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»Nachts«

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Titelbild und Cover © 2011 by Wolfgang Brandt

EPISODE 27

»Nachts«

ein Gastroman

von Klaus Frank


Vincent lief vor den wütenden Stimmen davon, die ihn verfolgten. Er kannte die Männer nicht, aber er wusste, dass sie ihm Böses wollten. Keuchend rannte er über das öde Land und hoffte, dass er keine Kuhle übersah, die ihn zu Fall bringen konnte. Die Sonne hing hoch am blauen Himmel und schickte ihre mörderische Hitze, die Vincents Schädel zu versengen drohte.
Er blickte über die Schulter zurück, sah aber aus dieser Perspektive seine Verfolger nicht. Vielleicht war das ganz gut so, umso besser konnte er sich auf sein Ziel konzentrieren. Nicht mehr weit von ihm entfernt sah er ein kleines Waldstück. Vielleicht gelang es ihm dort, die Männer zu narren, wenngleich er nicht wusste, wie er das anstellen sollte. Er fühlte schmerzhafte Stiche in seiner Seite und sein Atem klang wie das Schnaufen eines gestrandeten Seelöwen.
Insekten zirpten und summten in seiner Nähe, vollkommen unberührt von den Ängsten, die ihn plagten. Ihre Stimmen klangen wie Spott in seinen Ohren.
Ich kann nicht mehr!, dachte er, aber ganz zu seiner Überraschung lief er dennoch weiter.
Wieder hörte er Stimmen, aber er verstand nicht, was sie sagten. Ohne es zu bemerken, zeichnete sich auf seinem Gesicht ein breites Grinsen ab, das ihn wie einen Schwachsinnigen aussehen ließ. Genau das glaubte man von ihm; dass er ein Idiot war. Er verspürte keinen Anreiz, ihnen das Gegenteil zu beweisen. Dass er noch am Leben war, grenzte für ihn manchmal an ein Wunder, denn es war so, als ziehe er den Ärger magisch an. Seine Andersartigkeit schien die Jagd auf ihn zu legitimieren. Es gab in dieser Welt keinen Richter und keinen Beschützer, der den Verfolgern Einhalt gebieten würde. Er wusste noch von anderen Menschen wie ihm, die nicht besser dran waren als er. Doch sich mit ihnen zu verbünden, hieße, das Potenzial der Gefahr zu vervielfachen. In einer Welt voller Menschen war er vollkommen allein.
Alles in seinem Körper brannte, sein Kopf genauso wie seine Füße und seine Lunge, und er stieß einen erleichterten Laut aus, als er endlich die ersten Sträucher und kleinen Bäume des Waldgebietes erreichte und von ihnen geschluckt wurde; nur noch das Hin- und Herschwingen der Äste und das aufgebrachte Schreien einiger Tiere verrieten ihn.
Für einen Moment verhielt er sich still und lauschte, aber sein eigenes Keuchen übertönte die Schritte seiner Verfolger. Er konnte die Männer nun jedoch sehen. Drei waren es; sie näherten sich ihm, sodass er für einen Moment befürchtete, dass sie ihn ebenfalls sahen. Aber die Sträucher verdeckten ihn. Eilig lief Vincent weiter, durch Geäst und dornige Sträucher, die sich an ihm festkrallten und blutige Botschaften in seinen Armen und seinem Gesicht schrieben. Er machte ungelenke, hüpfende Schritte, um nicht ins Straucheln zu geraten. Er wusste nicht, wie groß dieses Waldstück war, aber er konnte sein Ende nicht sehen, und das machte ihm Mut. Er änderte unmerklich die Richtung und sprang von einer Lücke zur nächsten, die sich ihm bot.
Er warf einen flirrenden Blick zurück, übersah vor sich den Abgrund, der sich plötzlich auftat, und fiel mit einem Schrei auf den Lippen ins Leere. Sein Herzschlag schien auszusetzen. Der Aufprall, der einen Moment später folgte, erschütterte ihn und ließ ihn aufstöhnen. Für einen endlosen Moment verharrte er in der Umklammerung aus purem Schmerz, der ihm die Tränen in die Augen trieb. Er biss seine schlechten Zähne aufeinander, krümmte sich zusammen und kam sich wie ein Wurm vor, den ein perverses Kind in zwei Teile geschnitten hatte.
Er hörte ein heiseres Gekläff und spürte, dass es Zeit wurde, wieder auf die Beine zu kommen. Vorsichtig richtete er sich auf und war erleichtert, als er feststellte, dass er offenbar unverletzt war. Er war in eine Senke gefallen. Er blickte zu dem Abhang hinauf, den er hinuntergestürzt war, und sah die Schneise der Verwüstung, die er hinterlassen hatte.
Vincent bemerkte an der natürlichen Wand der Senke eine kleine höhlenartige Öffnung, die durch einen Busch vor allzu neugierigen Blicken geschützt war. Vielleicht nicht ganz das ideale Versteck, aber er vertraute darauf, dass ihm seine Verfolger soviel Raffinesse nicht zutrauten. Eilig verwischte er die Spuren seines Aufpralls, die sich im Laub abzeichneten, und quetschte sich in die Öffnung. Bequem war es dort nicht, aber es war auch nicht seine Absicht, lange dort zu verweilen. Schon jetzt vermutete er, dass die Männer seine Spur verloren hatten. Ihre leisen Stimmen wehten gespenstisch leise zu ihm hinüber und er lächelte zufrieden.
So gut es ging, machte er es sich in seinem kleinen Versteck bequem und schloss seine Augen.

***

Dan schaute gen Himmel, der sich mit einem solch tiefen Blau über sie spannte, dass dies selbst für ein Postkartenmotiv zu übertrieben gewirkt hätte. Der schwache Wind kühlte die heiß-trockene Luft kaum ab.
Er drehte sich zu seinen Freunden um, die ähnlich wie er die Umgebung ausloteten. Nichts deutete auf eine Gefahr hin, aber sie alle wussten, dass Bedrohungen manchmal schier aus dem Nichts kamen. Dies war so oft der Fall gewesen, dass sie hier nichts anderes erwarteten. So glaubte Dan beinah, den Anflug von Enttäuschung in den Augen der anderen zu erkennen, als nichts geschah. Er zuckte mit den Achseln und grinste. »Schönes Wetter hier.«
Claire stimmte ihm zu und fuchtelte einige Fliegen fort, die in ihrer Nähe summten.
»Da hinten ist ein Haus«, meinte Ken, der seine Augen mit der Hand abschirmte. »Nein, zwei Häuser«, korrigierte er sich. »Sieht aus wie 'ne Farm. Größtenteils Einöde und ein paar Höfe: Das Ganze erinnert mich an Texas.« Er drehte sich wie eine ungelenke Ballerina um seine eigene Achse. »Immerhin, der Wald dort drüben ist schon eine große Abwechslung.«
»Warst du jemals in Texas?«, wollte Claire wissen. Sie entfernte sich ein wenig von dem Felsbrocken in ihrer Nähe, der beinah so groß war wie sie und die Hitze des Tages verströmte. Sie hatten sich entschlossen, ihren Glider inmitten dieser Felsengruppe zu verstecken, die so charakteristisch war, dass die vier Freunde sie leicht wiederfinden würden.
Ken starrte sie mit gespieltem Entsetzen an. »Selbstverständlich nicht.«
»Seltsam«, murmelte Francine. Sie stocherte mit einem Fuß nachlässig im trockenen Erdreich herum. »Das sieht mir hier nach gesundem Ackerboden aus, aber alles liegt brach. Auch keine weidenden Tiere. Wovon leben die Leute hier?«
»Ja, das ist eine gute Frage«, murmelte Dan. Von den Höfen, die gut zwei Kilometer von ihnen entfernt lagen, erinnerte nichts an menschliche Nähe. Er spürte, wie ein leichter Schauer über seinen Rücken rann. Es kam ihm so vor, als handele es sich um eine erstarrte, versteinerte Welt, in der Leben nur mehr eine vage Erinnerung war. Er selbst fühlte sich seltsam benommen, was an der Hitze liegen mochte. Er massierte seine Schläfen, um diesem Schwebezustand zu entrinnen. »Ich schlage vor, wir fragen die Bewohner, wenn wir sie finden. Das war schließlich ohnehin unsere Absicht, oder?« Er schaute seine Freunde fragend an.
Ken zuckte mit den Schultern. »Sicher. Also gehen wir.«
Sie setzten sich in Bewegung und merkten schnell, dass die Entfernung zu den Gebäuden täuschte. Obwohl sie recht zügig gingen, schien die Distanz kaum zu schrumpfen. Die Hitze tat ihr Übriges, und bald zeigten die Gesichter der vier Zeitreisenden Erschöpfung und Verdrossenheit. Die Helligkeit schmerzte in ihren Augen, der aufwallende Staub reizte ihren trockenen Hals, und so manch einer von ihnen verfluchte insgeheim diese Mission bereits, bevor sie begonnen hatte. Zwar trug jeder von ihnen einen Wasservorrat bei sich, doch obwohl die Versuchung groß war, einen Schluck zu trinken und sich den Staub aus dem Gesicht zu waschen, ermahnten sie sich gelegentlich, davon Gebrauch zu machen. Niemand konnte sagen, wie lange sie in dieser Welt unterwegs sein würden. Sie mussten sparsam mit dem Wasser umgehen.
Nachdem sie das kleine Waldstück hinter sich gelassen hatten, wurde eine weitere Farm sichtbar, die im Westen lag. Schweigsam stapften sie über das brachliegende Land und unterhielten sich gelegentlich halbherzig über Francines Äußerung, wovon die Menschen hier lebten. Eine Ortschaft schien es hier nicht zu geben.
Die Sonne hatte bereits längst ihren Zenit überschritten, als sie den nächstgelegenen Hof erreichten.
»Endlich«, schnaufte Dan. Sein Gesicht war gerötet und Schweiß rann ihm von der Stirn. Niemand war zu sehen, doch sie hörten Stimmen aus dem Innern des Hauptgebäudes. Neben diesem und auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes gab es noch weitere Anbauten unterschiedlicher Größe. Der Wind fing sich in den Ecken und Luken der Gebäude und erzeugte eine düstere Melodie, die nur dem Tod ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hätte. Sand und Erde erhoben sich und setzten den Ankömmlingen mit winzig kleinen Stichen im Gesicht zu. Ihre Augen waren gereizt und tränten.
»Verflixt!«, schimpfte Dan und wedelte mit ungeduldigen Handbewegungen den Sand aus seinem Haar. »Wo sind wir hier nur gelandet?«
Niemand antwortete, aber das schien Dan nicht zu stören. Leise schimpfte er weiter vor sich hin. Sein Monolog vermischte sich mit dem Fauchen und Heulen des Windes und den anderen kam es so vor, als handele es sich um einen trostlosen Songtext. »Könntest du bitte endlich den Mund halten!«, herrschte Francine ihn schließlich an. Verdutzt schwieg Dan. Er verzichtete auf eine Entgegnung, die wohl ebenso unbeherrscht ausgefallen wäre wie Francines Bemerkung.
Sie passierten einen großen im Schatten liegenden Verschlag, in dem sich Dutzende weißer Kaninchen tummelten, die augenscheinlich wohlgenährt waren.
»Süß«, meinte Claire betont fröhlich, um die niedergeschlagene Stimmung aufzuhellen, und ging näher an den Verschlag hin. Als die Tiere ihre Bewunderin bemerkten, drängten sie sich panisch in die hinterste Ecke ihres Heims.
»Sie hingegen scheinen dich gar nicht so süß zu finden«, bemerkte Ken mit einem breiten Grinsen auf seinen Lippen, was Claire mit einem finsteren Blick quittierte.
»Sie sind ein wenig menschenscheu«, sagte eine Stimme hinter ihnen. Als sie sich umwandten, sahen sie eine Frau, die aus der Tür getreten war. Neben ihr stand ein Junge, der kaum acht Jahre alt war und sie aus großen Augen scheu anschaute. Am Hinterkopf stand ein Büschel seines blonden Haars ab, was wie eine Feder am Kopf eines Indianers wirkte.
Claire lächelte, als sie das sah, und trat näher. »Guten Tag«, sagte sie. »Ich hoffe, wir stören Sie nicht. Wir sind auf der Durchreise und haben Ihren Hof gesehen.« Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, klang jedoch plausibel genug. Sie stellte sich und ihre Begleiter vor.
»Sie stören nicht«, entgegnete die Frau und nickte allen vieren freundlich zu. Ihre Augen leuchteten, was jedoch auch am Sonnenschein liegen mochte. »Sie sind herzlich willkommen. Treten Sie ein.« Danach warf sie dem schweißüberströmten Dan einen Blick zu. »Es sei denn, Sie möchten sich erst frisch machen. Dort hinten finden Sie einen Brunnen, an dem Sie sich bedienen können.«
»Das würden wir gern tun«, sagte Dan und lächelte dankbar. Sie gingen in die Richtung, welche ihre Gastgeberin angezeigt hatte und stießen bald auf einen Brunnen, auf dessen steinerner Umrandung ein Blecheimer stand.
»Wie im Mittelalter«, staunte Ken. Er ließ den Eimer, an dessen Griff ein Seil geknotet war, hinab, nachdem er einen Blick in die Tiefe des Brunnens geworfen hatte. Kühle Luft drang von unten empor, wie ein Atemzug aus der Hölle. Der Eimer schwang hin und her und stieß immer wieder gegen die Brunnenmauer. Schließlich hörten sie, wie er klatschend die Wasserlinie erreichte. Nachdem der Eimer gefüllt war, hievte Ken ihn wieder hinauf. Das Wasser glitzerte verführerisch klar im Schein der Sonne. Notdürftig wuschen die vier sich den Schweiß und den Staub vom Körper und genossen das kalte Wasser.
»Es schmeckt ausgezeichnet«, sagte Dan, der mit zwei Händen Wasser aus dem Eimer geschöpft hatte. »Besser als jedes Mineralwasser.«
»Ich weiß nicht, ob das so klug war«, versetzte Francine. »Es könnten Bakterien drin sein.«
Dan zuckte mit den Schultern. »Wir werden sehen.«
»Wir werden beobachtet«, unterbrach Ken ihn und deutete unmerklich mit dem Gesicht zu dem Haupthaus hinüber. »Die Gardine hinter dem zweiten Fenster neben der Tür hat sich bewegt.«
»Die Leute haben ein Recht, misstrauisch zu sein«, sagte Claire. »Sie werden nicht allzu oft Besuch bekommen. Ich fand es schon erstaunlich, dass die Frau uns so ohne Weiteres eingeladen hat. In der Großstadt wäre uns das nicht passiert.«
»Dann sollten wir nun ins Haus gehen und die perfekten Gäste mimen«, sagte Ken und ging, mit seinen Freunden im Schlepptau, auf das Haus zu.

