
EPISODE 29
»Wenn Ende sich zu Anfang neigt: Im Rachen des Drachen«
von
Gunter Arentzen

Zitat:
Wenn der Drache aus den Wolken stößt,
Die Nacht ihr graus’ges Herz entblößt,
Wenn Blut fließt aus dem hohen Turm,
Und untergeht das Land im Sturm,
Wenn Ende sich zu Anfang neigt,
Der bleiche Mann den Todeswalzer geigt,
Wenn Ratten vor dem Schrecken flieh’n,
Und Skelette durch die Straßen zieh’n,
Wenn des Jenseits schwarzer Hund laut bellt,
Dann droht ew’ge Finsternis der Welt.
(Prophezeiung des Eldriel, Drittes Zeitalter 146)
Abschnitt 1: Die Evolution des MTRD
Prolog
Das Leben im Speziellen und im Allgemeinen
Nahe San Francisco, Ende 2006
Liebe Freunde,
ich ahne, dass ihr eine Rettungsmission starten werdet, um mich in euer Hier und Jetzt zu holen.
Wenn ich aus Francines Erlebnissen und ihrer Trauer eines gelernt habe, dann das: Nimm, was dir geschenkt wird. Sekunden trennten Francine von Liebe und Glück.
Ich werde diesen Fehler nicht begehen. Ich habe mein Glück gefunden. In einer fremden Zeit, in einem fremden Land. Ich halte es fest und akzeptiere, was mir das Schicksal geschenkt hat. Euch bitte ich, mir dieses Glück zu lassen. Kommt nicht her, versucht nicht, mich zu überreden. Ich habe zu viele Zeiten und Welten bereist, um zwei Dinge zu wissen: Ich habe genug von all diesen Abenteuern UND ich werde nirgendwo eine größere Liebe finden als jene, die ich bereits in Armen halte.
Schaut in die Geschichtsbücher, vielleicht hinterlasse ich ja meine Spuren. Die Menschen halten mich für einen Magier. Nun ja … :-)
In ewiger Freundschaft und Verbundenheit
Euer Dan
Claire schaute zum x-ten Mal auf den Ausdruck der Nachricht, die das Team des MTRD kurz vor Start der geplanten Rettungsmission erreicht hatte.
Ein letzter Gruß eines Freundes, dem sie viel verdankte; unter anderem ihr Leben. Dan hatte seine Entscheidung getroffen und sich für ein völlig anderes Leben entschieden als jenes, welches er hier lebte.
Inzwischen, und diesen Gedanken musste Claire ausblenden, wollte sie nicht von Trauer übermannt werden, war Dan tot.
Auch das stand fest.
Er war als alter Mann gestorben, friedlich, wie es hieß, in den Armen seiner ebenfalls betagten Frau. Beide hatten einander bis zum Ende geliebt, waren alt geworden und schließlich gestorben – vor Jahrhunderten.
Es gab Bilder seiner reich verzierten Tumba, in der man seinen Sarkophag bestattet hatte. Seine Frau ruhte an seiner Seite, gleichfalls in einer hübschen Tumba. Besucher konnten sie sehen, berühren und die Inschriften lesen.
Doch keiner dieser Männer und Frauen, die Jahr für Jahr an Dans letzter Ruhestätte vorbeigingen, ahnte, dass sie das Grab eines Zeitreisenden sahen.
Sie legte den Ausdruck zurück in die Akte Dan, wie der Fall kurz genannt wurde. Auch wenn das Missionstagebuch offiziell mit Ungeplante Rückkehr betitelt worden war, nannte jeder innerhalb des MTRD die Sache Akte Dan.
Und die war geschlossen worden. Obwohl sich innerhalb des MTRD Stimmen zu Wort gemeldet hatten, laut denen ein solches Vorgehen verhängnisvoll sein könnte. Dann nämlich, wenn Dan in die Geschichte eingriff.
Am Ende aber waren die mahnenden Stimmen überstimmt worden. Francine und Claire waren es gewesen, die dafür sorgten, dass Dan seinen Frieden fand, während Ken für eine Rettungsmission plädiert hatte.
Die junge MTRD-Agentin, wie ihre offizielle Bezeichnung lautete, ließ ein leises Seufzen hören, während sie sich ein weiteres Schriftstück vornahm.
Das Jahr ging zu Ende. Ein weiteres Jahr, welches sie mit der Reise zu fremden Welten verbracht hatte. So, als sei dies ihr Schicksal.
Wie sehr dies zutraf, bewies das eng bedruckte Blatt Papier in ihrer Hand.
Dienstvertrag stand darüber.
Die verschiedenen am MTRD beteiligten Parteien waren sich einig, dass sie weder sie noch Ken verlieren wollten; selbst dann, wenn sie die eigentlichen Weltenreisenden finden sollten. Darum hatte man ihr und auch ihrem Lebensgefährten einen dauerhaften Dienstvertrag angeboten; verbunden mit einem höheren Gehalt, erweiterten Sozialleistungen und der Möglichkeit, die verschiedenen Erholungszentren der Agency zu nutzen.
Vor allem aber wurde Claire mit der Unterzeichnung zum Commander befördert; nachdem Francine ihren Abschied zum Ende der laufenden Mission eingereicht hatte, würde sie zum kommandierenden Offizier des MRTD befördert.
Ken, der Weltenreisen abschwören wollte, war ein veränderter Vertrag angeboten worden. Nach Abschluss der laufenden Mission würde er zum leitenden Ausbilder für künftige MTRD-Agenten aufsteigen. Das in all den Missionen gesammelte Wissen an die nachfolgende Generation weiterzugeben war von größter Wichtigkeit und die obersten Köpfe des MTRD glaubten, in ihm den passenden Ausbilder gefunden zu haben.
Sie schaute auf die gestrichelte Linie, die nur auf ihre Signatur zu warten schien.
Bislang hatte sie sich nicht dazu entschließen können, diesen Schritt wirklich zu tun. Bislang war sie eine Studentin, die sich offiziell hatte beurlauben lassen.
Unterschrieb sie, war dies das Ende ihres Studiums. Dann würde sie sich an das MTRD binden; und damit unter anderem auch an die CIA.
Sie hatte sich mit Ken mehr als einmal über dieses Thema unterhalten, doch noch waren beide zu keinem Schluss gekommen.
Sollten sie oder sollten sie nicht?
Sie seufzte wieder, schloss kurz die Augen – und kritzelte ihre Unterschrift unter den Vertrag. Dann schob sie ihn in einen bereits adressierten Umschlag, klebte ihn zu und legte ihn in den Ausgangskorb.
Anschließend schickte sie Ken, der sich irgendwo auf dem Gelände befand, eine kurze Mail.
Ich habe den Vertrag unterschrieben – ich kann nicht anders, dies ist meine Welt.
Luv
Sie wollte auf eine Antwort warten – dank PDA hätte diese in wenigen Minuten eintreffen müssen, doch plötzlich entstand vor dem Büro der Agenten Tumult. Erstaunte Rufe wurden laut, Männer und Frauen liefen zusammen.
Und was ist das jetzt für ein Aufstand, fragte sich Claire, stand auf und strich ihre Uniform glatt. Anschließend verließ sie das Büro, blieb jedoch unmittelbar hinter der Tür stehen, denn auf dem Gang kam es zu Rudelbildung.
Sie sah, dass mehrere Personen den Gang entlang kamen. Neben Francine und Professor Lopez, dem wissenschaftlichen Leiter des MTRD, befand sich auch Ken unter ihnen.
Doch wegen diesen dreien hätte sich niemand vor die Tür begeben. Wichtiger waren die beiden Frauen und der Mann, die von den genannten eskortiert wurden.
Eine der Frauen kannte Claire – Doktor Jaqueline Berger.
Dann müssen die beiden anderen Roger Müller und Tamara Delgardo sein, die großen Hirne hinter alledem. Kein Wunder, dass die so aus dem Häuschen sind.
Jaqueline entdeckte Claire und schenkte ihr ein Petzauge, während Roger und Tamara bemüht waren, die Aufregung der Wissenschaftler und Verwaltungsmitarbeiter im Zaum zu halten.
Sie winkten beschwichtigend ab, schüttelten Hände und gaben den Leuten zu verstehen, dass sie weder Götter noch Magier oder Heilige seien.
Als ob das je gefruchtet hätte, dachte Claire ironisch. Wenn die Leute einen vergöttern wollen, dann tun sie das auch.
Schließlich erreichte die kleine Prozession das Büro der Agenten.
Sie drängten hinein, Ken schloss hinter ihnen die Tür und Tamara Delgardo ließ ein lautes, erleichtertes Stöhnen hören.
»Die sind ja wie Kinder, wenn der Nikolaus zu Besuch kommt«, sagte Roger gut gelaunt.
»Wer?«, fragte Francine. »Du meinst Santa Claus, oder?«
»Nein, Nikolaus. In Deutschland sehr beliebt, kommt aber schon am 6. Dezember und bringt Süßes und Kleinigkeiten. Santa haben wir nicht, die Geschenke zu Weihnachten bringt das Christkind«, erklärte Roger.
»So was«, murmelte Francine und nahm auf ihrem Stuhl Platz. Sie sah den braunen Umschlag im Ausgangskorb ihrer Kollegin, schenkte ihr einen kurzen Blick und sah Claire nicken. »Jack, du kennst Claire Bancroft? Commander Claire Bancroft, sobald der Vertrag bei der Verwaltung eingegangen ist und bestätigt wurde.«
»Ich vergesse niemals jemanden, mit dem ich Seite an Seite gekämpft habe. Schließlich habe ich dem MTRD nicht zufällig Claire und ihre Freunde vorgeschlagen. Ich wusste, dass aus ihr was werden kann.« Sie blinzelte der jungen Frau zu.
Diese errötete leicht.
»Euer Kommen ist überraschend«, kam Francine auf den Grund des Besuchs zu sprechen, nachdem sich Professor Lopez geräuspert hatte. »Was liegt an?«
»Wir ziehen um«, erklärte Roger knapp. »Morgen rückt ein Umzugsunternehmen an, packt hier alles ein und transportiert den ganzen Kram ab. Alle Missionen und Reisen ruhen bis Ende Januar.«
Lopez neigte den Kopf zur Seite, während Francine die Brauen hob.
»Ist das … wie lange steht das schon fest?«, fragte sie dann. »Und warum wissen wir davon nichts?«
»Wir haben die letzten Wochen nichts anderes getan, als an diesem Thema zu arbeiten. Gestern gelang uns ein Durchbruch, Verträge wurden unterzeichnet und das Umzugsunternehmen bestellt.« Jaqueline grinste schwach. »George W. Bullshit hat im Moment andere Sorgen als Multiversen. Er muss seinen Krieg im Irak und in Afghanistan führen. Die CIA ist ebenfalls nicht mehr sonderlich an diesem Thema interessiert; sie lieben den Terrorismus, denn nach dem Ende der UdSSR gibt er ihrer Existenz wieder Sinn. Die Direktoren wollten MTRD an Star Gate übergeben, aber dort ist man auf Paranormales spezialisiert und so winkten sie ab.«
»Und die Universität?«, fragte Lopez.
»Stanford ist nach wie vor begeistert von dem Thema. Als wir ihnen jedoch sagten, dass die Agency aus der Finanzierung aussteigt, verkrochen sie sich sofort in ihr Schneckenhaus. Keinesfalls könnten sie mehr als das bislang Vereinbarte zahlen.« Tamara Delgardo verzog den Mund, während sie dies sagte. »Es ist schön, all die Ergebnisse zu erhalten und Weltgeschichte zu schreiben. Aber bitte zum Discountpreis.«
»Aber die Finanzierung ist gesichert, oder?«, fragte Lopez misstrauisch. »Das hier aufzugeben wäre …«
»Sie ist gesichert, ja. Dank eines Fonds, den ein Freund von uns und wir hier schon vor Jahren anlegten. Als wir mit jener Welt konfrontiert wurden, in der Amazonen einen harten Kampf gegen Feindwesen führen und wir begriffen, dass Zeit- und Weltenreisen möglich sind.« Jaqueline lächelte zufrieden.
»Wir vermarkten sehr erfolgreich Erfindungen aus jener Welt. Der Fond ist derart angewachsen, dass wir die Finanzierung übernehmen konnten. Wir erwarben ein ehemaliges Grundstück der US-Regierung, welches für unsere Zwecke optimal geeignet ist. Bislang wurde dort bereits Forschung betrieben, unter anderem entwickeln wir eine neue Version des Müller-Delgardo-Antriebs und schnellere, bessere Glider. Aber all das werdet ihr sehen«, erklärte Roger.
»Also bleibt für uns alles beim Alten?«, fragte Lopez misstrauisch.
»Die Ansprechpartner wechseln. In Zukunft ist nicht mehr die CIA Partner von Stanford, sondern der Five-Adventurer-Fond, kurz FA-Fond. Ich suche noch nach einer passenden Mitarbeiterin, die den Fond aktiv vertreten wird.« Jaqueline strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Weil der Fond so gut aufgestellt ist und wir als Deutsche ein Herz für Angestellte haben, wird der lange Urlaub bezahlt. Heute fällt der Hammer, wir sehen uns erst am 22. Januar. Bis dahin sollte Ebony Creek, das neue Zuhause des MTRD, einsatzbereit sein.«
»Wo in aller Welt liegt Ebony Creek?«, wollte Francine wissen. Sie kniff die Augen zusammen. »Moment, davon habe ich gehört. In alten Notfall-Plänen. Eine Anlage in Vermont. In den Berg getrieben, mit Beton und Stahl verstärkt. Es ist eine der Notunterkünfte für die Regierung im Falle eines Atomkriegs.«
Jaqueline nickte. »Korrekt, meine Liebe. Der Kalte Krieg ist zu Ende, die meisten dieser Anlagen wurden geschlossen, da sie völlig veraltet waren und man keine Notwendigkeit mehr dafür sah. Der FA-Fond mietete Ebony Creek, um dort Forschung betreiben zu können. Gestern nun hat sich der Vertreter der Regierung endlich dazu entschlossen, uns den Berg zu verkaufen.«
»In Vermont!«, rief Lopez. »Wir müssen umziehen, wollen wir dort arbeiten und forschen. Das ist zu plötzlich; wir brauchen Wohnungen.«
»Knapp zehn Meilen von der Anlage entfernt befindet sich eine friedliche, im Aufstreben befindliche Stadt mit allem, was man braucht; inklusive Schulen und Kindergärten. Die Stadt heißt wie der Berg: Ebony. Früher wohnten dort die Mitarbeiter der Creek-Anlage. Deren Häuser wurden von der Regierung in Schuss gehalten, damit die Anlage jederzeit bezogen werden kann. Wir haben sie übernommen.«
Jaqueline grinste breit. »Sie sehen, Professor Lopez – wir haben an alles gedacht.«
»Und wenn wir nicht umziehen wollen?«, fragte der Wissenschaftler. Er richtete die Brille auf seiner Nase. »Das kommt alles so plötzlich.«
»Dann werden andere Wissenschaftler in Ebony Creek forschen.« Noch immer lächelte Jaqueline, diesmal aber kühl. »Sie können umziehen oder nicht; das ist Ihre Sache. Aber das MTRD zieht in den nächsten Tagen nach Ebony Creek.«
»Und wir werden gar nicht gefragt?«
Jaqueline schüttelte den Kopf. »Ich frage nicht, ich befehle. So einfach ist das …«
Roger klatschte in die Hände. »So, meine Lieben – dann schauen wir uns mal um und entscheiden, was den Weg nach Vermont findet und was nicht.«
Er schaute zu Ken. »Kommst du mit?«
»Ähm …«
Jaqueline nickte dem jungen Mann kurz zu, sodass er verstand und sich Roger und Tamara anschloss.
Schließlich blieben nur noch Francine, Claire und Jaqueline im Büro.
»Du hast deinen Abschied eingereicht«, begann die Schatzjägerin das Gespräch, während sie sich auf den Schreibtisch ihrer Kollegin setzte. »Ich dachte, das Projekt sei dir wichtig.«
»Ich …« Francine zerknüllte einen Briefumschlag. »Du weißt von Victoria, oder? Und von … Lyntaia weißt du ohnehin. Dir brauche ich nichts vorzumachen, Scorpion. Du weißt, wie das ist.«
»Was meinst du? Wie es ist, eine Frau zu lieben? Oder eine geliebte Frau zu verlieren?«
»Beides. Ich kenne einige deiner Geschichten. Du bist mit einer Frau zusammen, hast aber auch welche …«
»Es schmerzt und man glaubt, das Herz würde einem aus der Brust gerissen. Aber irgendwann geht es weiter. Es muss weitergehen.« Sie hob einen Zettel auf und überflog die Notizen. »Du möchtest nach Paros, nicht wahr? Zu Lyntaia.«
»Lieber heute als morgen. Ich … fand in Victoria meine große Liebe. Bei ihr erkannte ich, was mir all die Zeit fehlte. Aber Lyntaia wartet auf mich und … ich empfinde auch für sie … irgendwie … Liebe.«
Jaqueline griff nach der Hand der Agentin. »Es gibt keinen leichten Weg, es jemandem zu sagen. Aber Lyntaia ist … in die Elysischen Gefilde eingetreten.«
»Nein!«, wisperte Francine. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, ihre Hände öffneten und schlossen sich krampfhaft. »Wie …«
»Ein Gefecht. Sie mehrte den Ruhm der Amazonen, ehe sie zusammen mit Nancy eine Bombe zündete, um einen großen Sieg zu erringen. Beide werden in Liedern besungen, wie man mir versicherte.«
»Woher weißt du das alles?«, wollte Claire erstaunt wissen, während sie sich neben ihre Freundin kauerte und ihr tröstend den Arm um die Schultern legte.
