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Elbsagen 60

Elbsagen
Die schönsten Sagen von der Elbe und den anliegenden Landschaften und Städten
Für die Jugend ausgewählt von Prof. Dr. Oskar Ebermann
Verlag Hegel & Schade, Leipzig

60. Das Kruzifix in Wittenberg

In Wittenberg, sagt man, steht ein Christusbild, an welchem man die wunderbare Eigenschaft wahrnimmt, dass es immer um einen Zoll größer ist als der, welcher davorsteht und es anschaut, mag es nun der größte oder kleinste Mensch sein.

61. Fresskahle in Wittenberg

Jakob Kahle war ein Kohlgärtner zu Wittenberg, lebte ums Jahr 1723 und hatte durch seinen sonderbaren Appetit sich einen weltberühmten Namen gemacht. Die Natur scheint ihn nicht gerade zu diesem derben Appetit gezwungen zu haben, aber für ein Stück Geld war er sogleich bereit, alles, was man verlangte, zu verzehren, zum Beispiel einen ganzen Schöps oder ein Ferkel. Dann wieder einmal acht Schock Pflaumen mit den Kernen, ferner vier Metzen Kirschen. Dies zeigt von starkem Hunger, aber sein Appetit verschlang auch irdene Tiegel, Krüge, Schüsseln und Teller, ja sogar einmal einen halben Ofen. Ferner zerquetschte er Glas und Kieselsteine mit den Zähnen, und wenn er in die Bürgerhäuser kam, bat er um eine Kieselsteinsuppe. Man gab ihm dann eine gute Brühsuppe mit Brot; gewöhnlich ließ er die Steine liegen, verlangte man es aber, so aß er sie. Ein anderes Mal verschlang er für Geld einen ganzen Dudelsack, sodass der Spielmann die Flucht ergriff, aus Furcht, dass die Reihe an ihn selber kommen könnte. Lebendige Tiere, Vögel, Mäuse und dergleichen verschlang er, sodass die Laute dieser Geschöpfe aus seinem Bauch heraus vernommen wurden. Einmal verschluckte er in Gegenwart von sieben, später deshalb eidlich vernommenen Personen ein ganzes Tintenfass aus Eisen und Zinn zugleich mit Federn, Federmesser, Tinte und Sand. Ebenso außerordentlich war seine Stärke mit den Zähnen selbst. Er zog einstmals aus einem Rad mit den Zähnen allein all die großen Nägel, womit es beschlagen war, heraus. Mithilfe einer bloßen Leine trug er mit den Zähnen den größten Amboss von einer Schmiede weg, den kaum zwei Schmiedegesellen bewegen konnten. Auf seinem Rücken trug er einst vier derbe Bauern aus dem Dorf Pratau in die Stadt, ohne auszuruhen. Dies trieb er bis ins sechzigste Jahr, dann fing er aber an, mäßig zu leben und brachte sein Leben bis auf neunundsiebzig Jahre. Als nach seinem Tod sein Leichnam geöffnet wurde, wurde das Innere seines Magens mit langen rauen Haaren bewachsen gefunden. Noch heute nennt man im Land Sachsen einen Menschen, der auffällig viel isst, einen Fresskahle.

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