***

Auch das Innere des Hauses wirkte, obschon alles tadellos und beinah übertrieben gepflegt war, so alt, als stamme die Einrichtung aus einer anderen Epoche. Die Kleidung der Menschen, die ihnen erwartungsvoll entgegenschauten, tat ihr Übriges, um diesen Eindruck zu verstärken. Insgesamt befanden sich fünf Personen in dem Zimmer. Die Frau übernahm die Aufgabe, sie miteinander bekannt zu machen. Sie deutete auf einen Mann, der ihnen selbst in der sitzenden Position ungemein groß und kantig vorkam. Sein Haar war grau und wirkte wie eine Betonkappe. Seine Hände, auf deren Rücken sich ebenfalls graue Haare kräuselten, waren so groß wie Bratpfannen und lagen gefaltet auf dem Tisch. Sie ruhten dort, als warteten sie darauf, zu neuem Leben zu erwachen. Es war unverkennbar, dass der Mann sein Leben lang harte körperliche Arbeit verrichtet hatte.
»Dies ist Damian, mein Mann.«
Damian nickte ihnen entgegen und richtete einen düsteren Blick auf sie, sagte aber nichts. Claire, die ihm ein schüchternes Lächeln schenkte, vermutete, dass Reden gewiss nicht zu den Stärken des Mannes zählte. Männer waren tatsächlich alle gleich, vollkommen unwichtig, aus welcher Welt sie stammten. Über seinem karierten Hemd, dessen Ärmel umgekrempelt waren, trug er eine Weste, was angesichts der Hitze erstaunlich war. Ein wenig neidisch bewunderte Dan die Muskeln, die sich unter dem Stoff abzeichneten.
»Dort haben wir Judith, die Mutter meines Mannes. Und schließlich unsere beiden Kinder, Max, den Sie bereits gesehen haben, und Evelyn, unsere Tochter, die allerdings viel lieber Eve genannt werden möchte. Und mein Name lautet Greta. Greta Sanders.«
»Hi«, rief Max unbeschwert.
»Hi«, entgegnete Claire, die sofort in den Jungen vernarrt war, der ihr so vollkommen unverdorben vorkam, dass es ihr einen schmerzhaften Stich versetzte. Die Kinder, die ihr in ihrer Welt begegneten, wirkten im Vergleich zu ihm so oft geradezu verroht und ihrer Seele beraubt. Sie übernahm es abermals, sich und ihre Begleiter vorzustellen.
»Bitte, nehmen Sie doch Platz«, sagte Greta. Der Tisch war groß genug, um vier weitere Personen aufzunehmen, sie mussten lediglich ein wenig enger zusammenrücken. Dan schaltete am schnellsten und nutzte die Gelegenheit, neben Evelyn Platz zu nehmen. Sie mochte um die zwanzig Jahre alt sein. Es kam ihm wie ein schlechter Witz der Natur vor, eine solch hübsche Frau an einem so öden Ort zu verstecken. Ihr Gesicht, das von dunklem Haar umfasst wurde, war von bemerkenswerter Schönheit. Als Dan einmal kurz zu ihr hinüberblickte, sah er, dass in ihren dunklen Augen goldene Tupfer leuchteten. Es schmerzte ihn schon jetzt, dass sie dieser Welt nur einen kurzen Besuch abstatteten und bald wieder verschwunden sein würden.
»Und Sie sind auf der Durchreise, sagten Sie?«, bemerkte die Großmutter mit kratziger Stimme. Genau wie bei ihrem Sohn waren auch ihre Hände gefaltet. Ihr Gesicht war mit Falten überzogen, was sie wesentlich älter wirken ließ, als sie wahrscheinlich war. Verstärkt wurde dieser Eindruck dadurch, dass sie ihr graues Haar am Hinterkopf straff verknotet trug. Dies war auch bei Greta Sanders so, nur war ihr Haar lediglich in Ansätzen ergraut. Dadurch wirkte eher sie wie Judiths Kind. Damian hingegen hatte so gut wie keine Ähnlichkeit mit seiner Mutter.
»Nun ja«, antwortete Ken, »sozusagen. Wenngleich wir nicht genau sagen können, wie unser Ziel genau aussieht. Sagen wir einfach, wir befinden uns auf einer großen Expedition.«
»Was könnte in dieser Gegend für Sie interessant sein?«
Ken antwortete lediglich mit einem geheimnisvollen Lächeln.
»Das heißt also, Sie bleiben nicht lange unser Gast«, mutmaßte Greta.
»Das stimmt«, sagte Claire, »es wäre dennoch sehr nett von Ihnen, wenn wir einen Moment bleiben dürften. Es ist sehr heiß draußen und …«
»Bleiben Sie so lange Sie wollen. Wir bekommen nur selten Besuch. Ruhen Sie sich ruhig aus. Du hast doch nichts dagegen, Damian?«
Der Mann brummte etwas, das einem »Nein« ähnelte, aber er machte sich nicht die Mühe, sein Missfallen zu verbergen.
»Wenn es Ihnen nicht recht ist …«, begann Francine, wurde aber sogleich von Damians Frau unterbrochen, die ihm einen Blick zuwarf, der nicht enträtseln war. Steckte ein Vorwurf darin, eine Warnung oder letztlich unangebrachte Belustigung?
»Natürlich ist es uns recht«, sagte sie. Sie fügte eine kurze Pause ein, vielleicht um ihren Familienmitgliedern die Gelegenheit zu geben, sie darin zu bestätigten, aber es folgte keine Reaktion. »Wir freuen uns alle, dass Sie zu uns gefunden haben.«
»Kommt ihr von weit her?«, fragte Max und rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her. Seine helle Stimme vertrieb die gedrückte Stimmung, die aufzukommen drohte, sogleich wieder.
Ken nickte. »Von sehr weit.«
»Aus der Stadt?«
»Hm.« Ken blickte kurz zu seinen Begleitern hinüber. »Ja.«
»Und wie ist es da so?«, erkundigte sich Evelyn und blickte Dan an, der plötzlich, ganz im Gegensatz zu seinem sonstigen selbstbewussten Auftreten, vor Verlegenheit errötete. Er knetete am Ärmel seiner Uniform herum.
»Aufregend«, sagte er schließlich. »Ich könnte dir viel darüber erzählen.«
»Das musst du unbedingt.«
»Wirklich?«
»Aber ja. Unbedingt.«
»Und mir auch«, rief Max dazwischen.
»Mach ich.« Nun gelang es Dan wieder, sein altbekanntes Lächeln aufzusetzen, das herzlich und verwegen gleichzeitig war.
»Dazu habt ihr ja später noch Zeit«, fuhr Evelyns Mutter dazwischen. »Erst zeig ich euch die Zimmer, in denen ihr euch ausruhen könnt.«
Sie stand auf und bedeutete den Zeitreisenden, ihr zu folgen. Gemeinsam stiegen sie eine Holztreppe hinauf, die erbärmlich knarrte.
Zwei Räume mit einer Verbindungstür standen ihnen zur Verfügung, eines nahmen Claire und Francine in Beschlag, das andere war für Ken und Dan. Die Zimmer waren so sauber, als würden sie regelmäßig sauber gemacht. Es gab keine Betten, dafür aber in jedem Zimmer ein Sofa und andere Sitzgelegenheiten, die bequem genug wirkten, um sich dort eine Weile auszuruhen.
»Ich hoffe, das genügt euch«, sagte Greta.
»Auf jeden Fall, Mrs. Sanders«, sagte Ken und bedankte sich.
Die Frau lächelte und sagte: »Ich heiße Greta.« Dann verließ sie den Raum.
Francine setzte sich auf das Sofa. »Sehr bequem.«
Sie legten ihre Helme ab, die hier nicht benötigt wurden.
Dan stand am Fenster und öffnete es. Da jedoch nur heiße Luft eindrang, schloss er es bald wieder. »Eine trostlose Gegend. Nichts außer vertrocknetem Boden, der bis zum Horizont reicht. Auf den anderen Gehöften ist ebenfalls alles ruhig. Die Leute scheinen ihre Häuser selten zu verlassen.« Er stieß ein Lachen aus. »Aber warum sollten sie auch?«
»Trotzdem würde ich mir die Gegend ganz gern ein wenig aus der Nähe anschauen. Schließlich haben wir ja auch eine Aufgabe zu erfüllen. Der Lagerort der Trümmer des abgestürzten Gliders ist, wenn sich unsere Geräte nicht irren, ganz in der Nähe. Wir könnten dies also noch heute erledigen. Um so eher könnten wir dann die Heimreise antreten. Ich denke, dagegen dürfte niemand etwas einzuwenden haben. Oder?«
Dan überlegte kurz, dann nickte er. Zwar hätte er liebend gerne die Zeit mit Evelyn verbracht, aber er wusste, wie illusorisch dieser Wunsch war. An oberster Stelle stand die Mission. Hm, falsch, dachte er sogleich. An oberster Stelle stand das Überleben, dann erst kam die Mission. Jedoch entdeckte er hier weit und breit keine Gefahr. Das war schon beinahe beunruhigend. Er musste grinsen. Das war verrückt. Er machte sich Sorgen, weil keine Gefahr bestand.
»Was hast du, Dan?«, fragte Francine, die sein Mienenspiel beobachtete.
Er wiegelte mit einer Handbewegung ab. «Nichts. Was ist nun mit unserem Spaziergang?«
»Ich komm mit«, sagte Claire. Sie öffnete und schloss die Türen des schweren Schranks, der eine komplette Wand des Zimmers bedeckte. Sie entdeckte nichts Besonderes.
»Na, dann gehen wir alle«, erklärte Francine und stand mit einem leisen Seufzen auf. »Hätte nur ganz gern ein wenig die Augen geschlossen.«
»Das kannst du ja tun, wenn wir wieder zurück sind«, entgegnete Ken. «Ich denke, dann werden wir das alle tun.«
Dan, der immer noch am Fenster stand, zuckte plötzlich zusammen. »Das gibt es ja nicht!«, stieß er hervor.
Die anderen waren sofort alarmiert. »Was ist?«, fragte Ken und eilte zu ihm.
»Dort unten ging gerade der Junge vorbei.«
»Max?«
Dan nickte. «Genau.«
»Und was ist daran so schockierend?«, fragte Francine.
»Sein Gesicht«, entgegnete Dan. »Es war blutverschmiert.«
Die anderen schauten ihn entgeistert an, sodass Dan sich gezwungen sah, eine genauere Beschreibung abzugeben. «Die untere Hälfte seines Gesichts war eindeutig mit Blut verschmiert. Ich habe ihn nur kurz gesehen, sodass ich nicht sagen kann, ob er noch weitere Verletzungen hatte.«
»Vielleicht ist er gestürzt«, sagte Claire. »Ich erinnere mich, dass ich als Kind oft schlimmes Nasenbluten hatte.«
»Ja, an so etwas habe ich auch gedacht«, stimmte Dan ihr zu. »Auf jeden Fall sah der Bursche ziemlich bemitleidenswert aus.«
»Hat er geweint?«
Dan überlegte einen Augenblick, dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Im Gegenteil. Er schien nicht im Geringsten aufgeregt.«
»Ich war es irgendwann auch nicht mehr«, sagte Claire nachdenklich. »Irgendwann gewöhnt man sich dran. Es tut ja auch nicht weh, wenn einem das Blut aus der Nase schießt. Es sieht nur immer so aus, als wäre man ständig in Raufereien verwickelt, die man alle verloren hat.«
»Du hast dich als Kind gerauft?«, fragte Ken.
Sie knuffte ihn in die Seite. »Ständig«, zischte sie mit grimmiger Stimme. »Ich hatte einen guten Ruf als Klassenrowdy.«
Ken hob beschwichtigend die Arme. »Okay, das hab ich nun verstanden. Schaust du dir trotzdem die Gegend zusammen mit uns an?«
»Weil du es bist, tu ich dir den Gefallen. Und ich werd euch nichts antun.« Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. »Gehen wir.«
Gemeinsam stiegen sie die knarrende Holztreppe hinunter. Trotz des Lärms, der sich nicht vermeiden ließ, wurde niemand auf sie aufmerksam. Niemand schien sich im Haus aufzuhalten, was ihnen seltsam vorkam. Diese Gelegenheit nutzten die Zeitreisenden, um sich in aller Eile umzusehen.
Neben dem Raum, den sie bereits kannten, fanden sie noch zwei weitere Zimmer. Eines bewohnten die Eltern, das andere mochte der Großmutter gehören, wie sie an der Kleidung und den Gegenständen erkannten.
»Keine Betten«, konstatierte Ken. »Schlafen sie nie?«
»Hm«, murmelte Claire, »das ist wirklich seltsam.«
»Und noch etwas ist seltsam«, sagte Francine, als sie weitergingen und zwei weitere Türen aufstießen, dort aber lediglich eine kleine Kammer sowie ein Badezimmer vorfanden. »Es gibt keine Küche. Weder Herd noch Kühlschrank. Auch keine Vorräte.«
Sie schauten sich überrascht an.
»Aber wovon leben sie dann?«, fragte Claire. Die Frage war rhetorisch und so bekam sie auch keine Antwort.
»Es hat mich ohnehin gewundert, dass man uns nach unserem Eintreffen nichts angeboten hat«, sagte Ken nach einer Weile. »Das gehört in den meisten Familien doch zum guten Ton, zumal wenn man so freundlich empfangen wird.«
»Also halten wir fest«, sagte Dan mit lakonischem Ton, »sie schlafen und essen nie. Das spart ihnen 'ne Menge Zeit. Die Frage ist nur, was fangen sie damit in dieser Gegend bloß an?«
Als sie auf dem Weg nach draußen waren, öffnete sich die Eingangstür und Judith, die Großmutter, trat ein. Sie blieb einen Moment überrascht stehen, dann entspannte sie sich, als sei ihr wieder in den Sinn gekommen, dass die Familie Gäste beherbergte. »Ich hoffe, Sie sind zufrieden mit Ihrer Unterkunft.«
»Ja«, sagte Dan und ließ ein charmantes Lächeln aufblitzen, »alles bestens. Wir wollten nun einen Verdauungsspaziergang machen.« Er spürte einen Schlag in seiner Seite, den ihm einer seiner Begleiter verpasst hatte, wahrscheinlich Claire.
»Es ist warm und die Gegend leider nicht sehr abwechslungsreich«, erklärte die alte Frau. »Ich nehme an, Sie haben den Wald bereits gesehen. Es ist schön dort, ich bin gelegentlich mit den Kindern dort.«
»Ja, den haben wir gesehen«, sagte Ken. »Wir werden ihn sicher aufsuchen. Schließlich ist es auch kühler dort.«
»Ganz sicher«, entgegnete Judith lächelnd und trat zur Seite, um die Timetraveller passieren zu lassen. Bevor die Frau im Haus verschwand und die Tür schloss, sagte sie: »Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen auf Ihrem Verdauungsspaziergang.«
Die vier Freunde sahen sich perplex an.
»Wie soll man das verstehen?«, murmelte Ken und kratzte sich am Kopf.
Dan hob nur die Schultern und ließ sie wieder fallen.
»Habt ihr mitbekommen, dass sich ihre Stimme anders angehört hat, als sie das gesagt hat?«, fragte Claire.
»Anders?«, fragte Ken. »Wie meinst du das?«
»Ich hab das nicht mitbekommen«, sagte Dan. Er schaute Francine an. «Und du?«
»Ich weiß nicht«, entgegnete Francine. »Vielleicht war da etwas, aber ich finde keine Beschreibung dafür. Hast du eine, Claire?«
»Vielleicht tu ich ihr unrecht, und es hat überhaupt nichts zu bedeuten. Aber ich meine, es sei etwas Lauerndes in ihrer Stimme gewesen, etwas Abschätziges. Als … als spräche sie zu Opfern.«
Es war für eine Weile still, nur aus der Ferne klangen Hammerschläge zu ihnen durch und ein Vogel schrie.
»Hämisch«, sagte da Francine und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Das ist die Beschreibung, die mir nicht einfallen wollte.«
»Also, Mädels«, sagte Dan mit gespieltem Ärger in der Stimme, «übertreibt ihr nun nicht etwas? Ich schätze, ihr bildet euch das nur ein. Vielleicht war sie ein wenig verärgert, weil ich vom Verdauungsspaziergang geredet habe. Sie weiß schließlich, dass das nicht der Wahrheit entsprechen kann. Verständlich also, dass sie daher unwirsch reagiert hat. Aber das ist ja nun kein Grund, von Lauern oder Häme zu sprechen. Oder?« Er blickte in die Runde.
Ken nickte zustimmend. »Würde sagen, dass es genauso ist, wie du sagst, Dan. Wenn sich überhaupt etwas an ihrer Stimme geändert hat, dann lag es daran, was du zuvor zu ihr gesagt hast. Was übrigens ziemlich dämlich war. Jetzt weiß oder vermutet sie, dass wir uns im Haus umgesehen haben. Das tun Gäste nicht, die etwas auf sich halten.«
»Könnte natürlich sein, dass ich mir da etwas eingebildet habe«, sagte nun Claire. Aber sie sah nicht ganz überzeugt aus. Ihre innere Stimme sagte ihr, dass sie sich nicht geirrt hatte.
Wieder ertönten Hammerschläge und wieder antwortete ein Vogel. Es waren Laute, die Francine ein Schauer über den Rücken rieseln ließen. Es waren verlorene Laute.

***

Sie nahmen nun einen anderen Weg als jenen, den sie bei ihrer Ankunft gewählt hatten. In einiger Entfernung sahen sie bereits die beiden Nachbarhöfe. Dort ungefähr lag ihr Ziel, wenn die Informationen der PDAs nicht täuschten, wovon sie nicht ausgingen. Die Geräte hatten sich bislang als äußerst zuverlässig erwiesen.
»Wartet mal«, sagte Dan und rannte, eine Schärpe aus Staub hinter sich herziehend, zu einem kleinen, aus Stein gemauerten Anbau, der einer Garage ähnelte. Er zog das Tor auf und spähte ins Innere. Die anderen sahen, dass er sich am Kopf kratzte und das Gebäude betrat. Doch kaum eine Minute später verließ er es wieder und kam auf seine in der Sonne wartenden und schwitzenden Freunde zu.
»Nichts Besonderes«, sagte er, bevor er gefragt wurde. »Dort sind nur zwei Räume, die vollkommen leer sind.«
»Hattest du vermutet, dort Vorräte zu finden?«, fragte Ken.
»Ich hatte vermutet, irgendwas dort zu finden. Vorräte, Gerümpel, einen Fuhrpark. Irgendwas, verstehst du? Stattdessen nur zwei leere Kammern, die idiotischerweise zwei massive Türen haben, als hätten sie angst, dass dort eingebrochen würde.«
»Oder ausgebrochen«, unterbrach Claire seine Überlegungen. »Vielleicht dienen diese Räume als Zellen.«
»Das könnte natürlich sein«, sagte Dan überrascht. «Daran habe ich nicht gedacht. Aber glaubst du wirklich daran?«
»Nicht unbedingt«, beschwichtigte Claire. »Falls es stimmen sollte, könnte dies ja schon lange her sein. Wir wissen nicht, wie gefährlich das Leben hier vor Jahren vielleicht war. Heute sieht es friedlich aus, aber das muss ja nicht immer so gewesen sein. Womöglich hatten die Menschen in dieser Gegend früher oft Ärger mit renitenten Kriminellen, die man kurzerhand eingebuchtet hat.«
»Deine Fantasie möchte ich haben«, sagte Ken lachend. »Du solltest überlegen, ob du Zeitreisen nicht aufgibst und stattdessen Bücher schreibst.«
»Nur wenn du mich regelmäßig mit spannendem Stoff versorgst.«
»Versprochen.«
»Wir nähern uns dem Punkt, an dem die Trümmer liegen könnten«, sagte Francine nach einem Blick auf das Display ihres PDA.
»Dort hinten ist jemand« sagte plötzlich Ken und deutete in die Richtung eines aufgeworfenen Erdhügels. Tatsächlich stand hinter diesem Hügel ein Mann, der mit raschen Bewegungen etwas in die ausgehobene Grube warf, die ziemlich tief sein musste, bedachte man die Menge des ausgehobenen Erdreichs. Der Mann hatte keinen Blick für seine Umgebung, aus diesem Grund sah er die Zeitreisenden nicht. Seine ganze Konzentration richtete sich darauf, sich seiner Last zu entledigen.
Die Zeitreisenden legten sich auf den Boden und robbten zu einer Stelle, an der hohe Gräser einen besseren Schutz vor Entdeckung boten. Sie befanden sich offenbar an der unsichtbaren Nahtstelle zwischen zwei Grundstücken; das der Sanders' lag nun ein ganzes Stück hinter ihnen. Der Unbekannte war vermutlich ein Bewohner des Nachbarhofes. Er schien ähnlich alt zu sein wie Damian Sanders.
Der dritte Hof lag ebenfalls in der Nähe; dort rührte sich nichts. Sie konnten erkennen, dass die Gebäude dort weniger gut erhalten waren wie das tadellose Gut der Sanders'. Sie sahen fehlende Dachschindeln und zwei oder drei zerbrochene Fensterscheiben.
»Ich wette, die Trümmer des Gliders liegen in dieser Grube«, wisperte Dan. Er fuchtelte vor seinem Gesicht herum, um einige Fliegen zu vertreiben, die sich jedoch nur für Sekunden in die Flucht schlagen ließen, bevor sie zurückkehrten. Es waren unangenehm große Insekten, wohlgenährt und sich ihrer Dominanz bewusst.
»Könnte sein«, sagte Francine.
Ken deutete auf den Hügel. »Der Mann geht.« Sie beobachteten, wie er eine Holzkarre packte, sie schwerfällig herumwuchtete und dann in die Richtung seines Hauses ging. Da der Boden uneben war, kam er nur mühselig voran, denn die Räder des Karrens blockierten ständig.
»Ihr beiden bleibt hier und haltet Ausschau«, sagte Ken. »Passt auf, ob er zurückkommt.« Dann gab er Dan ein Zeichen. »Komm mit.« Schon robbte er schlangengleich in Richtung des Hügels, der verhinderte, dass der heimkehrende Mann ihn sehen konnte. Dan folgte seinem Freund schweigend. Er spürte ein Kitzeln in der Nase, das vom aufwirbelnden Staub herrührte. Bald waren sie am Hügel aus Erdreich angelangt und erklommen ihn vorsichtig. Sie spähten über ihn hinweg und beobachteten den Mann, der sich immer noch mit seinem Karren abmühte. Mehrmals bliebt er stehen, stemmte seine Hände in die Seiten und reckte sich, als hätte er Rückenschmerzen. Dan und Ken mussten einmal ihre Köpfe einziehen, als der Mann sich umdrehte, sie aber nicht zu sehen schien.
»Warum beeilt der sich nicht etwas?«, knurrte Ken ungehalten.
»Was immer der in die Grube geworfen hat, es stinkt ungemein«, meinte Dan und rümpfte seine Nase. »Ehrlich gesagt verspür ich kein Verlangen, dort nach den Trümmern zu suchen.«
»Ich auch nicht, aber ich hoffe, dass wir nur für kurze Zeit dieses Vergnügen haben werden. Wenn wir Glück haben, werden wir schon bald eine ausgiebige Dusche im Hauptquartier genießen können.«
»Dein Wort in …«, begann Dan, schloss dann jedoch mit vernehmlichen Geräusch seinen Mund, als er etwas hörte. Nach einigen Sekunden wurde ihnen klar, dass es sich um ihre eigenen Namen handelte, welche ihnen die beiden Frauen zuwisperten. Beinah synchron wandten sie sich um und sahen, wie Claire und Francine aus ihrer Deckung hektische Gesten machten und auf einen Punkt deuteten, der sich hinter Ken und Dan befand.
Mit einem unguten Gefühl drehten sich die beiden noch weiter um und ihnen fuhr der Schreck in die Glieder, als sie vom verwahrlosten Hof her einen Mann heranschreiten sahen, der in Begleitung eines riesigen Hundes gemächlich in ihre Richtung ging.
Ob sie gesehen worden waren, vermochten sie nicht zu sagen, aber es blieb ihnen nur eine Möglichkeit, die Ken leise in Dans Ohr wisperte: »Wir müssen in die Grube.«
Dans erschrockener Blick war beredt genug, aber auch ihm war klar, dass sie keine andere Fluchtmöglichkeit hatten. Ergeben nickte er und meinte: »Also gut.«
Ohne sich zu erheben, krochen sie über den Scheitelpunkt des Hügels und hofften, dass sie weder von dem Mann mit dem Karren noch von dem Hundebesitzer gesehen wurden. Dann glitten sie auf der anderen Seite des nachgiebigen Hügels hinunter und landeten in der Grube. Beide stießen zur gleichen Zeit einen leisen, von Ekel erfüllten Schrei aus, als sie erkannten, worauf sie gelandet waren.