»Ich habe … Kontakt … zu dieser Welt. Nancy besaß eine Maschine, um zwischen den Welten zu wechseln. Nach ihrem Tod besuchte mich eine Amazone, um es mir zu sagen. Sie wusste, dass wir befreundet waren.« Auch in den Augen der Schatzjägerin schimmerten Tränen, die sie jedoch beiseite wischte. »Es tut mir leid, Francine. Wenn ich dir helfen kann, dann lass es mich wissen. Ich fliege morgen zurück nach New York. Du kannst mich jederzeit anrufen oder besuchen; auch an Weihnachten oder Silvester.«
Sie holte einen Umschlag aus der Innentasche ihrer Jacke hervor und reichte ihn ihr.
»Was ist das?«, fragte Francine monoton. Noch immer rannen Tränen über ihre Wangen.
»Ein Dienstvertrag. Die Agency hat deinen Abschied akzeptiert. Ich biete dir den Posten der Operativen Leiterin an. Du hast das MTRD von Anfang an betreut und weißt, wie der Hase läuft. Zudem vertraue ich dir bedingungslos; schließlich waren wir in mehr als einem Einsatz Waffenschwestern.« Sie nickte den beiden Frauen zu, dann wandte sie sich ab und verließ den Raum. Die Trauer von Francine war dabei, auch in ihr ähnliche Gefühle zu wecken.
Und das durfte auf keinen Fall sein.
II
»Du meine Güte, schau dir das an!«, rief Ken, als sie einen Tag später in der Halle standen und dem Spezialunternehmen dabei zuschauten, wie sie den Glider in einen Container verluden.
In den Büros wurden Akten in entsprechende Kisten verstaut, Bilder abgehängt und Möbel zerlegt.
Wie eine Kolonie Ameisen auf Speed waren die Männer und Frauen des staatlichen Logistikunternehmens über die Anlage des MTRD hergefallen. Mitarbeiter wie Ken oder die Wissenschaftler störten nur und wurden beiseite gedrängt, jeder wusste, was zu tun war, jeder Handgriff saß.
Nun ja, fast jeder Handgriff, wie ein paar zerbrochene Spiegel, Tassen und Drucker bewiesen.
»Ich denke, wir sollten einfach nach Hause fahren«, murmelte der junge Mann nach ein paar Sekunden. »Hier sind wir so überflüssig wie ein Pickel am Hintern des Glider-Piloten.«
»Ich liebe deine blumigen Metaphern«, erwiderte Claire ironisch. »Sie zeugen von Stil und Anstand.«
»Hm«. Ken grinste schwach. »Wie geht es Francine? Der Schock hat sie sicher aus der Bahn geworfen.«
Die Weltenreisende schüttelte den Kopf. »Zu meinem und vor allem ihrem Erstaunen ist genau das nicht der Fall. Sie sagte heute Morgen, sie würde sich auf eine unheimliche Art freier fühlen. Ich glaube, Lyntaia war ihre erste Frau und daher rührte auch die Liebe. Sie glaubte am Ende, sie würde Lyntaia lieben und sah in ihr einen Rettungsanker, ohne zu wissen, wie sie der Amazone von Victoria erzählen sollte.«
»Also geht es ihr gut?«
»Sagen wir, es geht ihr besser als nach dem Tod von Victoria. Sie unterschrieb den Vertrag, den ihr Jack anbot, und flog mit ihr zusammen nach New York, um sich von ihr helfen zu lassen.«
»Also sehen wir sie in … Vermont?«
»Du sagst das, als sei es anrüchig. Dabei ist New England nicht schlecht. Kalt, aber offen und freundlich. Eine Tante von mir wohnt in Maine. Ich war stets gerne dort.«
»Ich bin eher ein Großstadt-Typ. Gestern Abend habe ich mir die Daten von Ebony angeschaut. Dort leben gerade mal 35.000 Menschen. Immerhin befindet sich in der Nähe der Welt größte künstliche Kürbis – ein Restaurant ist darin untergebracht. Einmal im Jahr feiern sie in Ebony das berühmte Kürbisfest; der Höhepunkt des Jahres.«
»Toll!« Claire tat nicht so, um ihren Freund zu ärgern – sie fand tatsächlich Gefallen an der Vorstellung, in solch einer Gegend zu leben.
»Was bitte soll daran toll sein?«, fragte Ken verblüfft. »Wahrscheinlich werden sie uns lynchen, wenn wir als unverheiratetes Paar in ein Haus ziehen.«
Claire lächelte scheu. »Zum einen sind die Menschen im Norden nicht so verklemmt. Zum anderen könnten wir ja auch als verheiratetes Paar einziehen!?«
Ken neigte den Kopf zur Seite. »War das gerade ein Heiratsantrag? Wäre es nicht an mir, eine solche Frage zu stellen?«
»Wir leben im 21. Jahrhundert und das ist Kalifornien. Einen Ring habe ich jedoch nicht für dich. Den musst du dir denken.«
»Du meinst das wirklich ernst, oder?«
Claire nickte, trat nahe an Ken heran und legte ihm ihre Arme um den Nacken. »Es ist mir ernst, Ken. Ich liebe dich und möchte, dass wir zusammengehören. Du und ich – bis dass der Tod uns scheidet.«
»Das möchte ich auch«, wisperte der Japaner und küsste seine Freundin auf die Lippen. »Lass es uns tun. Lass uns heiraten, ehe wir nach Vermont ziehen.«
Sie lösten sich voneinander. »Hast du deinen Vertrag unterschrieben?«, fragte Claire.
»Gestern Abend, bevor wir nach Hause fuhren. Das hier – ist auch mein Leben. Vor allem mit dir an meiner Seite.«
Kapitel 1
Altes und Neues
Ebony Creek, Januar 2007
Einst, als der Kalte Krieg tobte und die Strategen damit rechneten, einen Atomkrieg führen und gewinnen zu können, hatte man sehr viel Geld in den Bau besonders sicherer Kommandozentralen gelegt, die – je nach Aufenthaltsort des Präsidenten, seines Stellvertreters oder des Kabinetts – im Falle von DEFCON 1 genutzt werden konnten.
Viele dieser Anlagen waren in Berge getrieben worden, da man davon ausging, dass dies besonders sicher sei; auch, was die zu befürchtende Strahlung betraf. Selbst einen direkten Treffer konnte ein solches Zentrum verkraften.
Dort wo der Berg nicht die erforderliche Stabilität aufwies, hatte man ihn lediglich als Decke genutzt, die eigentliche Anlage jedoch viele Meter unter der Erde errichtet.
Ebony Creek gehörte zu jenen, die sich direkt im Berg befanden.
Das gesamte Gelände ringsum war einst als militärisches Sperrgebiet ausgewiesen worden. Eine breite Straße führte zu dem großen Tor, welches in der Regel offenstand. Dahinter lag eine inaktive Druckkammer, die jedoch nur im Falle eines bevorstehenden Angriffs aktiviert wurde.
Ein zweites Tor folgte. Dahinter befand sich eine Anlage zur Dekontamination, welche jedoch in Friedenszeiten einfach umgangen werden konnte.
Ein drittes Schott schließlich bildete die innere Verriegelung. Auf der Außenseite war es schlicht grün gestrichen, auf der der Anlage zugewandten Seite hingegen zeigte es das Kriegswappen der USA.
Laut den Architekten sollte der Berg insgesamt und auch das erste, große Tor einem Treffer standhalten, sodass die Menschen im Innern absolut sicher waren.
Moderne Simulationen hatten ergeben, dass dies zutraf; die Berechnungen aus den frühen 50er Jahren hatten sich als richtig erwiesen.
Neben einem Kontrollzentrum, welches bis in die Neunzigerjahre hinein auf dem neuesten Stand gehalten worden war, verfügte Ebony Creek über Büros und Wohneinrichtungen, eine große Küche, riesige Vorratsräume, Sanitäts- und Hygienebereiche.
Eine Regierung hätte in Ebony Creek mitsamt ihrem Stab und dem Personal mehrere Jahre durchhalten können.
Als man begriff, dass solche Anlagen nicht nur enorm teuer waren, sondern auch keinen Zweck mehr erfüllten, hatte man Ebony Creek für wenig Geld vermietet. Roger, Tamara und ihr Team hatten die Anlage umbauen und für ihre Zwecke herrichten dürfen. Hier waren die ersten Glider entstanden und hier arbeitete man an der Zukunft der Multiversum-Reisen.
Als Claire und Ken am Abend des 21. Januars die Anlage betraten, blieb ihnen vor Staunen fast die Spucke weg.
Zuvor hatten sie sich sowohl an der Einfahrt zu Beginn des MTRD-Geländes als auch direkt vor dem großen Tor ausweisen müssen; ein privates Sicherheitsunternehmen sorgte für den Schutz der Anlage.
Anschließend waren sie durch die große Druckkammer gegangen, hatten die Dekontamination im wahrsten Sinn des Wortes links liegen lassen und standen nun, nachdem sie auch das letzte Tor passiert hatten, auf einer kleinen Empore.
Unter ihnen, auf dem Grund der Anlage, befand sich die Start- und Landebahn der Glider.
Sie sahen den Thunderbird, aber auch einen Zweisitzer sowie einen Transporter.
Zu beiden Seiten der eigentlichen Abflugzone waren die Kontrollpulte und wissenschaftlichen Stationen angeordnet.
Eine Ebene höher befanden sich die Büros. Sie waren seitlich in den Fels gebaut worden, sodass lediglich ihre dem Inneren zugewandten Scheiben sowie die schmalen Türen zu sehen waren. Erreicht werden konnten die Räume über zwei Aufzüge und einen umlaufenden Steg.
Wieder eine Etage darüber und damit auf gleicher Höhe wie der Eingang befanden sich die Freizeit- und Versorgungseinrichtungen; Kantine, Küche, Freizeiträume und Hygieneeinrichtungen.
Über ihnen, in der letzten Etage, befanden sich die technischen Räume; Lüftung, Heizung, Wasseraufbereitung und Werkstätten der Hausmeister. Zudem lagen dort auch zehn Unterkünfte, in denen die Leiter des MTRD übernachten konnten, sollte dies notwendig sein.
»Schau, da ist Francine!«, rief Ken und deutete auf eine Frau, die gerade zu ihrem Büro ging.
Sie gingen zu einem der Aufzüge und fuhren auf die B-Ebene. Dort stiegen sie aus und gingen zu jenem Raum, in dem die Operative Leiterin des MRTD ihr Domizil hatte.
»Sieh mal – an dieser Tür steht dein Name!«, rief Ken, als sie einen leeren Raum passierten.
Commander Claire Bancroft-Okumoto stand in geschwungenen Lettern auf einem breiten Schild. Darunter, etwas kleiner: Kommandierender Flugoffizier.
»Und hier ist dein Büro!« Sie waren an jenem von Francine vorbeigegangen und entdeckten nun Kens Raum.
Ken Okumoto – Leiter Training und Ausbildung.
Sie besahen sich das Schild. Beide hatten Karriere gemacht; und dies in einem Bereich, von dem sie vor Beginn ihres Abenteuers nicht einmal zu träumen gewagt hätten.
Sie waren nun Mitglieder einer Organisation, die Geschichte schreiben konnte.
Oder Geschichte zu ändern vermochte – je nachdem, wie man die Technik einsetzte.
Vor allem aber waren sie Pioniere, die dorthin gingen, wo nie ein Mensch dieser Welt zuvor gewesen war.
Einen Moment blieben sie noch stehen, dann klopften sie an Francines Tür und traten nach einem kurzen »Come in!« ein.
Sie sahen, dass Francine vor einem großen Monitor saß und in die kleine Kamera am oberen Rand lächelte.
»Treibt euch auch die Neugier her?«, fragte die ehemalige Agentin der CIA und wandte kurz den Blick.
»Wir wollten wissen, was uns erwartet.« Claire ging zu ihrer Freundin und umarmte sie. Dabei sah sie, dass Francine mit einer rothaarigen Frau chattete, die vor ihrer Cam saß und ihr einen neugierigen Blick schenkte.
»Das sind Claire und Ken – meine engsten Mitarbeiter!«, tippte Francine ein. »Und sie sind meine Freunde, die mir über schwere Stunden halfen.«
»Und wen haben wir da?«, fragte Ken, der ebenfalls auf den Monitor schaute und der fremden Frau zuwinkte.
Diese lachte und erwiderte die Geste.
»Charley«, sagte Francine und wurde rot. »Eine Freundin der Freundin von Jack. Wir gingen zu viert essen und … Nun ja, Jack verkuppelte uns mehr oder weniger.«
»Sie wohnt in New York City?«, wollte Claire wissen.
»In Hazlenut Grove, knapp 15 Meilen von Ebony entfernt. Sie wuchs dort auf, zog aber wegen des Studiums nach New York. Nach einigen Jahren im Big Apple kehrte sie zurück.«
Francine drehte den Kopf und blickte ihre Freunde ernst an. »Sie ist hübsch, klug und bodenständig. Sie lebt auf jener Farm, auf der sie aufwuchs, und betreibt dort eine gut gehende Tierarztpraxis. Vor allem aber zieht sie nicht in irgendwelche Schlachten oder übt politische Ämter aus, die sie umbringen könnten.«
»Du bist verliebt«, stellte Ken amüsiert fest.
»Ja, das bin ich«, gab Francine zu. »Jack machte mir klar, dass das Leben weitergeht und wir verzweifeln, wenn wir den Toten nachtrauern. Ich lebe und weder Victoria noch Lyntaia möchten, dass ich mich dem Blues hingebe. Also ging ich aus, hatte Spaß und ließ zu, dass Jack und ihre Partnerin dafür sorgten, dass Charley und ich eine gute Zeit in New York verlebten.«
»Wir freuen uns für dich.« Claire blinzelte ihrer Freundin zu.
Ihr war schon bei der Hochzeit Mitte des Monats aufgefallen, dass es Francine deutlich besser ging. Sie hatte ihre Trauer überwunden und schaute optimistisch in die Zukunft.
Nun kannten sie den Grund dafür; Charley.
Die beiden winkten der Tierärztin noch einmal zu, dann verließen sie das Büro wieder, um sich noch ein wenig umzuschauen.
»Oh, Jack!« Claire deutete auf die Schatzjägerin, die gemeinsam mit einer jungen Frau und einem jungen Mann vor dem Thunderbird stand und ihnen etwas zu erklären schien.
Sie schlenderte zu ihr.
Auch Jaqueline war Gast auf der Hochzeit gewesen, ebenso Roger Müller, Tamara Delgardo sowie deren Lebensgefährtin Conny Delgardo.
Es war eine große Hochzeit gewesen; groß und prächtig. Sowohl Claires als auch Kens Eltern waren sich einig gewesen, ein denkwürdiges Fest auf die Beine stellen zu müssen, und so hatten sie geklotzt, nicht gekleckert. Entsprechend üppig waren Speisen, Schmuck, Getränke und Musik ausgefallen. Einen besseren Start in die Ehe, da waren sich beide einig, konnte es gar nicht geben.
»Ah, wie gerufen!«, sagte Jaqueline laut, als sie die beiden Weltenreisenden sah. Dabei winkte sie mit der Hand.
Als sie näher kamen, sahen Claire und Ken, dass die beiden Fremden Flug-Overalls des MTRD trugen.
»Darf ich vorstellen – Commander Claire Bancroft-Okumoto, der Captain der künftigen Missionen. Ihr Mann Ken – noch Pilot, nach Abschluss der laufenden Mission jedoch für Training und Ausbildung zuständig.«
Die junge Frau nahm sofort Haltung an, der junge Mann schien es etwas lässiger angehen zu wollen.
Jaqueline grinste schwach, als sie seine eher gekünstelte Haltung sah. »Und hier haben wir Golda Weis, abgestellt vom israelischen Mosad Merkazi leModi'in uLeTafkidim Mejuchadim; kurz Mossad. Die Verbindung wurde noch von der CIA geknüpft und ich sah keinen Grund, Kollegin Golda nicht willkommen zu heißen.« Jaqueline schaute die junge Frau an. »Du darfst wieder atmen. Wir sind hier eher … locker … solange die Ergebnisse stimmen.«
»Shalom«, grüßte Claire und stellte sich auf Hebräisch vor.
»Sie sprechen meine Sprache, Commander?«, wunderte sich Golda.
»Ich habe Archäologie studiert; Hebräisch ist ein Pflichtfach.« Sie schenkte der jungen Frau ein Lächeln. »Du musst mich nicht siezen. Wir sind ein Team und alle tun, was ich sage.«
Sie lachten über den Witz.
»Und das hier ist William Brown. Ein Engländer mit dem fatalen Drang, in jeden Computer einzudringen, der ihn interessiert. Er stieß durch Zufall auf das MTRD, da er eine Schwachstelle im Sicherheitssystem ausnutzte; Roger Müller röstet den zuständigen Admin bereits auf kleiner Flamme. Das Yard sah in William einen Kriminellen und wollte ihn nach Dartmoor schicken, der MI5 wollte ihn für die Überwachung der Landsleute und ich dachte – wenn er schon von uns weiß, dann sollte er sich auch in unserem Auftrag austoben. Er wird Wissenschaft und Kommunikation übernehmen.«
»Also Dans Position«, stellte Claire fest.
»So ist es. Im Moment suchen wir noch nach einem vierten Crewmitglied; wir haben bereits jemanden im Auge.«
William, der während der Vorstellung errötet war, schüttelte Claire und Ken die Hand. »Wir – Golda und ich – trainieren seit Monaten am Simulator hier in Ebony Creek. Wir können es kaum erwarten, in den Glider zu steigen.«
»Steigt ein«, scherzte Ken. »Und dann wieder aus.« Er blinzelte ihnen zu.
