Ausschreibung

Dark Empire

Archive
Folgt uns auch auf

Frederick Marryat – Die Sendung – Kapitel 21

Kapitän Frederick Marryat
Die Sendung
Umschlagzeichnung nach Originalentwürfen von Professor Honegger
Neue deutsche Ausgabe. Magdeburger Verlagsanstalt. 1915
Kapitel 21

Während unsere Abenteurer beisammensaßen und ihren melancholischen Gedanken über die Zerstreuung der Wolken nachhingen, sagte der Major: »Es führt zu nichts, hier bleiben zu wollen. Wir alle müssen zugrunde gehen, wenn wir nicht weiter ziehen. Es wird daher besser sein, wir lassen einspannen, um bei Nacht zu reisen. Es ist jetzt neun Uhr. Wir wollen die Ochsen ins Joch bringen und so weit vorrücken, wie wir können.«

»Ich bin mit Euch einverstanden, Major«, versetzte Alexander. »Was sagt Ihr dazu, Swinton?«

»Ich bin überzeugt, dass dies der beste Plan ist. Wir wollen daher unverweilt die Leute wecken.«

Die Khoikhoi wurden geweckt und erhielten Befehl zum Einspannen. Die armen Teufel hatten in tiefem Schlaf gelegen, denn ein Khoikhoi sucht, wenn er hungert und dürstet, nur im Schlaf eine Zuflucht gegen all sein Elend. Sobald die Ochsen im Joch waren, wurde die Reise wieder aufgenommen. Die Karawane hatte sich übrigens noch keine halbe Stunde in Bewegung gesetzt, als das Gebrüll von drei oder vier Löwen, die sich ganz in der Nähe befanden, die Pferde und die nicht eingespannten Ochsen dermaßen erschreckte, dass sie Reißaus nahmen und in vollem Galopp wieder die Richtung gen Norden einschlugen.

Alexander, der Major und Omrah, welche am besten beritten waren, setzten den flüchtigen Tieren augenblicklich nach. Swinton dagegen erhielt die Weisung, mit den Wagen weiterzufahren, da sie mit dem Vieh schon nachkommen würden. Sie galoppierten davon, so gut es ihren Pferden möglich war, und bemerkten bald die flüchtigen Tiere, welche noch immer dahinrannten, als würden sie von den Löwen gejagt. Es war übrigens nachgerade so dunkel geworden, dass sie sich nur noch durch den fernen Hufschlag leiten lassen konnten. Nach einer Jagd von etwa zwei Wegstunden hatten sie jede Spur der flüchtigen Tiere verloren. Sie hielten daher die schnaubenden Rosse an.

»Wir können ebenso gut wieder umkehren«, sagte Alexander. »Die Tiere müssen einen Umweg gemacht haben.«

»Vermutlich«, versetzte der Major, »aber mein Pferd zittert so sehr, dass es wohl am besten ist, ich steige ein wenig ab, damit es sich wieder erholen möge. Auch Ihr und Omrah – ihr beide dürft wohl meinem Beispiel folgen, denn die Rosse sind ganz zuschanden geritten.«

Die Sonne hatte schon die Hälfte ihrer Höhe erreicht und die Hitze war maßlos. Die Zunge klebte ihnen am Gaumen, aber obschon sich zu ihren Füßen reiche Blumenpracht entfaltete, war weder ein Wald noch eine Pfütze – ja, so weit das sehende Auge reichen konnte, nicht einmal ein Baum zu erblicken, der die Nähe eines Flussbettes bekundet hätte.

»Das ist schrecklich«, sagte Alexander, obschon er nur mit Mühe seine Worte hervorzubringen vermochte.

»Es fehlt nicht, wir haben uns verirrt«, versetzte der Major, »aber wir müssen auf Gott bauen.«

»Ja, wir können jetzt wohl sagen: Herr, hilf uns, oder wir gehen zugrunde«, erwiderte Alexander.

In diesem Augenblick ritt der kleine Omrah, der bescheiden den Nachtrab bildete, an sie heran und übergab ihnen eine der Khoikhoipfeifen, die er angezündet hatte, mit den Worten: »Rauch – nicht fühl dann so schlecht.«

Alexander nahm sie und fand nach einigen Zügen, dass sich ein wenig Speichel in seinem Mund ansammelte. Er gab dann die Pfeife dem Major, welcher das Gleiche tat und ebenfalls augenblickliche Erleichterung fühlte.