***

Ob es dieser Schrei war, die den Hund die Witterung hatte aufnehmen lassen, vermochte Claire nicht zu sagen, doch plötzlich sah sie, dass das Tier nach kurzem Zögern bellend auf den Hügel zulief. Das Tier sah wild und kräftig aus, seine Zähne ragten Furcht erregend lang aus der Schnauze und Claire kam es so vor, als blitzten sie in der Sonne.
Bevor sie sich über ihr Tun klar wurde, sprang sie auf und lenkte den Hund von ihrem Ziel ab, während Francine nur Zeit blieb, einen leisen Fluch auszustoßen. Der Anblick des nun auf sie zuhetzenden Tieres verursachte ein flaues Gefühl in Claires Magen; sie begriff, dass sie einer tödlichen Gefahr ausgeliefert war. Hektisch nestelte sie an ihrem Halfter, um die Pistole zu ziehen, aber plötzlich wurde ihr klar, dass ihr nicht mehr genug Zeit blieb. Sie konnte nur hoffen, dass sie den ersten Angriff überstand und Francine ihr vor der nächsten Attacke zur Seite stehen würde.
Schon war der Hund heran und überwand die letzten Meter mit einem gewaltigen Sprung. In diesem Moment empfand Claire den Anblick des schwarzen Hundes als faszinierendes Schauspiel. Er war der ganze Stolz von Mutter Natur, ein Muskelpaket, das schier zu bersten drohte vor Kraft. Seine grüngelben Augen taxierten Claire mit einer Mischung aus Intelligenz und rasender Wut, und die Zähne, die hinter den Lefzen aufblitzten, waren dazu geschaffen, ihren Körper zu zerfetzen.
Dann zerbarst dieser Augenblick; Claire wurde von den Füßen gerissen und mehrere Meter zurückgeschleudert. Ihr wurde jegliche Luft aus den Lungenflügeln gepresst, sodass sie nicht einmal in der Lage war, einen Schrei auszustoßen. Über ihr glitt der blaue Himmel dahin. Schließlich prallte sie heftig auf den Boden. Unter ihrem Körper zerbarst mit einem knirschenden Laut ein abgebrochener Ast. Ein Stöhnen drang aus ihrem Mund, das Ausdruck ihrer Angst und des Schmerzes war. Sie sah den Hund nicht, was am Staub lag, der aufgewirbelt war und wie eine schwefelgelbe Wolke aussah. Doch plötzlich tauchte er vor ihr auf, seine Vorderläufe landeten auf ihrer Brust und wieder entwich Claire die Luft. Sie glaubte, unter einer Dampfwalze zu liegen.
Der heiße, nach verfaultem Fleisch riechende Atem drang ihr in die Nase. Heißer Speichel troff auf sie nieder. Mit verzerrtem Gesicht versuchte sie, das Tier mit den Armen wegzudrücken, doch ohne Erfolg. Wild knurrend schnappte der Hund nach ihrem rechten Arm, und sie hatte Glück, dass die Zähne mehr Stoff als Fleisch erwischten. Dennoch ließ der Schmerz des Bisses Claire laut aufschreien.
Sie sah Francine neben sich, als die Staubwolke durchscheinender wurde. Sie brüllte irgendetwas, doch Claire verstand kein Wort davon. Dann hörte sie einen lauten Pfiff und der Druck auf ihrer Brust verschwand, als hätte er nie existiert.
Stöhnend und mit Schmerzen im Arm und im Kopf richtete sie sich in eine halbsitzende Position auf. Neben ihr stand Francine, vor ihr der Hund mit geblecktem Gebiss und sein Besitzer, der eine Flinte auf sie gerichtet hielt und so grimmig schaute, dass Claire keinen Zweifel hatte, dass er den Abzug beim kleinsten Anzeichen einer Störung durchziehen würde.
Von Ken und Dan sah sie nichts, was sie für ein gutes Zeichen hielt. Offenbar hatten sie unentdeckt den Weg in die Grube gefunden. Eine kleine Fliege landete auf ihrer Wange, offensichtlich angelockt vom Schweiß, der sich auf ihrer Stirn gebildet hatte, doch sie wagte nicht, das Insekt zu verscheuchen.
»Auf mit dir, Lady!«, befahl der Mann. »Und mach keine Dummheiten, das würde euch beiden schlecht bekommen.«
Claire richtete sich langsam auf und blieb auf zitternden Beinen stehen. Der Schock saß tiefer als vermutet, bemerkte sie nun.
Francine trat näher an sie heran, um sie zu stützen.
»Sie kann ganz gut allein auf eigenen Beinen stehen«, schnauzte der Mann Francine an. »Fass sie nicht an!«
»Ist okay«, sagte Claire, »ich komm zurecht.«
»Schöne Waffen habt ihr da. Auch wenn sie euch nicht geholfen haben. Zieht sie nun langsam aus dem Halfter und werft sie her zu mir. Aber schön vorsichtig. Bringt mich nicht auf den Gedanken, dass ihr was vorhabt.«
Sie mussten diesen Worten Folge leisten. Nicht nur des Mannes wegen, der jeder ihrer Bewegungen folgte, es lag mehr noch an dem Hund, der konzentriert von Claire zu Francine blickte und genau zu wissen schien, was sie zu tun hatten. Langsam zogen sie ihre Waffen hervor und hielten sie am Lauf, bevor sie sie hinüber zu dem Mann warfen. Der bückte sich und klaubte die Pistolen vom Boden auf, blickte sie mit anerkennendem Lächeln an und steckte sie in die Innentaschen seiner Weste, die dadurch stark ausgebeult wurde, als trüge er Steine bei sich.
Dann wedelte er mit der Flinte zu seinem Hof hinüber. »Darf ich bitten? Ihr seid meine Gäste.«
Die beiden Frauen gingen voran, immer wieder darauf hoffend, dass ihre Gefährten ihnen zu Hilfe kamen, doch sie waren im wahrsten Sinne wie vom Erdboden verschwunden. Hoffentlich war ihnen nichts zugestoßen, dachte Claire. Sie gingen der nun tiefer stehenden Sonne entgegen, die immer noch beinah unerträgliche Hitze verströmte und sie auszudörren schien. Dem Mann hinter ihnen schien das Klima nicht das Mindeste auszumachen. Als Claire sich einmal kurz umwandte, sah sie, dass er eine der ergatterten Pistolen inspizierte. Er konnte sich diese Unaufmerksamkeit erlauben; neben ihm trabte sein Furcht einflößender Hund, der alles zu sehen und zu wittern schien. Ein leises Grollen kam aus seiner Kehle, als sich ihre Blicke begegneten.
Mit einem Mal wurde Claire unumstößlich klar, dass sie gegen diese Allianz so gut wie nichts ausrichten konnten. Diese Befürchtung steigerte sich noch, als aus der Tür des Hauses, auf das sie zugingen, zwei Männer traten, die ihnen mit unverhohlener Gier und Verachtung entgegenstarrten.
»Schöne Beute hast du uns da mitgebracht, Dave«, sagte einer von ihnen. Er trug lediglich ein schmutziges Unterhemd und kurze Hosen, die mindestens ebenso verdreckt schienen. »Willkommen im Hause Stanton, Ladies. Ich bin sicher, Sie werden Ihren Aufenthalt genießen.« Er lachte und stupste seinen Nebenmann an, dessen Kleidung bedeutend gepflegter wirkte. Sein Hemd leuchtete so strahlend weiß, dass es in den Augen schmerzte. »Was meinst du, Phil, werden sie sich bei uns wohlfühlen?«
Phil verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Gesicht klaffte zu einem breiten Grinsen auf, das schlechte Zähne offenbarte. »Klar werden sie das«, sagte er mit unangenehm näselnder Stimme. Dann trat er einen Schritt zur Seite, um die Neuankömmlinge eintreten zu lassen.
Francine erfasste nach und nach den verwahrlosten Zustand des Hauses, das nicht weniger herunterkommen war als seine Bewohner. Der Holzboden war mit einer dicken Schicht aus Dreck bedeckt, der nachgiebig wie ein Teppich war. Dunkle Flecken an den Wänden und der Decke machten den schlauchartigen Gang, in dem sie sich befanden, noch düsterer, als er ohnehin schon war. Hinter sich fühlte sie die bedrohliche Präsenz der drei Männer. Der Gedanke daran, was ihnen durch den Sinn gehen mochte, ließ sie erschauern. Sie spürte eine leichte Berührung von Claires warmer Hand auf ihrer Schulter. Sicherlich ein Trost, dachte Francine. Nur bewirkte er nichts; verzweifelt schloss sie die Augen. Lieber Gott, lass Dan und Ken bald hier auftauchen. Lass sie uns befreien.

***

Mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen starrte Dan auf das Bild, das sich ihm bot. Sein Verstand widersetzte sich für einige Sekunden, es zu verarbeiten, doch er musste sich geschlagen geben; die Situation war zu eindeutig, zu blutig und ließ keinen Raum für Ausflüchte. Halb eingesunken lag er auf einem nachgiebigen Bett aus Kadavern dutzender, nein Hunderter Tiere. Soweit er es überblicken konnte, handelte es sich um Kaninchen, alle mit weißem Fell, die den meisten Kindern ein Laut des Entzückens entlockt hätten. Es waren genau solche Tiere, die sie im Verschlag auf Sanders' Farm gesehen hatten. Sie befanden sich in einem unterschiedlichen Prozess des gärenden Zerfalls. Bei einigen war das Blut noch nicht geronnen, sondern zu einer rot-schwärzlichen Lache erstarrt, andere hingegen waren bereits skelettiert, und sie alle waren Heimstatt für blind wimmelndes Gewürm, das sich durch Haut und Gedärm fraß.
Sie waren nicht einfach gestorben, erkannte Dan. Vereinzelte blauschwarze Gedärmschlingen wanden sich aus den zerfetzten Bäuchen, der Kontrast zum Weiß des Fells und dem hingespritzten Blut war schmerzhaft krass. Mit roher Gewalt war der unheimliche Kaninchenkiller über die wehrlosen Tiere hergefallen.
Ken neben ihm stieß einen unartikulierten Laut aus, Dan schaute hinüber zu ihm und hätte beinah aufgeschrien. Blut und Fäulnissäfte besudelten Kens Uniform, seine Hände und auch sein Gesicht, das verzerrt und bleich war. Panik stand in seinen weit aufgerissenen Augen, blinde Panik, die keinen Raum mehr ließ für irgendwelche Überlegungen. Dies war, so seltsam es auch anmutete, ein gutes Gefühl, das sich in Dan ausbreitete. Keine Schadenfreude, aber zu sehen, wie sein sonst stets so überlegener und sicher agierender Freund keines klaren Gedankens mehr fähig war, beruhigte Dan ein wenig.
»Wir müssen hier raus«, sagte er. Ein leises Zittern begleitete seinen Vorschlag und machte Dan klar, dass auch er kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren, nur leugnete sein Verstand diese Tatsache noch. Sie mussten versuchen herauszufinden, was es mit diesem Massaker an den Tieren auf sich hatte, die in ihrem würdelosen Grab lagen. Das Morden schien einer gewissen Logik zu folgen, und auch ihre freundlichen Gastgeber waren darin verstrickt. Er sah die Tiere in Todesangst sich in der hintersten Ecke ihres Verschlages versammeln, als Claire zu ihnen getreten war. Warum taten die Menschen das? Reine Freude an Perversion schien nicht die Antwort zu sein. Auch wenn es ihm schwerfiel, blickte er nach unten auf das verwirrende Bild aus Blut und Fell, das von den Würmern und zahllosen Fliegen unheimliches neues Leben eingehaucht bekam. Hier eine Bewegung, dort ein Brummen, das aus den Kadavern drang. Beiläufig nahm er wahr, dass Ken sich brüllend übergab und schluchzend aus der Grube kletterte.
Stirnrunzelnd nahm Dan einen kleinen Leichnam in die Hand, der noch nicht lange in dieser Grube lag. Die tödlichen Verletzungen befanden sich ausschließlich im Bauchbereich, in dem sich verheerend tiefe Löcher auftaten, die an den Rändern fransig aussahen, wohl also nicht von scharfen Waffen herrührten. Ihm stockte der Atem, als ihm eine Vermutung durch den Kopf schoss, die allerdings so abwegig schien, dass er nicht daran glauben wollte. Dennoch sahen die Verletzungen so aus, als rührten sie von Bissen her. Es schienen Organe zu fehlen, aber nicht etwa ein chirurgischer Eingriff hatte dies ermöglicht, sondern rohe Gewalt. Auch ohne pathologische Kenntnisse erkannte Dan, wie brutal der oder die Mörder über das wehrlose Tier hergefallen war. Er legte das starre Tier zurück zu anderen Kadavern. Sein Rückenfell war, obgleich ebenfalls mit Blut besudelt, angenehm weich.
Er fühlte sich von Hunderten toter Augen angestarrt und ein unaussprechliches Grauen überkam ihn, das ihn schüttelte. Nun machte sich auch sein Magen bemerkbar und ohne eine besondere Überwindung gab sein Magen seinen spärlichen Inhalt wieder, der sich über die Kadaver ergoss.
Seine Hände und seine in dem Morast aus verwesten Kadavern und Blut steckenden Beine waren mittlerweile von eifrigen Maden erobert worden, die blind das unbekannte Gebiet seines Leibes erforschten. Panisch wischte er sie fort und hinterließ dabei eine schleimige Spur der Verwüstung.
Hastig stand er auf, was auf dem nachgebenden Grund schwerer war als angenommen. Er hörte die unheilvolle Melodie brechender Knochen unter seinen Füßen und ein leises Schmatzen, dessen Ursache er nicht erst herausfinden wollte. Mit ungelenken Bewegungen wuchtete er sich aus der Grube heraus.
Fliegen umschwärmten ihn. Sie waren so rasend, dass sie nicht wegflogen, als Dan sie mit wedelnden Handbewegungen verscheuchen wollte. Er konnte sie selbst mit den Fingern zerdrücken. Es musste so etwas sein wie sexuelle Raserei, welche die Biester empfanden und dafür sogar ihren Tod in Kauf nahmen.
Er kroch hinüber zu Ken, der einige Meter weiter im Staub kauerte. Ihm machten ebenfalls die Fliegen zu schaffen, die ihn bevölkerten.
Ich summe, stellte Dan überrascht fest. Tatsächlich ging ein permanentes Gesumm von ihm aus, das die Fliegen produzierten.
»Alles okay?«, fragte er.
Ken sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Nichts ist okay.« Seine Stimme klang belegt von all dem Horror, den er erlebt hatte. »Dort hinten sind Claire und Francine.« Er deutete vage in diese Richtung.
Erst jetzt sah Dan die drei Personen und den Hund, die langsam auf den Nachbarhof zugingen. Der Mann hielt etwas in seinen Händen. Erst nach einigen Sekunden erkannte er, dass es sich um ein Gewehr handelte. »Sie befinden sich in seiner Gewalt!«, stieß er hervor.
»Den Eindruck hab ich auch«, erwiderte Ken. Obwohl er mit gefasster Stimme sprach, genügte ein Blick in sein Gesicht, um erkennen zu können, dass er immer noch vom Grauen gepackt war. »Wir müssen ihnen folgen.«
Sie sahen, dass die Gruppe in das Haupthaus trat und von ein oder zwei Leuten empfangen wurde. Der Hund jedoch blieb draußen, scheinbar befand sich dort sein Revier, das es zu verteidigen galt. »Wir haben ein Problem«, sagte Dan. »Ein zusätzliches Problem.« Er blickte Ken an. »Wie kommen wir an dem Hund vorbei?«
Ken schwieg. Er schien die Fliegen nicht wahrzunehmen. »Wir müssen uns trennen«, sagte er schließlich. »Ich werde den Hund von dem Haus fortlocken, und du kümmerst dich um Claire und Francine und befreist sie.« Er zuckte mit den Schultern. »Irgendwie.«
»Das klingt gut«, erwiderte Dan, »zumindest in der Theorie. Aber wie willst du mit dem Hund fertig werden? Der sieht aus, als könne er einen Grizzly erlegen.«
»Ich werde ihn bis zu dem Wald dorthin locken. Bis dorthin sollte ich es schaffen, bevor er mich erreicht. Den Rest wird man sehen. Den schwierigeren Job wirst du erledigen müssen. Wir wissen nicht, wer sich alles in dem Haus aufhält. Vielleicht hast du es mit einer ganzen Brut zu tun.«
Dan grinste schief. »Haben wir das nicht immer?« Dann legte er sich flach auf den Boden und rollte einige Male hin und her, sodass Staub aufwirbelte. Erstaunt blickte Ken ihn an.
»Das vertreibt die Fliegen«, erklärte Dan. »Und es verhindert hoffentlich, dass man im Haus auf mich aufmerksam wird. Hören wird man mich wahrscheinlich nicht, aber man soll mich auch nicht riechen. Der Staub bindet den Gestank ein wenig.«
»Hoffst du.«
»Hoffe ich.«

***

Ken spurtete auf den Wald zu, der in ungefähr zweihundert Meter Entfernung lag. Es dauerte nicht lange, bis der Hund ihn erspähte und die Verfolgung aufnahm. Schon bald hörte er sein Hecheln und Knurren – ein Geräusch, das Kens Zuversicht schwinden ließ. Er nestelte an seinem Halfter, um die Pistole rauszuzerren und verfluchte sich, dass er dies nicht bereits längst getan hatte. Beinah wäre ihm die Waffe aus der Hand gerutscht; nur mit einem gedankenschnellen Nachfassen gelang es ihm, sie bei sich zu halten. Ein unwirscher Fluch drang über seine Lippen; dann zwang er sich zu mehr Konzentration. Er achtete auf Unebenheiten im staubigen Boden und erspähte eine kleine Lücke im Dickicht des Waldes, der bald zum Greifen nah war. Aber dies konnte er auch über seinen vor Wut rasenden Verfolger sagen, sah Ken, als er einen Blick über seine Schulter warf.
Keuchend sprang Ken über einen niedrigen Busch und wich dünnen Baumstämmen aus. Mit zu Schlitzen verengten Augen hastete er weiter voran ins Dickicht. Dünne Zweige rissen an seiner widerstandsfähigen Uniform. Auch sein Gesicht bekam einiges ab, wie Peitschenhiebe trafen ihn vereinzelt die Schläge, doch er spürte den Schmerz kaum. Er war nur darauf konzentriert, sich seinen Weg zu bahnen. Sein Vorsprung war beinah komplett aufgebraucht, er konnte förmlich spüren, wie der Hund zum Sprung ansetzte.
Abrupt stoppte er und machte einen großen Sprung zur Seite. Mit dem Rücken stand er an einem Baumstamm gelehnt. Der Hund, der nicht mit diesem Manöver gerechnet hatte, lief an ihm vorbei und machte dann kehrt, wobei der Schwung der Wendung ihn beinah zu Boden riss. Geifer spritzte von seinen Lefzen. Das schwarze Fell des Tieres war aufgerichtet, wodurch der Anblick noch Furcht einflößender wurde. Die Augen waren unverwandt auf ihn gerichtet, als wollten sie ihn bannen. Wolfsaugen, dachte Ken, die Augen einer schönen blutrünstigen Bestie.
Ken schluckte und hob seine Waffe. Der Strahl löste sich wie von selbst, begleitet von seinem Schrei der Verzweiflung, doch der Hund blieb davon unbeeindruckt, sodass Ken daran zweifelte, ob er überhaupt getroffen hatte. Zu einem zweiten Schuss bekam er keine Gelegenheit mehr, denn schon machte sein Jäger einen gewaltigen Sprung und riss Ken zu Boden. Mit dem Kopf prallte er gegen irgendein Hindernis und Schmerz platzte zu einer Fontäne auf. Wild knurrend verbiss sich der Hund in seiner Uniform und schnappte immer wieder nach seiner Kehle. Ken drückte seinen linken Unterarm gegen den Hals des Tiere und versuchte, sein Maul wegzustoßen. Blut spritzte und tröpfelte in sein Gesicht und Ken begriff, dass sein Schuss doch ein Treffer gewesen war. Nur wurde der gewaltige Hund, der nur aus Muskeln, Sehnen und Wut zu bestehen schien, nicht schwächer; im Gegenteil, der Schmerz, der in seinem Leib wüten musste, stachelte ihn nur noch mehr an.
Kens Arm, mit dem er die Attacken abwehrte, begann entkräftet zu zittern und ein Krampf deutete sich an.
Verzweifelt drückte er den Abzug seiner Pistole, obwohl er kaum zu sagen wusste, wohin er zielte. Schmerzerfüllt jaulte der Hund auf und knickte mit den Hinterläufen ein. Für eine Sekunde hielt er inne und schaute Ken mit seinen beinah menschlichen Augen vorwurfsvoll an. Diese Gelegenheit nutzte Ken, ein weiteres Mal zu schießen, diesmal gezielter als zuvor. Mit einem leisen Knurrlaut fiel der Hund zur Seite und zuckte mit den Läufen. Sein Atem ging hastig und pfeifend, während eine große Blutlache sich unter dem schwarzen Fell ausbreitete. Dann erstarben die Bewegungen des Hundes.
Schwer atmend und mit zitternden Gliedern kam Ken auf die Beine. Er fühlte sich vollkommen ausgepumpt und überall spürte er plötzlich Schmerzen. Schwarze Punkte, so groß wie Ascheflocken, tanzten vor seinen Augen. Seine Uniform sah äußerlich unversehrt aus, die Bisse waren dennoch durch sie hindurchgegangen, aber er wusste, dass es ihn ohne seine Kleidung wesentlich schlimmer erwischt hätte. Sein Gesicht pochte und pulsierte. Als er es vorsichtig berührte, ertastete er blutige Striemen der Zweige, die ihn während der Flucht getroffen hatten. Er sah vermutlich aus, als wäre ein Irrsinniger mit einer Peitsche über ihn hergefallen.
»Verdammt!«, keuchte er.
Plötzlich hörte er Beifall und jemand sagte: »Bravo!«
Ken zuckte zusammen und wirbelte, die Waffe im Anschlag, herum. Wenige Meter von ihm entfernt stand ein breit grinsender Mann und klatschte immer noch begeistert in seine Hände. »Hab es gesehen!«, rief er mit einer Euphorie, die schrill in Kens Ohren dröhnte. Ungelenk trat er aus dem Dickicht heraus und kam näher. Doch dann blieb er unvermittelt stehen und rümpfte die Nase, während sein Gesicht eine Grimasse des Ekels zeigte. »Du riechst«, stellte er vorwurfsvoll fest.
Ken nahm die Waffe herunter und steckte sie wieder in das Halfter zurück; der Mann stellte gewiss keine Gefahr dar. Eigentlich handelte es sich eher um einen Jungen, er mochte höchstens zwanzig Jahre alt sein, durch seine ausgeprägt lebhafte Mimik wirkte er jedoch jünger. »Ja, da hast du recht. Ich benötige dringend ein Bad. Wer bist du?«
»Vincent«, erklärte sein Gegenüber, der sein Grinsen wiedergefunden hatte, mit erhabener Stimme, als sei er in diesem Landstrich eine bekannte Größe.
»Ich heiße Ken. Was machst du hier? Versteckst du dich?«
Vincent nickte.
»Warum versteckst du dich? Vor wem?«
Verschämt malte Vincent mit einem Fuß unsinnige Zeichen in die Erde. Offensichtlich war ihm das Thema unangenehm. Schweigend wartete Ken auf eine Antwort, obwohl er innerlich vor Ungeduld vibrierte. Vermutlich war er der Einzige, der im Augenblick nicht in der Klemme saß, und er fühlte geradezu, wie die Zeit sinnlos verrann. Beinah hätte er Vincent lautstark dazu genötigt, ihm eine Antwort zu geben. Allerdings befürchtete er, dass der Junge in der Lage war, genauso eisern zu schweigen wie ein bockiges Kind.
Endlich gab Vincent sich einen Ruck. Schüchtern sah er vom Boden auf und deutete auf das Haus, in dem Claire und Francine verschwunden waren. »Wurde verfolgt von den Männern. Wollten mich fangen.«
»Warum?«
»Es sind böse Männer.«
»Wie viele sind es denn?«
Vincent überlegte eine Weile, dann sagte er triumphierend. »Drei.«
Das sah nicht gut für Dan aus, überlegte Ken.
»Sie wollten mich essen«, sagte Vincent mit vor stolzerhobener Stimme.
»Was?«, fuhr Ken auf, der glaubte, sich verhört zu haben.
Vincent glotzte ihn einen Moment lang an, dann führte er eine Hand zu seinem Mund und machte übertriebene Kaubewegungen. »Essen«, sagte er schließlich bedächtig, als spräche er zu einem Idioten. »Sie essen alle, die sie fangen.«

