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»Satans Botschaft«

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Titelbild © 2011 by Peter Starcke
Cover © 2011 by Wolfgang Brandt

EPISODE 26

»Satans Botschaft«

von Amanda McGrey


»Bei allen Heiligen! Was ist das
Claire starrte aus dem Glider auf das furchterregende Gebilde, das sich wie in einer Slowmotion aus der Schwärze des Weltraums schälte.
Kens Mund war so trocken wie die Wüste Sahara.
»Das … das …« Er brach ab.
»Der Untergang des Universums!«, stieß Dan hohl aus.
Was sich da langsam auf sie zuwälzte – anders konnte man es nicht bezeichnen – war so grauenhaft, dass die Raum-Zeit-Reisenden wie gelähmt in den Sitzen verharrten. Doch dann fasste sich Francine.
»Wir müssen darunter wegtauchen und von hinten anfliegen! Wenn es uns erwischt, war alles Bisherige vergebens!«
Es war, als hätte dieser Ausruf Ken wieder in die Wirklichkeit katapultiert. Er schlug mit der rechten Faust auf den Notknopf, um das Energieabwehrfeld zu aktivieren.
Der Glider vibrierte.
Zeitgleich aktivierte Francine die Handsteuerung. In letzter Sekunde tauchten sie ab.
Der Strudel des Energielochs ließ den Glider herumwirbeln.
Blitzartig zogen in Kens Kopf die Szenen vorbei, mit denen alles begonnen hatte …

San Francisco, MTRD

»Wir setzen neben dem Thunderbird den Ersatz-Glider ein.«
Ken schaute den ergrauten Teamleiter an wie das achte Weltwunder.
»Es sollen zwei Glider zum Einsatz kommen?«
Der Professor nickte. »Es gibt alarmierende Zeichen aus zwei Sektionen. 4-0-6 Alpha und 7-0-3 Alpha.«
Ken blickte noch irritierter. »Kommen Sie auf den Punkt, Sir!«
»In beiden Welten bahnt sich ein unkontrollierter Hyperraumsprung an.« Der Teamleiter trat an eine Computerkonsole. Sogleich projizierte sich ein dreidimensionales Bild in den Besprechungsraum tief unter der Erde.
Mit einem Laserpointer verwies der ergraute Techniker und Physiker auf zwei Kurven. Eine blaue und eine rote. »Hier ist 4-0-6 Alpha und hier, die rote Spur, 7-0-3.«
Ken trampelte nervös von einem Bein auf das andere. »Himmel Donnerwetter! Ersparen Sie mir Skizzen oder ähnliches! Kommen Sie zu den Fakten!«
»Tue ich doch«, kam es gereizt zurück.
Verstohlen schaute Ken auf die Uhr. Knapp vier Stunden war es her, dass man ihn auf höchste Anweisung mit ROT-Order aus dem verdienten und hart erkämpften einwöchigen Urlaub von Hawaii geholt hatte. Sogar mit einer Regierungsmaschine.
Der Teamchef straffte die hagere Gestalt. »Auf beiden Welten experimentiert jemand mit Aggregaten, die das Raum-Zeitgefüge erschüttern. Wir konnten das messen. Sicher … es gibt solche Erschütterungen und Spannungen immer mal, da wir bei den unzähligen Parallelwelten … und auch Planetensystemen des eigenen Realuniversums nicht wissen, ob andere Lebewesen ähnliche Techniken beherrschen wie wir. Fakt ist – beide Welten bestehen in unterschiedlichen Zeit- und Existenzebenen. Doch sie bewegen sich aufeinander zu.«
Ken verstand immer noch nicht genau, worauf der Wissenschaftler hinaus wollte.
Also fuhr dieser fort: »Wenn sich die Bewegung fortsetzt, werden diese beiden Welten innerhalb der nächsten fünf bis sechs Wochen verschmelzen.«
Ken rieb sich den rechten Nasenflügel. »Sicherlich eine Katastrophe für beide Welten, aber was haben wir damit zu tun?«
Der Physiker stieß die Luft aus. »Sehen Sie sich das an!« Er schaltete ein weiteres 3-D-Bild ein.
Nun gesellte sich zu den beiden Linien noch eine orange Parabel dazu, die sich an einem konzentrierten Punkt mit der blauen und roten Linie schnitt.
»Es wird zu einer Implosion in den beiden Sphären kommen. Es entwickelt sich im Raum-Zeitgefüge ein Schwarzes Loch. Dieses Loch wird dann einen Sog entwickeln, der alles herum einsaugt und – wer weiß wo – wieder ausspuckt.«
Ken verdrehte die Augen. »Ja … und?«
»Durch diese Saugkraft wird eine Randenergie erzeugt, die sich – bildhaft erklärt – wie die Heckwelle eines Schiffes entwickelt und in einem weiten Winkel streut. Diese Welle entspricht einer Kraft von 2 Milliarden Tonnen TNT. Beispielhaft erklärt.«
Nun ahnte Ken etwas und er wurde leichenblass. Er starrte auf die Linien. »Ein Ausläufer der Welle wird das Energiegefüge der Zeitströme durchbrechen wie ein Tsunami und unsere Welt treffen.«
Der Wissenschaftler nickte. »Wenn unsere Welt oder besser … unser Welten-Existenzbereich mit allem drum und dran nicht zerstört wird, kann es unsere gesamte Galaxis irgendwo hinschleudern. In eine andere Zeitebene – an die Grenze eines uns völlig unbekannten Universums …« Er machte eine ausladende Armbewegung. »Vielleicht ergibt es auch einen neuen Urknall. Jedenfalls wird nichts mehr sein, wie es jetzt ist.«
Ken musste sich setzen. Er tastete nach einem der weißen Lederstühle.
Er schluckte trocken. »All right«, presste er dann hervor. »Sie wollen also, dass wir mit zwei Glidern starten. Jeder zu einer der Welten.«
»Richtig! Denn das verrückte Unternehmen nur auf einer der Welten zu stoppen, wäre Nonsens.«
»Aber«, hob Ken an. »Wer immer das macht – es müssen auch Physiker sein – ich meine … die müssen doch die Gefahr erkennen?«
Der grauhaarige hagere Mann zuckte mit den Achseln. »Vor allem ist es mir schleierhaft, wie zeitgleich auf unterschiedlichen Welten in unterschiedlichen Existenzebenen derselbe Ablauf stattfinden kann. Aber nach den Messungen und Erschütterungen im Raum-Zeitgefüge muss es so sein.«
Ken erhob sich. »Sind die anderen schon informiert?«
»Nein. Das überlassen wir Ihnen. Auch die Aufteilung der Crew.«
Ken fuhr sich mit der Zunge über die Oberlippe. »In Ordnung! Claire ist rasch erreichbar. Dan ist mit Claire zu Besuch bei Freuden in Oklahoma. Nur Francine ist mit unbekanntem Ziel verreist.«
Der Teamchef runzelte die Stirn. »Was heißt mit ›unbekanntem Ziel‹? Jedes TT-Mitglied muss erreichbar sein.«
Ken lächelte missglückt. »Wir bekamen zwei Wochen Urlaub bewilligt nach dem letzten riskanten Unternehmen. Naja … Francine hat ihren eigenen Kopf und sie musste sich über etwas klar werden.«
»So!«, kam es knapp. »Über was musste sich die Dame klar werden?«
Ken blies die Backen auf. »Keine Ahnung. Aber wir werden sie finden!«
Der Japaner wusste nur zu gut, worüber sich die Kollegin klar werden musste. Tauchte doch auch vor seinem geistigen Auge immer wieder Ria auf. Obwohl er es sich nicht eingestehen wollte – er hatte sein Herz an sie verloren und hoffte, sie eines Tages wiederzusehen. Doch jetzt musste er Francine suchen, um das Team komplett zu bekommen. Für Gefühlsduselei war keine Zeit.

