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»Ungeplante Rückkehr«

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Titelbild © 2011 by Francis Brown
Cover © 2011 by Wolfgang Brandt

EPISODE 28

»Ungeplante Rückkehr«

von Amanda McGrey


Spanien/Catalunien: 19.15 Uhr

Die Scheinwerfer fraßen sich durch den Regenschleier. Nur mühsam bewältigten die Scheibenwischer die Wassermasse.
Dan befand sich auf der Rückfahrt von Cadaques zu seinem Domizil in Empuriabrava.
Mochte der Teufel wissen, weshalb er den Weg über die Berge gewählt hatte. Das Unwetter hatte sich bereits am Nachmittag angekündigt. Professor Georgius hatte ihn gewarnt.
»Nehmen Sie die andere Strecke. Sie ist zwar weiter, aber sicherer.«
Dan hatte sich im Auftrag des MTRD mit dem Wissenschaftler getroffen. Theodor Georgius zählte zu den Kapazitäten im Forschungsbereich Wechselnder Energiefelder. Es hatte in der Vergangenheit öfter mal Punktortungsprobleme bei den Reisen zu Parallelwelten gegeben. Es bestand die Möglichkeit, dass der Hypertunnel, der vor dem Glider aufgebaut wurde, durch sich abspaltende Raum-Ionen gestört wurde, die sich durch den Energiestau aufbauten. Dadurch konnte der Zielcomputer schon mal irritiert werden.
Das war nicht weiter gefährlich, denn die Abweichungen glich ein Spezialprogramm wieder aus, aber vielleicht konnte man die Flüge noch sicherer machen.
Der Professor gehörte zu den absoluten Experten, die immer wieder – auch von der NASA – zu Rate gezogen wurden.
Das Treffen hatte unter absoluter Geheimhaltung stattgefunden, denn kein außenstehender Normalbürger wusste von den Gliderprogrammen.
»Ich melde mich bei Ihnen«, hatte Georgius zum Abschied gesagt.
Dan telefonierte mit Ken, um ihn über den Stand der Gespräche zu informieren.
»Okay«, kam es aus dem kleinen Telefon. »Nimm die nächstmögliche Maschine zurück.«
»In Ordnung. Sag mal – wie geht es Francine? Vor meiner Abreise stand sie wieder mal vor Victorias Grab.«
Ken seufzte. »Trotz aller inzwischen bestandenen Abenteuer … sie wird diese Frau nie vergessen.«
Dan biss sich auf die Unterlippe. Auch er hatte Victoria sehr gemocht.
»In Ordnung«, sagte er dann. »Ich komme morgen zurück.«
Er beendete das Gespräch.
Die Straße stieg immer weiter an. Dan musste sich ganz auf die engen Kurven konzentrieren. Der Regen ließ etwas nach. Da tauchte hoch oben auf der Bergkuppe eine Silhouette auf.
Burg San Salvador de Verdera.
Dan verlangsamte und hielt den Wagen dann ganz an.
Er öffnete das Fenster. Regentropfen benetzten sein Gesicht. Er blickte nach oben.
Personen tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Genevier – der sie damals bei der Zeitreise beigestanden hatten gegen die Intrige Sanfolds und des Merowingerkönigs Childerich.
Nun sah er die Burg erstmals als Ruine in der Realwelt. Trutzig erhob sich noch weit sichtbar der Bogen der Königshalle. Dort, wo einst der Tempel mit der großen Statue der Göttin gestanden hatte, erhob sich nun das restaurierte Kloster San Pere de Rodes.
Dan lauschte. Mit einem Mal glaubte er herrlichen Gesang zu hören. Den Chor der Priesterinnen. Und ein weiteres Gesicht tauchte vor ihm auf. Eine wunderschöne Araberin.
Sherazeda!1
Ihre letzten Worte des Abschieds drangen in sein Gedächtnis.
»Vergiss mich nicht ganz.«
Ja – er hatte diese hoheitsvolle, gebildete Frau geliebt.
Nun war sie bereits etwa 1600 Jahre tot.
Dan räusperte sich. Der Regen nahm wieder zu. Entschlossen stieg er in den gemieteten Renault.
Langsam fuhr er den Berg hinauf. Der Himmel öffnete alle seine Schleusen und der Regen prasselte wieder herab. Dan sah keine zwei Meter mehr.
Da!
Ein Scheinwerferpaar schoss auf ihn zu. Dan stieg in die Bremsen. Haarscharf schrammte der entgegenkommende Wagen an ihm vorbei.
Der Begrenzungspfahl.
Dan konnte nicht verhindern, dass er mit dem rechten Kotflügel dagegen stieß. Auf der nassen Fahrbahn schwenkte das Heck herum. Die Antriebsräder drehten durch. Der Renault neigte sich und rutschte seitwärts den Grashang hinab. Dan gab verzweifelt Gas, doch es stellte sich als sinnlos dar. Mit dem Heck voran rutschte das Fahrzeug weiter und weiter – bis ein harter Ruck es stoppte. Der Renault war gegen einen Felsbrocken geknallt.
Dan wurde nach hinten in den Sitz gepresst. Der Motor würgte ab.
Ein Blitz jagte über den pechschwarzen Himmel. Dann übertönte der Donner den Regen.
Dan fluchte wie ein Bierkutscher. Mühsam konnte er die Tür aufstemmen. Eine Regenflut schoss ihm entgegen. Der Wagen knirschte. Er musste hier raus, bevor der Renault weiterrutschte.
Auf allen Vieren kam Dan im nassen Gras auf. Er atmete schwer. Der Hang zeigte sich glitschig. Nur auf Händen und Füßen gleichzeitig konnte der junge Mann sich weiter bewegen. Das Wasser rann ihm in die Augen und die Kleidung triefte.
Er versuchte nach oben zu kommen. Zurück auf die Straße. Da glitt er aus und schlidderte auf dem Bauch mehrere Meter abwärts. Als er sich endlich fing, versuchte er auf die Knie zu kommen. Seine Hände ertasteten einen Stein. Vorsichtig zog er sich daran hoch. Er fluchte, als eine Distel ihn in die Hand stach. Man konnte nichts sehen in der Finsternis. Dan griff in die Innentasche seines Sakkos. Er hoffte, dass er die kleine Stablampe nicht verloren hatte. Da ertasteten seine klammen Finger den Kunststoff. Er zog die Lampe hervor und schaltete sie an. Der dünne Strahl huschte durch die Dunkelheit und den Regen. Er wanderte über das glitschige Gras und blieb an dem nassen Stein hängen. Er wirkte wie ein abgestürzter Felsbrocken. Doch dann erkannte Dan die Rundungen und ganz matt – beinahe von Sonne und Wind ausgewaschen – dünne Linien. Normalerweise würde man sie übersehen, aber durch die leicht schräg gehaltene Lampe ergaben sich schwache Schatten.
Dan robbte etwas näher heran. Nun erkannte er, dass es sich nicht um willkürliche Linien handelte, sondern um arabische Schrift.
Arabisch? Dan schüttelte in der Dunkelheit den Kopf. Sein Interesse erwachte wieder einmal. Klar – es gab eine Zeit, da hatten die Mauren weite Teile Spaniens erobert. Aber hier?
Er versuchte mühsam die Schrift zu entziffern. Doch dann schlug sein Herz bis zum Hals.
Himmel! Konnte das sein?
Er fuhr sich mit der freien nassen Hand über das Gesicht. Dann las er noch mal. Er kam zu demselben Ergebnis.
Sein Mund wurde trocken wie die Wüste Sahara.
»Bin ich verrückt?«, murmelte er zu sich selbst. Dann las er noch einmal und seine Lippen formten die Worte.
»Hier ruht Sherazeda, die Kämpferin der Göttin Diana – getötet durch den Stein des Bösen.«
Dan mochte es nicht glauben. Eben hatte ihn noch die Erinnerung ereilt und nun …
Der Grabstein der Frau, die er einst auf einer Zeitreise getroffen hatte.
Getötet vom Stein des Bösen. Was mochte das bedeuten? Ein Unfall durch einen herabstürzenden Fels? Ein Mord?
Dan setzte sich ins Gras.
Da sah er etwa fünf Meter über sich den Widerschein von Lampen. Ein Wagen hielt.
Vermutlich war einem späten Autofahrer der herausgerissene Begrenzungsstein aufgefallen.
Der Lichtkegel einer starken Handlampe wanderte über den Hang. Dann rief jemand etwas in katalanischer Sprache.
»I’m here!«, rief Dan auf Englisch zurück.

Barcelona – der nächste Tag

Es hatte die halbe Nacht gedauert, bis die Polizei seinen Wagen geborgen hatte. Dann musste er Protokolle unterschreiben. Erst gegen sechs Uhr hatte ihn ein Streifenwagen der Mossos de Esquadra vor seinem gemieteten Haus in Empuriabrava abgesetzt. Dan hatte sogleich Ken angerufen.
»Teufel, alter Junge – da hast du aber Schwein gehabt!«
»Das kannst du laut sagen. Okay – ich dusche jetzt und dann werde ich es wohl schaffen, den Flieger um elf Uhr zu erwischen. Ich muss in Zürich umsteigen.«
»Gut«, kam es von Ken. »Wir haben eine Mission. Beeil dich.«
Dan runzelte die Stirn. »Worum geht es?«
»Sag ich dir, wenn du hier bist.«
Gegen halb zehn stieg Dan in Barcelona aus dem Taxi. Er ging auf die Eingangshalle zu. Eben wollte sich die automatische Tür öffnen, als er mit einer jungen Frau zusammenstieß.
»Pardon«, kam es von der schwarzhaarigen großen Frau. Sie strich sich verlegen lächelnd eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Kein Problem«, entgegnete Dan in Spanisch. »Es war meine Schuld.«
Die Frau schüttelte den Kopf. »No, no – ich hätte aufpassen müssen.«
Dan ließ unauffällig den Blick über die schlanke Gestalt in dem leuchtend roten Sommerkleid gleiten. Ihre rechte Hand umfasste den Griff eines Rollkoffers.
Dan machte eine nach vorn zeigende Armbewegung. Die Tür öffnete sich. »Bitte – nach Ihnen.«
»Gracias.«
In der Halle wimmelte es trotz der frühen Stunde von Menschen.
Die Schwarzhaarige blieb stehen und blickte dann den jungen Amerikaner an.
»Haben Sie noch etwas Zeit? Darf ich Sie ob des Missgeschicks auf einen Kaffee einladen?«
Dans Herz hüpfte etwas. Der Tag begann ja nach der lausigen Nacht gut. Er stimmte zu, bestand aber darauf, dass er sie einlud.
Sie gingen die wenigen Meter zu einer Kaffee-Bar.
Dan erfuhr, dass sie Yvonne da Silva hieß, Kunststudentin sei und nun nach Paris flöge.
Nach einer halben Stunde rutschte die junge Frau von dem Barhocker. »Ich muss leider los.«
»Schade«, entgegnete Dan. Er griff in seine Jackentasche und reichte Yvonne seine Karte. »Es könnte ja mal sein … Ich meine …« Er druckste herum.
Yvonne lachte glockenhell. »Si – es könnte sein«, meinte sie schelmisch. Sie ergriff die Karte und verschwand in der Menge.

MTRD, nahe San Francisco, 21 Stunden später

Obwohl Dan hundemüde war – er hatte nur im Flieger drei Stunden Schlaf bekommen – war er ins Stanford Institut geeilt. Die Freunde empfingen ihn freudig.
Claire umarmte den ›Kampfgefährten‹. »Na, dein Gespräch mit dem Professor hat etwas erbracht?«, fragte sie eher feststellend.
»Hat er sich schon gemeldet?«
Ken, der Dan herzlich die Hand drückte, nickte. »Ja, vor zwei Stunden. Er hat uns eine Formel für die Verstärkung des Abwehrschirms gegeben. Dadurch werden aufgestaute Ionen absorbiert.«
»Na bestens!«, rief Dan aus. Er gähnte danach verhalten. »Was liegt an?«, wollte er dann wissen.
Ken zog ihn zu einem Monitor. Zwischen für einen Laien verwirrenden Spiralen und Kurven zeigten sich grüne und rote Punkte.
Ken deutete auf den roten Punkt. »In unserer Auflistung eine Welt in der zwölften Existenzebene mit der Bezeichnung 4-0-9 Alpha. Laut Sondenstrahlmessungen unserer Welt ähnlich, mit geringen Abweichungen in der Atmosphäre. Die sind aber nicht relevant.«
»Und?«, fragte Dan. »Weshalb sollen wir dort hin? Wir sollen doch … oder?«
Ken nickte. »Es gibt da ein Problem. Hier!« Er deutete auf eine sich schwach abzeichnende Kurve. »Der Planet gehört zu einem System, das unserem so täuschend ähnlich ist, dass die Eierköpfe denken, es könnte sich um unser System in einer anderen Entwicklungsphase handeln.«
Dan schürzte die Lippen. »Früher oder später?«
Ken wiegte den Kopf. »Es könnte entwicklungsmäßig ein paar Millionen Jahre später sein. Also – eine raschere Evolution – andere kosmische Einflüsse … Jedenfalls sollen wir das klären.«
Dan hob eine Augenbraue. »Das ist doch nicht alles. Nur eine Forschungsreise?«
Ken sog geräuschvoll die Luft durch die Nase. »Nein – hier die Linie ist es eben, die Sorgen bereitet. Es scheint, als dränge der Planet aus der Bahn. Vielleicht hat sich die Rotation verändert. Jedenfalls könnte es zu einer Kollision mit dem Mond kommen und das hätte Auswirkungen auf das ganze Gefüge.«
Dan schüttelte den Kopf. »Was geht uns das an! Es ist eine Parallelebene. Eine von vielen. Außerdem sollen wir nach der verschollenen Zeitmaschine suchen …«
Ken nickte. »Ja, sicher, nur wenn durch eine kosmische Katastrophe diese Parallelebene verlassen werden könnte – oder eine Druckwelle das Raumzeitgefüge durcheinander bringt, könnte das Auswirkungen auf viele Ebenen haben. Vielleicht auch auf unsere. Und bevor das nicht geklärt ist, schicken die uns nicht auf die Suche. Das muss warten.«
Jetzt wurde Dan der Zweck der Mission klar. »Also Ursache ergründen und möglichen Schaden abwenden.«
Ken schlug ihm auf die Schulter und lachte. »Genau so! Wir starten morgen Früh um acht Uhr Ortszeit. Du kannst dich also noch ausschlafen.«
Ken fuhr sich durch das Haar. »Ich denke, ich bin über den Punkt rüber.«
Ken lächelte. »Es kommt nach. Glaub es mir. Ich brauche dich voll einsatzfähig, wenn auch im Moment keine unmittelbare Gefahr besteht.«
Dan sah das ein und suchte sein Zimmer auf. Jedes Mitglied des MTRD besaß einen Raum im Institut, in das es sich vor einem Start zurückziehen konnte.
Dan duschte ausgiebig und legte sich dann hin. Er schlief fest und traumlos.
Gegen fünf Uhr am nächsten Morgen erwachte er. Er fühlte sich fit. Die kalte Dusche tat ihr Übriges, dann zog Dan sich an, um in der Kantine ein Frühstück einzunehmen. Er zog eine frische Jeans an und wollte das Jackett auf den Bügel hängen, als er etwas in der Außentasche erfühlte.
Mit gerunzelter Stirn griff er in die Tasche und fühlte etwas Hartes, Glasartiges. Er zog es hervor und blickte verblüfft auf einen in Diamantform geschliffenen Kristall. Der Durchmesser mochte wohl sechs oder sieben Zentimeter betragen. Er schimmerte leicht orange. Dan hielt das Ding näher ans Fensterlicht. Im Innern schien etwas zu pulsieren.
Dan war ratlos.
Wie kam dieses Etwas in seine Tasche?
Yvonne fiel ihm ein. Sollte sie ihm?
Er schüttelte den Kopf. Aus welchem Grund?
Dan steckte das merkwürdige Ding in die Hosentasche und verließ das Zimmer.
In der Kantine hielten sich nur zwei Techniker auf. Dan setzte sich auf die Terrasse und genoss während des Frühstücks einen herrlichen Sonnenaufgang.
Gerade gönnte er sich die zweite Tasse Kaffee, als Claire auftauchte.
»Hoppla! Aus dem Bett gefallen?«
Dan grinste. »Mein Biorhythmus ist etwas durcheinander.«
»Kann ich mir denken.« Sie holte sich ein Tablett und bald saß sie mit einem Frühstück dem Freund und Kollegen gegenüber.
»Erzähl mal! Wie war’s in Spanien?«
Dan zuckte die Achseln. Dann berichtete er von seinem Unfall.
»Oh Manno!«, rief Claire. »Das hätte schief gehen können.«
Dan hob die Schultern. Von dem Grabstein sagte er nichts. Stattdessen legte er den Kristall auf den Tisch.
»Was hältst du davon?«
Neugierig nahm Claire den Kristall auf. »Woher stammt er?«
Dan beugte sich vor und stützte das Kinn auf die Hände. »Wenn ich das mal wüsste …«
Claire rümpfte die Nase. »Du musst doch wissen, von wem du das Ding hast?!«
Dan berichtete von der Begegnung auf dem Airport in Barcelona.
»Du nimmst an, diese Yvonne hat dir diesen Stein, oder was immer es sein mag, in die Tasche gesteckt?«
Dan lehnte sich zurück und blickte auf die Skyline von San Francisco. »Eine andere Lösung fällt mir nicht ein.«
Claire drehte den Kristall in der Hand. »Wir könnten ihn im Labor untersuchen lassen«, schlug sie vor.
Dan empfand das als gute Idee.
Der Cheflaborant staunte ebenso wie Claire und Dan vorher. »Da pulsiert etwas«, brummelte er.
»Das haben wir auch gesehen«, kam es etwas gereizt von dem jungen Studenten.
Der Laborant zwinkerte mit einem Auge. »Dann machen wir mal ein paar Tests.«
Zwei Stunden später blickten alle drei ratlos auf das merkwürdige Ding.
»Nichts, was sich mit irgendeiner bekannten Materie vergleichen lässt«, seufzte der Laborchef. »Scheint eine Symbiose aus künstlicher Materie und Diamant zu sein.«
Ken kam hinzu. »Was habt ihr da?«
Erneute Erklärung – Kopfschütteln bei Ken – Gleiches beim Laborant – stummes Draufstarren.
Endlich löste sich Ken aus seiner steifen Haltung. »Kannst du mit dieser Yvonne da Silva Kontakt aufnehmen?«
Dan verneinte. »Sie hat meine Telefonnummer. Ich weiß nur, dass sie nach Paris fliegen wollte.«
Ken zog zischend Luft durch die Zähne. »Mal sehen, was unser Supercomputer über die Dame weiß.«
Sie betraten einen anderen Raum. Hier wimmelte es von Technikern. Monitore flimmerten und eine Art Sphärenmusik hing in der Luft.
Ken trat an einen kompakt wirkenden PC. Über die Tastatur gab er einen Suchmodus ein und dann den Namen.
»Ich dachte es mir. Yvonne da Silvas gibt zweitausendeinhundertsiebzig Personen.«
»Hm«, machte Claire. »Gibt es vielleicht ein paar Fotos im Netz?«
»Nur, wenn sie irgendwie prominent sind oder besondere Verdienste ausweisen … Mal sehen.«
Ken ging in die entsprechende Suchfunktion. Eine ganze Bilderkolonne öffnete sich. Ken scrollte langsam. Plötzlich rief Dan: »Stopp! Da ist sie!« Er zeigte auf ein Portrait.
Ken runzelte die Stirn. »Nee – das kann nicht sein.«
»Wieso?«, fragte Dan.
»Yvonne da Silva – mehrfach ausgezeichnete Physikerin – besonders im Forschungsbereich …« Ken ging näher heran und seine Stimme wurde leiser. »… im Forschungsbereich Zeitströme und deren Paradoxen.« Sein Blick ruckte zu Dan.
»Ja und?«, rief dieser aufgeregt.
»Sie wurde am 4. April 1983 in Paris von einem Auto überfahren und starb noch am Unfallort. Sie war zu der Zeit 31 Jahre.«
Dan wurde bleich.
»Was?«, hauchte Claire.
Ken zuckte die Achseln. »Entweder Dan hat mit einem Geist geflirtet oder jemand hat ihm einen Streich gespielt.«
»Was der Stein als ad absurdum erklärt«, warf Claire ein.
In diesem Moment betrat Francine das MTRD. Alle Augen richteten sich auf sie.
Claire ging auf die Freundin zu. »Du bist wieder am Grab von Victoria gewesen«, stellte sie fest, weil Francine die Schuhe in der Hand trug.
Francine nickte nur.
Claire nahm sie in den Arm. »Sitzt es immer noch so tief, trotz der vergangenen Zeit und unserer inzwischen bestandenen Abenteuer?«
Die junge Frau seufzte. »Immer, wenn wir hierher zurückgekehrt sind, ist er wieder da. Der Schmerz.«
Claire nickte. »Ich verstehe das.«
»Weshalb können wir nicht in die Vergangenheit fliegen und Victorias Tod rückgängig machen?«, schrie Francine. »Wir haben das doch schon einmal getan!«
Ken blickte die Teamgefährtin ernst an. »Aus zwei Gründen, Francine.« Seine Stimme wurde ganz sanft. »Erstens – wir würden möglicherweise einen ganzen Zeitablauf ändern. Zweitens – es stimmt. Wir haben Victorias Tod schon einmal ungeschehen gemacht. Den Mord! Aber Victoria starb trotzdem. Wochen danach.«
Francine machte kugelrunde Augen. Sie starrte den Sprecher verklärt an. »Ja und?«
Dan trat vor. »Was Ken zu sagen versucht ist … Egal wie oft wir Victoria retten würden – sie würde wieder sterben. Vielleicht durch eine andere Ursache oder dieselbe – nur zeitversetzt. Das Schicksal ist unausweichlich. Es kann sich höchstens aufschieben.«
Nun nahm auch er die Gefährtin in den Arm. »Willst du in einigen Wochen oder in einem halben Jahr den Schmerz erneut erleben?«
Francine schluchzte auf. »Du meinst, ihr Tod sei unausweichlich?«
Ken nickte. »Genau so ist es. Wir könnten nach Troja fliegen und Hector retten. Oder Pentheseleia … Sie würden trotzdem im Kampf um Troja umkommen. Vielleicht anders, vielleicht viel später, aber sie würden sterben.«
Francine schniefte und rannte davon.
Dan hob die Hände. »Was nun?«
Ken deutete auf die eiserne Tür, hinter der sich der Startraum des Gliders verbarg. »Wir bereiten uns auf die Mission vor.«

MTRD – nächster Morgen

»Na? Alles ausgeruht?«
Kens Stimme klang außergewöhnlich fröhlich.
Dan und Claire blickten sich an. »Was ist denn mit dem los?«, flüsterte Dan.
Claire lächelte nur still.
Doch Dans Gedanken wurden unterbrochen, als Francine auftauchte. Ken blickte sie forschend an. »Alles in Ordnung mit dir?«, fragte er leise.
Francine nickte. »Mach dir keine Sorgen. Alles im grünen Bereich.«
»Okay. Dann seht noch mal hier auf den Monitoren in die Aufzeichnungen. Uns wird Erdenklima erwarten – atembare Luft – das Wetter wird ähnlich sein, nur …«
Dan zog die Augenbrauen zusammen. »Nur?«
Ken verzog etwas die Lippen. »Man weiß nie. Wir kennen nicht den Charakter der sich dort entwickelten Menschen. Es kann uns Friedliches erwarten, aber auch Kriegerisches. Uns ist auch nichts über die Technik dort bekannt.«
Claire hob theatralisch die Arme. »Also wie immer!«
Ken lachte leise. »Ja – wie immer. Dann lasst uns zum Glider gehen.«
Der Startraum glich einem Ameisenhaufen. Techniker huschten herum, leichter Kondensdampf trat aus einigen Ventilen aus … Die Hektik erinnerte ein wenig an einen Raketenstart auf Cap Canaveral. Mit dem Unterschied – alles war etwas kleiner und unterirdisch.
Hinter der Panzerglasscheibe saß das Kontrollteam.
Ken begrüßte Professor Frey. »Hallo«, rief er in das Mikrofon, dass die Sprachverbindung vom Startraum zum Kontrollraum herstellte. »Schön Sie auch mal wieder zu sehen. Haben Sie Ihren Forschungsauftrag bei der NASA abgeschlossen?«
Der grauhaarige Raum-Zeit-Experte lächelte. »Ihre Mission gehört dazu. Deshalb bin ich diesmal wieder dabei.«
»Na dann … wird schon schief gehen.«
Frey winkte.
Das Team legte die Spezialanzüge an. Dan verstaute einige persönliche Utensilien noch in einem Beutel, den er am Gürtel trug. Dabei wog er sinnierend den Kristall in der Hand. Heute schimmerte er wie Bernstein. Das Gesicht Yvonnes tauchte vor seinem geistigen Auge auf. Die Begegnung stellte sich sonderbar dar. Doch dann gab er sich einen Ruck. Nach der Mission würde er versuchen, den Sachverhalt zu klären. Er ließ den Kristall in den Beutel rutschen.
Eine halbe Stunde später gingen sie zum Glider zurück. Die Einstiegsluken standen offen.
»Start in Null minus 30 Minuten«, ertönte die Stimme von Professor Frey, der die Flugkontrolle inne hatte. »Alle Koordinaten sind auf den Pilotenmonitor kopiert. Die Rückflugdaten im Memory-Logbuch.«
Ken hob nur die Hand. Beim Memory-Logbuch handelte es sich um eine Entwicklung aus Victorias Welt. Es verhinderte, dass der Glider sich im Zeitstrudel verlor.
Alle nahmen ihre Plätze ein, die Zeitreisenden legten die Sicherheitsgurte an. Die Daten und Systeme wurden gecheckt.
»Start in Null minus 10 Minuten«, erklang Freys Stimme wieder.
Ken rückte das Helmmikrofon zurecht. »Schaltet auf Eigenlufterzeugung, falls wir ins Nichts trudeln oder die Berechnungen falsch sein sollten.«
Eigentlich stellte sich alles inzwischen als Routine dar. Doch gerade darin lag eine Gefahr. Alles wurde zu selbstverständlich.
»Startphase«, kam es vom Kommandoraum. »Neu – acht – sieben – sechs – fünf – vier – drei – zwei – eins – Start!«
Das Triebwerk gab vollen Schub. Das Team wurde in die pneumatischen Sitze gepresst. Die Wand raste auf sie zu … wurde größer … und größer …
Alles verschwamm um die Sichtfenster des Gliders. Plötzliche Stille.
Dann einige farbige Wirbel … ein Rauschen … Der Glider tauchte in ein tiefes Blau. Wolken fetzten an den Sichtluken vorbei. Dann wurde der Blick frei auf eine wunderbare, südseeähnliche Landschaft.
Malerische Inseln, an deren weißen Stränden sich die Wellen eines magischgrünen Meeres brachen.
»Wunderb…«
Wunderbar wollte Claire sagen, als sie verstummte und nur den Mund geöffnet hielt.
»Was ist los?«, fragte Ken irritiert.
Schweigen.
»He – Claire! Was hast du?«
Francine wandte sich um und sah das kalkweiße Gesicht der Team-Gefährtin. Deren Mund öffnete und schloss sich, ohne dass sie einen Ton von sich gab. Doch Claire hatte die Situation bereits erfasst und schluckte schwer.
Ken wurde ungemütlich. »Kann mir bitte jemand sagen, was los ist?«
»Dan ist weg«, kam es rau, als habe Claire Schmirgelpapier in der Kehle.
Ken zuckte zusammen. »Bitte was?«
Er wandte sich um. »Das glaub ich jetzt nicht«, hauchte er.
Doch es gab keinen Zweifel – während des Hypersprungs war Dan verschwunden.

