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Eine Räuberfamilie – Zweites Kapitel

Emilie Heinrichs
Eine Räuberfamilie
Erzählung der Neuzeit nach wahren Tatsachen
Verlag von A. Sacco Nachfolger, Berlin, 1867
Zweites Kapitel
Der deutsche Zauberer

Während dieser Zeit saß Leonardi oder Leonhardt, wie sein deutscher Name war, in seinem prächtigen Zimmer und starrte unverwandt, als hätte er irgendeine Vision, zur Decke empor.

Sein Diener, der treue, riesige Georg, den man in seiner deutschen Heimat stets Schorse genannt hatte, stand an der Tür und schaute mit bekümmerter Miene zu seinem Herrn hinüber. Einige Male hatte er schon gehustet, ohne dass jener es bemerkt oder Notiz davon genommen hätte.

Nun schien er es nicht mehr aushalten zu können. Er trat einige Schritte näher und sagte mit leiser, bittender Stimme: »Wollen Sie sich denn nicht schlafen legen, lieber gnädiger Herr?«

Leonhardt fuhr aus seinem starren Sinnen erschreckt empor und blickte den treuen Diener erzürnt und finster an.

Dieser wiederholte, ohne zu zögern, seine Frage.

»Du bist ein Narr und quälst mich buchstäblich mit deiner Hundetreue«, rief sein Herr unwillig. »Leg dich aufs Ohr oder scher dich zum Teufel!«

»Wie Sie befehlen, gnädiger Herr!«, versetzte Georg, welcher wohl im Alter an zehn Jahre mehr zählen mochte als sein Herr. »Zürnen Sie mir nicht, aber in dieser Nacht weiche ich nicht von Ihrer Schwelle.«

»Willst du dich zu meinem Tyrannen aufwerfen? Hüte dich, mein Freund, noch bin ich Herr und kann dich in der nächsten Stunde fortjagen.«

»Das werden Sie nicht tun, gnädiger Herr! Wer sollte dann über Ihr teures Leben wachen in diesem nichtsnutzig falschen Welschland? Hat doch der alte Herr Baron, als Sie durchaus fortwollten, mich deshalb von sich gegeben, da er wusste, dass er keinen treueren Hund als mich in der ganzen Welt finden konnte.«

Der junge Mann streckte ihm die Hand entgegen und sagte mit bewegter Stimme: »Du hast recht, mein vielgetreuer Corso, es war nicht so schlimm von meiner Seite gemeint.«

»Das wusste ich wohl, gnädiger Herr«, versetzte der Diener, »ich kenne ja am besten Ihr gutes Herz. Doch eine Bitte müssen Sie mir erfüllen!«

»Nun?«

»Nennen Sie mich nicht immer Corso, ich komme mir schon ganz verwelscht vor und denke immer, mein ehrlicher deutscher Name müsse sich schämen, so spitzbübisch verhunzt zu werden. Juckt mir doch allemal die Hand, wenn der Kerl mit dem Banditengesicht, der Marco, mich so nennt. Ich habe ihm auch darum viel tolles Zeug aufgebunden, dass er schon bei Ihrem Namen zittert, gnädiger Herr!«

»Ei, was könnte das so Schreckliches sein, mein lieber Corso? Ah so, Georg oder Schorse, wollte ich sagen«, erwiderte Leonhardt, wieder zerstreut zu der Decke emporschauend.

»Ja, Georg oder Schorse, das ist mir einerlei, gnädiger Herr«, sprach der Diener vergnügt, »doch hören Sie, was ich dem Welschen aufgebunden habe. Sie könnten alles, auch zaubern!«

»Kerl, bist du verrückt?«, fuhr Leonhardt unwillig empor, »mich hier in diesem von Aberglauben erfüllten Land für einen Zauberer auszugeben. Das kann mir die Freiheit kosten.«

»O, so schlimm wird es doch nicht sein«, stotterte Georg heftig erschreckt, »der Herr Marchese zum Beispiel ist gar nicht abergläubisch, und seitdem Garibaldi hier aufgeräumt hat, sind die Klöster leerer und die Köpfe klüger geworden.«

»Schweig, du hast mich in deinen Unterhaltungen stets aus dem Spiel zu lassen, verstanden?«