»Golda, hm?«, fragte Claire. »Wie Golda Meir?«
»Genau so«, bestätigte die Israelin. »Meine Eltern verehren sie noch heute. Sie war klug, weitsichtig und hin und wieder auch witzig.«
Francine gesellte sich zu der kleinen Gruppe. »So, hat sich das neue Team bereits gefunden.« Sie nickte den beiden »Neuen« freundlich zu. »Morgen beginnt der Ernst des Lebens nach diesem langen und ausgiebigen Urlaub. Treffen wir uns um neun im kleinen Konferenzraum …« Sie deutete mit der Hand ganz nach oben, »zu einem Kick-off. Ich habe bei einer Bäckerei in Ebony Frühstück bestellt.«
»Darum lieben wir sie so«, scherzte Claire, während sie Francine den Arm um die Schulter legte. Sie mochten militärische Ränge bekleiden, aber das bedeutete nichts. Sie waren Freunde und Teamkameraden – egal, was auf dem Schild an der Tür stand.
Jack grinste ebenfalls. Anders als so, wie sie es nun erlebte, hätte sie es bei dieser Organisation auch nicht haben wollen. Die Nähe schuf Vertrauen und das war bei den enormen Risiken, die jeder Agent des MTRD einging, unabdingbar.
Abschnitt 2: Alorien
Kapitel 2
Das Schwarze Band
Silberstreich, 68. Schneefall 3Z 699
Dunkelheit kroch über das Land. Wie eine Decke legte sie sich über die Wälder, Seen und Felder ringsum.
Schnee bedeckte die Welt wie weißer Zucker. Abseits der Wege bildete er dicke Schichten, durch sie sich höchstens Pferde kämpfen konnten.
Noch wenige Tage, ehe die Feierlichkeiten zu Ehren der Götter stattfinden und auch dieses Jahr im Dunkel der Zeit verschwindet, dachte die junge Reiterin, während sie – in eine Decke gehüllt – das Pferd den Weg entlang traben ließ.
Weißer Dampf stieg von der Schnauze ihres Rappen auf. Die Kälte störte das Tier nur dann, wenn es plötzlich in Galopp verfallen musste. Solange es jedoch gemächlich dahinschlendern konnte, mochte die Luft noch einige Grade kälter werden.
Shantara, die Reiterin, fror ebenfalls nicht, denn die Wärme des Pferdes kroch unter die Decke und vertrieb den Frost. Zudem trug sie feste Hosen, einen Wams aus Hirschleder und ein Fell, welches sie sich um den Hals geschlungen hatte.
Ihre Finger steckten in weich gefütterten Handschuhen; gerade so dick, dass sie damit sowohl das Schwert als auch den Bogen nutzen konnte.
Einige Stunden zuvor hatte sie einen Schneehasen erlegt; das Tier hing nun an ihrem Sattel. Eine Weile war Blut von dem Kadaver getropft und hatte eine rote Spur im Weiß des Winters hinterlassen. Doch seit Stunden war es damit vorbei.
In der Ferne tauchten Lichter eines kleinen Dorfes auf. Mit etwas Glück verfügte es über ein Gasthaus. Wenn nicht würde Shantara auf einer Farm um Unterkunft bitten und wahlweise Goldmünzen oder den Hasen anbieten.
Seit Wochen war die junge Frau unterwegs, um in den Weiten Aloriens ihr Glück zu suchen.
Fahrende Kriegerin nannte sie sich, und auch wenn dieser Titel absolut nichts bedeutete, brachten ihr die Menschen meist einigen Respekt entgegen. Nicht wenige hatten sie zudem um Hilfe gebeten.
Alorien war ein raues Land mit ganz eigenen Gesetzen. Viele nahmen sich, was sie wollten – ohne zu fragen, ohne Rücksicht zu nehmen.
Die Wachen der Städte schützten die Bürger innerhalb der Mauern, nicht aber außerhalb. Und die von König Hagarth eingesetzten Patrouillen hielten sich lieber in den Methallen am Wegesrand auf, statt Reisende zu schützen. Zudem wisperte man allerorten, dass gerade diese Soldaten mit den Verbrechern gemeinsame Sache machten; gegen eine hübsche Entlohnung schauten sie beiseite, wenn es zu Plünderungen und Überfällen kam.
Shantara selbst war zweimal von Strauchdieben überfallen worden; ihre Leichen vermoderten nun in jenen Hecken, in denen sie ihr aufgelauert hatten.
Ihr Vater hatte sich stets einen Sohn gewünscht. Als ihm seine Frau jedoch ein Mädchen schenkte, fand er sich damit ab und bildete sie zu einem Kämpfer aus, wie er es einst gewesen war.
Doch anders als ihr Vater wollte Shantara nicht im Heer des Königs dienen. Sie sah ihre Zukunft darin, den einfachen Menschen Aloriens zu helfen.
»Siehst du, Branko – da vorne warten Heu und ein warmer Stall auf dich.« Shantara schnalzte mit der Zunge und trieb den Hengst an.
Dieser schnaubte, als habe er verstanden, und beschleunigte seinen Schnitt. Schnee rieselte vom Himmel und verfing sich auf dem Fell, um dort zu vergehen.
Silbingen las die Kriegerin auf dem Schild an einer Abzweigung. Es wies in Richtung jener Siedlung, die sie zu erreichen trachtete. Davon habe ich gehört. Eine größere Stadt!
Sie war froh, in einem ordentlichen Gasthof einkehren zu können. Ein paar Stunden am warmen Feuer, Met und Gebratenes sowie ein Lager für die Nacht – genau das brauchte sie nach einem ereignislosen Tag auf dem Rücken ihres Rappen.
»Halt!«, rief ihr eine der beiden Wachen zu, kaum dass sie an das Tor herangeritten war. Der Mann war neben dem Schwert auch mit einer Lanze bewaffnet, um Reiter stoppen zu können. »Wer seid Ihr und was habt Ihr in Silbingen zu schaffen?«
Die Reiterin deutete eine Verbeugung an. »Mein Name ist Shantara Sharon, ich bin eine Fahrende Kriegerin. Ich suche Unterkunft für mich und mein Pferd.«
»Nun, das solltet Ihr in Silbingen finden.« Der Wachmann entspannte sich. »Der Goldene Biber befindet sich auf der linken Seite, wenige Schritte hinter dem Tor.«
Er zögerte einen Moment. »Seid Ihr jene Kriegerin, die dem Corl von Goldwasser geholfen hat?«
Shantara nickte.
Der Corl von Goldwasser hatte sie wenige Wochen zuvor gebeten, eine Bande elender Piraten unschädlich zu machen, die sich in einer Höhle am Strand des Grünen Meeres niedergelassen hatten.
Mit ihrem Bogen war sie den Piraten zu Leibe gerückt; einer nach dem anderen war ihren Schüssen erlegen, ohne dass auch nur einer von ihnen zum Kampf hätte blasen können.
Anschließend hatte sie das in der Höhle vertäute Schiff in Brand gesteckt.
Der Corl hatte sich äußerst großzügig gezeigt; neben 250 Goldmünzen hatte er ihr ein Schwert aus seiner privaten Sammlung überlassen.
Ihre bisherige Waffe war – gegen eine entsprechende Bezahlung – in den Besitz eines Schmieds übergegangen, denn die Klinge des Corls war sehr viel besser als das, was sie vom Hof ihrer Eltern mitgenommen hatte.
»Ihr wisst es vielleicht; Silbingen ist die Hauptstadt von Silberstreich. Ihr habt die Grenzen zu Goldwasser vor Tagen überquert.«
Wieder nickte Shantara.
Einst, vor vielen Jahrhunderten, war das Land zersplittert gewesen. Corls regierten über ihre Gebiete, befestigten die Grenzen und erhoben Ein- und Ausreisegebühren.
Jedes Reich verfügte über eine eigene Währung, die man in Wechselstuben zu hohen Zinsen tauschen musste, und Verbrechen wurden nicht über die Grenzen hinaus verfolgt.
Am Ende des Zweiten Zeitalters trat ein charismatischer Führer namens Corl Alskar der Vierte von Amurb auf den Plan und schaffte es, das Reich zu einen. Zwar blieben die Corls Fürsten ihrer Gebiete, doch nun regierte in Alorien, der Hauptstadt aus uralten Tagen des Ersten Zeitalters, wieder ein Großkönig.
Die Grenzen wurden durchlässig, eine einheitliche Währung, der Alskar, wurde verbindlich eingeführt.
Dies war der Beginn des Dritten Zeitalters. Endete das Erste Zeitalter nach 4989 Jahren, so war das Zweite Zeitalter 6576 Jahre alt geworden.
Wie lächerlich jung war dagegen das jetzige?
»Corl Hysanthia die Elbin bittet Euch um einen Besuch. Sie sagt, es sei von großer Dringlichkeit.« Der Wachmann griff an seinen Gürtel und löste einen Beutel mit Münzen. »Dies soll Euch ein Anreiz sein, dem Wunsch der Corl Folge zu leisten.«
Er wollte Shantara den Beutel reichen, doch diese lehnte ab.
»Ihr möchtet Euch dem Wunsch der Corl widersetzen?«, fragte der Wachmann erstaunt. Er runzelte die Stirn. Die Dunkelheit wurde zunehmend dichter. Bald würden die Wachen die Fackeln rechts und links des Tores entzünden müssen.
»Nein. Ihr könnt der Corl bestellen, dass ich Ihr morgen meine Aufwartung machen werde. Jedoch ist es nicht notwendig, mich allein dafür zu entlohnen. Noch habe ich nichts geleistet, was eine Entlohnung in klingenden Münzen rechtfertigen würde.«
»Aufrechte Worte, werte Kriegerin. Nun, dann reitet zu und sucht Schutz vor dem Schnee. Mögen die Götter über Euch wachen.«
Shantara trieb ihr Pferd an.
Sehr schnell sah sie den Goldenen Biber. Vor der Herberge saß sie ab, öffnete die Tür und trat ein.
Die Wärme traf sie wie ein Schlag.
Es roch nach Gebratenem, aber auch nach Schweiß und Tabak. In einem großen Kessel kochte Suppe, Frauen in fellbesetzten Kleidern eilten zwischen langen Tischen umher und servierten Speisen und Getränke. Hinter der Theke stand ein beleibter Schankwirt und schenkte Gerstensaft aus.
In einem Ofen loderte hell ein Feuer; ein Schwein briet an einem Spieß. Es war bereits an mehreren Stellen angeschnitten.
»Die Dame?«, rief der Schankwirt so laut, dass er die Stimmen der Gäste übertönte. »Womit können wir dienen?«
»Einen Stallplatz für mein Pferd und ein Bett für mich. Außerdem etwas von dem Schwein und Met.«
»Sollt Ihr alles haben, werte Dame. Nehmt Platz. Möchtet Ihr das Lager für Euch oder sucht Ihr ein wenig Geselligkeit während der Nacht?«
»Ich möchte es für mich.« Sie lächelte, während ein junger Bursche an ihr vorbeieilte, dann aber innehielt. »Wo ist Euer Pferd?«, fragte er dabei.
»Sie wird es nicht in ihrer Tasche haben!«, wies ihn der Schankwirt zurecht. »Schau draußen nach, Holzkopf.«
Jene, die Ohrenzeuge des Geplänkels geworden waren, lachten laut.
»Er steht vor der Schenke. Ein Rappe – ein edles Tier, aber auch misstrauisch zu Fremden. Habt Acht, dass es Euch nicht tritt, Bursche.« Sie schlug ihm auf die Schulter.
Der Junge eilte hinaus. Sekunden verstrichen, ehe ein gequälter Schrei erklang, was die Männer und Frauen in der Schenke zu noch lauterem Lachen reizte.
Ich habe es ihm gesagt ...
Sie ging zu einem abgelegenen Tisch, legte ihr Schwert auf die Bank und setzte sich daneben. Sie sehnte sich danach, ihre Stiefel und ihre feine, aus silbernen Fäden gesponnene Rüstung, welche sie unter der Kleidung trug, ablegen zu können. Stunden im Sattel hatten sie ermüdet.
»So, Speis und Trank. Wenn es Recht ist, würde ich gerne kassieren. Alles in allem fünf Goldstücke.«
»Sie öffnete den Beutel mit den Münzen und holte sieben davon hervor. »Noch einen Becher Met – der Rest ist für Eure Freundlichkeit.«
Der Schankwirt strahlte, während er davoneilte.
Shantara nahm indes einen tiefen Schluck Met und spürte, wie die Mühen des Tages von ihr abfielen.
Kurz darauf tropfte Fett von ihren Lippen. Das Schwein schmeckte hervorragend. Mit dem frischen Brot tunkte sie das Fett auf, um keinen Tropfen zu verschwenden, ehe sie mit Met nachspülte.
Nach dem zweiten Becher fühlte sie eine gewisse Schwere durch die Glieder ziehen. Sie ließ sich die Kammer zeigen, verriegelte diese von innen und entkleidete sich.
In einer Schüssel stand Wasser bereit, auch gab es Seife sowie Handtücher.
Sie wusch sich gründlich, trocknete sich ab und legte sich nieder. Der Mond schien durch das mit einer Scheibe verschlossene Fenster, Wärme kroch durch Ritzen im Boden und machte das Gemach behaglich.
Vielleicht hätte ich mir einen intimen Begleiter oder eine intime Begleiterin auf die Kammer bestellen sollen. Angeboten hat es mir der Wirt. Aber nun …
Eine sanfte Ermattung kroch durch Shantaras Körper und sehr schnell fielen ihr die Augen zu.
II
Licht kitzelte die Lider der Kriegerin. Sie blinzelte in dem Glauben, die Sonne am Himmel stehen zu sehen. Doch zu ihrem Erstaunen war es der flackernde Schein von Fackeln, der sie geweckt hatte.
Sie blinzelte, schaute sich um und stellte fest, dass sie nicht länger in der Kammer des Goldenen Bibers lag.
Stattdessen lag sie auf einer Liege in einem Raum tief unter der Erde. Wände, der Boden und die Decke bestanden aus kantigem, grauen Gestein, links von ihr befanden sich mehrere Zellen.
Rechts erstreckte sich eine Treppe, die hinauf zu was auch immer führte. Vielleicht ins Freie, vielleicht in ein Haus.
Kalt war es nicht. Warme, muffige Luft umgab sie, geschwängert vom brennenden Pech der Fackeln.
Mehrere Männer und Frauen in schwarzen Lederrüstungen standen vor der Liege und musterten sie stumm. Sie trugen Hauben mit Masken, sodass nur ihre Augen und die Haare zu erkennen waren.
Gewiss, im Verlauf ihrer Reise hatte sie sich einige Feinde gemacht. Aber keinen von denen wäre es möglich gewesen, sie aus dem Bett in der Schänke zu entführen, ohne dass sie es merkte.
Jemand musste ihren Wein mit einem starken Schlaftrunk versetzt haben. War sie durch den Schankraum oder durch das Fenster nach draußen geschafft worden?
Sie wollte sich aufrichten, merkte aber, dass sie unter der Bettdecke nackt war. »Wo bin ich?«, fragte sie erstaunt. »Und wer seid ihr?«
Eine der Frauen trat vor und zog ihre Maske aus. Eine Elbin schaute Shantara an; stolz und schön. »Mein Name ist Hysanthia die Elbin, Corl von Silberstreich.«
»Geduld ist nicht Eure Stärke, wie? Ich hatte den Wachen gesagt, dass ich Euch morgen einen Besuch abstatten werde.«
»Geduld, werte Kriegerin, wäre Euer Tod gewesen. Das Gift, welches Euch schlafen ließ, haben nicht wir Euch in den Met getan, sondern ein Scherge des Großkönigs in Aloria. Dieser Handlanger wollte euch im Schlaf ermorden, da er einen offenen Waffengang fürchtete.«
»Warum sollte mich König Hagarth töten wollen?«, wunderte sich Shantara. »Gewiss, ich komme herum im Land. Aber ich tat bislang nichts, was den Zorn des Großkönigs wecken könnte.«
»Ihr habt dem Corl von Goldwasser geholfen. Die Piraten, die ihr dort in die Dunkelheit schicktet, waren Schergen des Großkönigs. Ebenso die Hexen in Gelbsand, die Ihr davon abhalten konntet, ein ganzes Dorf in Schutt und Asche zu legen. Der Großkönig hat gute Gründe, Euch zu hassen. Und Euch zu fürchten, wehrte Kriegerin. Zumal Ihr in einer Schenke laut über die Vorfälle gesprochen habt; und das im Zusammenhang mit der Prophezeiung des Eldriel.«
»Die Prophezeiung des Eldriel? Ihr meint … Ich könnte recht haben? All die Dinge, die ich unterwegs sah, sind Anzeichen für das baldige Ende der Welt?« Shantara spürte, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief.
Eldriel hatte das Ende vorhergesagt. Ein dunkler Magier würde kommen und den Großkönig beeinflussen. Unter seiner Regenschaft würden die Drachen erwachen und das Leben in Alorien einen Wandel durchleben, der das Ende aller bedeuten konnte. Auf jeden Fall aber ginge das Dritte Zeitalter mit der Regentschaft des Dunklen Magiers zu Ende, denn er würde über Kräfte verfügen, wie sie kein anderer Zauber besitzen würde.
»Aber warum sollte der Großkönig Piraten und Hexen auf die Völker Aloriens hetzen? Das ergibt doch keinen Sinn, Corl.«
»Was benötigt ein jeder Herrscher, wenn er sich der ihn bindenden Gesetze und Regeln entledigen will? Was braucht er, will er uns Corls absetzen und alleinherrlich Alorien regieren?« Die Corl klang nun belehrend. So, als habe sie die Frage erwartet.
»Geld. Er benötigt Geld, um eine Armee aufzustellen. Der Großkönig selbst hat kein Heer, denn er benötigt keines. Will er aber …« Shantara dachte nach. Die Piraten hatten reiche Beute gemacht, doch in der Höhle und an Bord des Schiffes war kaum eine Münze zu finden gewesen.