***

In das Haus einzudringen, war ein Kinderspiel, da die Tür sperrangelweit offenstand, doch gleich hinter der vor Schmutz starrenden Schwelle begannen die Schwierigkeiten. Vom Flur, in dem Dan sich befand, zweigten mehrere Türen ab; gleich im ersten Raum zu seiner Linken hörte er Stimmen von mindestens drei Personen. Da sich ihre Positionen nicht änderten, nahm Dan an, dass die Bewohner saßen.
Leise legte er sich bäuchlings auf den Boden und robbte langsam weiter, bis er die Schwelle erreichte. Als Erstes sah er einen hohen Schrank, der beinahe die gesamte Raumbreite einnahm.
Der Holzboden unter ihm knarrte leise und Dan verharrte sofort und hoffte, dass dieser verräterische Laut von den Personen nicht gehört worden war. Er schien Glück gehabt zu haben; nichts rührte sich im angrenzenden Raum. Mittlerweile wusste er, dass auch mindestens eine Frau anwesend sein musste, die einmal kurz angebunden etwas entgegnet hatte, was einen der Männer zum Lachen gebracht hatte.
Vor dem Schrank stand ein Tisch, um den herum die Bewohner saßen. Mit dem Rücken zu ihm sah Dan einen breitschultrigen Mann, ihm gegenüber erspähte er die nackten Beine der Frau. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, was bedeutete, dass wiederum sie ihn ebenfalls nicht sehen konnte. Am Kopfende saß ein älterer Mann, vermutlich der Hausherr. In ihm glaubte Dan den Entführer von Claire und Francine wiederzuerkennen. Sobald er nach rechts schaute, würde er Dan unweigerlich entdecken, wenn dieser, am Boden liegend, an der Schwelle vorüberglitt. Aber gerade in diesem Augenblick sprach er zu der Frau und blickte auch zu ihr hinüber. Diesen Moment nutzte Dan, um so schnell wie möglich die Türöffnung zu passieren. Dabei hoffte er, dass der Boden nicht erneut knarrte.
Dicke Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, als er endlich auf der anderen Seite der Schwelle angelangt war. Er gönnte sich jedoch keine Ruhe, sondern machte sich nun auf die Suche nach den entführten Frauen. Wo konnten sie sein?, überlegte er fieberhaft. Er sah eine Treppe, die nach oben führte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sie dort finden würde, schätzte er als gering ein. Gleich in seiner Nähe befanden sich drei Türen, zwei auf seiner Seite, eine weitere an der Wand gegenüber.
Heulend fuhr der Wind durch eines der zerbrochenen Fenster, das ihm bereits auf dem Weg zu dem Haus aufgefallen war. Im Gegensatz zu dem Besitz der Sanders' befand sich dieses Haus in einem erbarmungswürdigen Zustand. Der Boden war mit einer dicken Schmutzschicht überzogen, die dort, wo Dan vorhin bäuchlings vorangekommen war, eine verräterische Schneise aufwies. An der Decke wehten dichte Spinnweben im Wind.
Leise drückte er die Klinke der ersten Tür und zog sie auf; dahinter lag ein staubiger Wohnraum. Dan warf einen prüfenden Blick auf den Holzboden und suchte nach Fußspuren, entdeckte aber keine. Hier war seit Langem niemand mehr gewesen.
Er schlich zur nächsten Tür, die am Ende des Flurs lag. Die Bewohner unterhielten sich nach wie vor, ein Mann lachte, der andere erhob seine Stimme zu lautem Protest, dann folgten beschwichtigende Worte der Frau. Aber Dan achtete nicht auf das Gespräch, seine ganze Konzentration galt dem lautlosen Vorankommen. Zu seinem Missfallen quietschte die Tür leise in den Angeln, er sah blassgrüne Kacheln an den Wänden und am Boden, die auf ein Badezimmer hindeuteten.
Sicher waren die Entführten auch hier nicht eingesperrt, dennoch wollte Dan ganz sicher sein und betrat den Raum.
Auf der Schwelle blieb er erschrocken stehen, als er sich einem Mann gegenübersah.

***

Dem Mann war der Schreck ebenfalls in die Glieder gefahren und er starrte mit offenem Mund, in dem schlechte Zähne zum Vorschein kamen, zu Dan hinüber. Dan schaltete einen Moment schneller. Bevor der Andere die im Nebenraum sitzende Gruppe warnen konnte, war Dan bereits bei ihm und schlug ihn mit einem wuchtigen Aufwärtshaken nieder. Der Getroffene gab ein Ächzen von sich und verdrehte die Augen wie ein Betrunkener, bevor er mit einer wenig eleganten Drehung zu Boden sackte. Dan hielt ihn fest, so gut es ging, und milderte seinen Fall, der zu viel Lärm verursacht hätte.
Er rieb sich seine rechte Hand, die von der Wucht des Schlages schmerzte. Es gelang ihm kaum, sie zur Faust zu schließen, aber darauf konnte er nun keine Rücksicht nehmen. Der niedergeschlagene Mann rührte sich nicht. Wenn nicht sein Atem zu hören gewesen wäre, hätte man ihn für einen Toten handeln können. Blut rann aus seiner aufgeplatzten Lippe und tröpfelte auf den Boden.
»Phil?«, hörte Dan die Stimme der Frau. »Ist alles in Ordnung?«
Dans Herzschlag setzte einen Moment lang aus und er überlegte fieberhaft, was er nun tun sollte. Hatten sie etwas gehört?
»Phil?« Die Beine eines Stuhls schabten über den Boden.
»Alles in Ordnung!«, rief Dan mit einer etwas tieferen Stimme als seine eigene. Außerdem zog er die Silben ein wenig in die Länge, so wie es Greta Sanders tat. Er hoffte, dies würde genügen, die Leute zu täuschen.
»Wir warten«, sagte nun ein Mann von nebenan mit barscher Stimme. »Komm endlich!«
»Ja!«
Eilig verließ Dan den Raum und schloss leise die Tür. Schnurstracks steuerte er die Tür an der gegenüberliegenden Wand des Flurs zu. Hinter ihr sah er eine steile Treppe, die nach unten in eine diffuse Dunkelheit führte. Insgeheim schalt er sich, dass er es nicht zuerst hier versucht hatte, das hätte ihm eine Menge Ärger erspart. Während er die Treppe hinuntereilte, schloss und öffnete er unentwegt seine Hand, die vor Schmerzen pochte.
Unten angelangt fand er sich in einem düsteren Gang wieder, von dem zu beiden Seiten einige Türen abzweigten. Ein leises Summen wie von einem Generator hing in der Luft, die nach altem Stoff und Staub roch. Hin und wieder hörte er zu Boden fallende Wassertropfen.
Am anderen Ende des Ganges, das ungefähr zwanzig Meter entfernt war, drang gräuliches Tageslicht durch ein dreckiges Fenster ein. Daneben sah Dan eine weitere Tür, die nach draußen zu führen schien. Zumindest hoffte er dies, denn er glaubte nicht, dass es ihm gelingen würde, das Haus auf die gleiche Weise verlassen zu können, wie er es betreten hatte. Nicht ohne Komplikationen, fügte er gedanklich hinzu.
»Claire?«, wisperte er. »Francine? Seid ihr hier? Meldet euch. Ich bin es, Dan.« Er lauschte angestrengt, während er von oben Stimmen vernahm. Sie verloren endgültig die Geduld. Dann hörte er irgendwo vor sich Schritte.
»Wir sind hier«, erklang Claires Stimme. Damit er den Raum bestimmen konnte, klopfte sie gegen die massive Holztür. Dan eilte im diffusen Halbdämmer weiter und trat gegen einen Gegenstand, der mit einem lauten Scheppern umfiel.
»Verdammter Mist!«, schimpfte er zornig. Er hätte es laut herausbrüllen können, beschränkte sich aber auf ein leises Flüstern. Das Geräusch war sicher auch oben gehört worden. Doch er verschwendete keinen Gedanken daran, was geschähe, wenn die Bewohner ihn hier unten fänden. Noch war es nicht so weit.
Er trat vor die Tür. »Seid ihr beide da drin?«, fragte er.
»Ja«, antwortete Claire. »Die Tür hat kein Schloss, sondern nur einen Riegel. Das konnte ich hören, als sie uns hier reingestoßen haben.«
Dan fand den Riegel und zog daran, um die Tür zu öffnen, aber er klemmte derart, dass er sich kaum rührte. »Scheiße«, murmelte Dan perplex.
»Was ist, Dan?«
»Der Riegel klemmt.«
»Dan, bitte, mach keine Witze. Sie haben ihn doch auch vorschieben können, also musst du doch die Tür aufsperren können. Streng dich an.«
»Was glaubst du, was ich tue!«, zischte Dan mit verzerrtem Gesicht, während er sich gegen den Riegel stemmte und den Schmerz ignorierte, der durch seine Finger zog. Schließlich gelang es ihm, wobei Dan durch seinen eigenen Schwung beinah das Gleichgewicht verlor. Die Tür öffnete sich und Claire und Francine verließen ihre Zelle.
Von oben wurden die Stimmen nun lauter und Dan vermutete, dass sie den Bewusstlosen entdeckt hatten.
»Höchste Eisenbahn«, sagte er. Er deutete auf die Tür, durch die das Tageslicht drang. »Da müssen wir raus.« Sie war nicht verschlossen. Wärme und Licht drang in den düsteren Keller und die beiden Frauen mussten die Augen nach dem Aufenthalt in der Finsternis vor dem grellen Schein schließen. Dan sah, dass eine Treppe nach oben führte.
»Geht es?«, fragte er.
Francine und Claire nickten. Sie beide blinzelten und hatten Tränen in den Augen.
»Okay, ich gehe vor«, erklärte Dan und drängte sich an den beiden Frauen vorbei. Oben angekommen, musste er sich kurz orientieren, dann erkannte er den Wald, zu dem Ken vorhin gerannt war, um den Hund von dem Haus fortzulocken und auszuschalten, was ihm hoffentlich gelungen war.
»Unsere Aufgabe ist einfach. Wir müssen so schnell wie möglich zu dem Wald. Dort ist Ken und wartet auf uns.« Ohne weitere Erklärung rannte er los. Francine und Claire folgten ihm.
Hinter dem Trio wurden wütende Schreie laut.

***

»Sie kommen«, sagte Ken erleichtert. Die letzten Minuten waren ihm an die Nerven gegangen, und mehr als einmal schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er bald in das Haus eindringen musste, um herauszufinden, was dort vorgefallen war. Immer wieder hatte er versucht, Vincent weitere Informationen zu entlocken, aber der wollte oder konnte ihm keine hilfreiche Antwort geben und Ken fühlte sich schließlich bis aufs Blut gereizt. Als er Vincent einmal wütend angeblafft hatte, schwieg der seltsame Junge endgültig.
Dass er seine drei Freunde nun endlich sah, ließ jegliche Wut und Anspannung fürs Erste schwinden und er drehte sich lachend zu Vincent um. »Siehst du? Da kommen sie! Niemand hat sie gegessen.«
Vincent trat neben ihn und sagte, ohne dass sein Grinsen erlosch: »Da kommen auch die bösen Männer. Sie werden deine Freunde wieder einfangen. Und dann werden sie sie essen.«
»Das wollen wir doch mal sehen«, murmelte Ken. Er zeigte sich den Flüchtenden, damit sie ihr Ziel sehen konnten, dann bezog er Deckung hinter einem Baum. »Vincent!«, rief er, der noch am Rand des Waldes stand und fasziniert der Verfolgungsjagd beiwohnte. »Komm her zu mir und mach dich unsichtbar.«
»Vincent kommt.« In seinem Gesicht spiegelte sich plötzlich mit einem Mal Unwohlsein wider. Seine Augen zeigten einen verstörten Eindruck.
»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte ihn Ken. »Sie erwischen uns nicht. Und dich auch nicht. Vertrau mir.«
Vincent antwortete etwas, aber in diesem Augenblick trafen Dan, Claire und Francine ein und Ken achtete nicht mehr auf seinen Begleiter, der die Neuankömmlinge argwöhnisch anschaute.
»Ein guter Sprint«, sagte Ken anerkennend. »Wir werden Ärger bekommen.« Er zückte seine Waffe. »Wir sollten ihnen einheizen.«
Claire und Francine schauten sich an. »Unsere Waffen wurden leider konfisziert«, sagte Francine.
Ken verzog konsterniert das Gesicht. »Das ist nicht gut.«
»Wir hatten leider eine schlechte Verhandlungsbasis«, sagte Claire entschuldigend.
»Vincent hat Angst«, erklärte Vincent mit Bestimmtheit.
»Dir passiert nichts«, sagte Ken.
»Wer ist der Typ?«, fragte Dan.
»Vincent will nicht gegessen werden.«
Ein Schuss hallte und schlug über ihnen in das dichte Blätterwerk ein. Dan und die beiden Frauen suchten genau wie Ken Deckung.
»Vincent, nun komm endlich her zu mir!«, befahl Ken.
Vincent schaut ihn an. Panik war nun in seinem Gesicht, das offen war für jede Gefühlsregung. »Nein«, sagte er. »Das will ich nicht.« Eine einzelne Träne rann an seiner Wange hinab. Dann wandte er sich ab und lief davon.
»Vincent, verdammt, bleib bei uns!«, schrie Ken, doch der Flüchtende hörte nicht auf ihn.
Vincent rannte in blinder Panik auf das freie Terrain hinaus, das den Wald umgab.
Ken wollte aufspringen, um ihm zu folgen, doch Dan und Francine hielten ihren Freund fest. »Das hat keinen Sinn«, sagte Dan. »Du würdest dich in Lebensgefahr begeben.«
»Und uns ebenfalls«, erklärte Claire. »Falls dir etwas geschehen sollte, hat nur noch Dan eine Waffe. Er hat nicht hören wollen, warum auch immer.«
»Weil er Angst hatte«, sagte Ken leise. Er gab seinen Versuch auf, Vincent zu verfolgen, weil er wusste, dass seine Freunde recht hatten. »Er hatte Angst, gegessen zu werden.« Er erzählte den anderen in aller Kürze von Vincents Angst.
Dan schüttelte den Kopf. »Ich glaube, der ist nicht ganz richtig im Kopf.«
Die Männer hatten nun ihre Richtung geändert und folgten dem Flüchtenden, der zwar noch einen respektablen Vorsprung besaß, aber der würde bald schrumpfen.
Francine klopfte dem sichtlich niedergeschlagenen Ken aufmunternd auf die Schultern. »Im Moment haben wir keine Chance gegen diese Leute. Wir haben es einmal geschafft, ihnen zu entkommen, ein zweites Mal sollten wir nicht versuchen, unser Glück erneut herauszufordern. Wir sind keine Cowboys, die einen Schusswechsel wagen können.«
»Du hast ja recht, Francine.« Ken schaute sie an und probierte ein Lächeln, das gründlich misslang. »Trotzdem fühl ich mich mies.«
»Das könnte auch an deinem Bad in der Grube liegen«, sagte Dan. Die beiden Frauen schauten ihn irritiert an, und so nutzte Dan die Gelegenheit, ihnen von seinem und Kens Erlebnis zu erzählen. Die Gesichter von Claire und Francine verzogen sich mit jedem Detail, das er preisgab, mehr vor Ekel, bis schließlich Francine eine Hand hob und rief, Dan solle sich den Rest sparen.
»Ihr beide werdet gleich erstmal ausgiebig geschrubbt und eingeseift«, sagte Claire und blickte Ken an. »Erst wenn du duftest wie eine Blumenwiese, lasse ich dich wieder in meine Nähe.«
»Na, wenn das keine Aussichten sind«, rief Dan lachend.
»Verflixt, seht mal dort!«, sagte Francine und deutete in die Ferne. Sie alle sahen die Rauchsäule, die sich nicht fern von ihnen entfernt in den blauen Himmel erstreckte und sie alle konnten den Ort des Feuers lokalisieren.
»Sie haben die Grube in Brand gesteckt«, sagte Claire. Sie sahen sich verwirrt an. Damit brannten nicht nur die Kadaver, die dort lagen, sondern auch die Trümmer des verschwundenen Gliders, die sie hätten bergen sollen.
»Verdammt, ich wette, das geschieht nur unsretwegen«, sagte Ken. »Niemand hier will, dass wir die Trümmer finden.«
»Aber wer sollte denn wissen, dass das unsere Absicht war?«
»Das weiß ich auch nicht, aber wenn die Leute hier eins und eins zusammenzählen, können sie schon darauf kommen, weswegen wir hier sind. Wir sind leicht an unserer Uniform zu identifizieren, die ja schließlich identisch ist mit der Kleidung der Verschwundenen.«
»Und nun werden die Spuren verwischt, meinst du?«, fragte Claire. Sie wiegte ihren Kopf hin und her.
»Wäre doch möglich, oder?«
Sie blickten auf das Feuer und die Rauchsäule, die dichter und schwärzer wurde. Sie konnten sie bis zum Wald riechen.
»Ich würde sagen, unsere Mission ist gescheitert«, sagte Francine niedergeschlagen.