MTRD – zur selben Zeit

Professor Frey starrte auf den Monitor.
»Was … ist denn das?«, krächzte er und griff sich nervös mit der rechten Hand an den Hals.
Er sah deutlich als Linie den Sprungverlauf des Gliders und das Eintauchen in die Raumellipse zur Existenz-Ebene der Welt 4-0-9.
Aber er sah noch etwas anderes.
In dem Augenblick, in dem er das Echo innerhalb der Bahn wahrnahm, klingelte es auch im Raum-Zeit-Taster.
»Was bedeutet das?«, rief einer der weißbekittelten Techniker.
Freys Finger rasten über die Tastatur des Kontroll-Computers.
»Himmel-Donnerwetter! So was gibt es nicht!«, rief er.
»Hat der Glider statt eines Ebenensprungs einen Zeitsprung gemacht?«, fragte ein anderer Techniker und starrte auf die wirbelnden Linien des Monitors.
Frey schüttelte den Kopf. »Nein! Der Gliderflug läuft normal. Das Team hat 4-0-9 erreicht und befindet sich in der Luftbahn.«
»Aber jemand hat einen Zeitsprung gemacht«, beharrte der Techniker.
»Das sehe ich auch!«, giftete Frey. »Aber das ist unmöglich! Ein Glider kann entweder zu einer Parallelwelt fliegen oder einen Zeitsprung machen. Der Glider befindet sich in unserer Zeit, nur in einer parallel verlaufenden Existenzebene.«
»Aber was ist es dann?«
Da vernahmen sie auch schon über die Spezialfrequenz Kens Stimme. Was er sagte, ließ allen im Kontrollzentrum das Blut gefrieren.
»Dan ist … weg?« Frey wurde noch blasser. Er aktivierte einen Fächer von Tasterstrahlen. Der erfasste ein Vibrationsfeld kurz vor der Eintauchebene des Gliders zu 4-0-9.
»Das habe ich noch nie erlebt«, jappste der alte Professor. »Ken – vor dem Eintritt des Gliders in 4-0-9 hat sich links von euch ein Zeitfenster geöffnet.«
Einen Moment war es still. Dann sagte Ken heiser: »Links saß Dan.«
Frey schloss die Augen für einen Moment. Dann kam es emotionslos: »Mission X/4/R4-0-9 hat ein Teammitglied verloren. Totalverlust.«
»He!«, rief Ken. »Was wollen Sie damit sagen, Professor?«
Frey stieß die Luft aus. »Wenn Dan während des Eintritts in ein Zeitfenster geraten ist – Einsteins Verschiebungstheorie von der Chronologie eines Ablaufs – ist er im Zeitgefüge verloren.«
»Quatsch! Wir müssen ihn da raus holen!« Kens Stimme überschlug sich.
»Keine Chance, Ken. Er ist für immer im Zeitwirbel verschwunden. Vielleicht findet jemand in Jahrmillionen seine Leiche.«
Schweigen.
Nach fast einer Minute erklang erneut Kens Stimme. »Wir suchen einen Landeplatz. Mission wird durchgeführt, wie geplant.«

4-0-9 Alpha

Claire sah die Welt nur durch einen Tränenschleier.
»Das kann nicht sein«, flüsterte sie.
Ken musste mehrmals schlucken, bis er antworten konnte. »Unser Freund ist tot. Ein Unfall, den niemand vorhersehen konnte.«
»Aber … wieso?«, kam es kaum hörbar von Francine.
Ken antwortete nicht. Was hätte er auch sagen sollen?
Er steuerte den Glider zu einer Ebene, auf einer wie Stimmgabel geformten Insel. Als der Glider den sandigen Boden berührte, spritzte eine gewaltige nebelartige Fontaine zu beiden Seiten auf, der Glider verlangsamte und stand.
Stille!
Ken blickte auf die Atmosphärenangaben der Kontrollinstrumente.
»Claire – Wärmetaster ein. Gibt es Lebewesen in der Nähe?«
Als die Freundin sich nicht rührte, rief er: »Verdammt! Auch mir geht Dans Tod nicht am Arsch vorbei. Aber wir haben eine Sache hier zu erledigen!«
Die junge Frau schreckte aus der Starre hoch. Sie sendete die Tasterwellen zu allen Seiten.
»Keine Lebewesen hier.«
Ken rieb sich über die Augen. Innerlich war er total aufgewühlt. Doch er hatte hier nervlich eine Vorbildfunktion auszuüben. Dennoch griff er sanft nach Claires Hand.
»Es muss auf dieser Welt Leben geben. Das hat der Evolutionscheck eindeutig ergeben.«
Claire suchte weiter. Sie dehnte das Tasterband aus.
»Schwaches Echo von Süd«, gab sie bekannt.
Ken runzelte die Stirn. »Süd? Da ist nur … Moment. Tasterwelt auf Unterwasserbauten ausrichten.«
Claire gab die entsprechenden Daten ein. Da materialisierte sich das Echo.
»Manno! Ich sehe hier eine gewaltige unterseeische Stadt.«
Ken wandte sich um. »Bekommst du Genaueres raus?«
»Moment.« Sie verstärkte das Tasterfeld.
»Unzählige Unterwasserfahrzeuge«, rief sie aus. »Die haben ihre gesamte Zivilisation im Meer aufgebaut.«
Francine machte große Augen. »Wieso das?«
Ken lächelte verunglückt. »Das müssen wir eben herausfinden. Hoffentlich sind es friedliche Wesen.«
»Na«, machte Claire. »Jedenfalls intelligent und technisiert.«

Pyrenäen

Stöhnend rappelte Dan sich auf.
Er hatte sich den Kopf angeschlagen und trotz des Helmes fühlte er sich benommen.
Der junge Mann brauchte zehn Minuten, um wieder klar zu denken.
Was war passiert?
Er hatte im Glider gesessen. Er vernahm Kens Stimme und dann …
Ein Sog hatte ihn ergriffen und er erinnerte sich nur an rote und grüne Wirbel – er raste durch eine Art Tunnel. Dann wurde es finster um ihn.
Bis jetzt.
Mit zwinkernden Augen blickte er in eine hochstehende Sonne. Er blickte auf seinen PDA, doch das angeblich bruchsichere Gehäuse wies Risse auf und das Glas war zersplittert.
Er fluchte.
So konnte er weder eine Ortsangabe noch eine Zeitmessung machen.
Er war abgeschnitten. Von den Freunden und von der restlichen Welt.
Wankend erhob er sich. Verdammt! Wo befand er sich? Was war passiert?
Er nahm den Helm vom Kopf. Warme, aber wunderbare Luft umschmeichelte ihn. In der Ferne vernahm er Meeresrauschen.
Dan sah sich um. Er stand in einer Art Geröllrinne. Über ihm wölbte sich stahlblauer Himmel.
»Na, wenigstens regnet es nicht«, stieß er sarkastisch hervor.
Er kroch auf allen Vieren die Rinne hinauf und sah dürres Gras. Aber er sah noch etwas anderes: Zwei stabile Beine in abgewetzten Stiefeln.
Dann krachte etwas auf seinen Schädel.
Wieder wurde es Nacht um ihn.
Als er endlich mühsam wieder zu Bewusstsein kam, stellte er fest, dass er sich nicht bewegen konnte. Über sich sah er einen völlig klaren Sternenhimmel.
Und er roch den Rauch eines großen Feuers.
Dann vernahm er eine Stimme. Eine laute, schimpfende, vor Wut hysterische Stimme.
»Lass mich los, du verdammter Bastard! Ich ziehe dir die Haut ab!«
Dan zweifelte an seinem Verstand. Hatte ihm der Hieb so zugesetzt?
Er verstand sogar, was die Stimme rief. Das war Griechisch. Altgriechisch.
Die Stimme gehörte einer Frau.
Auf ihr Schimpfen vernahm Dan nur ein grölendes Gelächter.
Aber …
Er musste schlucken.
Die Stimme kannte er. Es war lange her. Doch er hätte sie unter hunderten wiedererkannt.
»Das … kann … nicht sein«, murmelte er außer sich.

4-0-9 Alpha

»Okay«, sagte Ken. »Eine Zivilisation unter Wasser.«
Er hatte das noch nicht ganz ausgesprochen, als es in der Nähe des Landeplatzes vom Wasser her tosend rauschte.
Das Team wirbelte herum.
Ein mächtiges, bläulich schimmerndes, utopisch wirkendes U-Boot tauchte auf.
An dem turmartigen Aufbau waren zwei sich küssende Delphine aufgemalt.
Das Team ging sogleich hinter dem Glider in Deckung. Obwohl es Unsinn war, denn auf der breiten Sandebene des Ufers konnte man den Glider kaum übersehen.
Harte Wellen schlugen weit über den Strand. Ein Luk oben am Turmaufbau des Unterseebootes wurde geöffnet. Wenig später tauchten zwei menschliche Wesen auf. Gekleidet in blaue Anzüge – tongleich mit der Lackierung des Schiffes.
»Wir sollten uns zeigen«, flüsterte Francine. »Sonst hält man uns für einen Feind.«
Claire schluckte trocken und merkte heiser an: »Woher weißt du, dass das dort keine Feinde sind?«
»Weiß ich nicht. Aber nützt uns auch nichts!«
Ken nickte. Alle drei traten aus dem Schatten des Gliders heraus.
Eine der Personen – eine Frau mit langer blonder Haarmähne – richtete eine Art Stab auf die Gruppe.
»Das wird eine Waffe sein. Also verhaltet euch ruhig«, mahnte Ken.
Ein automatisches Fallreep fuhr aus – bis auf den Sandstrand. Ein Seitenschott öffnete sich mit leichtem Zischen, dann stürmten fünf Männer heraus und hielten gleichfalls stabähnliche Waffen auf sie.
Der erste rief etwas, was das Team nicht verstand.
Doch Ken machte das internationale Zeichen für Frieden und hoffte, dass man es auch hier verstand.
Nun tauchte die blonde Frau hinter der Gruppe auf. Sie kam auf die drei Teammitglieder zu und blieb in einer Entfernung von vielleicht fünf Metern vor ihnen stehen. Ihre nixengrünen Augen musterten die Gruppe.
Ken setzte sich in den Sand. Die beiden jungen Frauen taten es ihm gleich.
Noch besser konnte man nicht ausdrücken, dass man nicht in Feindschaft erschienen war.
Die Haltung schien die Frau zu irritieren.
Ken hatte es geschafft, unauffällig das Translationsgerät einzuschalten, das er auf der Brust trug. Eine neue Errungenschaft, die erst kurz vor dem Start fertig geworden war.
»Ich bin die Kommandantin des Aquabootes«, erklang klar und deutlich eine angenehme, übersetzte Stimme aus dem Gerät.
Die Blonde stutzte, als sie wie ein Echo ihre Stimme aus dem Lautsprecher des Gerätes hörte.
Ken sagte in normalem Tonfall: »Wir kommen von einer Parallelwelt zu Ihnen. Wir sind zu … dritt.« Er stockte etwas. »Wir sind ein Forschungsteam.«
Die Blonde runzelte die Stirn. »Ein Forschungsteam? Von einer Parallelwelt?«
Ken nickte. »Richtig. Parallelwelten …«
»Ich weiß, was Parallelwelten sind!«, kam es scharf von der Kommandantin.
Ken war verblüfft.
Die Kommandantin fuhr dann in gemäßigtem, aber trotzdem leicht arrogantem Tonfall fort: »Wir haben Sie von der Zentrale aus geortet, als Sie in unseren Orbit eintauchten.«
Sie machte eine geringschätzige Handbewegung zu dem Glider. »Kommt ihr damit aus der Steinzeit?« Sie lachte gurrend.
Ken war zu keiner Antwort fähig.
»Ich heiße Norma«, nannte die Frau ihren Namen. Sie deutete zu dem Fallreep. »Kommt an Bord!«
Ihre Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Das Team gehorchte.
Ken warf noch einen Blick zurück zu dem Glider.
Norma lachte wieder auf. »So eine Antiquität stiehlt hier keiner!«
Das Aquaboot – wie die Kommandantin es genannt hatte – ließ das Team nur staunen. Es hatte absolut nichts gemein mit den U-Booten, die man auf der Real-Erde kannte.
Die Kommandozentrale hätte Filmemacher in Hollywood vor Neid erblassen lassen.
Seekarten projizierten sich als Hologramme, dreidimensionale Computerschirme beherrschten ein Halbrund von einem Halbmesser von vier Metern.
Norma führte das Team in einen hypermodernen, sehr bequemen Aufenthaltsraum mit Bar. Leise, sphärenartige Musik erklang aus versteckten Lautsprechern.
Als Norma Claires Blick erfasste, sagte sie: »Keine Musik! Das sind Wale.«
»Wale!«, rief Francine. »Gibt es hier noch viele davon?«
Norma machte ein betrübtes Gesicht. »Unsere Vorgenerationen sind nicht sehr pfleglich mit den Meeressäugern umgegangen. Aber in mühevoller Arbeit konnte wieder eine große Zahl herangezüchtet werden. Unsere Aufgabe besteht unter anderem darin, die Tiere vor Wilderern zu schützen. Leider gibt es sie immer noch.«
Damit wandte sie sich einer jungen Frau – gleichfalls in blauer Uniform – an der Bar zu und sagte: »Sorgen Sie für unsere Gäste, Lieutenant Paris.«
Damit verließ die Kommandantin den Raum.
An einer leichten Vibration stellte das Team fest, dass das Boot Fahrt aufnahm.
Francine beugte sich zu Claire und raunte: »Irgendwo ist mir dieses Wappen schon mal untergekommen. Es fällt mir nur nicht ein.«
Das Team bekam Drinks und etwas zu essen. Nach etwa einer Stunde kehrte Norma zurück. »Wir laufen jetzt in den Hafen der Hauptstadt ein. Dort werdet ihr abgeholt und zum Hohenrat gebracht.«
Ken ließ die Luft ab. »Zum Hohenrat! Na dann …«
Es vergingen noch fünfzehn Minuten, dann erschienen vier Männer, denen man ansah, dass es besser war, keinen Widerstand zu leisten. Zwar verhielten sie sich freundlich, aber bestimmend.
Der Weg führte wieder durch die Zentrale und dann über das Fallreep. Dort blieben alle drei wie angewurzelt stehen.
Was sie zu sehen bekamen, nahm ihnen die Luft. Eine mächtige, domartige Halle – mindestens achtmal größer als der Berliner Hauptbahnhof. Um die zwanzig U-Boote konnte Ken in kurzer Zeit ausmachen.
»Das ist … gewaltig!«, stieß er aus.
Hinter ihm erklang ein fröhliches Lachen.
Norma!
»Vielleicht werdet ihr noch mehr staunen – falls …« Ihr Gesicht wurde ernst. »… falls ihr nicht doch Feinde seid.«
»Sind wir nicht!«, sagte Ken selbstbewusst.

Pyrenäen

Dans Bewusstsein hatte wieder voll eingesetzt.
Er stellte fest, dass man ihn gefesselt hatte. Aber er konnte den Kopf bewegen und in seinen Gesichtskreis kam ein kreuzartiges Gestell. Daran hatte man eine Frau gebunden. Halb entkleidet und mit blutigen Schrammen übersät. Wie ein schwarzer Vorhang hing das Haar über ihrem Gesicht.
Vor ihr hatte sich ein Bulle von Kerl aufgebaut. Er trug ein speckiges Lederwams und ein kurzes Schwert im Gürtel. Sein wildes rotes Haar hing wirr und ein ebensolcher Vollbart zierte den Rest des Gesichtes.
»Halt die Klappe!«, knurrte er gleichfalls in der griechischen Sprache, aber mit hartem Akzent. »Du gehörst zu dieser Burg, die mein Herr schon mehrfach versucht hat zu zerstören.«
»Dein Herr ist ein …«
Die Gefangene spie ein Schimpfwort aus. Das brachte ihr sogleich eine deftige Ohrfeige ein. Ihr Kopf flog gegen das Holzgestell.
Dan hielt die Luft an. Es war ihm gelungen, die groben Stricke an den Handgelenken zu lockern. Die Füße hatte er frei. Vermutlich nahm man nicht an, dass von ihm eine besondere Gefahr ausging.
Vorsichtig sah er sich um. Alles konzentrierte sich auf die Gefangene. Dan zählte um die dreißig verwegen aussehende Männer. Ihm am nächsten stand der Bursche, der die Gefangene gerade geohrfeigt hatte. Dan spürte das Gewicht der Pistole. Ken hatte ihm vor dem Start die Notfallwaffe übergeben.
Doch der junge Mann wusste nicht, ob die Waffe den Sturz unbeschadet überstanden hatte. Wenn er eine herkömmliche Laserwaffe hätte, kein Problem. Aber so konnte er nicht einschätzen, ob er alle von den Burschen mit dieser Waffe ausschalten konnte. Die Kapazität der Notfallwaffe war begrenzt.
Dans Blick konzentrierte sich also auf den seitlich vorstehenden Schwertgriff des Burschen.
Langsam, wie in der Zeitlupe, richtete er den Oberkörper auf. Er zog die Beine an den Körper – dann … ein gewaltiger Satz – das Schwert ergriffen und dem Burschen an die Kehle gesetzt.
Der war so verblüfft, dass er weder einen Laut von sich gab, noch sich bewegte.
»Wenn du nicht still stehst, habe ich deine Halsschlagader durchgeschnitten. Dann reitest du zu deinen Göttern!«, zischte Dan.
Der Koloss von Krieger stand wie versteinert. Nun hatten einige seiner Mitstreiter den Vorfall bemerkt.
»Halte die Männer zurück, dann bleibst du am Leben!«
Der Koloss hob eine Hand halb hoch und rief: »Bleibt, wo ihr seid!«
Inzwischen hatte auch die Gefangene mitbekommen, dass etwas vorgefallen war. Sie warf mit einer harten Kopfbewegung das Haar aus dem Gesicht und starrte Dan an, als sehe sie einen Geist.
Dan brachte seinen Mund nahe an das Ohr des Anführers. »Deine Männer sollen alle ihre Waffen hier gut sichtbar auf einen Haufen werfen.«
Der Hüne gab den Befehl weiter.
Nach fünf Minuten lagen alle Schwerter und Messer auf dem Boden.
»Fein! Jetzt soll einer der Männer die Frau losmachen.«
Auch das passierte.
Die Gefangene sank erschöpft zu Boden.
»Gut«, kam es von Dan. »Nun befiehl deinen Männer, sich zurückzuziehen. Mindestens hundert Meter zum Strand dort hinten.«
Murrend und vor Zorn zitternd gab der Hüne den Befehl.
Erst als alle Männer keine Gefahr mehr darstellen konnten, zog Dan blitzschnell das Schwert weg und hieb es mit dem Griff auf den Schädel des Burschen. Der sackte wie vom Blitz getroffen zusammen.
Drüben johlten die Männer, doch Dan rief: »Wenn einer näherkommt, ist euer Anführer tot!«
Die Männer blieben, wo sie waren.
Dan kniete neben der Gefangenen. Diese hob den Kopf.
»Wo kommst du so plötzlich wieder her? Es sind Jahre vergangen …«
Dan lächelte. »Vielleicht hatte ich Sehnsucht nach einer außergewöhnlichen Frau?«
Ein verunglücktes Lächeln stahl sich in das Antlitz der Gefangenen.
Dan nahm sie in den Arm. »Wie bist du in die Hände dieser Burschen geraten, Sherazeda?«
»Ein Hinterhalt«, flüsterte die Araberin. »Ich habe nicht aufgepasst.«
Dan zog hart die Luft ein. »Wird die Burg belagert?«
Sherazeda schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Aber diese Männer sind Childerichs Schergen.«
Dan schaute sich um. Zwei reiterlose Pferde trabten aus dem Dickicht.
»Wie weit ist es von hier bis zur Burg?«, wollte er wissen.
»Die Zeit, die du drei Stunden nennen würdest.«
Dan war klar, dass die erschöpfte Sherazeda einen solchen Ritt nicht aushalten würde.
»Wo liegt die nächste Ansiedlung?«
Sherazeda deutete über Dan hinweg. »Rosaria, eine halbe Stunde.«
Der Hüne regte sich. Dan lief zu ihm hin und fesselte ihn rasch. Als der Bursche wieder zu sich kam, herrschte Dan ihn an: »Hör zu, Bastard – du kommst mit uns. Machst du Zicken, hat dein letztes Stündlein geschlagen.«
Der Hüne hatte sicherlich nicht den Wortlaut der Redewendung verstanden, aber den drohenden Ton.
Zu seinen Göttern wollte er dann doch noch nicht.

4-0-9 Alpha

In einem torpedoförmigen Gefährt jagten sie durch ein Röhrensystem – wie in einer Rohrpost. Die rasante Fahrt dauerte vier Minuten, dann stiegen sie in einer halbrunden Halle aus. Zahlreiche Menschen in Anzügen, die von der Mode her futuristisch wirkten, bestiegen solche Torpedobahnen oder eilten durch die Halle, über endlose Laufbänder, die zu verschiedenen Etagen der Halle führten.
Norma zeigte zu einem großen ovalen Fenster. Dahinter erkannte man unzählige Lichter. Still stehende und sich bewegende.
»Das ist unsere Hauptstadt. Poseidonis.«
Ken bekam einen pelzigen Geschmack auf der Zunge und auch Claire machte große Augen.
»Atlantis«, hauchte sie.
Norma nickte. »Ja – so heißt unser gesamter Kontinent. Es gibt sechsunddreißig Städte. Sie sind durch Rohrbahnen verbunden.«
Ken blickte die große Blonde an. »Weshalb unter Wasser?«
»Vor einigen Jahrhunderten wurde unsere Landzivilisation durch einen Meteoriteneinschlag zerstört. Der Aufschlagort lag etwa achthundert Meilen entfernt, aber die Flutwelle riss zwei Drittel unserer Städte mit sich. Ein großer Teil unseres Kontinents versank unwiederbringlich im Meer. Vulkane brachen aus und zerstörten Weiteres. Es brauchte vier Generationen, um sich davon zu erholen und einen neuen Staat aufzubauen. Unter Wasser ist es am sichersten. Kommt!«
Das Team musste diese Meisterleistung der Bautechnik erst einmal verdauen.
Norma führte die drei über viele Rollbänder, Brücken, fuhr mit ihnen in Aufzügen, bis sie nach einer halben Stunde vor einem mehrstöckigen, wabenartigen Gebäude standen.
»Hier residiert der Hoherat – oder auch unsere Regierung.«
Norma wandte sich an einen ihrer Begleiter. »Führt unsere Gäste in ihr Quartier. Der Präsident wird sie morgen Früh empfangen.«
Ehe jemand des Teams etwas erwidern konnte, war Norma verschwunden.
Das, was Norma so leichthin als Quartier bezeichnet hatte, erwies sich pompöse Suite.
»Heiliger Bimbam!«, stieß Ken ehrfurchtsvoll aus.
Claire lachte leise. »Das zeigt aber doch, dass man uns nicht für Feinde hält. Sonst säßen wir sicher irgendwo tief unter dem Meeresboden in einer Zelle.«
Francine ließ den Blick schweifen und lächelte. Dann zupfte sie die Freundin am Ärmel ihrer Uniform und zog sie ins Bad. Dort drehte sie die wie Bronze schimmernden Wasserventile auf. Dann brachte sie ihren Mund ganz dicht an Claires Ohr.
»Hinter dem Venezier-Spiegel befindet sich eine Kamera. Und in dem barocken Deckenlüster sind winzige Spalten, die mit Sicherheit Mikrofone sind.«
Claire machte große Augen. Francine wusch sich die Hände. Laut sagte sie: »Ist das nicht ein Luxus?! Wunderbar!«
Claire schaltete sofort. »Ja – einfach toll! Außerdem finde ich diese Norma sehr nett. Ich hoffe, sie hat gespürt, dass wir in Freundschaft gekommen sind.«
»Ich denke schon«, kam es von Francine zurück.
Leise – ohne die Lippen zu bewegen – bemerkte sie: »Wie teilen wir es Ken mit?«
»Das mach ich schon«, gab Claire ebenso zurück.
Sie betraten den Salon wieder. Ken schaute beide an. »Na – kollektives Pippimachen?« Dabei grinste er.
Claire kam leichtfüßig auf den Freund zu und umarmte ihn. Dabei flüsterte sie: »Wir werden beobachtete und abgehört.«
Ken zuckte nur unmerklich. »Ich dachte es mir schon, war mir aber nicht sicher.«
Sie lösten sich voneinander, schauten sich an wie ein verliebtes Paar, das sie waren, dann schauten sie sich weiter um. Francine hatte einen Kleiderschrank entdeckt.
»He – man ist hier aber modisch bestens auf dem Damm!«
Sie fanden etwas in passenden Größen und konnten sich so ihrer etwas unbequemen Uniformen entledigen.
Auch Ken fand eine passable Kluft.
Sie hatten gerade geduscht und sich umgezogen, als Norma auftauchte.
Die Kommandantin trug nun auch keine Uniform mehr, sondern ein bis zum Knie reichendes Kleid mit abgesetztem Ausschnitt. Dazu trug sie die passenden Pumps. Alles in azurblau.
An ihrem schlanken Hals glitzerte eine dünne Kette mit dem Emblem der Delphine.
Sie lächelte.
Keine Spur ihres vorherigen herrischen Verhaltens.
»Kommt mit. Ich zeige euch die Stadt und wir gehen etwas essen.«
Das Team war einverstanden.

Rosaria, eine andere Zeit

Sie hatten in einer Mühle Zuflucht gefunden.
Die Besitzer kannten die Araberin.
Ihr Gefangener – er hieß Cobar – lag gut verschnürt in einem Schuppen.
Nach einem kräftigen Essen und einem Bad erholte sich Sherazeda zusehends.
Dan saß auf einem Schemel neben dem Feuer und schaute die schöne Frau an.
Diese trug nun ein einfaches Kleid, das die Müllerin ihr gegeben hatte.
Die betörend schönen, scheinbar unergründlichen Augen der Araberin ruhten auf Dan.
»Du hast mir vermutlich das Leben gerettet«, sagte sie leise. »Nun sag mir doch, wo du her kommst? Damals – vor … ach sind es schon so viele Jahre … musstest du zurück in deine Welt. Nun plötzlich bist du hier. Dann in solch merkwürdiger Kleidung …«
Dan schloss für einen Moment die Augen. Wie sollte er es ihr erklären? Er wusste es ja selbst nicht. Nervös schob er eine Hand in seine Overalltasche.
Da stutzte er. Er fühlte etwas Hartes. Er zog die Hand hervor und starrte auf den Kristall. Der glühte nun in feurigem Rot.
Sherazeda riss die Augen auf. Ihre Hände zuckten zum Herzen.
»Lamazura! Der Stein des Weltenhimmels! Woher hast du ihn?«
Die letzten Worte schrie sie fast. Mit tellergroßen Augen sah sie Dan an.
Dan schüttelte den Kopf. »Ich bekam ihn von einer jungen Frau … Mehr weiß ich nicht.«
Sherazeda sank in die Knie. »Oh große Göttin, Mutter allen Seins, du hast Dan zu deinem Boten gemacht.«
Dan blickte die schöne Frau ratlos an.
Diese legte ihm ihre Hände auf das Knie. »Verstehst du nicht? Du musst Diana-Astarte persönlich getroffen haben. Nur sie konnte dir den Stein geben.«
Dan wedelte mit den Armen. »Was redest du da? Es war auf dem Flughafen in …«
Er verstummte.
Die Araberin lächelte. »Sie hat gewusst, wo sie dich finden kann. Der Kristall hat dich hergebracht. Denn es ist eine uralte Legende. Ein Kristall aus wechselndem Licht hält den Weltenhimmel zusammen. Er leitet die Götter sicher über das Firmament.«
In Dans Kopf rotierte es.
Der Start zur Parallelwelt. Was passierte da? Ein Hyper-Energiefeld wurde aufgebaut. Es beeinflusste auch die Zeit. Man sprach vom Einsteinschen Raum-Zeit-Strahl. Er reichte von der Vergangenheit zur Zukunft und in unzählige Parallelebenen.
Konnte es sein, dass dieser Kristall wie ein Katalysator gewirkt und ihn in die falsche Ebene geschleudert hatte? Über den Himmel leiten? Oder durch die Himmel leiten? Jede Legende besaß einen ernsten Hintergrund.
Aber weshalb genau hierher? Vor allem – wieso gerade jetzt?
Dan starrte auf den Kristall, dessen rote Farbe in ein leichtes, pulsierendes Orange wechselte.
Er erfuhr, dass Sherazeda im Auftrage Geneviers nach Emporion reiten sollte, um dem Konsul von der neuen Pferdezucht zu berichten. Als sie den Plimizol erreicht hatte, waren ihr Spuren aufgefallen. Etwa zwanzig Reiter mussten an der Stelle vor nicht langer Zeit vorbeigekommen sein. Als sie vorsichtig den Spuren folgte, hatte man ein Netz über sie geworfen. Sherazeda hatte keine Chance zur Gegenwehr gehabt.
Dan nickte, nachdem er den Bericht vernommen hatte. »Diese Burschen hätten dich sicherlich zu Tode gemartert.«
Die Araberin ergriff Dans Hände. »Der Stein der Göttin sollte dich hierher bringen.«
Der Timetraveller schloss die Augen. Diese Yvonne sollte …
Nein! Er schüttelte den Kopf. So was konnte es nicht geben! Es musste eine rationale Erklärung für alles geben.
Doch nun musste er mit der Situation erst einmal fertig werden. Er saß hier fest. Hatte man im MTRD-Center seinen Fehlsprung registrieren können?
Dadurch, dass sein PDA kaputt gegangen war, konnte er keine Verbindung aufnehmen.
Er straffte sich. »Okay«, rief er aus. »Morgen Früh müssen wir versuchen zur Burg zu gelangen. Dann sehen wir weiter.«

