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Fantomas – Kapitel 18

Ein Gefangener und ein Zeuge

Juve hatte in einem Befehlston gesprochen, der keine Antwort hervorrief. Seine scharfen Augen schienen durch Paul zu dringen und seine innerste Seele zu lesen. Das Flackern der Straßenlampe warf fahles Licht um den Jungen, der sich offensichtlich aus dessen Kreis entfernen wollte, aber Juve hielt ihn fest.

»Komm schon, antworte! Du bist Charles Rambert und du warst Mademoiselle Jeanne?«

»Ich verstehe nicht«, erklärte Paul.

»Wirklich!«, grinste Juve. Er rief ein vorbeifahrendes Taxi. »Steig ein«, befahl er kurz, schob den Jungen vor sich hinein, gab dem Fahrer eine Adresse, stieg in das Taxi und schloss die Tür. Juve saß da und rieb sich die Hände, als ob er mit seiner Nachtarbeit zufrieden wäre. Einige Minuten lang schwieg er und wandte sich dann seinem Begleiter zu.

»Du denkst, es ist klug, dies zu leugnen«, bemerkte er, »aber stell dir vor, es ist niemandem klar, dass du Charles Rambert bist und als Mademoiselle Jeanne verkleidet warst?«

»Aber Sie irren sich«, betonte Paul. »Charles Rambert ist tot.«

»Also weißt du das, oder? Dann gibst du zu, dass du weißt, von wem ich spreche?«

Der Junge wurde rot und fing an zu zittern. Juve schaute aus dem Fenster, tat so, als würde er ihn nicht bemerken, und lächelte sanft. Dann ging er in einem freundlichen Ton weiter. »Aber du weißt, dass es dumm ist, das zu leugnen, was nicht geleugnet werden kann. Außerdem solltest du dich daran erinnern, dass, wenn ich weiß, dass du Charles Rambert bist, ich auch noch etwas anderes wissen muss; und deshalb … «

»Nun, ja«, bestätigte Paul, »ich bin Charles Rambert, und ich war als Mademoiselle Jeanne verkleidet. Woher wussten Sie das? Warum waren Sie im Saint-Anthony’s Pig? Bist du gekommen, um mich zu verhaften? Und wo bringen Sie mich jetzt hin? Ins Gefängnis?«

Juve zuckte mit den Schultern.

»Du willst zu viel wissen, mein Junge. Außerdem solltest du Paris kennen und so in der Lage sein, zu erraten, was ich dem Chauffeur gesagt habe, wohin er uns bringen soll; allein durch den Blick auf die Straßen, durch die wir fahren.«

»Das ist genau das, was mir Angst macht«, antwortete Charles Rambert. »Wir sind an den Kais, in der Nähe der Gerichtshöfe.«

»Und die Polizeiwache, mein Sohn. Ganz recht. Jetzt ist es ziemlich sinnlos, eine Szene zu machen: Du wirst nichts erreichen, wenn du versuchst, zu entkommen. Du bist in den Händen der Gerechtigkeit, oder besser gesagt in meinen Händen, was nicht ganz dasselbe ist, also komm schon! Das ist ein wirklich gut gemeinter Ratschlag!«

Wenige Minuten später hielt das Taxi am Tour Pointue, der für viele Kriminelle melancholische Assoziationen hat. Juve stieg aus und ließ auch seinen Begleiter aussteigen, bezahlte den Fahrer und ging die Treppe hinauf in den ersten Stock des Gebäudes. Es war schon hell, die Männer kamen zum Dienst, alle grüßten Juve, als er mit seiner zitternden Gefangenen an ihnen vorüberging. Der Commissaire ging einen langen Gang hinunter, bog in einen anderen ein und öffnete eine Tür.

»Geh da rein«, befahl er knapp.

Charles Rambert gehorchte und befand sich in einem kleinen Raum, dessen Wesen er sofort an den darin enthaltenen Möbeln erkannte. Es war der Messraum des anthropometrischen Dienstes. Was er befürchtete, würde gleich passieren: Juve wollte ihn einsperren!

Aber der Commissaire rief lautstark aus: »Hector, bitte!« Einer der Männer, die in der Abteilung im Dienst blieben, falls sie von einem der Commissaires aufgefordert wurden, die Akten eines vorbestraften Verbrechers herbeizuschaffen, kam eilig herein.