Eine Farm in Kensington, England

Die Person, von der gesprochen wurde, stand zur selben Zeit an einem großen Panoramafenster und starrte in den mit Sternen übersäten Himmel.
Francine wippte auf den nackten Fußspitzen. Die Hände hatte sie vor der Brust verschränkt. Man hätte bei oberflächlicher Betrachtung glauben können, sie bete.
Doch in ihr toste anderes. Sie sehnte sich nach Paros. Zu Lyntaia. Ihr Herz schlug schneller, wenn sie an die Amazone dachte.
Sie würde alles geben, wenn sie jetzt mit einem Glider einfach ›rüberfliegen‹ könnte.
Die junge Frau seufzte. Dann wandte sie sich vom Fenster ab und schritt zu der halb runden Couch hinüber. Sie ließ sich darauf sinken.
Sie wollte sich eben ein Glas Rotwein einschenken, als der Boden um sie herum zu vibrieren begann. Das Weinglas erzitterte, rutschte im Zeitlupentempo zum Rand des Tisches … und wenn Francine es nicht aufgefangen hätte, wäre es samt Inhalt auf den Teppich gestürzt.
»Zounds!«, rief die junge Frau aus. »Was ist das?«
Das erdbebenähnliche Vorkommnis ließ nach und alles wurde wieder ruhig.
Francine stand auf und wollte sehen, ob sich draußen etwas ereignet hatte. Vor allem, ob es Schäden an dem alten Farmhaus gab.
Das Anwesen gehörte einem Onkel von ihr, der sich allerdings mehr in Frankreich aufhielt. Zu gern hatte er ihr auf die Bitte das Haus für zwei Wochen überlassen.
Es gab einen Verwalter. Dieser lebte zwei Meilen entfernt. Von ihm hatte sie die Schlüssel erhalten.
Francine öffnete die breite Terrassentür.
Wie versteinert blieb sie stehen.
Direkt neben dem Ginsterbusch stand eine Gestalt. Nur als Schattenriss erkennbar.
Groß … und in eine Art Raumanzug gekleidet.
Die junge Agentin musste schlucken. Waren Außerirdische gelandet? Eine Invasion?
Im aufkommenden Wind sah sie langes Haar wehen. Dann sprach die Gestalt sie an.
Das Timbre ging Francine unter die Haut und um sie herum schien alles zu verschwimmen.
»Hallo Schwester«, kam es leise und mit dem Ton einer so genannten ›Mitternachtsstimme‹.
Francine konnte es nicht glauben.
Lautlos und hilflos formten ihre Lippen den Namen.
Victoria.

Oklahoma

Dan tanzte ausgelassen mit Claire.
Es war ein wunderschöner Spätnachmittag. Trotzdem spürte man, dass der Herbst nahte. Doch hier nannte man es eher den Indianersommer. Die Luft zeigte sich mild.
Da spürte Dan die Vibration seines Mobiltelefons. Er hielt im Tanzen inne und angelte danach. Claire verdrehte die Augen. »Junge! Wir haben Urlaub!«
Doch dann sah sie Dans ernstes Gesicht, als er in das Gerät rief: »Was sagst du da?«
»Was ist los?«, fragte Claire. Dan winkte kurz ab. Endlich sagte er: »Okay! Wir kommen mit der nächsten Möglichkeit.« Er klappte das Gerät zu.
Claire schaute irritiert. »Es war Ken.« Dann setzte er der Freundin und Kollegin den Sachverhalt auseinander.
»Um Himmels Willen!«, rief diese aus.
»Was passiert?«, erkundigte sich ein junger Mann neben ihnen mit besorgtem Gesicht.
Dan lachte kurz auf. »Nein, nein … nur ein böser Scherz.« Dann manövrierte er Claire in eine ruhigere Ecke.
»Weißt du, wo Francine sich aufhält?«
Claire zögerte. Dan umfasste ihre Schultern. »Es ist wichtig!«
»Ja, ja! Ich habe eine Telefonnummer, unter der sie erreichbar ist.«
Dan legte den Kopf schief. »Na! Ruf sie an!«
Claire zog ergeben das Handy aus ihrer Handtasche und betrat die Terrasse.
Doch Francine meldete sich nicht.