Atlantis

Das Nachtleben in Poseidonis unterschied sich kaum von dem in ihrer Realwelt in irgendeiner Großstadt. Norma lachte leise, als sie die erstaunten Blicke der drei Fremden gewahrte.
»Was denkt ihr? Wir seien vergeistigte mythische Wesen?«
Claire fing sich zuerst. »So ungefähr … dachte ich nach der ersten Begegnung. Wieso führst du uns hier so sorglos herum? Denkst du nicht mehr, wir seien feindliche Eindringlinge?«
Norma lachte erneut auf. »Was solltet ihr tun? Mich umbringen? Wozu? Außerdem kämet ihr nicht mehr weg. Euren Glider haben wir unter Verschluss. Rund herum ist Wasser mit einem Tiefendruck, den ihr nicht überleben könntet. Bis zur Oberfläche des Meeres sind es achttausend Meter. Es wimmelt von Haien und bis zum Land sind es sechstausend Seemeilen.«
Claire musste einsehen, dass sie gar nichts gegen dieses Volk unternehmen konnten.
Sie betraten eine kleine gemütliche Bar. Versteckte Illuminationen tauchten die gesamte Unterwasserwelt in ein warmes Licht. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, man befände sich nicht an der Erdoberfläche. Ein Himmel wurde simuliert und nur bei ganz genauem Hinsehen gewahrte man die Kuppel. Ab und zu tauchten in den scheinbaren Wolken Fische auf, was ein eher groteskes Szenario ergab.
Als sie alle vier einen Sitzplatz gefunden hatten, reichte Norma ihnen die Speisekarte. Dann kramte sie in ihrem handtaschenähnlichen Behältnis und zauberte drei winzige schwarze Geräte hervor. Nicht größer als eine handelsübliche Streichholzschachtel.
»Steckt das an. Es sind Translatoren. Aber nicht so unförmig wie euer Model. Es stört auch nur, wenn ihr euch immer zu Ken herüber beugen müsst, um mich richtig zu verstehen.«
Das Team staunte immer mehr.
Norma schüttelte den Kopf. »Leute! Wir haben unzählige Sprachen auf unserer Welt hier. Atlantisch – Meder – Ägyptisch … Wir haben Kontakt zu diesen Menschen und müssen uns verständigen. Von Poseidonis aus wird ein Weltreich geleitet.«
Die drei steckten die Geräte an. Ken schaltete den klobigeren Übersetzer aus. Normas Stimme klang mit einem mal viel weicher. Melodischer.
»Unsere Geräte sind feiner in der Stimmumsetzung.«
Dann schaute Norma auf die Speisekarte und meinte: »Besser ich lese sie vor.«
Ken konnte das nur bestätigen. Die Symbolzeichen stellten ein unüberwindliches Hindernis dar.
Das Team wunderte sich, dass sich auch die Speisen kaum von den ihnen bekannten unterschieden. Außer vielleicht, dass das Steak von der Seekuh kam und nicht vom Rind.
Ein wenig kam er sich vor wie in der Geschichte über Kapitän Nemo von Jules Verne.
Francine beugte sich zu Norma herüber, nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten.
»Wieso seid ihr in keiner Weise überrascht oder beunruhigt, dass wir aus einer anderen Welt hier aufkreuzen?«
Norma – und nun machte das Team wieder Kulleraugen – zündete sich eine Zigarette an.
»Wir kennen sowohl Zeitreiseprogramme wie Parallelwelt-Reisen. Doch vor etwa sechzig Jahren haben wir das schon fallen gelassen. Es ist unnütz. Weit interessantere Forschungsgebiete interessieren uns. So der Erhalt der Fischwelt und der Vegetation. Raubbau führte vor dem Meteoreinschlag schon fast zu einer globalen Katastrophe.«
»Auf unserer Welt läuft es darauf hin«, murmelte Ken. Dann setzte er sich gerader und erklärte: »Wir sind hier, weil in eurem Sonnensystem etwas außer Kontrolle geraten ist.«
Norma schaute amüsiert. »Was sollte das sein? Unsere Satelliten überwachen alles!«
»Scheinbar nicht!«, sagte Ken mit fester Stimme. »Unsere Hyperraumgefügetaster haben das einwandfrei geortet. Es könnte in diesem Planetensystem eine unkontrollierte Veränderung geben, die sich auf diverse Parallelwelten negativ auswirken würde.«
Das Essen kam. Dazu ein ausgezeichneter Wein.
Norma schüttelte den Kopf. »Das ist kaum vorstellbar. Aber morgen wird euch der Präsident empfangen.«
In diesem Moment begann der gesamte Raum zu schwanken. Gläser fielen um. Gäste schrien auf. Eine durchdringende Alarmsirene heulte los. Vor der Bar sah man entsetzt Menschen kopflos herumlaufen. Einige waren gestürzt.
Ein neuer Schlag.
Ein Schrank in der Bar fiel um und die große Frontscheibe zur Fußgängerzone hin barst.
Aus Normas Gesicht war alles Blut gewichen.
»Was … war das?«, flüsterte Francine. Die Freunde sahen sich entsetzt an.
Norma sprang auf. »Ich muss zum Präsidentenpalast. Los! Kommt mit!«
»Was ist denn passiert?«, rief Claire erschreckt.
Da erschütterte ein weiterer Stoß alles rund herum.
»Ein Seebeben! Kommt rasch! Wenn es irgendwo Wassereinbrüche gibt, werden die entsprechenden Stadtteile hermetisch von den anderen abgeschottet.«
Die Atlanterin raste los, übersprang umgestürztes Mobiliar und erreichte den Ausgang.
Das Team folgte, so rasch es ging.
»Kommt!«, rief Ken. »Wenn wir Norma aus den Augen verlieren …«
Er ließ offen, was dann sein konnte.

Pyrenäen

Sie hatten es bis zum frühen Mittag geschafft, die Burg San Salvador de Verdera zu erreichen.
Genevier und Ygrain, die sich in der großen Halle aufhielten, blickten Dan und Sherazeda sprachlos an.
Die Herrin der Burg benötigte fast zwei volle Minuten, bis sie wieder einen Ton über die Lippen brachte. Doch dann fiel die Begrüßung umso herzlicher aus, wenn auch viele Fragen auf die Ankömmlinge einprasselten.
Sherazeda gab einen knappen Bericht.
»Den Anführer von Cilderichs Schergen haben wir am Plimizol an einen Baum gebunden. Mögen seine Kumpane ihn befreien.«
Geneviers Stirn zeigte sich umwölkt. »Dass ein Trupp der Merowinger hier herumschleicht, ist sehr besorgniserregend«, murmelte sie.
Ygrain sprang auf. »Soll ich mir die Knaben mal vornehmen?«
Die Herrin der Burg winkte ab. »Später! Aber lasse die Wachen verdoppeln und zieh die Brücke hoch.«
Die Heerführerin der Gralsburg stob davon.
Nun blickte Genevier den jungen Zeitreisenden ernst an. »Du bist nicht einfach so hier …?!«
Dan druckste herum.
»Wo ist deine Kameradin Claire?«
Der junge Mann seufzte. »Vermutlich in einer ganz anderen Welt, in der ich auch mit dem Team sein sollte.«
Die ehemalige englische Hochkönigin zog die Augenbrauen nach oben. »Willst du damit sagen, es ist ein …Versehen, dass du hier bei uns bist? Damals kamt ihr gezielt.«
Dan zuckte die Achseln. »Es ist schwer zu erklären …«
Genevier erhob sich und bedeutete Dan mitzukommen. Sie gingen in den Burggarten. Der junge Mann warf einen Blick auf die hohe Begrenzungsmauer, die neben dem Wohnturm durch den Efeu schimmerte. Vereinzelt erkannte er einige Gestalten dort oben.
»Dort befindet sich der Heilige Hain. Dorthin darf ich dich leider nicht führen. Aber hier ist es auch sehr lauschig.« Genevier setzte sich auf einen großen Findling. Unweit murmelte ein kleiner Bach.
Dan nahm neben der Königin Platz. Genevier ergriff seine Hand und sagte leise: »Willst du dich mir anvertrauen?«
Nun berichtete Dan von den Vorkommnissen, die er vor dem Start des Gliders erlebt hatte. Auch seinen Besuch in Catalunien.
Genevier staunte. »Du warst an unserer Burg, aber in einer Zeit, in der wir schon längst nicht mehr auf dieser Erde weilen.«
»So ist es«, erklärte Dan. »Ja … Dann, ich wollte es eben nicht sagen, entdeckte ich Sherazedas Grabstein.« Er berichtete von der Inschrift.
Genevier rang um Fassung. »Getötet von dem Stein des Bösen …« Sie schluckte.
Dan runzelte die Stirn. »Du hast eine Ahnung, was es bedeutet«, sagte er feststellend.
Die Königin bewegte die Lippen, doch erst beim zweiten Versuch formten sich die Worte. »Du besitzt diesen Kristall noch?«
Dan nickte und zog ihn aus der Tasche. Er schimmerte nun intensiv blau.
Mit leicht zitternder Hand griff Genevier danach.
»Der Stein des Merlin«, hauchte sie. Dann blickte sie Dan fest an. »Beschreibe mir die Frau, die ihn dir möglicherweise gegeben hat!«
Dan kam dem Wunsch so gut wie möglich nach.
»Wie hat sie sich genannt?«
»Yvonne da Silva«, antwortete Dan.
»Yvonne da Silva«, dehnte die Königin die Worte, »die Eibe des Waldes. Eine von Merlins Assistentinnen. Es ist auch der Beiname der Frau vom See gewesen, die Artus das Schwert Excalibur überreichte. Das aus Stahl geschmiedete. Sie gab damals Wieland den Auftrag.«
Dan staunte. »Du meinst doch nicht …«
»Wieland, der Schmied. Der einzige Mensch, der damals ein Ganzstahl-Schwert nach einem geheimen Rezept schmieden konnte.«
»Und Merlin, der Zauberer …«
Genevier schüttelte den Kopf. »Unsinn! Ambrosius Aurelius ist ein weiser Hochkönig der Insel und der Bretagne gewesen. Aber er fühlte sich ganz den Naturwissenschaften hingezogen. Yvonne half ihm. Sie stammte, wie Morgana, von Sena. Sie war Priesterin der großen Diana und kannte vieles um die Natur und die Astronomie.
Damals, zurzeit von Artus’ Krönung, gab es merkwürdige Himmelserscheinungen. Sternschnuppen in grüner und roter Farbe. Man sprach von den Diamanten der Götter. Ein Diamant fiel vom Himmel herab und Ambrosius Aurelius fand ihn. Rasch merkte er, dass dieser Kristall merkwürdige Kräfte enthielt. Man konnte mit ihm in die Zeit reisen. Der Hochkönig nannte es ein Stück vom Planeten NYMOS. Eine Welt, die man passieren muss, um ins Jenseits zu gelangen.«
Genevier lachte glockenhell. »Deshalb bin ich damals, als ihr hier auftauchtet, auch nicht so völlig überrascht gewesen. Merlin erzählte mir von möglichen Reisen zu anderen Zeiten und Welten.«
»Was passierte mit dem Stein?«
»Er wurde – so heißt es – zu einem Heiligtum gebracht.«
Dan zeigte sich verwirrt. »Aber weshalb sollte diese Yvonne mit mir zusammentreffen und …« Er machte große Augen.
Genevier nickte und schaute zum Himmel auf. »Dass du hier bist und die Mission deiner Freunde, steht im direkten Zusammenhang.«
»Aber …«, Dan wischte sich über das Gesicht, »… was ist der Stein des Bösen?«
Genevier zuckte mit den Schultern. »Es heißt in den Aufzeichnungen des alten Hochkönigs auch, dass ein großer Stern – fast so groß wie der Vollmond – sich für ganz kurze Zeit am Firmament zeigte. Es soll große Fluten auf der Erde gegeben haben. Auch Erdbeben. Ähnliches hat sich damals bei der Schlacht am Indre zwischen Artus und Childerich wiederholt«
Dan schaute auf seinen kaputten PDA. Genevier, die den Blick bemerkte, fragte leise: »Das Instrument, mit dem du deine Freunde erreichen könntest, ist unbrauchbar geworden?«
Der junge Mann stieß die Luft aus. »Leider. Ich habe weder Kontakt zu dem Team, noch zu unserem Kontrollzentrum.«
Die Königin kniff die Augen zusammen. »Das bedeutet – du kannst auch nicht zurück in deine Zeit?«
Dan schüttelte den Kopf. »Vorerst jedenfalls nicht.«

Atlantis

Sie hetzten durch die Straßen.
Claire wäre beinahe von einem Gleitmobil angefahren worden. Francine konnte sie eben noch zurückreißen.
»Da ist Norma!«, rief Ken schwer atmend aus.
Sie sahen sie eben über eine schmale Brücke laufen, unter der sich ein malerischer künstlicher Flusslauf schlängelte.
»Kommt!«, schrie er.
Sie bahnten sich einen Weg durch die aufgebrachte, hysterische Menge. Bald holten sie Norma ein.
»Verdammt!«, keuchte Ken. »Wo willst du hin?«
Norma wandte nicht den Kopf, sondern schrie nur: »Ins Kontroll-Center!«
Sie erreichten über zwei weitere verspielte Bogenbrücken ein Ovales Schott. Norma tippte in eine Tastatur einen Code ein, dann schob sich die eiserne Tür zischend zur Seite.
Zwei Wächter wollten Ken und seine Kameradinnen aufhalten, doch Norma rief: » Das ist in Ordnung! Sie sind Gäste des Präsidenten!«
Die Atlanterin stürmte auf einen großen, runden geöffneten Schacht zu und stürzte sich hinein. Ken, Francine und Claire bleiben erschreckt an der Schwelle stehen. Sie schauten in eine unergründliche Tiefe.
Norma schwebte sanft abwärts.
»Springt!«, rief sie ihnen zu. »Es ist ein Antigravlift!«
Ken schluckte, stieß sich dann aber von der Öffnung ab. Sogleich wurde sein Fall sanft gebremst. Nun folgten auch die beiden Mädels.
Fünf Stockwerke ging es abwärts, dann »ruderte« Norma auf eine Ausgangsöffnung zu.
Die Freunde folgten ihr durch einen langen Gang, der mit Symbolen und Blinklichtern gespickt war.
Wieder ein Schott – dann standen sie im Kontroll-Zentrum des unterseeischen Reiches.
»Wow!«, entfuhr es Ken. Allen stockte wieder mal der Atem.
»USS Enterprise ist ein Dreck dagegen«, hauchte Francine.
Über dreidimensionale Bildschirme sah man rundum über den Meeresgrund. Fische, von denen die drei bisher nicht geahnt hatten, dass es sie geben könnte, zogen majestätisch vorbei. Dann tauchte schattengleich ein Unterseeboot auf.
Auf einer übergeordneten Reihe Bildschirme konnte man jeden Winkel der Stadt sehen. Paläste, Straßen, Parks … es war umwerfend.
Norma rannte auf einen hochgewachsenen Mann zu.
»Gibt es große Schäden?«
»Zum Glück nicht, Erhabene. Im Außenbezirk F-IV bildet sich ein Kuppelriss. Aber ein Reparaturtrupp ist unterwegs.«
»Ist der Präsident unterrichtet?«
»Ja – jedoch befindet er sich mit U-17 auf einer Inspektionsfahrt im Sektor XXI. Wir haben seit zehn Minuten keinen Kontakt mehr.«
»Was?« Norma krächzte es fast. »Wieso?«
Der Mann zuckte die Achseln. »Wir vermuten eine Störung von Alpha-Strahlen.«
Norma schaute den Mann in der sanft blauen Uniform unwirsch an. »Hier unten hat es seit Wochen keine Alpha-Strahlung mehr gegeben!«
Sie checkte die Anzeigen. »Bei Poseidon! Wo kommt das her?«
»Wir konnten den Ursprung noch nicht ermitteln. Genau wie damals. Plötzlich war es wieder vorbei.«
Norma schlug mit der geballten Faust auf das die Zentrale umlaufende Kontrollpult. »Alpha-Strahlung kommt aus dem Kosmos. Sie dringt nicht bis zu uns.«
Da mischte sich Ken ein. »Das ist sehr wohl möglich.«
Norma und der Chef des Kontroll-Zentrums wirbelten herum.
»Was sagst du da?«, kam es leise von Norma.
»Wann gab es die letzte Strahlung?«
Norma schaute den Atlanter neben sich an. Der erwiderte: »Vor neun Wochen.«
Ken nickte. »Gab es da auch ein Beben?«
»Ja – aber weit geringer.«
»Handelte es sich auch um einen geringeren Strahlenwert?«
Der Atlanter bestätigte das.
Ken betätigte einen Knopf an seinem PDA.
»Was tust du da?«, herrschte Norma ihn an.
Ken blieb ruhig. »Ich versuche Kontakt mit meinem Kontrollzentrum aufzunehmen.«
Das Display blieb dunkel.
»Hach!«, machte Ken unwirsch. »Ich muss an die Planetenoberfläche.«
Norma kam auf ihn zu. »Was weißt du?«
Claire trat vor. »Wir hätten es morgen eurem Präsidenten erklärt. Du weißt, dass wir aus einer Parallelwelt kommen. Auch dort gab es ein Atlantis. Es ging aus wissenschaftlich noch nicht völlig geklärter Ursache vor mehr als 12000 Jahren unter.
Die Entwicklung verlief vielleicht ähnlich, wie diese hier. Man sagte, es hing mit einem Meteoriteneinschlag zusammen. Inzwischen ist man sich in unserem Institut nicht mehr so sicher. Ken will das checken.«
Norma atmete schwer. Ihr Busen hob und senkte sich hastig. Francines Blick hing an der faszinierenden Frau. Vieles erinnerte sie an Victoria. Die Haltung, die Ausstrahlung, die Willenskraft …
Sie riss sich zusammen. Nicht schon wieder! Victorias Verlust reichte ihr für alle Zeiten.
Ken hob an: »Wir sind hierher gereist, um etwas festzustellen. Mit einer so hoch entwickelten Zivilisation unter dem Meer haben wir nicht rechnen können. Jedenfalls gaben unsere Geräte Alarm. Der Raum-Zeitgefüge-Taster warnte uns und zeichnete eine Veränderung der Bahn dieses Planeten an.«
Normas Augen funkelten. »Eine Veränderung der Planetenbahn? Weshalb sollte es das geben?«
Ken zuckte mit den Achseln. »Jedenfalls hat es das schon ein paar Mal in der historischen Vergangenheit gegeben. Das hat die Computerberechnung ergeben. Doch den Grund kennen wir nicht.«
Norma ließ sich auf einen pneumatischen Konturstuhl sinken. »Du denkst also, die Beben sind Auswirkungen, weil unser Planet seine Bahn ändert?«
»Richtig!«, bestätigte Ken.
Norma schüttelte heftig den Kopf. »So etwas passiert nicht ruckartig.«
Claire machte zwei Schritte auf Norma zu. »Irgendetwas zieht diesen Planeten mit seiner Kraft an. Möglicherweise ein anderer, weit größerer Himmelskörper.«
»Den hätten unsere Astronomen längst bemerkt!« Norma wischte mit einer kräftigen Armbewegung durch die Luft.
»Habt ihr Kontakt mit euren Stationen? Befinden sie sich auf der Erdoberfläche?«
»Ja! Bei Cap Poseidon, bei Cap Cassiopeia und Cap Lyra.«
Ken runzelte die Stirn. »Wo ist das?«
Norma drehte sich in dem Stuhl und betätigte eine Tastatur. Sogleich materialisierte sich auf einem großen Bildschirm eine dreidimensionale Landkarte.
Die drei Reisenden staunten erneut. Was sie da sahen, war die Erde!
Cap Poseidon war Florida. Cap Cassiopeia stellte gespiegelt die nördlichste Ecke Spaniens dar und Cap Lyra lag bei Kapstadt.
Kens Mund fühlte sich trocken an. »Gab es dort mal Städte? Auch Länder?«
Norma nickte nun leicht. »Aber das ist lange her. Ein Teil wurde von einer großen Flut erwischt. Vor etwa 1600 Jahren. Da soll der Planet NYMOS sich unserem Sonnensystem genähert haben und brachte einiges durcheinander.« Sie lachte leise auf. »Aber das ist Legende!«
Doch Ken ließ sich nicht beirren. »Gibt es noch andere Aufzeichnungen oder Legenden über diesen Planeten?«
Norma wurde ungehalten. »Was sollen solche Märchen jetzt helfen?«
»Gibt es sie?«, fragte Ken drängend.
Norma wedelte mit den Armen. »Bei Poseidon! Ja! Geschichten! Vor über zehntausend Jahren soll er aufgetaucht sein und eine die Welt umfassende Flutwelle ausgelöst haben. Dann kam das Gerücht vor dreihundert Jahren noch mal auf. Da wurde dieser Planet von einem ungeheuren Erdbeben erschüttert, das fast den flüssigen Kern im Mittelpunkt in Gegenrotation versetzte. Daraufhin gaben wir alle Siedlungen auf der Oberfläche auf.«
»Gibt es davon Aufzeichnungen? Ihr hatte schon eine hohe technische Zivilisation zu der Zeit.«
Norma betätigte erneut die Tastatur und eine lange Reihe von Tabellen zeigte sich auf einem anderen Schirm.
»Die beiden äußeren Planten begannen zu trudeln. Den Grund konnten wir nicht herausfinden. Jedenfalls berührten sich die Kraftfelder. Es gab Explosionen am Himmel. Ein Meteorit fiel herab.«
Ken war ganz nahe an den Bildschirm getreten. Er musste den Kopf etwas in den Nacken legen, um alles zu erfassen.
Er atmete aufgeregter. Dann deutete er auf zwei Zahlenkolonnen. »Gibt es von dem Ereignis ein Lichtspektogramm?«
»Was?« Norma zeigte sich nun total irritiert. Ihr Blick glitt zu dem Atlanter herüber. Inzwischen hatte sich eine Gruppe von Männern und Frauen aus der Zentrale um die Timetraveller geschart.
Der Chef des Kontroll-Zentrums trat an die Tastatur eines Computers. Er gab zahlreiche Werte aus der Tabelle ein. Es dauerte vielleicht vier Minuten, dann zeigte sich das Spektrum auf einem dritten Bildschirm.
Ken, Claire und Francine starrten darauf.
»Dein Verdacht ist berechtigt«, murmelte Claire.
Ken trat näher an den Bildschirm und zeigte auf eine verwaschene Färbung.
»Das hier«, erklärte er, »ist ein Riss im Raum-Zeitgefüge.«
Norma und der Chef des Zentrums machten tellergroße Augen.
»Was?«, hauchte Norma.
Ken stieß die Luft aus. »Es würde mich nicht wundern, wenn dieser Riss wieder erneut entstanden wäre. Daher müssen wir nach oben.«
Die kühle Norma wirkte völlig desorientiert. »Aber … Was erzeugt diesen Riss?«
Ken verschränkte die Arme vor der Brust. »Das müssen wir herausfinden!«

Catalunien/ Vergangenheit

Dan barg den Kristall wieder sorgsam in einem Lederbeutel und steckte ihn in die Tasche.
Genevier führte den jungen Mann zurück in den Wohnturm und dann in die große Halle. Da tauchte aufgeregt Eileen auf. Die kleine quirlige Blonde musste zu der großen Genevier aufschauen.
»Die Wächterinnen melden den Widerschein von Rüstungen am Plimizol!«
Genevier ballte die Fäuste. Dan blickte sie von der Seite an.
»Er lässt dich immer noch nicht in Ruhe?«
Genevier stieß scharf die Luft aus. »Obwohl Simplizius als Bischof von Rom unsere Burg als autonom ausgewiesen hat, versucht der Merowinger immer wieder, uns das Leben schwer zu machen.«
Sie schaute sinnend durch das Bogenfenster über die Bucht von Rosaria. Weiße Schaumkronen tanzten auf den Wogen. Die Luft war warm. Ein milder Wind zog vom Meer herüber.
»Warum gerade jetzt?«, murmelte die Königin.
Dan lehnte sich an die Mauer. »Wie lange hattest du Ruhe?«
Genevier lächelte schief. »Von einigen kleinen Scharmützeln mit Patrouillen am Plimizol abgesehen«, sie hob etwas die Hände, »beinahe ein Jahr.«
Sie rief Ygrain zu sich. »Nimm dir zehn gute Kämpferinnen und versuche zu ergründen, was der Merowinger im Sinn hat.«
»Ich möchte mit«, erklärte Dan.
Die Königin hob eine Augenbraue. »Dann lasse dich ausrüsten. Dort hinten ist Sherazeda.«
Dan eilte zu den Stallungen hinüber. Die schöne Araberin blickte ihm abwartend entgegen.
Dan erklärte, was er vorhatte.
Sherazeda nickte nur. »Ich werde auch mitreiten.«
Dan blickte die durchtrainierte schöne Frau abschätzend an. »Bist du schon wieder fit?«
Die Araberin legte den Kopf etwas schief. »Fit?«
»Äh … ob du wieder bei Kräften bist, meinte ich.«
Sherazeda machte verächtlich »Pah!«
Nur wenig später schoss der Trupp über die Zugbrücke. Allen voran Ygrain – gefolgt von Sherazeda und Dan.
Die Araberin schaute zu dem jungen Mann hinüber. »Deine Reitkünste haben sich verbessert, seit wir uns das letzte Mal sahen.«
Dan zog es vor, nicht zu antworten. Er musste sich konzentrieren, um bei dem wilden Galopp nicht von seinem Braunen zu fallen.
Ygrain jagte wahrlich im halsbrecherischen Tempo die schmalen Serpentinen herunter. Nach einer halben Stunde spürte Dan seinen Rücken und noch anderes kaum noch.
Endlich verlangsamte die Heerführerin das Tempo. Sie rief Katrin zu sich.
»Wo ungefähr sind dir die Reflektionen der Rüstungen aufgefallen?«
Katrin – die von den Wikingern abstammte – deutete nach Westen. »Etwa dort. Zwischen dem letzten Mündungsfluss des Plimizol und Emporion.«
Vorsichtig ließ Ygrain den Trupp abschwenken. Gedeckt durch wildes Buschwerk näherten sie sich dem Fluss.
»Gebt Acht, dass eure Pferde nicht vor Schlangen scheuen. Die gibt es hier reichlich«, rief die Heerführerin unterdrückt.
Dan lachte kurz auf und ließ den Blick über die Kriegerinnen in ihren griechisch anmutenden Rüstungen gleiten. »Trotzdem seid ihr barfuß unterwegs?«
Sherazeda winkte ab. »Mit meinen bloßen Füßen zertrete ich jede Natter!« Ihrer Stimme wohnte eine angewiderte Nuance bei.
Dan glaubte der Araberin aufs Wort.
Der Trupp ritt nun langsam, im Gänsemarsch – eine Reiterin hinter der anderen – an dem Flusslauf entlang. Die Sonne spiegelte sich im Wasser und alles wirkte sehr friedlich.
Bis … Ygrain plötzlich den Arm hob.
Nun vernahmen es andere auch.
Stöhnen!
Auf ein weiteres Zeichen glitten alle von den Pferden. Ygrain winkte Sherazeda und Katrin zu sich.
»Wir drei schleichen um die Ecke. Der Rest bleibt, wo er ist.«
»Ich gehe mit«, entschied Dan. Doch Sherazeda schüttelte den Kopf. »Du bist zu unerfahren in solchen Situationen. Du wartest!« Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch.
Rasch waren die drei verschwunden. Dan blieb nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu üben.
Es dauerte kaum zehn Minuten, da kehrten die Späherinnen zurück. Ygrains Gesicht war von Zorn gezeichnet.
»Diese Hurensöhne!«, spie sie aus.
Dan schaute Sherazeda fragend an.
»Auf der anderen Seite liegt ein Gehöft. Dort hat sich ein Trupp Merowinger-Hunde niedergelassen. Sie vertreiben sich die Zeit damit, die Bauernfamilie zu martern.«
In ihren Augen blitzte es auf. »Aber …« Sie senkte den Kopf.
»Was aber?«, wollte Dan aufgeregt wissen.
Sherazeda ließ die Schultern hängen. »Wir kommen nicht ungesehen hin und es sind mehr als dreißig Mann.«
»Zeig mir das!«, forderte Dan.
Ygrain zog die Augen zusammen. »Denkst du, du kannst einfach rübermarschieren?«
»Nein!«, kam es hart. »Aber vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit. Los! Mach schon!« Er wurde sauer.
Sherazeda zuckte mit den Achseln und zog den jungen Freund langsam zur Biegung des Weges.
Dans Mund wurde rau. Ihm grauste.
Drüben – etwa hundert Meter entfernt – hingen vier Personen kopfüber an scheinbar hastig zusammengezimmerten Gestellen. Davor standen zwei Personen in Rüstungen. Einer der Merowinger Soldaten hatte eine Fackel in der Hand und es machte den Anschein, als wolle er diese einem der Gefangenen ins Gesicht drücken.
»So nicht!«, stieß Dan aus. Er sah den Abhang vor sich. Wenn er es bis ans Flussufer schaffte und hinter einem der Felsbrocken in Deckung gehen konnte, gab es eine Chance.
Ehe Sherazeda ihn aufhalten konnte, rutschte er den Geröllhang abwärts. Wie ein Frosch hüpfte Dan von Stein zu Stein und saß in kurzer Zeit hinter einem mannshohen Felsblock.
Dort zog er die Pistole aus der Schultertasche, entsicherte sie und legte ruhig an, wie auf dem Schießstand.
Ygrain, die plötzlich neben Sherazeda hockte, flüsterte: »Bei Astarte – was tut er da?«
Staunend beobachteten sie, wie Dan ein kleines schwarzes Ding in der Hand hielt und die schmalere Verlängerung mit beiden Händen auf das andere Ufer richtete.
Dan wusste – er besaß als Überraschung nur einen Schuss.
Ruhig atmete er. Dann ließ er alle Luft aus den Lungen, visierte an und …
Als der Laserstrahl aufblitzte, zuckten Ygrain und Sherazeda zusammen.
Drüben ruckten Köpfe hoch.
Der Soldat mit der Fackel bäumte sich auf und stürzte. Dabei fiel er auf die Fackel.
Sogleich entzündete sich sein Umhang, den er über dem Kettenhemd trug.
Dan visierte noch einmal an.
Noch einmal blitzte es herüber.
Einer, der seinem Kameraden helfen wollte, riss die Arme hoch und fiel dann wie ein Stein zu Boden.
Nun herrschte Schrecken und Aufruhr drüben.
Alles rannte durcheinander. Jemand rief nach den Pferden. Vermutlich hielten die Burschen das Unerklärliche für dämonenhaft.
Jedenfalls nahmen sie Reißaus.
Dan wartete noch zwei, drei Minuten, dann winkte er zu Sherazeda und Ygrain herüber.
Als der Trupp endlich wieder beisammen war und man durch den Fluss setzte, merkte man der Heerführerin und der Araberin an, dass sie das Gesehene noch nicht verarbeitet oder überhaupt verstanden hatten.
Sie erreichten das andere Ufer. Entsetzt blieben sie stehen. Bei den vier Menschen handelte es sich um eine Frau, einen Mann und zwei Jungen im Alter von vielleicht sechzehn Jahren. Überdeutlich sah man die noch recht frischen Spuren der Peitsche. Sonst schien ihnen aber noch nichts Schlimmeres widerfahren zu sein. Rasch wurden die Gemarterten befreit und vor der Hütte ins Gras gelegt. Sherazeda behandelte die Wunden.
»Wir sind gerade noch rechtzeitig eingetroffen«, meinte sie.
Ygrain kam auf Dan zu. Sie deutete auf seinen Gürtel, in der die Waffe mattschwarz glänzte.
»Diese … Lichtwaffe … was ist das?«, wollte sie leise wissen.
Dan blickte darauf. »Eine Pistole.«
»Pi …?«
»Eine Waffe, die man in unserer Zeit benutzt. Sie verschießt tödliches Licht. Wenn man ein guter Schütze ist, trifft man damit auch auf eine weite Distanz.«
Ygrain schluckte. »Damit bist du jedem Krieger überlegen.«
Der junge Mann lachte leise. »Hier vielleicht. Bei uns haben alle bösen Buben so was, oder naja, sowas ähnliches. Da würdet ihr mit dem Schwert nicht weit kommen.«
Dan blickte zur Sonne. »Der Nachteil ist, dass diese Waffe nicht die volle Energie besitzt. Es ist eine Notfallwaffe unserer Mission. An große Kämpfe wurde dabei nicht gedacht.«
»Wo sind deine Kameraden?«
Dan senkte den Blick und schaute der schönen Heerführerin in die Augen. »In einer ganz anderen Welt. Dass ich hier bin, ist ein Unfall, ein Versehen.«
Ygrain blickte auf die Gefangenen des Merowinger-Trupps. »Dieses … Versehen hat sowohl Sherazeda, wie auch diesen Menschen das Leben gerettet.« Damit wandte sie sich ab.
Von dem Mann, der sich am schnellsten von den Peitschenhieben erholte, erfuhr man, dass dieser Söldnertrupp etwas suchte.
»Man fragte uns nach einem Magier. Doch wir kennen niemanden, der Magie betreibt.«
Dan stutzte. »Nach einem Magier? Was wollte man von ihm?«
»Das sagte man uns nicht.«
Sherazeda beschloss, die Vier mit zur Gralsburg zu nehmen.