»Ja, ja, lieber gnädiger Herr, ich werde in Zukunft stumm wie ein Fisch sein«, antwortete Georg mit einem Seufzer, »dieses verdammte Welschland, wären wir doch erst daheim in unserem lieben Deutschland, wo die Menschen treuer und selbst die Luft ehrlicher ist.«

»Du musst dich schon noch ein wenig gedulden«, sagte Leonhardt, »bevor wir die Heimreise antreten. Ich spüre noch nicht die geringste Lust nach dem kalten Norden.«

»Das begreife ich nicht«, meinte Georg kopfschüttelnd, »dort wird man doch nicht von Räubern und Mördern überfallen. Und dann der alte Herr Baron, er sehnt sich ganz krank nach Ihnen, nun sind wir schon über drei Jahre in der Fremde.«

»Ich kann noch nicht heimkehren, mein alter Freund«, versetzte Leonhardt, träumerisch empor starrend, »hier ist meine Heimat, dort im kalten Norden müsste ich sterben. Doch wenn du Heimweh hast, mein guter Georg, ich will dich nicht zurückhalten, wie sehr ich dein ehrlich deutsches Gesicht auch hier vermissen würde.«

»Mein ehrlich deutsches Herz sagen Sie lieber, gnädiger Herr!«, rief Georg lebhaft und gerührt, »nein, ich bleibe bei Ihnen. Es ist mir just, als drohe Ihnen in nächster Zeit eine große Gefahr. Dieser Student, welcher so schnell, als sei er wirklich ein Zauberer, die Signorina befreite, kommt mir schlimmer vor. Ich fürchte, der Herr Marchese hat sich da den Teufel selber zu Gast geladen.«

Leonhardt blickte seinen Diener überrascht an und nickte dann langsam und nachdenkend.

»Sein Gesicht gefällt mir nicht«, sagte er leise, wie zu sich selbst.

»Mir auch ganz und gar nicht«, setzte Georg entschieden hinzu, »und die Rettung muss auch einen absonderlichen Haken haben. Sie waren ihrer vier, und er allein, dazu das Boot dicht vor der Nase.«

»Ja, ja, die Geschichte ist dunkel, rekognoszieren wir ein wenig, mein guter Georg.«

»Das werde ich tun, gnädiger Herr, habe schon einen kleinen Leitfaden, der soll mich wohl weiter führen. Der Marco nämlich, das Banditengesicht erschrak so heftig, als er den Fremden erblickte, dass er fast den Leuchter hätte fallen lassen. Verdammt will ich sein, hier mein Leben beschließen zu müssen, wenn die beiden sich nicht genauer kennen.«

»Gut, Georg! Ich will dich ewig segnen, wenn du mir über den fremden Gast nähere Aufschlüsse bringen kannst. Doch jetzt geh zur Ruh, ich will noch nach Deutschland schreiben.«

»An den Herrn Baron?«, fragte Georg erfreut.

Leonhardt nickte.

»Soll ich Grüße bestellen?«

»Ei, das versteht sich, gnädiger Herr! So viel der liebe, alte, gnädige Herr nur immer annehmen will. Und einen Extragruß noch an Fräulein Agnes.«

»Agnes?«, fragte Leonhardt erstaunt.

»Nun ja, des Inspektors Tochter, sie ist bei der Großmutter erzogen, weil die Mutter so früh gestorben ist. Nun ist sie beim Vater auf Wildau, wie mir der alte Jean, der Gärtner, in dem Brief schreibt, den mir der gnädige Herr heute gegeben hat.«

»Ach, Agnes Walter«, rief Leonhardt. Ein Lächeln überflog sein Gesicht, »jetzt erinnere ich mich des blondlockigen Kindes. Sie muss noch keine achtzehn Jahre alt sein.«

»Noch nicht, zu Weihnachten ist ihr Geburtstag, da wird sie wohl so alt werden. Nun also, gnädiger Herr! Den Gruß an Fräulein Agnes Walter …«

»Ich werde ihn nicht vergessen, Georg, nun aber marsch mit dir zu Bett.«

»Und Sie legen sich auch bald zu Bett, lieber gnädiger Herr?«

»Sobald ich den Brief nach daheim beendet und alle deine Grüße bestellt habe. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, gnädiger Herr! Träumen Sie von daheim.«

Mit diesen Worten verließ Georg das Zimmer, während Leonhardt sich mit einem Seufzer erhob und, die Hände auf den Rücken gelegt, auf und ab zu wandern begann.

