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Aus dem Wigwam – Die guten alten Könige

Karl Knortz
Aus dem Wigwam
Uralte und neue Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer
Otto Spamer Verlag. Leipzig. 1880

Vierzig Sagen
Mitgeteilt von Chingorikhoor

Die guten alten Könige

m Tscherokesenfluss befinden sich zwei hohe, mit Tannen bewachsene Berge, von denen die umwohnenden Indianer allerlei merkwürdige Geschichten zu erzählen wissen. Jeder, der sie beim Sonnenuntergang betrachtet, wird dort Männer bemerken, deren Köpfe bis in den Himmel ragen und die behände von einem Berg auf den anderen springen. Dass sie menschliche Gestalt besitzen, kann man klar und deutlich sehen. Ihre Handlungen jedoch lassen auf überirdische Wesen schließen. Da Sie nie ihre steilen Wohnsitze verlassen, so hat kein Indianer je näheren Umgang mit ihnen gehabt. Man weiß also nicht, wer sie eigentlich sind und wovon sie leben.

Zwischen jenen beiden Bergen befindet sich ein tiefes, von den Winden unbestrichenes Tal, das seit Erschaffung der Welt nur von den guten alten Königen, nämlich riesigen Klapperschlangen, bewohnt ist. Niemand hat sich je in diese gefährliche Schlucht gewagt. Nachstehende Geschichte aber soll uns Auskunft geben, wie man in Erfahrung brachte, dass dort solche Geschöpfe hausen.

Unter den Tscherokesen lebte einst ein Mann, der weit und breit berühmt war, trotzdem er sich weder als Jäger noch als Krieger außergewöhnlicher Taten brüsten konnte. Er war ein Priester, der den Willen des Großen Geistes besser als jemals ein anderer vor ihm mitzuteilen wusste und der mit allen Geistern der Erde und des Himmels in lebhaftem Verkehr stand. Er heilte alle Krankheiten und blieb auf keine Frage die Antwort schuldig. Wenn sie Regen brauchten und Tschepiasquit darum baten, so floss der Regen sicherlich bald in Strömen. Wenn es allzu sehr donnerte und die Blitze den Wald anzündeten, so brauchte er nur ein Wort zum Großen Geist zu sprechen, und augenblicklich war alles wieder ruhig und die schwarzen Wolken ver­schwanden pfeilschnell vom Firmament.

Da ihm so alle Elemente aufs Wort gehorchten, so hüteten sich die anderen Stämme sorgfältig, mit den Tscherokesen Krieg anzufangen. Letztere konnten daher ruhig ihren friedlichen Geschäften nachgehen, ihr Korn ungestört pflanzen und ernten und nachts so unbesorgt schlafen wie die Kinder.

Tschepiasquit hatte vier Frauen, die ihm zahlreiche Kinder geboren hatten. Von diesen war jedoch nur eins, eine Tochter, am Leben geblieben. Das Mädchen wuchs zur schönsten Jungfrau des ganzen Stammes heran. Ihre Eltern sahen mit Stolz und Freude auf sie und alle jungen Krieger brachten ihr ihre Huldigungen dar. Aber sie wies sie alle zurück, und trotzdem viele ihrer Hand und ihres Herzens würdig waren, so zwang sie doch ihr Vater zu keiner Heirat wider ihren Willen.

Doch der Große Geist hatte nicht beschlossen, dass sie ihr Leben ehelos beschließen sollte. Als einst eine Abteilung junger Jäger vom Stamm der Muskogulschi in friedlicher Absicht durch das Land der Tscherokesen zog, fand auch die schöne Winona einen Jüngling, der ihren Träumen entsprach. Es war der Häuptling jenes Stammes, ein stattlicher, kräftiger Mann, dem im Laufen und Ringen kein anderer gleichkam.

»Ich habe«, sprach er zu Tschepiasquit, »deine Tochter gesehen und liebe sie. Ich habe ihr gesagt, dass mich ihre sanfte Stimme und ihre schwarzen Augen gefesselt haben. Auch sie hat mir gestanden, dass sie mit mir ziehen will, wenn du es erlaubst.«

»Meine Tochter«, erwiderte der Alte, »ist das Licht meiner Augen und die Freude meines Herzens. Ich kann ihrer Mutter, wenn sie nach ihr fragt, nicht sagen, dass sie mit einem fremden Jäger in ein fremdes Land gegangen ist. Mein Wigwam würde traurig und öde sein, wenn wir ihre süßen Lieder vermissten. Nein, lieber Mann, ich kann meine Tochter nicht entbehren! Bleibe aber hier, baue dir eine Hütte neben der meinen und dann wird ihr Vater auch der deine sein!«

»Meine Eltern und Geschwister wohnen in dem Land meiner Geburt. Auch liegen dort die Gebeine meiner Vorväter. Es ist ein herrliches, reiches Land. Wie kann ich es verlassen? Alles andere will ich gern für Winona tun, meine Heimat aber kann ich nicht aufgeben!«

