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»In Kansas ist der Teufel los«


Cover © 2011 by Wolfgang Brandt
Titelbild: Dogde City Times

Extra-Story zum fünfjährigen Jubiläum des Geisterspiegels

»In Kansas ist der Teufel los«

von C.C. Slaterman

Als erster Bundesstaat der Vereinigten Staaten überhaupt erlässt Kansas im Mai 1881 das Verbot, alkoholische Getränke auszuschenken (Prohibition). Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs ist das Land von einer Armee von Schwarzbrennern und Schnapsschmugglern überzogen.
Nachdem zwei rivalisierende Schmugglerbanden das Land von Ken Okumoto für ihre verbotenen Transporte nutzen, werden er und seine Familie unverhofft in einen Strudel aus Gewalt, gepanschtem Schnaps und Schmiergeld hineingezogen.
Als wäre das nicht genug, zeichnet sich dazu am Horizont noch ein Tornado ab. Niemand ahnt, dass dieser Twister als einer der schrecklichsten Wirbelstürme des Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird.
Wie gesagt, in Kansas ist der Teufel los.

Plötzlich stand die Antilope mitten auf der Fahrbahn.
Das grelle Licht der Autoscheinwerfer hatte den Pronghornbock geblendet, und das Tier verharrte beinahe regungslos vor dem herandonnernden Wagen.
Jack Morton reagierte voller Panik.
Er verriss das Lenkrad seines Lasters, worauf das schwere Fahrzeug völlig unkontrolliert auf eine Baumgruppe am Wegesrand zusteuerte.
Dort gab es einen kurzen, aber heftigen Aufprall. Glas splitterte und der wuchtige Stamm eines Jahrzehnte alten Palo-Verde Baumes machte der Fahrt ein jähes Ende. Mit voller Wucht knallte Morton mit der Stirn gegen das Lenkrad seines Lasters, indessen sein Beifahrer die Frontscheibe küsste. Morton blutete heftig aus einer Platzwunde an der linken Augenbraue, während sein Partner Jesse Fuller den Aufprall mit seinem Quadratschädel beinahe schadlos überstanden hatte.
»Drecksvieh elendes, was hast du auch mitten in der Nacht auf der Straße zu suchen?«, fluchte Jack, während er benommen aus dem Führerhaus kletterte.
Nachdenklich besah er sich den Schaden.
Das vordere, rechte Scheinwerferglas war zersplittert und darunter zierte eine gewaltige Beule die Stoßstange des Wagens. Der gesamte Kotflügel war verschoben und das scharfkantige Blech hatte sich in den dahinter liegenden Reifen gebohrt.
Von dem Pronghornbock war längst nichts mehr zu sehen.
»Bullshit!«, fluchte Morton und griff nach seinem Taschentuch, um sich das Blut aus dem Gesicht zu wischen.
An eine Weiterfahrt war nicht mehr zu denken.
Im gleichen Augenblick wurde die Unfallstelle in grelles Licht getaucht. Von allen Seiten flammten Scheinwerfer auf und blendeten die beiden Männer.
»Scheiße!«, kreischte Fuller mit überschnappender Stimme. »Lass uns abhauen, da kommen die Bullen.«
Als er den rechten Arm aus dem Fenster streckte, lag seine Pistole bereits schussbereit in der Hand. Ohne zu zögern feuerte er in das grelle Licht hinein. Einen zweiten Schuss bekam er nicht mehr. Ein wilder Fluch ertönte, dann ratterte auch schon eine Maschinenpistole los.