Sie fuhren fort, in südlicher Richtung ihre Pferde Schritt gehen zu lassen, aber die Hitze war jetzt so groß, dass sie fast unerträglich wurde, und endlich standen die Rosse ganz und gar still. Unsere Reisenden stiegen ab und trieben die Tiere langsam vor sich hin über den glühenden Boden. Die armen Pferde vermochten sich kaum weiter zu schleppen und gingen nur, wenn sie von Omrah getrieben wurden, der viel weniger zu leiden schien als die Gentlemen. Er bot ihnen hin und wieder die Pfeife an, die übrigens zuletzt keine Erleichterung mehr schaffte. Schon mehrere Stunden konnten sie nicht mehr sprechen. Wie sich aber allmählich die Sonne gegen den Horizont senkte und ihre glühenden Strahlen weniger heftig einwirkten, erholten sie sich einigermaßen wieder.

Mit Einbruch der Nacht setzten sie sich neben ihren Pferden nieder und sanken erschöpft in einen unruhigen Schlaf, der ihnen ebenso folternde Bilder vorführte, als diejenigen waren, mit welchen sie die Luftspiegelung im Laufe des Tages getäuscht hatten.

Sie erwachten sprachlos vor Durst; ihre Augen entzündet, ihre Körper glühten wie brennende Sohlen.

Nachdem sie eine Weile gelegen hatten, bedeutete Omrah dem Major und Alexander durch Zeichen, dass sie ihm folgen mochten. Der Ton, welchen sie vernommen hatten, war das Quaken eines Frosches, aus welchem sich entnehmen ließ, dass Wasser in der Nähe sein musste. Auch bestätigte das Schnüffeln der Pferde diese Vermutung. Omrah ging durch die Felsen voran und stieg immer tiefer und tiefer hinab, wobei er hin und wieder stehen blieb, um auf die Stimme des Frosches zu horchen, bis er endlich die Sterne des Himmels in einer kleinen Lache sich spiegeln sah, auf die er Alexander und den Major aufmerksam machte. Sie ließen sich auf die Erde nieder und tranken. Dann standen sie wieder auf und schoben Omrah vor, damit er gleichfalls trinke. Während der Knabe, der ihnen das Leben gerettet hatte, dies tat, knieten sie nieder und beteten – nicht laut, denn sie hatten ihre Sprache noch nicht wieder gewonnen. Aber wenn je ein dankbares Gebet zu dem Thron des Allmächtigen aufstieg, so war es das unserer zwei Reisenden, während sie an der Seite des Wassers knieten. Sie erhoben sich und eilten zu ihren Pferden zurück, um sie gleichfalls zum Wasser herunterzuführen, wo die armen Tiere sich fast zum Bersten anfüllten, hinweggingen und wieder zurückkehrten, nur um noch mehr zu trinken. Auch die Männer ließen sich dieses Labsal wiederholt behagen, worauf sie sich niederlegten, um neben dem Wasser sich dem Schlaf hinzugeben, wenn sie nicht Omrah, der nun wieder sprechen konnte, mit den Worten gewarnt hätte.

»Nein, nein – Löwen kommen hierher nach Wasser. Wieder den Fels hinauf und dort schlafen – ich bringe Pferde.«

Dieser gute Rat wurde befolgt. Nachdem sie die Anhöhe wieder erreicht hatten, legten sie sich nieder und schliefen bis zum Tage.

Beim Erwachen fühlten sie sich sehr erfrischt, obwohl sie das Nagen des Hungers empfanden, auf den sie im Übermaße ihres Durstes nicht geachtet hatten. Omrah schlief noch, und die Pferde weideten in einer Entfernung von etwa zweihundert Schritten.

»Wirr haben Gott für viel zu danken«, sagte Alexander zu dem Major.

