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Die sechs schlafenden Jungfrauen – Kapitel 5

Wilhelm Bauberger
Die sechs schlafenden Jungfrauen
oder: Der schreckliche Zweikampf
Furchtbare Ritter- und Geistergeschichte
Verlag von J. Lutzenberger in Burghausen

Kapitel 5

Neue Fehde

Die Nacht hatte ihren funkelnden Mantel über die im Frühlingsschmuck prangende Erde ausgebreitet, und Alfred träumte in süßem Schlummer von der lieblichen Begegnung des vergangenen Tages. Mit den ersten Strahlen des Morgens weckte ihn ein Geräusch. An seinem Lager stand der treue Knappe Wolff und meldete ihm, der Ritter Friedrich von Witzel habe nachts in aller Stille die Schwefelburg umringt, und bot ihm zwei Fehdebriefe der Ritter Friedrich von Witzel und Urach von Heckeburg. Jener beschuldigte den Schwefelburger, dass derselbe einen seiner Reisigen, den man an einem Baum aufgehangen gefunden hatte, mit eigener Hand ermordet habe; Ritter Urach aber, welcher seine im vergangenen Spätherbst verlorenen drei Dörfer und den Fischteich nicht verschmerzen konnte, verlangte binnen drei Tagen die Rückgabe derselben. Ein Blick aus dem Fenster auf die im Tal gelagerten Feinde überzeugte den Ritter, dass Witzel gegen Rittersitte zugleich mit seinem Fehdebrief erschienen sei. Eine Fehde mit Urach schien ihm jetzt, nachdem er in dem Gegenstand seiner Sehnsucht mit ziemlicher Gewissheit dessen Tochter zu lieben glaubte, etwas Schreckliches. Das aber der Heckeburger seine Dörfer und den Teich nicht zurückbekommen sollte, das stand fest in der Seele des Ritters Alfreds, ungeachtet er die Burg weder mit den nötigen Lebensmitteln noch mit hinreichender Mannschaft zu versehen wusste und die Lage der Eingeschlossenen sehr bedrängt war. Ein Ausfall, den Alfred versuchte, missglückte gänzlich. Nach drei Tagen, während deren Witzel nur auf Urach gewartet hatte, erschien auch dieser im Lager vor der Feste, sodass die verbündeten Belagerer nun mehr 600 Streiter zählten, während Alfred nicht mehr als 90 Mann entgegenstellen konnte. Alfreds Lage war bedenklich; er hoffte jedoch immer auf Ersatz, obwohl er eigentlich selbst nicht wusste, woher, denn seine zwei besten Freunde wohnten zwölf Meilen von ihm.

Missmutig saß der Schwefelburger an der langen Tafel, das Haupt in die hohle Hand gestützt. Selbst bei der genauesten Einteilung der Vorräte waren nur noch für sechs Tage Lebensmittel vorhanden. Erschien in dieser Zeit keine Hilfe, so musste er die Tore öffnen und statt des Hungertodes einen ehrlichen Tod mit dem Schwert in der Hand suchen.

Der stolze und feste Tritt des rüstigen Knappen Bligger störte ihn in seinen Gedanken. Dieser hatte den verzweifelten Entschluss gefasst, auf was immer für eine Art durchs Lager der Feinde zu entrinnen, um die Freunde des Ritters zur Hilfe aufzufordern und trug nun dem erstaunten Alfred seine Bitte vor, von ihm Briefe und den schnellsten Renner zu erhalten, um sein Unternehmen auszuführen. Alfred willigte endlich in des Knappen Begehr und verhieß, wenn die Sache glücklich ablief, ihn zum Ritter zu schlagen und eine feindliche Burg für ihn zu erobern.

Was Bligger sich vorgenommen hatte, das führte er tapfer aus. Am hellen Tag jagte er hart an dem Lager der Feinde vorüber, welche seiner wenig Acht hatten oder ihn für einen Herold hielten, bis sie sahen, dass er nicht zu den Zelten der verbündeten Ritter lenkte. Auf einmal ertönte ein allgemeines Haltet ihn auf! Bligger lachte verächtlich, riss den arabischen Hengst von der Leine und jagte mit ihm davon, dass die Funken sprühten. Vergebens setzten ihm die Ritter und Knappen nach; er hatte einen zu weiten Vorsprung und entkam glücklich.