Und die Hexen hatten das Dorf zerstören wollen, weil sich die Bürger weigerten, Tribut zu entrichten.
»Warum dieser Aufzug?«, wechselte sie das Thema und schaute zu Corl Hysanthia. »Diese Kleidung erinnert an das Schwarze Band – jene Organisation geheimer Meuchelmörder und Spione, die Corl Alskar einst ins Leben rief, um die Einigung zu erzwingen.«
Hysanthia die Elbin verneigte sich. »Euer Wissen im Bezug auf die Geschichte des Landes ist so groß wie Euer Geschick mit der Klinge. Dabei seid Ihr ein Mensch, keine Elbin wie ich.« Spott schwang in ihrer Stimme mit, der jedoch verblasste.
»Dies ist das geheime Quartier des Schwarzen Bandes. Ich habe diese Organisation aufleben lassen. Als Corl kann ich nicht gegen den von mir gewählten Großkönig vorgehen. Offiziell sind mir die Hände gebunden, solange er sich nicht offen gegen Recht und Gesetz stellt.«
Natürlich – noch ist nicht offiziell, dass Hagarth hinter all den schrecklichen Dingen steckt, die in den letzten Monaten Alorien heimsuchten. Noch weiß niemand, dass ein Schrecken im Norden heranwächst, der das Ende des Dritten Zeitalters oder gar ein Ende der Welt bringen könnte.
»Corl Alskar der Neunte wird nicht erfreut sein, Euch in seinem Gebiet aktiv zu sehen«, sagte Shantara schwach. »Zudem muss ich lange geschlafen haben, wenn Ihr mich nach Amurb bringen konntet.«
»Der Corl von Amurb ist erfreut, mit Hysanthia die Elbin in dieser Sache zusammenarbeiten zu können«, erklärte einer der Maskierten, trat vor und zog seine Maske ab. »Was Euren Schlaf anbelangt, Kriegerin – er war tief und lang. Nicht eine Nacht ist vergangen, seit man Euch das Gift gegeben hat, sondern zwei.«
»Corl Alskar …« Shantara neigte den Kopf. »Ich wusste nicht, dass Ihr …«
»Keine Entschuldigungen, denn Ihr habt einen wachen und klaren Verstand«, unterbrach Hysanthia die Kriegerin. »Euch fehlten Fakten, um die richtigen Schlüsse ziehen zu können.«
Die Corl seufzte. »Ursprünglich hatte ich Euch lediglich warnen wollen. Darum die Einladung auf meine Feste. Doch dann berichtete mir ein Spion von dem feigen Giftanschlag und wir mussten handeln. Nun seid Ihr hier und sicher ahnt Ihr, warum wir Euch hierher gebracht haben.«
»Ihr benötigt eine Kriegerin mit meinen Fähigkeiten als Mitglied des Schwarzen Bandes. Eure Leute sind …«, Shantara ließ ihren Blick über die Maskierten gleiten, »… Edelleute und enge Vertraute, aber keine Krieger.«
»Es gibt in dieser Sache weder frühen Ruhm noch rasche Ehre zu gewinnen«, erklärte Corl Alskar. »Nicht für jene, die für Alorien kämpfen und sich offen gegen Hagarth stellen. Das Schwarze Band muss in Erscheinung treten. Der Großkönig hat seine Vorbereitungen getroffen. Wir wissen nicht, wie weit sie gediehen sind. Taucht das Schwarze Band auf, macht es von sich Reden, wird es den Großkönig in seinem Thronsaal sicherlich nervös machen. So nervös, dass er seine Prioritäten ändern wird.«
Shantara begriff, dass sie sich freiwillig für diese Sache melden musste. Hier wurden ihr kein Eid und kein Zwang auferlegt. Sie selbst entschied, ob sie dem Leben einer Fahrenden Kriegerin abschwören und in die Dienste der beiden Corltümer treten würde oder nicht.
»Wenn Ihr uns Eure Unterstützung zusichert, werdet Ihr sterben müssen. Als Person, nicht als Mensch. Wir werden verkünden lassen, dass die Fahrende Kriegerin Shantara Sharon vor den Mauern Silbingens getötet wurde. Euer Schwert, ein Geschenk des Corls von Goldwasser, geht an ihn zurück. Auch Euer Pferd, so schön es auch ist, wird zur Farm Eurer Eltern zurückkehren, gemeinsam mit einer hübschen Entschädigung.«
»Es wird Ihnen das Herz brechen!«, rief die Kriegerin.
»Und eben dieses Schluchzen wird auch an die Ohren des Großkönigs dringen. Ihr aber lebt als Karasha vom Schwarzen Band weiter und kämpft für die Freiheit unserer Welt.« Hysanthia die Elbin legte der jungen Frau eine Hand auf die Schulter. »Bedenkt es wohl, tapfere Kriegerin. Wir werden Euch ziehen lassen, wenn dies Euer Wunsch ist.«
»Besteht Hoffnung?«, wollte Shantara wissen. »Oder kämpfen wir gegen das Unvermeidliche an? Spricht die Prophezeiung von Alternativen?«
»Das tut sie, soweit wir es wissen. Dies wird die erste Aufgabe unserer neuen Kriegerin – oder unseres neuen Kriegers – sein. Die Prophezeiung liegt tief in den Katakomben des Klosters von Drachenstein. Im Rachen des Drachen, wie es auch heißt.«
Hysanthia die Elbin schaute die Kriegerin ernst an. Sie wusste, was sie da sagte und welch unglaubliche Forderungen sie an die Kämpfer des Schwarzen Bandes richtete.
Schließlich fuhr die Corl fort: »Zusammen mit anderen Rollen und Offenbarungen ruht sie dort seit dem Jahr 250 des Dritten Zeitalters; bewacht von Kreaturen der Schattenwelt. Viele Abenteurer machten sich auf den Weg, doch keiner kam jemals auch nur bis zur Pforte der alten Bibliothek, wie es heißt.«
»Bei allen Göttern …«, wisperte Shantara.
Gewiss, sie war ausgezogen, um Ruhm und Ehre sowie ein kleines Vermögen zu erringen. Derart wahnsinnige Taten waren ihr dabei jedoch nicht in den Sinn gekommen.
Der Rachen des Drachen war ein Synonym für Unmögliches. Für den puren Schrecken und den sicheren Tod. Kindern drohte man damit, sie dorthin zu schicken, sollten sie nicht artig aufessen oder ohne zu murren bei der täglichen Arbeit helfen.
Jeder kannte den Namen mindestens eines Abenteurers, der dorthin aufgebrochen war und nie zurückkehrte.
In Shantaras Familie geisterte der Name Bramian durch die Erzählungen und Chroniken. Er hatte sich vor langer Zeit auf den Weg zu den Ruinen des Klosters begeben; seitdem fehlte von ihm jede Spur.
Und nun erwarteten zwei Corls von ihr, dass sie genau dorthin ging. Allein die Vorstellung ließ ihre Glieder vor Furcht schlottern.
Hysanthia die Elbin wartete einen Moment, dann stand sie auf. »Ich verstehe, dass Euch dies ängstigt und ich verstehe auch, dass Ihr Eure Eltern nicht derart in Aufruhr versetzen wollt. Nun, wir werden Euch ziehen lassen. Habt keine Angst, Kriegerin – wir schätzen Euch nicht geringer als bisher.«
Corl Alskar nickte bestätigend und wandte sich ebenfalls ab.
»Wenn ich es nicht tue – wen werdet Ihr schicken?«, fragte Shantara.
»Das wissen wir noch nicht«, gab Hysanthia zu. »Einen unserer tapferen Soldaten. Oder einen Trupp. Die Prophezeiungen enthalten Antworten auf die wichtigsten Fragen. Vor allem darauf, ob Hoffnung besteht oder nicht. Wir müssen sie kennen.«
»Soldaten werden fehlen. Ein Trupp muss scheitern; allein schon, weil Hagarth davon Kunde erhalten wird. Und dann weiß er, dass Ihr Verdacht geschöpft habt.«
Sie stand auf. »Mein Leben als Shantara mag enden und vielleicht auch jenes als Karasha vom Schwarzen Band. Aber ich werde nicht tatenlos sein, wenn Hoffnung besteht. Ich zog aus, um Abenteuer und Ehre zu erringen. Nun – eine bessere Gelegenheit wird sich mir nicht bieten. Und auch keine bessere Gelegenheit, um mein Leben unter grausamen Schmerzen in den Tiefen einer alten Ruine auszuhauchen.«
Die beiden Corls blickten sie ernst an. »Ihr wisst, was dies bedeutet?«
Sie nickte. »Ich bin bereit, in den Dienst Aloriens zu treten.«
Hysanthia die Elbin trat auf sie zu. »Ihr wart in meiner Hauptstadt, als wir euch entführten. Daher wird Karasha eine Bürgerin meiner Stadt sein, und darauf bin ich stolz. Ihr werdet von uns eine Rüstung, ein Pferd und Waffen erhalten. Zudem ausreichend Goldstücke für den langen Weg. Wir setzen unsere Hoffnungen in Euch und verneigen uns vor Eurem Mut.«
Die beiden Corls senkten den Kopf, ehe einer der Maskierten an Shantara herantrat und ihr ein in Stoff verschnürtes Paket reichte.
»Ab heute seid Ihr Karasha von Weißquell, Kriegerin des Schwarzen Bandes«, erklärte die Corl feierlich. »Shantara Sharon ist gestorben, wie die Herolde morgen verkünden werden. Und dies ist Euer neues Zuhause.«
Karasha schaute sich um. Einladend.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass eine der Zellen besetzt war. Ein Mann kauerte auf altem Stroh und schaute hasserfüllt durch die Stäbe.
»Er hat Euch vergiftet«, erklärte Hysanthia die Elbin. »Er hat belauscht, was wir sprachen. Ihr ahnt, was dies bedeutet?«
»Ich werde mich seiner annehmen, sobald ich einen Fetzen Kleidung am Leib und eine Waffe in Händen trage.«
Die Corl unterdrückte ein Lächeln. »Sehr gut, Karasha von Weißquell. Die Gemächer des Schwarzen Bandes liegen eine Etage höher. Dort befindet sich auch der geheime Zugang. Möge Euch diese Zuflucht ein sicherer Hort sein, wann immer Ihr ihn benötigt.«
Damit zog sich die Gruppe zurück.
Als sie alle gegangen waren, schlug Karasha die Decke beiseite und begann, die Rüstung des Schwarzen Bandes anzulegen.
Sie merkte schnell, wie flexibel und robust diese war. Fell verdeckte fein gewobene Metallfäden, welche wiederum auf Leder ruhten, ehe eine weitere Schicht Fell und schließlich das äußere Leder folgten.
Die silbrigen Fäden bestanden aus dem härtesten bekannten Metall; Adamant. Eine Klinge würde es schwer haben, diese Rüstung zu durchdringen.
Ihr Wert allein überstieg das Gold, welches sie besaß, um ein Vielfaches.
Schuhe, Handschuhe und selbst die Kapuze samt Maske waren mit Adamant verstärkt. Zudem ruhte ein Zauber auf der kompletten Rüstung.
Karasha sah besser, fühlte sich agiler und war zu geschmeidigeren Bewegungen fähig.
Sie griff nach dem Schwert, welches sich ebenfalls in dem Paket befunden hatte, und zog es aus der Scheide.
Die Waffe stand jener Klinge, die ihr der Corl von Goldwasser gegeben hatte, in nichts nach. Sie war leicht gekrümmt, der Griff rund und der Handschutz schmal.
Schwarzelbenwaffen, dachte Karasha erstaunt, während sie das Schwert am Gürtel befestigte, dann aber den Bogen aufhob, der – gemeinsam mit einem Köcher voll Pfeile – zuunterst gelegen hatte.
Sie besah sich die Geschosse. Man sagt, ein Schwarzelbenköcher würde niemals leer werden.
Sie schüttete die Pfeile auf die Liege.
Kaum war der Letzte hinaus, als sich der Behälter wieder füllte.
Sie stopfte die bisherigen Geschosse hinein – und siehe da, sie hatten alle Platz darin, ohne dass der aus schwarzem Leder gefertigte Köcher größer wurde oder sich auch nur dehnte.
Sie rüstete sich mit Pfeil und Bogen aus, ehe sie an die Zellentür trat und die Riegel, welche nur von außen zu erreichen waren, beiseiteschob.
»Ihr könnt mich töten«, rief der Mann panisch, »aber nicht das Schicksal Aloriens ändern. Hagarth wird alleiniger Herrscher und alle Völker werden sich unter seiner Macht ducken.«
»Möglich, aber das erlebst du nicht mehr mit.«
Schneller als es der Scherge des Großkönigs hätte sehen können, zog Karasha ihr Schwert, wirbelte um die eigene Achse und enthauptete den Mann.
Blut spritzte auf, der Körper kippte zur Seite und der Kopf rollte aus der Zelle. Er blieb auf dem Stumpf liegen, die Lippen bewegten sich zu stummen Worten. Noch schauten die Augen klar, doch schon senkte sich der Schatten des Todes auf sie nieder.
Ohne Reue zu verspüren wandte sich die Kriegerin des Schwarzen Bandes ab und ging die Stufen hinauf. Jemand anderes würde sich um die Leiche kümmern.
Sie musste zu den Ruinen des alten Klosters aufbrechen, um im Rachen des Drachen die Prophezeiung des Eldriel zu finden.
Oder – und das hielt sie für wahrscheinlicher – den Tod.
Kapitel 3
Jenseits aller Siedlungen
Dunkel-Einöd, 73. Schneefall 3Z 699
Seit zwei Tagen war Karasha nun bereits unterwegs.
Anfangs hatte sie hin und wieder Farmen und kleine Gemeinden gesehen, doch inzwischen erstreckte sich die Dunkel-Einöd vor ihr; ein weites, karges Tal, in dem selbst im Sommer wenig wuchs.
Dürre Bäume reckten ihre Äste wie mahnende Finger empor, und hier und dort standen einsame Findlinge; manche mit Runen und elbischen Zeichen übersät, andere kahl wie der sie umgebende Boden.
Die Dunkel-Einöd lässt einem Wanderer das Herz schwer werden und so manch ein Held verzagte in ihr, hieß es in einem alten Text.
Bislang hatte Karasha keinen Grund gesehen, diese Gegend aufzusuchen. Daher war ihr nicht bewusst gewesen, wie zutreffend diese Zeilen sein konnten.
Nun aber musste sie diesen unwirtlichen Landstrich durchqueren, wollte sie keinen Umweg von mehreren Wochen in Kauf nehmen.
Der Tag senkte sich bereits dem Ende entgegen, und noch hatte Karasha die Dunkel-Einöd kaum zur Hälfte durchquert. Sie rechnete nicht damit, andere Reisende zu sehen; ein freundliches Gesicht hier draußen anzutreffen erschien ihr nahezu unmöglich.
Umso erstaunter war sie, als vor ihr, in der Dämmerung, der Schein eines Lagerfeuers aufleuchtete.
Doch sie sah noch mehr – wütende Blitze zuckten in den Himmel, begleitet von feurigen Bogen und dem Leuchten eines silbrigen Schwertes.
Rasch gab sie ihrem Pferd die Sporen.
Zwei Tage hatten ihr genügt, um sich mit dem tiefschwarzen Hengst anzufreunden. Ihr jetziges Tier stand ihrem alten Rappen in nichts nach. Mehr noch, es war jünger und stärker, wenn auch etwas unerfahrener.
Dennoch begriff das kluge Pferd, was seine Reiterin von ihm erwartete und ging von Trab in Galopp über.
Schon bald sah sie den Grund für all die Blitze.
Nahe dem Feuer stand ein Magier; in einer Hand hielt er sein Schwert, in der anderen seinen Stab.
Umringt wurde er von mehreren Erdgeistern. Auch sie hielten Waffen in ihren Händen und versuchten, auf den Magier einzudringen.
Noch konnte er die Angreifer abwehren, obschon er in Bedrängnis geriet.
»Zu Hilfe!«, hallte seine Stimme über die Ebene, kaum dass er das Getrappel der Hufe von Karashas Pferd gehört hatte. »Bei allen Göttern, helft mir!«
Die Kriegerin ließ die Zügel los. Mit den Schenkeln fand sie Halt, während der Bogen von der Schulter glitt.
Aus dem Galopp heraus legte sie an und schoss einen Pfeil ab.
Das Geschoss sirrte durch die Luft, traf einen der Geister und ließ ihn zerplatzen, als handele es sich bei ihm um eine Seifenblase.
Dann war sie auch schon heran. Der Bogen nutzte ihr nun wenig, sodass sie ihn an die Koppel des Sattels hängte.
Sie verlangsamte den Ritt, riss das Schwert aus der Scheide und ließ sich zu Boden gleiten. Ein paar Schritte lief sie neben dem Hengst her, während sie bereits die Waffe schwang.
Die Erdgeister hatten sich teils zu ihr umgewandt und griffen an.
Auch wenn diese Wesen feinstofflich waren, so bestanden ihre Schwerter im Moment des Angriffs doch aus Metall.
Klinge klirrte gegen Klinge, ein harter Kampf entbrannte. Mehrfach trafen die Schwerter der Geister auf ihre Rüstung, ohne diese aber durchdringen zu können.
Nur einmal spürte sie einen scharfen Schmerz am Hals. Einem der Erdgeister war es gelungen, seine Klinge genau zu platzieren. Zum Glück für die Kriegerin wurde die Waffe im letzten Moment abgelenkt, sodass sie lediglich einen scharfen, aber nicht allzu tiefen Schnitt spürte. Zwar floss warmes Blut über ihre Haut und versickerte im Pelz der Rüstung, tödlich war dieser Streich jedoch nicht.
Anders als die Hiebe, die Karasha austeilte. Traf ihr Schwert, zerplatzten die Erdgeister mit einem lauten Wehklagen.