Es klang, als würde jemand aus großer Höhe einen Sack getrockneter Erbsen auf ein Blech schütten. Die Salve aus der halbautomatischen Maschinenwaffe zerteilte das Führerhaus des LKWs in zwei Hälften und brachte Jesse Fuller förmlich zum Tanzen. Wie eine willenlose Gliederpuppe, die von unsichtbarer Riesenhand geschüttelt wurde, zuckte er auf dem Beifahrersitz umher. Blut spritzte wie aus einem prall gefüllten Wassersack aus ihm heraus und überzog das gesamte Führerhaus mit einem hässlichen roten Muster.
»Du da, wenn du nicht so enden willst wie dein Freund, nimmst du jetzt besser die Hände hoch!«, schrie eine herrische Stimme.
Jack Morton zögerte keine Sekunde. Das Taschentuch, das er immer noch in seiner Hand hielt, flatterte dabei wie eine Fahne im Abendwind. Dann brummten Motoren auf und aus der Dunkelheit der umliegenden Hügel rasten vier unförmige Schatten auf ihn zu. Er blinzelte in das grelle Licht der Scheinwerfer und bemerkte zu seinem Erstaunen, dass es sich offensichtlich nicht um die Polizei handelte.
Die Autos kamen keine drei Schritte vor ihm zum Stehen. Aus jedem der Wagen sprangen mehrere Gestalten, die sich rasch über die Straße verteilten. Eine von ihnen kam direkt auf ihn zu und Morton hatte plötzlich ein unangenehmes Gefühl im Bauch, als sich der Lauf einer Maschinenpistole genau auf seine Magengegend richtete.
»Wer zum Teufel seid ihr?«
»Halt die Fresse, Mann, wenn hier einer Fragen stellt, dann bin ich das.«
Stumm zeichnete der Unbekannte mit der Rechten Befehle in die Nacht, während die Mündung seiner Maschinenwaffe unentwegt auf Mortons Bauch zeigte.
Rasch durchsuchten die anderen den Laster. Einer von ihnen zog den schlaffen Körper von Fuller aus dem Führerhaus und schleifte ihn seitwärts ins Gebüsch.
»Was ist mit ihm?«
Einer der Männer zuckte mit den Achseln. »Hat wohl Pech gehabt! Er hätte nicht gleich mit dem Schießeisen herumfuchteln sollen, schließlich konnten wir das Risiko nicht eingehen, dass einer von uns getroffen wird.«
Nur mit Mühe konnte Morton verhindern, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Er und Jesse waren seit Jahren ein Team. Gemeinsam hatten sie so manches Ding durchgezogen und jetzt das. Jack hatte das Gefühl, als ob er jeden Moment heulen müsste.
Eine weitere Gestalt kam auf ihn zu. »Wohin solltet ihr die Ladung bringen?«
»Nach Newton, wie immer«, sagte Morton und wies nach Westen.
»Okay, dann geh mal zur Seite. Eure Reise ist nämlich hier zu Ende.«
Zögernd trat Morton nach hinten, immer dicht gefolgt von dem Mann mit der Maschinenpistole. Während er sich niedergeschlagen einen Steinwurf von dem Lastwagen entfernt in den Sand setzte, zerrte eine der Gestalten den Reservekanister des Fahrzeugs aus der Halterung, öffnete ihn und schüttete das Benzin über die Ladefläche des Wagens. Danach zog er ein Paket Streichhölzer aus der Tasche.
Bereits mit dem zweiten Zündholz erzielte er den gewünschten Erfolg.
Eine riesige Stichflamme erhellte die gesamte Umgebung taghell. In Minutenschnelle verbrannte der LKW mitsamt seiner wertvollen Ladung, die Fuller und Morton unter größten Anstrengungen bis hierher gebracht hatten.
Jack stöhnte dumpf, als er in die Flammen starrte.

