhext.

»Na, warum lassen sie ihn nicht raus?«

»Wen denn? Wo raus lassen?«

Das Mädchen verdrehte die Augen und seufzte. Seufzte, das kleine Kind, hier vor ihm, als wären ihre Rollen vertauscht. Er kam sich dämlich vor und wurde nur noch wütender.

Das Mädchen zuckte schließlich mit den Schultern und ging dann, wobei sie ihm über die Schulter noch einen letzten Blick zuwarf und meinte: »Auch gut. Aber wenn er wieder raus darf, dann sagen Sie es, ja?«

Herr Meier starrte ihr wie blöd nach, sein Mund stand sogar offen. Inzwischen hatte seine Gesichtsfarbe zu einem dunklen Rot gewechselt und die Ader an seiner Stirn pochte gefährlich.

»Göre!«, brüllte er, ging hinein, außer sich vor Wut (natürlich war es Hilflosigkeit, aber das hätte er nie zugegeben) und knallte sämtliche Türen hinter sich zu. Vor sich hingrummelnd war er schließlich in seiner Wohnung angelangt, die Türe, wie gesagt, war zugeworfen worden, und nun setzte er erst einmal einen starken, tiefschwarzen Kaffee auf. Er zündete sich einen Zigarillo an und ließ sich in den alten, ledernen Sessel fallen.

Dumpf drang der Kinderlärm zu ihm hoch und seine Wut köchelte weiter vor sich hin. Was bildete sich dieses Kind eigentlich ein? So mit ihm zu sprechen – eine Schweinerei! Er würde ihrer Mutter mal die Meinung geigen, was er von ihrer Erziehung hielt, jawohl! Herr Meier grinste diabolisch, ob dieser gedanklichen Genugtuung und stand dann auf, um sich seinen Kaffee zu holen. Aber das kurze und wohl auch recht einseitige Gespräch ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Was konnte sie nur damit gemeint haben? War es nicht töricht von ihm, hinter dem Gebrabbel eines Kindes einen tieferen Sinn zu vermuten? Obwohl er zugeben musste, dass er es nicht als einfach als Gebrabbel abtun konnte, ihre Ausdrucksweise hatte ihn beeindruckt, eindeutig. Auch wenn sie frech und unverschämt gewesen war.

Herr Meier ging diesen Abend früh zu Bett. Er hatte sich bemüht, diese Gedanken zu verbannen, doch hinterhältig schlichen sie sich wieder und wieder an und drängten sich in den Vordergrund.

 

Als Herr Meier am nächsten Morgen seine Gang zum Bad hinter sich gebracht hatte, war er unruhig und nervös. Den ganzen Vormittag und Nachmittag ebenso. In der Arbeit war er unkonzentriert und noch launischer als sonst. Er hatte das Gefühl, als würde ihm etwas fehlen, nur wusste er nicht, was. Kennen Sie das? Es ist quälend, bestimmt Ihr Sein, als wäre es so wichtig, dass Sie einfach keinen klaren Gedanken mehr fassen können, bis Sie es gefunden haben. Der Magen krampft sich zusammen und Ihr Bauch schmerzt, fühlt sich unangenehm an, leichte Kopfschmerzen sind stete Begleiter.

Genauso ging es Herrn Meier. Er überlegte und überlegte, zermarterte sich den Kopf, aber es fiel ihm nicht ein. Es hatte mit dem kleinen Mädchen zu tun, das wusste er. Nein, vielmehr mit dem, was sie gesagt hatte. Seine Hände zitterten beständig, so sehr wühlte es ihn in seinem Innersten auf. Er fühlte sich, als hätte man ihm gesagt, dass ihm etwas fehle und er würde erst jetzt begreifen, was es war und es auch erst jetzt, wo er wusste, dass es weg war, mit einer Intensität vermissen, welche ihm Angst machte.