»Von daheim träumen!«, seufzte er, »ja, wenn das möglich wäre, wo die rebellischen Gedanken immer nur bei ihr, der Süßen, Herrlichen weilen. O, Arabella! Was ist aus mir geworden, seit ich deinen Spuren folgte wie ein Sklave?«

Der junge Mann hatte alles vergessen, Heimat und Vaterland, seinen geliebten Wohltäter, der ihn dem Waisenhaus einst entnommen und an Sohnes statt erzogen, zu dem Erben seines Namens und Vermögens eingesetzt hatte. Alles, alles hatte er vergessen um einer Frau willen.

Als er sie vor wenigen Monden erst in der Hauptstadt Frankreichs gesehen hatte, war seine Ruhe dahin. Als der alte Marchese ihn anredete und mit seltsamer Unruhe nach Namen und Herkunft fragte, ja, ihn sogar mit zitternder und flehender Stimme bat, ihm nach Italien, welches der junge Mann mit seinem Diener fast ein volles Jahr durchstreift hatte, aufs Neue zu folgen, da hatte Leonhardt bereits keinen Willen mehr. Er fühlte sich gefangen von den schönsten Augen der Welt und träumte nur noch von ihr, ja, fühlte sich nur in ihrer Nähe zufrieden und glücklich.

Wohl schrieb der alte Baron in letzterer Zeit häufiger als jemals von baldiger Heimkehr, deutete auch wohl leise auf seine zunehmende Kränklichkeit hin. Leonhardt las und legte die Briefe seufzend auf die Seite.

Der Marchese war mit seiner schönen Nichte vorangeeilt nach Neapel. Leonhardt hatte in Florenz einen letzten Versuch gemacht, den Stimmen der Vernunft und der Pflicht der Dankbarkeit zu folgen, und heimzukehren zu dem alten Mann, der in seinen Armen zu sterben wünschte. Es war umsonst, ohnmächtig gegen die Gewalt einer wahrhaft dämonischen Leidenschaft, ließ er die Stimmen aus der deutschen Heimat verklingen und eilte ihr nach, um sich an ihrem Anblick zu berauschen.

Warum der närrische Georg nun auch gerade in dieser Nacht von dem alten Mann daheim aus Schloss Waldau so viel reden und den Stachel des Gewissens wider ihn kehren musste.

Ruhelos wanderte er auf und ab in seinem Zimmer, die ganze Szene von dieser Nacht, wie er sie soeben am Golf erlebt hatte, stand mit allen Kleinigkeiten vor seinen Augen. Wie war er glücklich gewesen auf dieser nächtlichen Gondelfahrt. Er hatte an ihrer Seite sitzen dürfen, von ihrem seidenen Gewand berührt. Alle geheimnisvollen Schauer der Liebe hatten dabei seine Seele durchflutet und des Mondes magischer Schimmer, die leise plätschernden Wogen, der ganze Zauber einer südlichen Nacht alle seine Sinne in namenlosem Glück und nie gefühlter Seligkeit gefesselt. Und nun? Leonhardt seufzte tief auf. Was musste sich jenes hässliche Bild in seinen seligen Traum verweben und denselben hohnlachend zerstören?

Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn und fluchte seinem Geschick, dass jenem Verhassten die Rettung verliehen hatte.

Hätte er sich in seinen verwegensten Träumen etwas Schöneres ausmalen können? Von Räubern umgeben, in der höchsten Gefahr von ihm gerettet, musste die Dankbarkeit sie nicht zur Liebe für den Retter ihres Lebens, ihrer Ehre entflammen?

Und nun durfte ein Fremder diese Dankbarkeit für sich in Anspruch nehmen, und er musste vor ihr stehen mit dem Brandmal der Feigheit, obwohl er sich wie ein Ritter gegen die schlangenartigen Angriffe der Banditen gewehrt hatte. Ihr furchtbares Los wäre ohne die Dazwischenkunft des Studenten rettungslos entschieden gewesen.

Dieser Gedanke drohte ihn halb wahnsinnig zu machen. Wie durfte er sich ihr wieder nähern? Wie durfte er es wagen, ihr seinen Schutz fürs Leben anzubieten, da er es nicht einmal vermocht hatte, sie mit seiner ganzen Begleitung vor einer Unterzahl zu schützen?