***

Sie gingen zurück zu Sanders' Hof. Dort wurden sie bereits erwartet. »Wir haben uns bereits Sorgen gemacht«, sagte Greta Sanders. »Wo waren sie denn? Und, meine Güte, wie sehen Sie überhaupt aus?« Sie blickte die beiden Männer an, deren Kleidung vor Schmutz starrte. Blut, Erde und Staub haftete wie eine zähe Haut überall an ihnen.
»Das ist eine lange Geschichte …«, begann Dan.
»Die ihr mir gar nicht erst erzählen müsst, bevor ihr euch nicht gewaschen habt. So kommt ihr mir nicht ins Haus.«
»Ay, Ma'am«, sagte Dan und nahm Haltung an.
Greta lächelte. »Ich wisst, wo der Brunnen ist.«
Nachdem sie mit ihrer Wäsche, die trotz aller Gründlichkeit letztlich nur das Nötigste bewirkte, fertig waren, dämmerte es bereits. Die Sonne ging in einer gewaltigen Farbexplosion unter, sodass die Vier für eine Weile mit offenen Mündern diesem Schauspiel beiwohnten, obwohl es nun empfindlich kalt wurde.
»Fantastisch«, sagte Claire, während sie langsam zum Haus hinübergingen. Im Norden funkelten bereits die ersten Sterne.
Da sie nicht das Risiko eingehen wollten, in vollkommener Dunkelheit zu der Steinformation zu marschieren, wo sie ihren Glider versteckt hatten, beschlossen sie, gleich nach Sonnenaufgang aufzubrechen und zurück zum Hauptquartier zu fliegen. Sie nahmen es in Kauf, eine Nacht ohne Essen zu verbringen.
Sie betraten das Haus und rechneten damit, die Familie am Tisch sitzen zu sehen, doch sie irrten sich. Sie sahen niemanden, auch lag das gesamte Haus im Dunkeln, mit Ausnahme einer schwächlich leuchtenden Lampe, die man vermutlich für sie hatte brennen lassen, damit sie sich zurechtfanden.
»Hier scheint man früh schlafen zu gehen«, stellte Dan fest. »Wenn es welche gäbe, würde ich sagen, sie gehen mit den Hühnern schlafen.«
»Schon sehr seltsam«, murmelte Claire, »und ziemlich unheimlich.«
»Was?« Francine schaute sie an. »Dass sie früh zu Bett gehen?«
»Vor knapp dreißig Minuten, bevor wir zum Brunnen gingen, war zumindest Greta noch auf den Beinen. Und jetzt überlässt man uns das Haus sozusagen zur freien Verfügung. Das wundert mich schon sehr.«
»Man vertraut uns eben«, entgegnete Francine.
»Wir müssen es so hinnehmen«, sagte Ken nachdenklich. »Ich würde vorschlagen, wir ziehen uns auch zurück und treten so früh wie möglich die Rückreise an.«
»Ich werd nicht schlafen können«, beklagte sich Dan, »mein Magen knurrt viel zu laut. Vielleicht sollten wir doch jetzt schon gehen?«
Ken schüttelte den Kopf. »Wir hatten beschlossen, es nicht zu tun.«
Dan fügte sich der Meinung der anderen. Gemeinsam stiegen sie die Treppe hinauf. Obwohl sie sich bemühten, so leise wie möglich zu sein, kam es ihnen so vor, dass das Gepolter im ganzen Haus zu hören sein musste. Dennoch rührte sich nichts.
Claire und Francine betraten ihr Zimmer, Dan und Ken öffneten die Tür des Nachbarraums. Alles schien unverändert, soweit sie das feststellen konnten.
Dan öffnete das Fenster und schaute in die Nacht hinaus. Leicht hing der Gestank des mittlerweile erloschenen Feuers in der Luft. Nun funkelten zahllose Sterne am dunklen Himmel. Sie verbreiteten zusammen mit der Sichel des Mondes ein schwaches Schimmern. Er gähnte und spürte, wie schwer es ihm fiel, die Augen offen zu halten.
Die Verbindungstür zum Nachbarzimmer öffnete sich und Claire betrat ihr Zimmer. »Sollen wir die Tür besser offen lassen?«, fragte sie und blickte von Ken zu Dan. »Nur für den Fall, dass irgendwas geschieht?«
»Von mir aus lass sie offen«, erklärte Ken. »Aber was soll denn geschehen?«
Claire zuckte mit den Schultern. Sie öffnete den Mund, um etwas zu entgegen, als von draußen ein leiser Schrei hereindrang, schrill und fiepend. Dann folgte ganz in der Nähe ein leises Scheppern.
»Was war das?«, fragte Claire und trat zu Dan, um aus dem Fenster zu blicken. »Hast du etwas erkannt?«
»Nichts«, knurrte Dan.
»Es klang wie ein Tier«, beschwichtigte Ken seine aufgeregte Freundin. Er legte ihr die Hände auf die Schultern. »Ein Tier hat ein anderes überwältigt. Ein Mord, begangen von einer Kreatur an einer anderen. Das kommt in solchen Nächten tausendfach vor.« Er massierte ihre Schultern und die obere Rückenpartei, was Claire mit einem leisen Seufzen quittierte.
»Aber es klang so nah«, sagte sie. »Und dann dieses andere Geräusch im Anschluss. Welches Tier sollte das gewesen sein?«
»Vielleicht ein Eimer, der umgefallen ist«, mutmaßte Dan. »Ich glaube, es spielt keine große Rolle. Es war nichts, das uns beunruhigen sollte.«
»Vielleicht«, sagte Claire und verabschiedete sich von Ken mit einem flüchtigen Kuss. »Trotzdem lass ich die Tür auf. Gute Nacht.«

***

Claire hörte bald leise Schnarchgeräusche aus dem Nachbarzimmer, und ihr eigener Wunsch, die Tür offen zu lassen, ärgerte sie bereits nach kurzer Zeit. Auch Francine schlief. Manchmal murmelte sie im Schlaf, doch Claire verstand nicht, worum es in ihrem Traum ging. Halb lag Francine, halb saß sie auf dem Sofa, den Kopf in einem schrägen Winkel auf die Lehne gebettet. Ihre Lage sah unbequem und schmerzhaft aus; wahrscheinlich würde es ihr morgen nicht gut gehen.
Claire seufzte leise, schloss für eine Weile die Augen und versuchte, in eine bessere Position zu gleiten, was ihr jedoch nicht gelingen wollte. Die Federn der alten Couch quietschten. Sie konnte den Staub riechen, der im Laufe der Jahre auf die Polster gesunken war; es war ein irgendwie tröstlicher Duft, dem ein geheimer Zauber innewohnte. Nun hielt sie ihren Kopf in Richtung des Fensters gewandt. Ein schwacher Lichtschimmer fiel ins Zimmer, der aber kaum dazu taugte, Konturen zu erkennen. Im gesamten Haus war es, von den Geräuschen der Schlafenden abgesehen, so still, als sei es verlassen.
Dieser Gedanke beunruhigte sie etwas und sie hob ihren Kopf ein wenig an und horchte in die Stille hinein. Totenstill, dachte sie und ein Schauer durchfuhr sie.
Bald hielt sie es nicht mehr aus in ihrer unbequemen Position. Mit einem neidischen Blick auf die mit offenem Mund schlafende Francine ging sie zur Tür und trat in den Flur hinaus. Dort lauschte sie einen Augenblick, bevor sie sich im Dunkeln zur Treppe wandte. Sie betrat die Stufen am äußersten Rand. Zwar war das Knarren erträglich, aber in der Stille kam es Claire so vor, als dröhnten die Laute wie Pistolenschüsse durch das ganze Haus. Auf Zehenspitzen ging sie weiter hinab und verharrte hin und wieder, um zu lauschen.
Was sie mit ihrem heimlichen Ausflug bezweckte, vermochte Claire nicht zu sagen. Aber sie fühlte eine innere Unruhe, die es ihr unmöglich machte, die Nacht tatenlos zu verbringen. An Schlaf, so spürte sie, war ohnehin nicht zu denken. Den konnte sie nachholen, sobald sie wieder in ihrem Quartier waren.
Umrissartig sah sie die Eingangstür. Vielleicht täte ihr ein kleiner Spaziergang gut. Die Luft war jetzt sicher klar und kalt, vielleicht konnte sie dort ihren Gedanken Einhalt gebieten.
Sie kam nun an dem Zimmer vorbei, in dem die Familie normalerweise zu sitzen pflegte. Der Raum lag in tiefer Dunkelheit, die lediglich vom Mondlicht ein wenig aufgelockert wurde. Sie erinnerte sich, dass vorhin, nach ihrem Aufenthalt am Brunnen, noch eine Lampe gebrannt hatte. Nun war sie ausgeschaltet, was sie eigenartig fand.
Und doch erkannte sie etwas, das sie ihr eigentliches Ziel vergessen ließ. Ihr stockte der Atem und sie kniff die Augen zusammen, weil sie ihnen nicht traute. Von einer Sekunde zur anderen hatte sich ihr Herzschlag beschleunigt. In ihren Ohren dröhnte die Stille.
»Ich …« begann sie und stockte sogleich wieder. Zögerlich trat sie einen Schritt näher, ihre Sinne waren aufs Äußerste gespannt. In dem dunklen Zimmer saß die Familie am Tisch, reglos und stumm wie steinerne Statuen. Anhand der Silhouetten erkannte sie die einzelnen Mitglieder. Zumindest bei Damian Sanders hatte Claire keinen Zweifel, und da seine Frau am anderen Kopfende des Tisches zu sitzen pflegte, konnte sie auch Greta erkennen. Selbst Max, der zu dieser für ihn späten Stunde eigentlich schlafen sollte, saß auf seinem Stuhl; genau wie die restliche Familie in tiefes Schweigen gehüllt, als hätte ein Fluch sie erstarren lassen.
Ein Schauer rann über Claires Rücken, als sie auf das unheimliche Bild schaute. Was geschah hier?, fragte sie sich. Warum saßen sie dort? Warum schwiegen sie, obwohl sie doch längst Claires Erscheinen bemerkt haben mussten? Oder schliefen sie? Sie hatten schließlich in diesem Haus keine Betten entdeckt. Diese Mutmaßung beruhigte Claire ein wenig und sie wollte so geräuschlos wie möglich den Rückzug antreten, als sie bemerkte, dass Damian Sanders seinen massigen Kopf in ihre Richtung wandte. Zwar konnte sie seine Augen nicht sehen, aber Claire fühlte Sanders' Blick schwer auf ihr ruhen.
»Ich wollte bloß ein wenig frische Luft schnappen«, sagte sie und bemerkte, wie eingeschüchtert sie klang. »Es tut mir leid, wenn ich Sie geweckt habe.«
Sanders antwortete nicht. Es gab noch nicht einmal ein Anzeichen dafür, dass er sie gehört hatte. Er starrte lediglich weiterhin in Claires Richtung. Die anderen Mitglieder der Familie saßen weiterhin wie in Stein gemeißelt auf ihren Stühlen.
Claire verfluchte ihre Entscheidung, dass sie die Heimkehr in ihr Hauptquartier auf den nächsten Morgen verschoben hatten. Ein Marsch in völliger Dunkelheit hin zu ihrem Glider hätte nicht unheimlicher und gefahrvoller sein können, als mit dieser Familie unter einem Dach zu wohnen.
Dann hörte sie ein Schmatzen, gleich darauf ein leises Grollen, wie aus der Kehle eines wütenden Hundes.
Hatte Sanders diese unheimlichen Laute ausgestoßen?, fragte sich Claire, die immer noch wie gebannt auf der Schwelle stand. Sie empfand ein Grauen, das sie zu lähmen drohte.
Wieder dieser Knurrlaut, der unverkennbar eine Drohung war und sämtliche Haare auf Claires Armen richteten sich auf. Nun sah sie, dass auch Greta ihren Kopf wandte. Auch der kleine Junge regte sich, als sei er aus einem tiefen Schlaf erwacht. Noch immer sprach niemand von ihnen. Alles geschah in einer gespenstischen Lautlosigkeit.
Plötzlich vernahm Claire ein leises Schaben, als wäre ein Stuhl zurückgeschoben worden.
»Ist alles in Ordnung mit ihnen?«, wagte Claire zu fragen, obwohl sie viel lieber davongelaufen wäre. Ihre Nerven lagen blank, und doch lag diesem Horror ein faszinierender Zauber inne, dem sie nicht entkommen konnte. Was immer hier nicht stimmte, sie wollte herausfinden, was es war. Ihr Blick irrte von einem Mitglied zum nächsten.
Langsam erhob sich Damian Sanders aus seinem Stuhl, der polternd umfiel. In der Nacht sah er noch bedrohlicher aus, seine Präsenz schien den ganzen Raum auszufüllen. Als sei er aus einer tiefen Trance erwacht, trat er unsicheren Schrittes in Claires Richtung. Für den Bruchteil einer Sekunde glitt wie eine göttliche Segnung ein schwacher Lichtschimmer des Mondes über seine Züge hinweg und Claire stöhnte entsetzt auf. Sanders' Augen waren weit aufgerissen, der Blick war besessen, tot, monströs. Dann tauchte sein Gesicht wieder ins Dunkel hinein, als der große Mann einen weiteren Schritt auf sie zukam. Claire wich zurück, bis sie in ihrem Rücken die Wand spürte.
Nun standen auch die anderen auf. Claire hörte Stuhlbeine über den Holzboden schaben, dann das behäbige Schlurfen ihrer Füße.
Was ist nur mit ihnen geschehen?, fragte sich Claire und lauschte dem Stöhnen und Seufzen, das sie von sich gaben. Aber was immer es war, sie meinten es nicht gut mit ihr. Sie musste flüchten, die anderen warnen.
Sie wandte sich um und rannte durch das Dunkel. Diesmal gab sie sich keine Mühe, besonders leise zu sein. Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und drosch sie hinter sich sogleich wieder zu und verschloss sie. Mit einem überraschten Laut fuhr Francine in die Höhe.
»Was, zum Teufel, ist denn los?«, fragte sie verschlafen und rieb sich die Augen.
»Wir bekommen Ärger«, antwortete Claire knapp, schaltete das grelle Deckenlicht an, das Francine aufstöhnen ließ, und war bereits durch die Zwischentür verschwunden, um Ken und Dan zu wecken. Dan erwachte mit einer Salve würgender Schnarchlaute und blickte Claire mit verschwommenen Blick an. Bevor sie eine Erklärung abgab, schloss sie auch diese Zimmertür ab, obwohl sie bezweifelte, dass dies ein wirksamer Schutz war. Dann schaltete sie auch in diesem Raum das Licht an.
»Hört ihr?«, fragte sie und lauschte genau wie die anderen den schlurfenden Schritten auf der Treppe. »Sie kommen.«
»Wer kommt?«, fragte Ken verständnislos, obwohl die Antwort auf der Hand lag.
»Die Sanders'«, antwortete Claire unwirsch. »Sie sind verändert. Sie saßen unten und …« In knappen Worten erzählte sie ihren Freunden, was sie erlebt hatte.
»Und nun kommen sie«, schloss sie ihren Bericht.
Für einige Sekunden sagte niemand etwas, alle starrten sie an, als traute niemand Claires Worten, dann schüttelte Dan energisch den Kopf. Mit eiligen Schritten ging er zur verschlossenen Tür und legte sein rechtes Ohr an das Holz, um zu lauschen, dann öffnete er sie mit einem entschlossenen Ruck, nachdem er den Schlüssel gedreht hatte.
»Dan, nicht!«, rief Claire.