Doch Tschepiasquit ließ sich nicht bereden. Betrübt und traurig ging der Muskogulschi zur Geliebten, um ihr sein Leid zu klagen. Dort fand er willig Gehör und beide beschlossen, noch die nächste Nacht heimlich zu fliehen. Die Liebenden vergaßen freilich, dass der Große Geist ihren Plan leicht seinem treuen Diener mitteilen und ihn so vereiteln konnte. Tschepiasquit hatte nur nötig, beim Schlafengehen ein Biberfell um die Augen zu binden, und der Manitu der Träume erzählte ihm alles, was von Wichtigkeit für ihn war. Kaum hatte er auf diese Weise die Absicht des liebenden Paares in Erfahrung gebracht, so beorderte er die jungen Männer des Stammes, seinen Wigwam zu bewachen, um die Flucht der beiden zu verhindern. Da er jedoch jeden Streit gern vermeiden wollte, so beschied er Winonas Bräutigam zu sich und sprach zu ihm: »Ich habe dir meine Tochter verweigert, aber ich nehme mein Wort zurück und lasse sie mit dir ziehen. Da es dir nicht an Mut fehlt, so hast du vorher indessen eine Aufgabe zu erfüllen. Du sollst zum Land der guten alten Könige ziehen und mir von deren Leben und Treiben Kunde bringen. Es ist dies eine gefährliche Gegend. Wer die Bewohner nur im Geringsten beleidigt, ist dem sicheren Tod verfallen. Niemand hat sich bisher dorthin getraut, und so kommt es denn, dass wir nicht wissen, ob die Schlangen dort ewig leben und ob die brennenden Sonnenstrahlen dort, wie viele behaupten wollen, nur die Blicke ihrer Feueraugen sind. Gehe also hin und erforsche diese Dinge genau. Bringe mir auch einen Backenzahn und eine Klapper eines lebenden Königs mit. Zum Sohn werde ich dir danach meine geliebte Tochter Winona zur Frau geben.«

Der junge Mann hatte früher schon von dieser schreckenerregenden Schlucht gehört. Gram und Sorge erfüllten ob dieser Aufgabe sein Herz. Da er jedoch einem Leben ohne Winona ohne weiteres Besinnen den Tod vorgezogen hätte, so beschloss er, das Wagestück zu unternehmen. Er nahm darauf von all seinen Bekannten Abschied.

Als Tschepiasquit sah, dass der junge Muskogulschi zur Gewinnung seiner Tochter sein Leben willig aufs Spiel setzen wollte, sprach er zu ihm: »Du hast ein starkes Herz und einen kräftigen Arm. Mit dem Zaubermittel, das ich dir mitgeben werde, wirst du sicherlich deinen Zweck erreichen!« Darauf gab er ihm einen Beutel aus dem Fell der Wildkatze, der alle jene geheimnisvollen Dinge enthielt, die dem Besitzer die Macht über seinesgleichen verleihen. Darin befanden sich ein Zweig vom Weinstock, der nie Früchte trägt, trockene Fichtenzapfen, die mit dem Tau der Blätter des Lorbeerbaumes benetzt waren, große Tigerklauen, die Zähne eines Alligators, die Knochen einer Schildkröte und endlich Pulver aus getrockneten Schnecken.

»Wenn du diese starke Medizin gebrauchen willst«, sprach er weiter, als er ihm das Amulett überlieferte, »so sprich folgende Worte dabei: Ich bin verloren! Ich bin verloren! Rette mich! Im Namen der sieben Männer, die an einem nebligen Morgen den guten alten Königen zum Frühstück vorgesetzt worden waren, flehe ich dich, Jungfrau der grünen Au, um deinen Schutz an!«

Danach hing der Jüngling seine Waffen um und machte sich auf den Weg zum verhängnisvollen Tal, an dessen Eingang er schon am nächsten Tag ankam. Von den Bergen hallten allerlei unverständliche Töne. Manchmal klang es, als ob ein blutiger Krieg oben wüte. Dann glaubte man wieder zärtliches Liebesgeflüster zu hören. Doch unser Held zog mutig und unbeirrt seines Weges. Bald sah er das Land, soweit das Auge reichte, mit Klapperschlangen von ungeahnter Größe bedeckt. Jede hatte nur ein Auge, das sich in der Mitte der Stirn befand und das alle Gegenstände, auf die sein Blick fiel, an sich zog. Eine Schlange lag dicht neben der anderen, und ihr beständiges Klappern war dem lautesten Donner gleich. Seine Füße wankten bereits unter ihm. Ein breiter Rachen starrte ihm zum Verschlingen entgegen, als er seines Zauberspruches gedachte und ihn den vier Winden zurief.

Ein furchtbarer Donnerschlag vom nördlichen Berg war die Antwort darauf. Als dieser verhallt war, hörte er ein leises Flehen und Singen. Es schien ihm, als ob ein unsichtbarer Geist den Meister des Sehens um Gnade für ihn ersuche. Die Klapperschlangen regten und bewegten sich nicht mehr und der Zauberstrahl ihrer Augen erblasste. Ihre feurigen Zungen leckten nicht mehr gleich Blitzen in der Luft herum. Es schien, als seien alle plötzlich gestorben.