Atlantis

»Zuerst müssen wir unseren Präsidenten retten«, rief Norma aus.
Sie blickte auf einen anderen Monitor, betätigte einige Tastfelder auf einem ovalen Pult und sagte dann in ein Intercom: »U-89 und U-43 sofort ins Planquadrat D-17. Höchste Priorität.«
»Schadensmeldungen!«, ertönte es plötzlich aus einem verborgenen Lautsprecher.
»Wassereinbruch Sektor 9. Wassereinbruch Sektor 12. Katastrophentrupps unterwegs.«
»Bestätigt!«, sagte Norma.
Durch die kleinen Translatoren konnte das Team alles verstehen.
In diesem Moment begann es in der Zentrale zu vibrieren.
»Bei Poseidon!«, rief Norma. »Es geht schon wieder los!«
Das Beben dauerte zehn Sekunden, verursachte aber keine weiteren Schäden.
Ken trat nahe an Norma heran. »Wir müssen nach oben. Welche Astronomische Station ist am besten ausgerüstet?«
Norma wandte den Kopf. »Cap Poseidon.«
»Lass uns dort hinbringen!«
Norma rang die Hände. »Diese Station ist seit unzähligen Zeiten nicht mehr besetzt.«
»Aber die Geräte sind noch da?«
»Ja – eine Robotautomatik macht vermutlich immer noch Aufzeichnungen.«
Ken sah die Atlanterin abwartend an.
Endlich seufzte sie: »In Ordnung! Kommt! Wir fahren dorthin.«
Während sich Norma vergewisserte, dass die Rettungsaktion für das U-Boot des Präsidenten in vollem Umfang angelaufen war, zitierte sie per Computer einen Gleitwagen heran. Der brachte sie und das Team zum Untersee-Hafen.
Binnen einer Stunde befanden sie sich auf dem Weg nach Florida.
Norma hielt sich in der Kommandozentrale auf. Ken, Claire und Francine hatten es sich in einem kleinen, aber sehr gemütlichen Salon bequem gemacht. Ein sympathischer junger Kadett servierte Kaffee. Während er die Tasse vor Francine abstellte, blickte er ihr etwas länger in die schönen Augen, als notwendig. Claire, die das bemerkte, dachte: Schade Junge, aber da liegst du verkehrt.
Doch zu ihrem Erstaunen stellte sie fest, das Francine leicht errötete. Sollte sie Victorias Tod doch endlich überwunden haben?, überlegte die Freundin.
Norma betrat den Salon. Sie lächelte dem Kadetten zu und sagte leise: »Frederico, bring mir bitte auch einen Kaffee.«
Der nickte. »Kommt sofort, Erhabene.«
Die Freunde hatten inzwischen mitbekommen, dass solche Anrede nur Regierungsmitgliedern zuteil wurde.
»Die Erdstöße und Vibrationen haben nachgelassen. Vermutlich besteht keine Gefahr mehr«, ließ Norma verlauten.
»Hoffen wir es«, kam es von Ken. »Wie lange benötigen wir bis Cap Poseidon?«
Norma wiegte den Kopf. »Das sind viertausend Seemeilen. Ich schätze drei Stunden.«
Ken schnappte nach Luft. »Drei Stunden für viertausend Seemeilen …?!«
Norma lachte. »Dies ist nur ein C-Schiff. Wir besitzen weit schnellere.«
Claire beugte sich vor. »Ihr habt das Zeitreiseprogramm und das Parallelweltprogramm völlig aufgegeben? Ihr betreibt auch keine Raumfahrt?«
Norma schüttelte den Kopf. »Es war zu teuer und … nutzlos. Es gibt in unserer Realität genug zu tun. Allein die Erkundung der Ozeane ist nicht abgeschlossen. Sie bergen immer wieder neue Überraschungen. Es gibt hier unter Wasser eine Flora und Fauna, von der ihr sicherlich in eurem Leben noch nie gehört, geschweige denn sie gesehen habt.«
Claire nickte. »Ja, auch auf unserer Welt hat man sich wenig um die Meere gekümmert.«
»Außer sie zu verschmutzen«, warf Ken ein und verzog das Gesicht.
Norma nahm einen Schluck Kaffee. Danach erklärte sie: »Bei einigen Vorgenerationen ist es nicht anders gewesen. Alles wurde verklappt. Sogar altmodischer Atommüll wurde entsorgt. Es kam zu einer großen Umweltkatastrophe, bei der beinahe alles Meeresleben dahingerafft wurde. Es mussten riesige unterseeische Farmen angelegt werden, um bestimmte Fischsorten wieder zu züchten. Haie und auch Oktopusse machten die Küsten unsicher. Durch Mutation entstanden Kraken von überdimensionaler Größe.«
Ken und die beiden Frauen lauschten gespannt.
»Ihr habt das in den Griff bekommen?«, wollte Ken wissen.
»Ja«, erklärte Norma. »Aber es hat fast hundert Jahre gedauert.«
»Mit welcher Energie arbeitet ihr?«, wollte Claire, atemlos von dem Gehörten, wissen.
»Elektrizität. Sie entstammt einerseits dem Wasser und andererseits aus Magnetfeldern mit Wechselgravitation.«
Der Japaner riss die Augen auf. »Das funktioniert?«, hauchte er. »Bei uns weiß man theoretisch, dass solche Sachen möglich sein könnten, aber …«
Norma lächelte. »Ich denke, dass rückständige Ölbarone und Lobbyisten die Forschung bei euch verhindern. Es war hier nicht anders. Bis die Katastrophe dann eintrat.«
Sie wurden unterbrochen, als ein junger Offizier eintrat.
Norma schaute ihn fragend an.
»Erhabene – ein Funkspruch des Präsidenten für Sie.«
Norma sprang auf. »Ich bin gleich zurück!« Sie folgte dem Offizier.
»Magnetfelder mit Wechselgravitation …«, murmelte Ken fassungslos.
Francine runzelte die Stirn. »Gab es nicht solche Versuche vor unendlich langer Zeit? Dieses Philadelphiaexperiment?«
Ken bestätigte. »Aber damals ging es um Militärisches. Die Transmission eines Schiffes.«
»Was ja gehörig in die Hose ging«, meinte Claire.
Ken lachte freudlos. »Kann man so sagen.«
In diesem Moment gab es einen heftigen Schlag gegen das Schiff.

Catalunien/ Vergangenheit

Als der Spähtrupp mit den geretteten Bauersleuten zu den Serpentinen nach San Salvador de Verdera abbiegen wollte, hielt Dan Ygrain zurück.
»Sollten wir nicht erkunden, was der Merowinger im Schild führt?«
Ygrain hielt ihren Braunen an. »Nur wir zwei?«
Dan lächelte. »Zwei fallen weniger auf als ein Tross.«
Die Heerführerin schürzte die Lippen. Dann rief sie Sanderah zu sich.
»Reitet zur Burg und sagt Genevier, dass wir in den Bereich Emporion reiten.«
Sanderah blickte einen Moment ernst von einem zu anderen.
Dann nickte sie. »Aber seid auf der Hut!«, mahnte sie.
Ygrain und Dan blickten dem Reiterzug nach, wie er den Waldrand der Berge erreichte, dann wandten sie ihre Pferde um.
»Was hältst du von der Geschichte mit diesem Magier?«, erkundigte sich Ygrain.
Dan zuckte die Achseln. »Das ist mir auch ein Rätsel. Wir werden sehen.«
Langsam ritten sie den Strand entlang. In der Ferne erkannte man die Silhouette der großen Stadt Emporion.
»Merkwürdig, dass nirgendwo Hufspuren zu sehen sind«, brummte Dan, den Blick in den Sand gerichtet.
Ygrain schaute einem Segler nach. Ein Phönizier, der von Emporion zu kommen schien.
Die Wellen rollten in gleichmäßigen Schüben auf den Strand.
Dan hielt sein Pferd an.
Das tief blaue Meer, die einzelnen Federwolken darüber … alles ergab ein märchenhaftes Bild.
Ygrain wandte den Kopf zu Dan und blickte ihn fest an. »Ich möchte dich etwas fragen.«
Dan stutzte. Doch er nickte bestätigend. »Frag.«
Ygrain atmete ein. »Sherazeda … du weißt, wer sie ist?«
Der junge Mann schaute die Sprecherin verblüfft an. »Sicher weiß ich, wer sie ist!«
Die Heerführerin schüttelte den Kopf, dass das schwarzrötliche Haar nur so flog.
»So meine ich das nicht! Sicher weißt du, wer sie ist. Weißt du auch, was sie ist?«
Dan wurde immer verwirrter. »Himmel und alles! Du sprichst in Rätseln! Worauf willst du hinaus?«
Erneut sog Ygrain die Luft ein. »Sherazeda ist die Königin des Reiches von Marakis.«
Das hatte Dan zwar nicht gewusst, aber es war ihm egal. Das sagte er auch.
Ygrain brachte ihren Braunen nahe an sein Pferd heran. »Es kann dir nicht egal sein! Sherazeda liebt dich! Als du damals gingst … in deine Welt … da… da…« Ygrain schüttelte erneut den Kopf. »Sie war sehr traurig!«
Dan senkte den Kopf. Eine Zeit lang herrschte Schweigen zwischen den beiden Menschen. Endlich hub Dan an: »Auch mir ist Sherazeda nicht gleichgültig. Aber ich gehöre zu einem Team, das bestimmte Aufgaben zu erfüllen hat und …«
Ygrain gab einen Grunzton von sich. »Demnach wirst du wieder fortgehen«, stellte sie fest.
Dan nickte langsam. »Wenn meine Aufgabe hier – von der ich nicht mal weiß, worin sie besteht – erfüllt ist … vermutlich. Allerdings habe ich keine Ahnung, wann das sein wird. Möglicherweise …«
»Möglicherweise?« Ygrains Augen blitzten.
Dan stieß scharf die Luft aus den Lungen. »Vielleicht kann ich auch nie in meine Welt zurück. Ich sagte schon, dass ich hier bin, war eigentlich ein Unfall.«
Ygrain blickte wieder über das Meer. »Ein geplanter Unfall«, murmelte sie.
»Was?«, kam es scharf von Dan.
Ygrain zuckte die Schultern. »Es gibt nichts ohne Plan. So lehrt es Diana uns.«
Dann blickte sie den jungen Mann wieder scharf an. Sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Dan – Sherazeda ist meine Schwester im Geiste und im Glauben. Ich habe ihre Füße geküsst. Das bedeutet einen Schwur. Der Schwur der Göttin, immer für sie da zu sein. Ich kann es nicht ertragen, wenn Sherazeda unglücklich wird. Bedenke das! Wir hier auf dem Mont Salvage sind so eng verbunden, dass es ein Außenstehender nicht begreifen kann. Wir gehen füreinander in den Tod!«
Damit gab sie ihrem Braunen die Fersen und stob davon.
Sie ließ einen verdatterten Dan zurück.

Unterseeboot/ Parallelwelt

Ken flog gegen den Tisch. Claire rutschte die Kaffeetasse aus der Hand und Francine stürzte auf die Knie. Das ganze Boot schwankte.
»Himmel! Was ist das?«, schrie Claire auf.
Das Licht erlosch.
Ken fluchte.
Das Licht flackerte wieder auf.
Norma kam in den Salon. »Ist euch etwas passiert?«, fragte sie leise.
Francine rieb sich die Schulter. »Nein – alles gut.«
»Was war das denn eben?«, rief Ken.
Norma machte das Zeichen des Schweigens.
Alle schauten sie an.
»Riesenoktopus«, flüsterte sie. » Seid leise. Er kann uns hören.«
Die drei Zeitreisenden wechselten fragende Blicke.
Ken flüsterte: »Kann er dem Boot etwas anhaben?«
Norma nickte. »Er ist fünfmal größer als das Boot.«
»Was?«, entfuhr es Ken laut.
Im selben Moment schlug wieder etwas schwer gegen den Bootskörper und ließen das ganze Unterwassergefährt schwingen.
»Keinen Laut mehr!«, zischte Norma. In ihr Bordfunkgerät flüsterte sie: »Kommandostand – Licht aus!«
Ken schob sich an Norma heran. Er brachte sein Ohr ganz nah an das der jungen Atlanterin. »Wieso existiert hier so was? Kraken, die hören? Sogar Gespräche in einem Unterseeboot?«
Norma wandte den Kopf. Ken roch ihr außergewöhnliches Parfüm.
»Sie leben normalerweise in einer Tiefe von zwanzigtausend Meilen. Nur ab und zu treten sie in größeren Höhen auf. Es sind Mutationen durch Atommüll.«
»Wie tief sind wir hier?«
Norma schaute auf ihre Druckuhr. »Zwölftausend Meilen.«
Wieder erbebte der Bootskörper unter einem mächtigen Schlag.
Die blauen Notlampen flackerten.
Es folgte ein schrammendes Geräusch, so, als fahre jemand mit einem scharfen Gegenstand über die Außenhaut.
»Sie besitzen Krallen an den Tentakeln«, hauchte die Atlanterin.
In Kens Gehirn arbeitete es. Die Monster von der Welt 7-0-3 kamen ihm in den Sinn.
Das Geräusch verlor sich. Norma gebot noch gut dreißig Minuten abzuwarten. Quälend langsam verlief die Zeit. Dann kam die Atlanterin aus der Hocke hoch.
»Er scheint abgezogen zu sein«, sagte sie. Sie verließ den Salon. Wenig später begannen die Triebwerke zu summen. Norma kehrte zurück.
»Das Sonar und Reflektionsradar zeigen nichts Ungewöhnliches mehr an. Aber der Oktopus scheint am Ruder etwas beschädigt zu haben. Ich werde mir das ansehen. Dazu müssen wir aber ein noch etwa acht Meilen entferntes Plateau erreichen.«
Das Boot setzte sich langsam in Bewegung.
Nach etwa sechs Minuten stoppten die Turbinen. Das Boot pendelte aus und plötzlich spürte man einen kleinen Ruck.
Norma lächelte, als sie die erschreckten Blicke des Teams sah.
»Kein Grund zur Sorge. Wir haben die Stützbeine ausgefahren.«
Ken, Claire und Francine staunten immer mehr.
Norma wollte die Kabine verlassen, als sie sich am Schott noch einmal umdrehte.
»Will jemand mit?«
Das Team schaute sich an. Dann nickte Francine. »Ich bin ausgebildete Taucherin.«
Wenig später standen sie und Norma in gummiartige Anzüge gekleidet in einer Schleuse. Francine hatte sich gewundert und gefragt: »Ist der Druck hier unten nicht viel zu hoch für solche Anzüge?«
Norma hatte verneint. »Künstliche Haifisch- und Delfinhaut. Der Anzug ist so kräftig wie Titan. Auch die Helme sind druckbelastbar bis fünfzehntausend Meilen Tiefe.«
Die Schleuse füllte sich mit Wasser und dann öffnete sich die runde Außenluke.
Mattblaues Licht schimmerte in die Schleuse. Norma schwamm voran. Das seltsame Licht reflektierte in der Aqualunge auf ihrem Rücken.
Vor Francines Augen breitete sich ein weites Plateau aus. Unwillkürlich hielt sie den Atem an.
Die große, fast unübersehbare Fläche aus bläulichem Fels mit schneeweißem feinen Sand und kleinen Hügeln hätte ein Fantasy-Painter nicht besser darstellen können. Bunt schillernde Fische in unterschiedlichen Größen näherten sich den Tauchern neugierig. Einer stupste Francine an der Taucherbrille verspielt an.
Da vernahm sie die warnende Stimme Normas über den Helmfunk.
»Das sind Tronicas. Nicht anfassen! Bei direkter Berührung der Schwanzflossen erhältst du einen elektrischen Schlag.«
Rasch rollte sich Francine seitwärts.
»Woher kommt das wundersame Licht?«
Norma lachte leise. »Ein Wunder des Meeres. Plankton und Restsonne – vereint mit den Laternenmuscheln hier oben.«
»Laternenmuscheln?«, staunte Francine. Davon hatte sie noch nie gehört.
»Auf eurer Welt hat man wohl die Geheimnisse des Ozeans noch nicht erforscht?!«
Francine musste das verneinen. »Man hat sich mehr auf die Raumfahrt konzentriert. Ein mörderisches Wettrennen der Nationen um eine militärische Vormacht.«
»Ha!«, kam es spöttisch von der Atlanterin. »Ihr habt aus der Geschichte untergegangener Kulturen nichts gelernt.«
»Da muss ich dir zustimmen.«
Norma schwamm etwa dreißig Meter auf das Plateau hinaus. Von hier konnte man das Schiff überblicken und Francine überkam ein merkwürdiges Gefühl. Das U-Boot hätte aus jedem Science Fiction-Film stammen können. Mit den Aufbauten und der korkenzieherartigen Spitze ähnelte es eher einem Raumschiff.
Norma, die die Gedanken der Gefährtin zu erahnen schien, merkte an: »Das Meer hat viel mit dem Weltraum gemeinsam.«
Auffällig zeigte sich nun eine tiefe Kerbe in der Außenhaut, die von dem Oktopus zu stammen schien.
»Da haben wir Glück gehabt«, kam es von der Atlanterin. Dann schwamm sie in weiten, kräftigen Zügen auf das Heck zu. Francine hatte Mühe, ihr zu folgen.
Das Heckruder besaß die Ausmaße eines zweistöckigen Hauses. Ein Ende wies eine starke Beule auf.
Norma klebte wie ein winziges Insekt an dem Seitenruderblatt.
»Das können wir hier unten nicht reparieren. Dazu bedarf es einer Werft«, sagte sie leise. »Aber bis zum Cap wird es funktionieren.«
Da wurde das leuchtende Plateau von einem riesigen Schatten bedeckt.
Francines Kopf ruckte hoch und sie glaubte nicht, was sie da sah.

Plaine Plimizol/ Vergangenheit

Dan hatte Mühe gehabt, Ygrain zu folgen.
»He! Warte doch!«, rief er. Atemlos hielt er seinen Braunen neben der Heerführerin an.
»Ich habe … habe nicht vor, Sherazeda … Himmel! Mir ist diese Frau auch nicht gleichgültig! Seit dem letzten Aufenthalt hier nicht. Niemals hatte ich zu hoffen gewagt, sie noch einmal zu sehen. Aber jetzt bin ich hier und … und …«
Ygrains Augen ruhten fest auf dem jungen Mann. »Und was?«
Dan sog tief die frische Meeresluft ein. »Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin. Es ist mysteriös. Es hängt mit dem Kristall zusammen. Aber ich weiß, dass sich Sherazeda in großer Gefahr befindet. Ich … ich …«
Die Heerführerin wurde ungeduldig. »Stottere nicht herum. Was willst du sagen?«
Sie griff in Dans Zügel und beruhigte den tänzelnden Braunen.
Dan schluckte. »In meiner Zeit fand ich Sherazedas Grabstein.«
Ygrains Augen zogen sich zusammen. »Weiter!«
Nun erzählte der junge Mann der impulsiven Italo-Keltin das, was er auch Genevier gesagt hatte.
»Stein des Bösen …«, murmelte sie. »Oh Astarte!«
Dan hob eine Augenbraue. »Das sagt dir etwas?«
Ygrain presste die Lippen zusammen. Dann ließ sie die Zügel des Pferdes los. »Komm! Wir müssen einen Ort aufsuchen!«
Dan blickte fragend. »Welchen Ort?«
»Ein altes Heiligtum«, rief die Heerführerin über die Schulter.
Die Pferde jagten dahin. Sand wirbelte auf und ab und zu, wenn die Wellen des Mare Mediterrane weit über den Strand platschten, spritzte auch Gischt auf.
Dan musste seine gesamte, eher miserable Reitkunst einsetzen, um der Frau zu folgen.
Es wurde ein Gewaltritt!
Die Nüstern der Pferde bedeckten sich mit Schaum, der rechts und links zeitweilig an den Körpern der Tiere vorbeiflog.
Endlich bog die Heerführerin in einen Hain ab. Ein äußerst schmaler Pfad zwang sie zum langsamen Reiten.
Bald vernahmen sie das Rauschen von Wasser. Dann blinkten Reste von weißen Marmorsäulen durch das Gehölz. Dichter wässeriger Nebel schwebte über den Überresten eines scheinbar uralten Tempels.
Ygrain hielt ihren Braunen an und sprang zu Boden. Dan tat es ihr gleich. Jeder Knochen im Leib tat ihm weh. Er stöhnte leise auf.
»Dieses Heiligtum war mal der Ishtar geweiht«, erklärte Ygrain leise. »Ishtar und Astarte der Pyrenäen, Diana und In.anna sind eins.«
»Aha!«, machte Dan nur.
»Einst«, so fuhr die Keltin fort, »gab es hier eine große Statue der In.anna – ähnlich der Statue in unserem Tempel. Diese Figur – aus schwarzem Alabaster – trug eine Krone. So sagt es die Legende. In der Krone steckte ein Stein, der seine Farbe immer wieder wechselte. Wurde er rot, so drohte Unheil, zeigte er grün oder blau, so war der Besucher gesegnet.«
Dans Herz begann schneller zu schlagen. Er folgte Ygrain über eine ehemals wohl wunderbare Freitreppe zu einem Plateau, dessen bemooste Marmorsteine von der einstigen Pracht berichteten.
An dieses Plateau schloss sich ein Wasserbecken an. Gespeist von einer Therme. Von dort stieg der Nebel auf.
Ygrain deutete auf einen teilweise gebrochenen Sockel.
»Hier hat die Statue gestanden, so sagt man.«
Dan runzelte die Stirn. Ygrain fuhr fort: »Einst verdunkelte sich am Tage der Himmel. Ein gewaltiger, bis dahin unbekannter Himmelskörper, einer schwarzen Sonne gleich, tauchte auf. Umgeben von einer grünen Feuerlohe. Blitze schlugen überall ein. Erdbeben erschütterten das Land und ließen auch diesen Tempel einstürzen.«
Dan hörte atemlos zu.
»So plötzlich, wie der Himmelkörper aufgetaucht war, so plötzlich verschwand er auch wieder. Aber er hinterließ das Chaos.«
Ygrain hielt inne. Sie ging in die Hocke und starrte auf die Reste des Sockels.
»Es heißt, die Frau vom See, die auch damals Artus das heilige Schwert gab, sei schuld gewesen. Mit einem Ritual habe sie ein Loch in die Zeit gemacht.«
»Wann soll das gewesen sein?«
Ygrain schaute zu dem jungen Mann hoch.
»Als Artus die große Schlacht verlor. Niniane hieß die Magierin und soll eine Liebesnacht mit Childerich verbracht haben.«
Dan tastete nach dem Kristall in seiner Tasche des Lederwamses. »Du denkst …?«
Ygrain zuckte die Achseln. »Es heißt, Merlin Ambrosius, der naturwissenschaftlich begabte Hochkönig, habe außer sich vor Zorn Niniane in einen Baum gebannt, damit sie nicht weiteres Unheil hervorrufe. Doch mittels des Steins, den sie aus der Krone der Statue gestohlen hatte, konnte sie sich befreien und verschwand dann spurlos.«
Die Heerführerin erhob sich und streckte die Hand aus. »Zeig mir deinen Kristall.«
Zögernd reichte Dan ihn ihr. Er wirkte weiß und harmlos. Ygrain nahm ihn und legte ihn auf den Sockel. Sogleich begann er in rotem Feuer zu glühen.
»Er ist es!«, rief Ygrain aus. »Der Stein des Bösen! So genannt, weil er in falschen Händen den Kosmos durcheinanderwirbelt. So schrieb Merlin Ambrosius es auf.«
Dan schüttelte verwirrt den Kopf. »Aber … mal angenommen, dass es der Stein ist … alles andere ist ja Legende … wieso habe ich ihn jetzt und weshalb bin ich hier?«
Ygrain nahm den Stein wieder hoch und reichte ihn Dan. »Ich weiß es nicht! Aber ich kann mich an eine Aussage meiner Mutter erinnern, dass damals auch meine Heimat von vielen Erdstößen heimgesucht wurde und für kurze Zeit die Nacht regierte.«
Dans Gedanken wirbelten. »Was weiß man über diese Niniane?«
Ygrain blickte zu den Wasserschwaden hinüber. »Nichts Genaues. Sie soll nach dem Ereignis nie wieder froh geworden sein und versuchte, alles rückgängig zu machen.
Merlin wollte ihr dabei helfen, doch bevor es dazu kam, wurde er von dem Bastard Mordred umgebracht. Es heißt, Niniane irre durch die Zeit, hilflos, nach der Suche einer Lösung.«
Dan setzte sich auf einen Stein und versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was er über die geheimnisvolle Frau am Flughafen wusste.
Er erinnerte sich an das Gespräch im Labor.
»Yvonne da Silva – mehrfach ausgezeichnete Physikerin – besonders in einem Forschungsbereich …«, hatte Ken gesagt. »… im Forschungsbereich Zeitströme und deren Paradoxen. Sie wurde am 4. April 1983 in Paris von einem Auto überfahren und starb noch am Unfallort. Sie war zu der Zeit 31 Jahre.«
In Dans Kopf brummte es. 31 Jahre alt … das war geschätzt. Vom Pathologen vermutlich. Gab es einen Ausweis? Vermutlich, aber was sagte das schon aus?! Eine Geburtsurkunde wäre wichtig. Und etwas über die Familie da Silva. Aber was hatte Genevier gesagt – vom Wald …? Yvonne da Silva – ein Beiname der Frau vom See. Niniane …
Ygrain beobachtete den jungen Mann. »Was geht in deinem Kopf vor?«
Dan schreckte auf. »Was? Ach so … später. Sag mal, habt ihr genauere Aufzeichnungen vom alten Hochkönig?«
Ygrain schürzte die Lippen. »Ich denke, da musst du Genevier fragen.«
Drei Stunden später stand er vor der ehemaligen Hochkönigin Englands und wie jedes Mal bekam er bei der stattlichen schönen Frau weiche Knie vor Ehrfurcht.
Er brachte sein Anliegen vor.
Geneviers apartes, leicht römisches Antlitz nahm einen erstaunten Ausdruck an.
»Es gibt im Archiv unzählige Schriften des so genannten Merlin.«
»Mich interessieren ausschließlich Dinge, die mit dem mysteriösen Stein und der Frau vom See zusammenhängen.«
Genevier setzte sich in den Fellstuhl und schlug die schlanken Beine übereinander. Am rechten nackten Fuß blitzte der Diana-Ring im letzten Sonnenlicht, das durch das Fenster der Kemenate schien.
Die schöne Frau dachte einen Moment nach, dann nickte sie. »Komm!«
Sie stand auf.
Über unzählige Treppen führte sie den Zeitreisenden in einen großen Raum mit sehr hohen Decken. Dan erinnerte es an die Bibliothek eines alten Klosters. Genevier deutete auf ein Regal, das vollgepfropft mit Pergamentrollen und losen Blättern war.
»Hier – das ist alles von dem Mann, den man später den Merlin nannte.«
Dan stöhnte und fuhr sich durch das ungebändigte Haar. Wie sollte er da etwas finden?
»Der Zeitraum, den du suchst, müsste …«Genevier ließ die Augen über das Regal gleiten, dann zeigte sie auf ein Fach oben, »…dort zu finden sein.«
Als Dan sich einen Schemel heranzog, wollte die ehemalige Königin wissen: »Denkst du an neue Gefahr?«
Dan nickte. »Es ist kein Zufall, dass ich Sherazedas Grabstein fand und die Inschrift ist eindeutig.«
Genevier schloss einen Moment die Augen, dann verließ sie gebeugten Hauptes den Raum. Der junge Zeitreisende sah ihr nach.