»Ah, Monsieur Juve, und auch mit einer Tasche! So früh? Glauben Sie, er war schon mal hier?«

»Nein«, sagte Juve in einem trockenen Ton, der weitere indiskrete Fragen unterbindet. »Ich will nicht, dass Sie in der Akte meines Gefährten nachschlagen, sondern seine Maße nehmen, und zwar sehr sorgfältig.«

Der Mann war etwas überrascht von der Bestellung, denn es war nicht üblich, dass man ihn bat, eine solche Arbeit zu so einer sehr frühen Stunde zu erledigen. Er war auch ziemlich gereizt, weil er vom Rest, den er gerade genoss, gestört wurde. Es war sehr knapp, wie er mit Charles Rambert sprach.

»Komm her, bitte! Die Messlatte zuerst: Zieh deine Stiefel aus.«

Charles Rambert gehorchte und stellte sich unter das Richtmaß. Dann, als der Assistent ihm befahl, unterzog er sich dem Beschmieren seiner Finger mit Tinte, damit seine Fingerabdrücke genommen werden konnten, dem Fotografieren sowohl von vorn als auch von der Seite und schließlich dem Messen der Breite seines Kopfes, von Ohr zu Ohr, mit einem speziellen Paar Messschieber.

Hector war überrascht von seiner Fügsamkeit.

»Ich muss sagen, Ihr Freund ist nicht sehr gesprächig, Monsieur Juve. Was hat er vor?« Als der Commissaire nur mit den Schultern zuckte und nicht antwortete, fuhr er fort: »Das war’s, Monsieur. Wir werden die Negative entwickeln und die Drucke nehmen, die Messungen wiederholen. Der Datensatz wird in ein paar Stunden in das Register aufgenommen.«

Charles Rambert wurde kurzzeitig ängstlicher. Er hatte den Eindruck, dass er nun definitiv verhaftet wurde. Aber Juve verließ den Sessel, in dem er sich ausgeruht hatte. Als er zu ihm kam, legte er seine Hand auf seine Schulter und sprach in der Zwischenzeit mit einer gewissen Milde.

»Komm! Es gibt noch einige andere Punkte, zu denen ich dich untersuchen möchte.« Er führte ihn aus dem anthropometrischen Raum einen dunklen Korridor entlang, nahm einen Schlüssel aus seiner Tasche, öffnete eine Tür und schob den Jungen vor sich hinein. »Geh da rein«, sagte er. »Hier machen wir die Krafttests.«

Ein Laie, der durch den Raum schaute, hätte fast behaupten können, dass es sich nur um eine Schreinerei handelte. Holzstücke verschiedener Formen, Größen und Arten wurden entlang der Wand angeordnet oder auf den Boden gelegt. In Glasvitrinen befanden sich ganze Haufen von Metallstreifen, die fünf oder sechs Zoll lang und von unterschiedlicher Dicke waren.

Juve schloss die Tür vorsichtig hinter sich.

»Um Himmels willen, Monsieur Juve, sagen Sie mir, was Sie mit mir machen werden«, flehte Charles Rambert Juve an.

Der Commissaire lächelte. »Nun, da stellst du eine Frage, die ich nicht ohne Weiteres beantworten kann. Was soll ich mit dir machen? Das hängt immer noch von vielen Dingen ab.«

Juve schloss die Tür vorsichtig hinter sich.

»Um Himmels willen, M. Juve, teilen Sie mir mit, was Sie mit mir machen werden«, bat Charles Rambert erneut.

Der Commissaire lächelte.

»Nun, da stellst du eine Frage, die ich nicht ohne Weiteres beantworten kann. Was soll ich mit dir machen? Das hängt immer noch von vielen Dingen ab.«

Juve schloss die Tür vorsichtig hinter sich.

Während er sprach, warf Juve seinen Hut zur Seite und zog, als er auf einen ziemlich hohen kleinen Tisch schaute, ein graues Tuch, das ihn vor Staub schützte, in die Mitte des Raumes. Der Gegenstand, welcher auf dem Tisch stand, bestand aus einem Metallkörper, der auf ein massives Stativ geschraubt war, mit einer unteren Ablage, die sich vorwärts und rückwärts bewegte, und zwei seitlichen Stützen mit einer Traverse aus Stahl, die oben fest mit ihnen verschraubt war. Auf diesem Rahmen befanden sich zwei Kraftmesser, die von einem genialen Mechanismus angetrieben wurden. Juve sah Charles Rambert an und erklärte es ihm.