* * *

Die Einrichtung des Raumes bestand aus einem alten, wurmstichigen Schreibtisch, einem Ohrensessel, der mit abgenutztem Teppichstoff bezogen war, zwei verbeulten Aktenschränken und einem halben Dutzend einfacher Lehnstühle. Matthew Jackson betrachtete Komfort und Bequemlichkeit nicht unbedingt als Voraussetzung für erfolgreiche Geschäfte. Alles, was für ihn zählte, war das tägliche Knistern von Dollarscheinen in seinen Taschen. Im Moment schien dies allerdings zweitrangig zu sein, denn in seinem Arbeitszimmer herrschte trotz der Anwesenheit zweier weiterer Männer eine geradezu beängstigende Stille.
Während er in dem Ohrensessel hinter seinem Schreibtisch dumpf vor sich hinbrütete, wagten die beiden anderen Männer in dem Raum kaum zu atmen. Sie kannten Jackson und dessen Launen nur zu gut. Er war als jähzornig verschrien, gewalttätig und dazu noch so stark, dass er einen ausgewachsenen Ochsen mit einem einzigen Faustschlag zu Boden schicken konnte. Sie alle hatten das schon mit eigenen Augen gesehen und deshalb hatte keiner von ihnen auch nur die geringste Lust, eine neue Probe aufs Exempel zu statuieren.
Als die Stille unerträglich zu werden schien, richtete sich Matt Jackson hinter seinem Schreibtisch auf und stemmte beide Fäuste in die Hüften. Der Endvierziger war knapp sechs Fuß groß und in seinem dunklen Anzug, mit dem glatt rasierten Gesicht und den kurzen, graumelierten Haaren eigentlich eine durchaus gefällige Erscheinung. Im Moment jedoch wirkte er so sympathisch wie eine wütende Klapperschlange.
»Verdammte Scheiße«, zischte er. »Wer außer den Bullen könnte es wagen, uns derart ans Bein zu pinkeln?«
Gus Durham und Pete Taylor starrten betreten auf die ausgetretenen Dielenbretter des Fußbodens, als käme die Antwort von dort.
»Ich warte auf Vorschläge, meine Herren«, sagte Jackson scharf, als nach einigen Augenblicken von seinen Männern immer noch nichts zu hören war, und wippte in seinen Stiefeln.
»Miller oder McLean?«, antwortete Durham vorsichtig.
»Vergiss es, Miller hat nicht das Format dazu und McLean ist nicht im Schnapsgeschäft. Er macht sein Geld mit Glücksspiel.«
»Dann bleibt nur noch der Italiener oder jemand von außerhalb«, behauptete Taylor.
Jackson nickte bedächtig. »Genau, der Italiener. Gus, du wirst dir ein paar kräftige Männer nehmen und diesem Herrn Sandolo einmal einen kleinen Besuch abstatten. Und du Pete schaffst mir Stadtrat Hawkins hierher. Ich schiebe diesem Lackaffen jeden Monat soviel Scheine in den Hintern, dass man damit eine fünfköpfige Familie ernähren könnte. Jetzt soll er mal etwas für sein Geld tun und für mich bei der Polizei ein paar Erkundigungen einholen. Also los, Männer, worauf wartet ihr noch? An die Arbeit.«
Nachdem Durham und Taylor sein Büro verlassen hatte, warf Jackson noch einmal einen Blick auf die Ladepapiere des ausgebrannten Lastwagens und schüttelte wütend den Kopf.
»Für Fünftausend Dollar Schnaps, einfach so verbrannt. Verdammt, wenn ich dieses Schwein in die Finger kriege, wird er sich danach wünschen, nie geboren zu sein.«

