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Über den Journalismus

Über den Journalismus

Ich beginne mit einer Definition, entnommen der Wikipedia1:

Ein Journalist [ʒʊʁnaˈlɪst] ist jemand, der sich »hauptberuflich an der Verbreitung und Veröffentlichung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Massenmedien beteiligt.«

So sagt es, laut der Quelle, der Deutsche Journalisten-Verband.

Mir ist das ein wenig zu eng gefasst, denn es gibt auch Journalisten, die dies nicht hauptberuflich tun; am Endergebnis ändert das jedoch nichts.

Wie auch immer – geschützt ist dieser Beruf in Deutschland nicht. Jeder darf sich Journalist nennen; auch dann, wenn er die erforderlichen Kriterien des Verbandes nicht erfüllt und auch dann, wenn er nie eine Ausbildung in diesem Bereich besaß.

Und so gibt es viele Fische im Teich, die sich Journalist nennen, aber keine Ahnung davon haben, was sie eigentlich tun!

Als ich vor etlichen Jahren zum Geisterspiegel kam, war der dortige Chef noch Horst von Allwörden. Ich kümmerte mich nicht sonderlich um die Qualität, denn ich wurde angeworben, um etwas über Chris Schwarz und Jaqueline Berger zu schreiben.

Das änderte sich erst nach dem Abgang von Allwörden. Der Geisterspiegel wandelte sich vom digitalen Fanzine, das vor allem der Vergangenheit verpflichtet war und Helden ehrte, die heute niemand mehr kennt – oder interessiert – zum eher vorwärts gewandten, journalistisch gestalteten Online-Magazin.

Da ich durch diverse Aufgaben in der Vergangenheit bereits einige Erfahrung im journalistischen Bereich besaß, wurden – nach Absprache mit Wolfgang und Anke, die beide mit mir übereinstimmten – Qualitätskriterien eingeführt.

Artikel werden vor der Veröffentlichung geprüft, Quellenangaben sind Pflicht und Rezensionen werden nach den allgemeingültigen Regeln verfasst – oder flogen raus.

Das kostete uns einige Mitarbeiter, denn nicht alle waren gewillt, diesen Wechsel mitzumachen. Nicht jeder konnte oder wollte sich an die neuen Regeln halten. Ein Hobby sei ein Hobby …

Nun bin ich überzeugt, dass auch die Spieler vom FC Rülzheim – keiner von denen dürfte Profi sein – nach dem Regeln des DFB spielen. Und wer in seiner Freizeit Modellboote baut, wird den Mast nicht unter den Rumpf setzen, da es ja nur ein Hobby ist.

Aber gerade das ist das Problem, wenn man sich zwar Journalist nennt oder journalistisch arbeitet, jedoch weder die Regeln dieser Branche kennt, noch die geringste Lust verspürt, ihnen zu folgen.

Und das betrifft nicht allein jene, die wir alle kennen und … lieben.

Das Internet wurde in den letzten Jahren zu einem Tummelplatz für Lügen, Täuschungen, Ablenkungen, Wahrheiten, Vorurteilen und Ideen. Es ist eine Brutstätte aller jemals von Menschen empfundener Emotionen. Und in ihm stirbt der Journalismus einen leisen Tod.

Einst standen die Regeln fest. Etwas geschah, die Medien recherchierten und Stunden später wurden die Menschen informiert. Zeitungsverlage hatten bis zur nächsten Auflage, notfalls wurden aber auch die Maschinen gestoppt; wenn Goethe starb2, musste alles ganz schnell gehen.

Aber selbst dieses »ganz schnell« ließ noch Zeit für das Überprüfen der rudimentären Informationen.

Im Zeitalter von Twitter und Facebook gelten diese Regeln nicht mehr.

Heute wird ein jeder Augenzeuge zum Berichterstatter. Fährt ein LKW in ein Wohnhaus, gibt es Sekunden danach bereits die ersten Bilder und Berichte dazu im Web; manche auf 160 Zeichen reduziert, andere in längerer Form bei Facebook.