»Das ist Dr. Bertillons Einbruchsprüfstand. Ich werde ihn nutzen, um sofort herauszufinden, ob du ein wenig Interesse verdienst oder nicht. Ich will dir im Moment nicht mehr sagen.« Juve griff in eine speziell vorbereitete Vertiefung eines dünnen Holzstreifens, den er mit besonderer Sorgfalt aus einem der entlang der Wand angeordneten Materialstapel ausgewählt hatte.

Aus einer Truhe nahm er ein Werkzeug, das Charles Rambert, der in letzter Zeit einige persönliche Erfahrungen mit der Gemeinschaft der leichten Finger gemacht hatte, sofort als Brecheisen erkannte.

»Nimm das in die Hand«, sagte Juve. Als Charles es in die Hand nahm, fügte er hinzu: »Jetzt stecke das Brecheisen in die Nut und drücke mit deiner ganzen Kraft. Wenn du diese Nadel zu einem Punkt bewegen kannst, den ich kenne und der schwer, aber nicht unmöglich zu erreichen ist, kannst du dir selbst gratulieren, dass du Glück hattest.«

Angeregt durch diese Ermutigung des Commissaire übte Charles Rambert seine ganze Kraft auf den Hebel aus, nur aus Angst, dass er nicht stark genug sein könnte.

Juve stoppte ihn sehr bald. »Das ist in Ordnung«, sagte er. Als er einen Streifen Blech durch den Streifen Holz ersetzte, gab er dem Jungen ein weiteres Werkzeug. »Jetzt versuche es noch einmal.«

Ein paar Sekunden später nahm Juve eine Lupe und untersuchte sowohl den Metallstreifen als auch den Holzstreifen genau. Er gab ein kleines zufriedenes Schnalzen mit der Zunge von sich.

»Charles Rambert«, bemerkte er, »ich denke, wir werden eine sehr gute morgendliche Arbeit machen. Dr. Bertillons neues Gerät ist eine ungewöhnlich nützliche Erfindung.«

Der Commissaire hätte mit seinem Glückwunschmonolog fortfahren können, wenn in diesem Moment kein Wärter in den Raum gekommen wäre.

»Ah, da sind Sie ja, M. Juve. Ich habe überall nach Ihnen gesucht. Es gibt jemanden, der nach Ihnen fragt, der sagt, dass er weiß, dass Sie ihn empfangen werden. Ich sagte ihm, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt sei, aber er war so beharrlich, dass ich versprochen habe, Ihnen seine Karte zu bringen. Außerdem sagt er, dass Sie ihm einen Termin gegeben haben.«

Juve nahm die Karte und blickte sie an.

»Das geht in Ordnung«, sagte er. »Bringen Sie den Monsieur in den Salon und teilen Sie ihm mit, dass ich in einer Minute bei ihm sein werde.«

Der Wärter ging hinaus und Juve sah Charles Rambert mit einem Lächeln an.

»Du bist am Ende«, sagte er, »bevor wir etwas tun, was die Menschheit tut, verlangt sie, dass du dich etwas ausruhst. Komm, folge mir! Ich bringe dich in einen Raum, in dem du dich selbst auf ein Sofa legen und wenigstens für eine gute Stunde schlafen kannst, während ich diesen Besucher sehe.«

Er führte den Jungen in ein kleines Wartezimmer, und als Charles Rambert sich gehorsam auf dem Sofa ausstreckte, sah Juve den blassen, nervösen und völlig stillen Jungen an und sagte mit noch größerer Zärtlichkeit: »Da, schlaf ein, schlaf ruhig, schlaf ruhig, und zwar sofort«.

Juve verließ den Raum und rief einen Mann, dem er im bestimmenden Tonfall einen Befehl gab. »Bleiben Sie bei diesem Gentleman, bitte. Er ist ein Freund von mir, aber ein Freund, verstehen Sie, der diesen Ort nicht verlassen darf. Ich werde jemanden sehen, aber ich werde gleich wieder hochkommen.«

Juve eilte nach unten in den Salon.