4-0-9 Alpha

Francine stockte der Atem!
Der Riesenoktopus hatte sie verfolgt.
Sie wollte Norma warnen, doch kein Wort verließ ihre Kehle. Mit Entsetzen sah sie, wie der Oktopus auf das Boot zustrebte. Norma stieß sich vom Ruder ab.
»Norma! Über dir!«
Es war mehr ein Krächzen, doch die Atlanterin schaltete sofort. Sie wirbelte herum und schlängelte sich zwischen Ruderblatt und Turbine hindurch. Gerade noch rechtzeitig, um von dem Gummiband ähnlichen Fangtentakel nicht erwischt zu werden.
Francine nahm hinter einem vorspringenden Fels Deckung.
Der Oktopus war dreimal so groß wie das Boot und er setzte sich nun genau darauf.
Nur wenige Teile des Schiffskörpers konnte man unter der giftgrünen Fangarmmasse noch erkennen.
Er wird das Boot zerquetschen, durchzuckte es Francine.
Plötzlich bemerkte sie eine Bewegung neben sich. Sie zuckte zusammen.
Es war Norma.
»Wir müssen hier weg«, erklang es aus Francines Helmlautsprecher. »Ich kenne eine Höhle, nicht weit von hier, da sind wir sicher.«
»Was ist mit dem Boot?«
»Später, Kleines, wir können jetzt nichts tun.« Damit schwamm sie davon und Francine beeilte sich, hinterherzukommen.
Sie schwammen auf ein angrenzendes Felsmassiv zu. Bald erkannte man den Höhleneingang. Da zuckte direkt vor Francines Kopf ein Tentakel. Sie wirbelte auf die Seite. Der Fangarm zog sich zurück.
Sie stieß einen Schrei aus. Norma hörte es und wandte den Kopf. Der Krake war ihnen gefolgt.
Doch dann erkannten beide, dass dies nicht so war.
Es gab zwei solcher riesigen Ungeheuer!
Francine starrte wie hypnotisiert nach oben. Mystisches Licht bahnte sich den Weg durch das Wasser und mitten darin, wie ein Scherenschnitt, der Krake. Wie einen überdimensionalen Greifer hatte er die Fangarme zusammengezogen. Francine wusste, dass sie jeden Moment vorschnellen konnten.
Da zerschnitt ein Feuerstrahl das diffuse Wasser und traf den Körper des Ungetüms.
Das zuckte zusammen. Die Fangarme schossen in alle Richtungen und einer verfehlte Francine nur um die Breite einer Handspanne.
»Komm!«, schallte es in ihrem Helmlautsprecher. »Es sind nur ein paar Meter noch!«
Francine fackelte nicht lange. Der Laserschuss mochte den Kraken vielleicht nur für kurze Zeit irritiert haben. Dann würde seine Wut danach noch gewaltiger sein.
Ein schmaler Spalt in der Felswand wurde erkennbar. Norma schob sich hinein – Francine folgte.
Der starke Handscheinwerfer, den die Atlanterin am Tauchgürtel trug, warf seinen Lichtkegel in den unterseeischen Gang. Hunderte von bunten Fischen schossen auf das Licht zu. Norma schwamm weiter – immer tiefer in die Höhle. Diese erweiterte sich bald und dann durchstieß sie die Wasseroberfläche.
Die Atlanterin löste den Helm. »Hier sind wir sicher«, stieß sie leicht außer Atem hervor. »Eine unterseeische Luftblase. Wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten bestehend.«
Francine keuchte etwas mehr. Ihre Langzeittauchgänge lagen schon einige Zeit zurück. »Woher kennst du den Ort hier?«
Die Atlanterin zog sich auf eine Felsplatte und lachte leise.
»Ich bin auch Meeres-Geologin. Vor zwei Jahren habe ich diesen Ort gefunden und untersucht. Es gibt hier einige interessante Dinge.« Sie legte den Helm auf die Felsplatte. »Die Ausrüstung können wir hier lassen.« Sie entledigte sich aller sperrigen Dinge. Francine tat es ihr gleich.
»Als ich dem Rat von meiner Entdeckung berichtete«, fuhr Norma fort, »da hat man sehr merkwürdig reagiert. Jedenfalls wurde dieser Ort zur verbotenen Zone erklärt.«
Francine runzelte die Stirn. »Warum?«
Norma zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Ich bekam nur ausflüchtige Auskünfte. Na … später hatte ich dann auch keine Zeit, mich hier weiter drum zu kümmern.«
Die Atlanterin schritt auf eine raue Felsformation zu. »Hier ist ein Spalt. Komm!«
Francine folgte Norma und zwängte sich durch den engen Gang. Der Weg mochte wohl zwanzig Meter lang sein, dann erweiterte er sich und …
Francine hielt die Luft an.
Das konnte nicht sein!
Sie zwinkerte mit den Augen, aber das Bild blieb.
Beide Frauen standen auf einer Anhöhe und der Blick war frei in eine weite Bucht. Tief unten brandete ein Ozean.
Ein Ozean unter dem Meer?
Francine fasste sich an den Kopf.
»Phantastisch – nicht wahr?!«, kam es von Norma. »Sie dort!«
Francine ließ den Blick weiter gleiten. Das Meer schäumte an den Strand einer weiten Bucht. Hochhäuser, oder eher die Ruinen davon, säumten den Bereich der Bucht.
»Was … ist das?«, hauchte sie stammelnd.
Norma hob die Hände. »Ich bin nur bis zu einer Weggabelung gekommen. Ich zeig’s dir.«
Sie schritten auf der Hügelkuppe entlang und dann erkannte man Reste einer asphaltierten Straße. Allerdings wies sie merkwürdige Brandspuren auf. Auch tote, halb verkohlte Büsche sah man.
Doch dann stand dort der Wegweiser.
Ein ganz normales Schild, wie Francine es kannte.
»MIAMI – 8 Meilen« stand dort klar und deutlich.
Francine schwankte. Vor ihren Augen wurde es schwarz. Sie wäre gestürzt, wenn Norma sie nicht aufgefangen hätte.
Die Amerikanerin öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Erst beim vierten Versuch artikulierten sich Wörter.
»Wie ist das … möglich?«
Die Stimme schien nicht ihr zu gehören.
Norma deutete auf die Reste einer Bank. Vermutlich hatte es sich hier mal um einen Aussichtspunkt gehandelt.
Sie setzten sich und Francine brauchte noch volle zehn Minuten, um ihren Kreislauf unter Kontrolle zu bringen. »Bin ich hier im falschen Film?«
Norma schwieg. So saßen die beiden nebeneinander und ließen das unwirkliche Bild auf sich wirken.
Eines war eindeutig: Diese Stadt dort unten – welche immer das sein mochte – hatte eine Katastrophe erlebt.
Norma brach das Schweigen. »Es ist eine Stadt aus deiner Welt«, sagte sie feststellend.
Francine konnte nur nicken. »Es ist aber nicht möglich!«, stieß sie aus.
»Eventuell doch«, kam es von der Atlanterin. »Nachdem man diese Zone als die Verbotene erklärt hatte, wurde meine Neugier geweckt. Zwar hat es etwas gedauert, bis ich recherchieren konnte, doch ich stieß auf merkwürdige Dinge.«
Francine schaute die junge Frau an.
Diese fuhr leise fort: »Auf der Fahrt hierher überdachte ich das, was Ken gesagt hat. Aufgrund dessen habe ich über den Boots-Computer unsere geheime Datenbank im Ministerium angezapft. Ken hat recht. Es gibt einen Riss im Zeitgefüge. Woher er stammt, weiß ich nicht. Aber dieser Riss ist allgegenwärtig. Er wirkt ähnlich wie ein Schwarzes Loch. Manchmal wird etwas angesaugt – manchmal auch nicht. Vermutlich periodisch.«
Francine wehrte ab. »Langsam, langsam – für eine alte Frau zum Mitschreiben. Du denkst, dass dies eine Stadt – vermutlich Miami in Florida – ist, die in meiner Zeit und Welt existiert.«
Norma nickte. »Existiert und existiert hat.«
Francine fasste sich wieder an den Kopf. »Was? Aber diese Stadt ist zerstört!«
Wieder nickte Norma.
Francine rief: »Also kann das nicht sein!«
»Doch!«, beharrte die Atlanterin. »Meine Theorie ist folgende: Das, was ihr in eurer Zentrale gesehen habt, sind die Auswirkungen dieser Katastrophe gewesen. Was es gewesen ist, kann ich noch nicht sagen. Jedenfalls habt ihr die Auswirkungen bemerkt und seid deshalb auf diese Welt gestartet. Doch was eure Instrumente registriert haben, sind Dinge aus eurer Zukunft gewesen.«
In Francines Kopf wirbelte es. Sie glaubte, in einen gedanklichen Abgrund zu stürzen.
»Wie können unsere Geräte etwas aus unserer Zukunft messen, was wir dann auf dieser Welt hier finden?«
Norma seufzte. »Die Einsteinsche Raum-Zeit-Krümmung.«
Die junge Amerikanerin sprang auf. »Herrgott! Ich bin keine Physikerin! Ich begreife das nicht!«
Norma lehnte sich zurück und blickte zu Francine auf. »Ich versuche es mal simpel zu erklären, ohne Formeln, ohne Materieerklärungen und so. Laienhaft einfach.«
Francine nickte. »Ich bitte darum. Vielleicht geht es dann in mein Gehirn.«
Die Atlanterin räusperte sich.
»Parallelwelten existieren zeitgleich nebeneinander. Sie sind aber nicht einfach so entstanden, nach dem Urknall, oder wie man das nennen will. Es sind Zeit- und Entwicklungsparadoxen. Nehmen wir mal an, jemand reist mit einer Zeitmaschine ins Reich der Pharaonen. Er bringt moderne Waffen mit und ein Krieg – sagen wir zwischen Ägypten und den Persern – verläuft anders, als passiert. Normalerweise müsste sich die gesamte nachfolgende Geschichte total auflösen und neu formieren.
Das gäbe ein absolutes kosmisches Chaos. Also entwickeln sich zwei Existenzebenen. Die bekannte – also die vor der Zeitreise – und die manipulierte. Denn das manipulierte Geschehen ist ja auch echt und muss in der Zeit seinen Raum finden. Es spaltet sich eine Parallelentwicklung ab.«
»Aha!«, machte Francine nur.
Norma lächelte. »Der menschliche Verstand ist leider in der geistigen Vorstellung begrenzt. Das macht es schwierig. Also, jemand auf eurer Welt in eurer Zeit wird in einer nicht näher festzulegenden Zukunft ein Experiment durchführen, das einen Riss ins Raum-Zeit-Gefüge reißen wird. Dadurch entsteht eine neue Parallelebene oder …«, sinnierte sie, »…ein Teil der zukünftigen Realwelt wird in eine andere real existierende Parallelwelt geschleudert. Miami wird durch etwas zerstört. Es ist noch nicht passiert, aber durch die Raum-Zeit-Krümmung doch schon und hier erkennbar.«
Francine starrte Norma an. »Uff!«, machte sie. »Perry Rhodan lässt grüßen!«
»Wer?«, fragte die Atlanterin mit gerunzelter Stirn.
Francine winkte ab. »Nicht so wichtig.« Sie setzte sich wieder.
»Was jetzt?«, wollte sie wissen.
Norma stand nun langsam auf. »Wir gehen hinab in die Stadt. Vielleicht erfahren wir etwas.«
»Von wem? Woher?«
Norma wiegte den Kopf. »Inschriften, Spuren … Wer weiß.«
»Was ist mit dem Boot?«
Norma schaute zu Boden. »Vielleicht lässt der Krake es in Ruhe. Dann wird man auf uns warten.«
»Hast du Kontakt zu unseren Leuten?«
Norma musste das verneinen. »Ich nehme an, in dieser Blase hier sind wir abgeschirmt.«

Cap Creus/ Vergangenheit

Ihm fielen die Augen zu.
Irgendwann spürte er eine Berührung an der Schulter.
Erschreckt hob er den Kopf.
»Dan, wie lange willst du noch in den Papyri stöbern?«, vernahm er eine sanfte Stimme.
Der junge Mann konnte ein Gähnen einfach nicht unterdrücken. Als er dann in das schöne Gesicht von Sherazeda sah, stammelte er: »Entschuldigung, aber …«
Die Königin von Marakis streichelte ihm sanft das wirre Haar. »Was suchst du?«
Der junge Zeitreisende schüttelte den Kopf. »Genau weiß ich das auch nicht. Merlins Aufzeichnungen sind an manchen Stellen sehr verwirrend.«
Die betörend schöne Araberin blickte Dan fest an. »Du willst eine Gefahr von mir abwenden.«
Dan stieß zischend die Luft aus. »Du weißt es?«
Die Araberin bestätigte dies durch ein Kopfneigen. »Ich ahnte es. Aber Genevier hat es mir dann gesagt. Du fürchtest, ich könnte sterben.«
»Ich fand deinen Grabstein in meiner Zeit.«
Sherazeda schürzte leicht die Lippen. »Der Stein des Bösen bringt mich zu Tode.«
Dan schluckte kurz. »Ja.«
Der Blick der Araberin drang ihm tief ins Herz. »Weshalb willst du mich retten?«
Dan schloss die Augen. »Weil … weil …«
In diesem Moment spürte er ihren leidenschaftlichen Kuss. Er fühlte ihren Körper – ihre Wärme – er rutschte aus dem Fellstuhl und bald tauchten sie ein in die wohlige Welt der Sinnlichkeit.
Lange lagen sie noch auf den harten Dielen der Bibliothek. Sherazedas Gesicht befand sich ganz nah vor dem seinen, als sie fragte: »Dan, kann ich etwas tun?«
Langsam richtete der junge Mann sich auf.
»Ich weiß doch selbst nicht, was ich tun kann.« Er lächelte die schöne Frau an. »Aber was immer dieser Stein ist – nicht Astarte-In.anna hat ihn mir gebracht, wie du zuerst vermutet hast. Es gibt eine völlig reale Erklärung dafür. Es steht nur fest, dass diese Person, die sich hinter der Überbringerin verbirgt, uns warnen will.«
Die Königin von Marakis strich sich das lange schwarze Haar aus dem Gesicht und merkte an: »Wir Araber kennen uns sehr gut in der Astronomie und der Astrologie aus. Vielleicht bringt dich das weiter.«
Dan warf einen Blick schräg nach oben zu den unzähligen Schriftrollen auf dem groben Holztisch. »Aurelius Ambrosius schrieb sehr viel über einen Himmelskörper, der unregelmäßig auftauchte, die Sonne verdunkelte, um dann große Fluten und Stürme zu erzeugen. Manchmal sah man ihn nur einen Tag, dann verschwand er und ließ das Chaos zurück. Oft stürzten Steine vom Himmel – wir nennen sie Meteoriten. Einige pulsierten oder glühten.«
Sherazeda richtete sich in die Hocke auf. »Solche Aufzeichnungen gibt es auch in Marakis. Dort weiß ich von Alashid, dem Astronomen meines Vaters, dass sich auch feurige Risse am Himmel zeigten.«
Dan riss die Augen auf. »Feurige Risse?«
Ihm schwante etwas. Er sprang auf und wühlte in den Rollen und Blättern auf dem Tisch. Dann hatte er es.
»Ich bin kein Physikprofessor, aber hier steht etwas …« Er überflog die Zeilen in lateinischer Sprache, die er inzwischen leidlich beherrschte, weil er bei den damaligen Reisen in die Vergangenheit immer wieder damit konfrontiert worden war. »…ja hier!« Er zeigte auf eine Stelle. »Ein gewaltiger Riss soll sich am Nachthimmel gezeigt haben. Daraus schossen kristallartige Steine auf die Erde herab. Ambrosius oder Merlin schreibt hier auch, dass er, als er einen der Steine berührte, eine wundersame Stadt sah. Mit Kutschen ohne Pferde.«
»Kutschen ohne Pferde?« Sherazeda machte ein erstauntes Gesicht.
»Ja, man könnte denken, er sei in die Zukunft gereist«, murmelte Dan. »Er schreibt auch, dass die Frau vom See einen unseligen Pakt eingegangen sei.«
»Damit kann er nur Niniane oder Yvonne gemeint haben.«
Bei der Nennung des Namens zuckte der junge Mann zusammen. »Hast du sie gekannt?«
Sherazeda fuhr sich durch das Haar. »Man munkelt, dass sie damals, nach dem Tode des Hochkönigs Artus verschwunden sei, aber es gäbe einen Ort, an dem sie zeitweilig auftauche.«
Dans Kopf wurde schlagartig wieder klar. »Gibt es ein Gerücht neueren Ursprungs?«
Sherazeda lehnte sich mit dem Rücken an ein Tischbein. »Ich weiß nur, dass der Merowinger immer wieder Späher aussendet, um jemanden zu finden.«
Dan setzte sich auf den Tisch. Er dachte an das Erlebnis am Tage. Sie suchen einen Magier, hatten die Bauersleute gesagt. Könnte es eine Magierin sein?
Der junge Mann schaute die Araberin fest an. »Kannst du mich zu diesem mysteriösen Ort führen?«
Die Araberin runzelte die Stirn. »Ich kenne ihn nicht genau, aber Genevier könnte uns vielleicht helfen. Komm!«

4-0-9 Alpha

Sie wanderten durch zerstörte Straßen.
Kein Zweifel – es handelte sich um das Francine bekannte Miami.
Was war hier geschehen?
Ein Meteoriteneinschlag? Ein Erdbeben? Ein Krieg?
Plötzlich blieb Norma stehen. Sie deutete auf ein Schild.
»MIAMI NEWS« stand dort. Der Eingang lag halb hinter Schutt versteckt.
»Komm, wir gehen hier mal hinein. Aus Zeitungen erfährt man immer etwas.«
Francine grunzte nur etwas. »Wenn nicht alles verbrannt ist«, meinte sie dann.
Norma breitete die Arme aus. »Vielleicht funktioniert ein PC oder sonst was. Ein Versuch ist es wert.«
»Denkst du wirklich, die hatten noch Zeit, um etwas zu schreiben – so wie es hier aussieht?«
Norma verdrehte die Augen. »Darling – jede Katastrophe, jeder Krieg kündigt sich an. Nun mach schon! Wir haben nicht ewig Zeit!«
Sie bahnten sich einen Weg durch ein zerstörtes, finsteres Treppenhaus. Eine Liftkabine hing schief in den gebrochenen Leitschienen.
Norma stiefelte die mit Gesteins- und Mörtelbrocken übersäten Stufen zum ersten Stockwerk hinauf. Dort sah es nicht viel besser aus. Von einem Podest zweigte ein langer, dunkler Korridor ab. Norma schaltete ihre Handlampe ein.
»Muss mal eine noble Redaktion gewesen sein.«
Plötzlich vernahmen sie ein Geräusch.
Es kam von vorn aus einem Raum. Norma zog ihre Strahlwaffe. Sie machte zu Francine das Zeichen des Schweigens.
Die Atlanterin schlich bis zur Tür, dann wirbelte sie nach rechts. Die Waffe hielt sie im Anschlag.
»Nicht! Nicht wieder! Ich hab nichts getan! Bitte …« Der Aufschrei ging in ein Wimmern über.
Was Norma da im Lichtkegel der Lampe sah, war ein abgewracktes, schmutziges Bündel Mensch. Das Alter ließ sich auf den ersten Augenblick kaum ausmachen. Ein struppiger Bart, mindesten zwei Wochen alt, ließ nur Raum für zwei völlig verängstige Augen.
»Wer sind Sie?«, fragte Norma leise.
»Nichts tun. Bitte«, wimmerte die Gestalt wieder.
Der Fremde schien ein schreckliches Erlebnis hinter sich zu haben.
Norma steckte die Waffe ein. »Wir sind keine Feinde.«
Die Atlanterin ging langsam auf das zitternde Bündel Mensch zu. Es dauerte an die fünf Minuten, bis sie den Mann sanft aus dem Versteck gezogen hatte.
Inzwischen hatte Francine den Sicherungskasten entdeckt. Auf gut Glück legte sie den Hauptschalter um. Funken sprühten, aber dann gingen im Flur und in zwei Büros die Leuchtstofflampen an.
Der Mann – die beiden Frauen konnten ihn nun um die Fünfzig einschätzen – kniff geblendet die Augen zusammen. Doch dann hob er abwehrend die Arme. »Ausmachen! Licht ausmachen! Sie kommen sonst sofort!«
»Wer kommt?«, fragte Francine leise.
»Bitte … rasch … sonst ist es zu spät!« Der Mann rief es hysterisch.
Norma machte Francine ein Zeichen und diese legte den Hauptschalter wieder auf Null.
Sofort senkte sich Finsternis in das Gebäude.
Francine wollte etwas sagen, als sie das tiefe Brummen einer Lkw-Maschine hörten.
»Oh Gott!«, rief der Mann. »Man hat es gesehen! Sie werden uns umbringen!«
Norma ergriff den Mann fest an seinem rechten Arm. »Wer kommt da? Was ist passiert? Sagen Sie es uns!«
Der Mann wand sich in dem Griff. »Schnell weg! Kommen Sie mit! Ich weiß ein Versteck. Schnell!«
Er rannte los und in dem diffusen Licht, dass von außen in das Gebäude drang, folgten die beiden Frauen dem Mann.
Sie sprangen über Müll– und Schuttberge und gelangten zu einer Stahltreppe, die steil aufwärts führte, durch einen schmalen Raum auf das flache Dach.
Der Mann zeigte auf einen halb eingefallenen Verschlag, der an das Maschinenhaus eines Lifts erinnerte.
»Da hinein! Schnell!«
Während Norma und der Fremde auf das Häuschen zurannten, warf Francine einen Blick über das kleine Sicherheitsgeländer des weiträumigen Flachdaches.
Ihr Mund wurde trocken, als sie unten vier schwere Militär-Lastwagen stehen sah. Etwa dreißig bewaffnete Marines stürmten das Gebäude.
»Bullshit!«, stieß die ehemalige CIA-Agentin aus und rannte gleichfalls zu dem Verschlag.
Innen roch es muffig. Tatsächlich befand sich hier eine Aufzugmaschine.
»Hier herüber«, flüsterte der Mann. »Hinter das Seilrad. Nicht sprechen, sie besitzen Sensoren.«
Sie verharrten so an die dreißig Minuten, dann hörten sie eine eiserne Tür schlagen und zahlreiche trampelnde Stiefelschritte. Dann eine Stimme in englischer Sprache.
»Alles absuchen. Es muss noch jemand überlebt haben. Sofort erschießen!«
Francine gefror das Blut in den Adern.
Verdammt! Wieso bringen die die eigenen Leute um?, raste es fragend durch ihr Gehirn.
Als jemand die Tür zu dem Verschlag aufriss, drückten sich die beiden Frauen und der Fremde dicht hinter die große Seilscheibe.
Minuten wurden zu Stunden.
Dann schien der Trupp endlich abzuziehen.
Die drei wagten nicht zu atmen. Erst nach einer weiteren Viertelstunde schlich Norma sich zur Tür. Millimeter für Millimeter öffnete sie diese. Niemand befand sich auf dem Dach. Stattdessen hörte man anfahrende Fahrzeuge.
Norma beugte sich über das Geländer. Die Lastwagen bogen eben in eine Seitenstraße ein.
Die Atlanterin ging zurück zur Tür und rief unterdrückt: »Die Luft ist rein.«
Langsam, sich nach allen Seiten umsehend, krochen der Fremde und Francine heraus. Ein milder Wind wehte über das Dach.
»Wir müssen aufpassen. Sie besitzen auch Hubschrauber«, flüsterte der Mann. Er winkte den beiden zu und sie huschten in das Gebäude zurück. Er führte sie ein Stockwerk tiefer. Dort gab es einen Raum, der einigermaßen gemütlich wirkte, sofern man das unter diesen Umständen überhaupt sagen konnte.
Ein großes Fenster gab es an der Kopfseite. Draußen war es inzwischen stockdunkel. Der Fremde zog einen dichten Vorhang vor das Fenster und entzündete zwei dicke Kerzen. »Die habe ich gestern aus der nahegelegenen Kirche gestohlen.«
Nun konnten die beiden Frauen die Einrichtung genauer unter die Lupe nehmen. Es gab ein Bett, drei Sessel, einen kleinen Tisch, einen Computer und einen Herd mit einer Gasflasche.
Der Mann sank in einen der Sessel. »Alles des Nachts heimlich besorgt. Ich war gerade unten, um noch Lebensmittel aus meinem Bürokühlschrank zu holen, als ich Sie hörte. Ich dachte schon, es sei aus mit mir.«
Francine setzte sich ebenfalls und wollte nun wissen: »Wer sind Sie? Was ist hier passiert?«
Der Mann lachte leise, aber sarkastisch. »Mein Name ist Paul Saxon. Ich bin mal der Chefredakteur dieser Zeitung gewesen. Bis vor neun Tagen. Da brach die Götterdämmerung über uns herein.«
Nun setzte sich auch Norma.
»Erzählen Sie«, forderte sie den Mann auf.
Der griff hinter sich und förderte eine Flasche Wein und drei Gläser aus einer Kiste hervor. »Auch einen Schluck? Meine Weine waren immer gut.«
Francine nickte. »Warum nicht?! Ist sowieso egal.«
Saxon schenkte ein. Dann hob er sein Glas. »Auf die Zukunft, die es nicht mehr geben wird.«
Nachdem alle einen Schluck getrunken hatten, fuhr sich Saxon mit den Schneidezähnen über die Unterlippe. »Was ist passiert?« Er holte Luft. »Das Ungeheuerlichste, was man sich nur denken kann.«
Francine beugte sich vor. »Wir würden es gern wissen.«
»Okay – aber ich sage Ihnen gleich, würde das jemand in einem Science Fiction Roman schreiben, er fände keinen Verleger. Alle würden ihn für ausgerastet halten.«
Saxon nahm noch einen Schluck Wein. Dann begann er: »Es war vor sechs Monaten. Obwohl die Hurrikan-Zeit noch gar nicht angebrochen war, bildete sich am Himmel ein gewaltiger Trichter. Die Sonne verdunkelte sich. Riesige Wellen tobten an der Küste. Sogar bis New York. Die Meteorologen zeigten sich ratlos. Das Ganze dauerte wohl vier Stunden, dann löste sich der Trichter auf und wir hatten wieder das beste Wetter.«
Francine erinnerte sich, etwas von einem merkwürdigen Unwetter in Florida als Randnotiz in der San Francisco Tribune gelesen zu haben. Menschen waren allerdings nicht zu Schaden gekommen.
Saxon lehnte sich zurück und legte den Kopf in den Nacken. »Nach zwei Tagen spürte man, dass sich einige Menschen merkwürdig verhielten. Sie plagten rasende Kopfschmerzen. Viele meiner Kollegen auch.«
»Und Sie nicht?«, fragte Norma erstaunt.
Saxon schüttelte den Kopf. »Ich habe selten Last mit Kopfschmerzen. Nur ab und zu an der Narbe.« Er deutete auf seinen Hinterkopf.
»Woher stammt die Narbe?«, wollte Francine wissen.
Saxon lachte wieder leise auf. »Als ich zwölf war, stellten Ärzte ein Blutgerinnsel in meinem Gehirn fest. Ich war in der Schule umgekippt. Notoperation … Na ja, dem Satan gerade noch von der Schippe gesprungen. Aber seitdem leide ich auch nicht mehr unter Wetterfühligkeit.«
Francine beobachtete den Mann. Der fuhr fort: »Also, diese Kopfschmerzen brachten viele zur Raserei. Es gab Streit, Schlägereien auf den Straßen. Die Polizei musste hart durchgreifen. Doch da auch die Polizisten litten, eskalierte die Gewalt zwischendurch. Ein paar Tage später war der Spuk auch vorbei.«
Francine hatte sich nun weit vorgebeugt. »Weiter passierte nichts?«
»Nichts«, erklärte der ehemalige Chefredakteur. »Bis vor zehn Wochen. Da tauchte in der Nacht – es war am 22. des Monats – neben dem Mond ein großer greller Stern auf. Hellgrün erst, dann blau. Alle dachten an ein Ufo. Abfangjäger stiegen auf. Die Erde wurde erleuchtet, wie von einem grellen Scheinwerfer. Etwa eine Stunde lang. Dann verschwand dieses Objekt genauso schnell, wie es gekommen war. Der nächste Tag brach strahlend an. Da bekam ich von der Regierung eine E-Mail – übrigens alle Zeitungen – wir hätten über das Phänomen Stillschweigen zu bewahren. Man drohte uns Redakteuren alles Mögliche an. Also schrieben wir erst mal nichts. Doch am 26. des Monats, da entstand am Mittagshimmel ein rot glühender Riss. Es sah aus wie ein überdimensionaler Blitz.« Saxon griff unter die Tischablage und schaltete sein Handy an. »Hier!«
Francine hielt erschreckt den Atem an. »Zounds! Wieso hat das sonst keiner fotografiert?«
Saxon verzog das Gesicht. »Es ist auch kaum bemerkt worden. Außer von mir und vielleicht zehn oder zwanzig anderen Menschen. Ich hab es nur fotografiert, weil ich eigentlich die Handy-Kamera nach der Reparatur ausprobieren wollte. Reiner Zufall!«
Francine reichte Norma das Handy.
Saxon fuhr fort. »Eine Stunde danach bildete sich vor der Küste ein Strudel. Die NAVY maß einen Durchmesser von acht Kilometern. Grüne Dämpfe stiegen aus dem Wasser und wehten über das Land.«
Francine staunte. »Auch darüber kam nichts in den Nachrichten.«
Wieder lachte Saxon fast hysterisch. »Wie ich erfuhr, standen plötzlich in allen Fernsehsendern und Zeitungsredaktionen – jedenfalls bei denen, die etwas wissen konnten – Regierungsleute und verhinderten eine Weitergabe der Geschehnisse.«
Einen Moment hing Schweigen über dem Raum. Norma brach es. »Aber das bewirkte nicht die Zerstörung?«
Saxon verneinte das. »In der Nacht wurde Miami plötzlich in ein violettes, rotierendes Licht getaucht. Blitze zuckten vom Himmel herab und schlugen überall ein. In Häuser, in Straßen, in Umspannwerke. Das Meer erhob sich und fegte über die Strände. Am Morgen hingen dichte Sturmwolken über der Stadt. Dann tauchten die Nationalgarde und das Militär auf. Die Stadt müsse innerhalb kürzester Frist evakuiert werden. Man begann rücksichtslos die Menschen von den Arbeitsplätzen zu holen, räumte Häuser, zerrte Kinder aus den Schulen …«
Erregung und Wut hatten den Mann ergriffen. »Wer sich weigerte oder zögerte, den Befehlen Folge zu leisten, der … der …«
Er hielt sich die Hände vors Gesicht.
Norma legte ihm ihre Hand aufs Knie. »Was passierte?«
Saxon atmete schwer. »Sie wurden einfach erschossen.«
»Was?«, stieß Francine entsetzt aus.
Der Journalist nickte. »Einfach umgemäht. Dann verlud man die Leichen oder übergoss sie einfach mit Benzin. Ich stand wie angewurzelt neben einem Lkw, als meiner Kollegin in den Kopf geschossen wurde, nur weil sie gefragt hatte, wohin man sie denn brächte.«
Er schluchzte leise auf. »Sie war erst vierundzwanzig.« Er trank in einem Zug das Glas aus.
»Irgendwie … ich weiß es nicht … bin ich dann durchgedreht. Dem nächst stehenden Soldaten riss ich seine MP aus der Hand und schoss einmal rundum. Dann bin ich gerannt. Gerannt, bis ich irgendwo am Strand zusammengebrochen bin. In der Nacht wurde ich wach. Der Himmel glühte grünlich. Er schien zu vibrieren. Ich hatte Angst. Auch davor, dass man mich finden könnte. Also schlich ich los – auf vielen Umwegen hierher. Ich fand nur Zerstörung vor. Die Nationalgarde fuhr Patrouillen. Ich musste mich immer wieder verstecken. Sie durchsuchten auch Häuser und wenn sie jemanden antrafen, wurde er sofort erschossen.«
Saxon blickte auf. »Wie sind Sie überhaupt hergekommen?«
Francine schluckte. »Gute Frage. Es hat den Anschein, als sei Miami einem Dopplereffekt zum Opfer gefallen. Bevor die große Zerstörung eintrat, wurde die Stadt in einen anderen Zeitstrom geschleudert.«
Saxon sah die Sprecherin an, als habe sie etwas von Christi Auferstehung gesagt.
»Was?«
Norma lächelte leicht. »Schwer zu erklären. Also vermutlich existiert Miami jetzt zweimal. Ganz normal und … als Parallelwelt.«