Kensington, England

Gegen alle Absprachen hatte Francine das Telefon ausgeschaltet.
Sie war sowieso zu durcheinander, um einen Anruf entgegenzunehmen.
Auf der Terrasse standen Victoria und Francine sich gegenüber und schauten sich nur an.
»Unsere Welt wird bedroht«, sagte Victoria leise. »Nur du kannst uns helfen.«
Francine hatte sich endlich von ihrem Schock erholt.
»Komm herein«, sagte sie mit belegter Zunge.
Zehn Minuten später saßen sie sich gegenüber. Francine hatte Victoria ein Glas Wein eingeschenkt. Victoria selbst hatte sich von dem Schutzanzug befreit. Darunter trug sie nur eine dünne halblange Hose und ein T-Shirt.
Sie, die nach den Intrigen und der Diktatur auf ihrem Planeten das Amt des Pontifex übernommen hatte, schaute leicht verstört drein.
Vor Francines geistigem Auge liefen die gesamten damaligen Ereignisse noch einmal ab.
Oh Gott – sie hatte sich damals unsterblich in Victoria verliebt, sich das jedoch nie richtig eingestanden. In ihrem Inneren tobten damals Widersprüche. Nur Claire hatte es bemerkt. Dann dachte sie an Lyntaia.
Ihr Atem ging rasselnd.
Nie hätte sie gedacht, Victoria noch einmal zu sehen. Lange hatte es gedauert, bis sie den Trennungsschmerz überwunden hatte. Viel hatte sich ereignet und die Begegnung mit der Amazone auf Paros …
Doch nun kam alles wieder. Die Gefühle stürzten über sie herein.
Sie fühlte den Blick der großen blonden Frau auf sich ruhen.
»Ich hatte immer gehofft, dass du noch einmal zurückkehren würdest. Doch dann siegte bei mir die Vernunft«, sagte Victoria.
Sie nahm einen Schluck Wein.
»Wie … wie hast du mich so sicher gefunden?« Francines Stimme klang unwirklich. Sie musste sich zusammennehmen.
Victoria lächelte leicht. Sie deutete auf Francines zierlichen kreuzähnlichen Anhänger an der Silberkette.
»Erinnerst du dich an unseren Abschied? Die letzten Stunden? Das Amulett enthält einen kleinen Sender. Sobald ich in die Sphäre dieser Welt eintauchte, konnte ich dich orten. Immer hatte ich gehofft … nein … es fast herbeigefleht … das Signal auf meiner Welt zu empfangen.«
Francine senkte den Kopf. »Ich wollte zurückkommen. Ich habe dich nicht vergessen, nur …«
Victoria beugte sich vor und ergriff über den Tisch die Hand der Agentin. »Ich weiß! Dein Team ist immer unterwegs. Ich bin eine erwachsene Frau und verkrafte das.«
Francine schluckte hastig und ergriff ihr Glas.
»Was ist passiert?«, wollte sie dann gefasst wissen.
Victoria seufzte und ließ die Hand der Freundin los. »Es ist ein Glück, dass – wenn auch durch kriminelle Umstände herbeigeführt – unser Gliderprogramm zu Ende entwickelt werden konnte. So konnte ich zu dir gelangen. Niemand weiß davon. Man wird mich ein paar Tage nicht vermissen. Außer einer Freundin im Kotrollzentrum.«
Freundin! Francine schluckte wieder, sagte aber nichts.
Victoria fuhr fort. »Seit geraumer Zeit bemerken wir, dass sich um unseren Planeten ein Energiefeld aufbaut, dessen Ursprung nicht zu ermitteln ist. Ähnlich, wie ihr es damals bemerkt und dann unsere Welt ausfindig gemacht habt. Aber es sind noch nicht diese starken Auswirkungen. Doch man spürt es. Merkwürdige Verfärbungen am Nachthimmel. Sternbilder, die scheinbar nicht mehr so sind, wie sie sein sollten. Unsere Observatorien beobachten Nordlichter, die nicht entstehen dürften.«
Victoria nahm wieder einen Schluck Wein. Dann lehnte sie sich zurück und schaute die Agentin an. »Möglicherweise könnt ihr uns helfen.«
Francine stand auf. Sie trat an das Panoramafenster. Langsam schob sich der Mond über eine Bergkuppe.
Ihr Atem verlief unregelmäßig. Die Anwesenheit Victorias brachte sie völlig aus der Bahn. Sie versuchte nüchtern zu denken, doch es funktionierte nicht.
Lyntaia … Victoria …
Sie lehnte die Stirn an das kühle Glas der Scheibe.
Sie fühlte, dass die Zuneigung zu dieser Frau alles überschattete.
Da fühlte sie die Hände der Freundin aus der anderen Welt, die sich um ihre Schultern legten. Tränen rannen unkontrolliert aus den Augen der jungen Frau. Langsam, wie eine Gliederpuppe wandte sie sich um. Sie schaute in Victorias Augen, die im aufkommenden Mondlicht übernatürlich strahlten.
Ihre Lippen berührten sich.
Sie versanken in einem Strudel der Gefühle.

Oklahoma

»Verdammt! Weshalb meldet sich Francine nicht?«
Claire warf zornig das Mobiltelefon auf das Sofa. Sie befand sich mit Dan in ihrem Appartement. Inmitten des Kofferpackens hatte die Agentin immer wieder versucht, die Freundin zu erreichen. Ihr x-Mal auf die Mailbox gesprochen.
»Wir fliegen auf jeden Fall morgen um sechs Uhr nach San Francisco«, warf Dan ein.
»Wenn es nicht anders geht, muss die Aktion ohne sie laufen.«
»Ach … das ist nicht gut!«, warf Claire ein.
Dan hob die Schultern. »Du hast keine Ahnung, wo sie sich aufhält?«
In diesem Moment meldete sich Claires Handy. Diese schaute auf das Display.
»Sie ist es!«, rief sie aus.
Sie betätige die Hörertaste. »Francine! Endlich. Du musst … WAS?«
Perplex schaute sie Dan an, während sie lauschte.
»Was’n los?«, fragte er gespannt.
Doch Claire gab keine Antwort. Ihr Mund öffnete und schloss sich nur. Doch dann sagte sie hastig in das Gerät: »Okay! Nimm den nächsten Flieger. Lass den Glider, wo er ist oder besser eben nicht. Versteck ihn.«
Dan konnte nicht hören, was Francine sagte, aber als er Glider vernahm, machte er runde Augen.
Endlich hatte Claire das Gespräch beendet.
Sie starrte Dan an.
»Victoria ist bei Francine in Kensington!«, platzte sie heraus.
Dan war unfähig, etwas zu sagen.