Der Gedanke, dass der ganze Überfall ein feines, abgekartetes Spiel von dem Studenten aus Bisaccia sein müsse, der Arabella gesehen und sich in sie verliebt habe, und auf jene Weise Zutritt in den Palast sich habe erschleichen wollen, fuhr ihm wie ein Blitz durchs Gehirn. Und wenn dies auch wirklich so wäre, wie es ihm beweisen?

Marco! Er grübelte diesem Leitfaden, den ihm sein treuer Georg gegeben hatte, mit qualvoller Unruhe nach und vergaß darüber wieder den Brief in die Heimat, wie die Grüße an Agnes Walter, welche jener ihm aufgetragen.

Er kam endlich zu dem Resultat, dem Marchese einige Andeutungen seines Verdachts zu geben. Aber, musste ihn das nicht in den Augen des alten Herrn in den Verdacht des Neides und der daraus entspringenden falschen Denunziation bringen? Er zitterte bei diesem Gedanken und beschloss, der Sache ihren Lauf zu lassen, nichts zu tun, was auch nur den kleinsten Flecken auf seine Ehre werfen könnte.

So verflossen die Stunden bis zum Morgen, sie fanden ihn noch angekleidet, noch ruhelos umherwandernd, der Brief war nicht geschrieben. Er setzte sich hin, um diese Pflicht nun zu erfüllen. Die Gedanken kreisten wirr in seinem Kopf umher, er vermochte sie nicht zu ordnen, nicht auf daheim zu richten. Ihr zauberisches Bild drängte sich gewaltsam in alle Gedanken und erfüllte Kopf und Herz so vollständig, dass nicht Raum für andere Bilder mehr war.

Und doch wartete der alte Mann daheim schon so lange auf einen liebevollen, ausführlichen Brief, wie er sie früher stets mit so kindlicher Liebe geschrieben hatte. Ein paar kurze, kalte, verworrene Zeilen, das war alles, was sein Wohltäter seit vielen Monden von ihm erhalten hatte.

Leonhardt führte den Namen von Waldau, doch hatte ihn eine augenblickliche Caprice bewogen, dem Marchese nur seinen Taufnamen Leonhardt zu nennen, wonach ihn dieser mit italienischer Zunge Leonardi nannte.

»Nein, ich kann nicht schreiben, mein guter, alter Vater!«, rief er in fieberhafter Aufregung, indem er die Feder hinwarf und seine Wanderung aufs Neue begann.

Dann blieb er stehen, Entschlossenheit malte sich in dem männlich schönen Antlitz, dessen blaue Augen in diesem Moment, wie Marco sich ausdrückte, Flammen sprühten.

»Es soll ein Ende haben, diese Qual und Zweifel«, rief er laut, »ein Gang durch die herrliche Gegend wird mich erfrischen und der neue Tag soll mein Glück oder Unglück entscheiden. Wenn sie mich, wie ich zu hoffen wähnte, wirklich liebt, dann wird mein Missgeschick bei dem nächtlichen Überfall die wahre Liebe nicht verringern. Wo nicht, nun dann fort in die Heimat, um zu vergessen!«

Er atmete tief auf, machte ein wenig Toilette, um die Folgen der durchwachten Nacht zu verwischen, ergriff dann seinen Hut und verließ heimlich, da die Dienerschaft größtenteils schon auf und die Hintergebäude bereits geöffnet waren, den Palast.

Er wähnte, ungesehen hinausgekommen zu sein, zwei Augen hatten ihn jedoch sehr wohl bemerkt, zwei gehässige, eifersüchtige, boshafte Augen, welche auf seinen Untergang sannen.

Pasquale Rapo konnte aus seinem Fenster alles überschauen, was sich auf der Rückseite des Palastes zutrug. Er verfolgte seinen Feind, denn das war in seinen Augen Leonardi, mit Geierblicken. Als er sich überzeugt hatte, dass derselbe seinen Weg dem Meer zu nahm, sann er eine Sekunde nach, riss dann schnell ein Blatt Papier aus seiner Schreibtafel und warf eilig einige Zeilen mit Bleistift darauf.

Dann ging er hinunter und winkte Marco, den er im Hof gesehen, zu sich.