***

Dan trat in den dunklen Flur hinaus. Plötzlich sahen seine Freunde, wie sich seine Gesichtszüge vor Schreck verzerrten. Evelyn, die lieber Eve genannt werden wollte, platzte förmlich aus dem Dunkel heraus; ein rasender Schemen. Ein Knurrlaut drang aus ihrem geöffneten Mund, ihr Gesicht hatte jeglichen Reiz verloren und war zu einer bleichen Schreckensmaske geronnen. Ihre zu Krallen geformten Hände packten Dan am Hals. Wie eine betrunkene Tänzerin hing die Besessene an Dan und krallte sich an ihm fest, während sie mit heiserem Gebell nach ihm schnappte.
»Verdammt, lass mich los!«, krächzte Dan, aber es gelang ihm nicht, sich von dem tobenden Mädchen zu lösen. Er blickte in ihr bis zur Unkenntlichkeit verzerrtes Gesicht und ihm war klar, dass er mit Worten nichts ausrichten konnte. Aus den Augenwinkeln nahm er Bewegungen wahr, dann tauchten die anderen Familienmitglieder aus dem Dunkel des Flurs auf. Selbst der kleine Junge, sah Dan, war auf schreckliche Art verändert.
Er schlug auf die Frau ein, die aufschrie, aber nicht von ihm losließ. Ihr Kiefer schloss sich mit einem vernehmlichen Laut, als sie nach seiner Hand schnappte. Seine Schläge klatschten ohne Wirkung in ihr Gesicht, von dem er wenige Stunden zuvor noch gedacht hatte, wie schön es sei. Evelyns Augen waren starr auf ihn gerichtet und wirkten wie tot.
Zombieaugen!, fuhr es Dan durch den Sinn. Er schleuderte ihren Kopf gegen die Wand. Krachend dröhnten die Treffer durch das Haus, aber sie ließ ihn nicht los. Von links sah Dan einen Schatten heranfliegen, dann spürte er einen gewaltigen Ruck, durch den er beinah zu Fall gekommen wäre. Nur mit Mühe hielt er sich auf den Beinen. Als er aufblickte, sah er Ken, der mit einem brutalen Sprung gegen Evelyn geprallt war. Ihre Hände rutschten von Dans Uniform ab, diese Gelegenheit nutzte er, um zurück ins Zimmer zu springen. Ken folgte ihm und schlug die Tür ins Schloss. Keine Sekunde zu früh drehte er den Schlüssel um. Schwer atmend lehnte er mit dem Rücken gegen die Tür und schaute seine Freunde an.
»Was ist nur in sie gefahren?« Schläge erschütterten die Tür, dann prallte ein Körper so heftig dagegen, dass die Füllung knirschte.
»Wir müssen raus!«, sagte Francine. »Ein Sprung aus dem Fenster müsste machbar sein. Es sind nur wenige Meter und wir landen auf relativ weichem Boden.«
»Du hast recht«, stimmte Ken ihr zu. »Nehmt eure Helme und dann nichts wie raus hier!« Claire rannte in ihr Zimmer und holte ihren und Francines Helm. Als sie zurück kam, sprang Ken bereits in die Tiefe.
»Okay, jetzt ihr!«, sagte Dan.
»Stets ein Kavalier«, murmelte Francine und bedachte ihn mit einem freudlosen Lächeln, während sie sich über die niedrige Fensterbank schwang und sich fallen ließ.
»Alles klar hier unten«, rief Ken von unten hinauf. »Hier ist alles ruhig. Beeilt euch.«
Just in der Sekunde, in der Claire sprang, flog mit lautem Getöse die Tür auf und Damian Sanders taumelte, umgeben von einer Staubwolke, in das Zimmer. Sein totengleicher Blick erfasste Dan, dem keine Zeit blieb, seinen Freunden in die Tiefe zu folgen. Lediglich seinen Helm warf er hinaus, um die Hände freizuhaben.
»Dan, spring!«, rief Francine von unten, doch diese Aufforderung kam zu spät. Mit einem Grunzen fiel der schwere Mann gegen Dan, der förmlich von den Füßen gerissen wurde. Haarscharf verfehlte sein Hinterkopf die vorstehende Fensterbank. Schwer landete er am Boden; Sanders stürzte direkt neben ihn, sein Kopf prallte mit unverminderter Wucht gegen die Wand, doch der Besessene steckte diesen Schlag mühelos weg.
Eilig kam Dan auf die Füße und verpasste dem Angreifer einen heftigen Tritt gegen den Brustkorb. Damit gewann er einige Sekunden und nutzte die Zeit, sich auf die schmale Fensterbank zu schwingen, auf der er in gebeugter Haltung stehen blieb. Er spürte den unnachgiebigen Griff einer Hand an seinem rechten Fuß. Dan riss sein Bein nach vorn und befreite sich von der Umklammerung; gleichzeitig ließ er sich fallen. Sein Fall dauerte nur einen Augenblick, dann kam der Aufprall, dem sogleich der Schmerz an seinem Fuß folgte, mit dem er umknickte. Sein lauter Schrei erfüllte die Nacht und er lag wie ein monströser Käfer auf dem Rücken und hielt seinen Fuß.
Seine Freunde eilten zu ihm und halfen ihm auf.
Damian Sanders blickte von oben zu ihnen hinüber, dann zog er sich langsam und unelegant durch das geöffnete Fenster.
»Kannst du stehen?«, fragte Francine.
»Weiß nicht.« Vorsichtig belastete Dan seinen rechten Fuß und stöhnte auf. »Glaub nicht!«, presste er durch seine zusammengepressten Lippen hindurch.
»Musst du aber, mein Freund!«, entgegnete Ken mit leisen Worten. »Unsere Gastgeber bequemen sich bald zu uns.« Er blickte zu Sanders hinauf, der mit seinem Oberkörper bereits weit aus dem Fenster lehnte und bald wie ein plumper Sack in die Tiefe stürzen würde.
»Zum Glider schaffen wir es auf keinen Fall«, sagte Claire.
»Der Anbau«, stöhnte Dan und fuchtelte mit einer Hand vage ins Dunkel. »Erinnert ihr euch an den Anbau, den ich mir vorhin angeschaut habe?«
»In dem es bloß zwei leere Räume gibt«, sagte Francine.
»Genau. Vielleicht schaffen wir es bis dahin. Zumindest an einer dieser Türen hing ein Schlüssel.« Dan verzog das Gesicht zu einer schmerzerfüllten Grimasse, als er sein Gewicht verlagerte. Die verdammten Schuhe, die er trug, sollten eigentlich verhindern, dass es zu solchen Verletzungen kam. Wahrscheinlich Made in China, dachte er sarkastisch. »Dort haben wir 'ne Chance.«
»Vielleicht«, fügte Ken hinzu. »Aber besser als nichts. Kommt!« Zu Dan gewandt: »Ich stütze dich. Mach dich nicht so schwer.«
»Mach ich doch gar nicht. Hab schwere Knochen.«
»Waren die Türen stabil?«, fragte Claire, die Dan von der anderen Seite stützte.
Hinter ihnen hörten sie einen schweren Körper zu Boden fallen, wenige Sekunden einen weiteren. Als Francine sich umwandte, sah sie, wie Damians Mutter reglos und schweigend wie eine starre Puppe in die Tiefe stürzte. Langsam aber unbeschadet richtete sie sich auf und blickte den Flüchtenden hinterher, bevor sie sich in Bewegung setzte und ihnen schwerfällig folgte. »Schnell sind sie nicht«, sagte Francine.
»Wir aber auch nicht«, entgegnete Ken.
»Was ist jetzt mit den Türen?«, wiederholte Claire ungeduldig.
»Sie sahen zumindest einigermaßen massiv aus«, antwortete Dan keuchend. »Ob sie einem Ansturm wütender Monster standhalten, weiß ich leider auch nicht.«
»Werden wir ja gleich erfahren«, versetzte Claire lakonisch und fügte leise hinzu: »Ich hoffe nur, dass die Türen auch von innen abzuschließen sind.«
Für einige Sekunden herrschte perplexes Schweigen in der Gruppe.
»Hast du das überprüft?«, erkundigte sich Ken.
»Nein, natürlich nicht«, gab Dan zu.
»Nun, jetzt haben wir keine andere Möglichkeit mehr, als dorthin zu gehen. Hoffen wir, dass wir Glück haben.«
Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück, lediglich Dans schweres Atmen störte die Stille. Gelegentlich drang ein Knurren und Hecheln ihrer unheimlichen Verfolger bis zu ihnen durch; ein Blick zurück sagte ihnen, dass sie sich ins Zeug legten, die Flüchtenden einzuholen, so als wüssten sie, was die Absicht der vier Zeitreisenden war.
Ihr Vorsprung war beinah gänzlich aufgebraucht, als sie endlich das kleine Gebäude erreichten. Das Tor stand immer noch offen, da Dan es nach seinem Verlassen nicht wieder geschlossen hatte.
Tatsächlich sahen sie zu beiden Längsseiten zwei scheinbar massive Türen, die in separate Räume oder Zellen führten. Ken schaltete seine Taschenlampe an. In ihrem Schein sahen sie, dass an beiden Türen Schlüssel steckten.
Ken steuerte auf die Zelle zu seiner Rechten zu und die anderen folgten ihm. Sogleich überprüften sie die Beschaffenheit des Schlosses und atmeten erleichtert auf, als sie sahen, dass die Tür auch von innen abzuschließen war. Ken wartete, bis seine Freunde eingetreten waren, dann zog er den Schlüssel ab und steckte ihn innen ins Schloss. Er nickte zufrieden mit dem Kopf, als er das solide Schnappgeräusch der Mechanik hörte.
Es wurde nicht vollkommen dunkel, als Ken seine Lampe ausschaltete, denn die Kammer, deren Bedeutung ihnen unklar war, besaß ein kleines Fenster, das eher einer Luke ähnelte. Das Licht des Mondes schimmerte hinein.
Bald hörten sie Tritte und Schläge, die die Tür erschütterten.
»Sie sind da«, flüsterte Dan überflüssigerweise. Er war an der Wand zu Boden geglitten, um seinen Fuß zu schonen.
Die Schläge dröhnten laut durch den Raum, der vollkommen leer war. Ken suchte mithilfe seiner kleinen Taschenlampe den Boden, dann die Wände ab, in der Hoffnung, irgendein Anzeichen dafür zu finden, was hier einst untergebracht gewesen war, aber seine Suche blieb erfolglos, und er schaltete seine Lampe wieder aus. War es Claire gewesen, die gemutmaßt hatte, dass es sich um Zellen handeln konnte? Mittlerweile kam ihm dies nicht mehr so abwegig vor.
Die Tür erwies sich als stabil. Das bemerkte nach einiger Zeit auch die auf unerklärliche Weise veränderte Familie der Sanders', denn plötzlich herrschte Stille, als beratschlagten sie draußen. Schließlich vernahmen die Zeitreisenden zögernde Schritte, die sich von der Tür entfernten.
»Was machen sie jetzt?« Claire ging näher an die Tür heran und lauschte. Sie schüttelte den Kopf. »Nichts.«
»Nicht die Tür öffnen«, warnte Ken.
»Natürlich nicht.«
»Wir müssen warten, bis es hell geworden ist«, sagte Francine nachdenklich. Sie blickte zum kleinen Fenster hinüber, als wolle sie die Sonne provozieren, schneller aufzugehen. Dann wandte sie sich zu den anderen um. »Ich bin sicher …«
Plötzlich klirrte Glas und feine Splitter des zerborstenen Fensters flogen in den Raum. Francine schrie auf und schützte ihr Gesicht.
Obschon es dunkel war in dem Raum, wurde es in der nächsten Sekunde noch finsterer, als sich jemand vor die kleine Fensteröffnung schob. Damian Sanders kniete draußen am Boden und schaute herein. Dann fuhr mit überraschender Geschwindigkeit sein Arm durch die Öffnung und seine Hand packte Francine am Haar.
»Verdammt!«, schrie Dan, der trotz der Dunkelheit erahnte, was geschehen war. Erneut hörten er und die anderen Francine aufschreien. Mühsam und mit schmerzverzerrtem Gesicht kam er auf die Beine. Ken schaltete seine griffbereite Lampe ein.
Francine stemmte sich gegen den Griff des Unholds, doch gegen dessen Kraft konnte sie nichts ausrichten. Sie hatte das Gefühl, dass sich bald ihre Kopfhaut lösen würde. Sie packte mit beiden Händen die Finger des Mannes und versuchte, sie zu lösen, doch es gelang ihr nicht. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie stand nun unmittelbar vor der Fensterluke, die von der Fratze des Mannes gefüllt wurde. Die Öffnung ließ ihm nicht genügend Platz, seinen Kopf gänzlich in den Raum zu stecken, sodass sein zuschnappendes Gebiss einige Zentimeter von Francines Gesicht entfernt war, was er mit einem wütenden Ruf quittierte.
»Lassen Sie sie los!«, hörte Francine direkt neben sich Kens Stimme. Sie sah den Lauf seiner Waffe, die auf Sanders gerichtet war. »Lassen Sie sie augenblicklich los!«
Einige Sekunden vergingen. Francines hektischer Blick wanderte mehrmals von Kens Waffe hin zu dem verzerrtem Gesicht ihres Schänders, dem nichts Menschliches mehr anhaftete. Es war so bleich und starr wie das eines Toten, lediglich sein Mund, der eher einem Maul glich, war in reger Bewegung. Selbst durch ihr Haar hindurch spürte sie auf ihrer schmerzenden Kopfhaut die Kälte seiner Hand.
Was immer sie verändert hatte, es hatte ihnen ein wenig menschliche Intelligenz gelassen, denn ganz plötzlich schwand die Umklammerung und Francine sackte stöhnend zu Boden, während Ken seine Waffe auf den Nachthimmel gerichtet hielt. Argwöhnisch trat er einige Schritte zurück, steckte seine Pistole in das Halfter und wandte sich genau wie Claire zu Francine, die ihren Kopf hielt.
»Alles in Ordnung?«, fragte er.
Francine nickte, doch Claires Worte machte diese Geste zunichte: »Sie blutet. Der Mistkerl hätte sie beinah skalpiert.«
»Es ist schon okay«, entgegnete Francine, wenngleich ihre stockende Stimme das Gegenteil bewies. »Nur eine kleine Wunde. Ansonsten ist doch alles noch an seinem Platz: Haare, Kopfhaut, Hirn.«
Dans Lachen zerplatzte in dem bedrückenden Raum wie eine überreife Frucht. »Du hättest dir beinah deinen nächsten Friseurtermin sparen können«, rief er und kam näher. Dabei warf er einen prüfenden Blick nach draußen. Seine Augen weiteten sich. »Was machen die denn da?« Er wechselte die Perspektive, um eine bessere Sicht zu bekommen. »Mein Gott.«

»Was hast du denn?« Claire erhob sich aus ihrer hockenden Position und trat zu Dan, der stumm nach draußen deutete. Claire schlug die Hände vors Gesicht und trotz des fahlen Lichts der Taschenlampe sahen alle, wie ihr Gesicht sämtliche Farbe verlor.
Das Bild, das sie beide sahen, grub sich ihnen tief ins Gedächtnis. Judith blickte sie von draußen mit blutverschmiertem Gesicht an, ihr Mund machte unentwegt Kaubewegungen. Sie schmatzte und würgte und knurrte. Neben ihr stand Greta Sanders und hielt ihren rechten Arm erhoben, und in ihrer Hand zappelte etwas Kleines, Weißes. Eines jener Kaninchen aus dem Verschlag, erkannte Dan und er stöhnte auf, als er nun die logischen Schlüsse zog. Nun passte alles zusammen, aber dass er die Wahrheit nun kannte, machte nichts erträglicher. Ganz im Gegenteil, er fühlte sich hilflos angesichts der Erkenntnisse. Und doch konnte er nicht wegschauen. Der Schrecken hielt ihn gebannt.
Das Schreien des Tieres, das sein Ende nahen fühlte, klang schrill in ihren Ohren. Erbarmungslos biss die Frau in die Bauchdecke und der Schrei wurde noch schriller. Blut spritzte in einer hohen Fontäne aus der tödlichen Wunde. Das Tier zuckte im Todeskampf. Auch Greta schmatzte und knurrte wie ein verhungernder Hund. Sie und Judith bildeten ein schreckliches Duo; mit ihren Zähnen zerbissen sie ohne Unterlass Fleisch und Därme, bevor sie ihr grausiges Mahl hinunterwürgten. Mechanisch fraß Greta sich tiefer in den Leib des toten Kaninchens hinein. Etwas Triefendes hing zuckend aus ihrem Maul heraus, das sie schließlich keuchend und hustend verschlang. Sie sog die Gedärme in ihren Schlund wie ein freches Kind dies mit Spaghetti tat.
»Schrecklich«, sagte Claire leise mit zitternder Stimme. Sie ergriff Dans Hand und drückte sie, ohne dass ihr dies bewusst war. Sie hörte immer noch den Todesschrei des Tieres und sie wusste, dass sie ihn noch lange hören würde. Ihr war eiskalt und dennoch standen ihr Schweißperlen auf der Stirn.
»Sie verändern sich«, entgegnete Francine, die zu ihnen getreten war. »Nachts verändern sie sich. Sie werden zu Monstern und suhlen sich im Blut.« Sie blickte Ken an. »Der Junge war nicht verrückt.«
»Vincent«, sagte Ken.
Francine nickte. »Er war nicht verrückt. Er hat gesagt, dass sie ihre Opfer essen. Und das war auch der Grund, weswegen Claire und ich entführt und eingesperrt wurden. Sie wollten …«
»Vorsicht!«, brüllte Dan. Er zog Claire, die neben ihm stand, zur Seite.
Wieder wurde es für einen Moment finsterer als zuvor, doch diesmal lag es nicht an Damian Sanders, sondern an seinem Sohn. Der Junge passte im Gegensatz zu seinem Vater durch die kleine Fensteröffnung. Geschmeidig glitt er zu Boden und stieß ein Keuchen aus, in dem Francine die Ähnlichkeit mit einem Lachen erahnte. Mit erstarrtem Totenblick blickte er auf die Zeitreisenden.

***

Das mutierte Kind sprang Francine an, die ihm am nächsten stand; vielleicht lag es auch daran, weil er das Blut roch. Seine Augen waren weit aufgerissen wie die eines irren Hypnotiseurs. Francine wich zurück, doch nicht schnell und weit genug, denn Max hing plötzlich wie eine Klette an ihr. In seinen dünnen Armen steckte mehr Kraft, als sie es bei einem Kind für möglich gehalten hätte, aber ihr war klar, dass Max lediglich wie ein Kind aussah, aber keines mehr war. Sie stemmte beide Hände gegen den Hals des Angreifers, der nach ihren Händen schnappte wie ein Köter, und drückte ihn zurück. Sie musste all ihre Kraft aufbieten, um Max auf Distanz zu halten. Sein kleiner Körper fühlte sich so fragil an, als würde er unter ihrem Griff zu Staub zerfallen. Dennoch spürte sie die unfassbare Kraft, die in dem Kind steckte. Obwohl sie all ihre Kraft aufbot, schob sich das monströse Ding in kleinen Schritten näher an sie heran. Sein Mund stand offen, Speichel troff wie Geifer hinaus, der sich auf ihren Händen warm und fest wie Gelee anfühlte, seine Augen standen hervor wie mit roten Adern durchzogene Murmeln.
Francine hörte Stimmen, aber sie achtete nicht auf die Worte. Jedes Jota an Konzentration, das sie aufbringen konnte, investierte sie in ihre vor Anstrengung zitternden Armmuskeln. Und dennoch gelang es der Bestie, die sich wie ein Geschwür an sie klammerte, die Distanz zu verringern.
Ken trat in ihr Blickfeld, sein Blick war finster und entschlossen, als er den Jungen brutal zurückriss. Vor Schmerz schrie Francine auf, denn die Finger des Kindes gruben sich wie Stahlklammern in ihren Körper. Ohne ihren Schutzanzug hätte sie erhebliche Verletzungen davongetragen. Doch dann ließ Max los und konzentrierte sich auf den Angreifer, der ihn hinterrücks hielt, und schnappte nach seinen Armen. Ken achtete jedoch darauf, dass die gebleckten Zähne ihm nicht zu nahe kamen, was schwerer war als befürchtet, denn der Junge legte eine nicht erlahmende Begeisterung an den Tag. Er schien nicht zu ermüden, im Gegenteil; mit jeder Sekunde wuchs sein Eifer, sich aus dem Griff zu befreien. Dann trat er plötzlich mit seinen strampelnden Beinen nach hinten aus und traf Ken mehrmals empfindlich an den Schienbeinen, was der mit lauten Flüchen kommentierte. Für einen Moment war er so unkonzentriert, dass Max sich losreißen konnte. Von seinem eigenen Schwung nach vorn getrieben taumelte er auf Dan zu, der ihm ohne zu überlegen eine Ohrfeige verpassen wollte, doch der Junge durchschaute seine Absicht und duckte sich im letzten Augenblick. Im Fallen klammerte er sich an Dans rechtem Bein fest und wollte seine Zähne in dessen Fleisch bohren.
Nur dank Dans schneller Reaktion gelang es Max nicht. Er bückte sich und drückte den Kopf des Jungen zur Seite, dessen Zähne für alle laut vernehmlich aufeinander hieben.
»Verdammter Bastard!«, knurrte Dan. Mit einem brutalen Tritt in die Magengrube entledigte Dan sich des kleinen Monsters, das über den rauen Boden schlitterte und nahe der gegenüberliegenden Wand zur Ruhe kam. Als wäre nichts geschehen kam Max wieder auf die Beine; lediglich sein Gesicht wies Spuren von Verletzungen auf.
»Jetzt hab ich aber genug!«, rief Dan und zückte seine Pistole. Er richtete sie auf den Jungen, der furchtlos in die Mündung blickte, als wüsste er, dass ihm nichts geschehen würde. »Fahr zur Hölle!«
»Dan«, fuhr Francine auf, bevor er den Abzug betätigen konnte. »Schieß nicht!«
Einigermaßen verwirrt blickte Dan sie an, hielt aber seine Waffe auf den Jungen gerichtet. »Nenn mir einen vernünftigen Grund, warum ich das Biest nicht abknallen sollte. Wie du siehst, ist er nur noch äußerlich der nette Junge. Jetzt ist er verdammter Zombie, und ich hab keine Lust, auf seinem Speiseplan zu stehen. Du vielleicht?«
»Er hat recht, Francine«, pflichtete Ken ihm bei. »Wir müssen uns das Biest vom Leibe schaffen.«
»Aber versteht doch. Sie sind nur nachts so. Bei Tageslicht ist alles wieder so wie vorher, dann wird er wieder zum kleinen Jungen, den alle gern haben, darauf wette ich.«
»Ja, und? Du magst recht haben, aber damit ist unser Problem, das wir jetzt haben, nicht gelöst, oder? Wir können ihn schlecht wieder durch die Fensteröffnung zu seiner zuvorkommenden Familie schieben und hoffen, dass sie uns dann vor lauter Dankbarkeit in Ruhe lassen. Bitte, Francine, sei nicht so naiv.«
Max rannte mit eingezogenem Kopf auf Dan los, der seine Waffe wieder in Position brachte, aber mitten im Lauf wurde der Junge von Ken gestoppt, der ihm die Arme auf den Rücken drehte, bis seine Schultergelenke knirschten. »Hiergeblieben, kleiner Mann«, murmelte Ken, der diesmal darauf achtete, keinen Tritt verpasst zu bekommen. Hilflos strampelte der Junge in der Luft und stieß Geräusche aus, die einem Seufzen ähnelten. Ken forderte Francine auf, mit ihren Überlegungen fortzufahren. Auch ihm widerstrebte es, diese Kreatur umbringen zu müssen und er glaubte zu wissen, was Francine ihnen erzählen wollte.
»Wenn es uns gelingt, ihn für den Rest der Nacht unter Kontrolle zu halten, dann kann er uns bei Tagesanbruch als Pfand dienen. Niemand von seiner Familie wird etwas unternehmen, das ihm schaden würde. Er wird auf dem Weg zu unserem Glider unsere Geisel sein. Auf halbem Weg dorthin lassen wir ihn frei und er kann zurück, wenn wir das Gefühl haben, dass nichts mehr passieren kann. Ihn jetzt zu töten, würde alles viel komplizierter machen. In diesem Fall wären wir die Bestien und hätten, in ihren Augen, das Schlimmste verdient.« Sie blickte ihre Freunde der Reihe nach an. »Und sie hätten recht damit, glaube ich. Das ist ihre Welt und sie ist anders als unsere. Ihr Schicksal ist es, dass sie nachts zu dem werden, was einem Zombie ähnelt. Dann jagen sie und fressen die Kaninchen und alles, was anders ist als sie. Das ist furchtbar, aber hier in dieser Welt keine Sünde.« Francine deutete auf Max, der seinen Mund aufriss, nach ihr schnappte und sich wie rasend benahm, als er begriff, dass sie unerreichbar für ihn war. Es gab für ihn diesmal kein Entkommen aus Kens stahlhartem Griff.
Die Zeitreisenden tauschten einen Blick und durchdachten Francines Worte. Schließlich nickte Claire und meinte: »Wenn wir es so machen, haben wir vermutlich die besten Möglichkeiten, ohne großen Ärger von hier zu verschwinden.«
»Ich sehe das auch so«, stimmte Ken ihr bei und bedachte den Jungen in seinem Griff mit einem freundlosen Grinsen. »Der kleine Racker hat sich 'ne Chance verdient. Was meinst du, Dan?«
Dan steckte seine Waffe weg. Er nickte Francine zu. »Gut kombiniert. Vermutlich wirst du das aber bald bereuen.«
Francine schaute ihn fragend an. »Wie meinst du das?«
»Weil du die Ehre hast, den liebreizenden Max in den Schlaf zu singen.«
Ihr Lachen wurde vom unheilvollen Knurren begleitet, das der Junge ausstieß, während er hilflos in Kens Griff hing.