San Francisco

Ken nahm per Handy die Information zur Kenntnis.
»Victoria! Das ist ein Ding! Aber da gibt es Zusammenhänge zu unserer Mission. Sie soll mit hierher kommen!«
Ken fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht, dann schaltete er den Spezial-Laptop ein. Ein dreidimensionales Vektorprogramm materialisierte sich.
4-0-6 Alpha … dabei handelte es sich zweifelsohne um Victorias Welt.
Am folgenden Mittag trafen Dan und Claire im Stanford Research Institute ein.
»Francine schon hier?«, fragte Claire knapp. Ken schüttelte den Kopf, dann nahm er seine Freundin in die Arme. Er hatte sie vermisst.
Die Drei gingen zur großen 3-D-Animation und studierten die Flugvektoren.
»Wenn alles klappt, können wir in zwei Tagen starten.«
Claire fuhr sich durch das Haar. »Welche Teams in welchem Glider?«
Dan schaute Claire an. »Wir beide zusammen? Wie früher?«
Ken nickte. »Okay – ihr beide zu 7-0-3 Alpha. Ich mit Francine und Victoria nach 4-0-6 Alpha.«
Damit hatten sie das geklärt und es blieb momentan nichts anderes übrig, als zu warten. Die Wissenschaftler des Instituts werteten die Bebenwellen im Raumgefüge aus.
Victoria und Francine trafen spät in der Nacht ein. Man traf sich im Casino des Instituts.
Claire umarmte Victoria. »Ich hätte nie geglaubt, dass wir uns noch einmal sehen würden!« rief sie freudig.
Victoria lächelte. »Leider ist der Anlass nicht so erbaulich.«
Claires Gesicht wurde ernst. »Hm, wir werden tun, was wir können.«
Ken und Dan ließen sich jede Einzelheit von Victorias Beobachtungen – beziehungsweise ihrer Wissenschaftler – erklären.
»Merkwürdig ist«, warf Dan ein, »dass wir diese Energiewellen auf zwei Welten in verschiedenen Existenzebenen gleichzeitig messen.«
Victoria schaute ratlos. »Das verstehe ich auch nicht.«
Francine lehnte sich zurück. »Wir werden also von zwei Welten aus operieren müssen.«
Ken nickte. »Ich denke, ich werde mit Victoria fliegen und du, Francine, mit Dan und Claire.«
»Nein – keine Änderung!«, warf Dan ein.
»Stopp!«, rief Claire. »Francine und ich – wir kennen uns auf Victorias Welt bestens aus. Victorias Glider kann erst mal in Kensington auf der Farm bleiben. Da steht er sicher.«
Dan wedelte mit den Armen. Doch Claire meinte nur sachlich: »Dass wir gemeinsam ein Unternehmen meistern können, haben wir ja wohl bereits bewiesen, oder?«
Dan gab sich geschlagen.
Aber weder Claire noch Francine ließen eine weitere Diskussion zu.
»Na gut«, murmelte Dan. Er erhob sich. »Ich denke, wir sollten uns noch irgendwo einen gemütlichen Abend machen.«

