
SPECIAL zum zweijährigen Geisterspiegel.de-Jubiläum 2008
»Happy Birthday«
von C.C. Slaterman

„Wisst ihr eigentlich, was für einen Tag wir heute haben?“
Claire, Markus und Dan drehten sich unvermittelt um und starrten Ken ungläubig an.
Der Anblick eines Hundes mit fünf Beinen hätte die Freunde wohl nicht überraschter aussehen lassen können.
„Was soll das denn jetzt?“, brummte Dan ungehalten. „Hast du keine anderen Sorgen?“
Auch Claire zuckte mit den Achseln und starrte Ken verständnislos an.
„Dan hat recht, irgendwie kann ich dir gerade auch nicht so ganz folgen. Was willst du uns damit sagen?“
Als Ken erkannte, dass seine Begeisterung für den heutigen Tag bei den anderen auf taube Ohren stieß, war er sichtlich enttäuscht. Insgeheim hatte er nämlich besonders von Dan etwas mehr Anteilnahme erwartet.
„Vergesst es!“, erwiderte der Japaner auf das Unverständnis und wandte den Kopf mit einer heftigen Bewegung zur Seite, um danach sichtlich eingeschnappt irgendeinen imaginären Punkt im Wald anzustarren.
Schlaftrunken richtete sich in ihrer unmittelbaren Nähe eine zierliche Gestalt auf, warf einen kurzen Blick in die Runde und streckte sich nach einem herzhaften Gähnen wieder am Boden aus.
„Psst“, wisperte Claire leise und legte ihre Rechte mit einer sanft anmutenden Geste zärtlich auf Kens Schultern. Dies wiederum veranlasste Dan, dem Japaner einen mehr als finsteren Blick zuzuwerfen. „Sei bitte leise. Viele von den Leuten hier sind am Ende ihrer Kräfte und wollen einfach nur schlafen. Wer weiß, was uns morgen noch alles erwartet.“
„Wenn es sowieso keinen interessiert...“
Claire schüttelte verständnislos den Kopf und starrte Ken eindringlich an.
„Was soll das Gerede? Überleg doch mal, seit unserem ersten Zeitsprung aus Kansas City sind wir von einer Parallelwelt in die andere gestürzt, haben uns mit Ameisen, Außerirdischen und Zombies herumgeschlagen und waren nahe daran gefressen, gefoltert oder erschossen zu werden. Gott sei Dank ist bis auf die Sache mit meinen Arm keiner von uns bisher ernsthaft verletzt worden. In all diesen Welten hatten wir genug damit zu tun zu überleben, daher glaube ich nicht, dass irgendeiner von uns sich noch daran erinnern kann, was für einen Tag wir heute haben. Die Uhren ticken in jeder Welt anders. Was für ein Datum meinst du denn, das von dieser Welt, von unserer Welt oder von der vorangegangenen Welt? Allein schon diese Definition bereitet mir Kopfzerbrechen, ganz zu schweigen davon, dass wir nicht wissen, ob hier und heute Mittwoch, Freitag oder Sonntag ist.“
Resignierend ließ Ken die Schultern hängen und starrte zu Boden. In diesem Moment begann Markus damit, den ausgestreckten Zeigefinger seiner Rechten scheinbar völlig sinnlos nacheinander auf die Fingerkuppen seiner Linken zu tippen, ganz so, als addiere er im Geist irgendwelche Zahlenfolgen.
Kurz darauf huschte ein wissendes Lächeln über sein Gesicht.
Mit vorgerücktem Kinn deutete er auf Ken, als er flüsterte:
„Warum zum Teufel ist der 30. Oktober so wichtig für dich?“
„Woher weißt du...?“
„Hallo“, unterbrach ihn Markus. „Ich bin Physiker, außerdem kann ich rechnen. Also, was ist so besonderes an diesem Tag?“
„Hast du der 30.10. gesagt?“, mischte sich Dan in die Unterhaltung ein, legte sein Gesicht in Falten und schien angestrengt zu überlegen. Kurz darauf knallte er sich mit einem Ausdruck totaler Erleuchtung die flache Hand vor die Stirn. Irritiert flogen die Blicke von Markus und Claire zwischen den beiden Männern hin und her.
„Na klar, wie konnte ich diesen Tag auch nur vergessen?“
Der Sportstudent erhob sich, ging auf Ken zu und klatschte ihn ab, wie ein Footballspieler seinen Mannschaftskameraden, weil dieser soeben den tödlichen Pass zum Matchgewinn geschlagen hatte. Die Gesichter von Markus und Claire wurden indes immer nachdenklicher.
„Tja, Leute“, erwiderte der Sportstudent. „Es gibt tatsächlich noch gewisse Dinge zwischen Himmel und Erde, die nur wahre Männer verstehen!“
„Na, dann klär uns doch mal auf, du Heldenvater!“, erwiderte Claire schnippisch.
„Das macht am besten Ken, schließlich war er es auch, der sich gerade an diese Geschichte erinnert hat.“
„Dann schieß los, Ken. Ich bin echt gespannt, was da für eine Geschichte ans Tageslicht kommt.“
„Seid leise“, mahnte Claire erneut, nachdem sie bei einem raschen Seitenblick festgestellt hatte, dass hier und da einige der Schlafenden kurz den Kopf gehoben hatten und andere sich unruhig hin und her wälzten.
„Wir sollten entweder etwas leiser reden oder ein Stück weggehen.“
Kurze Zeit später setzten sich die vier Freunde einen Steinwurf vom eigentlichen Lager entfernt unter die weit ausladenden Äste einer gewaltigen Fichte und starrten Ken erwartungsvoll an. Obwohl die Sterne am Himmel nur ein schwaches Licht spendeten, war zu erkennen, dass der Japaner von der Situation jetzt doch etwas überrascht war.
„Ihr seid schon seltsame Freunde. Erst interessiert sich keiner für das, worauf ich angespielt habe und jetzt hockt ihr im Dunkeln wie ein paar pubertierende Teenager vor mir und jeder von euch platzt fast vor Neugierde.“
„Dann spann uns nicht länger auf die Folter, sondern fang einfach an zu erzählen“, forderte Claire.