Aber schon neigte sich der fünfte Tag zu Ende und noch zeigte sich keine Rettung. Am Morgen des sechsten Tages genoss Alfred mit all seinen Leuten in der kleinen Kapelle das Mahl des Herrn und erwartete dann ruhiger den nächsten Tag, an welchem er die Burg anzünden und mit seinen Leuten gegen den Feind ziehen wollte. Noch war es aber nicht Mittag, als man ein ungewöhnliches Treiben im Lager der Feinde bemerkte. Auf einmal schmetterten Trompeten aus dem nahen Gehölz, und wie der Sturmwind stürzte ein Fähnlein gewappneter Reiter auf die Belagerer, denen ein Trupp Bogenschützen folgte. Kaum war Alfred der ihm befreundeten Farben ansichtig geworden, so eilte er mit 60 Mann aus der Burg und griff den Feind an. Doch durfte er nicht zu weit vordringen, um von der Burg nicht abgeschnitten zu werden. Sein Freund Adolf von Heerschau durchbrach eben mit den verwegensten Reitern die Linie der Feinde. Alfred aber zog sich mit seinen Leuten auf die Burg zurück. Vom ersten Anprall der Ankommenden waren die Feinde zwar überrascht, doch noch keineswegs die Sache entschieden worden.

In der Nacht ließ Alfreds anderer Freund, Heinrich von Questenberg auf des Knappen Bligger dringendes Verlangen ein Dorf und zwei große Holzstöße im Gau des Ritters Friedrich von Witzel anzünden. Die Belagerer kamen beim Anblick dieser Feuersbrünste, deren Glut sich schauerlich am dunklen Nachthimmel malte, erst in Verlegenheit und dann in gegenseitigen Hader, welcher zur Folge hatte, dass Alfred in Verbindung mit seinen Freunden am folgenden Tag einen glänzenden Sieg über die Feinde errang und Friedrich von Witzel sogar in Bliggers Gefangenschaft geriet. Die Beute, welche gemacht wurde, war nicht unbedeutend, und allgemeiner Jubel herrschte unter den Siegern.

Die von Alfreds Großmut zeugenden Bedingungen, welche der gefangene Ritter Friedrich von Witzel zu seiner Befreiung eingehen musste, waren: Abtretung von zwei an Alfreds Besitzungen angrenzenden Dörfern und der Feste Hausburg zu Bliggers Gunsten sowie Zahlung der Summe von hundert Silbergulden als Reiseentschädigung für Alfreds Freunde.

Nun hatte unser Ritter noch eine Pflicht zu erfüllen, die ihm besonders am Herzen lag, nämlich das Versprechen zu halten, das er seinem treuen Bligger gegeben hatte. Fast 700 Krieger zogen jauchzend zu der Hausburg, deren Tore Friedrich von Witzel zu öffnen befahl. Im Burghof gebot Alfred dem Knappen Bligger vom Ross zu steigen. Trompeten und Hörner ertönten. Hierauf schwieg die Musik und Alfred gebot Bligger niederzuknien. Er zog sein großes Schlachtschwert aus der Scheide, berührte dreimal des Knienden Schulter und sprach: »Indem ich dich hier öffentlich zum Ritter schlage, gebe ich dir den Namen Bligger von Hausburg! Sei tapfer, bieder und tugendhaft.«

Wiederum ertönte die Musik. Die Ritter reichten dem neuen Kameraden die Hand und gaben ihm den Bruderkuss. Die Besatzung der Hausburg leistete sofort dem neuen Ritter den Eid des Gehorsams.

Friedrich zog zu seiner Witzelburg und verwünschte die angefangene Fehde. Ritter Brömser von Hiller, der ihm bei der Belagerung zur Seite gestanden hatte, musste gleich jenem ein paar Dörfer zur Strafe abtreten. Nur Ritter Urach erhielt keine Züchtigung und ahnte nicht, dass seine schöne Tochter Adelgunde die einzige Ursache sei.

Nachdem Alfred seinen Freunden Adolf von Heerschau und Heinrich von Questenberg noch innig für ihre Hilfeleistung gedankt hatte, kehrten dieselben, um hundert Silbergulden reicher, in ihre Heimat zurück.

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