San Francisco, Die Bar Du Laque

Die Stadt pulsierte.
San Francisco schlief eigentlich nie.
Claire, Francine, Victoria, Dan und Ken ließen sich treiben. Victoria nahm alles mit den Augen in sich auf.
»Eigentlich ist alles wie in San Frederico«, merkte sie an. »Ein paar Straßen sind anders, die Lokale haben etwas andere Namen, aber sonst … es könnte geklont sein.«
Dan zuckte mit den Achseln. »Vielleicht sind die Städte ja zum Teil gespiegelt. Wir wissen viel zu wenig über das Paralleluniversum. Zeiten kommen – Zeiten vergehen.«
Er wandte sich an die Kameraden. »Denkt mal an unser Abenteuer in Venedig. Dort war alles, wie in unserem Venedig, nur eine Katastrophe hatte für das Verschwinden des Wassers gesorgt.«
»In unserer Welt steht die Forschung auch am Anfang. Wir wissen nur, dass die Zeitebenen so unendlich sind wie das Universum. Eine Zeitebene liegt wieder in der anderen. Nur – was passiert wirklich, wenn man die Barrieren durchbricht? Ist es wie das Möbiussche Band? Irgendwann kehrt man an den Anfang zurück?«
»Interessante Betrachtung«, warf Dan ein. »Man zerschneidet das Band und bekommt eine lange Kurve. Du meinst, wenn wir das Raum-Zeitgefüge zerschneiden, gelangen wir irgendwann an den Anfangspunkt zurück.«
Victoria bestätigte das. »Kann es sich nicht auch mit jedem Universum so verhalten?«
Sie standen vor einer Bar.
»Wir könnten das doch mal hier in gemütlicherer Runde weiter diskutieren«, warf Francine ein.
Dan nickte abwesend, konnte nicht verhindern, dass sein Blick immer wieder zu Victorias langen Beinen wanderte. In ihrem Jeansrock und den High Heels sah sie auch wirklich verführerisch aus. Aber er wusste, dass sich die wunderschöne Frau nicht in Männer verliebte.
Francine war ganz froh, dass der Menschentrubel in der Bar sie etwas ablenkte und ihr Herz nicht immer so raste. In ihr tobte es und – wie damals bei der Amazone – gab es immer noch eine innere Sperre zu ihren wahren Empfindungen.
»Herrjeh!«, rief Ken unterdrückt, als er den überfüllten Raum sah. Doch dann hatten sie Glück und ein Ecktisch in einer der gotisch anmutenden Nischen wurde frei.
Es ergab sich, dass Victoria und Francine nebeneinander saßen. An Francines andere Seite klemmte sich Claire. Jeweils die Kopfenden des verchromten modernen Tisches nahmen die beiden jungen Männer ein.
»Ich hätte nicht gedacht, dass es so voll ist«, murrte Ken. »Es ist doch gar nicht Wochenende.«
Dan lachte kehlig. »In Frisco ist jeder Abend Wochenende.«
Sie bestellten etwas zu trinken und dann kam das Gespräch automatisch wieder auf den anstehenden Trip.
Victoria erklärte, dass die Verschiebungen im Raum-Zeitgefüge anfangs lediglich sehr geringe Messwerte ausgemacht hatten. »Doch zwischendurch wurde es dann mal heftiger. Ähnlich den damaligen Ereignissen.«
Claire schüttelte den Kopf. »Wir haben doch alle Übeltäter ausgeschaltet. Wer sollte erneut solche waghalsigen Experimente durchführen?«
Victoria hob hilflos die Arme.
Ken beugte sich vor. »Dann fasstest du den Entschluss, Francine zu suchen und das Team um Hilfe zu bitten.«
Victoria bejahte das. »Wenn sich jemand mit Raum-Zeit-Verschiebungen auskennt, dann doch ihr!«
»Da hast du sicher recht, wenn wir auch nicht alles wissen.« Ken nahm einen Schluck seines Drinks. Dann merkte er an: »Gut nur, dass euer Gliderprogramm inzwischen so gut funktioniert.«
Victoria lächelte etwas unglücklich. »Ja … schon … aber es gab auch einige Fehlschläge.« Ihr Gesicht wurde ernst. »Sogar tragische. Ein ganzes Team verschwand spurlos zwischen der Unendlichkeit.«
Dan versteifte sich. »Ach, so was … wie bei uns.«
Victoria zog eine Augenbraue hoch.
»Ja«, fuhr Dan fort und blickte Francine an.
Diese nickte. »Es gab einen Unfall. Glider One raste aus nicht vollständig geklärten Gründen in ungezielte Koordinaten und das Wrack und … na ja … alles verteilte sich auf unzählige Welten. Wir sind auf der Suche, konnten aber noch nicht alle Welten ausfindig machen.«
Victoria senkte den Kopf. »Das ist schlimm. Sehr schlimm. Bei uns – ihr wisst, dass ich nach dem Antritt des Pontifikats das Programm zu friedlichen Zwecken umkonstruiert habe – verschwand die beste Physikerin beim Probeflug. Darana Perth. Sie hatte zahlreiche Auszeichnungen für ihre astrophysikalischen Forschungen erhalten.«
Francine runzelte die Stirn. Obwohl ihr immer wieder heiß wurde, wenn Victorias Augen sie trafen, materialisierte sich in ihrem Gehirn eine Erinnerung an aktive Einsätze aus CIA-Zeiten. Im Irak-Krieg. Sie spielte immer in vorderster Front. Jetzt war sie zwar immer noch bei der »Firma«, aber in anderer Funktion.
»Sagtest du Darana? Nicht Tatjana Perth?«
Victoria schüttelte den Kopf. »Darana! Ich gebe zu, ein seltsamer Vorname, aber auch wieder nicht völlig ungewöhnlich. Es gibt Menschen wie Nevada oder … Vegas.«
Die anderen drei mussten lachen. »Himmel – genau wie bei uns! Die Leute spinnen manchmal und wissen nicht, was sie ihren Kindern antun. Ist Daran oder Darana eine Stadt in eurer Welt?«, wollte Ken wissen.
»Ein District«, gab Victoria Auskunft. »Er umfasst die Inselgruppen der Seichinen. Bei euch heißt es wohl Seychellen. Vieles ist wie hier – doch einiges besitzt andere Mundart-Namen.«
»Erzähle mir von dieser Physikerin.«
Victoria stützte den Kopf in die Hände. »Was gibt’s da zu erzählen … Sie wurde in der Stadt Verduk geboren. Die Eltern waren Universitätsprofessoren, sie studierte in Oxford und promovierte in Mathematik und Physik. Sie besaß dann einen Lehrstuhl in Oxford.«
Victoria blickte Francine aufmerksam an. Dann winkte sie ab. »Sorry, aber dein Gedankengang funktioniert nicht. Der Glider tauchte wieder auf und in ihm saß die Leiche von Darana Perth. Dazu …« Victoria schüttelte sich. »… verbrannte Überreste der anderen Crew.«
Ken machte ein ernstes Gesicht. »Demnach wurde der Glider zurückgeschleudert. Wie lang dauerte der Zeitraum zwischen Verschwinden und Rückkehr?«
»Neun Monate.«
Dan pfiff durch die Zähne. »Wie sah die Leiche der Physikerin aus?«
Victoria fuhr sich mit den Händen durch das lange Haar. »Furchtbar. Aber wir konnten sie identifizieren.«
Francine schloss erschüttert die Augen. »Ja, dann scheidet meine Theorie wirklich aus.«
Das Gespräch drehte sich in andere Bahnen. Claire bemerkte, dass Francines Körper immer leicht vibrierte, wenn Victoria sie im Gespräch ansah.
Sie beugte sich zu der Freundin und zog sie am Arm etwas zu sich.
»Du musst dich entscheiden«, flüsterte sie Francine ins Ohr. »Entweder du liebst sie oder nicht. Wenn ja, musst du dich dazu bekennen. Andernfalls wirst du verrückt!«
Die ehemalige CIA-Agentin schluckte trocken.
Gegen ein Uhr in der Nacht brachen die fünf Freunde auf. Victoria schritt voran. Sie hatte eben die Eingangstür erreicht, als diese zersplitterte. Die Scherben flogen wie Schrapnells durch den Thekenbereich. Dann erst vernahm man das Stakkato einer Maschinenpistole.
Geistesgegenwärtig riss Francine Victoria zu Boden. Ken schnappte Claire, sie und Dan hechteten hinter eine eiserne Säule, die den Eingang von der Bartheke abgrenzte.
Ein paar andere Gäste hatten weniger Reflexe und … Glück.
Die Maschinenpistole verstummte. Dafür hörte man das Aufheulen eines Automotors.