„Wie du willst“, sagte Ken, holte Luft und begann zu reden.
„Ich hasste Reverend McBain. Schon von dem Moment an, als ich ihn zum ersten Mal sah, konnte ich ihn nicht leiden. Den anderen erging es ebenso. Der Kerl war ein echter Kotzbrocken.“
„Moment mal, wer sind die anderen?“, fragte Claire dazwischen.
„Ken, ich und noch zwei andere Jungs aus der Straße“, antwortete der Sportstudent spontan und starrte die Frau irgendwie seltsam an.
„Und warum erzählt Ken dann nur von sich? So wie ich das jetzt mitbekommen habe, spielst du in dieser Geschichte schließlich auch eine Rolle.“
„Ken war die Hauptperson bei der ganzen Sache, deshalb wird er uns diese ausschließlich mit seinen Worten erzählen“, fügte Dan hinzu. Claire öffnete schon den Mund zur nächsten Frage, als Dan noch ergänzte: „Hör einfach zu.“
„Könnt ihr jetzt vielleicht mal den Mund halten und Ken weiter erzählen lassen? Mich interessiert die Geschichte nämlich wirklich“, fauchte Markus und starrte die Gruppe ärgerlich an.
Im nächsten Augenblick wurde es mucksmäuschenstill, dann begann der Japaner, die Geschichte jenes 30. Oktober zu erzählen.

Alles begann irgendwann Mitte August.
Von einem Tag zum anderen tauchte dieser Scheißkerl plötzlich auf und zog in das alte Backsteinhaus Nummer 44 am Ende unserer Straße. Der Kerl war genauso düster und unheimlich wie das bis dahin leerstehende Gebäude. Haus 44 war ein dunkler, wuchtiger Kasten mit einem schwarzen Dach und einem halben Dutzend Fenster mit schwarzen Fensterläden. Das ganze Anwesen lag im Schatten von großen, knorrigen Bäumen, die mit ihrem dichten Blattwerk jegliches Sonnenlicht verschluckten.
Wahrscheinlich nannten die Leute das Gebäude deshalb das Dark House.
Jedenfalls war es Sommer, die zweite Ferienwoche hatte begonnen und Dan, Steve, Mike und ich kamen gerade aus dem Freibad und unterhielten uns lachend über gewisse Körperteile von gewissen Mitschülerinnen.
Immer, wenn die Sprache dabei auf die Namen Miriam oder Amanda kam und Mike danach mit seinen Händen wohlgeformte Rundungen in die Luft zeichnete, wurde das Lachen etwas lauter. Derart aufgekratzt bogen wir in unsere Straße ein.
Urplötzlich blieb Dan stehen. Nicht genug, dass ich voll in den Kerl hineinrannte, er rammte mir auch noch seinen Ellbogen in die Seite.
„Sag mal spinnst du?“, blaffte ich ihn an.
„Halts Maul“, erwiderte Dannyboy scharf. „Sag mir lieber, was hier abgeht.“
Ich drehte den Kopf und mein Blick folgte dem ausgestreckten Zeigefinger seiner Rechten. Zunächst widerwillig, aber als ich den Grund von Dans plötzlichem Stehen bleiben erkannte, wurden meine Augen so groß wie Spiegeleier.
„Ach du heilige Scheiße“, sagte Steve hinter mir und seine Stimme klang höher als sonst.
In der kiesbedeckten Auffahrt des Dark House stand ein quietsch gelber Umzugslaster, aus dem drei muskelbepackte Kerle in dunkelblauen Hosen und gelben T-Shirts riesige Mengen von Umzugskartons und allerlei Möbel und Hausrat abluden. Vor dem Eingang stand ein mittelgroßer, hagerer Mann in einem priesterlichen Gewand. Langes weißes Haar und ein bis auf die Brust fallender weißer Bart umgaben ein hageres, asketisch geschnittenes Gesicht, das beherrscht wurde von fanatisch funkelnden Augen und einem schmallippigen Mund. Mit lautstarker Stimme dirigierte er die Möbelpacker und donnerte ihnen etliche Bibelsprüche entgegen, wenn einer der Männer fluchte, weil manche Gegenstände offensichtlich
unglaublich schwer und unhandlich waren.
„In der Hölle werdet ihr schmoren, wenn ihr eure Zungen nicht im Zaum halten könnt.“
Neben mir stand Dan und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. „Der tickt doch wohl nicht richtig.“
Ich zuckte hilflos mit den Schultern. „Der Typ hat vielleicht einen an der Waffel, aber dafür haben wir jetzt ein ziemlich großes Problem. Die Party ist zu Ende, wenn ihr versteht, was ich meine.“
Natürlich kapierten die anderen Jungs sofort, um was es ging. Außer einer.
„Wie meinst du das?“, fragte Mike mit seiner ihm angeborenen Naivität. Dan warf ihm einen mitleidigen Blick zu. Ich zuckte hilflos mit den Schultern und neben mir seufzte Steve.
Das war mal wieder typisch Mike Jones!
Eigentlich war er ein prima Kumpel und eine Seele von Mensch, obwohl böse Zungen behaupteten, sein Intelligenzquotient läge im selben Zahlenbereich wie seine Körpertemperatur. Darüber konnte man streiten, aber Tatsache war, dass jeder in der Straße wusste: wäre sein Vater keine so große Nummer im Gemeinderat der Stadt, der gute Mike würde längst nicht mehr der Junior-Highschool angehören, sondern sein Dasein als Tellerwäscher oder Straßenfeger fristen.
