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Das Ende

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Schaue ich mir Filme an, erwarte ich meist ein Happy End. Lese ich ein Buch, setze ich bei bestimmten Genres ein Happy End voraus. Im Leben allerdings gibt es oft kein Happy End, wie ich nach 21 Jahren im Buchhandel nun feststellen muss. Im Gegenteil, dieses Ende ist Horror pur und damit einen Leitartikel auf dem Geisterspiegel wert.

Vor 21 Jahren begann meine berufliche Laufbahn als Quereinsteiger im Buchhandel. Ich bekam eine Stelle in der Science-Fiction/Fantasy Abteilung in der damals größten Buchhandlung Gießens, die ich nach kurzer Zeit selbstständig leitete. 10 Jahre verbrachte ich dort und tauchte fast täglich in die Wunderwelten ein, die sich literarisch auftaten und für mich anfangs absolutes Neuland waren. Ich lernte coole Leute kennen, von denen ich viel Phantastisches lernte. Das ging gut, bis die Firma pleite war und an eine große Filialkette verkauft wurde, die in Gießen ansässig wurde. Weil mir das Konzept aber nicht so gut gefiel, schließlich war ich selbstständiges Arbeiten gewöhnt, entschied ich mich, in die bereits ansässige Filialkette mit dem großen W zu wechseln und dort die Filiale zu leiten, die bis dahin als Franchisefiliale geführt wurde. Nach kurzer Zeit übernahm Weltbild dann selbst das Ruder, behielt mich aber als Angestellte mit der Option, bald selbst wieder eine Filiale zu leiten. Es begannen 8 gute Jahre, die Option erfüllte sich und alles hätte gut werden können. Aber dann kam alles anders. Weltbild meldete Insolvenz an. Diese Zeit war nicht schön, aber auch nicht hoffnungslos. Irgendwann wurde das Insolvenzverfahren sogar wieder geschlossen, doch scheinbar war damit keines der Probleme gelöst. Der große Investor hat nämlich nicht beschlossen, zu investieren, sondern zu sparen. Als Erstes musste die Logistik dran glauben, dann waren die Filialen dran. Eine bunte Mischung quer durch Deutschland, bei der meinerseits kein Muster zu erkennen war, wurde zum Verkauf angeboten. Offiziell hieß es, die Filialen seien wirtschaftlich defizitär, doch das stimmte in vielen Fällen so nicht. Die Lage wurde nämlich herbeigeführt, weil statt Investition der Sparkurs eingeführt wurde. Hier ins Detail zu gehen, bringt nichts, der Verkauf von 67 Filialen wurde durchgezogen. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich schon, dass es eine Wahl zwischen Pest und Cholera war, ob man verkauft wurde oder nicht. Jedenfalls gehörte auch ich plötzlich zu der bis dahin völlig unbekannten Buchhandelskette LesensArt. Der Name klang anfangs ganz gut, bis er dann einmal zu viel durch die Presse geisterte und zwar nicht mit positiven Meldungen.