* * *

Gedankenverloren blickte Ken Okumoto über den Hof seiner Farm, während im Westen allmählich die Sonne hinter den Hügeln versank.
Neben ihm auf der Veranda saß seine Frau in einem Schaukelstuhl und schlief. Das Buch, in dem sie bis vor wenigen Minuten noch gelesen hatte, lag jetzt auf ihren Knien, ihr Kopf ruhte auf der rechten Schulter und ab und an kam aus ihrem halbgeöffneten Mund ein leises Schnarchen, was ihrem Mann ein Lächeln entlockte. Hinter den Stallungen tollte seine Tochter mit Dusty herum, einem sandfarbenem Bastardhund, der ihnen irgendwann einmal zugelaufen war. Neben dem Brunnen im Hof polierte sein Sohn mit geradezu unheimlicher Inbrunst immer noch die Karosserie ihres mattschwarzen Ford T.
Wobei Ken allmählich die Befürchtung hatte, dass durch die Tätigkeit seines Sohnes das Blech des Autos immer dünner wurde.
Beinahe wehmütig starrte Ken auf das Bild, das sich seinen Augen bot, während seine Gedanken um Jahre zurückeilten.
Mehr als ein halbes Jahrhundert war vergangen, seit sein Vater, der Samurai, in dieses Land gekommen war. Bereits eine Generation später waren aus den Nachkommen einer ehemaligen Kriegerkaste fleißige Farmer geworden, die man trotz ihrer asiatischen Herkunft respektierte. Inzwischen zählte im County der Mensch hinter dem Namen Okumoto, nicht mehr die Hautfarbe oder die Herkunft.
Er war Herr über zweitausend Acres bestes Farmland, besaß eine Familie, die ihm den Rücken stärkte, und einen Sohn gleichen Namens, der schon jetzt in seine Fußstapfen getreten war und die Farm managte. Und das ziemlich erfolgreich, wie er neidlos eingestehen musste, denn im Gegensatz zu vielen anderen Familien in der Gemeinde schrieb ihr Bankkonto schwarze Zahlen.
Trotzdem war die Idylle trügerisch.
Dunkle, unheilvolle Wolken ballten sich am Horizont zusammen und nur ein Narr konnte die Zeichen nicht erkennen. Man schrieb das Jahr 1912, die Welt, insbesondere Europa taumelte einem Krieg entgegen, das Geld wurde knapp und seit der Einführung der Prohibition nahm das Verbrechen selbst in einer verschlafenen Kleinstadt wie Newton Dimensionen an, die ihn erschreckten. Es verging kaum ein Tag, an dem sich die Polizei nicht ein Feuergefecht mit Alkoholschmugglern, Bankräubern oder irgendwelchen anderen Verbrechern lieferte. Erst vor zwei Tagen hatte es einen Toten und einen ausgebrannten Laster gegeben, und das auf seinem Land.
Die heile Welt der Okumotos bekam allmählich ihre ersten Risse.
»He Pa, wann fahren wir wieder in die Stadt?«
Schlagartig riss ihn die Stimme seines Sohnes aus den Gedanken. Sofort legte er den Zeigefinger seiner Rechten auf den Mund.
»Sei gefälligst leise, deine Mutter schläft!«
Er trat die Veranda hinunter und ging auf seinen Sohn zu, um sein Auto zu begutachten, das im schwindenden Licht der Abendsonne wie polierte Kohle glänzte.
»Was sollen wir schon wieder in Newton? Wir haben unsere Vorräte doch erst letzte Woche aufgefüllt und das Auto vollgetankt«, fragte er, obwohl er ganz genau wusste, worauf sein Sohn hinaus wollte.
Ein leises Lächeln umspielte sein Gesicht.
Mary Jane Collins war aber auch eine Augenweide. Fast alle unverheirateten Männer des Countys prügelten sich jedes Jahr am Erntedankball, wenn es darum ging, wer den ersten Tanz mit der Tochter des Storebesitzers bekam. Seit knapp drei Monaten schien diese Entscheidung zugunsten seines Sohnes gefallen zu sein. Mit seiner stillen, höflichen Art hatte der junge Ken das hübsche Mädchen anscheinend mehr beindruckt als die anderen Jungs mit ihrem Geld und ihren Muskeln. Auch Marys Eltern schienen einer Liaison ihrer Tochter mit seinem Sohn nicht abgeneigt gegenüber zu stehen.
»Wenn ich es mir allerdings so recht überlege, etwas Tabak könnte ich schon noch gebrauchen«, sagte er, und in seinen leicht geschlitzten Augen begann es zu funkeln. »Der wird vielleicht knapp über´s Wochenende. Jetzt, wo es tagsüber so heiß ist, sitze ich abends gerne noch etwas länger auf der Veranda und rauche. Der kühle Wind tut nach der Gluthitze des Tages so richtig gut.«
Insgeheim wusste Ken natürlich, dass diese Erklärung ziemlich fadenscheinig war, da die Tabaksbüchse neben dem Kamin noch fast randvoll war. Aber ein klein wenig musste auch er sein Gesicht wahren und nicht allen Wünschen der Kinder gleich nachgeben.
»Wenn du willst, kannst du morgen, nachdem wir die Kühe versorgt haben, gleich losfahren, dann bist du spätestens zum Abendessen wieder hier.«
Als Ken das Glänzen im Gesicht seines Sohnes bemerkte, ging er mit einem spitzbübischen Grinsen im Gesicht wieder zurück auf die Veranda. Als er die weißgestrichenen Holzdielen des Vorbaus betrat, schlug seine Frau die Augen auf und blickte ihm entgegen.
»Wo warst du?«
Ken lächelte immer noch. »Drüben, beim Brunnen. Ich habe unserem Sohn gerade erlaubt, morgen in die Stadt zu fahren, um eine Kleinigkeit einzukaufen. Er kann es kaum noch erwarten, Mary Jane endlich wiederzusehen.«
Kens Frau lächelte wissend. »Was gibt es da zu grinsen? Glaubst du vielleicht, du warst damals anders?«
Sie wartete die Antwort ihres Mannes nicht ab, sondern drehte den Kopf und ihre Gesichtszüge verhärteten sich, während sie nach Norden deutete.
»Er soll aber zusehen, dass er bis morgen Abend wieder hier ist. Irgendwie gefällt mir das Wetter nicht. Es ist seit Tagen so unnatürlich heiß, ich hoffe da draußen braut sich nicht schon wieder ein Tornado zusammen.«
Was die Wetterprognosen für die nächsten Tage betraf, konnte er sich fast immer auf die Vorhersagen seiner Frau verlassen. Deshalb zuckte Ken merklich zusammen. Vor seinem inneren Auge tauchten wieder die Bilder des letzten Sturms auf, der ihren Hühnerstall regelrecht zerlegt hatte. Seitdem befand sich dieser in einer der relativ soliden erbauten Scheunen.