„Na überlege doch mal, du Spaten!“, klärte ihn Dan schließlich auf. „Wo treffen wir uns denn an fast jedem Wochenende und in den Ferien? Wo steigen denn die Partys mit den Mädels, mit Bier, Musik und Joint?“
Tatsächlich war es so, das sich ein Großteil der Jugend aus unserer Straße regelmäßig auf dem verlassenen Gelände des Dark-House traf und dort Party machte. Manchmal ging es dabei ziemlich heftig zur Sache, was Mädchen und Alkohol anbetraf. Solange wir aber gewisse Regeln einhielten - wir randalierten nicht, wir beschädigten nichts und auch die Lautstärke der Musik hielt sich in Grenzen - hatten wir in diesem abgelegenen Haus unsere Ruhe. Nur selten ließen sich hier besorgte Eltern oder dienstbeflissene Ordnungshüter der Stadtpolizei blicken. Im Lauf der Zeit war das Dark-House so zu einem Ort geworden, wo Stress, Hektik und die gesellschaftlichen Zwänge der Erwachsenenwelt zu Fremdwörtern wurden.
Und das alles sollte jetzt vorbei sein?
Jedem von uns war klar, dass der neue Besitzer von Dark-House unsere Partys nicht mehr dulden würde, erst recht nicht, wenn dieser ein Pfaffe war. Jetzt war guter Rat teuer, das Wochenende näherte sich mit Riesenschritten, die Girls und das Bier warteten. Aber wo sollten sie hin?
Endlich schien auch Mike kapiert zu haben. Jedenfalls trat er mit dem Fuß nach einem auf dem Boden liegenden Ast und murmelte dabei immer wieder nur ein einziges Wort vor sich hin. „Scheiße, Scheiße, Scheiße.“

„Was habt ihr vor?“, fragte Steve entsetzt, als er bemerkte, wie Dan und ich schnurstracks auf das Haus und den Prediger zuliefen.
„Ich will wissen, was dieser Pfaffe vorhat“, entgegnete Dan.
Kurz darauf standen wir alle in der kiesbedeckten Auffahrt und starrten voller Neugier abwechselnd auf den Priester, den Möbelwagen und die Leute der Umzugsfirma. Als der Priester uns entdeckte, kam er sofort auf uns zu. Während des Laufens schlug er dabei mehrmals das Zeichen des Kreuzes in die Luft.
„Guten Tag, meine Kinder, ich bin Reverend McBain und wer seid ihr?“, fragte er mit tiefer Stimme, als er direkt vor uns stand. Dabei starrte er uns mit flammenden Augen entgegen und ich hatte das Gefühl, als wären meine Füße plötzlich am Boden festgeklebt.
Sekundenlang herrschte betretenes Schweigen. Keiner von uns wusste so recht, wie er sich verhalten sollte.
Schließlich war es Dan, der als erster die Sprache wieder fand.
„Mein Name ist Dan Simon und das hier sind meine Freunde. Wir wohnen schon ziemlich lange hier in der Straße und seit ich denken kann, steht dieses Haus da leer. Und jetzt...“
„Seid ihr neugierig und wollt unbedingt wissen, warum ausgerechnet ein Reverend hier einzieht“, unterbrach McBain Dans Redefluss. Dabei ließ uns der Blick des Priesters nicht mehr los, seine dunklen Augen schienen uns förmlich zu durchbohren. Mir saß ein dicker Kloß im Hals, der mich daran hinderte zu sprechen. Benommen, beinahe unfähig einen klaren Kopf zu behalten, starrte ich den Prediger an. Den anderen erging es nicht viel besser. Dass er uns mit seinem Blick hypnotisieren wollte, bemerkten wir erst viel später. Überhaupt bemerkten wir sehr viele Dinge erst sehr viel später, fast zu spät.
„So war das nicht gemeint Sir, ich wollte nur...“, erwiderte Dan kleinlaut.
„Schweig!“, unterbrach ihn der Reverend erneut. „Ich habe zwar im Moment weiß Gott andere Dinge zu tun, als die Neugierde einiger vorlauter Bengel zu befriedigen, aber da ihr euch eines Tages sicher auch in die Herde meiner Schafe einreihen werdet, will ich mal nicht so sein.“
Ich verstand zwar nur Bahnhof, war aber trotzdem gespannt zu erfahren, was der Pfaffe hier wollte. Auch die Möbelpacker waren jetzt stehen geblieben und hörten neugierig zu.
„Willkommen in der Kirche der letzten Engel“, verkündete McBain, während er weitschweifig über das Gelände und das Haus zeigte. „Ich weiß, dass auf diesem Boden hier beinahe jedes Wochenende Dinge geschehen, die Teufelswerk sind. Aber damit ist es jetzt vorbei. Stadtrat Jones, jemand der schon immer ein offenes Ohr für die Belange des Herrn hatte, ist es gelungen, den Gemeinderat davon zu überzeugen, dass ich hier einziehen kann. Die Zeiten des Lasters und des Bösen sind vorbei. Schon am Sonntag werde ich hier den ersten Gottesdienst abhalten. Geht jetzt nach Hause und berichtet euren Eltern von dem, was hier geschieht. Denn es gibt nur einen Gott im Himmel und ich bin sein Prophet. Ich bin gekommen, um eure Seelen zu retten, halleluja.“
Damit war für den Reverend das Thema erledigt. Er drehte uns einfach den Rücken zu, streckte die Arme empor und schickte die armen Teufel der Umzugsfirma mit donnernden Bibelsprüchen wieder an die Arbeit.
Wenn Blicke töten könnten, wäre Mike Jones in den nächsten Minuten mindestens ein Dutzend Mal gestorben. Blödmann war noch das freundlichste Wort, das ihm Dan und Steve auf dem Heimweg an den Kopf warfen. Ich hingegen hielt mich da raus. Der arme Kerl konnte schließlich nichts dafür, dass sein Herr Vater diesem Bibelträger das Haus zugeschanzt hatte. Es standen Wahlen vor der Tür und Stadtrat Jones spekulierte wahrscheinlich mit der Kirche der letzten Engel auf einige Zusatzstimmen. Dumm nur, dass er mit seiner Aktion mindestens zwei Dutzend Jugendlichen sämtliche kommenden Wochenenden einschließlich der Ferien verdarb und ich auch einer der Betroffenen war.
Der Knackarsch einer gewissen Rothaarigen, das Zischen einer eisgekühlten Dose Bier oder die neueste Scheibe von U2, all diese Dinge zerplatzten vor meinem geistigen Auge wie ein Luftballon, der in einem Kaktusfeld gelandet war. Aus, vorbei.