Cap Creus/ Vergangenheit

Sherazeda und Dan erreichten ein Plateau.
Es lag etwa vier Reitstunden von der Burg San Salvador de Verdera entfernt.
»Wie geht es deinem Rücken«, feixte die Araberin.
Dan verzog das Gesicht. »Leidlich.«
»Deine Reitkünste werden immer besser.«
Der Amerikaner grinste verunglückt. »Das Auto ist mir lieber.«
Sherazeda runzelte die Stirn. »Auto?«
Der junge Mann winkte ab. »Das erzähle ich dir später. Wo sind wir hier?« Er ließ den Blick kreisen. Tief unten in der Bucht lag die griechische Hafenstadt Emporion. Größter Handels- und Hafenplatz der Iberischen Halbinsel.
Sherazeda glitt von ihrem Rappen. Sein Fell glänzte in der Mittagssonne.
»Ein Teil der Einheimischen nennen es Feld der Engel. Andere auch Ebene der Wunder.«
Dan zog die Augenbrauen leicht an. »Wie darf ich das verstehen?«
Die Araberin schritt zur Mitte des Plateaus. »Es soll hier Steine geben, die Heilkräfte besitzen. Kommt man zur rechten Zeit, beginnen sie in verschiedenen Farben zu schimmern. Wie eine Aura legt es sich um den Körper. Aber es soll auch gefährlich sein.«
»Wieso?«, wollte der Amerikaner nun mit gerunzelter Stirn wissen.
Sherazeda hob die Handflächen etwas an. »Mancher ist schon auf mysteriöse Art einfach verschwunden.«
Dan horchte auf. »Kennst du einen akuten Fall?«
Sherazeda schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nur vom Erzählen.«
»Wann ist es zum letzten Mal passiert?«
Die Araberin blickte zum Himmel. »Wann? Vor zwei … nein halt!« Sie blickte Dan direkt an. »Der Alkalde von Castello sagte mir, dass es vor ein paar Wochen wohl wieder passiert ist. Am Tag der Athene.«
Dan atmete schwerer. »Der Tag der Athene? Gibt es noch einen anderen Namen dafür?«
Die Araberin dachte nach. »Man feiert ein Fest in der kleinen christlichen Gemeinde in Castello. Der Priester müsste es dir genauer sagen können. Dort hat man irgendwas von der alten Gottesmutter dorthin verlegt.« Sie lachte. »Diese Christen legen immer ihre Feste auf alte Mysterientage.«
Der Amerikaner nickte nun. »Okay, das werde ich in Erfahrung bringen. Weißt du, wie so etwas passiert?«
Sherazeda blickte etwas hilflos drein. »Man sagt, wenn man am falschen Punkt steht. Mehr weiß keiner.«
Das war ja ganz interessant. Dan holte tief Luft. »Gut – also hier soll diese Niniane schon mal auftauchen?«
»Man sagt so. Wer sie trifft und ein Problem hat, wird auf wundersame Weise davon erlöst. Die Legende sagt, dass die Frau vom See gutmachen will, was sie an Unrecht in Verblendung getan hat.«
»Der Pakt mit Childerich!«
»Ja!«, ertönte da eine feste Stimme hinter ihnen. Beide wirbelten herum. Dan erkannte sie sogleich wieder. Doch wie anders sah Yvonne aus. Wie eine Göttin! Sie trug eine silberne Rüstung mit unzähligen Edelsteinen, in denen das Licht glitzerte und reflektierte. An einem kostbaren Gürtel hin ein noch kostbareres Schwert.
Yvonne bemerkte den Blick und sagte leise: »Du hast recht. Es ist Excalibur. Ich verwahre es, bis ein ebenbürtiger König zurückkehrt.«
Dan ging auf Yvonne zu, doch diese machte eine abwehrende Armbewegung. »Komm nicht zu nahe. Es bringt Unglück. Du könntest in eine Welt geschleudert werden, aus der du nicht wiederkehren kannst.«
Dan blieb steif stehen. »Was meinst du damit?«
»Durch meine Dummheit – weil ich einen Kristall beschwor – bildete sich ein Riss im Kosmos. Er öffnet und schließt sich unkontrollierbar. Dadurch kommen Welten durcheinander. Mit der Hilfe Merlins konnte zwar ein Siegel gesetzt werden, aber die Dummheit einiger Menschen ließ es zerbrechen.«
»Yvonne!«, rief Dan. »Weshalb hast du mich in meiner Zeit angesprochen? Weshalb gabst du mir den Kristall?«
Die Frau vom See blickte den jungen Mann fest an. »Damit du hierher kamst. Ich reise durch die Zeiten und Weltebenen. Viele Identitäten nahm ich – viele Tode bin ich gestorben. Auf der Suche nach dem Siegel. Du musst es finden.«
Dan fuhr verwirrt mit den Armen durch die Luft. »Weshalb ich? Wo soll ich es suchen?«
»Sprich mit deinen Freunden. Gemeinsam findet ihr es.«
»Ich kann mit meinen Freunden nicht sprechen!«, schrie Dan außer sich.
»Nimm den Kristall …« Die Stimme klang wie vom Winde verweht. Yvonne wurde durchsichtig, verschwamm und entschwand.
Völlig perplex stand Dan da.
»Hab ich das geträumt?«, flüsterte er. Da spürte er Sherazedas Hand auf seiner Schulter.
»Nein – du hast sie gesehen.«
Der Amerikaner stampfte mit dem Fuß auf. »Verdammt! Was nützt mir das?!«
Die Araberin legte die Arme fest um seinen Körper und flüsterte: »Tu, was sie gesagt hat.«
Die Sonne versank schon hinter den Pyrenäen, als sie auf die Burg zurückkamen. Genevier empfing sie mit besorgtem Gesicht.
»Wo seid ihr gewesen? Ich wollte schon einen Suchtrupp losschicken. Im Tal sind Merowinger Spähtrupps gesehen worden. José erzählte es mir.«
Dan und Sherazeda berichteten, was sie erlebt hatten.
»Der Tag der Athene«, erklärte sie, » war vor 71 Tagen.«
Dan zückte sein Handy. Es gab zwar keinen Empfang hier in der Vergangenheit, aber er konnte den Realkalender einsehen.
»Vor 10 Wochen«, murmelte Dan. Er blickte Genevier an. »Gab es da etwas Auffälliges? Etwas am Himmel?«
Die ehemalige englische Hochkönigin nickte. »Ja, in der Nacht gab es merkwürdige Verfärbungen am Himmel. So wie vor fünf Tagen. Da zeigte sich der Himmel violett. Das Meer begann zu toben.«
Sherazeda nickte. »Richtig. Wir waren besorgt über den plötzlichen Sturm. Wir fürchteten auch um die Seefahrer, die sich Emporion näherten.«
Dans Herzschlag beschleunigte sich. Er musste mit den Freunden Kontakt aufnehmen.
Was hatte Yvonne noch gesagt? Nimm den Kristall …«
Dan zerrte ihn aus dem Lederbeutel. Doch der Stein zeigte sich nur matt grün.
Himmel noch mal! Wie sollte er über den Kristall mit dem Team Kontakt aufnehmen?!
Suche das Siegel, hatte Yvonne gesagt.
Dan fasste sich an den Kopf. Wo sollte er denn dieses Siegel finden?
Er prustete die Luft aus. Dabei blickte er auf seinen PDA.
»Bullshit!«, fauchte er.
Plötzlich verhielt er mitten in der Bewegung.
Siegel!
Eine alte Bezeichnung aus dem Mystischen.
Yvonne war in seiner Zeit Physikerin gewesen. Dort gab es auch Siegel. Doch sie hießen dort Programme.
Dans Körper durchzog es heiß.
Er – oder das Team – mussten ein Programm suchen. Etwas, was einen Riss in Raum-Zeitgefüge gemacht hatte. Eine Abart des Wurmlochs. Das war es!
Aber wie bekam er Kontakt?
Spielerisch zog der den Kristall hervor. Er wog ihn in der Hand, drehte ihn ein paar Mal … Dabei stieß er gegen das Gehäuse des PDAs.
Dan glaubte nicht, was er sah.
Der Kristall begann rot zu glühen. Mit ihm auch das Zifferblatt der Spezialuhr. Die Zahlen auf dem integrierten Digitalfeld leuchteten matt rot auf.
Das gab es doch nicht.
Dan zog den Stein weg – die Anzeige wurde wieder dunkel. Berührte er das Gehäuse, besaß sie Energie.
»Puh!«, entfuhr es dem Amerikaner. Er nahm den PDA vom Handgelenk und legte ihn auf die Burgmauer. Den Kristallstein legte er direkt daneben. Dann gab er den Rufcode zur Zentrale ein.
Es brauchte dreißig Sekunden, dann meldete sich das Stanford Institut oder besser – das MTRD.
»Dan?«, kam es zögerlich von Professor Amanda Slone, die Dienstbereitschaft hatte.
»Ja! Ich! Hören Sie zu – es ist keine Zeit für Erklärungen. Stellen Sie Kontakt zum Team auf 4-0-9 her. Folgendes …«
Hastig gab er einen Bericht.
Amanda Slone fragte zuletzt: »Dan – sind Sie es wirklich?«
Der junge Mann rastete aus. »Denken Sie, der Weihnachtsmann? Geben Sie die Information weiter. Ken weiß, was er tun muss.«

4-0-9 Alpha

Das Rumpeln um das Boot hatte aufgehört.
Ken, Claire und der Rest der Mannschaft verhielten sich völlig still.
Zwei Stunden vergingen, in denen nichts geschah.
Ken enterte die Zentrale des Unterseebootes. Salah, der Kapitän, schaute in an.
»Die Instrumente zeigen an, dass der Krake sich verzogen hat. Aber es scheint einen zweiten draußen zu geben.«
Ken stockte der Atem. »Eine weiteres Monstrum? Francine und Norma …«
Salah seufzte. »Wir haben keinen Kontakt. Aber Norma ist sehr erfahren. Möglicherweise haben sie sich in eine Felsspalte oder Höhle zurückgezogen.«
Ken wollte etwas entgegnen, als der Vibrationsalarm seines PDA einsetzte. Der Japaner zuckte zusammen, dann erkannte er, dass es vom MTRD kam.
»Ja«, meldete er sich.
Dann vernahm er die Stimme von Amanda Slone.
Was er aber dann zu hören bekam, ließ ihn schwanken.
»Dan lebt …«, hauchte er.
»So sieht es aus. Er hat mir ziemlich verworrenes Zeug erzählt.«
Die Professorin gab die Informationen, die sie von Dan erhalten hatte, an den Japaner weiter.
Zum Schluss war der ebenso irritiert wie vorher die Professorin. Doch sein Gehirn arbeitete bereits präzise wie ein Uhrwerk.

Unterdessen saßen Francine und Norma in dem kleinen Zimmer bei Kerzenschein. Saxon hatte auf dem Gaskocher ein annehmbares Essen für drei Personen gezaubert.
»Wein haben wir auch noch genug«, meinte er grinsend. Er hatte sich rasiert und sah jetzt – so empfand es Norma – recht attraktiv aus.
»Ich denke, wir müssen uns überlegen, wie wir hier wegkommen«, sagte Francine leise. »Hoffentlich ist das Boot noch da.«
Saxon blickte fragend. »Ihr seid mit einem Boot gekommen? Ohne erwischt zu werden?«
Norma schaute von ihrem Teller auf. »Mit einem U-Boot. Diese Stadt liegt in einer Zeitblase in meiner Welt tief unter dem Meer.«
Saxon fiel das Besteck aus der Hand. Seine Mund versuchte Worte zu formen, doch es kam nichts.
Die Atlanterin legte ihm ihre Hand auf seine Rechte. »Versuche es nicht zu verstehen. Die Vorstellungskraft bei uns Menschen gegenüber den Dingen des Universums sind begrenzt.«

Ken saß in der U-Boot-Zentrale.
»Salah – wie weit reicht eure Funk-Frequenz?«
Der Kapitän deutete auf die Digitalanzeigen. »Unter Wasser fast rund um den Erdball. Wenn kein besonderes Energiefeld dazwischen liegt.«
»Du kannst aber Norma nicht erreichen?«
Salah blickte verzweifelt. »Das ist es ja, was mir Sorgen macht. Ich wüsste keinen Grund, weshalb sie nicht erreichbar ist. Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten – wobei ich an letztere nicht denken mag.«
Ken überlegte. Dann kam ihm eine Idee. Salah blickte verblüfft.
»Ja«, meinte er dann gedehnt. »Das können wir versuchen.« Sogleich gab er seinem Cheftechniker einen Wink.
Knapp dreißig Minuten später hatte man die für den Bordfunk zur Verfügung stehende Energie mit Kens PDA gekoppelt. Der Cheftechniker aktivierte das Programm. Der Computer gab »grünes Licht«.
Der Japaner atmete tief durch. Dann sendete er entschlossen das Rufsignal auf Francines Uhr.
Das Diagramm auf dem Computerbildschirm wies aus, dass das Signal ungehindert lief.
Plötzlich erfüllte eine leicht verkratzte Stimme die Zentrale über die integrierten Lautsprecher.
»Mensch Ken – bin ich froh dich zu hören.«
Ken jubelte auf. »Francine! Dem Himmel oder was auch immer sei Dank. Wo steckt ihr?«
Francine gab einen knappen, aber präzisen Bericht. »Ich muss aber aufpassen. Der Funk könnte geortet werden.«
»Okay«, sagte Ken. »Könnt ihr zurück?«
»Wir werden es versuchen.«
Der Japaner schaute auf den Bordchronometer. »Wir bleiben noch zwei Stunden. Seid ihr dann nicht hier, fahren wir zum Cap und sind in zwei Tagen zurück.«
Francine bestätigte.
Ken schlug Salah auf die Schulter. »Super gemacht!«
Dann aktivierte er das Signal zum MTRD.
Amanda Slone meldete sich.
»Hören Sie, Professor«, sagte der Japaner in das kleine Mikro. »Ich benötige Informationen über Versuche von Raum-Zeitkrümmungen innerhalb der letzten acht Wochen. Egal, ob es von Regierungsseite einen Maulkorb gab oder nicht. Sie können mir über die Frequenz …«, er gab die Zahlen durch, »…auch Bilder schicken.«
Man hörte Amanda Slones zischenden Atem. »Wie stellen Sie sich das vor, Ken! Wie soll ich …«
»Amanda! Das MTRD besitzt Sondervollmachten. Kontaktieren Sie die entsprechenden Leute. Es eilt!«
Er unterbrach den Kontakt.
Wenig später erhielt Claire im Salon die gute Botschaft.
»Halleluja – sie leben!«, rief sie aus.

Francine schaltete in dem kleinen Zimmer ihren PDA ab.
Norma machte ein bedenkliches Gesicht. »Hoffentlich hat …«
Sie unterbrach sich. Man hörte Stiefelschritte im Flur unter ihnen.
»Shit!«, rief Saxon aus. »Sie haben uns!«
Norma blies die Kerzen aus. »Jede Energiequelle ausmachen und Ruhe!« Sie zog die Strahlenwaffe.
»Aufs Dach schaffen wir es nicht mehr!«, keuchte Saxon.
Da hatte Francine eine Idee. Sie sauste zum verhangenen Fenster und schob den Vorhang etwas zur Seite.
»Die Feuertreppe! Sie befindet sich nur vier Meter entfernt. Wir müssen über das Sims. Kommt schon!« Sie öffnete den Fensterflügel.
Tief unter ihr stand ein Militär-Lkw.
Sie hangelte sich auf das Fensterbrett und von dort auf das nur einen Fuß breite Sims. Saxon zögerte. Schweiß trat ihm auf die Stirn. »Merde!«, stieß er aus.
Norma stieß ihn an. »Was ist Ihnen lieber? Fünf Minuten Dünnschiss oder in die Hände der Militärs fallen?«
Saxon zuckte unter den zynisch groben Worten der Atlanterin zusammen. »Himmel … was für eine Frage!«
Norma bildete den Schluss und zog den Fensterflügel zu. Francine erreichte zuerst die Feuerleiter.

Claire und Ken saßen inzwischen zusammen in der Boots-Zentrale. Da meldete sich Professor Slone. »Ken – ich hab hier was. Ich sende es mal komplett rüber.«
Wenig später hatte Ken es auf dem Bildschirm der Zentrale.
»Large Hadron Collider?«, murmelte der Japaner. »Zum Teufel – davon habe ich doch schon gehört.« Er las weiter.
Der Large Hadron Collider (LHC) ist ein ringförmiger Teilchenbeschleuniger mit 26,7 km Umfang am Europäischen Kernforschungszentrum CERN bei Genf. In zwei möglichen Betriebsmodi werden dort entweder Bleikerne oder Protonen gegenläufig auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und miteinander zur Kollision gebracht. Bezüglich der für die Produktion von neuen Elementarteilchen zur Verfügung stehenden Energie und der Frequenz der Kollisionen ist der LHC der größte bisher gebaute Teilchenbeschleuniger. Der primäre Betriebsmodus ist die Kollision von Protonen, die zu den Hadronen gehören und damit dem Beschleuniger seinen Namen geben. Von diesem Modus wird insbesondere die Erzeugung und der Nachweis bisher nur hypothetischer Elementarteilchen erwartet. Primäres Ziel ist dabei der Nachweis des einzigen experimentell noch nicht nachgewiesenen Teilchens des Standardmodells der Teilchenphysik, dem Higgs-Boson.
»Manno, da gab es doch harte Diskussionen. Über die Gefahren des künstlich hervorgerufenen Urknalls.«
Claire las mit angehaltenem Atem.
Die Sorge ist, dass in dem Experiment schwarze Löcher entstehen, die am Ende womöglich die Erde vernichten.
Der Nobelpreisträger Gerard 't Hooft sieht jedoch keine Gefahr.

Endlich merkte sie an: »Ich denke, das ist es!«
Ken wandte den Kopf. »Da ist etwas schief gegangen. Man hörte auch plötzlich nichts mehr davon, obwohl Wochen vorher die internationale Presse voll davon gewesen ist.«
Nun vernahmen sie Professor Slones Stimme. »Über das dann durchgeführte Experiment wurde Stillschweigen gewahrt. Aber es zog sich eine Vibrationswelle rund um den Erdball. An allen möglichen Orten – sogar in Afrika – zeigten sich nordlichterähnliche Erscheinungen am Himmel. Eine Flutwelle jagte auf Florida zu, löste sich aber dann in Nichts auf.«
Ken atmete rasselnd. »Okay, Professor – Sie müssen jetzt folgendes tun …«

Norma, Francine und Saxon hockten hinter zwei großen stinkenden Mülltonnen.
Zum Greifen nahe der Lkw.
»Wenn wir den entern können …«, flüsterte der ehemalige Chef-Redakteur.
Francine blickte sich um. Weit und breit sah man niemanden.
»Sie scheinen alle im Gebäude zu sein.«
»Na dann aber hurtig!«, flüsterte Saxon.
Er sauste los und warf sich hinter das Steuer. Die beiden Frauen sprangen von der anderen Seite in den Lkw. Saxon startete. Die Maschine blubberte auf. Krachend flog der Gang rein, mit einem harten Ruck schoss der schwere Dreiachser nach vorn.
Eine MP-Salve krachte los und zerfetzte ein Seitenfenster. Norma und Francine warfen sich in den Fußraum. Saxon trat das Gaspedal durch. Schlingernd ging es um eine enge Kurve. Dann die Ausfallstraße.
»Dort zu dem Hügel!«, rief Norma.
»Ich denke zum Meer?«, gab Saxon verblüfft zurück. »Du sagtest doch was von einem Boot.«
»Ja, aber es liegt dort unterseeisch.«
»Was?« Saxon drehte den Kopf. »Da ist nichts Unterseeisches.«
Norma wurde ungeduldig. »Doch! Denk an die Raum-Zeitschleife! Nichts ist so, wie du es kennst.«
Saxon riss das Steuer herum.
Weit hinter ihnen tauchten Scheinwerfer auf. »Wenn sie Helikopter losschicken, war’s das!«, stieß der Journalist aus.
Der Lkw raste und rumpelte die schlechte Fahrbahnstrecke entlang. Immer wieder musste Saxon großen Löchern mit Brandspuren an den Rändern ausweichen. Punkte, in denen die kosmischen Blitze eingeschlagen hatten. Beinahe hatten sie den Rand der mit wildem Gestrüpp bewachsenen Hügel erreicht, als der erste schwarze Helikopter heranraste.
»Ich hab’s geahnt!«, stieß Saxon aus und gab noch mal Gas. Der schwere Wagen sprang über eine Kuppe. Norma zeigte nach oben. Ein schmaler Weg führte dorthin. »Da rauf müssen wir! Dort ist der Höhleneingang!«

Burg San Salvador de Verdera/ Vergangenheit

Die schlanke Gestalt Sherazedas zeichnete sich gegen den Vollmond ab.
Der Nachtwind ließ ihr Haar wie eine Mähne wehen.
Dan schaute hinauf und sein Herz begann schneller zu schlagen.
Verdammt! Er liebte diese Frau seit der ersten Begegnung damals.2
Von fern drang des Rauschen des Meeres bis zur Burg hinauf. Die Araberin stand auf dem Südturm und schaute über die Bucht.
Dan lehnte an der Mauer.
Was würde geschehen? Wann würde es geschehen und wie würde er Sherazeda retten können?
Der Stein des Bösen – immer noch nicht wusste er genau, wie er das interpretieren sollte. War es nur Legende? Was war realistisch?
Da spürte er eine Vibration, die von dem Ledersäckchen ausging, den er am Gürtel trug.
Der Kristall!
Mit angespanntem Gesicht zog er den Stein heraus.
Gleichzeitig flackerte das Display des PDAs. Rasch aktivierte Dan den Kontakt.
»Hier spricht Ken – hör zu. Ich sende dir über das Display ein paar Fotos. Sag mir, ob du jemanden erkennst.«
»In Ordnung«, entgegnete der Amerikaner mit belegter Stimme. Dann tauchten wie in einer Dia-Show einzelne Fotos mit Bildunterschriften auf.
Zuerst Yvonne, wie sie in Paris über eine Straße ging. Dann ein Bild, das im Hintergrund ein merkwürdiges Gebäude zeigte. Darunter stand:
Das Entwicklungs-Team von Hadron Collider (LHC). Dr. Peter Halver, Professer Assmud und Dr. Yvonne Waldner.
Dan schluckte. Dr. Yvonne Waldner war einwandfrei Yvonne da Silva.
Das nächste Bild – es schien weit älter zu sein – materialisierte sich. Es zeigte ganz klar Albert Einstein, Nicola Tesla, Enrico Fermi und …
Dan las den Namen zweimal. Dr. Yvonne Wood.
Kleidung und Frisur wirkten altbacken – eben aus der Zeit um 1947 oder 1948. Aber es gab keinen Zweifel für ihn – es handelte sich um Yvonne da Silva. Silva – lateinisch: der Wald. Wood, Waldner … immer ein und dieselbe Person. Sie hatte ihren Namen immer passend abgeändert.
»Teufel Ken! Überall … das ist Yvonne!«
»Dachte ich mir«, kam es sachlich.
»Ist sie … eine Zeitreisende?«
Kens Stimme klang ernst. »Könnte man sagen. Die Frage ist jetzt: Reiste sie durch ein Mysterium als Frau vom See durch die Zeiten oder handelt es sich um eine geniale Physikerin, die vorwärts und auch rückwärts reiste und als legendenhafte Person die Geschichte manipulierte.«
In Dans Kopf schien es zu explodieren. »Ken, hast du schon daran gedacht, dass sie überhaupt von einer Parallelwelt stammen könnte, um unsere Welt zu manipulieren?«
»Auch möglich«, kam es zurück. »Aber es scheint mir eher so zu sein, dass der Riss im Raumzeitgefüge damals bereits, beim sogenannten Philadelphia-Experiment schon entstanden ist. Er hat sich nie richtig geschlossen und durch die Raum-Zeit-Krümmung hatte dies Auswirkungen sowohl auf die Zukunft, als auch auf die Vergangenheit. Vielleicht …«
»Vielleicht … was?«, fiel Dan Ken ins Wort.
»Na ja, sie hat dir den Kristall übergeben. Wir sollten nach 4-0-9 reisen, um zu erkennen, was mit Miami bei einem weiteren unkontrollierten Experiment passiert. Du solltest in die Vergangenheit reisen, um etwas zu retten, damit nicht etwas Wichtiges für die Geschichte unserer Realwelt aus dem Ruder läuft.«
»Oh Gott!«, platzte Dan heraus. »Wie kompliziert ist das denn?«
Eigentlich übersichtlich. Das Ereignis in Miami rutschte in eine Raum-Zeit-Blase und wurde halb in eine Parallelwelt katapultiert. Wenn du jetzt verhinderst, dass etwas in der Zeit passiert, in der du bist, was nicht passieren darf, könnte sich das Ereignis zurückbilden. Wir müssen jetzt Genf aufhalten.«
Dan schluckte. »Aber das Urknall-Experiment ist doch schon gelaufen?«
»Eben«, kam es trocken von dem Japaner. »Es wird auch nicht aufzuhalten sein. So ist der Ereignisstrom. Aber wir können die Auswirkungen abändern.«
Dan schnaufte. »Laut der Zeitstrom-Theorie lässt sich so was nicht ändern.«
»Für unsere als real bekannte Welt schon. Nur werden wir, wenn die Einsteinsche Theorie stimmt, eine neue Parallelwelt schaffen. Diese muss dann unter Kontrolle bleiben.«
Dans Gedanken wirbelten. »Mein lieber Vater! Okay – wenn ich nur wüsste, was ich verhindern muss?!«
»Jedenfalls Sherazedas Tod und dessen Umstände.«
»Was macht ihr?«
»Sobald wir Norma und Francine aufgefischt haben, sehen wir uns die Aufzeichnungen einer Astronomischen Station hier an. Dann reisen wir zurück und werden wohl beim Startpunkt des Genfer Programms eingreifen müssen.«
Die Verbindung erlosch und der Kristall zeigte sich wieder dunkel. Nur ein fahles Nachglimmen konnte man noch erkennen.
»Mit wem hast du gesprochen?«, erklang es leise hinter ihm. Dan zuckte zusammen. Da stand sie neben ihm. Im Schein des Vollmondes – wie eine Göttin.
Sherazeda.