Bald schon kehrte Ruhe ein, denn auch der Magier hatte einige der unheimlichen Gesellen vernichten können.
Seufzend ließ er sich auf eine dicke, weiche Decke sinken, die er nahe dem Feuer ausgebreitet hatte.
Karasha versorgte ihre Waffen und das Pferd, ehe sie ihre Decke vom Sattel löste und sich ebenfalls ans Feuer setzte.
»Ungemütliche Tischgenossen habt Ihr Euch da ausgesucht!«, scherzte sie. »Seid vorsichtiger, wen ihr zu Eurem späten Mahl einladet.«
Der Magier lächelte. »Habt Dank für die Rettung, Kriegerin. Euch schicken die Götter. Auch wenn Euer Auftauchen sehr sonderbar ist.« Er steckte Fleisch auf einen Spieß und klemmte ihn auf zwei Astgabeln, sodass das Fleisch über dem Feuer hing. »Man nennt mich Elondir den Alten.«
»Ich habe von Euch gehört. Manche sagen, es gibt keinen weiseren Magier als Euch.«
»Nun, manche sagen auch, ich sei nur eine Einbildung, eine Erfindung irgendwelcher Autoren.« Er winkte ab. »Darf ich Euren Namen erfahren, werte Kriegerin?«
»Karasha von Weißquell«, stellte sich die junge Frau mit ihrem neuen Namen vor. »Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen.«
»Hm«, brummte der Magier und blickte sie aufmerksam an. »Also ist diese Rüstung nicht nur ein gutes Imitat?«
»Wie meint Ihr das?«, fragte die Kriegerin erstaunt.
»Nun, Ihr tragt die Kleidung eines Mitglieds des Schwarzen Bandes. Und ihr bewegt euch auch so. Äußerst agil und gewandt; als würde ein Zauber auf der Rüstung liegen.«
Er deutete mit dem Stab auf sie. Der Kristall in der Spitze des Magierstabs leuchtete auf. Mit ihm wurde die Magie der Rüstung sichtbar.
»Ja, ich dachte es mir.« Wieder deutete Elondir der Alte auf Karasha. »Ekosch, na-ma’ju!«, rief er dabei.
Zu Karashas Erstaunen zeichneten sich Buchstaben auf der Rüstung ab.
K-A-R-A-S-H-A V-O-N W-E-I-ß-Q-U-E-L-L schimmerte ihr Name unterhalb der Brust. In weißen, klar erkennbaren Lettern stand er da.
»Also hat die Rüstung all die Jahrhunderte überdauert, um nun an Euch überzugehen. Erstaunlich. Und ein schönes Stück Magie, wie ich betonen muss. Eine meiner besseren Arbeiten.«
»Ihr habt diese Rüstung verzaubert?«, fragte Karasha ungläubig.
»Das habe ich. Und vergessen, sie mit einem Heilzauber zu versehen. Nun, das hole ich besser sofort nach, denn die Wunde an Eurem Hals könnte sich entzünden.«
Er berührte die Rüstung mit seinem Stab. Das Leder flammte in einem intensiven Blau auf, welches jedoch rasch verlöschte.
Karasha spürte ein Kribbeln, welches durch ihren Körper floss. Die Wunde an ihrem Hals schmerzte für ein paar Sekunden, dann schloss sie sich.
Der Magier nickte zufrieden. »So, das wäre getan. Ihr wisst, wer Karasha von Weißquell war?«
Die Kriegerin schüttelte den Kopf.
»Sie war die Erste Kriegerin von Amurb und Corl Alskars Begleiterin. Als er das Schwarze Band gründete, diente sie als sein verlängerter Arm. Ich kannte beide sehr gut. Da Ihr nun diesen Namen und diese Rüstung tragt, nehme ich an, dass das Schwarze Band wieder existiert?«
Sie erwiderte nichts.
»Mir könnt Ihr es sagen. Ich weiß längst, dass der Großkönig sein eigenes Spiel spielt und sich die Prophezeiung des Eldriel zu erfüllen scheint. Ist es Corl Alskar der Neunte? Oder die Elbin von Silberstreich?« Er hob die Hand. »Nein, sagt es nicht! Es sind beide, nicht wahr? Ja, meine Worte wurden gehört. Ich sprach mit beiden und das vor gar nicht allzu langer Zeit. Es war während des Mittsonn-Festes, wenn ich mich nicht irre.«
Er blickte Karasha durchdringend an. »Zu diesem Zeitpunkt weiltet Ihr noch in Goldwasser, nicht wahr?«
Wieder sagte Karasha kein Wort.
»Ihr müsst es nicht sagen; ich weiß es ohnehin. Nun, wie dem auch sei – da ich weiß, wer Ihr seid und wer Euch geschickt hat, kenne ich auch Euer Ziel. Die Große Göttin sprach im Schlaf zu mir und bat mich, hier auszuharren. Nun weiß ich, was sie von mir erwartet.«
»Und was?«, fragte Karasha misstrauisch.
»Dass ich Euch in den Rachen des Drachen begleite. Habt keine Angst, werte Kriegerin – von mir geht keine Gefahr aus. Wäre die Elbin von Silberstreich hier, sie würde sich über meine Anwesenheit überaus erfreut zeigen.«
Elondir blinzelte Karasha vergnügt zu. »Habt Vertrauen, wehrte Kriegerin; ich bin ohne Falschheit.«
Karasha nickte langsam. War dieser Mann, wer er zu sein behauptete, ging von ihm tatsächlich keine Gefahr aus.
War er es nicht, wusste er zu viel und hatte den wahren Elondir vermutlich gefoltert und getötet.
Aber an diese Möglichkeit glaubte Karasha nicht wirklich. Ihr Herz sagte ihr, dass dieser Mann Elondir der Alte war.
Sie beschloss, ihm zu vertrauen, gleichzeitig aber stets wachsam zu bleiben.
II
Der Abend ging in die Nacht über.
Am Firmament funkelten unzählige Sterne. Die Wolkendecke war aufgerissen, sodass sie unter einem kalten, klaren Winterhimmel lagerten.
Eine Weile hatten sie sich noch unterhalten, dann aber waren ihre Gespräche verstummt. Nun saßen sie schweigend an dem wärmenden Feuer und schauten in die zuckenden Flammen.
Plötzlich spürte Karasha, dass sich ihre Nackenhaare aufrichteten.
Schon früher war sie sehr sensibel gewesen, was drohende Gefahren betraf. Auch jetzt wusste sie, dass sich etwas näherte. Etwas, von dem sie nicht wusste, was es war.
Sie schaute zu Elondir und sah, dass auch er aufmerksam in die sie umgebende Nacht spähte.
Dann sprang er auf. »Wir müssen einen Ring aus Salz streuen; schnell!«
Er eilte zu seinem etwas abseitsstehenden Pferd, kramte etwas aus der Satteltasche hervor und warf Karasha einen Lederbeutel zu.
Er selbst hielt ebenfalls ein solches Säckchen in Händen.
Gemeinsam streuten sie den Inhalt ihrer Beutel auf den Boden, wobei sie jeder einen Halbkreis um das Lager beschrieben.
Vor dem Feuer trafen sie sich.
Schemen waberten aus dem Boden empor. Bleiche Erdgeister krochen in die Nacht, bewaffnet mit Schwertern, aber auch mit Pfeil und Bogen.
Elondir riss die Arme in die Höhe. »Nahal! Ieh ne pacé de Lane!«
Der Ring aus Salz, längst vom Schnee aufgeweicht, leuchtete plötzlich in einem tiefen Blau. Strahlen wuchsen von den Körnern in die Höhe, sodass in Sekunden das gesamte Lager von einem blauen Schimmer umhüllt wurde.
»Was hast du getan?«, fragte die Kriegerin und schaute sich erstaunt um.
»Ich habe einen Bann ausgesprochen, der ihnen verbietet, die von uns geschaffene Linie zu überqueren. Salz allein hält Geister bereits zurück. Mit diesem alten, sehr mächtigen Spruch aus der alten Sprache der Magier wird dieser Effekt verstärkt. Kein Geist wird die Linie überqueren können.«
Elondir verzog den Mund. »Ich dachte, das kleine Scharmützel hätte ihnen gereicht. Aber nein, sie wollen mehr.«
»Und was wollen sie?«, fragte Karasha, während sie durch das blaue Leuchten hindurch die Erdgeister betrachtete.
Diese bildeten einen Ring um das Lager. Sie kamen näher, ohne aber die magische Grenze auch nur zu berühren.
Wütendes Heulen wehte heran; so, als ob die Geister die Stimmen des Windes für ihr Klagen nutzen würden.
»Einst, Mitte des Ersten Zeitalters, war diese Ebene fruchtbar. Damals hieß die Dunkel-Ödnis noch Alek’Par – in der alten Sprache Gutes Land. Doch dann wurde die Weite Zeuge einer grauenvollen Schlacht. Unzählige Krieger und Kriegerinnen verloren ihr Leben bei den Kämpfen, die sich mehrere Tage hinzogen. Auch Magier waren involviert. Einer von ihnen band die Seelen der Gefallenen an den blutdurchtränkten Boden, um Nekromanten daran zu hindern, Leichen auferstehen zu lassen.«
Elondir seufzte leise.
»Jener Magier fiel in der Schlacht, sodass er seinen Bann nicht aufheben konnte. Andere wussten nicht einmal davon, sodass die Seelen auf ewig an dieses Land gekettet wurden. Als man das Tagebuch jenes Magiers fand, war es zu spät – der Bann hatte sich unauslöschlich in den Boden gebrannt. Seitdem finden die Gefallenen keine Ruhe und trachten danach, Lebende zu sich in die kalte, karge Erde zu holen.«
»Ist das Land darum verdorrt?«, fragte Karasha.
»Es ist durchtränkt mit Unfrieden, Bosheit, Hass und Unverständnis. Es wird auf ewig eine Ödnis bleiben.« Elondir schüttelte sich bei dem Gedanken. »Wir sollten ein wenig Ruhe finden. Treiben wir die Pferde im Morgengrauen zur Eile an, können wir bei Einbruch der Dunkelheit in Düsterweil sein; dem ersten Ort jenseits der Dunkel-Ödnis. Dort gibt es einen Gasthof, in dem ein weiches Bett, süßer Met und würzige Speisen auf uns warten.«
Karasha nickte nur. Sie zweifelte daran, den Rest der Ödnis in einem strammen Tagesritt hinter sich lassen zu können. Dennoch erwiderte sie nichts, denn sie sah keinen Sinn darin, eine Debatte über unbewiesene Dinge zu beginnen.
Sie setzte sich nieder und legte ihre Waffe in Griffweite neben sich. »Wir sollten abwechselnd schlafen; die Magie mag Erdgeister abhalten. Aber wer weiß, welche Boshaftigkeiten dieses Land noch aufzubieten hat.«
Elondir war einverstanden. »Weckt mich nach der Hälfte der Nacht.« Damit legte er sich nieder, schloss die Augen und schien binnen weniger Sekunden einzuschlafen.
Karasha holte ein Stück Dörrwurst hervor. Während sie es aß, schaute sie zu den Erdgeistern. Noch immer umringten sie das Lager.
Als die Nacht fortschritt und der Himmel von tiefem Schwarz in dunkles Blau überging, verschwand das Heer der einstigen Soldaten. Es löste sich mit einem letzten Klagelaut auf und schon bald sah Karasha nichts anderes als die Ödnis.
Hoffentlich hat Elondir recht – noch eine Nacht möchte ich nicht hier draußen zubringen.
Kapitel 4
Im Weißen Ross
Düsterweil, 74. Schneefall 3Z 699
Sie erreichten den Ort und damit auch den Gasthof kurz nach Einbruch der Dunkelheit.
Da sie sich und den Tieren nur kurze Pausen gegönnt hatten, waren ihre Pferde mit Schweiß bedeckt. Schneller Atem dampfte von den Schnauzen der Rösser, ihre Muskeln zitterten ein wenig.
»Versorgt die Tiere gut!«, bat Elondir den Stallburschen des Schankhauses. »Sie haben uns heute ein tüchtiges Stück getragen und verdienen das beste Heu und das kälteste Wasser!«
Der Mann, schon älter, beleibt und fast kahlköpfig, nickte stumm. Wahrscheinlich, so dachte Karasha, würde er die Tiere wie alle anderen auch behandeln; ganz egal, was man ihm sagte.
Die beiden Reisenden betraten die Schänke und schauten sich um. Nur wenige Tische waren besetzt. Zudem herrschte eine gedrückte Stimmung. So, als sei ein Unglück über den Ort gekommen.
»Zwei Kammern!«, orderte Karasha nach ein paar Sekunden laut, während sie sich an den Schankwirt hinter der Theke wandte, »sowie Met und Gebratenes.«
»Das Zimmer mit oder ohne Geselligkeit?«, fragte der Mann, der ein Bruder des Stallburschen sein konnte – beleibt, kahl, die gleichen, leicht verkniffenen Gesichtszüge.
»Für mich mit«, bat der Magier. »Eine Begleiterin für die Nacht wäre angenehm.«
»Für mich auch – ein Begleiter, wenn’s möglich ist.«
»Sie werden auf Euren Zimmern warten.«
Elondir und Karasha gingen zu einem Ecktisch und warteten auf ihre Mahlzeiten. »Ich dachte nicht, dass wir den Rest der Einöd in einem strammen Ritt durchqueren könnten«, gab die Kriegerin zu. »Verzeiht meinen Zweifel.«
»Kein Grund, Salz auf Euer Haupt zu streuen, werte Karasha. Ich kam schon oft durch diese Gegend; ich kenne die Entfernungen. Auch wenn Ihr mich in einem schwachen Moment getroffen habt, ist mein Wissen noch nicht eingerostet.«
Sie lächelte, ehe sie nach dem just in diesem Moment servierten Met griff und einen tiefen Schluck nahm. Warm und süß rann er ihre Kehle hinab.
Dann wischte sie sich den Mund ab. »Morgen sollten wir das Kloster von Drachenstein erreichen. Das Ziel unserer Reise und – mit etwas Pech – das Ende unseres Lebens.«
Elondir nickte. »Ich kenne das Kloster aus der Zeit, als es noch genutzt wurde. Gerne ging ich durch die Hallen und wandelte in den Gärten. Die Brüder und Schwestern der Götter dort waren weise Gesprächspartner und in vielen Dingen bewandert. Seit es dem Verfall preisgegeben ist, hielt ich mich jedoch von diesem Ort fern. Es heißt, die Schattenwelt selbst habe das Kloster zerstört und würde noch immer bewachen, was in den Tiefen ruht.«
»Schöne Aussichten sind das«, seufzte Karasha. »Nun, ich werde mich den Gefahren stellen. Ihr hingegen seid frei, mich an der Pforte zu verlassen. Es ist nicht Eure Mission.«
»Da mich die Göttin bat, mitten in der Dunkel-Einöd auf Euch zu warten, ist es sehr wohl meine Mission und ich werde sie erfüllen. Ich habe vieler Menschen Leben gelebt und Reiche kommen und gehen sehen. Sollte ich mein Leben wirklich in den Ruinen des Klosters lassen, so gehe ich nach einer erfüllten Existenz in die Hellen Gefilde, um dort all meine alten Gefährten und Freunde zu treffen. Aber eine innere Stimme sagt mir, dass wir beide noch nicht am Ende der Reise angekommen sind.«
»Überaus tröstlich«, erwiderte Karasha und meinte es durchaus ernst.
Sie widmeten sich dem Essen, ehe sie den Wirt entlohnten und auf ihre Kammer gingen.
Wie versprochen wartete ein junger, gut aussehender Mann auf Karasha, als diese ihren Raum betrat und die Tür schloss.
Er war nahezu nackt; lediglich ein Lendenschurz verdeckte seine Scham.
Sie entkleidete sich ohne Scheu. Sie benutzte Wasser und Seife, um sich zu erfrischen. Anschließend legte sich Karasha nackt auf das Bett.
»Ich möchte nur Eure Hände spüren, sonst nichts. Eine Massage, damit ich entspannen kann.«
Der Mann nickte und begann sein Werk. Seine Hände glitten über ihren Rücken, ihren Po und die Beine. Selbst die Füße vergaß er nicht.
Als sie sich umwandte, arbeitete er sich von unten nach oben vor, sparte die Scham und auch die Brüste aus, um diese zum Schluss zu berühren.
Sie seufzte zufrieden, während ihr intimer Gefährte seine Arbeit verrichtete. Ihr Körper entspannte sich unter seinen Fingern, das Warten auf jenen Moment, in dem er sich ihren Brüsten oder der Scham widmen würde, wurde zur süßen Qual.
Als es soweit war, biss sich die Kriegerin auf die Lippen, um nicht allzu laut zu seufzen. Es war lange her, dass sie sich einen solchen Genuss gegönnt hatte. Zu lange, wie sie nun erkannte.
Jede Schänke hatte Zimmer mit Begleitung im Angebot. Und doch lehnte sie meist ab.
Warum nur?, fragte sie sich. Was ist falsch, etwas Genuss zu empfinden?
Als Kind hatte sie überlegt, in den Dienst Darenas zu treten, die Göttin der Liebe und der Leidenschaft. Die Schwestern des Tempels gaben sich an den Hochfesten Männern und Frauen hin, um der Göttin zu dienen. Unentgeltlich, denn die im Tempel entflammte Lust stärkte die Kraft Darenas.
Schließlich hatte sie sich für den Weg der Kriegerin entschieden, mehrere Galane abgelehnt und auch einer Freundin aus Kindheitstagen, die um sie warb, einen Korb gegeben.
Sie hatte sich an niemanden binden wollen, um frei ihren Weg gehen zu können. Das Leben, so glaubte sie damals, sah andere Dinge für sie vor.
Bislang hatte sich dies bewahrheitet.