Zähneknirschend schleppte ich mich nach Hause.
In den nächsten Tagen gab es bei uns in der Straße nur ein Thema und am Sonntag platzte das Dark House fast aus allen Nähten. Halleluja, sogar die Grünstreifen der öffentlichen Parkanlagen und die Garagenzufahrten von mindestens zehn Häusern waren an diesem Vormittag mit Autos zugestellt. Lautes Orgelspiel und schmetternde Choräle beherrschten jetzt die Geräuschkulisse in unserem Viertel. An diesem Sonntag war ich zum ersten Mal so richtig glücklich darüber, dass mein Vater Japaner war und auch meine Mutter nicht viel mit der Bibel am Hut hatte. An den folgenden Sonntagen wurde das Dark-House immer voller und die Choräle immer lauter. Aber dann geschah etwas, das die gottesfürchtige Herrlichkeit gewaltig durcheinander wirbelte.

„Bei den Walkers ist auch eingebrochen worden.“
Wie eine Seifenblase zerplatzte die Frühstücksidylle unserer Familie. Urplötzlich erstarb das allmorgendliche Stimmengemurmel am Esstisch in der Küche. Das Klappern von Besteck, Tellern und Tassen setzte aus und meine Mutter und ich starrten unseren Vater aus großen Augen ungläubig an. Die Walkers wohnten vier Häuser weiter von uns auf der anderen Straßenseite. Vor wenigen Sekunden war unsere Welt noch in Ordnung gewesen, doch nach diesem unheilvollen Satz aus dem Mund meines Vaters herrschte blankes Entsetzen im Hause Okumoto.
Erst die Hendersons vom anderen Ende der Straße und jetzt die Walkers, die keine hundert Schritte von uns entfernt wohnten.
Ich fing mich als erster, während meine Mutter immer noch den Kopf schüttelte.
„Wann?“, krächzte ich knapp, nachdem ich mich beinahe an meinen Cornflakes verschluckt hatte.
An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass wir in einer Gegend wohnten, in der die Leute Kriminalität nur aus dem Fernsehen kannten. In diesem Viertel sorgte bereits ein Ladendiebstahl für mehr Furore als anderswo ein Massenmord.
„Letzten Sonntag, kurz vor dem Mittag“, beantwortete mir Pa meine Frage.
„Und in beiden Fällen will niemand etwas bemerkt haben, schon komisch. Normalerweise kannst du hier doch keinen fahren lassen, ohne dass es nicht gleich die Nachbarschaft weiß.“
„Ken!“, tadelte mich meine Mutter. „Wie redest du?“
Pa grinste mich an und nickte mit dem Kopf.
„So komisch ist das nicht. Wir waren beide Male bei Freunden zum Essen eingeladen und der Rest der Leute saß im Dark-House und lauschte McBains Predigten. Die Einbrecher hatten bei den Häusern freie Auswahl, es hätte genauso gut uns treffen können.“
„Dann kommt mir jetzt sofort der Ersatzschlüssel aus dem Blumenkübel hinterm Haus weg“, forderte meine Mutter resolut.
Damit war das Thema durch, bis zum nächsten Sonntag jedenfalls.
Da waren meine Erzeuger übers Wochenende bei den Eltern meiner Mutter und ich hatte die Erlaubnis, eine Party im Hobbykeller zu schmeißen, wenn das Ganze im Rahmen blieb. Das Ganze blieb im Rahmen, solange bis das Bier alle war. Dann brachte irgendjemand ein paar Flaschen Whisky zum Vorschein, von denen ich besser die Finger gelassen hätte. Ich wusste nicht, wann die letzten Freunde nach Hause gegangen waren. Ich wusste auch nicht mehr, wann und vor allem wie Dan und ich den Weg in mein Zimmer gefunden hatten. Ich hatte ihm nämlich angeboten, bei mir zu übernachten, weil ich wusste, wie sein Pa reagierte, wenn er mitbekam, um welche Uhrzeit Dan nach Hause gefunden hätte. Kurz gesagt, ich wusste vom gestrigen Abend nichts mehr. Aber was ich wusste war, dass es jetzt Sonntag morgen war und ich nicht ausschlafen konnte, weil irgend so ein dämlicher Köter ständig kläffte. Zu allem Überfluss wurde ich auch noch von Dan wachgerüttelt.
„Hörst du das?“, fragte er.
Als ich mich im Bett aufrichtete, hatte ich das Gefühl, als ob mich ein Pferd treten würde. Ich dachte, mir fliegt jeden Moment die Schädeldecke weg. Ich schloss die Augen, ließ mich zurück in die Kissen sinken und registrierte dankbar, dass das Hämmern in meinem Kopf nachließ.
In diesem Moment rüttelte mich Dan erneut. Als ich mich wieder aufrichtete, beschäftigte ich mich bereits intensiv mit Mordgedanken.
„Hörst du nicht, wie der Hund bellt?“
„Mein Gott, dann lass doch diesen Köter bellen, aber mich jetzt schlafen. Wahrscheinlich hat der Hund eine Katze gesehen, jetzt mach deswegen keinen solchen Aufstand. Mir brummt mein Schädel und das nicht zu knapp.“
Aber Dan ließ sich nicht abschütteln. Er wurde noch lästiger als der ständig bellende Hund.
„Das ist Dusty, der Hund vom alten Benson. Als der geboren wurde, hat man gerade erst das Rad erfunden. So ein alter Hund macht nicht so einen Wirbel wegen einer Katze. Hier stimmt was nicht. Los, lass uns nachsehen.“
„Hat das nicht Zeit bis morgen?“, nuschelte ich noch und dämmerte bereits wieder in das Land der Träume hinüber, als mich Dans Schrei wieder hochfahren ließ.
„Scheiße! Beim alten Benson wird eingebrochen!“
In gefühlter Weltrekordzeit war ich aus dem Bett und fuhr in meine Jeans, Dan war bereits angezogen. Ein kurzer Blick aus dem Fenster zeigte mir, dass er sich nicht getäuscht hatte. Im Schatten des Garagendachs machte sich jemand an einem Fenster an Bensons Haus zu schaffen.