Da LesensArt die Läden samt Inhalt und Personal kaufte, änderte sich optisch zunächst nichts. Lediglich der ganze Plunder wie Thermoskannen und Teelichthalter verschwand aus den Läden und natürlich die billigen Bücher von Weltbild. Das fiel allerdings den wenigsten Kunden auf. Als dann Platz für Neues war, bekamen wir die Anbindung an einen Großhändler, bei dem wir zu wirklich guten Konditionen neue Ware bestellen konnten. Mit Ware meine ich nun fast ausschließlich Bücher, wir waren ja nun eine echte Buchhandlung. In meiner Euphorie habe ich tatsächlich anfangs daran geglaubt, dass das gut gehen könnte. Also habe ich ein Sortiment aufgebaut, welches die Kunden freudig annahmen. Ebenso den Bestellservice, wo eine Bestellung nicht mehr 4 Tage oder länger dauerte, sondern eine Lieferung für den nächsten Morgen zugesagt werden konnte. Alles hätte gut werden können, doch es kam ganz anders. Mitte April, wir waren gerade dabei, die letzten Warengruppen aufzubauen und dafür Bücher zu bestellen, hieß es auf einmal, dass wegen anstehender Inventuren nur noch das Nötigste bestellt werden darf. Wir bekamen ein Einkaufsbudget in Höhe von etwa einem Drittel des Umsatzes. Soll heißen, pro Tag gingen mehr Bücher raus, als reinkamen. Zu einem Zeitpunkt, wo man sagen konnte, die Regale und Tische waren ungefähr zur Hälfte, vielleicht auch ein bisschen mehr, bestückt. Ich habe das mit der Inventur erst einmal geglaubt, es war ja nach dem Kauf die erste Bestandsaufnahme überhaupt. Die Inventur kam, ging vorbei und es änderte sich … nichts! Zu diesem Zeitpunkt ungefähr kursierten dann auch die ersten Gerüchte durch die Presse, dass Weltbild immer noch Mieter der Ladenflächen sei. Wie jetzt? Die verkaufen das Personal, die Innenausstattung und die Ware und die Mietverträge bleiben, wie sie sind? Jahaha, das erklärt auch, warum bis heute die rote Leuchtreklame von Weltbild an vielen Fassaden hängt. Nun macht mal einem Otto-Normal-Verbraucher klar, dass nicht überall Weltbild drin ist, wo es drauf steht. Das kostete schon viele Nerven! Und dann begann das Filialsterben. Nach und nach wurden Läden geschlossen, zuerst nur ein paar, dann immer mehr und als ich im Sommer meinen Urlaub antrat, habe ich vorsorglich schon mal alle meine privaten Sachen mit nach Hause genommen, weil ich ein ungutes Gefühl hatte. Auf der Fahrt in den Urlaub kam auch gleich früh am Morgen ein Anruf. »Jetzt sind wir also dran«, sagte ich statt einer Begrüßung. Doch es kam viel »besser«. Die Firma LesensArt hatte Insolvenz angemeldet. Kaum anderthalb Jahre nach der Weltbildinsolvenz war das natürlich genau der Start in den Urlaub, den man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Aber okay, eine Insolvenz muss ja nicht zwangsläufig das Aus bedeuten. Normalerweise … Aber wer bitteschön sollte denn in ein Unternehmen investieren, wo die Läden einer Firma, der Inhalt und das Personal aber einer ganz anderen gehört?

Es kam, wie es kommen musste. Die Filialschließungen kamen richtig in Fahrt und so traf es nun auch meine Filiale. Ist es Ironie des Schicksals, dass ich am Schließungstag wieder im Urlaub bin? Jedenfalls können mich diesmal bei der Anreise keine schlechten Nachrichten ereilen, hoffe ich jedenfalls.

Wen der Werdegang vom Beginn der Weltbildinsolvenz bis hin zur Schließung der LesensArt-Filiale Gießen genauer interessiert oder wer mir nicht glaubt, weil es vielleicht zu abstrus klingt, kann fast alle Details auf www.boersenblatt.net oder www.buchreport.de nachlesen. Aus allen Meldungen zusammengenommen und dem, was mein gesunder Menschenverstand mir sagt, habe ich persönlich den Verdacht, dass dieser ganze Verkauf an LesensArt und dessen Folgen von Anfang an so geplant war. LesensArt diente meines Erachtens nur zur Abwicklung von 67 Weltbildfilialen, ohne dass Weltbild sich dabei die Weste dreckig machen musste. Ich würde mich vielleicht vom Gegenteil überzeugen lassen, aber es interessiert mich eigentlich nicht mehr. Weltbild hat mich verkauft, und damit haben sie nicht nur eine gute Buchhändlerin verloren, sondern auch eine treue Kundin. Und mit treu meine ich, dass ich alles, was ich bei Weltbild bekommen konnte, auch dort gekauft habe. Nun ratet mal, wo ich jetzt bestelle, was ich im Laden nicht bekomme?

Tja, und was ist nun die Moral von der Geschicht’? Moral??? Nein, die gibt es hier wohl nicht. Ich jedenfalls kann keine erkennen. Verraten und verkauft fühle ich mich und werde dem Buchhandel nun wohl oder übel den Rücken kehren müssen. Das ist bitter, doch nach jedem Ende kommt ein neuer Anfang. Oder wie Oscar Wilde so schön sagte:

»Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.«

(ab)

6 Antworten auf Das Ende

  • Geli sagt:

    Hallo Anke,
    gut geschrieben, genauso war’s.
    Ich warte noch aufs Ende, werde aber keinen Räumungsverkauf hier in Husum
    durchführen.Die Kraft habe ich nach 16 Jahren nicht. Das darf dann gerne Herr
    Wenk machen!!!!
    Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft
    Liebe Grüsse Geli