***

Die Nacht schien aus reiner Boshaftigkeit länger zu dauern als gewöhnlich. Hin und wieder spendierten sie einander Licht aus ihren Lampen, während sie sehnsuchtsvoll aus der leeren Fensteröffnung starrten und darauf hofften, im Osten die erste vage Helligkeit zu erkennen.
Max wurde abwechselnd von Ken und Dan in Gewahrsam genommen; der veränderte Junge verhielt sich merkwürdig passiv, als ahnte er, dass er keine Chance hatte, etwas gegen sie auszurichten. Insgeheim aber vermutete Ken, dass es mit dem bevorstehenden Sonnenaufgang zu tun hatte. Ihm kam es so vor, als würde Max mit jeder Minute lethargischer werden. Er betrachtete ihn, während er nach und nach seine Umklammerung löste, bis er den Jungen schließlich vollends freigab.
Die anderen beobachten ihn aufmerksam. Max benötigte einige Sekunden, um zu begreifen, dass seine Gefangenschaft augenscheinlich beendet war. Er schüttelte sich wie ein müder Hund und blickte Ken aus seinen Totenaugen an. Ein leises Knurren drang aus seinem Mund, aber er griff nicht an. Stattdessen wandte er sich um und kroch in eine Ecke der Kammer, wo er sich hinsetzte und seine angewinkelten Beine mit den Armen umschloss. Den Kopf lehnte er gegen die Wand. Sein Mund stand halb offen.
»Scheint ja nun friedlich zu sein«, sagte Claire in gedämpften Ton. »Deine Theorie bewahrheitet sich offenbar, Francine.«
»Eines geht mir nicht aus dem Kopf«, ließ sich da Dan vernehmen. Er blickte nachdenklich zu der Fensteröffnung hinaus. »Es scheint ja offenbar Menschen hier zu geben, die anders sind als sie.« Damit deutete er auf den Jungen. »Sie gelten dann offenbar als Freiwild. So wie wir und der Junge.« Er dachte eine Weile nach. »Vincent.«
Ken nickte. Er hatte in der Nacht einige Male an ihn gedacht. Sie hätten seine Flucht verhindern müssen. Allein in dieser Welt hatte er so gut wie keine Chance.
»Ich frage mich«, fuhr Dan mit seinem Monolog fort, »wo kam er her? Und er scheint kein Einzelfall zu sein.«
»Wie kommst du darauf?«, erkundigte sich Francine. »Außer ihm haben wir niemanden entdeckt, der so ist wie er und wir.«
»Das Verhalten der Sanders' deutet darauf hin. Wenn Fremde so außergewöhnlich hier in dieser Welt wären, wäre ihre Reaktion doch sicher ganz anders ausgefallen, meint ihr nicht? Sie haben unser Auftauchen aber als so alltäglich abgetan, dass ich glaube, wir waren alles andere als eine Sensation.«
Die Zeitreisenden dachten über diese These nach und kamen zu dem Schluss, dass etwas Wahres dran sein mochte. »Aber wo all diese Fremden herkommen und wie es ihnen gelang, werden wir wohl nie herausfinden«, schätzte Claire.
»Und auch nicht, was ihnen hier widerfahren ist«, fügte Ken hinzu. »Ob sie fliehen konnten. Oder wurden sie …?« Den Rest ließ er offen, aber auch so wusste jeder von ihnen, was er meinte.
»Genauso wenig wissen wir über den Verbleib der Männer, die mit dem Glider hier gelandet sind, dessen Trümmer wir suchen sollten und die wohl, wie es scheint, in der Grube verbrannt wurden. Ob sie überlebt haben?«, fragte Dan. »Und wenn ja, leben sie noch irgendwo?«
»Diesen Fragen müssen wir nachgehen, sobald alle Auswertungen gemacht wurden«, erklärte Francine und wärmte ihre kalten Hände mit ihrem Atem. Ihrem Blick nach zu urteilen, glaubte sie nicht, dass die Männer, die als verschollen galten, noch lebten, aber sie äußerte sich nicht dazu.
»Die Sonne geht auf!«, rief Claire, stand auf und verzog das Gesicht, als sie spürte, wie steif ihre Glieder geworden waren.
Sie hatten nicht bemerkt, dass es in den letzten Minuten stetig heller geworden war und der Himmel im Osten nun in einem Farbspektakel aufflammte. Bald sahen sie die ersten zaghaften Strahlen den kargen Raum erhellen.
»Endlich!«, jubelte Dan und riss einen Arm empor. »Ich dachte schon, diesen Moment würde ich nie wieder erleben.«
»Schaut euch mal Max an«, sagte Ken und ging näher an den Jungen heran. Er rührte sich nicht und blickte mit glasigen Augen ins Nichts. »Er schläft mit offenen Augen.« Er stupste ihn vorsichtig mit einem Fuß an. Als er das mehrmals tat, fuhr ein Schauer in den zusammen gesunkenen Körper des Kindes, das mit einem überraschten Laut in die Höhe fuhr. Mit vor Angst geweiteten Augen blickte Max um sich. »Was mach ich hier?«, nuschelte er. »Wo ist meine Mutter?« Nun kam Leben in seine Stimme und damit Panik. »Was habt ihr gemacht?«
»Nun beruhige dich doch«, sagte Claire und trat einen Schritt näher an ihn heran, doch dabei ließ sie Vorsicht walten, denn so ganz vertraute sie dieser neuen Situation nicht. »Du bist in Sicherheit und deiner Mutter ist auch nichts geschehen.« Die Wandlung des Jungen war unbeschreiblich und Claire hatte Mühe, Max als ein Kind anzusehen, das sich ängstlich nach seinen Eltern umsah. Das Monster, das in ihm steckte, war offensichtlich verschwunden, aber nicht vergessen.
»Es ist alles in Ordnung«, hörte sie sich sagen. »Wir haben die Nacht hier drinnen verbracht. Erinnerst du dich?«
Max schaute sie an, Tränen standen in seinen Augen, aber es war ihm anzusehen, dass er sich redlich Mühe gab, vor den Fremden nicht die Fassung zu verlieren; wahrscheinlich eine Disziplin, dachte Claire, die er sich mit seinem Vater teilte. Dann nickte er und schüttelte gleich darauf trotzig den Kopf.
»Ist schon in Ordnung«, sagte sie und schenkte ihm ein Lächeln, das ihr nicht leicht fiel. »Wir warten noch eine Weile, dann gehen wir.«
»Nach Hause?«, fragte Max hoffnungsvoll.
»Nach Hause.«

***

Als auch die letzten Nachtschatten der so erbarmungslos wie am Vortag scheinenden Sonne gewichen waren, hörten sie Stimmen, die näher kamen.
»Sie kommen«, sagte Dan überflüssigerweise. Er stand auf und reckte sich. Prüfend belastete er seinen Fuß und verzog leicht das Gesicht, als er den Schmerz verspürte, der jedoch lange nicht mehr so schlimm war wie unmittelbar nach dem Sturz. Er nickte den anderen zu und signalisierte ihnen, dass er den Weg zum Glider schaffen würde.
»Dad?«, sagte Max, bevor er zur Fensteröffnung rannte und schließlich lauthals nach seinen Eltern rief. Innerhalb weniger Augenblicke stand die Familie draußen vor dem Gebäude und blicke ins Innere.
»Max«, sagte Damian und blickte ihn so finster an, als sei er ein Ausreißer. »Geht es dir gut? Was haben sie mit dir gemacht?«
»Mir geht es gut. Sie haben nichts gemacht.«
»Hören Sie auf Ihren Sohn«, sagte Ken in geschäftsmäßigem Ton. »Ihm ist nichts geschehen und wir haben auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Wir haben uns hier verbarrikadiert, um ein Blutvergießen zu vermeiden, das wissen Sie genau. Es wird keine Konsequenzen geben. Das Einzige, das wir wollen, ist von hier zu verschwinden.«
»In Ordnung«, sagte Sanders und blickte Ken aus seinen schwarzen Augen an. »Sie haben mein Wort.«
»Das genügt uns nicht«, entgegnete Ken scharf. »Letzte Nacht hätten Sie keine Hemmungen gehabt, uns den Garaus zu machen, woher sollen wir also wissen, dass Sie nun wieder vernünftig sind? Wer sagt uns, dass sie uns nicht für die kommende Nacht als Vorrat betrachten? Das Risiko ist uns zu groß. Und daher …«
»Ja?«
»Mein Gott«, sagte da seine Frau und schlug eine Hand vor den Mund. »Sie wollen unseren Kleinen als Geisel.«
»So ist es«, mischte sich Dan ein.
»Ihr Schufte!«, schimpfte Judith, die ihren Sohn beiseite schob und ins Fenster spie, aber niemanden traf. Die Augen in dem runzligen Gesicht funkelten sie wütend an. »Vergeht euch an harmlosen Kindern!«
»Wir vergehen uns an niemandem«, sagte Ken mit erhobener Stimme. »Wir nehmen Max lediglich als Geisel mit. Wenn wir sicher sein können, dass Sie uns nicht folgen, lassen wir ihn frei und er kann zu Ihnen zurückkehren. Damit ist jedem geholfen.«
»Das lassen wir nicht zu!«, rief der Mann von draußen in drohendem Unterton.
»Sie missverstehen die Lage, Mr. Sanders!«, sagte Ken. »Das war keine Bitte, sondern eine Forderung. Ihr Sohn wird uns begleiten.«
»Nein, niemals!«
»Schluss jetzt!«, rief Dan unwirsch dazwischen. Das ganze Gerede führte zu nichts. Nicht nur seines Fußes wegen fühlte er sich mies, hinzu kamen Müdigkeit und Hunger und das dringende Bedürfnis nach einer ausgiebigen Dusche. Zumindest Ken und er rochen von ihrem Bad in den Kaninchenkadavern immer noch schrecklich, wenngleich ihr Geruchssinn sich ein wenig daran gewöhnt haben mochte. »Es wird so gemacht, wie wir es gesagt haben. Wenn Sie damit ein Problem haben, sollten Sie sich nun von Ihrem Sohn verabschieden.« Er zückte seine Waffe und hielt sie Max an die Schläfe. Seine Freunde wussten, dass dies ein Bluff war und Dan niemals abdrücken würde, aber die Leute, die durch die Luke blickten und nun erschrocken zurückwichen, hielten die Bedrohung für real.
»Bitte nicht«, rief Greta Sanders. »Bitte schießen Sie nicht.«
»Liegt ganz an Ihnen. Sind Sie vernünftig, sind wir es auch. Glauben Sie mir, es würde mir schwerfallen, Ihren Sohn zu erschießen. Er hat uns schließlich zum Fressen gern.«
»Es ist in Ordnung«, sagte Max' Mutter schließlich leise und kümmerte sich nicht darum, dass ihr Mann ganz anderer Meinung war. »Max wird Sie begleiten.«
»Gut«, sagte Dan erleichtert und nahm seine Waffe von Max' Schläfe. Der Junge neben ihm wirkte blass und verschüchtert.
»Unter einer Bedingung«, fuhr Greta fort.
»Und die wäre?«
»Nicht nur Max kommt mit, sondern auch ich.«
Ken runzelte die Stirn. »Sie melden sich freiwillig als Geisel? Warum das? Was bezwecken Sie?«
»In dieser Gegend passieren manchmal Unfälle. Es ist eine unsichere Gegend. Ich will sichergehen, dass ihm nichts geschieht. Mir wird man nichts tun, da bin ich sicher, aber für ihn allein ist es gefährlich. Daher möchte ich ihn begleiten. Das sehen Sie doch sicher ein.«
»Ich kann schon gut auf mich selber aufpassen«, wagte Max zu protestieren, dem es sichtlich unangenehm war, dass man ihm nichts zutraute.
Greta heftete einen strengen Blick auf ihren Jungen, sagte jedoch nichts.
Die vier Zeitreisenden beratschlagten kurz. Niemand brachte Einwendungen vor, da sie nicht annahmen, dass Greta das Leben ihres Sohns oder ihr eigenes aufs Spiel setzen würde. Sie stimmten zu.
»In Ordnung, dann kommen wir jetzt raus«, sagte Ken. Und zu Max gewandt sagte er: »Du hast gehört, wie der Plan ist, nicht wahr? Du wirst uns keine Schwierigkeiten machen?«
»Nein, bestimmt nicht«, sagte Max.
»Das ist gut, ansonsten müssten wir dich nämlich erschießen«, sagte Dan mit drohender Stimme.
Max zuckte wie unter einem Schlag zusammen.
»Dan!«, rügte ihn Claire. »Musste das sein? Mach ihm doch nicht noch mehr Angst.«
»Dass ich heute Nacht Todesängste ausstehen musste, zählte wohl nicht, oder?«, verteidigte sich Dan. Aber dabei lag ein breites Grinsen auf seinem Gesicht. Die Aussicht, bald wieder im Hauptquartier zu sein, erleichterte ihn ungemein.

***

Obwohl es noch früh am Morgen war, war die Temperatur bereits so hoch, dass sie binnen Minuten in Schweiß gebadet waren. Schweigend wie ein verlorener Treck marschierten sie über das öde Land, das sich vor ihnen ausbreitete und kein Ende und keinen Anfang zu haben schien. Es musste schrecklich sein, hier zu leben, dachte Claire, die zusammen mit Ken an der Spitze ging. Hier war ein Tag wie der andere; Endlosschleifen voller sinnloser Tage. Sie erschauerte trotz der Hitze.
Ken bemerkte das und blickte sie an. »Alles in Ordnung?«
Sie nickte. »Diese Gegend hier ist so schrecklich. Alles wirkt tot und kalt.«
Er lachte leise und blickte zur Sonne hinauf. »Kalt nun nicht gerade.«
»Du weißt, was ich meine.«
»Sicher.« Er legte einen Arm um ihre Schulter und Claire schmiegte sich im Gehen ein wenig an den Japaner. »Leben könnte ich in so einer Gegend nicht. Obwohl man dies nicht wissen kann. Vielleicht gewöhnt man sich daran.«
»Niemals.«
»Man gewöhnt sich an alles«, sagte Ken und es wirkte nicht so, als meine er dies sarkastisch.
Hinter sich hörte Claire die Schritte von Max und seiner Mutter. Im Grunde machten sie einen ganz zufriedenen Eindruck. Sie lebten zusammen wie eine normale Familie, zumindest erweckten sie diesen Anschein. Mehrere Generationen wohnten unter einem Dach; damit schlugen sie die meisten US-Amerikaner, die Claire kannte, um Längen. Man gewöhnt sich an alles. Claire kaute auf dieser Äußerung herum und musste widerwillig eingestehen, dass an dieser Formel vielleicht doch etwas Wahres war. Sie fühlte den Impuls, zu Greta zu gehen und sie zu fragen, was sie hier hielt, doch sie entschied sich dagegen. Sie empfand nicht mehr den Wunsch, mit der Frau in ein persönliches Gespräch verwickelt zu werden. Nicht nachdem, was in der Nacht geschehen war. Zwar hegte sie keinen Groll gegen die Familie,aber Claire konnte nicht so tun, als sei nichts geschehen. Auch ihre Freunde schienen so zu denken, denn niemand sagte etwas und auch Greta Sanders und ihr Sohn gingen in tiefes Schweigen gehüllt nebeneinander her. Plagte die Frau etwa ein schlechtes Gewissen? Wahrscheinlich nicht, dachte Claire, denn aus ihrer Sicht hatten sie kein Verbrechen begangen. Menschen wie die Zeitreisenden galten offenbar in dieser Welt als Freiwild, das erlegt werden durfte.
So gesehen war diese Mission mehr als glimpflich abgelaufen. Sie hatten alle überlebt, wenngleich nicht ohne Blessuren. Der Kampf mit dem Hund hatte sowohl bei ihr als auch bei Ken Spuren hinterlassen, genauso hatte auch Francine gelitten, als Sanders sie brutal an den Haaren gepackt hatte. Und Dan humpelte mit verbissenem Gesicht am Ende des kleinen Trosses, wenngleich er mehrmals beteuert hatte, dass mit seinem Fuß nichts Ernsthaftes sei, was Claire jedoch mittlerweile bezweifelte.
Darüber hinaus verspürten sie alle großen Durst und Hunger. Vor sich sahen sie den Wald, an dessen Rand sie vorbeiziehen wollten, um ein wenig Schatten zu genießen. Sobald sie ihn passiert hatten, wollten sie ihre Geiseln zurückkehren lassen und den Rest des Weges alleine bewältigen.
Dan konnte es kaum erwarten, endlich im Glider zu sitzen, und wünschte sich, dass Ken und Claire an der Spitze ein wenig an Tempo zulegen würden. Er wischte sich permanent den Schweiß von der Stirn und verfluchte sich nun, dass er so verschwenderisch mit seinem Wasservorrat umgegangen war. Sein Gaumen fühlte sich an wie altes Leder, doch er wollte die anderen nicht um Wasser bitten, weil er davon ausging, dass sie selber nicht mehr viel hatten. Sie hätten ihre Vorräte am Brunnen auffüllen sollen, dachte er zornig, aber wer hätte denn wissen können, dass die Sonne bereits so früh am Morgen eine derart starke Wirkung hatte?
Beinah genauso groß wie sein Durst war Dans Bedürfnis nach einer Dusche. Wie wunderbar wäre es, mal kaltes, mal warmes Wasser über sich hinwegströmen zu lassen. Im Gehen schaute er an sich herunter und sah den Zustand seiner Uniform, die besudelt war mit den Resten zerquetschter Fliegen, Maden und Blut. Mit Schaudern dachte er an den Sturz in die Grube zurück und an die Tiere, die dort lagen und nun verbrannt waren. Er fragte sich, ob auch sie in einer ähnlichen Grube gelandet wären, wenn sie den Sanders' in die Hände gefallen wären. Der Atem ging ihm schneller, als er darüber nachdachte.
Er schaute auf Greta Sanders, die wenige Meter vor ihm ging. Unvorstellbar, dass eine solch herzliche Person sich in eine derart blutrünstige und gnadenlose Bestie verwandeln konnte. Wie war das nur möglich? Erklärbar war das nur damit, dass sie sich hier in einer vollkommen fremden Welt befanden, in der andere Gesetze herrschten. Dass vieles dabei doch so ähnlich wirkte wie in ihrer eigenen Welt, machte es im Grunde nur noch schlimmer und unerklärlicher.
Dass ihre Mission ohne Erfolg geblieben war, ärgerte ihn. Das Feuer in der Grube hatte sicherlich alle Spuren, die vielleicht dort zu finden gewesen wären, gründlich vernichtet, aber auch selbst wenn nicht, er verspürte genauso wenig wie die anderen Lust, nach Resten des abgestürzten Gliders zu suchen.
Sie erreichten endlich den Wald und waren erleichtert, dass sie für eine Weile im Schatten gehen konnten. Ken und Claire gingen nebeneinander, Hand in Hand; ein Bild, das immer noch schmerzlich für Dan war.
Plötzlich hörte Dan ein Rascheln im Wald. Sein erster Gedanke war, dass es sich um Tiere handeln mochte, die sie aufgescheucht hatten, doch dann vernahm er Stimmen und er kam sich wie in einem Albtraum vor, als drei Männer aus ihrer Deckung traten, die er nur zu gut kannte. Sie hielten ihre Gewehre im Anschlag und schossen auf die Gruppe.
Dan warf sich in einem Reflex zu Boden, suchte Deckung und hörte Claire schmerzerfüllt aufschreien.