Der Gesang kam allmählich näher und näher. Als der Muskogulschi vor sich auf die Erde blickte, bemerkte er eine fingerdicke und armlange Schlange, die in allen denkbaren Farben schillerte.

»Ich bin«, sagte sie, »der Geist, den du zu deiner Rettung kraft des Zaubermittels des tscherokesischen Priesters herbeigerufen hast. Es war nicht sehr klug von dir, dich in das Tal des Todes zu wagen, und schlecht war es jedenfalls von jenem Medizinmann, dich hierher zu schicken. Doch du sollst nicht sterben, denn ich bin die Jungfrau der grünen Aue und habe Gewalt über die guten alten Könige. Auch habe ich erfahren, dass du gewisse Dinge zurückbringen sollst. Ich werde dir deshalb zur Erlangung derselben behilflich sein.«

Darauf ging sie um ihn herum und stimmte ein anderes Lied an, das sämtliche Schlangen zu immer wilderer Wut belebte. Ihre Zungen leckten von allen Seiten nach dem fremden Eindringling, aber den heiligen Kreis, den sein guter Schutzgeist um ihn herum gezogen hatte, konnten sie nicht durchdringen.

Die Jungfrau der Aue erzählte hierauf dem größten der alten Könige, dass ihr Schützling vom Priester der Tscherokesen hierher geschickt worden sei, um einen Zahn, eine Klapper und ein Auge von ihnen zu holen, wonach er ihm seine einzige Tochter zur Frau geben wolle.

»Ich weiß von keinem«, erwiderte der angeredete Klapperschlangenkönig, »wer solche Dinge gern hergäbe. Ich wenigstens brauche alle meine Glieder selber. Auch musst du wissen, dass deine Hauptaufgabe als Königin des Tales und der Berge darin besteht, uns zu beschützen und nicht darin, uns Schaden zuzufügen. Dann wird es dir nicht unbekannt sein, dass der Große Geist gesagt hat, wir würden alle unsere Sehkraft verlieren, wenn ein Auge von uns aus dem Tal gebracht wird!«

»Dieser Ausspruch ist mir allerdings unbekannt, aber ich gebe euch die beste Versicherung, dass er widerrufen wird. Auch soll derjenige, der dem Fremden die gewünschten Dinge gibt, keinen Schaden darunter leiden, sondern soll ihm jedes Glied wieder anwachsen!«

Darauf hielten die Klapperschlangen eine große Ratsversammlung ab und losten, wer ein Auge, einen Zahn, eine Klapper hergeben solle. Der alte König, den das Los traf, fügte sich auch willig in sein Schicksal und ließ sich die betreffenden Glieder ausreißen.

Als er sie dem jungen Muskogulschi einhändigte, sprach er zu ihm: »Der Große Geist schuf uns erst, nachdem er alle anderen Wesen ins Leben gerufen hatte. Er saß nämlich einst an einem schönen Sommermorgen am sandigen Ufer des Waldsees. Da er Langeweile hatte, so suchte er alle farbigen Steine zusammen, legte einen neben den anderen und bildete so mehrere lange Reihen. ›Ich habe‹, sprach er dann zu sich selbst, ›Tiere geschaffen, welche gehen, schwimmen, fliegen und hüpfen. Wie wäre es, wenn ich jenen Steinreihen Leben einbliese und sie kriechen ließe? Dies würde allen meinen übrigen Geschöpfen große Freude bereiten. Aber ich glaube, ich kann sie noch merkwürdiger machen.‹ Und dann ging er hin und steckte hin und wieder noch einige größere Steine in die Reihen. Danach ließ er sie herumkriechen und freute sich herzlich über ihre sonderbaren Bewegungen. ›Ihr sollt‹, sprach er weiter, ›mit dem ganzen Körper auf der Erde bleiben und nie in eurem Leben versuchen, aufrecht zu gehen. Doch da ihr eine sehr dünne Haut habt, so muss ich euch in ein Land bringen, in dem euch die Kälte des Winters nichts anhaben kann.‹ Danach steckte er uns in seine große Tasche und trug uns in dieses Tal, woselbst er uns unter den Schutz der Sonne stellte. Denjenigen, die Klappern haben, gab er ewiges Leben; alle anderen aber müssen nach einer bestimmten Zeit sterben. Dieser Große Geist hat dein Leben durch seine Dienerin gerettet. Danke ihm dafür, wenn du bei seinem Priester unter den Tscherokesen angekommen bist und ihm die Dinge überliefert hast, wegen deren er dich hierher schickte.«

Muskogulschi ging zurück und brachte dem Tscherokesenhäuptling die gewünschten Klapperschlangenglieder. Als jener dieselben in Empfang genommen und ihm seine Tochter zugeführt hatte, zitterte er am ganzen Körper und fiel tot zur Erde nieder.

 

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