Die klassischen Medien versagen hier, denn noch ehe der erste Mitarbeiter vor Ort ist, haben bereits Millionen Menschen das brennende Haus, die Verletzten und die Toten gesehen. Sie wissen, was passiert ist, wo und wann und nicht selten – auch das Warum.

Oder … sie glauben es zu wissen.

Das Warum, meine ich.

Denn hier beginnt das Problem.

Nehmen wir die Szene noch einmal – ein LKW fährt ungebremst in ein Wohnhaus; Fahrer und zwei Bewohner tot, zwei weitere schwer verletzt.

Es brennt, Feuerwehr und Polizei rücken an.

Sekunden später tauchen die ersten Tweets auf, die jeden der bekannten Aspekte abdecken. Und irgendeiner wird garantiert darauf schließen, dass der Fahrer betrunken gewesen sein musste … und schreibt es in den Tweet.

Schon macht dies die Runde, wird kurz darauf zur Gewissheit und schon wurde aus einem Gerücht, einer bloßen Annahme, ein Fakt.

Wo aber bleiben die Medien?

Diese sind auf solche Ereignisse angewiesen, denn Schlagezeilen sind ihr tägliches Brot. Und so beginnt die Berichterstattung bereits mit den ersten Tweets; noch bevor ein Mitarbeiter am Unfallort ist, werden auf der Webseite bereits die ersten Artikel freigeschaltet.

Und in ihnen heißt es, dass Augenzeugen gesehen haben wollen, dass der Fahrer betrunken war!

So steht es in dem Tweet, und noch hatte niemand Zeit, es zu überprüfen.

Jene, die vor Ort ihr Smartphone in Händen halten, müssen nicht von den Ergebnissen dessen, was sie da tippen, leben.

Sie müssen auch nicht auf die Wahrheit achten, Quellen angeben oder sich der Wahrheit verpflichtet fühlen.

Sie geben nur ihre eigenen Gedanken wieder.

Die Medien hingegen dürften all diese Tweets gar nicht beachten. Nur, tun sie es nicht, haben sie nichts und die Story wird kälter mit jeder Sekunde.

Und ohne Story keine Klicks, keine Werbung, keine Umfragen, keine Interaktion mit den sozialen Netzen, keine Reichweite.

Da sie aber all das zum Überleben brauchen, lassen sie sich mit den Tweets und Facebook-Einträgen treiben, bedienen sich nicht selten irgendwelche Bilder, ohne die Rechte daran zu besitzen, und haben so Zeit, Mitarbeiter vor Ort agieren zu lassen.

Nun wäre es an denen, die Sache ordentlich aufzuarbeiten. Aber nicht selten begehen diese den Fehler, die von der eigenen Redaktion verbreiteten »Fakten« als bare Münze zu nehmen. Und so hinterfragen sie nicht, ob der Fahrer betrunken war.

Er bleibt es; manchmal Stunden lang, bis die Polizei eine Pressemeldung veröffentlicht und darlegt, dass der arme Fahrer einen Herzinfarkt erlitt und aus diesem Grund der Unfall verursacht wurde.

Bis dahin jedoch haben die Medien bereits über den Unfall berichtet. Auf den Webseiten konnten die User abstimmen, ob eine Null-Promille-Grenze eingeführt werden solle, und bei Facebook diskutierten die User auf den Seiten der Magazine, Zeitungen und Sendungen.

Selbst Menschen, die sich weder um Twitter noch Facebook scheren und auf Informationen »seriöser« Quellen zurückgreifen, werden so ein Opfer des schnellen, unprofessionell betriebenen Journalismus, der unsere Zeit bestimmt.

In ihm ist kein Platz für lange Recherche, tiefgehende Analysen und ausschweifende Erklärungen.

Alles, was über eine gewisse Länge hinausgeht, wird ohnehin nicht gelesen.

Wer weiß, wie viele User bereits aus diesem Leitartikel ausgestiegen sind.

Tl’dr ist das Kürzel unserer Zeit. Zu lang, hab es nicht gelesen, heißt es ins Deutsche übertragen.