Der Besucher erhob sich, als sich die Tür öffnete, und Juve machte eine formale Verbeugung.

»Monsieur Gervais Aventin?«, fragte er.

»Monsieur Gervais Aventin«, antwortete dieser Herr. »Und Sie sind Commissaire Juve?«

»Ich bin es, Monsieur«, antwortete der Commissaire, bot seinem Besucher einen Stuhl an und nahm selbst an einem kleinen Tisch mit offiziellen Dokumenten Platz.

»Monsieur«, begann Juve, »Ich wagte es, Ihnen diese dringende Einladung zu schicken, heute nach Paris zu kommen, denn aus meinen Anfragen über Sie ging hervor, dass ich mir sicher war, dass Sie ein Mann mit Pflichtbewusstsein sind, der es nicht ablehnen würde, in Schwierigkeiten zu geraten, wenn es darum ging, an einem Werk der Gerechtigkeit und der Wahrheit mitzuwirken.«

Der Besucher, ein Mann von vielleicht dreißig Jahren, von etwas modischem Aussehen und sorgfältiger, aber unaufdringlicher Kleidung, zeigte sich sehr überrascht.

»Fragen über mich, Monsieur? Und bitte, warum? Ich muss gestehen, dass ich sehr erstaunt war, als ich Ihren Brief erhielt, in dem Sie mir mitteilten, dass der berühmte Commissaire Juve mich sehen wollte. Ich vermutete zunächst einen Streich. In Anbetracht dessen beschloss ich, Ihrer Vorladung ohne weiteres zu folgen, aber ich hätte mir nicht vorgestellt, dass Sie irgendwelche Anfragen über mich gestellt hätten. Woher kennen Sie mich, wenn ich fragen darf?«

Juve lächelte. »Ist es wahr«, fragte er, anstatt direkt zu antworten, denn wie der gute Commissaire, der sehr an seiner Arbeit interessiert war, genoss er es, Menschen zu verblüffen, mit denen er sprach. »Ist es wahr, dass Ihr Name Gervais Aventin ist? Ein Bauingenieur? Der Besitzer von beträchtlichen privaten Mitteln? Sind Sie dabei, zu heiraten? Und dass Sie in letzter Zeit eine kurze Reise nach Limoges gemacht haben?«

Der junge Mann nickte und lächelte. »Ihre Angaben sind in jeder Hinsicht absolut korrekt. Aber ich verstehe noch nicht, welches Verbrechen mich diesen Untersuchungen Ihrerseits ausgesetzt haben kann.«

Juve lächelte wieder. »Ich habe mich gefragt, Monsieur, warum Sie sich dafür verbürgten, dass Sie auf die lokalen Anfragen, die in meinem Fall gestellt wurden, keine Antwort gegeben haben, auf die Anzeigen, die ich in die Zeitungen eingefügt habe, in denen ich diskret mitteilte, dass die Polizei mit allen Fahrgästen in Kontakt treten wollte, die in der Nacht des 23. Dezember letzten Jahres mit dem Personenzug von Paris nach Luchon erster Klasse gefahren sind.«

Diesmal sah der junge Mann ängstlich aus. »Großer Gott«, rief er aus, »sind Sie im Dienst meines zukünftigen Schwiegervaters?«

Juve brach in ein lautes Gelächter aus. »Bestätigen Sie zunächst, dass Sie in besagter Nacht mit diesem Zug gereist sind; dass Sie in Vierzon eingestiegen sind, wo Sie wohnen und wo Sie heiraten werden; und dass Sie nach Limoges gefahren sind, um eine Dame zu sehen, und dass Sie nicht wollten, dass die Familie Ihrer Verlobten etwas davon weiß.«

Gervais Aventin riss sich zusammen. »Ich hatte keine Ahnung, dass die Polizei solche Nachforschungen durchführt«, erwiderte er ziemlich trocken. »Aber es ist wahr, Monsieur, dass ich nach Limoges gefahren bin – mein letzter Einsatzort, bevor ich nach Vierzon berufen wurde, um mich endgültig von einer Dame zu verabschieden. Aber da Sie so genau darüber informiert sind, da Sie sogar wissen, mit welchem Zug ich gefahren bin, einen Zug, den ich bewusst gewählt habe, weil in kleinen Orten wie Vierzon so viel Aufmerksamkeit auf Menschen gelenkt wird, die mit dem Express reisen, müssen Sie auch wissen …«

Juve winkte ab.