* * *

»Und?«, fragte Jackson.
Die kleine Kerosinlampe warf ein flackerndes Licht in sein Büro, in dem sechs Männer vor ihm auf den Lehnstühlen saßen. Es waren allesamt stämmige, hartgesichtige Burschen, die alle die Blessuren einer vorangegangenen Schlägerei als deutliche Zeichen im Gesicht trugen. Einer von ihnen hatte um den linken Oberschenkel einen blutgetränkten Verband, ein anderer trug den Arm in der Schlinge, der Rest besaß eine erkleckliche Anzahl von Schrammen, Beulen und blauen Flecken. Aber keiner klagte, im Gegenteil, auf ihren Gesichtern lag ein wildes Grinsen.
»Luigi Sandolo kannst du von der Liste streichen. Diese öligen Spaghetti haben zwar genug Messer in den Taschen, um damit Handel zu treiben, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie zu ihrem Wort stehen.«
»Wer spuckt uns dann andauernd in die Suppe?«, wollte Jackson von Gus Durham wissen. »Erst gestern habe ich ein Telegramm bekommen, wonach in Kingman die Polizei unsere beiden Verteiler hochgenommen hat und in Great Bend ist in einer unserer Lagerhallen ein Feuer ausgebrochen. Gott sei Dank war der Schuppen zu diesem Zeitpunkt leer.«
Die Männer sahen sich fragend an und redeten einen Moment lang alle durcheinander.
»Ich an Ihrer Stelle würde einmal Stadtrat Hawkins etwas genauer auf den Zahn fühlen«, sagte plötzlich einer der Männer.
Unvermittelt erstarben die Gespräche. Alle Augen richteten sich auf den grauhaarigen Mann mit dem blutigen Oberschenkelverband.
»Wie meinst du das?«, fauchte Jackson und seine Stimme klang dabei so liebenswürdig wie die eines Pumaweibchens, dem man auf den Schwanz getreten war.
Der Mann zuckte mit den Schultern. »Man hört da so einiges. Ich habe einen Neffen, der arbeitet als Handlanger in der Hauptstadt im Polizeipräsidium. Hier mal ein Schloss reparieren, da eine Glasscheibe austauschen oder den Keller ausfegen. Kleinigkeiten eben, aber er kommt in allen Dienststellen und sämtlichen Büros herum und bekommt so einiges mit. Manche behaupten zwar, er sei nicht ganz richtig im Kopf, aber der Bursche hat ein phänomenales Gedächtnis. Was der so erzählt, was da abgeht, mein lieber Mann ...«
»So, und was geht da ab?«, fragte Jackson seltsam gedehnt.
»Es wird gemunkelt, dass sich Hawkins bei der nächsten Wahl um den Posten eines Senators bewerben will. Anscheinend treibt ihn seine Alte dazu. Sie will, dass er groß in die Politik einsteigt. Aber dazu muss er etwas vorweisen, denn die Konkurrenz ist groß. Da sich seine bisherigen politischen Erfolge in Grenzen halten, versucht er sich jetzt als Verfechter des Gesetzes, der mit aller Macht gegen das organisierte Verbrechen vorgeht. Angeblich hat er davon geredet, den illegalen Handel mit Alkohol zu unterbinden.«
Jackson sprang erregt auf. »Dieses Schwein!«
»Verdammt, Boss, ich glaube, Steve hat recht. Hast du Pete nicht befohlen, dass Hawkins hier antanzen soll? Ich habe aber weder den einen noch den anderen in den letzten Tagen gesehen.«
Jackson wandte sich Durham zu. Sein Gesicht war dabei vor wilder Entschlossenheit verzerrt.
»Stimmt, jetzt wo du es erwähnst, fällt es mir auch wieder auf. Los Männer, wir brechen sofort auf, um uns die beiden Kerle zu schnappen. Ich bin jetzt schon auf die Geschichte gespannt, die uns Hawkins zu erzählen hat.«