***

Dan nestelte noch am Halfter, um seine Pistole herauszureißen, da hörte er bereits Schüsse, die von Ken abgefeuert wurden. Wie, um Himmels willen, war seinem Freund dies nur so schnell gelungen?, überlegte Dan. Der in der Mitte stehende Mann, den Dan als Claires und Francines Entführer identifizierte, brach zusammen wie vom Blitz getroffen; auch der Kerl links neben ihm stürzte zu Boden. Ein Schrei drang über seine Lippen, das in ein Röcheln überging. In dem letzten Gegner erkannte Dan den Kerl, den er in dem Haus bewusstlos geschlagen hatte. Dan hielt seine Waffe auf ihn gerichtet, während er sich langsam aufrichtete. Langsam wallte Frustration in ihm auf, dass es ihm nicht möglich gewesen war, aktiv in diese Auseinandersetzung einzugreifen. Kens Reaktionsvermögen war dem seinen bei Weitem überlegen.
»Schmeiß dein Gewehr weg!«, befahl er mit einem schneidenden Tonfall und kam langsam näher. Ihm fiel der Name des Mannes ein. »Mach keine Dummheiten, Phil, sonst ist es um dich geschehen.«
»Woher kennen Sie meinen Namen?«, fragte der Mann, während er sein Gewehr fortwarf und eilig die Arme hochriss. Ungläubig schaute er auf seine am Boden liegenden Begleiter.
»Wir sind uns bereits begegnet. In eurem Haus, erinnerst du dich nicht? Ich hab dich niedergeschlagen. Hast ordentlich was abbekommen.« Dan deutete auf die Wunde im Gesicht des Kerls, die noch kaum verheilt war und ihn noch einige Zeit zieren würde.
Phil sagte nichts, aber er verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, die besagte, dass er sich sehr wohl entsann.
Dan warf einen prüfenden Blick auf die beiden reglosen Männer. Der Älteste schaute mit glasigem Blick ins Nichts und war bereits auf den Weg in die Hölle. Der andere, sah Dan, würde ihm bald folgen, wenn kein Wunder geschah. Blut sprudelte aus der Bauchwunde und besudelte das schmutzige Unterhemd, das er trug. Seine Lippen bebten und er gab hechelnde Laute von sich. Seine Augen standen offen und blickten hektisch umher.
»Keine Rettung für ihn«, sagte Dan.
Phil blickte zu dem Sterbenden hinunter, dann suchten seine Augen Dan. »Und für mich?«
Dan grinste. »Wenn du keine Dummheiten machst, hast du gute Chancen zu überleben. Leg dich auf den Boden, Gesicht nach unten, Hände in den Nacken.«
Phil tat wie ihm geheißen.
»Sollte ich das Gefühl haben, du unternimmst etwas, das mir nicht gefällt, ist es um dich geschehen, klar?«
Phil nickte, ohne aufzusehen.
Dan wandte sich um und blickte zu Claire hinüber. Sie kauerte am staubigen Boden und hielt ihren rechten Oberarm umklammert; unter ihrer linken Hand sickerte Blut hervor, das mittlerweile ihre Uniform besudelt hatte. Doch sie selbst achtete überhaupt nicht auf ihre Verletzung, wie Dan nach einigen Sekunden bemerkte. Ihr Blick, und auch der von seinen Freunden, war auf ihre Geiseln gerichtet.
Dan stockte der Atem, als er Max sah, der am Boden lag. An seiner Seite kniete seine Mutter und beugte sich über ihn. Ihr Gesicht war von Verzweiflung gekennzeichnet. Tränen rannen an ihren Wangen hinab und perlten auf ihr Kind, aber sie beide schienen das nicht zu bemerken.
Max hatte die Augen weit aufgerissen, Blut rann aus seinem Mund wie eine böse Botschaft. Seine Hände zitterten unkontrolliert am Boden, als sei der Geist eines wahnsinnigen Klavierspielers in sie gefahren.
»Max«, sagte Greta, «bitte …« Sie schluchzte. »Bitte, du darfst nicht sterben.« Sie versuchte seine Hände zu greifen, aber es gelang ihr nicht.
»Halt durch!«
Ein Gurgeln drang aus seinem Mund, vielleicht eine Antwort. Blut spritzte von seinen Lippen.
»Wir müssen die Blutung stoppen«, sagte Ken. Er durchsuchte hektisch die Taschen seiner Uniform, aber dort fand er nichts, was dazu getaugt hätte, dem Jungen zu helfen.
Dan erwachte wie aus tiefer Trance; in seinem Kopf war nichts weiter als Leere, die sich auf die Suche machte, auch den letzten klaren Gedanken auszutilgen. Er lief hinüber zu Phil und verpasste ihm einen harschen Fußtritt. »Los, her mit deinem verdammten Hemd!«, brüllte er.
Phil kam auf die Beine und knöpfte sein weißes Hemd auf. Dan schlug ihm die Hände beiseite und riss so heftig am Hemd, dass die Knöpfe absprangen.
»Leg dich wieder hin!«, befahl er schließlich, als er das vor Schmutz starrende Kleidungsstück in seinen Händen hielt. Er wartete nicht ab, um zu sehen, ob Phil seinem Befehl wirklich folgte, sondern rannte hinüber zu seinen Freunden.
»Nehmen wir das Hemd, um die Blutung zu stoppen.« Er drückte es Ken in die Hand, der ihn voller Verzweiflung anschaute, als wolle er sagen, dass es zu spät war, doch dann kniete er sich neben Max und presste den Stoff auf die Wunde, aus der unablässig Blut spritzte. Auf der anderen Seite kniete Greta und hielt die Hand des Jungen, dessen Gesicht jegliche Farbe verloren hatte.
»Dan«, rief Francine, »Vorsicht!«
Dan wirbelte herum und sah, dass Phil auf allen vieren zu dem Gewehr kroch, das seinem Vater gehört hatte. Dan sprintete zu der Stelle hin und erreichte sie zeitgleich wie der andere. Mit einem wütenden Laut drosch er dem Mann den Griff seiner Pistole ins Gesicht. Der Getroffene schrie gequält auf.
»Du verdammter Mistkerl«, schrie Dan und wiederholte seinen Schlag. »Ihr verdammten Killer!« Nach dem vierten Schlag bestand das Gesicht Phils nur noch aus einer blutigen Masse, in der die gebrochene Nase wie ein hässliches Geschwür hervorstach. Phil spuckte Blut und Zähne und schrie etwas, während er abwehrend seine Arme hob, um sich zu schützen. Doch Dans Zorn war so übermächtig, dass seine Hand, welche die Waffe hielt, unablässig weiter auf den Mann niederfuhr. Ihm war klar, dass er, wenn er nicht aufhörte, zum Mörder wurde, doch das scherte ihn nicht.
»Bleib endlich liegen!«, schrie er und begleitete jedes Wort mit neuerlichen Knochen brechenden Hieben. Seine Hand, welche die Waffe hielt, war mit fremdem Blut besudelt. Dann hielt er inne und keuchte so schwer, als hätte er einen Marathon hinter sich gebracht, und blickte auf das blutige Bündel unter sich, aus dem angstvoll zwei große Augen zu ihm hinaufstarrten. Es kostete Dan Mühe, seine Wut zu bändigen, und er verstand, warum Menschen zu Mördern werden konnten. Die Gedanken in ihm waren nur noch ein Zerrbild von früher. Er blickte Phil an. »Wirst du es noch einmal machen?«
Phil schüttelte den Kopf und stöhnte. Sein zerschundener Mund versuchte Worte zu formen, aber es misslang; lediglich dumpfe Laute quollen ihm über die Lippen.
»Wenn der Junge stirbt …«, sagte Dan. Den Rest des Satzes ließ er offen.

***

Es war alles vergebens. Als Dan zu seinen Freunden zurückkehrte, sah er, wie Francine neben Greta kniete und sie in den Armen hielt. Greta versuchte sie wegzustoßen und blickte zum Himmel hinauf.
»Nein«, schrie sie. »Oh Gott, nein!«
Dan blickte zu Ken und Claire hinüber, die beide um den toten Jungen weinten. Er spürte, wie er in die Knie sank, unfähig, noch einen weiteren Schritt zu gehen. Auch seinen Augen brannten und er machte sich nicht die Mühe, die Tränen zurückzuhalten. In diesem Moment war es ihm egal, ob Phil, den er nicht sehen konnte, immer noch reglos am Boden lag oder erneut nach einer Waffe suchte. Was bedeutete das schon?, dachte er. Angesichts der Tränen und des Blutes, das den staubigen Boden nährte, spielte das keine Rolle.
Greta befreite sich von Francine und legte ihr Gesicht auf den blutigen Körper ihres Sohnes. Sie segnete ihn mit Tränen und Küssen.
Francine wandte sich ab, die Hände vor das Gesicht geschlagen, während Claire mit leerem, fassungslosem Gesicht auf das tote Kind schaute. Ihre eigene Verletzung, die immer noch stark blutete, nahm sie überhaupt nicht zur Kenntnis.
»Ihr Schweine!«, brüllte plötzlich Ken und rannte zu dem am Boden liegenden Täter, der zusammenzuckte, als er den Japaner im Laufen die Pistole zücken sah. Dan sah Ken müde hinterher, erhob sich jedoch nicht und sagte nichts. Soll er ihn umbringen, dachte er, soll er das tun, was ich nicht geschafft habe.
»Ihr Schweine! Warum musstest ihr den Jungen erschießen?«
»Das wollten wir doch gar nicht«, nuschelte Phil undeutlich. Er spie Blut aus, das in den letzten Minuten in seinem Mund geronnen war. Dann setzte er erneut an, aber seine Aussprache wurde nicht deutlicher. »Wir wollten ihm wirklich nichts antun, das müssen Sie mir glauben.«
Er versuchte sich aufzurichten, aber das ließ Ken nicht zu. »Bleib unten, du Ratte, sonst ist es um dich geschehen!«
Eilig sackte Phil wieder zu Boden. Hilfe suchend blickte er zu Greta hinüber. »Greta, bitte, du musst mir glauben. Das war ein schrecklicher Unfall. Wir wollten Max nie was antun. Bitte, glaub mir.«
»Sieh mich an!«, sagte Ken. In seiner Stimme schwang ein eisiger Hauch mit, der Dan, der die Worte vernahm, frösteln ließ. »Sieh mich an, Killer.«
Phil hob seinen Kopf und blickte Ken mit flehendem Blick an. »Bitte …«, flehte er leise. »Bitte, erschießen Sie mich nicht.«
»Du hast es nicht verdient zu leben«, entgegnete Ken. »Warum solltest du leben, während der Junge tot ist?« Danach setzte Schweigen ein, das beinah eine Minute dauerte, in der Phil nicht wagte, sich zu rühren oder den Blick zu heben.
Schließlich erwachte Ken wie aus einer tiefen Trance. Als sei keine Zeit verstrichen, sagte er: »Fahr zur Hölle!«
Dann richtete er seine Waffe auf den reglosen Körper und schoss.

***

Im letzten Moment bewegte Ken sein Handgelenk um eine Nuance zur Seite und der Schuss traf die Leiche des älteren Mannes.
Phil stieß Blut spuckend einen Schrei aus, der im Wald von einem Tier erwidert wurde. Dann erst wurde ihm klar, dass sein Leben noch nicht verwirkt war.
Ken legte seinen Kopf in den Nacken und blickte zum Himmel empor, der sich endlos über diese verlassene Gegend spannte. Er spürte, wie seine Knie zu schlottern begannen und nur mit Mühe hielt er sich aufrecht; gleichzeitig kam Brechreiz hinzu. Nur langsam weitete die Erkenntnis sich in ihm aus, dass er beinah zum eiskalten Mörder geworden wäre. Dass er die Schussrichtung im letzten Moment geändert hatte, war lediglich ein Reflex gewesen, mehr oder weniger ein Versehen.
»Ken«, hörte er eine Stimme. Er wandte sich um und blickte zurück. Alle schauten zu ihm hinüber und er steckte beinah schuldbewusst seine Pistole in das Halfter zurück. Phil, der vor ihm im Dreck lag, schluchzte hemmungslos vor sich hin.
»Ken, erschieß ihn nicht«, sagte die tonlose Stimme erneut. Sie gehörte Greta, die immer noch neben Max kauerte. »Ich will nicht, dass noch mehr Blut unnütz vergossen wird. Lass ihn jetzt gehen.«
»Danke Greta!«, heulte Phil. Seine Augen blickten irre in dem geschwollenen Gesicht. Sein Mund klaffte zu einem Lachen auf und es wurde eine zahnlose Höhle sichtbar. »Danke, ich danke dir so sehr.« Er zog geräuschvoll einen Batzen Blut hinunter, der seine gebrochene Nase verstopfte.
Francine kam hinüber zu Ken und beugte sich über die Leiche des Mannes, der sie entführt hatte. Fliegen stoben auf, als sie die Taschen der Weste durchsuchte und schließlich auf die beiden Pistolen stieß, die er eingesteckt hatte. Sie nickte Ken zu, der diese Geste erwiderte. Er klaubte die drei Gewehre auf, die achtlos im Staub lagen, damit Phil nicht auf die Idee kam, hinterrücks auf sie zu schießen.
Dann machten sie kehrt und gingen zu den anderen zurück. Doch plötzlich blieb Ken stehen und er wandte sich nochmals zu Phil um, dessen Gesicht Bestürzung zeigte.
»Was ist, Ken?«, fragte Francine und blieb ebenfalls stehen. »Die anderen warten.«
»Einen Augenblick«, erwiderte der Japaner. Er baute sich vor Phil auf, der seinen Blicken auswich. »Was ist mit dem Jungen passiert?«
»Mit welchem Jungen?«
»Vincent ist sein Name. Ihr habt ihn gestern verfolgt, als er vor euch flüchtete. Habt ihr ihn auch umgebracht?«
»Nein.«
»Auch nicht eingesperrt?«
Phil hustete und winkte energisch ab. »Nein, auch das nicht. Wirklich nicht.«
Ken schüttelte den Kopf. »Ich glaube dir nicht.«
»Er ist uns entkommen. Er war zu schnell für uns. Der konnte laufen wie ein Hase und wurde überhaupt nicht müde. Bitte glauben Sie mir.«
Konnte Ken dem Mann trauen? Er musste nun eine Entscheidung treffen. Er entsann sich, dass Vincent tatsächlich schnell und wendig wie eine Gazelle gewesen war, als er vor seinen Verfolgern davon gelaufen war. Vielleicht hatte er sich tatsächlich in Sicherheit bringen können. Ken nickte unmerklich. »Verschwinde jetzt!«
Kaum war das letzte Wort ausgesprochen, war Phil bereits im Dickicht verschwunden.

***

Der Abschied von Greta fiel ihnen unsagbar schwer. Ihnen fehlten die Worte und sie wussten, nichts konnte die Frau über ihren Kummer hinwegtrösten.
»Ich wollte, wir könnten alles ungeschehen machen«, sagte Claire. »Es tut mir so unendlich leid. Ich …« Sie brach ab und blickte hilflos zu Ken hinüber, der einen Arm um sie legte.
»Nichts wird mir meinen Jungen wieder zurückgeben«, entgegnete Greta leise. »Er ist tot und ich muss damit fertig werden. Er war alles für mich, meine Hoffnung und mein Leben.« Sie deutete mit einem Zeigefinger scheu auf den kleinen Leichnam, der in einem Bett aus Blut und Staub lag. »Versteht ihr das?« Sie beantwortete diese Frage einige Sekunden später selber. »Wahrscheinlich könnt ihr das nicht, aber glaubt mir bitte. Er war alles für mich. Nun ist alles zerstört.« Sie blickte die vier Zeitreisenden, die starr vor Kummer waren, mit einem toten Blick an. »Alles ist zerstört.« Mechanisch schüttelte sie den Kopf, dann straffte sich ihr Körper, als hätte sie von irgendwoher eine Kraftquelle angezapft. »Es tut mir Leid, was euch in der Nacht widerfahren ist. Es muss schrecklich für euch gewesen sein. Aber wir sind keine Unmenschen. Wir sind nicht böse. Wir sind nicht abartig, auch wenn es euch so scheinen mag.«
»Das glauben wir bestimmt nicht«, sagte Ken.
Greta brachte ein Lächeln zustande, das müde und traurig zugleich wirkte. »Natürlich tut ihr das, ihr müsst das nicht leugnen. Ich nehme es auch nicht übel. Wir sind verschieden, ganz offenkundig. Alles Fremde ist unheimlich, nicht wahr?« Sie ergriff Francines Hand, die ihr am nächsten stand. »Wir wollten euch töten, aber ich bin froh, dass es uns nicht gelungen ist. Ich bin froh, dass …« Während des Sprechens fiel ihr Blick auf Max und sie verstummte und der letzte Rest ihres Lächelns schwand. Sie ließ Francines Hand los und ging zu ihrem Sohn. Vorsichtig schob sie ihre Arme unter seinen Körper und hob ihn hoch, sein Gewicht schien ihr nicht im Mindesten etwas auszumachen. Sie blickte voller Liebe auf den blutüberströmten Körper, der bleich in ihren Armen lag. Ohne ein weiteres Wort kehrte sie den Zeitreisenden den Rücken und ging davon.
Minuten verstrichen, ohne dass sie etwas sagten, sie alle blickten der Frau hinterher, die den Wald bereits wieder hinter sich gelassen hatte und nun über das sonnenüberflutete Land ging.
Schließlich stieß Dan ein lang gezogenes Seufzen aus. »Gehen wir«, sagte er mit einer Stimme, die nicht ihm zu gehören schien. »Wir haben hier nichts mehr verloren.«
Bis sie bei ihrem Glider angelangt waren, sagte niemand von ihnen ein Wort.

***

Ken startete den Glider, wie es stets seine Aufgabe war, und aktivierte den Antrieb. Wenige Augenblicke später nahm der Zeitstrom sie auf. Während des Heimflugs begannen sie zaghaft, über die Geschehnisse zu reden. Sie fühlten sich, als hätten sie allesamt eine persönliche Niederlage erlitten.
»Das hätte nicht passieren dürfen«, sagte Francine. »Wir hätten damit rechnen müssen, dass die verdammten Kerle uns auflauern würden. Dass der Junge starb, ist unsere Mitschuld.«
»Verdreh nicht die Tatsachen«, widersprach Dan, der neben ihr saß. »Natürlich hast du recht, wenn du sagst, dass wir einen Hinterhalt hätten einkalkulieren müssen. Aber nicht wir haben den Jungen erschossen. Verstehst du? Das waren nicht wir.«
Wütend funkelte Francine ihn an. »Red dir die Welt doch nicht schön. Wir tragen die Verantwortung dafür, was geschehen ist.«
Sie wandte sich ab und schwieg. Mit wütenden Bewegungen prüfte sie die Instrumente.
»Aber Dan hat nicht ganz Unrecht mit dem, was er sagt«, versuchte Claire sie zu besänftigen. »Wir haben Fehler begangen, aber eine Schuld trifft uns hier nicht. Dass ich das sage, hat nichts damit zu tun, dass ich mich aus Verantwortung stehlen will. Ich wünschte, Max würde leben.«
»Wenn du das sagst«, bemerkte Francine mit leiser Stimme. Sie drückte einen Knopf. »MTRD, hier spricht Thunderbird. Wir kommen rein.«
Nach einem leisen Rauschen ertönte eine leicht verzerrte Stimme: »Schneller als erwartet. Mission erfolgreich?«
»Negativ«, antwortete Francine.
Die Stimme aus dem kleinen Lautsprecher schien die Stimmung, die in dem Glider herrschte, zu spüren. »Wir sind bereit für die Rückkehr.«
Der Rest war wohltuende Routine für die Zeitreisenden.
Als sie in der großen Halle standen, wurden sie von einigen Technikern umringt. »Alles in Ordnung?«, fragte einer.
»Wir sind okay«, sagte Ken.
»Besondere Vorkommnisse?«
»Verdammt, Leute, ihr seht doch, dass wir dringend 'ne Pause brauchen!«, fuhr Dan auf. »Lasst uns einfach in Ruhe mit euren Fragen. Ihr werdet die Antworten schon bekommen. Aber nicht jetzt.«
Die Techniker sahen sich verwirrt an. Einige zuckten mit den Schultern und machten sich wieder an die Arbeit.
»Er meint es nicht so«, sagte Claire leise, »aber er hat recht. Wir brauchen ein wenig Zeit. Wir kommen um vor Hunger und Durst und brauchen dringend 'ne Dusche. Und jemand muss sich meinen Arm anschauen. Schussverletzung, aber vermutlich nur ein Streifschuss. Wenn wir alle satt, sauber und verarztet sind, stehen wir euch zur Verfügung. Okay?« Sie brachte ein Lächeln zustande, von dem sie wusste, dass es nicht echt wirkte. Das sollte es auch nicht.

***

Es war Nacht, in dem Raum war es dennoch nicht ganz finster, weil das Licht des Mondes durch eine kleine Fensterluke schien. Immer wieder schreckte er aus seinem leichten Schlummer auf, blickte ins Nichts und versuchte, eine neue, weniger unbequeme Stellung zu wählen.
Dann hörte er plötzlich Schritte, die langsam erst eine Treppe, schließlich einen Gang entlangkamen. Schritte mehrerer Menschen, wie sein Ohr sofort erkannte. Stimmen hörte er hingegen keine. Die Geräusche kamen näher und blieben vor der geschlossenen Tür stehen, hinter welcher er am Boden kauerte.
Leicht schlug er immer wieder mit dem Hinterkopf gegen die nackte Wand hinter ihm. Er hoffte, auf diese Weise die Bilder aus dem Schädel zu bekommen, die vor seinem inneren Auge aufplatzten und vergingen wie ein Feuerwerk. Er wusste, dass es dem Ende zuging. Diesmal würde er keine Möglichkeit zur Flucht haben, wie es früher so oft der Fall gewesen war. Er hätte bei den Fremden bleiben sollen, die er im Wald getroffen hatte. Mit ihnen zusammen hätte er eine Chance gehabt, seine Flucht hingegen war ein Fehler gewesen. Wenige Kilometer später war er zusammengebrochen und die Männer hatten ihn einfach nur aufklauben müssen und in dieses Loch gesteckt.
Der Riegel draußen wurde zurückgeschoben und mit einem leisen Quietschen öffnete sich die Tür.
Ohne dass er merkte, entleerte sich seine Blase. Niemand würde ihn deswegen auslachen oder verspotten.
»Vincent hat Angst«, stellte er fest. Er sah die Schemen mehrere Gestalten näherkommen. Er konnte sie riechen, sie verströmten den Duft rohen Fleisches. Diesmal waren es nur zwei Personen, stellte er fest, ein Mann und eine Frau, die er noch nie gesehen hatte. Die Knurrlaute waren nah an seinem Ohr und er spürte eine Berührung, die beinah zärtlich war. Aber der Griff verstärkte sich, wurde zur Umklammerung, und Vincent wurde emporgerissen. Nun war er umstellt, und die letzte Hoffnung, dass er ungeschoren davonkommen konnte, verpuffte lautlos.
»Sie wollen mich essen.« Die Stimme klang traurig.
Dann wurde mit Brachialgewalt sein Kopf zurückgerissen und er vernahm das heisere Keuchen ihrer Münder nah an seinem Hals. Beinah schüchtern ertasteten ihre Lippen und Zungen sein straffes Fleisch, hinter dem sein Blut pochte.
Vincent schloss die Augen und wartete auf den Schmerz.

E N D E

Vorschau auf Episode 28

Erwartet mit Spannung die am 1. November 2011 erscheinende 28. Episode.

Der Titel lautet:
»Blutmond«

von Gunter Arentzen

Die Spanier eroberten das Reich der Inkas. Aber was, wenn es nie zu einer Conquista gekommen wäre?
Was, wenn die Echsen, die einst die Erde beherrschten, nie ausgestorben wären und der Mensch nicht die Spitze der Nahrungskette darstellen würde?
Genau mit diesen Fragen werden die vier Weltenreisenden konfrontiert - und die Antwort ist mörderisch ...


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