»Ein Waffenstillstand zum Scherzen«, sagte er, »Entschuldigung, Monsieur, ich habe mich nur amüsiert, indem ich noch einmal beobachtet habe, wie schnell anständige Menschen, die ein kleines Kavaliersdelikt auf dem Gewissen haben, gestört werden, wenn sie denken, dass sie es herausgefunden haben. Ihre Liebesaffären sind mir egal, Monsieur. Ich will nicht wissen, ob Sie eine Freundin haben oder nicht. Die Informationen, die ich von Ihnen will, sind von ganz anderer Natur. Beantworten Sie mir einfach Folgendes: Unter welchen Umständen haben Sie diese Reise gemacht? In welchen Wagen sind Sie eingestiegen? Wer ist mit Ihnen in diesem Wagen gereist? Ich frage Sie, weil ich allen Grund zu der Annahme habe, dass Sie in dieser Nacht mit einem Mörder gereist sind, der ein Verbrechen der besonderen Grausamkeit begangen hat. Ich denke, Sie können mir vielleicht einige interessante Informationen geben.«

Der junge Mann, der ernsthaft ausgesehen hatte, lächelte noch einmal. »Ich würde das lieber haben, als eine Untersuchung meiner vergangenen Liebesaffären. Nun, Monsieur, ich stieg in den Zug bei Vierzon in einen Erste-Klasse-Wagen.«

»Welche Art von Wagen?«

»Einer der altmodischen Durchgangswagen, das heißt, nicht ein Gang, der mit den anderen Wagen verbunden ist, sondern ein einzelner Wagen mit vier Abteilen, zwei in der Mitte, die sich zum Gang hin öffnen, und zwei an den Enden, die durch eine kleine Tür mit dem Gang verbunden sind.«

»Ich weiß«, sagte Juve, »die Toilette ist in der Mitte, und Außenabteile sind wie die gewöhnlichen Innenabteile, nur dass sie sieben Sitze haben und die kleine Tür auch mit dem schmalen Durchgang auf einer Seite des Wagens verbunden ist.«

»Das ist es. Ich stieg am Ende in das Raucherabteil ein.«

»Nicht so schnell«, sagte Juve. »Sagen Sie mir, wen Sie in den verschiedenen Abteilungen gesehen haben. Lassen Sie uns noch weiter zurückgehen. Sie waren auf dem Bahnsteig und haben auf den Zug gewartet. Er kam rein. Was ist dann passiert?«

»Sie wollen alles sehr präzise wissen«, bemerkte Gervais Aventin. »Nun, als der Zug ankam, suchte ich nach dem Wagen der ersten Klasse. Er war ein paar Schritte von mir entfernt, und der Durchgang war neben dem Bahnsteig. Ich stieg in den Korridor und wollte mein Abteil aufsuchen. Ich erinnere mich deutlich, dass ich zuerst in das hintere Abteil gegangen bin, das letzte im Wagen. Ich konnte da nicht reingehen, denn die Tür, die sich vom Gang aus hinein öffnet, war verschlossen.«

»Das ist richtig«, sagte Juve nickend. »Ich weiß vom Schaffner, dass das Abteil leer war. Was haben Sie dann getan?«

»Ich kehrte um und beschloss, mich am Damenabteil und der Toilette vorbei auf den nächsten Platz zu setzen, der mit dem Gang verbunden war. Aber das Glück war gegen mich. Eine Glasscheibe war kaputt und es war dort bitterkalt. Also musste ich auf das einzige Abteil zurückgreifen, das noch übrig war – das Raucherabteil an der Zugspitze.«

»Waren viele Reisende dort?«

»Zuerst dachte ich, dass ich einen Mitreisenden haben würde, denn auf dem Sitz waren etwas Gepäck und ein Teppich abgelegt worden. Aber der Passagier muss auf der Toilette gewesen sein, denn ich habe ihn nicht gesehen. Ich setzte mich auf den anderen Sitz und schlief ein. Als ich in Limoges aus dem Zug stieg, muss mein Mitreisender wieder auf der Toilette gewesen sein, denn ich erinnere mich ganz deutlich daran, dass er nicht auf dem gegenüberliegenden Platz saß. Ich dachte damals, wie einfach es für mich gewesen wäre, sein Gepäck zu stehlen und mit seinem Koffer zu verschwinden. Niemand hätte mich gesehen.«

Juve hatte jedes Wort der Geschichte aufmerksam verfolgt. Er bat um ein weiteres Detail mit einer gewissen Verunsicherung in seinem Tonfall.