    • Mohnflatter sagt:

      Hallo Geli,
      der Räumungsverkauf geht Gott sei Dank an uns vorbei. DAS habe ich auch oft genug gehabt bei Weltbild, hab hier ja zwischendurch schon 2 Filialen schließen müssen. Nein, das braucht man nicht, die Fragen der Kunden sind so schon anstrengend genug …
      Ich bin übrigens in 3 Wochen in Husum im Urlaub. Vielleicht sehen wir uns, wenn ich in der Lage bin, noch mal eine Filiale zu betreten 😉
      Liebe Grüße
      Anke

  • Fred sagt:

    Hallo Anke und auch Geli,

    es ist schade zu lesen das aufgrund von Missmanagement Menschen ihren geliebten Beruf aufgeben und vor ein nichts gestellt werden.
    Weltbild ist ja nicht wegen Erfolglosigkeit in die Insolvenz geraten sonde4rn weil dem Eigner das Sortiment nicht gefallen hat.
    Das die Firma LesensArt nur der Abwicklung der Filialen diente ist sicher richtig, wenn auch nicht wirklich verständlich wieso sich eine Firma für sowas hergibt.

    Wenn ich dann in den Medien höre oder lese das Lesen und immer noch sehr hoch im Kurs steht selbst bei jugendlichen ist es noch unverständlicher das Buchläden Insolvenz anmelden müssen. Vielleich ist bei jugendlichen oder jungen Erwachsenen der Trend zum eBook einfach zu groß geworden.

    Ich finde nichts schöner als ein neues Buch in der Hand zu haben und darin zu lesen. Jeder Buchladen ist ein Problem für mich, insofern nicht rein zu gehen und die Zeit zu vergessen egal ob neue Bücher oder Antiquariat oder An- und Verkaufsladen.

    Ich wünsche euch von Herzen das dadurch eure Liebe zu den Büchern nicht leidet.

    Gruß aus München, wo es leider auch immer weniger Buchläden gibt
    Fred

    • Mohnflatter sagt:

      Hallo Fred,
      ich denke, dass eine Firma sich sehr wohl für so etwas hergibt … zum Beispiel für Geld? Ist zwar nur eine Vermutung, aber einen anderen Grund kann ich mir nicht vorstellen. Vor allem nicht unter dem Aspekt, dass der Firmeninhaber am Tag, als er die Insolvenz angemeldet hat, gleich noch eine neue GmbH gegründet hat (http://www.unternehmen24.info/Firmeninformationen/DE/4121409).
      Eines ist aber gewiss, vor 21 Jahren habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht, nun wird daraus eben wieder ein Hobby 🙂
      Gruß Anke

  • Paule sagt:

    Hi Anke,
    spiegelt sich so etwas vielleicht durch unsere Wirtschaft?
    Letzte Woche wurde uns die Firmenteilung vorgestellt; alte Technologie in die Neue und Innovationen unter dem alten Namen.
    Und das weltweit .. Ich gebe unserem Standort noch max. 4 Jahre, dann wird er verkauft, da die Produkte chin. Herkunft günstiger am Markt sind.
    Vor 5 Jahren fragte mich ein leitender Angest.: „Wie sehen sie uns in 20 Jahren?“ Antwort: „Briefkasten hier in Land, Produktionen in asiatischer Hand.“
    „Sehr realistisch“, war seine Bemerkung. Bin glücklicherweise per ATZ weniger als ein Jahr dort.
    Standpunkt eines ITlers, 2013 im Herbst: „Früher waren unsere Chefs Unternehmer und investierten; jetzt nur noch Manager mit Taschenrechner und rationalisieren.“

    • Mohnflatter sagt:

      Hallo Paule,
      das sind ja sehr prägnante Aussagen, die du da zitierst, und hören sich recht realistisch an. Traurig, aber wahr. Da will man gar nicht darüber nachdenken, wie sich alles entwickelt. Ich für meinen Teil befürchte, dass sich viele Bereiche in den nächsten Jahren verandern werden, nicht nur der Buchhandel. Hugendubel macht es ja nun vor mit den SB-Flächen im Karstadt. Solche gibt es zwar schon lange in Supermärkten, aber da stand kein Name drüber, der für Buchhandel steht. (Wüsste ich jedenfalls so nicht). “Manager mit Taschenrechner” trifft es wohl wirklich am besten, wenn Investoren nur noch sparen.

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