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Der Marone – Hauptmann Cubina

Thomas Mayne Reid
Der Marone – Erstes Buch
Kapitel 34

Hauptmann Cubina

Als das Frühstück eingenommen war, schickten sich die Maronen an, fortzugehen. Bereits war der Eber zerlegt und, in geeignete Stücke zerteilt, in die verschiedenen Cutacoos verpackt worden.

Die blutrünstigen Striemen auf dem Rücken des Flüchtlings waren von Quaco mit einer balsamischen Wundsalbe eingerieben worden. Durch Zeichen wurde dem unglücklichen Mann zu verstehen gegeben, dass er die Maronen begleiten solle. Anstatt sich zu weigerte, leuchteten seine Augen von der lebhaftesten Freude, denn nach der ihm von ihnen erwiesenen freundlichen Behandlung konnte er nichts Schlimmes erwarten. Was auch immer in Zukunft ihre Absichten mit ihm sein mochten, ihr Führer hatte ihn von Feinden befreit, deren grausame Behandlung unauslöschlich auf seine eigene Haut abgestempelt war. Er wusste, dass er kaum in gefühllosere Hände geraten könne, als die gewesen, denen er soeben entwischt war. Hierüber beruhigt betrachtete er seine neuen Bekanntschaften ganz als Befreier. Hätte er indessen ihren wahren Charakter wie ihren eigentlichen Beruf vollkommen gekannt, er würde sich kaum einer so glücklichen Täuschung überlassen haben.

Die Maronen waren aus Achtung vor ihrem Führer, den sie mit unterwürfiger Ehrerbietung zu behandeln schienen, etwas vorausgegangen und hatten den Hauptmann Cubina mit seinem englischen Gast allein gelassen, der, seine Flinte auf der Schulter, bereitstand, ebenfalls weiterzuschreiten.

»Sie sind fremd hier auf der Insel?«, sagte der Marone halb fragend. »Ich denke mir, lange sind Sie noch nicht bei Ihrem Onkel gewesen?«

»Nein«, antwortete Herbert. »Vor gestern Nachmittag habe ich meinen Onkel niemals gesehen.«

»Caramba!«, rief der Jägerhauptmann verwundert aus. »Da sind Sie gerade erst angekommen? In diesem Fall, Herr Vaughan – und das ist der Grund, warum ich so kühn war, Sie zu fragen – werden Sie den Weg nach Willkommenberg zurück kaum zu finden imstande sein. Einer von meinen Leuten soll mit Ihnen gehen.«

»Nein, ich danke Ihnen, ich werde ihn schon allein finden.«

Herbert zögerte zu sagen, dass er gar nicht nach Willkommenberg gehen wolle.

»Es ist ein sehr krummer und verwickelter Weg«, versetzte der Marone, »obwohl er für denjenigen, der ihn kennt, nicht schwer zu finden ist. Sie brauchen den Führer nicht bis zum großen Haus mit sich zu nehmen, wenn schon Herr Vaughan, wie ich glaube, gar nichts dagegen hat, dass einer von unseren Leuten seinen Grund und Boden betritt, wie dies freilich einige andere Pflanzer tun. Sie können den Führer entlassen, wenn Sie den Ort sehen. Doch ohne denselben, fürchte ich, werden Sie den Weg nicht finden.«

»Aber wirklich, Hauptmann Cubina«, sagte Herbert, der sich nicht weiter darum kümmerte, was seine neue Bekanntschaft davon denken möge. »Ich wünsche gar nicht den Weg einschlagen, von dem Sie reden, ich will gar nicht dahin gehen.«

»Nicht nach Willkommenberg

»Nein.«

Der Marone schwieg einen Augenblick, während ein Ausdruck des Erstaunens über sein Gesicht glitt. »Erst gestern spät angelangt – die ganze Nacht draußen im Wald gewesen– und nicht zurückgekehrt! Das ist allerdings etwas sonderbar!«

Solche Erwägungen füllten plötzlich des Maronen Kopf. Bereits hatte er wohl das etwas Verwirrte und Niedergeschlagene in dem Betragen des Fremden bemerkt, aber welchen Grund mochte das haben? Das hellfarbige Band gar im Knopfloch seines Rockes, was mochte das zu bedeuten haben?