Ohne zu überlegen rannten wir aus dem Haus.
Noch bevor wir die Straße überquerten, riefen wir den Mann an. Das war unser Glück, denn bei einer Entfernung von fünfzig Schritten hat man mit einem Revolver wenig Chancen, ein bewegliches Ziel zu treffen. Ich sah die Waffe mit dem Schalldämpfer in der Hand des Mannes aufzucken und bohrte augenblicklich mein Gesicht in den Rasen unseres Vorgartens. Als ich die ersten Grashalme zwischen meinen Zähnen spürte, klirrte hinter mir das Glas unseres Küchenfensters. Einen zweiten Schuss gab es nicht. Ein dunkler Buick kam mit aufheulendem Motor hinter dem Haus hervor, der Schütze sprang auf die Rückbank des Wagens und er hatte noch nicht die Fahrzeugtür geschlossen, als der Wagen bereits wie wild die Straße hinabraste, dabei Zickzack fuhr, um schließlich mit quietschenden Reifen hinter der nächste Ecke zu verschwinden. Als ich mich wieder aufrichtete, waren meine Kopfschmerzen wie weggeblasen, aber dafür war ich kurz davor, einen Herzschlag zu bekommen, so raste meine Pumpe. Dan kam hinter der Mülltonne zum Vorschein. Sein Gesicht war heller als die frisch gewaschene weiße Wohnzimmertischdecke meiner Mutter.
Bis zum Abend wurden wir ständig mit Fragen bestürmt. Erst von den Nachbarn, dann von der Polizei und schließlich noch von unseren Eltern. Wir hatten Mühe, den alten Benson davon abzubringen, uns wie Helden zu feiern.
Wenn ich im nachhinein ehrlich bin, muss ich zugeben: als der Kerl den Revolver auf mich anlegte, hätte ich mir vor Angst beinahe in die Hose geschissen.

„Hast du sie eigentlich noch alle?“, fauchte Dan Simon und musterte mich dabei mit einem Blick, als hätte ich soeben von ihm verlangt, er sollte mir einen Zungenkuss geben. Die Schule war zu Ende und wir befanden uns beide auf dem Heimweg, als ich ihn an meinen Gedankengängen teilhaben ließ. Ein kurzer Seitenblick hatte mir nämlich gezeigt, dass wir allein auf dem Gehsteig waren.
„Überleg doch mal“, wies ich seine Einwände zurück. „McBain hat bis jetzt sieben Gottesdienste abgehalten, die fast von allen Leuten hier in der Straße besucht wurden. Seit sieben Sonntagen ist unser Viertel von morgens um Neun bis zum Mittagessen wie ausgestorben und an drei von diesen Sonntagen wird hier eingebrochen. Wie oft ist vor seinem Auftauchen in den letzten zehn Jahren in unserer Straße eingebrochen worden? Sorry, ich habe deine Antwort gerade nicht verstanden, sagtest du noch nie? Na, merkst du was?“
Dan winkte ab. „Du hast ja einen Knall. Ein Reverend, der mit einer Bande von Einbrechern unter einer Decke steckt. Das glaubt dir hier kein Mensch. Außerdem, wenn es deiner Meinung nach so offensichtlich ist, warum ermittelt dann die Polizei nicht schon in diese Richtung?“
„Eben weil er ein Reverend ist.“
„Blödsinn!“
„Nix Blödsinn, nenn mir einen Bullen in der Stadt, der zum Dark-House fährt und McBain auf den Kopf zusagt, dass er ihn für einen Kriminellen hält. Zudem Stadtrat Jones auch noch schützend seine Hand über ihn hält.“
„Und was willst du jetzt unternehmen?“
„Beobachten“, erklärte ich lapidar. „Ich werde dem feinen Reverend so lange nachschleichen, bis er nervös wird und einen Fehler macht.“
Dan schüttelte seufzend den Kopf. „Ich bin immer noch der Meinung, dass du dich da in irgendetwas verrannt hast. Tut mir leid, Ken, aber die Sache musst du wohl alleine durchziehen. Das Ding ist mir zu heiß.“
Und ich zog das Ding alleine durch.
Neun lange Tage, in denen ich McBain bis auf meine Zeit in der Schule nicht von der Pelle wich. Aber danach war das Ding nicht mehr heiß, sondern eher eiskalt. Ich wusste inzwischen zwar, wann der Prediger zu Bett ging, wann ihm der örtliche Frauenverein seine Aufwartung machte, in welcher Art und Weise er seine Gottesdienste vorbereitete - einmal bekam ich durch die offene Verandatür sogar mit, wie Stadtrat Jones ihn zu seiner christlichen Mission beglückwünschte - aber ansonsten herrschte tote Hose. Entweder war McBain aalglatt oder ich lag tatsächlich voll daneben.
Dann kam der Nachmittag des zehnten Tages. Ich brachte gerade den Müll raus und dabei sah ich wieder diesen Mann. Er spazierte auf dem Gehsteig vorbei an Bensons Garageneinfahrt und lief gemächlich in Richtung Dark-House. Zuerst wusste ich nicht, warum mir ausgerechnet dieser Mann auffiel, der genauso gut auch ein harmloser Passant hätte sein können. Aber als ich ihm nachstarrte, kam mir irgendetwas an ihm bekannt vor.
Natürlich! Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte ich bereits schon einmal das Vergnügen, den Rücken dieses Burschen zu betrachten. Als er sich umgedreht hatte, war Blei geflogen.
Ich warf den Müllbeutel mitten auf den Rasen, rannte los und duckte mich gerade noch rechtzeitig hinter die Hecke in Nachbars Garten, als der Kerl sich urplötzlich umdrehte und nervös die hinter ihm liegenden Häuser musterte.