»Gib dieses Papier dem ersten besten Lazzaroni. Er soll dem Deutschen folgen, welcher seinen Weg zum Golf hinunter genommen hat. Rasch, bei deinem Leben, dass mein Befehl genau ausgeführt werde.«

Marco nahm schweigend das Papier und eilte mit einem Seufzer hinaus, während sich Rapo wieder zu seinem Zimmer hinauf begab, um aufzupassen, ob jener gehorche.

Es lungerte schon eine Menge der zerlumpten Gestalten auf den Straßen umher, woselbst sie auch ihr Nachtquartier für gewöhnlich aufgeschlagen hatten, um sich ihre geliebten Makkaroni für einige Gänge zu verdienen. Nach wenigen Minuten sah Rapo einen dieser Gesellen dem Meer zueilen und richtig, er holte den Deutschen, der langsam, in tiefen Gedanken am Strand dahinschritt, bald ein und übergab ihm das Papier.

Der Lazzaroni hatte sicherlich seinen Botenlohn schon empfangen, nichtsdestoweniger hielt er die Hand mit trotziger Gebärde hin und Leonhardt legte mechanisch ein Geldstück in dieselbe, über welches der Bettler offenbar ebenso erstaunt wie erfreut war und sich mit einer tiefen, unterwürfigen Verbeugung entfernte.

Leonhardt öffnete das Papier und las verwundert:

Über die seltsame Rettung der Marchesa del Cantonelli durch den Studenten Rapo aus Bisaccia kann ein Mann, der den Letzteren genau kennt und Ihnen interessante Aufschlüsse zu geben imstande ist, alles, was Ihnen wünschenswert erscheint, mitteilen – heute Nacht Punkt 12 Uhr bei den Ruinen von Pompeji.

Leonhardt schritt ruhig weiter. Er hatte an diesem himmlischen Morgen keinen Blick für die wundervollen Schönheiten der Natur, sondern starrte unverwandt auf das geheimnisvolle Papier und studierte es unaufhörlich.

Wer konnte ihm diese Zeilen geschrieben haben? Einen Augenblick dachte er sogar an den Studenten, doch schüttelte er sogleich den Kopf. Der Gedanke war zu absurd.

Er musste von seinem früheren Aufenthalt in Neapel her vielleicht einen unbekannten Freund besitzen, dem er, unmöglich war es ja nicht, Wohltaten erzeigt hatte. Wer kann sich dergleichen an alles erinnern, fiel ihm hierbei doch sogar die Fabel vom Löwen und der Maus ein.

Es geht fast jedem Menschen in ähnlichen Verhältnissen so, wenn die Seele fortwährend mit der Lösung eines interessanten Rätsels, welche unser Lebensglück bedingt, beschäftigt ist. Dann ergreifen wir mit Begierde jede Gelegenheit dazu und rennen auf diese Weise oft blindlings in Gefahr und Verderben.

So auch Leonhardt. Er verwarf entschieden den Gedanken an einen Feind, an irgendeine Falle, und ein Freund, der den Studenten aus Bisaccia zu fürchten hatte und sich deshalb in den Mantel des Geheimnisses hüllen musste, konnte ihm die gewünschten Aufschlüsse geben wollen und überhaupt ein solches Interesse an seinem Geschick nehmen.

»Ah, mir geht ein helles Licht auf«, rief er plötzlich so laut aus, dass er vor sich selber erschrak, »sagte mir nicht mein Georg, der Marco habe beim Anblick des fremden Gastes so gezittert, dass er bald den Leuchter habe fallen lassen? Dieser Mensch wird den Rapo, wie er sich nennt, Gott mag wissen, ob er nicht einen anderen Namen führt, fürchten. Weshalb brauchte er sonst so zu erschrecken? Ja, ja, das ist logisch, Marco hat mir diese Zeilen geschrieben, ich werde ihn im Laufe dieses Tages beobachten, und wenn es harmlos geschehen kann, ein wenig auf den Zahn fühlen. Auf, Pasquale Rapo, der Kampf ist eröffnet, es gilt einen hohen, köstlichen Preis, wer du auch bist, meine Losung ist: Tod oder Sieg

Von einer fieberhaften, unheimlichen Aufregung, welche sein Blut wie einen Lavastrom durch die Adern jagte, gepackt, kehrte er um, und eilte, als verfolge ihn ein böser Geist, nach Hause.

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