Ein Ort in einem abgeschirmten Gebiet – nahe von San Francisco

Der Mann im dunklen Kampfanzug wählte eine Telefonnummer über den PC.
Es dauerte ein paar Sekunden, dann materialisierte sich ein Symbol auf dem Bildschirm und eine Stimme meldete sich.
»Vollzug?«
Der Mann im Kampfanzug trommelte mit den Fingern auf der Metalltischplatte herum.
»Negativ! Objekt wurde in letzter Sekunde entzogen.«
»Was heißt das?«, bellte die Stimme aus dem PC.
»Es sind mehre Personen gewesen und Zielobjekt konnte Deckung suchen.«
Ein paar Sekunden war es still. Dann kam die befehlsgewohnte Stimme.
»Zielobjekt darf nicht überleben! Ein umfangreicher Plan hängt daran. Ein Konzept, das die Weltordnung verändern wird. Zielperson wohnt …« Es kam die Adresse.
»Verstanden«, sagte der Mann im Kampfanzug
»Heute noch eliminieren! Das ist ein Befehl!«
Die Verbindung wurde unterbrochen. Der Mann gab einen Seufzer von sich und schaltete ab. Nur eine trübe Glühbirne gab noch spärliches Licht in dem kargen Raum.
»Okay«, kam es gemurmelt. Der Mann stieß eine Tür auf, die zu einem Raum führte, an dem an einem langen Tisch zwanzig Personen saßen. Alle trugen die Kampfkleidung der NAVY.

Hotel EDEN, San Francisco

»Vermutlich ein Bandenkrieg. Wir hatten Glück«, hatte Ken erklärt, als sie rasch einen weiten Raum zwischen sich und die Bar gebracht hatten.
»So wird es sein«, murmelte Dan noch völlig verschreckt.
Sie hörten die Signale zahlreicher Polizeifahrzeuge.
Endlich hatten sie sich verabschiedet und Francine und Victoria hatten ihr Hotel – es hieß EDEN – aufgesucht. Ken, Claire und Dan übernachteten im Institut.
In Francines Kopf rotierten die Gedanken, als sie gemeinsam mit Victoria im Fahrstuhl in den 23. Stock fuhr.
Victoria lehnte sich an die verspiegelte Rückwand der Kabine und zog die Hochhackigen von den unbestrumpften Füßen.
»Das war ja ein krönender Abschluss des Abends«, stöhnte sie.
Die Kabine stoppte. Mit den Schuhen in der linken Hand marschierte sie vor Francine über den dicken Läufer des Flurs auf das gemeinsame Zimmer zu.
Erst als die Tür sich hinter ihnen schloss, entspannten sich die beiden Frauen etwas.
Victoria ließ sich auf die noble Couch fallen. Dumpf klackend fielen ihre Schuhe zu Boden.
Francine warf die leichte Jacke auf ein Tischchen und ließ sich gegenüber Victoria in einen Sessel sinken.
»Das hätte schief gehen können«, stieß sie aus.
Victoria nickte und schaute die Freundin ernst an. »Du hast mir das Leben gerettet. War das ein Reflex aus deiner CIA-Zeit in der Spionageabwehr?«
Francine lachte hart auf. »Vermutlich verlernt man so was nicht.«
Victoria blickte die junge Frau ernst und lange an.
»Danke«, hauchte sie dann.
Francine schluckte. »Wenn dir etwas passiert wäre … ich … hätte es nicht ertragen.«
Victorias Augen ruhten immer noch auf ihr und schienen bis tief in die Seele dringen zu wollen. Francine konnte nicht dagegen an, dass ihr Rücken sich trotz des leichten T-Shirts mit Schweiß bedeckte.
Victoria drehte sich auf der Couch auf den Bauch, legte den Kopf seitlich auf ein Kissen und zog die Beine hoch. Sie blickte Francine fest an.
»Du hast zwischenzeitlich eine andere Frau kennengelernt?« Sie fragte es leise.
Die ehemalige CIA-Agentin biss sich auf die Lippen.
»Was Ernstes?«, fragte Victoria weiter.
Francine sprang auf und machte hilflos ein paar Schritte durch den Raum. »Ich … weiß es nicht. Es war für mich überrumpelnd.«
Sie wirbelte herum. »Ich habe mich nie zu meinen Gefühlen bekannt. Erst als ich dich traf, wurde es mir bewusst. Das heißt … eher unterschwellig. Ich wehrte mich dagegen! Meine ganze Erziehung … es passte nicht in meine moralischen Vorstellungen!«
Sie blieb stehen und barg das Gesicht in den Händen. Hohl kam es: »Erst Lyntaia machte mir klar, was es bedeutet, wahre Gefühle zu unterdrücken. Die Wahrheit zuzulassen.«
Mit angewinkelten Beinen richtete Victoria sich etwas auf. »Und?«
Francine blickte sie an. »Und was?«
»Na … lässt du die Wahrheit jetzt zu?«
Die junge Frau nickte nur und ein Lächeln huschte über ihre Züge. Sie kam auf Victoria zu und setzte sich auf die Kante der Couch. »Ja«, sagte sie leise. »Ich lasse sie zu.«
Victoria schaute abwartend.
Francine beugte sich zu ihr herab. »Ich lasse es zu!« Sie gab der vor ihr Liegenden einen Kuss. »Ich liebe dich! Das weiß ich jetzt.«
»Und Lyntaia?«
Francine seufzte. »Sie ist eine tolle Frau. Aber sie ist eine Amazone und … sie ist völlig anders als ich. Härter … eine Kriegerin.«
»Bist du das nicht auch?«
Francine schüttelte den Kopf. »Nicht in der Weise. Ich könnte ohne Krieg und Waffen leben. Ich suche Gerechtigkeit und Frieden.«
Victoria lachte leise. »Große Gefühle! Der ewige Wunsch der Menschheit! Aber …« Sie setzte sich auf. »… du siehst mal wieder – es sind unerfüllbare Wünsche.«
Die Agentin nickte. »Es scheint so. Aber wenn ich ein bisschen dazu beitragen kann, dass die Welten besser werden – dann befriedigt mich das.«
Sie legte fest die Arme um Victoria und schmiegte sich an sie.
Erneut lachte die Frau aus der anderen Sphäre.
»Ist dir eigentlich klar, dass du den Papst liebst?«
Francine schaute verdutzt. Dann bogen sich beide vor Lachen.
Da zerknallte die Fensterscheibe der Balkontür. Francine spürte, wie Victorias Körper zusammenzuckte. Sie wirbelte herum. Glassplitter der Thermopenscheibe wirbelten herum. Rauch entwickelte sich.
Giftgas-Granate, signalisierte das Gehirn der CIA-Agentin. Sie warf sich zu Victoria herum und erstarrte.
Der Körper der schönen Frau lag zusammengekrümmt auf der Couch. Blut rieselte aus einer großen Wunde unterhalb der letzten Rippe, in der ein vielleicht zehn Zentimeter langer scharfer Glassplitter steckte.