»Jawohl, und außer dem göttlichen Beistand sind wir auch diesem armen Knaben tief zum Dank verpflichtet. Wir sind in seinen Händen wie Kinder gewesen, und nur er ist schuld daran, dass wir diese Nacht unser Leben gerettet haben. Ich konnte gestern nicht sprechen, und auch Ihr wart es nicht imstande, aber ich werde nie vergessen, wie mutig er mit dem Pferd zurückblieb, das er dem Löwen als Opfergabe anbot.«

»Er ist ein Kind der Wüste«, versetzte Alexander, »unter Löwen und an Orten erzogen, wo stets Wassermangel ist, hat er uns wunderbar auf unserem Pfad geleitet. Doch wir sind noch immer in der Einöde und haben unsere Gefährten verloren. Was sollen wir tun? Versuchen wir es, die Karawane wieder zu erreichen, oder halten wir uns westwärts, um wieder auf den Fluss zu treffen?«

»Wir können nach einem Stündchen darüber sprechen«, entgegnete der Major. »Jetzt aber wollen wir zu der Lagune hinuntergehen, und sobald ich einen Trunk getan habe, will ich versuchen, ob ich nicht etwas zum Essen schießen kann. Mein Hunger ist jetzt fast so groß wie mein Durst war.«

Während sie zu der Lache hinuntergingen, entdeckten sie über einem Fels den Kopf einer Antilope. Der Major gab Feuer und das Tier fiel.

Omrah begann nun trockenes Gras, Kräuter und Felsenmoos zu sammeln, von denen er bald genug zusammenbrachte, um ein kleines Feuer anzumachen. Dann schnitten sie sich von der Antilope einige Stücke ab und waren bald danach mit Verzehren ihres Mahles beschäftigt. Ihr Hunger war kaum beschwichtigt, als der Durst sich erneuerte, weshalb sie wieder zu der Pfütze hinuntergingen und mit geschlossenen Augen tüchtige Züge taten. Omrah kochte von dem Fleisch soviel wie bei dem kleinen Feuer möglich war, um im Verlauf der nächsten vierundzwanzig Stunden keinen Mangel zu leiden. Nachdem sie sodann die Pferde wieder zur Tränke geführt hatten, stiegen sie auf und ritten gen Süden, während Omrah zu Fuß nachfolgte. Abermals verging ein Tag, ohne dass sie die Karawane auffanden. Wasser war nirgends zu finden. Die Sonne entsandte glühende Strahlen, und als die Nacht einbrach, warfen sie sich, gleichgültig um ihr Leben, auf den Boden nieder. Ja, sie würden sogar um den Tod gebeten haben, wenn es nicht Sünde gewesen wäre.

Endlich konnten die Pferde nicht mehr weiter, sondern legten sich nieder. Unsere Reisenden taten ein Gleiches, um vielleicht nicht wieder aufzustehen. Die Strahlen der Sonne wirkten so sengend, dass sie ihre Köpfe in ein paar leere Ameisenhaufen steckten, um sich gegen die Hitze zu schützen. Sie lagen in einem ebenso hoffnungslosen Zustand da wie ihre Pferde. Sprechen konnten sie nicht. Ihre dürren Zungen rasselten wie Bretter gegen den Gaumen, ihre Rippen waren geschwollen, und die Augen quollen entzündet aus ihren Höhlen hervor. Endlich versanken sie in einen Zustand von Betäubung und verloren alles Bewusstsein. Aber die Vorsehung wachte über ihnen, und während ihrer Besinnungslosigkeit sammelten sich die Wolken aufs Neue – dieses Mal aber nicht bloß, um die Unglücklichen zu necken. Denn ehe der Tag schloss, stürzte der Regen in Strömen nieder und überflutete die ganze Ebene.

Bald nach Tagesanbruch hörte der Regen auf, und sie waren froh, sich in den Strahlen der Sonne, welche ihnen tags zuvor fast tödlich geworden waren, wärmen zu können. Die Pferde waren gleichfalls aufgestanden und weideten in der Nähe. Sie verzehrten mit Gier das aufbehaltene Fleisch der Antilope, das sie bisher noch nicht gekostet hatten. Mit inbrünstigen Dankesgefühlen für ihre Erhaltung gaben sie sich nun der Hoffnung hin, endlich doch die Kolonie zu erreichen, denn auf das Auffinden der Karawane hatten sie verzichtet, weil ihnen die Gefahr, durch die ganze Wüste zu ziehen, zu groß erschien. Sie beschlossen, mit möglichster Eile zu dem Vaalfluss zu halten und an dessen Ufern weiter zu reisen.