Sie seufzte laut, als es ihr kam. Ihr Körper entspannte sich, Erfüllung durchflutete sie wie ein Rausch.
Sie hätte das Gefühl gerne noch etwas länger genossen, doch plötzlich erklang aus der Kammer neben ihr ein Schrei, der weder von Lust noch von Erfüllung zeugte. Das Knistern magischer Blitze folgte, abgerundet von einem ersterbenden weiblichen Schrei.
Fast gleichzeitig mit den Ereignissen eine Wand weiter richteten sich ihre Nackenhaare auf und ein unangenehmer Schauer rieselte ihre Wirbelsäule entlang.
Karasha riss die Augen auf und sah den Dolch, den ihr intimer Begleiter ihr in die Brust rammen wollte.
Sie fing seine Hand mit der ihren ab, stemmte die Beine in die Höhe und schaffte es, den Mann von sich zu stoßen.
Er fiel zu Boden, sprang aber sofort auf – nur, um in einen harten Tritt der Kriegerin zu laufen.
Der Dolch entglitt seiner Hand, Blut strömte aus seiner Nase.
Karasha warf sich auf den Attentäter, wühlte ihre Hand in sein Haar und donnerte seinen Kopf auf den Boden.
Er stöhnte auf, sein Blick wurde starr.
»Wer hat dich gedungen?«, fragte sie wütend. Mit einer Ohrfeige vertrieb sie seine Benommenheit. »Rede, oder ich schwöre, ich schäle dir die Haut bei lebendigem Leibe vom Körper!«
»Anrain, der Verwalter des Großkönigs«, brachte der Meuchelmörder hervor. »Er war es.«
Wütend schlug Karasha zu. Wieder traf ihre Faust das Gesicht des Mannes. Blut und Tränen vermischten sich zu einer widerlichen Brühe, die über die geschwollenen Lippen floss. »Ich lasse dir dein erbärmliches Leben. Kehre zurück an den Hof des Großkönigs und sage seinem Verwalter, dass das Schwarze Band weiß, was Hagarth plant. Wir werden es verhindern!«
Sie versetzte dem Mann einen letzten Schlag, dann stand sie auf und raffte ihre Kleider zusammen.
Kaum hatte sie sich angekleidet, klopfte der Magier an die Tür.
Sie ließ ihn ein.
»So, Euch sollte man also auch meucheln. Er lebt noch?«
»Ich sende ihn dorthin, wo er herkommt. Soll er die Botschaft überbringen, dass das Schwarze Band aktiv geworden ist. Das wird so manchen zum Nachdenken bringen.«
Sie zerrte den Mann auf die Beine und drückte ihn den Gang entlang.
Am obersten Absatz der Treppe versetzte sie ihm einen Stoß, sodass er die Stufen hinabstürzte.
Damit hatte sie die Aufmerksamkeit aller im Schankraum.
Der Wirt eilte herbei und betrachtete den Mann. »Wer ist das?«, fragte er dann erstaunt. »Und wo kommt er her?«
»Nicht der intime Gefährte, den Ihr mir geschickt habt?«
»Nein!«, rief der Schankwirt entrüstet. »Ich kenne den Burschen nicht.«
Der Attentäter richtete sich auf.
»Wo ist der Bedienstete der Schänke?«, fragte Karasha kalt und stemmte ihren Stiefel gegen seine Wirbelsäule.
»Zusammen mit der Frau in der Abstellkammer. Sie leben, sind aber gefesselt«, brachte er näselnd hervor.
»Gut.« Karasha riss ihn wieder auf die Beine, brachte ihn zur Tür und schubste ihn über die Schwelle in die Kälte. »Geht zurück in die Hauptstadt und sagt, dass das Schwarze Band erwacht ist und den Frieden Aloriens sichern wird. Sag das dem Großkönig und seinem kriecherischen Verwalter!«
Sie schrie es so laut, dass es nicht nur die Gäste in der Schänke, sondern auch die Bewohner von Düsterweil gehört hatten.
»Das Schwarze Band?«, fragte der Schankwirt. »Aber wieso ...?«
»Das geht euch wenig an, mein lieber Met-Mann. Aber verbreitet die Kunde ruhig, wenn Reisende kommen.«
Damit ließ Karasha den Mann stehen und ging die Stufen hinauf.
Es dauerte nicht lange, bis sie die beiden tatsächlichen Begleiter gefunden und befreit hatte. Die Lust auf Entspannung war ihr jedoch vergangen.
Elondir, der die Leiche der Meuchelmörderin zu entsorgen hatte, sah dies nicht anders. Auch er wollte keine weitere Gesellschaft in jener Nacht.
Kapitel 5
Das Kloster von Drachenstein
Hügel der Götter, 75. Schneefall 3Z 699
»Dort ist es!«
Karasha deutete auf die hohen Ruinen des Klosters Drachenstein.
Einst hatte der Bau vier Flügel sowie einen mächtigen Hauptkomplex besessen. Zwei steinerne Drachen – jeder mehrere Meter hoch aufragend, mit gespreizten Flügeln und diamantenen Augen – waren rechts und links des Portals postiert worden, um die Besucher zu begrüßen.
Die Drachen stellten die Söhne der Großen Göttin dar; die beiden Begleiter der Welt, die Nacht für Nacht auf die Bewohner Aloriens hinabschauten. Mal groß und rund, mal klein und nur als Sicheln zu erkennen.
Nur noch ein Drache stand, die Augen leer und tot. Plünderer hatten die Diamanten schon vor Urzeiten entfernt.
Sein Bruder lag in Stücken auf dem Boden und blockierte den Weg, der zum Tor führte.
»Die Zeit war alles andere als gut zu diesem Ort«, murmelte Elondir. »Nun denn, wollen wir unserem Schicksal ins Antlitz blicken!«
Karasha nickte. Sie spürte Angst durch ihre Glieder kriechen. Fast schon fürchtete sie, die Ahnung des Grauens könne sie lähmen.
Dann aber trieb sie ihren Hengst an.
Gemeinsam ritten sie den Hügel der Götter hinauf, passierten den Drachen und umritten die Bruchstücke seines Bruders.
Schließlich erreichten sie das Portal. Es existierte noch immer, war jedoch nicht vollends geschlossen.
Das Hauptgebäude stand noch, die Flügel waren jedoch zerstört worden. Wollte man in die Katakomben, musste man jedoch ohnehin eine Treppe in der großen Halle hinabgehen.
Sie saßen ab und banden ihre Pferde an dafür vorgesehene Stangen.
Kein Wort fiel, während sie sich dem Eingang näherten. Beide dachten an all die Geschichten, die man sich über diesen Ort erzählte. An das Grauen, welches in der Tiefe lauern sollte.
Schließlich schoben sie das Tor ein Stück auf und traten über die Schwelle.
Hinter ihnen schloss sich die Tür mit einem lauten Ächzen. So, als ob eine fleischfressende Pflanze ihr Opfer umschließt.
Stockdunkle Finsternis hüllte die beiden ein.
Einen Moment taten sie nichts, als die Atmosphäre des Orts auf sich wirken zu lassen. Dann murmelte der Magier ein paar Worte und ließ damit den Kristall an der Spitze seines Stabes hell aufleuchten.
Sofort wurde die Halle in ein milchiges Licht getaucht.
»Bei allen Göttern!«, entfuhr es Karasha, als sie die vielen Skelette sowie halb vermoderten Leichen sahen.
Waffen lagen auf dem Boden verteilt, Blut, alt und braun, aber auch noch relativ frisch, hatte große Lachen gebildet, war aber auch in Tropfen verspritzt worden.
Neben einer Leiche ging Karasha in die Hocke. »Er ist noch keine zwei Tage tot«, sagte sie und begann, seine Taschen zu durchsuchen.
Woran er gestorben war, konnte sie leicht feststellen – ihm war die Kehle mit einem Schwert aufgerissen worden. Seine Kleidung war mit Blut durchtränkt und auch um seinen Kopf hatte sich eine große Pfütze gebildet.
»Seltsam. Ein zufälliger Abenteurer oder …?«
»Nein, ein Scherge des Großkönigs. Er hat ein Sendschreiben einstecken, welches ihn legitimiert.«
Sie reichte es dem Magier, nachdem sie es selbst überflogen hatte.
»Also will auch Hagarth die Prophezeiung haben«, stellte Elondir fest. »Nun, weit kam sein Gesandter nicht.«
Karasha nahm dem Toten die Münzen ab, steckte die Hälfte des nicht geringen Betrages ein und reichte den Rest weiter. »Er wird sie nicht mehr brauchen.«
»So ist es!«, bestätigte Elondir und nahm die Goldstücke entgegen. »Nun denn, die Treppe liegt einige Schritte von uns entfernt zur Linken. Gehen wir.«
Sie machten sich auf den Weg. Wieder und wieder stießen sie auf gefallene Abenteurer.
»Warte kurz!«, bat Karasha, ging in die Hocke und betrachtete ein Skelett. Einst trug es eine Lederrüstung, doch diese war zerfallen. Lediglich die Eisenriemen, welche die Brust zusätzlich schützten, waren noch vorhanden. Auf der Platte, welche die Riemen zwischen Rippen und Bauch verband, war ein Wappen zu sehen.
»Bramian«, wisperte sie und strich mit den Händen über das bleiche Gebein.
»Ihr kennt Ihn?«, wunderte sich der Magier.
»Der Bruder meines Urururgroßvaters. Er zog aus, um die Katakomben des Klosters zu erforschen. Wir haben ihn nie vergessen. Hier also liegt er nun.«
Sie nahm ein Schwert an sich, welches in der leblosen Hand des Skelettes ruhte. Die Klinge schimmerte im Licht des Magierstabes kalt und blau wie Eis.
»Das hier ist Icet’San – die Eisige Klinge. Sie wurde in unserer Familie seit dem Ersten Zeitalter weitergegeben. Bramian nahm sie mit in der Hoffnung, sie würde ihm gute Dienste leisten.«
Sie schwang die Waffe. Die Klinge malte einen blauen Strich in die Luft. »Schau nur, sie ist noch immer scharf und stabil.«
»Starke Magie wohnt ihr inne«, sagte der Magier. »Ich hörte von Icet’San – sie wurde vom damaligen Kaiser einem seiner Offiziere verliehen; als Lohn für besonderen Mut in einer nahezu aussichtslosen Schlacht gegen Orcs. Es heißt, diese Klinge brächte das Eis des Nordens zu ihren Gegnern.«
»Ja … Ein Treffer mit Icet’San reißt nicht nur normale Schwertwunden, sondern schickt auch eisige Kälte in den Körper des Getroffenen. Die Klinge vermag, Feinde bis ins Gebein zu erfrieren.« Die Kriegerin schwang die Waffe erneut.
»Wie praktisch, wenn man Feuerwesen gegenübersteht.«
Karasha nickte und löste die Metallscheide von den Gürtelresten ihres Ahnen. Anschließend schnallte sie sich Icet’San auf den Rücken.
Elondir lächelte. »Ich kenne auch ihre Schwester Forro’San – die Feuerklinge. Sie wurden von ein und demselben Schmied geschmiedet.«
»Am Ende dieses Kampfes werden beide Schwerter mir gehören«, schwor Karasha. »Noch befindet sich Forro’San im Besitz des Großkönigs. Aber dies wird nicht so bleiben!«
II
Sie erreichten die Treppe, ohne auf Widerstand zu stoßen.
Dies wunderte die Kriegerin, denn jemand oder etwas musste die Abenteurer schon in der Halle überfallen haben; den letzten erst vor wenigen Tagen.
Langsam gingen sie die gewundenen Stufen hinab.
Hinter ihnen versank die Welt in Schwärze, vor ihnen erhellte der Stab des Magiers die Ruine.
Schließlich erreichten sie das Tiefgeschoss.
Sie standen in einer weiteren Halle, jedoch war diese als Bibliothek genutzt worden. Viele der Folianten und Schriftrollen existierten nicht mehr, andere hatten die Zeiten und auch die Katastrophe, die das Kloster zerstörte, überstanden.
Jene, die sie suchten, musste hier unten liegen. In diesem Punkt waren sich die Gelehrten einig.
Auch wenn Karasha nicht klar war, woher es die Magier und Weisen so genau wissen wollten, denn keiner von ihnen war nach dem Unglück hier gewesen.
Einige behaupten, sie hätten es gespürt, wären die magischen Rollen zerstört worden. Aber ob das zutraf …
»Bislang wurden wir weder angegriffen, noch bekamen wir den Schrecken des Klosters zu sehen«, sagte Elondir nachdenklich. »Das ist äußerst ungewöhnlich. Wo doch jeder andere arme Wicht schon in der Halle sein Leben ließ.«
Karasha sah, was er meinte.
Hier unten lagen keine Skelette und auch Blut oder dessen Reste konnte sie nicht ausmachen.
»Vielleicht ist heute ein guter Tag für unseren Besuch. Oder der Tod schlägt erst auf dem Rückweg zu.«
»Nun, mögen uns die Götter auch weiterhin gewogen sein«, schloss der Magier das Thema vorerst ab und trat näher an die Regale heran. »Vieles ist zu Asche verbrannt. Fast erscheint es mir, als hätten die Flammen der Schattenwelt nur vor sehr wichtigen und wertvollen Schriften Halt gemacht. So, als ob selbst die Götter der Unterwelt keinen solchen Frevel begehen würden, unwiederbringliche Prophezeiungen zu zerstören.«
»Vielleicht ist dem auch so«, erwiderte Karasha und machte sich auf die Suche nach den Rollen des Eldriel.
Sie besah sich einige Schriften, ohne die passende zu finden. Als sie sich erneut zu Elondir umwandte, gefror ihr das Blut in den Adern.
Lautlos hatten sich grässliche Biester angeschlichen. Sie waren groß wie Füchse, ihre Augen loderten in einem tiefen Rot. Giftgrüner Geifer troff von ihren spitzen, scharfen Zähnen hinab. Sie hatten scharfe Krallen an den Pfoten und Stacheln an buschigen Schwänzen.
Unzählige dieser Biester kamen heran, füllten die Gänge aus und sprangen geschmeidig und ohne das geringste Geräusch zu verursachen auf die Regale.
»Elondir – schaut Euch um!«, rief die Kriegerin monoton, während sie gleichzeitig Icet’San aus der Scheide am Rücken zog.
Der Magier kam der Aufforderung nach und erstarrte, als er die Wesen sah. Angst zeichnete sich in seinen Zügen ab.
Dann hob er den Stab, um Magie zu wirken. Doch noch bevor er dies konnte, trat eine schwarzhaarige Frau aus dem Dunkel der rückliegenden Bibliothek hervor und hob die Hand. »Haltet ein, Elondir.«
»Wer seid Ihr?«, fragte der Magier und ließ den Stab tatsächlich sinken.
Auch Karasha griff die Fremde nicht an. Sie besah sich die Frau näher. Ihre Augen leuchteten so rot wie jene der Tiere. Auch bewegte sie sich mit einer ganz ähnlichen Geschmeidigkeit und Eleganz.
»Muss ich dir das wirklich sagen, Elondir der Alte? Weißt du es nicht längst? Spürst du es nicht tief in deinem Herzen?«
Der Magier schluckte und senkte den Kopf. »Ihr seid Brancee, die Göttin des Todes und der Unterwelt.«
»So ist es, Elondir. Und nun – verlasst diesen Ort. Geht und kehrt niemals wieder hierher zurück, sollte Euch Euer langes Leben lieb sein.«
Der Magier schaute zweifelnd zu Karasha. Wenn Ihr meine Hilfe im Kampf wollt, so sollt Ihr sie haben – auch wenn dies meinen Tod bedeutet, schien sein Blick zu sagen.
Die Göttin hatte ihn an ihre Seite gestellt. Welch einen Sinn hatte dies gehabt, wenn ihn nun eine andere, nicht weniger mächtige Göttin des Schlachtfeldes verwies?
»Geht!«, bat Karasha, ohne das Schwert wieder in die Scheide zu stecken. »Geht und rettet Euer Leben.«
Die Göttin ging langsam auf die Kriegerin zu. »Ja, geht – aber wartet vor den Ruinen. Ich habe nicht vor, das Leben dieser mutigen Frau zu nehmen. Sagen wir, ich möchte ungestört mit ihr … sprechen.«
Jetzt steckte die Kriegerin das Schwert ein, während sich Elondir entfernte, ohne von den Tieren angegriffen zu werden.
Die Göttin trat derweil an Karasha heran. »Du bist eine starke Frau, Karasha von Weißquell. In diesem und in jedem Leben, welches dir geschenkt wird.«
»Wie … Ich bin nicht …«
Die Göttin berührte die Wange der Frau. »So viel Zeit ist vergangen. So viele Jahrhunderte zogen ins Land.« Brancee beugte sich vor und küsste die Kriegerin sanft auf die Lippen. »Ich habe auf dich gewartet, Kriegerin. So, wie ich es versprochen habe. Damals, als wir uns trennten.«
Wenn ich nur wüsste, was das hier zu bedeuten hat. »Göttin, ich … bin nicht … Karasha von Weißquell. Ich … trage ihren Namen und ihre Rüstung, aber ich …«
»Deine Eltern gaben dir den Namen Shantara Sharon. Aufgewachsen bist du als einziges Kind deiner Eltern auf einer Farm in der Corlschaft Grüntal.«
»Ähm … ja …«
Die Göttin ging um die Kriegerin herum und musterte sie eingehend. »Deine Eltern versuchten oft, ein Kind zu bekommen. Doch es ging nicht. Schließlich baten Sie Hygnus um Beistand. Sie flehten ihn an, ihnen ein Kind zu schenken. Doch nicht der Gott der Medizin und Gesundheit erhöhte ihr Flehen, sondern die Große Göttin selbst. Sie war es, die deine Eltern mit Nachwuchs segnete.«
»Nun, das … Ich wusste, dass meine Eltern … Ihr verwirrt mich, Göttin.«
»Du spürst die Gefahr, ehe sie dir das Leben nehmen kann. Du bist mutig, wo andere verzagen. Und du bist gewandt mit der Waffe, wo andere hilflos scheitern. Dein Vater lehrte dich den Umgang mit dem Bogen und dem Schwert, aber schon lange hast du ihn übertroffen.«
»Das ist wahr. Es liegt in meinem Blut, wie ich annehme. Meine Familie brachte große Recken hervor.«
»Einer davon fand hier, in dieser Ruine seine letzte Ruhestätte, nicht wahr?«, fragte die Göttin ironisch. »Und doch ist es nicht das. Du trägst ein altes Erbe in dir. Wann immer diese Welt Hilfe benötigte, schickte die Göttin eine Kriegerin aus. Geboren von Menschen, geliebt von ihr. Schon während des Ersten Zeitalters gab es eine Kriegerin namens Karasha von Weißquell. Sie kämpfte in verschiedenen Schlachten und wurde sehr, sehr alt. Ihre dunkle Art ließ sie vielen als Gesandte der Schattenwelt erscheinen. Ich verliebte mich in sie und offenbarte mich ihr.«
Die Göttin legte ihre Hände auf die Schultern der Kriegerin.