* * *

Nachdem Ken Okumoto das Auto seines Vaters von dem staubigen Karrenweg ihrer Farm aus auf die ausgebaute Überlandstraße gelenkt hatte, gab er zügig Gas. Von der Hitze verdorrtes Gebüsch und Zäune aus Stacheldraht und Holz flogen am Straßenrand förmlich an ihm vorbei, während er mit hoher Geschwindigkeit auf Newton zusteuerte. Es war nicht nur die Sehnsucht nach Mary Jane, sondern auch ein Blick durch die Autoscheibe in Richtung Himmel, was ihn zur Eile antrieb.
Seit Tagen lastete eine fast unerträgliche, schwül warme und feuchte Luft auf dem Land und immer wieder war am Horizont ein Wetterleuchten zu sehen. Ken war in diesem Teil des Landes geboren und aufgewachsen. Er konnte die geheimen Zeichen der Natur deuten und deshalb wusste er, dass ein Unwetter im Anmarsch war. Im schlimmsten Fall sogar ein Tornado, für den diese Gegend seit Jahren berüchtigt war.
Seine Hände krampften sich unmerklich um das Lenkrad und eine knappe Meile, bevor er die Stadt erreichte, begann sich das Wetter auch tatsächlich merklich zu ändern.
Obwohl es kurz vor Mittag war, gab es plötzlich keinen Sonnenschein mehr und auch der ständig wehende Wind vom Smoky Hill River her war nicht mehr existent. Stattdessen lag eine lautlose Stille über dem Land und am Horizont flimmerte es seltsam am stahlblauen Himmel.
Als das Straßenschild von Newton in Sicht kam, brachte eine heftige Windböe sein Auto fast aus der Spur. Der stahlblaue Himmel hatte sich jetzt mit seltsamen grüngelben, fleckigen Schatten überzogen und es wurde immer dunkler.
Dann erfolgte der nächste Windstoß, der Ken mitsamt seinem Wagen fast auf die Veranda eines der ersten Häuser am Ortseingang warf. Die Luft begann zu knistern und in der Ferne war unvermittelt ein durchdringender Heulton zu hören.
Das ganze Land war inzwischen zu einer schwefelgelben Finsternis verkommen, die direkt aus der Hölle zu stammen schien.
Als Ken das Auto vor dem Store der Familie Collins parkte, entwurzelte der nächste Sturmstoß vor seinen Augen die mächtige Burr-Eiche auf dem Marktplatz. Es klang wie bei einer Explosion, als der Stamm einfach auseinanderplatzte. Dann fauchte der Sturm durch die Mainstreet von Newton und einen Moment später flogen Holz, Steine und Dachziegel durch die Gegend und prasselten gegen die Wände der Häuser.
Er verließ das Auto und augenblicklich stieß und zerrte der Wind an ihm.
Als er den Vorbau entlang ging und auf den Store zulief, goss es wie aus Kübeln, und noch bevor er die Hand um den Griff der Ladentür legte, war er nass bis auf die Haut. Ein unheimliches Heulen erfüllte die Luft und aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Ken, wie einige Männer in den gegenüberliegenden Mietstall hasteten.
Seltsam, dachte Ken noch, einer dieser Männer war Stadtrat Hawkins, der andere Matthew Jackson, eine Person, von der allgemein bekannt war, dass sie es mit den Buchstaben des Gesetzes nicht immer so genau nahm.
Aber dann hatte er den Ladeneingang erreicht und warf sich mit der Schulter gegen die Tür.
Mary, durchzuckte es ihn, während er die Tür hinter sich wieder zuschlug. Kaum war sie hinter ihm ins Schloss gefallen, hatte er im gleichen Augenblick das Gefühl absoluter Stille in seinem Kopf. Erst danach vernahm er wieder das gedämpfte Toben des Orkans.
Als er sich im Halbdunkel des Ladens umblickte, war das Erste, was er erkannte, Mary Jane, die sich in den Armen ihrer Eltern hinter der Ladentheke duckte und ihn aus weit aufgerissenen Augen anstarrte.
In diesem Augenblick wusste er, wie richtig sein Entschluss gewesen war, trotz aller Vorzeichen bei diesem Wetter in die Stadt zu fahren.
Er ging hinter die Theke und nahm seine Freundin in den Arm. Mit einem Aufschluchzen warf sich Mary Jane an seine breiten Schultern, während draußen der Orkan durch die Stadt tobte.