Sie hatten zwei Pferde, und Omrah konnte, wenn er müde war, hinten aufsitzen. Auch fehlte es ihnen nicht an Feuerwaffen und Munition. Obgleich sie wohl wussten, welchen Gefahren sie sich aussetzten, machten sie sich doch nach dem, was sie bereits erduldet hatten, nichts daraus. Sie bestiegen ihre Pferde und ritten im langsamen Trab gen Westen, denn die armen Tiere waren noch immer sehr schwach. Um Sonnenuntergang hatten sie ungefähr vier Wegstunden zurückgelegt und sahen sich nach einem Platz um, wo sie die Nacht verbringen konnten. Holz, um Feuer anzuzünden, war nicht vorhanden. Aber sie hofften, wenn ihnen die Pferde nicht durch die Löwen entrissen würden, am nächsten Abend einen Zweig des Flusses zu erreichen. An Wasser fehlte es für den Augenblick nicht, denn sie kamen wiederholt an kleinen Lachen vorbei, die vor ein paar Tagen nicht austrocknen konnten. Indes waren sie sich wohl bewusst, dass sie, wenn nicht noch mehr Regen fiel, alle früheren schrecklichen Entbehrungen wieder durchzumachen hätten, weshalb sie beschlossen, ihre Richtung zum Fluss hin zu verfolgen, da dies immerhin das Beste war, nachdem sie die Karawane verloren hatten.

Sie saßen auf einer Anhöhe und feuerten hin und wieder ihre Büchsen ab, um die Löwen zu verscheuchen, die sie umherschweifen hörten. Mit einem Mal stieß

Omrah einen lauten Schrei aus und deutete gegen Norden. Unsere Reisenden wandten sich um und bemerkten eine Rakete, die am Firmament aufstieg und zuletzt einen Regen von funkelnden Sternen ausstreute.

»Es ist die Karawane«, rief der Major. »Swinton hat sich erinnert, dass ich einige Raketen in meinen Wagen packte.«

Omrah lief nach den Pferden, die in der Nähe weideten, denn ihre instinktartige Furcht vor den Löwen bewog sie, sich so dicht wie möglich an ihre Herren zu halten. Der Knabe setzte sich hinter den Major, und dann brachen sie mit all der Eile auf, welche den Tieren zuzumuten war. Nach einer Weile stieg eine zweite Rakete auf, und aus dem Licht derselben entnahmen sie, dass die Wagen keine halbe Stunde entfernt sein konnten. Auch die Pferde schienen dies zu fühlen, denn sie beschleunigten ihren Trab, und nach wenigen Minuten hatten sie das Vieh erreicht. Swinton empfing unsere beiden Abenteurer mit offenen Armen, und die Khoikhoi umringten sie unter lauten Glückwünschen.

Sobald Alexander und der Major Swinton ihre Leiden mitgeteilt hatten, begann Letzterer seinen Bericht. Das Vieh sei ungefähr drei Stunden, nachdem sie von der Karawane aufgebrochen waren, zurückgekehrt. Er habe natürlich erwartet, dass sie bald nachkommen würden. Weil dies nicht geschehen war, habe er sich vorgenommen, jedenfalls einen Tag haltzumachen. Das Vieh sei aber so erschöpft geworden, dass es nur mit Schwierigkeit vorwärtskam und nach einer Fahrt von vier Stunden sich in den Jochen niederlegte. Dreizehn Stück seien umgekommen, und die übrigen hätten das gleiche Los teilen müssen, wenn nicht glücklicherweise der Regen gekommen wäre, der sie wiederherstellte.

Als unsere Reisenden zum ersten Mal in den Wagen übernachteten, fanden sie nach den behaglichen Betten der Kapstadt ihr Lager hart. Aber nun, nachdem sie ihre Nächte in der weiten Wüste verbracht hatten, wussten sie den Hochgenuss einer Matratze voll zu würdigen. Nachdem sie Gott für ihre Erhaltung gedankt hatten, erfreuten sie sich eines tiefen Schlafes bis zum Morgen, obgleich der Major durch die Zudringlichkeit Begums, welche über die Rückkehr ihres Gebieters ganz entzückt zu sein schien, öfters halb geweckt wurde.

Mit Tagesanbruch wurden die Ochsen eingejocht, und sie setzten ihre Reise fort. An Wild fehlte es nicht, denn es war im Gegenteil so reichlich vorhanden, dass sie es im Vorüberziehen der Karawane erlegen konnten. Am Abend hatten sie ungefähr zehn Wegstunden zurückgelegt. Noch ehe den Ochsen ihre Joche abgenommen waren, fiel wieder ein reichlicher Regen. Sie verbrachten die Nacht sehr ungemächlich, da es eigentlich kalt war und sie aus Mangel an Brennmaterial kein Feuer anzünden konnten. Indes war doch alles besser als der Wassermangel. Am anderen Morgen spannten sie frühzeitig ihre Ochsen wieder ein und setzten ihre Reise fort, bis sie nach einem erschöpfenden Tagesmarsche durch den Anblick der Bäume erfreut wurden, welche die Ufer des Modderflusses säumten. Die Khoikhoi brachen darüber in einen lauten Jubel aus, denn sie glaubten, sie seien fernerhin allen Gefahren und Schwierigkeiten überhoben, da sie sich den Grenzen der Kolonie näherten.