»Während des Zweiten Zeitalters lebte jene Karasha von Weißquell, die manche heute noch kennen. Ich rief sie zu mir, um sie an alte Dinge zu erinnern. Sie versprach mir ewige Liebe und Treue. Nicht in die Hellen Gefilde wollte sie nach ihrem Tod eingehen, sondern die Schattenwelt aufsuchen, um auf ewig mit mir verbunden zu sein.«
Die Göttin lächelte, doch Trauer lag in ihren Augen. »Wir beide vergaßen, dass Karasha von Weißquell nicht frei ist in ihrem Tun. Weder im Leben noch im Tod. Im Leben ist sie an Ehre und Pflicht gebunden, um das Richtige zu tun. Im Tode ist sie an die Große Göttin gebunden, welche sie abberuft.«
»Und jetzt …«, wisperte Karasha. »Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals zuvor …«
»So soll es auch sein. Du bist ein Mensch. Sterblich, geboren von Menschen. Aber hast du nicht die Pflicht rufen hören, als dich die beiden Corls baten, eben jene so schwere Aufgabe zu erfüllen?«
Karasha nickte. »Doch, das habe ich«, gab sie zu. »Ich … konnte mich dem nicht widersetzen.«
»Weil dies die Aufgabe ist, wegen der du überhaupt geboren wurdest.« Brancee zog die Kriegerin in ihre Arme. »Ich wusste, dass dich dein erster Weg hierher führen würde. So wie einst. Auch wenn dies heute nicht bekannt ist. Schon damals, zum Ende des Zweiten Zeitalters, hast du in dieser Bibliothek nach Antworten gesucht. Und nun halten wir einander erneut.«
»Ich … bin verwirrt von alledem«, gab die Kriegerin zu. Zumal sie nicht empfand, was die Göttin implizierte.
»So wie einst. Die Erkenntnis wird kommen, Kriegerin. Und dann, wenn du dich meiner und meiner Liebe entsinnst, wirst du meinen Namen in die Nacht rufen.«
Sie küsste Karasha noch einmal, ehe sie sich von der Kriegerin löste und einen Schritt zur Seite trat. »Die Schriftrolle, die du suchst, befindet sich in einer Vitrine am Nordende der Bibliothek. Du darfst sie lesen, nicht aber entwenden. Was du hier siehst, gehört den Schatten. Solange du nicht eine von uns bist, gelten diese Regeln auch für dich.«
Die Göttin schenkte ihr einen Luftkuss, ehe sie mitsamt den gefährlich aussehenden Tieren verblasste.
Du meine Güte. Ich habe mit grauenvollen Wesen, Kämpfen, Schmerzen und meinem Tod gerechnet. Nicht damit …
Wie betäubt ging Karasha zum Nordende und fand, was sie suchte.
Aber nicht nur die Vitrine mit der Prophezeiung des Eldriel wartete auf sie, sondern auch ein schwarzer, kunstvoll geformter Bogen mit dunkler Sehne.
Sie berührten ihn ehrfürchtig und spürte plötzlich einen Blitz durch ihren Körper zucken. Bilder schossen durch ihr Bewusstsein; wirr und zu schnell, um sie zu erfassen.
Ein Eindruck blieb jedoch haften. Sie, in eben jener Rüstung und mit diesem schwarzen Bogen, auf den Zinnen von Alskars Burg, während unzählige Orcs gegen die Mauern brandeten.
Der letzte Sturm der Rebellen, die sich gegen die Vereinigung stemmten.
Sie drückte den Bogen an sich. Balag D’Ur – Bogen des Sturms. So wurde diese magische Waffe genannt. Es hieß, ein Pfeil, abgeschossen von diesem Bogen, würde stets töten, ganz gleich, wo der Pfeil den Körper traf. Schoss man hingegen drei Pfeile gleichzeitig damit ab, brachte er den Sturm der See über den Feind.
Sie legte ihren bisherigen Bogen ab und hängte sich Balag D’Ur über die Schulter. Anschließend nahm sie die Rolle zur Hand, sank zu Boden und begann zu lesen.
Was sie erfuhr, erschütterte ihr Innerstes …
Abschnitt 3: Prüfungen
Kapitel 6
Kurzreise
Ebony Creek, Februar 2007
»Wir haben ausgewertet, was wir bislang wissen«, erklärte Roger Müller, der vor einem Whiteboard stand und einen Laserpointer in Händen hielt. Ein Beamer projizierte eine Powerpoint-Präsentation auf die hell-weiße Fläche. »Inzwischen lassen wir die restlichen Trümmer des Gliders Trümmer sein und konzentrieren uns auf zwei Dinge – den Back-up-Speicher des Flugschreibers, denn nur mit ihm kommen wir an die relevanten Daten heran.«
»Ich dachte, wir hätten den Flugschreiber längst geborgen«, wandte Ken ein, der bequem auf einem neuen Stuhl saß und ein wenig wippte. »Ich erinnere mich noch gut an diesen Auftrag.«
Er schenkte Francine einen kurzen Blick, doch sie reagierte nicht. Obwohl es just dieser Auftrag gewesen war, der sie erneut zu den Amazonen – und damit zu Lyntaia – geführt hatte.
»Das ist richtig. Leider konnten wir ihn jedoch nicht vollends auswerten. Die wichtigste Frage blieb unbeantwortet – gab es bei dem Unglück Überlebende. Die Chancen stehen zwar nicht allzu gut, wir haben die Hoffnung aber noch nicht vollends aufgegeben.«
»Also werden wir diesen Back-up-Speicher suchen?«, fragte William Brown aufgeregt. Er und Golda nahmen das erste Mal an einer Einsatzbesprechung teil.
»Das ist Ziel der Mission; ja. Wir verbinden sie jedoch mit ein paar Tests, denn wir haben den Antrieb des Gliders deutlich verbessert. Bislang ist diese neue Version des TW/TT jedoch noch nicht erprobt worden. Daher werden wir den Transporter – Triceratops – nutzen und mit erweiterter Crew fliegen.«
Jaqueline nickte und ging nach vorne. »Bei diesem Flug werden Roger Müller und Tamara Delgardo mit dabei sein und den Flug mittels mobilen Terminals überwachen. Auch ich werde mit dabei sein, denn wir benötigen einen zusätzlichen Schutz für den Glider, während die anderen den Speicher suchen. Roger und Tamara sind die besten Wissenschaftler, die ich kenne. Ihnen eine Waffe in die Hand zu drücken wäre aber, als ob man einem Lemming einen Strick schenkt.«
Sie lachten über den Scherz.
»Ansonsten wird dieser Flug auch ein Test für die neue Crew. Daher bleibt Francine hier, denn Claire wird das Kommando führen. Gerne hätte ich bereits den neuen Piloten dabei, aber auch wenn dieser ausgewählt wurde und im Moment das Training durchläuft, ist es für einen Einsatz noch zu früh.«
Sie schaute in die Runde und sah zufriedene Gesichter. Selbst Francine lächelte. Sie weinte den Flügen keine Träne nach, denn anders als Claire sah sie darin keine Lebensaufgabe. Anfangs hatte sie das Thema gefesselt, doch nun war sie froh, dem MTRD verbunden zu bleiben, ohne selbst in den Glider steigen zu müssen.
»Wenn es keine Fragen mehr gibt, treffen wir uns in einer halben Stunde zum Abflug.«
Damit hob Jaqueline die Besprechung auf.
Der Raum leerte sich.
Die Schatzjägerin folgte Roger und Tamara zur Umkleide. Sie trugen noch keine Flug-Overalls, sodass sie sich erst umziehen mussten.
Inzwischen war die Anlage in ihrer jetzigen Form seit drei Wochen in Betrieb und die Wissenschaftler hatten sich daran gewöhnt, Tür an Tür mit den Köpfen hinter dem Welt- und Zeitreise-Antrieb zu arbeiten. Zumal sich Roger und Tamara nicht in das Tagesgeschäft einmischten, denn sie arbeiteten an dem Antrieb. Sie wussten, dass dies eine Lebensaufgabe sein würde, denn noch lange hatten sie nicht alle Risiken minimiert und jede Verbesserung gefunden. Vor allem verstanden sie nicht jedes Teilchen der Reise, auch wenn ihnen die großen Zusammenhänge durchaus klar waren.
Normalität war eingekehrt. Auch, weil die Mitarbeiter in Ebony freundlich empfangen worden waren; die Stadt freute sich über den Zuwachs. Zumal Jaqueline zum Einstand eine größere Summe für die Renovierung des lokalen Krankenhauses gespendet und Tamara versprochen hatte, hin und wieder vor Schülern der Highschool Ebony zu sprechen.
Die Familien der Mitarbeiter waren darüber hinaus gebeten worden, sich aktiv am Leben in Ebony zu beteiligen. In Vermont legte man sehr viel Wert auf die Gemeinschaft; es gab regelmäßige Veranstaltungen, einen gemeinsamen Kirchenbrunch einmal im Monat und die Anlagen der Stadt wurden von Bürgern gepflegt.
Jack und ihre Freunde wollten, dass Ebony ein Zuhause für die Mitarbeiter wurde und sich die Bürger der Stadt nicht fragten, welch bizarre Forschung wenige Meilen von ihnen entfernt stattfand. Misstrauen und Angst führten zu Ablehnung und schnell war man der Sündenbock für alles, was in der Region passierte.
Daher zeigten sich Jaqueline, Roger und Tamara häufig in den Lokalen der Stadt, plauderten mit den anderen Gästen oder kauften Alltägliches im lokalen Supermarkt, statt es liefern zu lassen.
»Es ist mein erster Flug, seit wir den Prototypen damals testeten«, sagte Jaqueline. Sie sprach Deutsch – so wie immer, wenn sie unter sich waren. »Ich sollte häufiger herkommen und einen Abstecher zu den Amazonen unternehmen. Vor allem bleibt man im Training.«
»Als würde es dir an Action mangeln«, erwiderte Roger grinsend. »Du brauchst doch nur bei einem westlichen Geheimdienst anzurufen, und schon darfst du wieder durch irgendeinen Regenwald laufen und Rebellen töten.«
»Die Geheimdienste rufen mich an; im März habe ich die Ehre, als Beobachterin ein Manöver der IDF im Blick zu behalten; zusammen mit anderen Kollegen des Instituts.«
»Institut?«, fragte Tamara.
»Mossad«, erklärte Jaqueline. »Es gibt einen zweiten Namen für den Geheimdienst; haMosad leModi'in uLeTafkidim Mejuchadim – Institut für Aufklärung und besondere Aufgaben.«
»Und was beobachtet ihr da?«, wollte die Wissenschaftlerin wissen.
»Wir suchen Talente, die über den Wehrdienst hinaus ihrem Land dienen wollen. Auf diese Weise wurde auch Golda vor ein paar Jahren rekrutiert. Sie fiel mir sofort auf.«
»Das glaube ich!«, frotzelte Tamara. »Sie ist niedlich, und das in jeder Beziehung. Dass sie dir auffiel, ist kein Wunder. So magst du Frauen doch, oder? Jung, agil, schwarze Haare …«
»Ich sollte dich während des Fluges aus dem Glider werfen. Setz dich bitte auf den Schleudersitz!«
»Nix!«, gluckste Tamara. »Den gibt es gar nicht.«
Sie lachten, während sie in ihre Uniformen schlüpften. Sie kannten sich seit Jahren und waren Freunde im besten Sinne; jeder konnte sich auf den anderen verlassen; auch dann, wenn es einem nicht gut ging oder er Probleme jedweder Art hatte.
II
»Jetzt geht es los!«, rief Golda, als die drei Deutschen in die Abflughalle kamen. »Du meine Güte, ist das aufregend.«
»Eine Runde Baldrian für die Welpen!«, bat Claire und blinzelte ihrer neuen Kollegin zu. Anschließend schaute sie zu dem Transporter. »Bislang benutzten wir nur den Thunderbird. Und jetzt …«
»Jetzt ist es der Triceratops.« Roger trat an die große Luke und öffnete sie via Fingerabdruck.
Die Tür glitt geräuschlos beiseite. Lampen flammten im Inneren auf.
Der Transporter bot vier Crewmitgliedern und zehn Personen Platz. Zudem konnten einige der Sitze umgeklappt werden, wollte man Fracht transportieren.
Claire ging wie gewohnt zum Platz des Copiloten, hielt dann aber inne und schüttelte den Kopf. In Zukunft würde sie auf dem Platz des CO sitzen, und der befand sich hinter dem Copiloten.
Es war zudem die einzige Station, die alle Funktionen des Gliders übernehmen konnte; inklusive Steuer. Auch wenn Francine bislang keinen Gebrauch davon gemacht hatte; auch nicht, als der Thunderbird kurz vor der Zerstörung stand.
William Brown nahm neben ihr Platz, Golda setzte sich neben Ken auf den Platz des Copiloten.
Roger Müller und Tamara Delgardo saßen in der dritten Reihe. Sie balancierten Notebooks auf dem Schoß, die sie über Spezialkabel mit Anschlüssen unter den Sitzen verbunden hatten. So konnten sie während des Fluges die Funktionen des Antriebs überwachen.
Jaqueline begnügte sich mit einem Platz in der vierten Reihe. Sie legte ihren Gurt an, schob sich einen Kaugummi in den Mund und schloss die Augen, um die Spannung in den Griff zu bekommen.
»Wissen wir, was uns erwartet?«, fragte William, während er den Kopf drehte und zu Roger schaute.
Doch das Genie registrierte gar nicht, dass die Frage an ihn gerichtet war. Er schaute auf die Monitore und war in Zahlen, Anzeigen und Diagrammen versunken.
»Wir haben den Speicher erst vor wenigen Stunden entdeckt und keine Sonde gestartet. Ein Blindflug, wie man so schön sagt«, erklärte Jaqueline.
Von der Flugkontrolle drang Francines Stimme zu ihnen hinein. »Alles in Ordnung, Leute?«
»Bestens. Starten wir!«, gab Ken zurück.
»Gut – Startvorrichtung aktiviert. Viel Glück und kommt gut zurück!«
Vor ihnen, in einiger Entfernung, wurde ein blaues Flirren sichtbar.
»Was ist das?«, fragte Ken erstaunt und deutete auf den Effekt. Bislang hatten sie etwas Derartiges nie gesehen.
»Der Hundeschutz«, erwiderte Jaqueline grinsend.
»Hm?« Auch Claire drehte den Kopf. »Wie meinst du das?«
»Sollte der Glider nicht in den Zeitstrom eintreten und den Hundeschutz passieren, wird er automatisch abgebremst und stoppt, ehe er mit der Wand am Ende der Halle kollidieren kann.«
»Yeah!«, rief Claire erleichtert. »Das nenne ich eine sinnvolle Sicherung.«
»Wir experimentieren hier mit neuen Antrieben. Wir müssten ständig neue Glider und Hunde bestellen, gäbe es die nicht«, warf Tamara ein.
»Wo sind denn die Hunde?«, fragte Claire erstaunt.
»Auf einem Plateau des Berges. Dort haben sie es gut; fast besser als die Menschen«, erwiderte Tamara ironisch. »Jack mag Tiere sehr. Also investierte sie sehr viel Geld in ein Gehege für die Hunde. Sie haben viel Freilauf, können sich aber auch in ein warmes Gebäude zurückziehen. Tierpfleger kümmern sich um die Viecher und Leute aus Ebony dürfen, wenn sie wollen, mit ihnen spazieren gehen. Ein paar Kids kommen regelmäßig hinauf.«
»Wir wollen festhalten, dass in diesem Gehege auch die Pferde einer gewissen Wissenschaftlerin stehen, nicht wahr?« Jaqueline blinzelte vergnügt.
»Also schön – redet ruhig weiter, aber ich starte jetzt!«, rief Ken. »Der Countdown läuft. Zehn, neun, acht, sieben, sechs …«
Sofort verstummten die Unterhaltungen.
Claire und William schauten auf ihre Anzeigen, Golda klammerte sich an ihren Sitz und Ken schaute konzentriert auf die abzählenden Sekunden.
Anders als der Thunderbird verfügte der Transporter auch im reinen Flugmodus über ein HUD, welches relevante Daten direkt in den Sichtbereich der beiden Piloten einspielte.
»Zwei, Eins – Null!«
Der Glider beschleunigte. Er raste auf den Hundeschutz zu, erreichte diesen aber nicht, da er zuvor in den Zeitstrom eintrat.
Der Startbereich verschwand, und mit ihm die gesamte Anlage von Ebony Creek.
Schwärze umfing den Triceratops.