Und das beginnt bei vielen sehr früh. Warum sollte man zwei Seiten lesen, wenn man alle wichtigen Fakten in 160 Zeichen oder weniger serviert bekommt?

Rülzh. LKW in Haus, 3 ex, 2 verl. Fahrer besoffen. Feuer gelöscht. Gehe Eis essen.

Das sind mal gerade 82 Zeichen und in ihnen steht alles, was man heute wissen muss. Damit ist die Story erschöpft, Millionen Menschen brauchen nun keine weiteren Informationen mehr.

Das hat natürlich nichts mit Journalismus zu tun, und doch landen genau diese »Fakten« auch auf den Seiten der Medien.

Okay, abgesehen vom Eis vielleicht.

Das funktioniert mit allem, nicht nur mit Unfällen. Und es bringt die Verlage in enormen Zugzwang. Sie, die das Internet verschlafen haben wie kaum eine andere Branche, müssen sich genau diesen schnellen Inforationen unterwerfen. Und so werden Falschmeldungen produziert und Menschen unbeabsichtigt in die Irre geführt.

Oder auch beabsichtigt. Denn wenn ein »Fakt« nicht stimmt, er jedoch gut für die »Linie« des Magazins ist, bleibt er einfach unwidersprochen.

Wozu auch eine Korrektur, wenn die Menschen ohnehin geistig schon weitergeeilt sind?

Ein Beispiel?

Ein linksgerichteter Beobachter tweetet, dass bei einer PEGIDA-Demo nur 100 PEGIDAs und 5.000 Gegendemonstranten waren.

Tatsächlich war es jedoch ausgeglichen 2.500 zu 2.500.

Es kann passieren – und es passierte – dass bei linken Magazinen die 100 zu 5.000 blieben; selbst, nachdem Journalisten vor Ort etwas ganz anderes sahen.

Aber es passte zur Linie. Und die User, die sich bereits über diese Quote freuten, hätten die Wahrheit ohnehin eher angezweifelt, als die fehlerhafte Berichterstattung zu Beginn.

Und, brav, wie ich bin, nun der Einwurf – ich spreche nicht aus Erfahrung, da ich kein Fan von PEGIDA bin!

Und doch bot PEGIDA wie kaum ein anderes Phänomen die Chance, den Untergang des Journalismus zu verfolgen. Lügen, Falschmeldungen, Unterschlagen von Informationen und gegenseitige Häme zeichneten ein sehr düsteres Bild von dem, was wir beim Geisterspiegel tun, lieben und pflegen.

Und so, am Ende eines langen Artikels, tl’dr für all jene mit einer Aufmerksamkeitsspanne von zehn Sekunden, komme ich zu dem Schluss, dass der Journalismus in seiner alten Form im Sterben liegt.

Wahrheit und Fakten liegen bereits blutend am Boden, es ist die Zeit der schnellen, persönlich gefärbten Informationen, die stimmen oder nicht.

In einer Zeit, in der man sich nicht länger als zehn Sekunden mit einer Katastrophe befasst, ist alles andere auch nur lästig.

Die Frage heute ist nicht mehr, was Journalismus darf.

Sie ist, was er muss.

Oder müsste.

(ga)

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  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Journalist
  2. Bei einer mir bekannten Zeitung der Code für ein Ereignis, das sofort umgesetzt werden musste.

Eine Antwort auf Über den Journalismus

  • Ulrike sagt:

    Ein bisschen pauschal, würde ich sagen. Nicht jede Zeitung macht das. Die Zeitung, für die ich arbeite, bringt Korrekturen heraus, wenn denn mal was schief gelaufen ist. Aber man achtet darauf, dass eben nichts schief läuft. Und nicht jeder Internetbenutzer ist einer von den “Schnellen”. Das hängt meiner Meinung nach auch mit der Erziehung zusammen. Mein Sohn ist knapp dreieinhalb, aber er kann sich viel besser konzentrieren als andere in seinem Alter. Ich denke, dass er später in der Lage sein wird, auch längere Texte zu lesen.

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