Ganz offensichtlich war er darauf bedacht, auf seinem Weg zum Dark-House nicht bemerkt zu werden. Nur mich konnte er nicht abschütteln., ich war hier aufgewachsen. Ich kannte Wege und Pfade durch die Gärten der Häuser, von denen zum Teil nicht einmal die Hausherren etwas wussten. Bildlich gesprochen kannte ich so ziemlich jeden Baum mit Vornamen. Deshalb gelang es mir auch, mich keine dreißig Schritte von ihm entfernt hinter einem der großen Bäume in der Auffahrt des Dark-Houses zu verstecken, als er mit der blanken Faust gegen die Eingangstür hämmerte. Der Kerl klopfte in einem bestimmten Rhythmus gegen die Tür, zweimal kurz, dreimal lang und wieder zweimal kurz. Zuerst passierte gar nichts. Ich wartete und es vergingen fast fünf Minuten, bis sich die Tür einen Spalt öffnete.
„Na endlich“, blaffte der Mann. „Lass mich rein, Phil und ich haben ein Hühnchen mit dir zu rupfen, Prediger!“
„Bist du wahnsinnig hierher zu kommen? Was ist, wenn dich jemand gesehen hat?“
McBain versuchte, die Tür wieder zu schließen, aber der andere hatte seinen Fuß dazwischen gestellt.
„Lass mich rein, oder ich brülle hier die Straße zusammen.“
„Willst du mir drohen?“, erwiderte McBain scharf. Ich konnte zwar sein Gesicht nicht sehen, weil ich aus Angst vor einer Entdeckung nicht wagte, hinter dem Baum hervorzuspähen, aber aus dem Klang seiner Stimme war deutlich herauszuhören, dass der Reverend sich durch die Worte nicht einschüchtern ließ.
„Meinetwegen, dann komm rein. Aber wir gehen nach hinten in die Küche. Falls du dir einbildest, hier rumbrüllen zu müssen, hört man uns dort am wenigsten.“
Kurz darauf schlug die Tür zu und ich spurtete los.
Einen größeren Gefallen konnte mir der Reverend gar nicht tun. Die Küche lag an der Nordseite des Hauses, an welche ein Garten angrenzte, der es durchaus mit dem Dschungel von Südamerika aufnehmen konnte. Zwischen mannshohen Büschen und Sträuchern, verwachsenen Bäumen und hüfthohem Gras hätte es selbst eine Footballmannschaft nicht schwer gehabt, sich unsichtbar zu machen. Kein Wunder, das Haus stand nämlich seit vier Jahren leer und folglich hatte sich seither auch niemand um den Garten gekümmert.
McBain hatte zwar vor und im Haus einiges bewegt, aber den Garten dahinter ließ er, wie ich aus meinen bisherigen Beobachtungen wusste, links liegen.
Ziemlich schnell fand ich hinter einem dicht wuchernden Strauch ein ideales Plätzchen zum Lauschen. Die Küche war nur wenige Yards von meinem Versteck entfernt und wegen der Sommerhitze war auch noch das Fenster einen Spalt weit geöffnet.
„Also, um was geht es?“
„Kannst du dir das nicht denken? Von deinen großartigen Versprechungen können sich Phil und ich nichts kaufen, wir wollen endlich wieder Dollars sehen. Wir...“
„Moment mal“, unterbrach ihn der Reverend ärgerlich. „Bisher seid ihr mit meiner Masche doch recht gut gefahren. Erinnerst du dich noch, was wir damals vereinbart hatten? Ich gebe euch die Tipps, wo bei den Betbrüdern was zu holen ist und während ich sie in meinen Gottesdienst locke, räumt ihr solange dort ab, wo es sich lohnt. Das hat in Arkansas geklappt, in Missouri und in Oklahoma. Ein paar Einbrüche hier und da bringen höchstens den Vorstadtsheriff auf den Plan und danach wird bald schon wieder zum Tagesgeschehen übergegangen. Aber wenn ihr hier schon beim dritten Bruch wie die Verrückten in der Gegend herumballert, muss ich einfach warten, bis wieder etwas Gras über die Sache gewachsen ist.“
„Wir haben nicht wie die Verrückten herumgeballert. Ich habe nur ein einziges Mal geschossen. Sollte ich mich den von den beiden Bengels erwischen lassen?“
„Ob einmal oder hundert Mal, das spielt danach keine Rolle mehr. Fakt ist, es ist geschossen worden und ein Inspektor der Kansas State Police hat hier herumgeschnüffelt. Deshalb liegt die Sache bis auf weiteres auf Eis, kapiert, Hank? Und jetzt sieh zu, dass du so unauffällig wie möglich wieder von hier verschwindest.“
Hank lachte wütend auf. „So haben wir nicht gewettet, McBain. Du bist bei der ganzen Sache stets auf der sicheren Seite, nur wir tragen das volle Risiko. Deshalb sind Phil und ich der Meinung, dass die Erlöse aus den Deals etwas anders verteilt werden sollten. Wir erhalten ab sofort einen Anteil von achtzig Prozent. Außerdem wirst du uns für die Zeit, in der wir keine Tipps erhalten, finanziell unterstützen. Wir denken da so an die tausend die Woche.“
Sekundenlang war es geradezu unnatürlich still.
Als der Reverend antwortete, war seine Stimme eiskalt.
„Du reißt dein Maul ziemlich weit auf, Hank Parker. Achtzig Prozent für euch, dass ich nicht lache. Meint ihr vielleicht, ich investiere jedes Mal nur so aus Spaß ne Menge Zeit und Geld, bis ich mir in einem Bezirk einen Namen als Reverend gemacht habe und die Leute mir vertrauen? Meine gewinnbringenden Tipps haben euch bisher zu einem ziemlich angenehmen Leben verholfen. Wenn ihr meint, mich hier über den Tisch ziehen zu können, seid ihr schief gewickelt. Ich kann auch mit anderen Jungs zusammenarbeiten.“
In diesem Moment schien der Reverend bemerkt zu haben, dass das Küchenfenster offen stand. Energisch stürmte er darauf los und schmetterte die Scheibe krachend zu.