Hauptmann Cubina war in dem Alter und auch gerade in der Stimmung, um alles, was auf sanftere, zärtlichere Gefühle hindeutete, sofort zu bemerken. Sowohl das blaue Band als auch das sorgenvolle Aussehen schienen dergleichen zu verraten. Der Marone war ziemlich bekannt mit den Verhältnissen der weißen Bewohner von Willkommenberg, noch mehr aber wohl mit denen einiger farbigen. Mochte das sonderbare Benehmen des jungen Engländers etwa irgendeinem Familienzwist zuzuschreiben sein, der dort entstanden war?

Der Marone suchte sich diese Fragen stillschweigend selbst zu beantworten und gelangte zu dem Schluss, dass irgendetwas Besonderes vorgefallen sein müsse.

Vielleicht mutmaßte Hauptmann Cubina nicht bloß, vielleicht hatte er sogar bereits etwas von dem Geschwätz und Klatsch auf der Pflanzung vernommen, denn die Elektrizität selbst ist wohl kaum schneller, als die Verbreitung eines Gerüchtes unter den Schwarzen.

Hätte übrigens der Jäger wirklich irgend Verdacht über die Verhältnisse seines Waldgastes gehegt, er wäre dennoch zu höflich gewesen, um jenen auszudrücken. Deshalb benutzte er sogar die ihm durch Herberts ausweichende Antwort gegebene Gelegenheit gar nicht und sagte einfach: »Wenn Sie auch anderswo hingehen, so haben Sie doch einen Führer eben so sehr nötig. Die Lichtung hier ist von dichter Waldung umgeben und nirgends ist ein offener, guter Fußsteig.«

»Sie sind wirklich sehr gütig«, antwortete Herbert, von der zarten Aufmerksamkeit des farbigen Mannes gerührt. »Ich wünschte, mich nach Montego Bay zu begeben, und wenn einer von Ihren Leuten mich auf die große Landstraße bringen könnte, so würde ich Ihnen ganz außerordentlich verpflichtet sein. Leider kann ich ihm aber seine Mühe nicht anders als mit einem Dank vergelten, denn die Umstände erlauben es mir nicht, mehr zu tun.«

»Herr Vaughan!«, sagte der Marone, höflich lächelnd, »wären Sie hier nicht fremd und mit unseren Sitten unbekannt, ich würde mich wirklich beleidigt fühlen. Sie sprechen fast, als erwarteten Sie, ich würde Ihnen eine Rechnung für das genossene Frühstück machen, und scheinen dabei ganz zu vergessen, dass Sie kaum eine Stunde zuvor sich vor die Mündung einer Pistole stellten, um das Leben eines Maronen, eines armen Mulattenflüchtlings von den Bergen, zu schützen. Und nun – doch ich will Ihnen verzeihen, Sie kennen mich ja nicht …«

»Vergeben Sie mir, Hauptmann Cubina. Ich versichere Ihnen …«

»Sagen Sie nichts mehr! Ich kenne Ihr englisches Herz, das noch nicht von den elenden Vorurteilen der Kaste und der Farbe verdorben ist. Möge es lange so bleiben, und wenn Hauptmann Cubina Sie auch sobald nicht wiedersehen sollte, vergessen Sie niemals, dass dort auf den Blauen Bergen« – und der Marone deutete beim Reden auf den purpurnen Umriss einer gerade über den Baumspitzen sichtbaren Bergkette – »dort oben ein Mann lebt, ein farbiger Mann freilich, dessen Herz aber in Dankbarkeit eben so aufrichtig und warm für Sie schlägt, wie das des weißesten Mannes. Und sollten Sie diesen Mann je mit Ihrem Besuche beehren wollen, so sollen Sie unter seinem niedrigen Dach stets einen Freund und ein herzliches Willkommen finden.«

»Dann, danke vielmals!«, rief der junge Engländer, von Begeisterung erfasst über des Maronen freie und ungeheuchelte Freundschaft. »Wohl möchte ich noch einmal mir Ihr gastfreundliches Anerbieten zunutze machen. Leben Sie wohl!«

»Leben Sie wohl«, erwiderte der Mulatte und drückte die ihm von Herbert dargebotene Hand ungestüm. »Quaco!«, rief er seinem Lieutenant zu, »bringe diesen Herrn auf die nach der Bay führende Hauptstraße. Leben Sie wohl, Herr Vaughan, möge das Glück Ihnen hold sein!«

Nicht ohne Bedauern schied Herbert von seinem neuen Freunde und folgte lange Zeit dem ihn führenden Quaco, bevor er über die seltsamen Umstände nachzudenken aufhörte, die ihn dazu gebracht hatten, diese merkwürdige Bekanntschaft zu machen.

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