Stanford Research Institute – zur selben Zeit

Ken studierte das Diagramm, das er soeben erhalten hatte.
»Es wird stärker«, sagte er zu Dan, der vor einer Computergrafik saß. Der schaute auf und sagte: »Aber es lässt sich immer noch nicht lokalisieren.«
Ken fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. »Es ist merkwürdig. Die Ursache kommt scheinbar gleichzeitig von zwei Welten in unterschiedlichen Zeitebenen. Aber wiederum scheint es einen zentralen Punkt zu geben.«
Dan legte den Kopf schief. »Wie soll ich das auffassen?«
Ken ließ das Diagramm sinken. Er stützte sich neben den Freund auf den Computertisch.
»Das auslösende Schwingungsfeld hat nur einen Ursprung. Aber es trifft zwei Welten gleichzeitig.« Ken schüttelte den Kopf. »Ich verstehe es nicht.«
Dan griff sich den Diagrammausdruck. Nach einer Weile hob er den Kopf und sah Ken fest an.
»Das Ding schwebt im Orbit.«
Der Japaner schluckte. »Was?«
»Na …« Dan tippte auf das Blatt. »… ein Schwingungsfeld. Der Sender – oder wie immer wir das nennen wollen – schwebt in einer Zwischensphäre und strahlt beide Welten gleichzeitig an.«
»Das geht nicht!«, rief Ken aus.
Dan hob die Arme. »Denk mal an Sherlock Holmes.«
Über der Nasenwurzel des Japaners bildete sich eine steile Falte. »Was hat der denn damit zu schaffen?«
»Lieber Watson – schalte alle Unmöglichkeiten aus, dann bleibt die Lösung. Selbst wenn sie noch so unwahrscheinlich klingt.«
Kens Mund öffnete und schloss sich. Rau kam es dann über seine Lippen: »Dann müsste jemand eine wahnsinnige Technik entwickelt haben.«
Er griff zum Telefon. »Ich rufe Francine an. Wir müssen in wenigen Stunden starten.«
Er lauschte auf das Rufzeichen, doch niemand meldete sich.
»Sicher turteln sie noch irgendwo herum«, merkte Dan grinsend an.
Ken presste die Lippen zusammen. Nach einer Minute legte er das Handy zur Seite.
»Da stimmt was nicht«, murmelte er.
Dan stand auf. »Ach Ken – hast du es noch nicht kapiert? Das sieht ein Blinder mit dem Krückstock. Victoria und Francine sind …«
»Sind was?«, fragte der Japaner irritiert.
»Ein Paar«, kam es von der Tür her.
Die beiden jungen Männer drehten sich um. Im Türrahmen stand Claire.
»Francine und Victoria lieben sich seit ihrer ersten Begegnung.«
Dan grinste. Ken machte runde Augen. »Francine ist …«
»Ist sie!«, kam es sachlich von Claire. »Und bitte keine blöden Phrasen. Wir leben nicht mehr im Mittelalter.«
Ken brauchte noch einen Moment, dann blies er die Luft aus den Backen. »Okay, okay – jedem das Seine. Fakt ist, dass ich Francine nicht erreichen kann.«
Claire reckte das Kinn vor. »Ich fahre zum Hotel EDEN.« Als die beiden jungen Männer sich in Bewegung setzen wollten, wehrte Claire ab. »Überlasst das mal mir. Ist besser so!«
Damit rauschte sie aus dem Labor.
Mit dem Lift fuhr sie an die Erdoberfläche. In der großen Empfangshalle des Instituts, in der von den dort tätigen Mitarbeitern niemand ahnte, dass der Code gesicherte Lift mit der Kennzeichnung EMERGENCY statt nach oben, nach unten führte, trat sie an die runde Informationstheke und ließ sich von dort ein Taxi rufen.
Zwanzig Minuten später stand sie vor dem Hotel, um dessen Haupteingang es von Blau- und Rotlichtern nur so wimmelte.
»Heiliges Blechle!«, entfuhr es ihr.
Ein Polizist wollte sie aufhalten, doch ihr Spezialausweis machte ihr den Weg frei.

Hotel EDEN – San Francisco

Im Foyer traf sie auf eine völlig aufgelöste Francine.
Claire fing die Wankende ab, die eher ziellos durch die Halle taumelte.
»He! Was ist passiert?«
Aus leeren Augen blickte die Angesprochene die Freundin an. »Victoria … ein Anschlag …«
Claire spürte den Kloß im Hals. »Und?«, wisperte sie.
Francine zuckte die Schultern und deutete auf den Rettungswagen, der gerade mit viel Getöse anfuhr.
Claire schob die Freundin zu einer Sitzgruppe. Dort ließ sie sich berichten, was vorgefallen war.
Endlich merkte Claire an: »Der Anschlag in der Bar galt demnach ebenfalls Victoria. Jemand weiß, dass sie hier ist und uns um Hilfe ersucht. Jemand, der das auf alle Fälle verhindern will.«
Sie zog das Mobiltelefon aus der Jeanstasche und rief Ken an.
»Zum Henker, wir müssen sofort starten«, rief er aus.
»Erst muss ich wissen, wie es um Victoria steht!«, kam es von Claire. »Ich melde mich wieder.«