Also doch! Ich hatte von Anfang an den richtigen Riecher gehabt. Der saubere Herr Reverend steckte mit den Einbrechern tatsächlich unter einer Decke. Seine Masche war zwar simpel, aber erfolgreich. Mit seinen flammenden Augen, frommen Bibelsprüchen und hier und da ein paar Scheinchen an den richtigen Stellen gewisser Behörden war es ihm relativ problemlos gelungen, vor allem bei den Älteren Vertrauen zu schaffen. Dann noch nach dem Gottesdienst ein paar unverfängliche Fragen und schon wusste McBain, bei wem es sich lohnte einzusteigen. Während die Leute dann am Sonntag andächtig seinen Predigten lauschten, räumten seine Komplizen völlig ungestört die Häuser leer. Scheinbar hatte das schon in mehreren Staaten gut funktioniert. Aber nicht hier, nicht in Kansas!
Ich, Ken Okumoto, war gewillt, ihm bei seinem Vorhaben, es diesmal in unserer Stadt zu versuchen, kräftig in die Suppe zu spucken. Ich hatte genug gehört. Als ich mitbekam, wie an der Vorderfront des Hauses die Eingangstür krachend ins Schloss fiel, wusste ich, dass Hank das Haus verlassen hatte und der Reverend für den Moment abgelenkt war. Ich nutzte diesen Augenblick aus, wieselte durch das hohe Gras und befand mich wenige Schritte später ungesehen auf dem Nachhauseweg. Meine Eltern waren um diese Zeit noch arbeiten und so war ich allein im Haus.
Mein Schädel brummte wie ein Kreisel, tausend Gedanken schwirrten durch meinen Kopf.
Wer würde mir diese Geschichte glauben?
Die Polizei? Da würde Stadtrad Jones wahrscheinlich ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Meine Eltern? Da war ich mir nicht so ganz sicher. Was also blieb, waren meine Freunde.
Ich griff zum Hörer, rief erst Dan und danach Steve an. Bei Mike ging niemand ans Telefon.
Keine Viertelstunde später saßen wir drei in meinem Zimmer und hielten Kriegsrat.
Dan erklärte mich anschließend für übergeschnappt und Steve starrte mich nach meinen Erklärungen an wie ein Hund mit zwei Köpfen.
Plötzlich klingelte es an der Haustür.
Ich streckte den Kopf aus dem Fenster meines Zimmers und hatte schon eine unfreundliche Bemerkung auf den Lippen, als ich erkannte, wer da klingelte. Ich zuckte zurück, als hätte ich soeben meine Finger in eine Steckdose gebohrt.
Niemand anderes als Hank Parker und Reverend McBain standen vor unserer Haustür. Ich konnte deutlich hören, wie sie sich stritten.
„Wenn das stimmt, was du mir da erzählt hast, dann ist alles aus. Dann hat uns der Rotzlöffel belauscht und weiß jetzt, was los ist.“
Vor Zorn bleich im Gesicht rammte der Reverend Parker den Ellbogen mit voller Wucht in die Seite. „Du Arschloch, du hirnloser Scheißkerl, mein ganzer Plan geht jetzt den Bach runter. Und wer ist schuld? Du, dein hirnloser Partner und eure Geldgier.“
„Halt die Schnauze, McBain. Noch ist nicht alles verloren. Wenn wir den Jungen kriegen, bevor er zur Polizei rennt, können wir das Ding vielleicht noch umbiegen.“
„Willst du ihn...“
„Bist du verrückt?“, unterbrach Parker den Reverend. „Nein, Mord ist mir zu heiß. Ich denke vielmehr daran, dass es in deinem Haus sicher einen Kellerverschlag gibt, wo man den Jungen ein paar Tage verstecken könnte. Solange, bis wir uns aus dem Staub gemacht haben.“
„Dazu müssen wir ihn erst einmal kriegen. Bist du sicher, dass er jetzt zu Hause ist?“
„Ziemlich sicher“, antwortete Hank. „Ich geh mal hinten schauen, vielleicht komme ich da ins Haus.“
Schritte entfernten sich und es klingelte ein weiteres Mal. Wir drei standen da wie die Ölgötzen und starrten uns aus aufgerissenen Augen ratlos an.
„Glaubt ihr mir jetzt endlich?“
Dan nickte mechanisch mit dem Kopf und Steve war deutlich anzumerken, dass er sich vor Angst beinahe in die Hose machte.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Dan so leise, dass ich Mühe hatte, ihn zu verstehen.
„Wir müssen hier raus. Im Haus sieht keiner, was die mit uns vorhaben. Auf der Straße, vor den Augen der Leute, ist das anders. Da müssen sich die beiden zurückhalten.“
Ich schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer, die Treppe hinunter in die Küche. Die anderen folgten mir beinahe lautlos. Dort angelangt packte mich Steve mit beiden Händen und zerrte an meinem rechten Arm, als wollte er mir denselben ausreißen.
„Verdammt, tu doch endlich was, gleich haben sie uns.“
In der Tat war die Situation mehr als bedenklich. An der Hintertür war deutlich zu hören, wie sich jemand mit einem scharfkantigen Werkzeug am Schloss zu schaffen machte, und an der Vordertür klingelte unablässig McBain.
Es gab einen Ausweg. Von der Küche aus führte eine Tür direkt in die Garage. Wenn wir dort aus dem Tor schleichen konnten, hatten wir etwa zwanzig Schritte Vorsprung zu McBain und noch einmal soviel vor dem schießwütigen Hank. Zugegeben, es war nicht gerade viel, aber immer noch besser, als hier im Haus darauf zu warten, bis die beiden uns gefunden hatten.
Vorsichtig öffnete ich das Garagentor ein Stück weit an und wir krochen nach draußen. Wieder einmal war ich froh, einen Pedant als Vater zu haben. Das Tor war astrein gewartet und sorgfältig geölt. Beinahe lautlos schwang es zurück, während wir zur Straße rannten.
In diesem Augenblick geschah es.
Als unsere Schritte nicht mehr durch den weichen Grasboden der Garagenauffahrt gedämpft wurden, sondern über den harten Asphalt klatschten, waren wir entdeckt.