Sie blieben zwei Tage am Ufer des Modderflusses, setzten dann über und nahmen ihre Reise wieder auf.

Am zweiten Tag bemerkten sie auf den Gipfel eines ziemlich entlegenen Berges etliche kleine Menschengestalten, die von den Khoikhoi für Buschmänner erklärt wurden – ein Volk, welches diesen Teil des Landes in zahlreichen Horden bewohnte. Man machte den Versuch, einen Verkehr mit ihnen zu eröffnen, aber vergeblich, denn wenn man sich ihnen zu Pferde näherte, wichen sie eiligst zurück. Da die Karawane sich in dem Gebiet dieser Plünderer befand, so wurde das Vieh besonders sorgfältig bewacht und jedes Mal vor dem Nachteinbruch angebunden, damit es nicht gestohlen werde.

Montagmorgen brachen sie wieder auf. Sie hatten nur noch vier Stunden bis zum Rju Gareip, an dessen Ufern sie vor Abend anlangten. Am anderen Tag setzten sie nicht ohne Schwierigkeit über den Fluss, denn sie mussten je die Hälfte ihrer Ochsen an einen einzigen Wagen spannen und damit zurückkehren, um den anderen nachzuholen.

Sie befanden sich nun wieder in der Kolonie und glaubten nun, aller weiteren Mühseligkeiten und Gefahren überhoben zu sein. So gut wurde es ihnen übrigens erst eine Woche später, nachdem sie glücklich über die Schneeberge gesetzt hatten und in Graaf Reinet angelangt waren. An diesem lieblichen Ort hielten sie sich einige Tage auf, um die geeigneten Vorkehrungen zu treffen und sich mit Pferden zu versehen, damit sie in möglichster Bälde nach der Kapstadt reisen konnten. Die Obhut der Wagen überließen sie Bremen, der sie nachbringen sollte. Wir übergehen den Rest ihres Zuges zu Pferde, da er nichts Bemerkenswertes darbot, und begnügen uns mit der Angabe, dass sie am 11. Januar 1830 gesund und wohlbehalten in der Kapstadt anlangten, wo sie nach so vielen überstandenen Gefahren und Mühseligkeiten mit Wärme von Mr. Fairburn und ihren vielen Freunden bewillkommt wurden.

 

***

 

Alexander Wilmot bezog wieder seine frühere Wohnung in Mr. Fairburns Haus und bedauerte nicht, sich aufs Neue von allen Bequemlichkeiten und Genüssen der Zivilisation umgeben zu sehen. Die Abende verbrachten unsere Freunde damit, dass sie ihre Abenteuer Mr. Fairburn erzählten, der hoch erfreut über das Ergebnis der Sendung nach Port Ratal war, da es für den alten Sir Charles so befriedigend sein musste.

Alexander sehnte sich nun aufs Angelegentlichste, wieder nach England zurückzukehren, und beschloss, sobald die Wagen mit seinen Effekten angekommen wären, auf dem ersten aussegelnden Schiff Fahrt zu nehmen. Drei Wochen nach ihrer Ankunft auf dem Kap trafen die vier Wagen ein und erregten großes Aufsehen, da sie alle Arten zoologischer Merkwürdigkeiten, welche das Land bot, mitbrachten. Swintons Schätze wurden ausgeladen und zu seiner Wohnung gebracht. Man kann sich denken, dass sich unser Naturforscher in der Beschäftigung, die sie ihm gaben, so glücklich, wie nur irgendein Enthusiast fühlte. Alexander las sich nur wenige Dinge aus, darunter die Felle des Löwen und der Löwin. Was den Major betraf, so begnügte er sich mit der angenehmen Rückerinnerung, die Tiere erlegt zu haben.