»Sagen Sie mir, Monsieur, als Sie aufwachten, hatten Sie den Eindruck, dass das Gepäck, das auf dem Sitz gegenüber von Ihrem angeordnet war, etwa durchwühlt und durcheinandergebracht worden war? Könnte der Reisende, den Sie nicht gesehen haben, zum Schlafen gekommen sein, während Sie selbst geschlafen haben?«

Gervais Aventin machte eine kleine Geste der Unsicherheit. »Ich kann nicht mit Ja antworten, Monsieur Juve. Das bemerkte ich nicht; und außerdem, als ich in das Abteil kam, wurden der Schirm über die Lampe und die Vorhänge an den Fenstern heruntergezogen. Ich habe die Dinge in unmittelbarer Reichweite kaum gesehen. Und dann, als ich in Limoges ausstieg, war ich in Eile und dachte nur daran, mein Ticket zu finden und auf den Bahnsteig zu springen. Aber ich glaube nicht, dass der andere Kerl seinen Platz eingenommen hat, während ich geschlafen habe. Ich hörte kein Geräusch, denn schlief ich überhaupt nicht gut.«

»Sie sind also in der Nacht des 23. Dezember in einem Abteil erster Klasse im Personenzug von Paris nach Luchon gefahren. In diesem Abteil befand sich das Gepäck eines Reisenden, den Sie nicht gesehen haben – dieser war vielleicht nicht dort?«

»Ja«, sagte Gervais Aventin. Als der Commissaire für einen Moment still saß, fragte er: »Sind meine Informationen zu vage, um für Sie von Nutzen zu sein?«

Juve fragte sich innerlich, warum der Kerl Etienne Rambert nicht in diesem Abteil gesehen hat, da dieser nach den Aussagen des Schaffners dort gewesen sein muss. Aber er sagte nichts davon. Stattdessen antwortete er: »Ihre Informationen sind sehr wertvoll, Monsieur. Sie haben mir alles gesagt, was ich wissen wollte.«

Gervais Aventin zeigte sich etwas überrascht.

»Nun«, sagte er, »als Gegenleistung, Monsieur Juve, klären Sie mich darüber auf, das mich etwas verwirrt. Woher wussten Sie, dass ich in dieser Nacht mit dem Zug gefahren bin?«

Der Commissaire zog sein Notizbuch heraus und holte aus einer Innentasche eine Fahrkarte erster Klasse, die er dem Ingenieur aushändigte.

»Das ist sehr einfach«, antwortete er. »Hier ist Ihre Karte. Ich wollte genau wissen, wer alle waren, die in diesem Abteil der ersten Klasse reisten, und so orderte ich alle Erste-Klasse-Fahrkarten, die von den Passagieren aufgegeben wurden, die an den verschiedenen Bahnhöfen aus dem Zug gestiegen waren. So kam ich zu Ihrem. Es war in Vierzon, dem Bahnhof, in dem Sie eingestiegen sind, vorverlegt worden, also habe ich den Sachbearbeiter im Buchungsbüro verhört, der mir eine Beschreibung von Ihnen gegeben hat. Dann habe ich einen Inspecteur nach Vierzon geschickt, um diskrete Anfragen zu stellen. Er hat mir alle Informationen besorgt, die ich brauchte, um alles Weitere in die Wege leiten zu können.

2 Kommentare zu Fantomas – Kapitel 18

  • Paule sagt:

    Danke Wolfgang.
    Du hattest mal ein Übersetzungspärchen an der Hand, welche die französischen Fantômas Hefte ins Deutsche übertragen helfen wollten.
    Wo sind die beiden denn?

    • W. Brandt sagt:

      Paule,
      einerseits wieder in Lohn und Brot, andererseits bei einem Verlag gegen Bezahlung. Kann man nichts machen; c’est la vie!
      Doch es geht auch so weiter. Habe bereits Kapitel 19 in Arbeit.

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