„Da sind sie!“, hörte ich McBain schreien und als ich mich kurz umdrehte, sah ich, wie Hank Parker hinter unserem Haus hervorkam. Wie ein Panzer rollte er auf uns zu.
Wir gaben Fersengeld. Obwohl ich intensiv Kampfsporttraining betrieb und die anderen beiden Jungs sich beim Football mächtig ins Zeug legten, kamen uns die beiden immer näher. Ich zog den Kopf zwischen die Schultern und mobilisierte noch einmal alle Kräfte. Der Gedanke an Hanks Revolver ließ mich förmlich über den Asphalt fliegen. Doch schon einen Moment später verlangsamte ich meine Schritte und kam keuchend zum Stehen.
Wir waren noch einmal davongekommen.
Aus einer Seitenstraße bog soeben ein Streifenwagen in unsere Straße ein und als die beiden Polizisten unser Wettrennen beobachteten, setzten sie ihr Blaulicht ein und kamen mit aufheulendem Motor auf uns zu. Als ich mich umdrehte, waren McBain und sein Komplize wie vom Erdboden verschluckt.
Zwei Wochen später hatte sich die ganze Aufregung in unserem Viertel wieder gelegt. McBain war längst Geschichte. Er war untergetaucht und irgendeine Behörde hatte seine Sachen beschlagnahmt und abholen lassen. Das Dark-House war wieder verlassen wie eh und je und schon am nächsten Wochenende wollten wir uns alle dort treffen.
Aber irgendwie war bei dieser Party etwas anders als sonst. Der Reverend spukte noch in den Köpfen der meisten herum und offensichtlich stand keinem so recht der Sinn nach feiern. Weit vor Mitternacht löste sich das Ganze dann auch ziemlich rasch auf und ich war der letzte, als ich hinter mir die Eingangstür zuzog.
In diesem Moment stürzte sich aus dem Dunkel eine Gestalt auf mich.
Der Griff des Unbekannten war brutal und gnadenlos. Bevor ich auch nur irgendwie reagieren konnte, zerrte mich die Gestalt von der Tür weg und gab mir einen Stoß vor die Brust, der mich gegen die Hauswand warf.
„Was soll das?“, schrie ich. Anstelle einer Antwort bekam ich eine schallende Ohrfeige, dass ich Sternchen sah. Dann kam sein Gesicht direkt auf meines zu. Es war vor Hass verzerrt und in seinen dunklen Augen funkelte nackte Mordlust.
Für einen Augenblick beschlich mich lähmende Angst. Vor mir stand niemand anderes als Reverend McBain.
„Hallo, Junge“, sagte er, ohne die Lippen zu bewegen. Der Blick aus seinen glühenden Augen ließ mich nicht mehr los. Mein Hals wurde trocken und ich war unfähig mich zu rühren.
„Hättest wohl nicht gedacht, mich so schnell wieder zu sehen.“
Bevor ich etwas sagen konnte, donnerte der Reverend erneut los. „Aber du bist mir noch etwas schuldig. Wegen dir habe ich jetzt das FBI am Hals, aber bevor ich endgültig aus der Gegend hier verschwinde, werde ich dafür sorgen, dass du dich bis in alle Ewigkeiten an mich erinnerst. Ich werde dir jetzt nämlich sämtliche Knochen im Leib brechen und wenn du dann später einmal in deinem Zimmer im Rollstuhl sitzt, wirst du vielleicht daran denken, dass es besser gewesen wäre, McBain in Ruhe gelassen zu haben.“
Ich antwortete nicht. Angst lähmte mich für den Moment.
Da bohrte sich seine rechte Faust in meinen Magen und ich hatte das Gefühl, in der Mitte auseinander zu brechen.
‚Der Kerl schlägt mich tot’, schoss es mir durch den Kopf, als McBains Fäuste mich erneut trafen. In meiner panischen Angst entwickelte ich eine unglaubliche Kraft. Halb blind vor Schmerzen traf ich ihn mit einem Fußtritt an einer ziemlich empfindlichen Stelle. Der Reverend ging zwar in die Knie, aber dennoch verpasste er mir eine, dass ich dachte, jetzt hat meine letzte Stunde geschlagen.
Als ich wieder erwachte, dröhnte mein Kopf, als spielte sich die Schlacht von Bull Run direkt unter meiner Schädeldecke ab und in meinem Mund war ein Geschmack, der mich an drei Tage getragene Tennissocken erinnerte. Ich würgte, während ich mich umblickte.
Ich lag im Zimmer eines Krankenhauses und alle waren da.
Ma, Pa, Dan, Steve und fast die halbe Anwohnerschaft unseres Viertels.
„Wie bin ich...“
Pa legte mir sanft seine Rechte auf die Schulter.
„Du kannst dich bei Dan bedanken. Hätte er nicht seine Jacke im Dark-House vergessen...“
„Schon okay, Partner“, wiegelte Dan ab. „Jedenfalls hat es mächtig gut getan, diesem verlogenen Pfaffen mit der Taschenlampe eins überzubraten.“
Meine Mutter nahm mich in den Arm und schluchzte: „Es ist vorbei.“
Nach etwa einer Stunde wusste ich über alles Bescheid.
Angus McBain wurde wegen Einbruchs, Hehlerei, versuchten Mordes und mehrerer anderer Dinge angeklagt. Seine beiden Komplizen schnappte man drei Wochen später in einem Kaff in Texas, kurz vor der Grenze zu Mexiko. Aus Sicht der Kansas State Police war es nur Dan und mir zu verdanken, dass die ganze Sache so glimpflich abgelaufen war.
Seither ist dieser Tag, als ich im Krankenhaus wieder zu mir kam, für mich so etwas wie ein zweiter Geburtstag geworden.

„Und dieser Tag ist heute“, sagte Dan. Dabei musterte er Ken mit einem seltsamen Blick.
„Sorry Partner, dass ich das dieses Mal vergessen habe.“
Dann wandte er sich den anderen zu, die immer noch andächtig auf Ken starrten.
„Also, ich für meinen Teil gehe jetzt auch pennen, und was macht ihr?“
ENDE