Alexander ließ die Leute vor sich kommen und zahlte ihnen ihren Lohn, dem er noch für ihr Wohlverhalten eine Extragabe beifügte. Bremen und Swanevelt, die sich stets als treu und höchst zuverlässig erwiesen hatten, erhielten jeder einen Wagen und ein Gespann von zehn Ochsen zum Geschenk, mit denen sie sich künftighin ihren Lebensunterhalt verschaffen konnten. Der Rest des Viehs und die beiden anderen Wagen wurden der Besorgung Swintons überlassen, welcher sie verkaufen sollte.

Es wird hier der Ort sein, zu bemerken, dass einige Monate, nachdem Alexander und der Major das Kap verlassen hatten, Omrah, der von Swinton in einer Schule untergebracht worden war, in den Bund der christlichen Kirche aufgenommen und unter dem Namen Alexander Hendersohn Omrah getauft wurde, denn Mr. Wilmot und der Major versahen die Patenstelle durch Prokuratur. Der Knabe lernte sehr fleißig und befindet sich noch heutigen Tages bei Swinton. Er begleitete ihn mehr als einmal ins Innere und hat viel dazu beigetragen, seine Landsleute, die Buschmänner, von ihrer wilden Lebensweise abzubringen. Auch wurde er den Missionaren sehr nützlich, indem er ihnen als Dolmetscher Dienste leistete, wenn sie seinen heidnischen Brüdern das Wort verkündigten.

Ungefähr vierzehn Tage nach der Ankunft der Wagen in der Kapstadt warf ein Freihändler in der Tafelbai Anker, um Wasser aufzunehmen, und Alexander sicherte sich mit dem Major an Bord desselben eine Überfahrt nach England. Ersterer trennte sich mit großem Leidwesen von Mr. Fairburn und Swinton, mit dem er zu korrespondieren versprach, und die beiden Freunde segelten mit günstigem Wind nach St. Helena, wo sie einige Tage blieben und die Gelegenheit benutzten, das Grabmal Napoleons, des großen Franzosenkaisers zu besuchen. Eine Fahrt von sieben Wochen brachte sie in den Kanal und sie erblickten wieder die weißen Klippen von England.

Die Ungeduld, seinen Onkel zu sehen, von dem er auf dem Kap einen Brief mit der Nachricht, dass er sich in leidlicher Gesundheit befinde, angetroffen hatte, bewog Alexander, das Schiff in einem Lotsenboot zu verlassen und zu Falmouth ans Land zu gehen. Der Major zog es vor, in Portsmouth zu landen.

Unser junger Freund verabschiedete sich daher von ihm und reiste mit Eilposten, sodass er am zweiten Tag auf dem Gut seines Großonkels anlangte.

Alexander eilte die Treppe hinauf und stürzte sich wieder in die Arme des Sir Charles Wilmot, der ihn mit Wärme an seine Brust drückte und dann von der Aufregung erschöpft in sein Kissen zurücksank.

»Und nun, mein lieber, herzensguter Knabe, erzähle mir alles. Ich fühle mich in der Tat überglücklich, dich wieder zu sehen, denn ich habe keine Zeile von dir erhalten, seit du das Kap verlassen hast, und glaube wahrhaftig, die Angst, die ich um dich fühlte, ist der einzige Grund, warum ich das Bett hüten muss. Nun du wieder zurück bist, werde ich bald neu aufleben. Aber erzähle mir jetzt alles – ich will dich nicht unterbrechen.«

Alexander setzte sich an dem Bett nieder und verbreitete sich ausführlich über den Erfolg seiner Expedition nach Port Ratal. Er las ihm alle Notizen vor, die er gesammelt hatte, und bewies damit zur Genüge, dass die Abkömmlinge der Europäer, welche noch vorhanden waren, unmöglich von denjenigen abstammen konnten, welche in dem »Grosvenor«-Ostindienfahrer verloren gegangen waren.