 

Abgespannt, müde und übellaunig schlurfte er nach Hause. Vor dem Kinderspielplatz hielt er an. Seltsam still und leer war es, nur das kleine Mädchen saß auf der Schaukel und wippte leicht mit den kleinen Füßchen in den schönen Sandalen hin und her. Sie sah exakt genauso aus wie gestern, was ihn ein wenig verwunderte. Sogar der Lutscher baumelte in ihrer Hand, er schien irgendwie noch dieselbe Größe zu haben, aber das konnte er sich auch einbilden. Langsam ging er auf sie zu. Die großen Knopfaugen sahen ihm ruhig entgegen, und Herr Meier begann, sich unbehaglich zu fühlen. Er wollte eigentlich seine Wut ablassen, etwas zetern, doch er brachte kein Wort heraus. Sie klopfte auf die leere Schaukel neben sich und, ohne, dass er genau wusste, warum, setzte er sich einfach. Er fühlte sich albern und kam sich neben dem Mädchen sehr klein vor, dumm und das irritierte ihn fürchterlich, nein, es machte ihm Angst.

»Hm, Sie trauen sich nicht so ganz, was?«, sagte sie und ihre Stimme hatte diesen seltsamen Unterton, als hätte sie ihn durchschaut, als kenne sie ihn besser, als er sich selbst.

Mit großen Augen sah er sie an. Ehe er sprechen konnte, musste er sich kräftig räuspern. »Trauen? Was trauen?«

Sie verdrehte die Augen. Sie hielt ihn für begriffsstutzig, da war er sich sicher.

»Ich weiß nicht, was du von mir willst«, sagte er und es klang völlig hilflos. Er fühlte sich mit einem Mal leer und sehr, sehr müde, traurig. Sie nickte verständnisvoll, als hätte sie seine Antwort erwartet.

»Da!«, entgegnete sie und zeigte auf die Schaukel. »Schaukeln Sie.«

Wie blöd sah er sie an. War das ein Witz?

»Schaukeln Sie. Los!«

Wollte das Kind ihm hier Befehle erteilen, oder was? Er wollte zu einer bösen Antwort ansetzen, als er bemerkte, dass er bereits wippte. Die Füße wippten nach vorne und zurück und die Schaukel setzte sich mit einem leisen Knarren in Bewegung. Irgendwie machte es ihm Spaß. Der Wind zog an seinen Haaren und ein Glücksgefühl schlich sich in sein Herz. Er lachte. Und er schaukelte, schneller und schneller, wippte fest mit den Füßen, schwang mit seinem ganzen Körper mit. Und er lachte, so, wie er noch nie in seinem Leben gelacht hatte.

 

Als er wieder zum Stehen kann, schwindelte ihm leicht, aber er fühlte sich großartig, lebendig. Wie neu geboren und er lachte noch immer. Tränen hatte er in den Augen, aber es waren gute Tränen. Er sah neben sich, doch das kleine Mädchen war weg, und als er zum Hausgang blickte, da war da eine ältere Frau, er hatte sie hier noch nie gesehen, aber sie trug Sandalen und ein langes Kleid. Und in ihrer Hand entdeckte er den Lutscher, der nun sehr klein wirkte. Ihr linker Zopf war verrutscht. Und sie lächelte ihn an, ehe sie sich umwandte und ging. Und was die Frau sah, war ein kleiner Junge, der mit einem breiten Lachen in seinem pausbäckigen, rotwangigen Gesicht auf der Schaukel saß und der Tränen lachte, vor lauter Freude.

»Sie haben ihn rausgelassen, wie schön«, sagte sie, und obwohl die Stimme einer erwachsenen Frau gehörte, erkannte er deutlich, dass es auch die des kleinen Mädchens gewesen war.

Ja, er hatte ihn rausgelassen, weil er ihn wieder entdeckt hatte. Den kleinen, fröhlichen Jungen in sich. Und er lachte und begann wieder zu schaukeln.

(sk)

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