»Bislang läuft alles gut!«, murmelte Roger, während er auf die Anzeigen schaute. »Merkt ihr, wie ruhig der Antrieb läuft?«
Ken schaute zu Golda und zuckte mit den Schultern. »Oh, sicher!«, beeilte er sich dann zu sagen.
»Ich merke keinen Unterschied«, gab Claire zu. »Allerdings heften sich keine schwarzen Flundern an uns. Wie kommt das?«
»Vielleicht werden sie ob der fehlenden Vibrationen nicht angelockt«, mutmaßte Tamara.
Welche Vibrationen? »Nun ja – doch, da kommen welche. Hat nur ein bisschen gedauert.« Ken deutete auf zwei Flundern, die plötzlich auf der Frontscheibe klebten. »Widerliche kleine Biester.« Am liebsten hätte er Scheibenwischer benutzt, um sie einfach abzuwischen. Aber diese standen nur bei Atmosphären-Flügen zur Verfügung, nicht im Zeitstrom.
William und Golda schauten aus dem Fenster in die Schwärze. Für sie war das Auftauchen der Tiere so aufregend wie das Nichts, in das sie blickten.
»Austritt aus dem Zeitstrom in zehn, neun, acht, sieben …«
Golda las die Zahlen ab und schaffte es nicht, ihre Nervosität aus der Stimme zu verbannen.
Jaqueline lächelte milde, während sie sich fragte, was sie erwarten würde.
»Drei, zwei, eins … Jetzt!«
Alle schauten aus dem Fenster, während die Flundern abfielen, der Glider die Schwärze durchstieß und in eine strahlend helle Welt eintauchte.
Unter ihnen erstreckte sich dichter Regenwald. Am Himmel zogen Flugsaurier ihre Kreise, von einem hohen Hang stürzte ein Wasserfall in die Tiefe.
»Spuren von zivilisiertem Leben?«, fragte Claire, während sie die Flugsaurier betrachtete. Die Tiere zeigten kein sonderliches Interesse an dem Glider, sondern zogen weiterhin ihre Kreise.
William scannte den unter ihnen vorbeiziehenden Wald. »Keine Strukturen, die auf intelligente Bewohner hinweisen. Die Analyse der Luft ergibt ebenfalls keine Anzeichen für Verbrennungen jedweder Art. Wenn es Hominiden gibt, sind sie nicht sonderlich weit entwickelt.«
»Wie steht es mit Jägern?«, wollte Claire wissen.
»Das ist eine gute Frage. Ich habe einige große und sehr große Lebewesen auf dem Schirm. Aber inwieweit sie Pflanzen- oder Fleischfresser sind, vermag ich durch den Scan nicht zu sagen.«
Claire drehte den Kopf. »Die Ausbildung hat sich bezahlt gemacht. Du klingst wie ein Wissenschaftler.«
William grinste schwach. »Computer sind nur mein Hobby, auch wenn ich ziemlich gut damit umgehen kann. Eigentlich habe ich ein Biologie-Studium abgeschlossen.«
»Ich liebe solche Untertreibungen«, scherzte Jaqueline von ihrem Platz aus, während der Glider in die Tiefe glitt. »Ziemlich gut damit umgehen. Roger war beeindruckt. Aber es stimmt schon – dein Biologie-Studium verhalf dir zu diesem Job, denn einen reinen Hacker hätten wir nicht in den Glider setzen können.«
Claire nickte bestätigend, warf dann aber einen Blick auf die Konsole. Sie wartete darauf, dass Golda die Ortung des Backup-Speichers bestätigte.
Doch die junge Israelin saß auf ihrem Platz und starrte aus dem Fenster, als sei sie Alice und soeben ins Wunderland gestürzt. Abwärts, abwärts, abwärts …
»Haben wir eine Ortung des Objekts?«, fragte Claire darum unschuldig.
»Was? Oh, ja – ich glaube schon.« Golda schüttelte sich, als sei sie eben aus einer tiefen Trance erwacht. Sie schaute auf ihre Anzeigen. »Ja, ich habe die Koordinaten und gebe sie jetzt an den Piloten weiter.«
»Empfangen!«, bestätigte Ken grinsend. Noch flog der Triceratops, ohne dass er etwas tun musste.
Golda hatte sich wieder gefangen und ließ ihren Blick über den dichten Teppich hoher Wipfel gleiten. Das Blätterwerk bildete einen undurchdringlichen Vorhang.
Schließlich deutete sie auf eine schmale, lichte Stelle. »Dort könnten wir landen. Nur zwei Klicks bis zum Ziel.«
»Klicks?«, fragte Claire erstaunt. »Wie meinst du das?«
»Das ist der militärische Begriff für Kilometer«, erklärte Jaqueline. Auch sie schaute hinaus. Zwei Kilometer waren nicht viel; theoretisch. In undurchdringlichem Regenwald konnte dies aber einen Marsch von vielen Stunden bedeuten.
Ken übernahm die Handsteuerung und lenkte den Glider über die Lichtung. Anschließend senkte er ihn sanft ab.
Es dauerte nicht lange, bis sie auf einer saftig-grünen Lichtung standen. Das Klima war tropisch – heiß und feucht, mit einem hohen Anteil an Sauerstoff. Die Luft roch zudem würzig nach all den Blumen, Kräutern und Gewächsen, die sich aus dem weichen Boden emporschoben. Kleinere Tiere saßen im Gras oder auf Bäumen und schauten neugierig zu den Menschen, die sich ihrerseits erstaunt umblickten.
Einen Moment taten sie nichts anderes, als die Szenerie auf sich wirken zu lassen. Dann räusperte sich Claire. »Wir sind hier, um den Backup-Speicher zu finden. Also teilen wir uns auf. Jaqueline und William machen sich mit auf die Suche, Golda und Ken bleiben beim Glider und passt auf die beiden Wissenschaftler auf. Ständige Funkverbindung und Bereitschaft. Nicht, dass ihr von einem T-Rex gefressen werdet.«
Jaqueline nickte und löste den Knopf, der ihre Waffe sicherte. Sie hielt sich bewusst zurück, um Claire bei ihrem ersten Kommando zu beobachten.
Die Auswahl des Suchtrupps gefiel ihr – sie hatte den Biologen dabei, denn noch wussten sie nicht, mit welchen Lebewesen in jedweder Form sie konfrontiert werden würden.
»Also auf!«, rief Claire gut gelaunt. »William, führe uns.«
Der junge Mann nickte, schaute auf seinen PDA und deutete in die entsprechende Richtung. »Dort entlang, knapp 1800 Meter laut Anzeige.«
Während Roger und Tamara bereits dabei waren, den Glider zu checken, machte sich die kleine Gruppe auf den Weg.
Kapitel 7
Affiges und Merkwürdiges
Welt 0-2-2 Alpha, Februar 2007
Sie kamen gut voran. Besser als von Jaqueline befürchtet, denn obwohl es ein riesiger, urzeitlicher Wald war, durch den sie marschierten, standen die Bäume nicht allzu eng. Auch hielten sich Unterholz und Schlingpflanzen in Grenzen; all die Dinge, die einen Dschungel auf 0-0-1 Alpha so schwer zu durchwandern machten. Und Jack hatte dies wahrlich oft genug tun müssen; in Südamerika ebenso wie in Afrika oder Asien.
»Wir kommen dem Speicher näher und näher«, sagte William. Noch immer hielt er den Blick auf den PDA gerichtet. X-TT-2 hieß dieses Modell und machte deutlich, dass es sich um die zweite Version von Rogers speziell für Timetraveller angepasste X-Geräte handelte.
Diese PDAs wurden ausschließlich bei dem MTRD genutzt; nirgends sonst.
Hin und wieder stoben bunt gefiederte Vögel auf. Auch hatten sie kleinere Raubtiere gesehen; Katzen und Hundeartige, die jedoch Reißaus nahmen statt anzugreifen.
Aber noch waren weder Jack noch Claire davon überzeugt, dass es dabei bleiben würde.
Sie erreichten eine kleine, freie Fläche. Im Umkreis von zehn Metern wuchs kein Baum. Eine Lichtung im eigentlichen Sinne war es dennoch nicht, denn die Bäume ringsum bildeten ein Dach, sodass der Himmel nicht zu sehen war.
Ein schmaler, aber schneller Wasserlauf teilte den Platz in zwei gleichgroße Hälften. An Sträuchern wuchsen bunte Beeren, Insekten schwirrten umher.
»Sollte ich jemals Urlaub machen wollen, wäre das hier ein guter Ort, oder?«, scherzte William und deutete gen Westen. »Laut Anzeige sind es noch 50 Meter. Wie sind ganz nahe.«
Er schwenkte das X-Gerät, um Daten zu sammeln und schrie erschrocken auf, als ein Affe heranfegte und ihn am Arm kratzte. Er wehrte das Tier mit einer Hand ab, übersah daher den zweiten Affen und schon packte das Tier zu, schnappte sich das X-Gerät und machte sich damit aus dem Staub.
»Hey, bleib da!«, rief William erschrocken und wollte dem Affen nachsetzen, doch dieser hatte längst die Bäume erreicht und verschwand zwischen den Ästen. Hämisches Keckern war zu hören, ausgestoßen von zwei Tieren.
Kurz darauf drang laute, harte Musik aus den Bäumen hervor; Metallicas St. Anger klang derart kraftvoll, dass Affen und Vögel panisch flohen. Sekunden später flog das X-Gerät auf die Lichtung, überschlug sich mehrfach und rutschte schließlich in den Wasserlauf.
»Das darf doch alles nicht wahr sein!«, rief William. Seine Wangen hatten sich rot gefärbt, seine Hände zitterten.
Er hastete zu dem kleinen Flüsschen und fischte das noch immer röhrende X-Gerät hervor.
»Alles in Ordnung bei euch?«, kam die Stimme von Ken aus Claires Headset. »Ist das … Metallica?«
»Yepp. Die geben hier ganz unverhofft ein Konzert«, replizierte die Kommandantin der Mission trocken.
»Ziemlich affig, oder?«, fragte Jaqueline, als William wieder bei der Gruppe stand und die Musik verstummt war.
»Tut mir leid. Habt … ihr das gesehen? Das war doch ein geplanter Angriff.«
Jaqueline grinste breit. »So ist das mit Affen – man muss immer damit rechnen, dass sie klüger sind als man selbst.«
II
»Hier müsste der Speicher liegen«, stellte William fest, während er den Scanner wieder leicht schwenkte, dabei aber auf Affen und sonstige Tiere achtete. »Sieht ihn jemand?«
»Ich glaube, da ist er.« Claire ging zu einem Busch, bückte sich und schob Zweige sowie Gras beiseite. »Ja, da haben wir ihn. Eine rote Kiste mit unserem Logo drauf. Gut, also dann – Rückmarsch und Abflug.«
Sie reichte William die Box und übernahm die Spitze, während Jaqueline den Schluss bildete.
Nun, da sie den Weg kannten, kamen sie noch besser voran und erreichten nach kurzem Marsch die Lichtung.
Ken lehnte lässig am Triceratops, Golda saß hingegen auf dem Dach und hielt die Umgebung im Blick.
»Noch ein Äffchen!«, rief Jaqueline und deutete auf die Israelin. »Morgen gibt es gutes Wetter, die Affen steigen.«
»Wie war das mit dem Schleudersitz?«, fragte Tamara, die im Gras saß und eine Frucht in Händen hielt, die einer Ananas ähnelte.
»Schmeckt es?«, wollte Claire wissen.
»Keine Ahnung – wir lassen das Obst von Wissenschaftlern untersuchen. Bisher haben wir noch keine Negativ-Punkte gefunden.«
Sie schaute zu Jaqueline, während sie dies sagte.
Die Schatzjägerin nickte unmerklich.
»Wie meint ihr das – Negativpunkte?«, fragte Claire, die den Braten roch.
»Darüber sprechen wir ein andermal«, versprach Jack und kletterte in den Glider.
Die anderen folgten und schon bald zog Ken den Triceratops in die Höhe.
»Kannst du bitte ein wenig in niedriger Höhe über den Wald fliegen?«, bat Jaqueline. »William, einen vollständigen Scan während des Überflugs. Außerdem Kameras und Mikrofone aktivieren.«
Tamara und Roger schauten aus dem Fenster, während der Glider über eine unberührte Urzeitwelt flog.
Schließlich erreichten sie einen Strand. Ein weiter, blauer Ozean schloss sich daran an.
»Ich habe auf den Instrumenten kein Land. Nur Wasser und das auf viele hundert Klicks.«
»Ich habe dafür eine Ortung, die nicht zu dem Bild passt, welches ich von dieser Welt bisher hatte«, erklärte Golda und runzelte die Stirn. »Ich gebe die Daten weiter.«
Sie schauten gespannt auf den Monitor.
»Das kommt aus dem All!«, stellte William nach ein paar Sekunden fest. »Ein künstliches Signal aus dem All. So, als würde dort ein Satellit funken.«
Er zeichnete die Daten auf und ließ sie vom Bordrechner analysieren.
Zu seinem Erstaunen wurde der Bildschirm schwarz, ehe ein Logo erschien.
Er wartete, bis es sich komplett aufgebaut hatte.
Sie alle wurden bleich, als sie das Zeichen erkannten. Es handelte sich um das Logo der Central Intelligence Agency – der CIA der Vereinigten Staaten von Amerika.
»Die wollen … einen Zugangscode«, wisperte William. »Ich … könnte …«
Jaqueline, die hinter der wissenschaftlichen Station kauerte, beugte sich vor und gab ihre Daten ein.
Das Logo verstand.
»Willkommen, Commander Berger«, krächzte es aus den Lautsprechern. »Es liegen 191 Meldungen für Sie vor. Ihr letzter Login war im Jahr 2024. Ich hoffe, es geht Ihnen gut.«
»Das ist der zentrale Kommunikationsserver der Agency. Wieso funkt der über einen Satellit und warum hier, in dieser Welt? Und was heißt hier Jahr 2024?«
Tamara und Roger wechselten Blicke, die nichts Gutes verhießen.
Jaqueline wartete, bis die GUI des Systems auf den Monitoren des Gliders erschien. Anschließend stellte sie einen Link mit ihrem X-Gerät her und übertrug die Daten.
»Wir fliegen zurück, sobald der Download erfolgt ist«, sagte Claire. Sie hatte die Blicke der Wissenschaftler bemerkt. Die Situation war grotesk. Zu grotesk, als dass sie irgendetwas davon hätte hinnehmen können. »Dort analysieren wir die Daten. Zudem senden wir Sonden aus, damit sie diese Welt erforschen!«
Jaqueline nickte nur. Sie wusste, dass dies das beste Vorgehen war.
»Download abgeschlossen.« Sie kehrte zurück auf ihren Platz.
»Ken – nach Hause!«, bat Claire. »Und dann schauen wir uns an, mit was wir es hier zu tun haben.«
Der Pilot leitete die Rückkehr-Sequenz ein.
Während sie durch den Zeitstrom jagten, sprach keiner ein Wort. Das, was als kleiner Ausflug hätte enden können, war zu einem Mysterium geworden, dessen Ausmaße keiner auch nur erahnen konnte.
Und noch wussten sie nicht, was die Daten erbringen würden …
Epilog
Alles offen …
Ebony Creek, Februar 2007
»Claire hat ihre Sache gut gemacht – ich bin vollauf zufrieden«, lobte Jaqueline die frisch gebackene Kommandantin. »Die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit – Gratulation.«
Die junge Frau errötete leicht. »Danke!«, murmelte sie dabei.
»William und Golda brauchen Praxis, aber auch sie haben sich durchaus wacker geschlagen. Und Ken ist ein sehr guter Pilot. Er soll sich um den Neuen kümmern, während wir Daten auswerten.«
Die Angesprochenen lächelten, ehe sie den Raum verließen.
Auch Jaqueline lächelte – aber kaum war sie mit Francine sowie den beiden Wissenschaftlern allein, verschwand das Lächeln auf ihrem Gesicht. »Wir haben ein Problem. Ich spreche hier nicht von Wald-und-Wiesen-Problemen, sondern von einem, das die Welt in ihren Grundfesten erschüttern könnte.«
»Was zur Hölle ist Welt 0-2-2 Alpha?«, fragte Francine.
»Das wissen wir nicht. Aber keine der Alternativen klingt sonderlich gut.« Roger seufzte. »Es könnte durchaus sein, dass wir hier vom Ende der Welt sprechen. Und zwar in jeder verdammten Beziehung.«
»Dann sollten wir Claire und Ken auf jeden Fall involvieren«, bat Francine. »Sie haben mehr Welten gesehen als wir.«
»Gut, holen wir beide dazu. Vielleicht … warten wir auch ab, bis Daten vorliegen«, schlug Tamara vor. »Damit wir wissen, wie groß der Brocken wirklich ist, mit dem wir es zu tun bekommen.«
Sie nickten. Ängstlich, ohne Antworten und mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass sie tatsächlich über das Ende der Welt sprachen.
Oder über das Ende der Welt, wie sie sie kannten. Aber war das besser?
Das Grauen stand mit ihnen im Raum und noch hatten sie keine Vorstellung davon, mit welch hässlichem Antlitz es zuschlagen würde …
Wird fortgesetzt …

Vorschau
Es ist an der Zeit, dass die Timetraveller zurück in ihre Welt gelangen. Seit dem 01. Mai 2007 reisten die Temponauten durch Zeit und Raum.
Mit einem Doppelband (Folge 29 und 30), geschrieben von Gunter Arentzen, beenden wir unsere Onlineserie.
Wir möchten uns bei allen Autoren und Beteiligten für die langjährige Mitarbeit an der Serie bedanken.
Fantasie war alles, was wir zum Gelingen der Serie brauchten, und wer weiß, vielleicht treffen wir irgendwann auf unsere Protagonisten in der einen oder anderen Form ...
Die Redaktion