Sir Charles Wilmot lauschte schweigend auf alles, was ihm Alexander mitzuteilen hatte, faltete dann seine Hände über der Bettdecke und rief: »Ich stehe tief in deiner Schuld, mein teurer Sohn, und wenn dir, wie ich von deinem wohlwollenden Herzen überzeugt bin, das Bewusstsein Befriedigung gewährt, dass du das Sterbebett eines Mannes versüßt hast, der dich liebt, so ist dir dieser Lohn geworden. Ich fühle mich jetzt ganz kräftig, und wenn es dir nicht ungelegen ist, so möchte ich eine Erzählung deiner ganzen Reise hören – nicht alles auf einmal, sondern nur von Zeit zu Zeit ein wenig.«

Die Erzählung und die sich daran knüpfenden Gespräche dienten viele Wochen dazu, den alten Gentleman zu unterhalten, der während dieser Zeit unausgesetzt das Bett hütete. Aber noch ehe der ganze Bericht zu Ende war, langte Major Henderson auf dem Gut an und wurde Sir Charles vorgestellt, der großes Wohlgefallen an ihm fand und ihn bat, so lange zu bleiben, wie er es hier angenehm finde. Der Major hatte auf Alexanders Ersuchen den Löwen und die Löwin in Leadbeaters bestem Stil zurichten lassen, und die Kiste war jetzt in der Halle angelangt. Man brachte sie in das Zimmer des Kranken, damit er sich eine Vorstellung von den Tieren machen könne, mit welchen sie zu kämpfen hatten, und dort blieb sie, denn der alte Gentleman wollte sie nicht mehr fortnehmen lassen.

»Diesem kleinen Omrah muss ich ein Geschenk schicken«, sagte Sir Charles eines Morgens, als er sich mit dem Major unterhielt. »Was dürfte wohl am passendsten sein?«

»Das weiß ich selbst kaum, Sir. Aber ich denke, eine Uhr würde wohl die willkommenste Aufnahme finden.«

»So bestellt mir, wenn Ihr nach London kommt, eine der besten goldenen Uhren, die nur gemacht werden können, und schickt sie ihm.

Da kommt Alexander – ich kenne ihn an seinem Tritt. Ich hoffe, Ihr gedenkt nicht, ihn zu verlassen, da die Jagdsaison vor der Tür steht. Der arme Junge würde sich ohne Euch sehr einsam fühlen.«

»Ich bringe gute Kunde, teurer Onkel«, rief der eintretende Alexander. »Swinton kommt nach Hause – ich habe einen Brief von ihm, und er wird, wie er meint, vierzehn Tage nach seinem Schreiben eintreffen.«

»Ich werde mich glücklich schätzen, ihm die Hand zu drücken«, versetzte Sir Charles. »Teile ihm mit, er solle uns sogleich nach seiner Ankunft besuchen.«

Swinton langte drei Wochen nach seinem Brief an, und wir brauchen kaum zu sagen, dass er aufs Wärmste willkommen geheißen wurde. Den kleinen Omrah hatte er nicht mitgebracht, weil er wünschte, dass er seine Erziehung beendige. Der Major aber erklärte, er habe den Knaben nur deshalb zurückgelassen, weil er fürchte, man werde ihm denselben abnehmen. So waren denn unsere Reisenden wieder vereinigt, und sie meinten, dass es in der Halle doch ebenso gemächlich sei wie in dem Bedschuana-Land. Freilich habe man keine so aufregende Jagden, indes seien sie jedenfalls auch nicht ganz so gefährlich.

Swinton und der Major blieben bei Alexander bis zu Beginn des nächsten Jahres und brachen dann gemeinschaftlich auf, um in demselben Schiff abzusegeln – der Major, weil er wieder zu seinem Regiment nach Indien zurück musste, und Swinton, weil ihn sein wissenschaftlicher Drang wieder nach Afrika zurücktrieb, wo er seine entomologischen Sammlungen zu bereichern hoffte.

Wie der Arzt erklärt hatte, stand Sir Charles nicht mehr von seinem Lager auf. Indes schwanden seine Kräfte nur unmerklich dahin, und erst im Sommer desselben Jahres ging er zu seinen Vätern. Er starb ohne Schmerz und im vollen Besitz seiner Sinne.

Alexander war nun der Erbe der Güter und des Titels. Er trat die Hinterlassenschaft an, ohne sich Vorwürfe machen zu können über sein Benehmen gegen den alten Onkel, der ihn noch sterbend gesegnet hatte.

 

Ende

2 Antworten auf Frederick Marryat – Die Sendung – Kapitel 21

  • Paule sagt:

    Wolfgang, gibt es hiervon auch ein ebook?
    Die Geschichte hast du vor einem Jahr beendet.

    • W. Brandt sagt:

      Die Story liegt nun auch in den bewährten Formaten .pdf, .epub, .mobi und .azw3 als kostenloser Download vor.
      Die sonst noch fehlen, werden in Kürze erarbeitet und online gestellt.
      Viel Spaß beim Lesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.