* * *

Der eigentliche Sturm dauerte nur zehn Minuten, aber danach war nichts mehr so, wie es einmal war. Der Tornado hatte die Vorderfront von beinahe sämtlichen Häusern auf der Mainstreet eingerissen, manche der Gebäude waren sogar komplett zertrümmert.
Ernstlich verletzt schien jedoch niemand, denn kurz nach dem Ende des Tornados kamen die Menschen aus ihren Häusern und machten sich wie selbstverständlich daran, die Trümmer aufzuräumen und ihre Häuser wieder aufzubauen.
Den Mietstall schien es am schlimmsten getroffen zu haben. Bis auf die steinernen Grundmauern waren sämtliche Wände nur noch Fragmente aus zersplittertem Holz, abgedeckten Dachplatten aus Teer und durcheinandergewirbelten Einrichtungsgegenständen. Das Stöhnen von Verletzten und Sterbenden war in diesem Gebäude lauter als anderswo. Als Ken die Stallruine in der Absicht zu helfen betrat, bot sich ihm ein grauenvoller Anblick.
Stadtrat T. Hawkins lehnte mit dem Rücken an einem Stützpfeiler des Stalls. Seine Augen waren unnatürlich weit aufgerissen, während er mit beiden Händen jenen Holzsplitter umklammerte, der aus seinem Brustkorb ragte. Matthew Jackson lag unter dem umgestürzten Wrack einer Kutsche in einer riesigen Blutlache und zwei andere Männer, die Ken nicht kannte, waren unter den Trümmern des eingestürzten Daches begraben und stöhnten entsetzlich.
Es war kein schöner Anblick. Aber als Mary Janes Vater neben ihn getreten war und ihm mit einer väterlichen Geste die Hand auf die Schultern legte, wusste Ken, dass er nicht alleine war.
»So hart es klingen mag, aber genau betrachtet hatte der Sturm eine ziemlich reinigende Wirkung.«
Die Bedeutung dieser Worte wurde Ken erst bewusst, als er am anderen Tag auf die Farm seiner Eltern zurückkehrte.

ENDE

Wer mehr von Ken, Schnapsschmugglern und korrupten Polizisten erfahren will, sollte demnächst regelmäßig beim Geisterspiegel nachschauen. Dort wird es in absehbarer Zeit noch so Einiges von Ken Okumoto und seiner Familie zu lesen geben.

Copyright © 2011 by C. C. Slaterman

 

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