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Dark Empire

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Die Hexen von Forres – Kapitel 6

Die Hexen von Forres
Oder: Der unglückliche König Stuart Robert III. und seine Söhne
Eine wahre Schauergeschichte aus alter Zeit
Sechstes Kapitel

Eine Freundin in der Not

In solcher Lage verlebte Rothsay bereits 4 Tage mit seinem knochigen Zellengenossen, ohne dass er in seiner stillen Kerkereinsamkeit gestört worden wäre, außer mittags und abends, wo der Kerkermeister ihm Speise und Trank vorsetzte, aber ohne ein Wort zu sprechen.

Daran wäre dem Prinzen nun wenig gelegen gewesen, ob dieser ihm das Essen schweigend oder plaudernd brächte. Eine ungleich bedenklichere Miene aber machte er, als am vierten Tag der Kerkermeister gar nicht mehr erschien. Doch überredete er sich alsbald, dass dieses nur aus Versehen geschehen wäre und wartete so, obwohl mit hungrigem Magen, den folgenden Tag ab. Der nächste Tag brach an, es schlug zwölf Uhr mittags, schlug sechs und neun Uhr abends, aber niemand erschien, der ihm auch nur einen Bissen zu essen, einen Schluck zu trinken gebracht hätte. Eine furchtbare Ahnung stieg in seinem Inneren auf. Indem er mit verzweifelten Blick auf die Wände seines Kerkers schaute, sprach er in gepresstem, klagendem Ton: »O ihr Wände meines Kerkers, sagt mir, ich bitte euch, seid ihr die Mauern des schrecklichen Hungerturmes. Doch nein, sagt es nicht, ich bitte euch, sagt Nein, sagt Nein, wenn euch das Leben eines jungen Prinzen noch erbarmt. Und du, mein Genosse«, sprach er in halber Verzweiflung weiter und küsste den Totenschädel, als hätte er einen lebenden Kameraden vor sich, »und du, mein Genosse, bist du durch Hunger gestorben? Nein, nicht wahr, du bist nicht durch Hunger hier umgekommen. Ein meuchelmörderischer Dolch hat deinen Herzschlag stehen gemacht? Sage Ja, lieber Freund! Lieber 30 Dolchstiche in der Brust als verhungern. Aber nein, er schweigt. Nun ja, ich merke es wohl an deinem entfleischten Antlitz, an deinen abgezehrten Armen, dich quält der Hunger mehr als mich. Doch ich will barmherziger sein als Albany. Stirb, Kamerad, ehe du verhungerst.« Mit diesen Worten schleuderte er den Schädel an die Wand, dass er in Splitter zersprang.

Dann lachte er wild auf und schrie: »So stirbt, wer nicht verhungern mag. Ich folge deinem Beispiel, Kamerad!«

So deklamierte der arme Prinz, der, wie man aus seinen Worten ersieht, schon halb wahnsinnig geworden war, fort und stand schon im Begriff, sich seinen Kopf an der Wand zu zerschmettern, als er plötzlich durch das Kellerfenster vom Hof herab, leise, aber deutlich seinen Namen rufen hörte. Er fuhr wie aus einem Traum auf. Mit einem Mal war er ganz verändert. Schon glaubte er den Retter vor sich zu haben, der das Eisengitter des Fensters zersprengte und ein Seil herunterließ, welches ihn mit einem Schwung in Freiheit setzen sollte. Und wirklich, es kam langsam ein Seil herunter. Mit fieberhafter Hast ergriff es der Prinz und wollte sich emporschwingen; aber im selben Augenblick gab das Seil nach und fiel zur Erde. Nun erst merkte er, dass etwas daran befestigt war. Sogleich bemächtigte er sich desselben. Von oben aber hörte er dieselbe Stimme wieder flüstern: »Nehmt, Prinz, das Stückchen Kuchen und das Wasser, welches ich Euch in verschlossenem Gefäß hinabgelassen habe. Es ist leider das Einzige, was ein altes, armes Weib geben kann. Ich werde alle Tage abends wiederkommen. Haltet Euch noch einige Tage ruhig. Für jetzt kann ich leider zu Eurer Befreiung nichts tun. Doch kommt Zeit, kommt Rat.«

Mit diesen Worten verschwand die Frau im Dunkel der Nacht, ohne des Prinzen Dank abzuwarten. Der Prinz war nun allerdings in seiner Hoffnung auf Befreiung getäuscht; aber doch konnte er wieder einige Tage sein Leben fristen und so vielleicht die Stunde noch erleben, wo für ihn ein Retter und Befreier erschiene.

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