4-0-9 Alpha

Norma und Francine hasteten den Berg hinauf. Hinter ihnen keuchte Saxon.
Zwei schwarze Helikopter jagten zu einem neuen Angriff heran. Die drei warfen sich zu Boden. Die MG-Salve sauste knapp über sie hinweg.
»Es sind nur noch knapp hundert Meter!«, rief Francine.
Saxon stolperte. »Ich kann nicht mehr.« Er knickte in die Knie. Norma wollte zurück und ihm aufhelfen. Da tauchte die »Hornisse« wie ein Geist auf.
Die beiden Frauen schlossen die Augen, als der Körper des Journalisten unter dem Geschosshagel zerfetzte.
Heulend zog der Kampfhubschrauber eine weite Schleife und drehte sich hoch in den morgengrauen Himmel.
»Weiter!«, schrie Francine.
Norma raffte sich auf. Im Zickzack rannten sie mit stechenden Lungen auf den Höhleneingang zu. Die Rakete verfehlte sie nur um zwanzig Meter. Gestein und Erde sprengte auf, überschüttete die beiden Frauen, sie wurden fast von den Füßen gefegt – doch dann tauchten sie in den rettenden Stollen ein.
»Weiter«, keuchte Norma. »Zu unseren Tauchanzügen.«
»Hoffentlich sind die Kraken weg und das Boot noch da.«
Die Atlanterin schaute auf die wuchtige Uhr an ihrem Handgelenk. »Wenn wir Glück haben, schaffen wir es noch. Und die Kraken … tja … da brauchen wir eben Glück.«
Schwer ausgepumpt fielen sie auf dem Plateau hin. Ihre Lungen hörten sich an wie ein defekter Autoreifen, aus dem die Luft entwich. Sie brauchten fünf Minuten, bis die Sterne vor ihren Augen verschwanden. Doch zehn Minuten danach befanden sie sich im Wasser.
Sie schwammen langsam aus der Höhle. An der Eingangsspalte verhielt Norma und machte Francine ein Zeichen, dies auch zu tun.
Die Atlanterin schob sich zentimeterweise zwischen den vorstehenden Felsen hindurch. Weit entfernt erkannte sie als Schatten das Unterseeboot.
»Von den Monstern ist nichts zu sehen«, vernahm Francine die leise Stimme aus ihrem Helmlautsprecher. Sie schob sich neben Norma und spähte gleichfalls nach allen Seiten.
Die Atlanterin nahm Kontakt mit dem Boot auf. Man solle die Schleuse öffnen.
Fünfzehn Minuten später hatten sie das Boot unbehelligt erreicht. Nach weiten zehn Minuten standen sie in Bordkleidung in der Zentrale.
»Können wir trotz der Beschädigungen weiterfahren?«, wollte Norma vom Kommandanten des Bootes wissen.
»Wenn wir nicht gerade in ein Seebeben geraten, denke ich schon. Allerdings sollten wir wegen des Steuers etwas langsamer fahren.«
Ken brachte Francine und Norma nun ausführlich auf den neuesten Wissensstand.
»Der Kristall hat demnach bewirkt, dass euer Freund Dan in die Vergangenheit zu diesem bestimmten Ort geschleudert worden ist«, murmelte Norma. »Kein zufälliger, sondern ein bestimmter Ort. Diese Burg, auf der ihr schon einmal gewesen seid.«
Ken bestätigte das. »Allerdings nur Dan und Claire.«
Norma legte den rechten Zeigefinger an ihre Nase. »Wie ist das möglich?«
Ken musste kapitulieren. »Das wissen wir noch nicht. Jedenfalls steckt diese Physikerin dahinter.«
»Die sowohl bei diesem Urknall-Experiment als Wissenschaftlerin dabei war, wie auch beim damaligen Philadelphia-Experiment und gleichfalls in alten Zeiten als Frau vom See fungierte.«
Ken nickte. »Klingt verrückt, nicht wahr?«
Norma zuckte leicht mit den Schultern. »Das will ich nicht unbedingt sagen. Meine Theorie ist, dass sie ursprünglich bei diesem Experiment mit den wechselnden Magnetfeldern – also der Sache mit der USS Eldridge – dabei gewesen ist. Da entstand der erste Riss im Raum-Zeit-Gefüge. Der schloss sich nie richtig. Da die Amerikaner seit dieser Zeit unkontrollierte Zeitreisen unternahmen, kam es zu unterschiedlichen Zeit-Paradoxen. Unter anderem tauchte – ob gewollt oder als Unfall – diese Yvonne zurzeit von Artus’ Krönung auf. Sie wollte, das Artus ein mächtiger König wird.«
Claire wehrte ab. »Das ist unlogisch! Welchen Grund hätte sie haben sollen, um einzugreifen?«
Norma blickte die Sprecherin ernst an. »Sie konnte nicht in ihre Zeit zurück. Sie brauchte Hilfe. Also musste sie sich mit jemandem verbünden, der sich in Naturgesetzen und Zukunftsforschungen auskannte. Half sie Artus, konnte sie sich der Hilfe von Ambrosius Aurelius, dem späteren Merlin, versichern.«
»Ah-ha…«, sagte der Japaner gedehnt. »Doch dann kam es zum Zwist zwischen der Familie Pendragon und den Merowingern. Yvonne ging Childerich auf den Leim. Wie das zustande kam, wissen wir nicht, aber es passierte etwas, was später dazu führte, dass eine Katastrophe eintrat, der dann diese Sherazeda zum Opfer fiel. Jedenfalls gelang es Yvonne wieder in ihre Realzeit zu gelangen. Sie wurde Mitglied des Forscherteams, das den Urknall mit dieser gigantischen Anlage bei Genf erforschen wollte. Da gab es die entscheidende Panne.«
Ken schwieg. »Also ist es noch dringender, dass wir nach Genf kommen. Vor dem Start des Experimentes«, setzte er dann nach.
Claire war nicht zufrieden. »Habt ihr die Geschichte schon mal anders herum betrachtet?«
Alle Köpfe ruckten herum.
»Wie meinst du das?«, kam es langsam von Ken.
»Genf ist der Ausgangspunkt gewesen und das Beben zog sich durch die Zeit-Raumkrümmung bis in die Vergangenheit. Yvonne wurde erst dann in die Zeiten geschleudert. Bevor sie aber etwas wieder rückgängig machen konnte, starb sie durch den Unfall. Also blieben nur Dan und wir, um ihre Arbeit fortzusetzen.«
»Teufel!«, entfuhr es dem Japaner. »Weißt du, welche These du da aufstellst?«
»Ja! Diese Yvonne – wie auch immer ihr richtiger Name sein mag – ist in der Realitätswelt tot. Aber nicht ihre Daseinsform in den Vergangenheiten. Sie lebt mehrfach in den Zwischenzeiten. Sie arbeitete federführend am Large Hadron Collider mit. Dann ging etwas schief. Sie wurde durch ein entstandenes Energiefeld … oder Wurmloch, das wissen wir noch nicht, in eine andere Zeit geschleudert. Nach 1947 … genau in die Planungszeit von der Operation Eldridge. Nur durch ihr reales Wissen, war das damalige Team um Einstein und Co überhaupt in der Lage, das Experiment umzusetzen. Aber Yvonne passierte das, was auch später Crew-Mitgliedern der USS Eldridge passierte. Immer wieder wurde sie in andere Zeitströme gesogen. So konnte sie in der Geschichte auch als Frau vom See auftauchen.«
Die Atlanterin bestätigte die Denkweise. »Das könnte eine Lösung sein.«
Ken stützte den Kopf in die Hände. »Leute, ich begreife ja sehr viel, aber jetzt passe ich. Dann wäre ihr Auftauchen in der Zeit um 474 oder so eher ein Zufall gewesen?««
Claire klopfte ihm auf die Schulter. »Genau so. Sie hing dann fest und suchte einen Ausweg. Mit ihrem Wissen und der Erkenntnis eines für seine Zeit begnadeten Naturwissenschaftlers – eben Ambrosius Aurelius.« Sie holte tief Atem und meinte dann leise: »Wir wissen viel zu wenig über die Zeitabläufe und Zeitschleifen. Aber es ist im Moment nebensächlich. Ich denke, in Genf finden wir eine der Lösungen. Finde das Siegel bedeutet: Finde das Programm. Und darauf konzentrieren wir uns.«
Die Generatoren des U-Bootes liefen an. Ein Zittern durchlief den Schiffskörper, als es sich langsam in Bewegung setzte.

San Salvador de Verdera/ Vergangenheit

Schwer hing der Frühnebel über der Burg.
Die großen Banner warfen Wellen im Morgenwind.
Dan hatte nicht schlafen können. Es mochte wohl vier Uhr in der Früh sein, da lief er über einen der Wehrgänge. Er hatte in dem kleinen See des Burggartens ein erfrischendes Morgenbad genommen. Nun ließ er den Blick über die Pyrenäen und die Buchten rundum schweifen.
»Du bist schon wach?«, erkundigte sich da eine Stimme sanft hinter ihm. Er spürte Sherazedas Körper und nahm ihren Duft war. Sie roch angenehm nach Rosenholz.
Die Araberin legte die Arme von hinten um den Amerikaner und schmiegte ihren Kopf an seinen Rücken.
»Weshalb nimmst du das alles auf dich? Ich kann dir doch eigentlich egal sein«, flüsterte sie.
»In deiner Zeit bin ich über tausend Jahre tot.«
Dan seufzte. »Ja – aber jetzt lebst du. So wie ich auch.« Er wandte sich langsam um und drückte die schöne Frau fest an sich. »Als ich dich damals zum ersten Mal sah, habe ich mich verliebt. Trotz aller Abenteuer, trotz aller Beziehungen, die ich hatte, habe ich dich nicht vergessen. Tief in mir brannte die Sehnsucht nach dir.«
Er hatte es nur geflüstert. Fast so, als habe er Angst vor seinen eigenen Gefühlen. Er dachte daran, dass er diese wundervolle Frau vielleicht würde retten können, sie dann aber wieder durch seine Rückkehr in die Realzeit verlieren musste. Er spielte mit dem Gedanken, sie mitzunehmen. Aber was dann? Hier galt sie etwas. War eine Königin! In seiner Zeit wäre sie eine Ausländerin – zudem noch verdächtig aus dem arabischen Raum – und ein … Nichts.
Dans Herz wollte fast zerspringen.
Sherazeda schaute zu ihm auf und schien seine Gedanken erraten zu haben.
»Weshalb kannst du nicht hier bleiben?«
Dan schloss die Augen. Genau diese Frage hatte auch er sich schon gestellt. Doch würde er fähig sein, hier zu leben? Unter den gegebenen Bedingungen?
Das Signal seines PDA, der auf wundersame Weise über den Kristall wieder funktionierte, riss ihn aus seinen Gedanken.
Es war Ken. Er brachte den Freund auf den neuesten Stand der Überlegungen.
»Wir befinden uns gerade in einer alten automatischen Astronomischen Station der Atlanter. Es gibt Aufzeichnungen des Raum-Zeit-Risses. Er entstand exakt beim Urknall-Experiment. Eine Detonationswelle breitete sich durch entstandene Wurmlöcher nach Florida aus und auf diverse andere Zeitplateaus. Es bildeten sich auch Zeitblasen. Also Zentren, die sich in andere Ebenen einschleusten und wie unsichtbare Seifenblasen darin schweben. Bildlich gesagt. Mit unserer physikalischen Schulweisheit nicht erklärbar. Momentan jedenfalls nicht. Jedenfalls gibt es einen Zeittunnel in das Jahr 474 unserer Realzeitrechnung.«
Dan räusperte sich. »Okay – was bedeutet das?«
Einen Moment war es still in dem kleinen Lautsprecher, dann hörte man Ken wieder. »Das bedeutet, dass in kürzester Zeit bei euch etwas eintreten wird, von dem ich nicht weiß, was es ist. Aber es wird ernst.«
»In Ordnung. Was macht ihr?«, wollte der Amerikaner wissen.
»Wir kehren zum Stanford Institut in unsere Realzeit zurück und planen den Flug nach Genf. Wir müssen wenigstens zwei Tage vor dem Urknall-Experiment dort sein.«
Die Verbindung unterbrach.
Dan starrte geistesabwesend auf den PDA. Dann glitt sein Blick zum Himmel. Die Sonne stieg höher und es würde ein herrlicher Tag am Cap Creus werden. Die Burg um ihn herum erwachte zum Leben.
Zwei Reiterinnen – Ygrain und Sanderah – entschwanden gerade durch das Haupttor.
»Sie unternehmen den täglichen Kontrollritt«, erklärte die Araberin.
Dan war mit den Gedanken woanders.
Sherazeda schaute ihn fragend an. »Du machst dir Sorgen.«
»Ja«, kam es von dem Amerikaner. »Ich muss Genevier sprechen.«
Sie trafen die Herrin von San Salvador de Verdera in der großen Halle an. Neben ihr saß ein Hüne von einem Mann. Dan stockte der Atem. Er kannte ihn.
Der Hüne hatte auch ihn erkannt und sprang auf. Mit tellergroßen Augen starrte er den jungen Amerikaner an. Sein rechter Arm und der ausgestreckte Zeigefinger ruckten vor und zeigten auf den jungen Mann.
»Dään …« Er zog den Namen in die Länge. »Das ist …« Dann setzte sich der gewaltige Körper in Bewegung. Ehe der Wikinger ihm durch eine leidenschaftliche Umarmung alle Rippen brechen konnte, ertönte Geneviers Stimme erschreckt. »Boltar! Halt!«
Wie angewurzelt blieb der riesenhafte Wikinger stehen. Dann begriff er und reichte Dan die Hand.
»Dän!«
Der kräftige Händedruck reichte aus, um Dans Fingerknochen knacken zu lassen, doch der Amerikaner ließ sich nichts anmerken.
»Ich freue mich, dich wiederzusehen, alter Kampfgenosse«, sagte Dan.
Boltar lachte dröhnend, dass die Balken der ehrwürdigen Halle erbebten. »Nie hätte ich gedacht, dich noch einmal zu sehen, Mann aus der Zukunft.« Doch dann umwölkte sich sein Gesicht und die Augen richteten sich seitwärts auf Genevier.
»Hast du wieder Ärger?«
Dan ergriff das Wort. »Wir wissen es nicht. Es gibt mystische Anzeichen. Aber wenn du an meiner Seite bist, ist mir nicht bange.«
Ob dieser Worte erstrahlte der Wikinger wie hundert Sonnen. Es war nicht zu verhindern. Seine Rechte landete krachend auf dem Rücken des Zeitreisenden.
Dan blieb die Luft weg. Er hatte den Eindruck, seine Lungenflügel seien platt wie eine Zeitung. Sein Gesicht lief bläulich an.
Boltar blickte erschrocken.
Dan nahm seine ganze Energie zusammen, schüttelte sich und zog den Atem so laut ein, dass es sich anhörte wie Panzerketten. Dann kam es kratzend über seine Lippen: »Danke – ich lebe noch.«
Das Ergebnis war ein erneutes dröhnendes Gelächter des Hünen.
Aber rasch konnte er wieder ernst werden. Er beugte sich etwas zu dem zwei Köpfe kleineren Amerikaner herunter (obwohl der auch nicht eben klein zu nennen war) und fragte: »Was für eine Gefahr vermutest du?«
Dan deutete auf die Holzbänke der Halle und erklärte dem Wikinger kurz, um was es ging.
»Es sind Vermutungen, aber es gibt ernste Vorzeichen einer Katastrophe.«
Der Wikinger schnaubte und es hörte sich an wie eine Horde wilder Walrösser.
»Ragnarök ist wieder aufgetaucht. Getrieben von der Midgardschlange. Ich habe es gesehen.«
Dan blickte den alten Freund fragend an. »Wann hast du es gesehen? Was hast du gesehen?«
»Als ich hersegelte. Vor zwei Tagen – hinter den Säulen des Herakles. Es wurde Nacht am Tage. Blitze schleuderten ins Meer. Aber nur kurze Zeit. Dann sah ich die Midgardschlange. Sie kringelte sich mit ihrem mächtigen Körper über den Himmel und schob Ragnarök vor sich her.«
In Dans Kopf schrillten die Alarmzeichen. »Wie sah Ragnarök aus?«
Boltar knurrte etwas in seinen geflochtenen Bart. »Ein grüner Ball. Er pulsierte wie das Herz, das Blut pumpt. Aber da war noch etwas.«
Dan beugte sich vor. »Noch etwas? Was?«
Der Wikinger fuhr sich durch das Gesicht. »Ich sah ein ganz merkwürdiges Schiff. Unterhalb der Schlange. Das Meer glühte. Dann tauchte ein grün leuchtendes Schiff auf. Ohne Segel. Nur kurz – dann löste es sich auf.«
Vor Dans Augen verschwamm alles. Blitzartig wurden ihm Zusammenhänge klar.
Das Schiff ohne Segel konnte nur die USS Eldridge gewesen sein. Ken hatte recht! Alle Ereignisse hingen zusammen.
Da erschütterte ein leichtes Beben die Burg. Geschrei erhob sich außerhalb der Halle. Genevier sprang auf und gefolgt von vielen anderen rannte sie zum Tor. Dan schob sich direkt hinter die Burgherrin.
Was er sah, wollte er nicht glauben.
Ein riesiger Tunnel hatte sich am Morgenhimmel geöffnet. Grün pulsierend drehte er sich wie ein vertikaler Tornado. Steine stürzten polternd und knallend in den Burghof.
Das Inferno dauerte wohl fünf Minuten – dann schloss sich der rüsselartige Tunnel wieder.
Totenstille lag über der Burg. Genevier schritt die fünf Stufen des Halleneingangs hinunter. Verwirrt stand sie zwischen faustgroßen, dampfenden Gesteinsbrocken.
Langsam war Sherazeda ihr gefolgt. Beide Frauen blickten in die Runde, während ein Teil der Burgfrauen sich verängstigt aneinander klammerte.
Da hörte Dan das todbringende pfeifende Geräusch.
Er katapultierte sich die Treppe hinunter. Mit ausgestreckten Armen schoss er auf die beiden Frauen zu. Sowohl Genevier, wie auch Sherazeda stieß er gewaltig in den Rücken, sodass diese in das angrenzende Gebüsch flogen. Hinter Dan kam es zu einem chorähnlichen Aufschrei. Direkt neben dem Amerikaner, genau dort, wo Genevier und Sherazeda noch dicht nebeneinander gestanden hatten, krachte ein ziegelsteingroßer Meteorit auf den Boden. Erde spritzte auf. Funken sprühend entstand ein zwei Meter durchmessender Krater.
Dan lag flach auf dem Boden.
Als sich die Staubwolke langsam verzog, hob er den Kopf und wischte sich den Schmutz aus dem Gesicht. Er sah das Loch im Boden und blitzartig wurde ihm bewusst, dass der Krater Sherazeda hätte mitreißen müssen. Denn sie hatte am nächsten gestanden.
Genevier und die Araberin krochen völlig bleich aus dem Buschwerk. Dan kam auf die Knie hoch.
Er wusste, es hatte begonnen.

Genf/2 Tage vor dem Urknall-Versuch (rückversetzt)

Sanft setzte der Glider auf.
Ken schaltete die Energie aus. Sie waren etwa einen Kilometer vor Genf in einem Wäldchen gelandet.
Leise zischend öffneten sich die Luken.
Claire sprang zuerst auf den weichen Moosboden.
Über ihnen jagte ein Kampfjet hinweg. Ken lachte sarkastisch. »Das Radar hat unseren Anflug geortet. Vermutlich werden sie tagelang verzweifelt ein fremdes Flugzeug suchen.«
Francine schob sich aus dem Glider und meinte: »So schreiben wir eben neue UFO-Geschichte.«
Ken verriegelte und sicherte den Glider. Über das Licht-Frequenz-Umkehrsystem wurde das Fluggerät scheinbar unsichtbar.
Claire sah sich um. Durch die Bäume schimmerte die Silhouette von Genf.
»Wie geht es weiter?«
Der Japaner zeigte nach vorn zur Stadt. »Am östlichen Rand liegt das Kontrollcenter. Dort müssen wir hin.«
Francine lachte los. »Und da marschieren wir einfach rein!«
Ken verzog das Gesicht. »Einen Plan habe ich auch noch nicht. Also kommt erst mal.«
Sie entdeckten einen Feldweg, dem sie folgten.
Claire schaute auf ihren PDA. »Wir sind nun einundsechzig Stunden vor dem Start des Experiments.«
Der Japaner bestätigte das. »Also haben wir uns zu sputen.«
Alle drei trugen Rucksäcke, in denen sie Zivilkleidung und diverse andere Dinge mitführten.
Nach zwei Stunden Marsch erreichten sie einen mit Strom gesicherten Zaun. In einiger Entfernung innerhalb des eingezäunten Bereiches stand ein Jeep.
Die drei MTRD-Agenten hockten hinter einem kleinen Hügel. Ken hatte sein leistungsstarkes Fernglas aus der Tasche gezogen.
»Es sind zwei Männer in der Uniform der Security. Sie beobachten per Fernglas den Zaun. Also beginnt hier der Hochsicherheitsbereich.«
»Hm«, machte Francine. »Ich sehe keinerlei Gebäude.«
»Ein kleines Gebäude liegt weit hinten, von hier nicht einsehbar. Alles andere ist unterirdisch. Der LHC wurde in einem Ring-Tunnel mit 26,659 km Umfang installiert. Gesteuert von der Kernforschungsanlage CERN«, erklärte der Japaner. »Das Areal ist gesicherter als das berühmte Ford Knox.«
Claire japste nach Luft. »Und da sollen wir hinein und diese Yvonne, wer weiß, unter welchem Namen sie hier tätig ist, finden?«
Ken wandte sich zu der Sprecherin um. »Vertrau mir.«
Drei Stunden später saßen ein Japaner und zwei junge Frauen hochmodisch gekleidet in der Lobby des Hotels Epsom in der Rue de Richmont 18 in Genf und tranken Kaffee. Eine der Frauen las in einer noblen Modezeitung. Der Japaner schien sich in die Financial Times vertieft zu haben. Die andere junge Frau wippte mit übergeschlagenen Beinen auf ihren High Heels und beobachtete den gläsernen Haupteingang.
»Bist du absolut sicher, dass sie hier wohnt?«, erkundigte sich eine der Frauen, ohne den Blick aus der Modezeitung zu nehmen.
»Absolut! Die Zentrale konnte es recherchieren«, kam es hinter der Financial Times leise hervor.
»Ein teures Quartier«, meinte erneut die Sprecherin.
»Sie gehört auch zu den absoluten Spitzen-Physikerinnen der westlichen Hemisphäre«, flüsterte es hinter der Finanzzeitung hervor.
Draußen wurde es bereits dunkel. Die Straßenlampen zauberten märchenhafte Reflexe in den verglasten Halbrundbau des Foyers.
Der Japaner legte die Zeitung weg und schaute auf die Armbanduhr.
»Okay, gehen wir etwas essen. Wer weiß, wann sie kommt. Aber wir kennen ihre Appartementnummer.« Er stand auf. Die beiden Frauen machten es ebenso.
»Wie denkst du, an ihren Bodyguards vorbeizukommen?«, fragte die mit den längeren Haaren.
»Später«, entgegnete der Japaner und lächelte.
Das Trio verließ die Lobby.
Niemand hätte auf den ersten Blick in diesen, wie reiche Geschäftsleute aussehenden Personen, Francine, Claire und Ken erkannt.
Zur selben Zeit tauchte eine Gruppe von dunkel gekleideten Personen in der Halle des Hotels auf. Vier Männer und eine hochgewachsene Frau. Zwei der Männer sah man die Personenschützer an.
Einer der Begleiter – ein großer, hagerer Blonder – sprach die Frau an.
»Professor Sommerfeld, denken Sie, dass wir in zwei Tagen mit dem Versuch wirklich beginnen können?«
Die Angesprochene lächelte hochmütig. »Wir können, lieber Doktor. Seien Sie unbesorgt.«
»Die Presse verreißt uns schon!«
Die Frau zog hochmütig die Augenbrauen hoch. »Tut sie das? Dann sorgen Sie dafür, dass es aufhört!«
Damit wandte sie sich um und bestieg den Aufzug.
Sie hatte nicht mitbekommen, dass eine andere junge Frau sie beobachtet hatte. Francine war noch einmal ins Foyer zurückgekehrt, weil sie den Portier etwas fragen wollte.
Nun eilte sie zu den Freunden zurück.
»Sie ist da. Sie nennt sich hier Waldner. Professor Waldner. Sie scheint in einer hochstehenden Position zu sein.«
Ken presste die Lippen zusammen, dann sagte er: »Yvonne da Silva – Yvonne Waldner … das passt! Sie muss es sein.« Er betätigte seinen PDA.
Über das MTRD konnte man nun, da man den Namen kannte, Erkundigungen einziehen. Ken erhielt sie innerhalb von zehn Minuten.
Professor Dr. Yvonne Waldner war die Leiterin des ganzen Experiments.
Claire seufzte. »Was hilft uns das nun?«
»Ich werde ihr Appartement ausfindig machen«, erklärte Francine.
Claire feixte. »Toll! Dann gehst du hin und sagst: Liebe Frau Professor, Sie müssen das Experiment stoppen, weil …«
»Stopp!«, rief Ken. »So wird es sicher nicht gehen.« Er schaute Francine an. »Aber wie ich an deinem Blick erkenne, kochst du etwas aus.«
Die ehemalige CIA-Agentin grinste. »Zeig mir noch mal das Gesamtdosier, was man dir gesendet hat.«
Stirnrunzelnd zeigte Ken es ihr. Francines Grinsen wurde breiter. »Das ist doch genau richtig.«
Ken stieß zischend die Luft aus. »Francine«, flüsterte er, »mach keinen Blödsinn. Das geht zu weit.«
Die Augen der Agentin begannen zu funkeln. »Haben wir eine Wahl? Die Dame wird so abgeschirmt, dass es nur unkonventionell funktioniert.«
Ken schluckte und schüttelte stumm den Kopf.

Pyrenäen/ Vergangenheit

In der Halle tagte der große Rat.
Genevier führte den Vorsitz.
»Wir sind nur um Haaresbreite einem großen Unglück entgangen«, sagte sie. »Wir wissen nicht, was da vorgeht. Unser Freund Dan hat einiges aus den Aufzeichnungen des Ambrosius Aurelius herausgelesen. Allerdings liegt über allem ein Schleier des Mystischen.«
Alle schauten ratlos und ängstlich. Dan hatte sich in das Archiv zurückbegeben. Er hörte das Tappen von Sherazedas nackten Füßen auf der Steintreppe. Er blieb stehen und blickte ihr entgegen. Auf den Zügen der schönen Araberin lag Furcht. Die Frau, die kein Problem damit hatte, sich auf einen Schwertkampf mit einem Merowinger-Schergen einzulassen, stand hier einer Sache gegenüber, die sie nicht begreifen konnte. Einem unsichtbaren Gegner.
Dan nahm die Geliebte fest in die Arme. »Wir finden eine Lösung«, hauchte er.
»Dieses Siegel, von dem der spätere Merlin schreibt … Es muss doch einen Hinweis geben.«
In diesem Moment schienen tausende von Lampen in Dans Gehirn aufzuflammen.
»Natürlich!«, rief er und schob die Araberin von sich. »Er spricht von einem Hinweis.«
Er rannte zu dem Tisch, auf dem zahllose Rollen lagen. Eine strich er auseinander, ließ die Augen hektisch darübergleiten und stieß dann aus: »Dort, wo die Auserwählten ihn schützen!« Mit diesen Worten stürmte er aus dem Kellerraum.

Genf/ vor dem Urknall-Experiment

Francine hätte keiner in der Uniform der Service-Maid erkannt.
Nachdem sie herausgefunden hatte, dass Professor Waldner sich nur vom Zimmer-Service bedienen ließ und das auch nur vom weiblichen Personal, stand der Plan der ehemaligen CIA-Agentin fest. Eine rührende Geschichte – ein mehr als üppiges Trinkgeld an das diensthabende Mädchen – schon hatte Francine deren Rolle übernommen.
»Weshalb will sie immer nur vom weiblichen Personal bedient werden?«, erkundigte sich Francine. »Ist die Dame …«
Das Mädchen hatte den Kopf geschüttelt. »Nein, ist mir nicht aufgefallen. Aber sie will es so. Zudringlich ist sie nie geworden. Meist telefoniert sie. Dabei liegt sie oft nur im Bademantel auf dem Bett. Vielleicht ist das der Grund. Bei einer anderen Frau empfindet sie das nicht als beschämend.«
Francine hatte in sich hineingegrinst. Leute gab’s …
Das Mädchen kam näher und flüsterte Francine noch etwas ins Ohr.
»Oh lala«, machte die nur.
Im vierten Stock schob sie den Servierwagen aus dem Aufzug. Der schwere Teppich dämpfte jedes Geräusch. Der Bodyguard hinten am Lift hatte nur freundlich genickt. Er stellte die einzige Bewachung dieses Stockwerkes dar. Francine stoppte vor dem Appartement und wollte schon klopfen, als sie ein Stöhnen vernahm. Vermutlich hatte Professor Waldner die Zwischentür nicht geschlossen.
Was ging da vor?
Francine legte das rechte Ohr an das Teakholz. Kein Zweifel – Yvonne Waldner stöhnte laut.
Herrjeh! Was war da passiert?
Francine wollte über ihr Handy bereits Ken anrufen, als sie sich entschloss, vorsichtig den Drehknopf der Tür zu bewegen. Er bewegte sich und lautlos gab sie die Öffnung preis.
Francine schlich durch den kurzen Korridor und dann konnte sie in einem breiten Wandspiegel das erste Zimmer mit einer überbreiten Couch überblicken.
Die ehemalige CIA-Agentin erstarrte.
Dann presste sie beide Hände auf ihren Mund, um nicht laut loszuprusten.
Was sie sah, erwies sich auch als zu abnorm.
Jeder hat sein kleines Geheimnis, dachte sie und schob sich aus dem Zimmer. Sie schloss die Tür fast unhörbar. Dann klopfte sie.
Es dauerte einen Moment, dann rief Yvonne Waldner: »Moment!«
Es brauchte noch weitere drei Minuten, bis die Wissenschaftlerin mit leicht rotem Kopf und wirrem Haar im Bademantel öffnete.
»Ihr Abendessen«, sagte Francine freundlich.
Yvonne Waldner zupfte den Bademantel zurecht und wies auf das Zimmer. »Bitte.«
Als Francine den kleinen Rollwagen um die Ecke schob, huschte die Wissenschaftlerin an ihr vorbei. Mit dem linken nackten Fuß stieß sie etwas unter das Bett. Es klirrte leicht.
Francine grinste innerlich. Die Handschellen und den Elektro-Dildo hatte sie nur zu gut schon im Spiegel gesehen. Madame liebe die Selbstfesselung und anderes.
Francine stellte den Wagen ab, zog das weiße Tuch ab und Teller, ein Glas, der Sektkühler und die Terrine wurden sichtbar.
Professor Waldner saß auf dem Fußende der roten Couch und hatte immer noch eine leicht rötliche Gesichtshaut. Neben der Couch lag ein kleiner Schlüssel.
Besser geht’s nicht, durchzuckte es Francine. Sie machte zwei Schritte, hob den winzigen goldgefärbten Schlüssel auf und legte ihn neben die Waldner.
Ein unsicherer Blick traf die Amerikanerin. Die lächelte und merkte leise an: »Meinethalben müssen sie sich nicht genieren. Ich mag das auch.«
Yvonne Waldners Blick wurde noch unsicherer. »Was…?«
Statt einer Antwort bückte Francine sich und fingerte die Handschellen an den bloßen Füßen der Wissenschaftlerin vorbei unter der Couch hervor.
Die öffnete und schloss den Mund nur verlegen.
Francine hob die Arme leicht an und lächelte. »Meine Güte«, rief sie leichthin. »Wir haben alle unsere Vorlieben!«
»So ist es wohl«, brachte die Wissenschaftlerin leise hervor. Dass Francine sie erwischt hatte, stellte für sie wohl die größte Peinlichkeit dar.
»Keine Sorge, ich tratsche nicht«, warf die Agentin ihr zu. Sie ließ den Blick über den Körper der Frau gleiten. Trotz des wirren Haars und des verlegenen Gesichtsausdrucks war sie sehr schön.
Doch, so gestand Francine sich ein, verlieben könnte sie sich in diese Frau nicht.
Bei allen Abenteuern – auch im Reich der Sinnlichkeiten – da gab es nur Victoria fest in ihrem Herzen.
Aber sie dachte an die Mission und man musste Gelegenheiten nutzen.
Die Wissenschaftlerin erhob sich, lief über den tiefen Teppich zu ihrer Handtasche und fingerte einen beträchtlichen Frankenbetrag hervor. Sie hielt ihn der Agentin hin.
»Nehmen Sie! Ich weiß zwar nicht, ob Sie wirklich schweigen werden, aber ich bitte Sie darum.«
Francine schaute auf die Geldscheine und schüttelte den Kopf.
»Für mein Wort müssen Sie nicht bezahlen. Behalten Sie es. Ihr Geheimnis ist bei mir sicher.«
Yvonne Waldner blickte erneut verunsichert, aber Francine hatte dies mit solcher Überzeugung gesagt, dass sie die Hand sinken ließ. Ein verunglücktes Lächeln huschte um ihre Mundwinkel. »Ich hätte doch abschließen sollen«, murmelte sie.
»Wäre besser, ja«, kam es von der Agentin. Sie wackelte etwas spielerisch mit den Handschellen. »Ich habe nur festgestellt, dass es allein nicht immer Spaß macht.«
Yvonne sah die Agentin fest an. »So?« Dann atmete sie mehrmals heftig. »Leider halten die Männer es nicht lange bei mir aus. Außerdem sind die meisten Arschlöcher!«
Sie stieß es heraus.
»Holla!«, rief Francine. »Das kann man so nicht durch die Bank sehen.«
Yvonne Waldner lächelte nun. »Vielleicht … aber ich hab immer Pech.«
Francine trat näher an die Wissenschaftlerin heran. Sie roch ihr teures Parfüm.
»Würden Sie mich mal fesseln?«
Yvonne Waldner riss die Augen auf.

Unterdessen saßen Ken und Claire unten in der Halle.
»Was macht sie nur?!« Ken zupfte nervös an seiner Krawatte. »Die Zeit läuft davon. Was will sie überhaupt da oben bei der Waldner erreichen?«
Claire legte lächelnd die Arme um ihn. »Francine ist ziemlich ausgekocht. Das weißt du doch.«
Wie ausgekocht sie war, hätten die beiden sich nicht träumen lassen.

Francine lag auf der Couch, die Arme über dem Kopf an eine Messingverzierung der Couch befestigt und vor ihr kniete lachend Yvonne Waldner. »Einen Menschen wie Sie habe ich noch nie getroffen. Ich könnte Sie doch jetzt hier liegen lassen. Und dann?«
Die Agentin lächelte die Frau an. »Ich vertraue Ihnen.«
»Oh – Nachholbedarf? Was soll ich tun?«
»Man kann schöne Dinge tun ohne gleich … Sie wissen, was ich meine.«
»Ohne lesbisch zu sein? Leider bin ich das nicht, falls Sie sich …«
Francine wehrte ab. »Nein, nein, so meine ich das nicht.«
»Wie dann?« Yvonne Waldner fragte es erstaunt.
»Ich liebe das Gefühl des Ausgeliefertseins und habe es lange vermisst.«
Erneut lachte die Wissenschaftlerin. »Es gibt doch SM-Clubs für sowas.«
Die Agentin verzog das Gesicht. »Da weiß man nie, auf wen man trifft.«
Etwa zwei Minuten sahen sich die Frauen an. Dann nickte Yvonne Waldner. »Okay, ich mache das Spiel mit. Schließlich stehe ich in Ihrer Schuld. Was soll ich tun?«
Francine sagte es ihr und wieder wusste die Wissenschaftlerin nicht, was sie sagen sollte. Dann lachte sie schallend. »Sie sind selbst schuld!«

Eine Stunde danach blickten Claire und Ken etwas ratlos und verblüfft, als sie Francine und Professor Yvonne Waldner im freundschaftlich ausgelassenen Gespräch auf die Bar zugehen sahen. Zwei Bodyguards sprangen aus einer Sitzecke hoch. Sie schienen ebenso verblüfft, aber die Waldner winkte nur ab.
Ken räusperte sich. »Sie wird doch nicht wieder …«
Claire stupste ihn an. »Keine Sorge, bestimmt nicht: Aber wie sie das nun gemacht hat, weiß ich auch noch nicht.«
Claire und Ken beobachteten, wie die beiden Frauen wie Teenager kichernd sich an der Bar einklinkten.
»Ich glaub es nicht!«, stieß der Japaner aus. Er und Claire betraten gleichfalls die Bar.
Sie hatten sich eben an einen kleinen runden Tisch gesetzt, als Kens PDA sich meldete. Es war das Kontrollzentrum.
»Ich leite einen Ruf von Dan zu dir durch«, vernahm der Japaner.

Catalunien/ Vergangenheit

Dan hockte vor der Steinplatte.
Genevier und Sherazeda blickten den Amerikaner staunend an.
»Dieses Zeichen habe ich noch nie gesehen«, staunte die Herrin der Burg. »Wie hast du es entdeckt? Was bedeutet es?«
Es hatte Dans sämtliche Kunst der Überredung gekostet, dass Genevier ihn in den Heiligen Hain gelassen hatte. Schließlich hatte er sie daran erinnert, dass es sich um eine ernste Notlage handele und dass er ja damals schon einmal sogar im Tempel gewesen sei.
»Ich habe die Aufzeichnungen von Ambrosius Aurelius noch einmal studiert. Er schrieb, er habe den Stein des Bösen mit einem Siegel in den Fels des Ursprungs gebannt. Dort, wo die Auserwählten in schützen. Im Angesicht der alten Mutter.«
Der Amerikaner stand auf. »Der Fels des Ursprungs ist der Mont Salvage. Dort lebte die ursprüngliche göttliche Familie. Die Gralsfamilie. Die Auserwählten lebten auf dieser Burg. Ich dachte mir, dass er einen Platz wählen würde, der nicht von jedem aufgesucht werden kann. Demnach kam nur der Heilige Hain in Frage. Die alte Mutter ist die Astarte der Pyrenäen oder In.anna gleich eure Diana. Im Angesicht … also am Tempel. Naja – zwei Tage intensives Suchen.«
Genevier blickte Dan zweifelnd an. »Ich bin Realistin. Mit einem Steinsymbol kann man kein Unglück bannen. Jedenfalls nicht, wenn es aus dem Kosmos kommt.«
Dan lachte leise. »Stimmt! Aber euer Merlin ist ein sehr weiser Mann gewesen. Die Darstellung hat mich auf die Spur gebracht.« Er deutete auf einen planetenähnlichen Gegenstand, der aus einer Kreislinie scheinbar ausbrechen wollte. Vor dieser Kugel schob sich eine eigenartig dargestellte Wolke her. Dans Herzschlag beschleunigte sich. »Teufel! Das ist die Zeit-Ionen-Wolke!«
Er stellte, so schnell es ging, die Funkverbindung zum MTRD her.
Über das Kontrollzentrum konnte er den Japaner erreichen. Der war völlig aus dem Häuschen.
Dan fuhr sich durch das Haar. »Alles wird gut.«
Genevier, die mit zusammengekniffenen Augen zum Himmel sah, entgegnete: »Davon merke ich nichts.«
»Was?«
»Schau nach dort!«
Dan hob ruckartig den Kopf. Seine Augen weiteten sich. Ein giftig grüner Trichter – rotierend wie bei einem Tornado – hatte sich gebildet und ein Rüssel entstand. Wie der Tentakel eines Kraken wedelte er über das Firmament direkt über der Burg.
Der Kristall in Dans Hand glühte in tiefem Rot.
Der junge Mann wollte erneut eine Verbindung zum Kontrollzentrum herstellen, doch wurde ihm der Kristall aus der Hand geschleudert. Der wirbelte durch die Luft und traf genau auf die Stirn Sherazedas. Die schrie auf, wollte danach greifen – doch sie stockte mitten in der Bewegung. Ihr Körper schien in ein Flammenkleid gehüllt zu sein, dann löste sie sich langsam auf. Zurück blieb eine kleine Nebelwolke, in der man ihre Gestalt nur erahnen konnte.

Genf

Ken erhob sich von dem modernen Clubstuhl der Bar und ging langsam auf den Tresen zu. Francine sah ihn kommen. Claire folgte langsam. Francine wollte versteckt abwinken, aber der Japaner schüttelte den Kopf.
Yvonne Waldner, die bemerkte, dass etwas vorging, blickte sich mit zusammengekniffenen Augen um.
Sie blickte zu dem Japaner, zu Claire und dann zu Francine.
»Was gibt das?«, fragte sie rau. »Eine Entführung? Sie können das Experiment nicht aufhalten.« Sie lachte hart und kurz. »Hätte mir denken müssen, dass Sie eine zu allem bereite Umweltaktivistin sind. Und Ihnen habe ich vertraut!«
»Das können Sie auch weiterhin, Frau Professor Waldner. Wir wissen um das Urknallexperiment und wir wissen, wie die Gefahr verhindert werden kann.«
Die Angesprochene schaute hochmütig auf Ken. »So? Ein Physiker unter den Umweltschützern? Sorry, aber Sie ändern nichts an dem Plan. Ich habe das Experiment auf morgenfrüh sieben Uhr vorgezogen. Der Countdown läuft bereits automatisch.« Sie wollte ihren Bodyguards winken, doch Francine legte rasch ihre Hand auf die der Wissenschaftlerin.
»Warte! Wir wollen das Experiment nicht stoppen.«
Yvonne Waldner zog die Augenbrauen hoch. »Nicht? Was dann?«
Ken setzte sich neben sie. »Wir sind extra zwei Tage aus der Zukunft zurückgereist, um mit Ihnen zu sprechen.«
Nun sah die Wissenschaftlerin aus, als habe man ihr gesagt, sie werde morgen zum Mars fliegen müssen.
Unbeirrt begann Ken zu berichten.
Der Gesichtsausdruck der Physikerin wurde immer fragender, dann immer verblüffter, dann ratlos.
Als Ken geendet hatte, kippte Yvonne Waldner völlig undamenhaft den vor ihr stehenden Cocktail in einem Zug herunter.
Danach drehte sie ihren gesamten Körper auf dem Barhocker zu dem Japaner hin.
Schweigen herrschte.
Endlich meinte sie: »Sie sagen also, ich würde Ihren Freund Dan, den ich überhaupt nicht kenne, in der Vergangenheit kontaktet haben. Ich wäre federführend an diesem mysteriösen Philadelphia-Projekt beteiligt, für das es überhaupt keine Beweise gibt.«
Ken nickte.
Die Waldner zog rasselnd Luft durch die Nase. »Junger Freund – wenn Sie mir gesagt hätten, Sie würden mich betäuben und entführen, um das Projekt hier zu stoppen, das hätte ich Ihnen eher geglaubt.«
Nun mischte sich Francine ein. »Yvonne, es geht um eine kosmische Katastrophe, die bis in die Urzeiten reichen wird. Du selbst wirst durch die Zeiten geschleudert!«
Claire griff in ihre kleine Schultertasche und legte einen Zettel auf die Chromtheke.
»Hier! Die Formel, die die Entstehung der Zeit-Ionen-Wolke verhindert!«
Yvonne Waldner griff danach und studierte das, was da mit Kugelschreiber stand. Ihre Hände begannen leicht zu zittern. »Aber … das ist … unmöglich …«
Claire fasste noch einmal in ihre Tasche und faltete zwei Internetausdrucke auseinander. »Das sind Sie doch? Oder?«
Nun war es mit der Beherrschung der Frau ganz vorbei. Sie starrte auf die Fotoausdrucke, las die Unterzeilen, dann entglitt ihren Fingern das Papier.
»Was ist das hier?«, kam es hohl über ihre Lippen. »Eine makabere Farce?«
Francine beugte sich vor. »Himmel, Yvonne, was brauchst du noch?«
Die Physikerin bewegte sich wie eine Marionette. Sie rutschte vom Barhocker und stakste auf den Barausgang zu. Das Team sah, wie die Bodyguards ihre Hände in die Nähe ihrer Waffen unter den Jacketts rückten.
Die Wissenschaftlerin blieb direkt neben ihren Bewachern stehen. Ihre Gestalt straffte sich, als sie rief: »Dann kommt endlich! Die Zeit läuft! Wenn wir etwas tun wollen, dann innerhalb der nächsten siebzig Minuten. Sonst setzt eine automatische Sperre ein.«
Sie befahl einem der Leibwächter, den Wagen zu holen. Wenig später jagte er mit dem Team und der Physikerin durch Genf.
»Woher haben Sie diese Formel?«, wollte Yvonne Waldner wissen.
»Dan hat sie von Professor Georgius bekommen. Damit konnten wir unser Gliderprogramm sicherer machen.«
Die Wissenschaftlerin zückte ihr Mobil-Telefon. Sie wählte eine kurze Nummer. Es dauerte zehn Sekunden, dann meldete sich jemand.
»David, hier ist Yvonne Waldner. Weißt du etwas über eine Institution im Stanford Institut, die sich MTRD nennt?«
Sie lauschte. Dann entspannten sich ihre Züge. »Danke, David. Bis dann.«
Sie blickte zu den dreien hinüber. »Jetzt glaube ich Ihnen.«
»Wer war das?«, wollte Claire wissen. »Das Projekt ist megageheim.«
Yvonne lächelte hintersinnig. »Nichts ist so geheim, dass David Gallun von der PSA es nicht wüsste.«
»Was ist PSA?«, kam es irritiert von Ken.
»Eine Organisation, die immer dann eingreift, wenn es auf normalem Weg nicht weitergeht. Der Leiter ist ein guter Freund.«
Sie erreichten ein schwer bewachtes Tor. Mittels des Spezialausweises von Yvonne Waldner konnte der Wagen passieren. Fünf Minuten danach betraten sie einen unscheinbaren Bungalow. Yvonne Waldner steuerte auf eine Lifttür zu.
»Wir fahren jetzt acht Stockwerke in die Tiefe.«
Unten in der Anlage ging der Weg durch endlose Korridore. Dann mit einem Elektrofahrzeug über eine Art Hochstraße. Die drei bekamen den Mund nicht mehr zu. Endlich stoppte die Wissenschaftlerin vor einer Stahltür. »Hier müssen wir Schutzanzüge anziehen.«
Erneut führte der Weg durch breite und auch schmale Gänge, bis zu einem Raum, in dem es vor Computertechnik nur so wimmelte. Zwei Techniker, gleichfalls in weißen Schutzanzügen, begrüßten die Physikerin.
»Dr. Lindström und Dr. Wert«, stellte sie die beiden Männer dem Team vor. Dann kam sie zur Sache. »Wie sind die aktuellen Werte?«
Dr. Lindström deutete auf einen Monitor, auf dem unzählige Zahlenkolonnen sich wie auf einem Laufband bewegten. Yvonne Waldner schien zufrieden. »Sieht gut aus.«
Dann winkte sie die drei in einen anderen Raum. »Hier befindet sich das Herz der Anlage.«
Der Raum wirkte wie ein futuristisches Kraftwerk.
Aber Claires Augen saugten sich an einem Punkt fest. Ihr Arm zuckte vor. »Was ist das?«, kam es heiser über ihre Lippen.
»Das?« Die Physikerin schaute nun gleichfalls zu dem rotglühenden pulsierenden Stein. »In diesem Kristall ist die notwendige Positronen-Energie gespeichert. Wenn man den Stein hier zur Explosion bringen würde, bliebe selbst von Genf nichts mehr übrig. Er besteht aus einem Stück Meteorit und Kunstdiamant. Wir haben das entwickelt.«
»Genau diesen Kristall besitzt Dan.« Claire hatte es nur geflüstert.
»Wieso …« Die Physikerin geriet aus der Fassung.
Ken blickte sie fest an. »Sie haben ihn ihm gegeben!«

Catalunien, Burg/ Vergangenheit

»Sherazeda!«
Dan schrie es heraus. Er katapultierte sich vorwärts, griff in die sich auflösende Gestalt und konnte den Kristall umfassen. Seine Hand schien verbrennen zu wollen. Doch er krampfte die Finger darum, riss ihn von der Stirn der Araberin und schleuderte ihn weit in den heiligen Hain. Sogleich wurde Sherazeda wieder voll sichtbar.
Mehrere Dinge geschahen gleichzeitig.
Eine gewaltige Explosion warf die drei Menschen zu Boden. Alles drehte sich um Dan. Wie in einer Großaufnahme sah er Yvonne da Silva vor sich. Dann wechselte das Bild und er sah eine Stadt. Miami – wie sie von hunderten von kosmischen Blitzen getroffen wurde. Dann stand Norma neben ihm.
»Wir werden untergehen!«, schrie sie. Dann wurde es Nacht.
Ein Sturmwind jagte über das Gelände der Burg San Salvador.
Plötzlich Stille!
Absolute Stille.
Die Finsternis schwand und die Sonne brach durch wild gepeitschte Wolken. Der Tornadotrichter war verschwunden.
Dan, Genevier und Sherazeda rappelten sich hoch. Schwankend kamen sie auf die Beine. Die Araberin fiel ihm verstört in die Arme.
»Bei Astarte«, kam es gequält über Geneviers Lippen. »Was war das?«

Genf/ Unterirdische Anlage

Zeitgleich kam dieselbe Frage von einer völlig von der Rolle geratenen Yvonne Waldner.
Unfähig, etwas zu tun, hatten Francine, Claire und Ken mit angesehen, wie aus dem Gehäuse, hinter dem der Kristall platziert war, ein gelber Lichtbogen hervorgeschossen war und die Physikerin Sekunden lang in ein gleißendes Licht getaucht hatten.
Alarmsirenen heulten los.
Die Wissenschaftlerin stolperte auf einen roten Knopf zu, der sich neben der Stahltür befand. Mit der Faust schlug sie darauf.
»Automatischer Countdown unterbrochen«, kam es blechern aus einem Lautsprecher.
Der Aufruhr war perfekt!
Zwei Stunden später saßen zehn Personen – darunter auch das MTRD-Team – in einem Konferenzraum.
Ein hochgewachsener, grauhaariger Mann stand am Kopfende des langen Tisches und fragte scharf: »Professor Waldner, ich erwarte eine Erklärung!«
Statt einer Antwort trat Yvonne Waldner an eine Tafel und schrieb eine Formel auf.
Das Wissenschaftskollegium blickte wie hypnotisiert darauf. Nach Minuten wandte sich der Grauhaarige um und sagte leise zu Yvonne Waldner: »Ich denke, Frau Kollegin, Sie haben uns vor einer nicht kontrollierbaren Kettenreaktion bewahrt. Wir müssen das Experiment neu berechnen.«

MTRD/ Vier Tage später

»Das Urknall-Experiment hat funktioniert«, erklärte Ken in der Kantine und warf eine der neusten Zeitungen auf den Tisch.
Claire blickte von ihrem Teller auf. »Gab es irgendwelche Nebeneffekte?«
Der Japaner verneinte. »Alles in Ordnung.«
Francine schob ihre Kaffeetasse zur Seite. »Was passiert mit der Zeitblase auf 4-0-9?«
Ken schob sich ein Stück Brötchen in den Mund und merkte kauend an: »Norma hält sie mit ihren Geräten unter Beobachtung. Ich denke, wir haben eine gute Verbündete in ihr gefunden.«
Schweigen.
Dann fragte Francine leise: »Was ist mit Dan? Gibt es wieder Kontakt zu ihm?«
»Leider nicht«, flüsterte der Japaner. »Wir versuchen es seit vier Tagen. Aber wir kennen die Koordinaten.«
»Können wir ihn zurückholen?«
Ken lächelte weise. »Der Start wird vorbereitet. Aber schaut mal her.« Er legte eine altertümliche Chronik auf den Tisch.
Francine beugte sich vor. »Was ist das? Chronik von Emporda?« Ein merkwürdiger Blick traf den Japaner.
»Schlag mal Seite 286 auf«, forderte er. Francine nahm das Buch. Sie blätterte und las halblaut: »Die Grafen von Emporda … was soll ich damit?«
»Lies weiter«, forderte der Japaner.
Sie tat es. »Die Entstehung des späteren, auf der Burg San Salvador de Verdera herrschenden Grafengeschlechts liegt im Nebel der Legende. Angeblich soll es aus einer Verbindung eines Magiers und einer arabischen Königin hervorgegangen sein …«
Ihre Züge erstarrten förmlich. Sie machte große Augen.
»Du denkst … Dan?«
»Denke ich«, erwiderte Ken trocken. Dann erhob er sich. »Ich muss die Startvorbereitungen überwachen.«
Er ließ zwei nachdenkliche Gefährtinnen zurück.

E N D E

Fußnoten:

1 Siehe: Timetraveller Episode 14, Das Herz der Göttin

2 Siehe: Timetraveller Episode 14, Das Herz der Göttin

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Vorschau

Es ist an der Zeit, dass die Timetraveller zurück in ihre Welt gelangen. Seit dem 01. Mai 2007 reisten die Temponauten durch Zeit und Raum.
Mit einem Doppelband (Folge 29 und 30), geschrieben von Gunter Arentzen, beenden wir unsere Onlineserie.

Wir möchten uns bei allen Autoren und Beteiligten für die langjährige Mitarbeit an der Serie bedanken.
Fantasie war alles, was wir zum Gelingen der Serie brauchten, und wer weiß, vielleicht treffen wir irgendwann auf unsere Protagonisten in der einen oder anderen Form ...

Die Redaktion


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