Sankt Elena Hospital San Francisco – zwei Stunden später

»Nun beruhige dich mal!«
Claire stampfte mit dem Fuß auf. »Die Ärzte wissen, was sie tun!«
Francine, Claire, Dan und Ken standen auf dem Flur des St. Elena Hospitals vor der Notaufnahme.
Dan lehnte an der weiß getünchten Wand mit geschlossenen Augen. »Eines scheint klar zu sein – jemand will Victoria ausschalten. Entweder ist es jemand, der verhindern will, dass wir den Urheber des Angriffs auf ihre Welt ermitteln oder …«
Claire blickte mit gerunzelter Stirn zu dem Freund. »Oder…?«
Dan stieß sich von der Wand ab. »Oder jemand nutzt die Gunst der Stunde, um sich auf den Stuhl des Pontifex zu setzen.«
Ken schaute auf die Bodenfliesen. »Wir müssen beide Möglichkeiten in Betracht ziehen. Es kann aber auch sein, das beides zusammenhängt.«
Francine schüttelte ein Schluchzen. Da öffnete sich mit leisem Summen die Doppelflügeltür der Notaufnahme. Ein Arzt in OP-Kleidung erschien.
»Sind sie Verwandte der Verletzten?«, erkundigte er sich und blickte von einem zum anderen.
Claire schaltete sofort. »Ich bin ihre Schwester … das hier sind gute Freunde.« Dabei deutete sie auf die drei Kameraden.
Der Arzt nickte nur. »Es war knapp. Sehr knapp! Eine Arterie war getroffen. Sie hat viel Blut verloren. Zudem besitzt die Dame eine sehr seltene Blutgruppe. Zum Glück besaßen wir eine solche Konserve noch.« Er stockte eine Moment. »Merkwürdig«, murmelte er dann. »Diese Blutgruppe kommt unter zehntausend Menschen einmal vor, aber es ist schon der zweite Fall innerhalb von drei Monaten.«
Claire und Ken warfen sich einen kurzen Blick zu.
Dann fragte die junge Frau erstaunt: »Ach … das interessiert mich. Ich weiß, dass es schon einmal große Probleme bei einer OP meiner … Schwester gab. Es gibt kaum Blutspender dieser Gruppe. Kam der Patient aus San Francisco?«
Sie lächelte den Arzt an. »Ich weiß, dass es eine Schweigepflicht gibt, aber käme diese Person als Blutspender infrage? Ich meine … meine Schwester und er könnten sich für Notfälle gegenseitig helfen. Wenn man schon mal aus einer Stadt kommt.«
Der Arzt zog die Augenbrauen hoch. Er schaute Claire lange an, dann meinte er leise: »Da haben Sie sicher recht, nur …« Man sah, dass er mit sich kämpfte.
»Sowas kann Leben retten. Sie haben gesehen, wie rasch man an Grenzen stößt. Auch wenn man ein noch so guter Arzt ist.«
Claire spielte auf Psychologie.
Es wirkte.
»Kommen Sie in zwei Stunden in mein Arztzimmer. Erster Stock, Raum 44B.«
Damit verschwand er wieder in der Notaufnahme.
Wenig später erschien eine Schwester. »Wenn Sie die Patientin besuchen wollen, warten Sie bitte bis morgen. Sie liegt im künstlichen Koma.«
Dan zog die zögernden Freunde zum Ausgang. »Lasst uns ins Institut fahren. Claire kann dann nachher den Arzt aufsuchen. Vielleicht bringt uns seine Auskunft weiter.«
»Wir müssen so rasch wie möglich starten«, drängte Ken unterwegs im Taxi. »Allerdings werden wir Victoria zurücklassen müssen.«
Das passte Francine gar nicht.
Im Institut begrüßte sie der Teamleiter. »Es ist merkwürdig«, sagte er. »Seit vier Stunden gibt es keine Schwingungen mehr im Raum-Zeit-Gefüge. So, als habe man die Versuche eingestellt.«
»Was nicht heißt, dass sie nicht bald wieder beginnen könnten«, warf Dan ein.
Das musste der Team-Chef bestätigen. »Jedenfalls stehen beide Glider für morgen Abend – exakt 22 Uhr – bereit zum Start. Bereiten Sie sich vor.«
Die Timetraveller suchten das Casino auf.
Bei einem Kaffee entspannten sie sich.
»Was meinte vorhin der Arzt?«, begann Dan. »Ist es möglich, dass noch jemand von 4-0-6 Alpha hier herumturnt?«
Keiner wusste eine Antwort darauf.
Anderthalb Stunden danach stand Claire vor dem Zimmer des Arztes. Sie klopfte.
»Herein«, vernahm sie die Stimme.
Sie betrat den halbdunklen, kleinen quadratischen Raum. Der Arzt – nun im weißen Kittel – saß an einer Art Schreibtisch. Vor ihm lag eine Akte.
»Bitte nehmen Sie Platz«, sagte er und deutete auf den einzigen freien Stuhl.
Er wandte den Kopf zu Claire und sagte dann mit fester, aber leiser Stimme: »Sie sind nicht die Schwester der Dame, von der ich nicht mal den Namen kenne.«
Claire schluckte kurz, fing sich dann aber. »Wie kommen Sie darauf?«
Nun lächelte der Arzt. »Weil es keinen Patienten sonst mit dieser Blutgruppe gibt.«
»Bitte?«
Claire sperrte vor Verblüffung den Mund auf.
Der Arzt lachte leise vor sich hin. »Die Blutgruppe von Miss Victoria Valentino – so heißt sie doch ursprünglich – besitzt außer ihr nur ein Mensch hier.«
»Ach! Und wer?«
Der Arzt lachte wieder. »Jemand, den Sie nicht kennen.«
Während er das sagte, richtete er eine 44er Magnum auf Claire.
»Was soll der Unsinn?« Spröde kam es über die Lippen der jungen Frau.
»Wer sind Sie?«, fragte der Arzt.
Claire versuchte ihre Chancen abzuchecken, den Mann zu überwältigen.
»Um mich das zu fragen, richten Sie eine Waffe auf mich?«
»Ich wiederhole meine Frage.« Das kam kurz und knapp.
Claire seufzte. »Okay – eine gute Freundin. Also? Was soll der Unsinn?«
»Sie gehören zu einem Zeit-Welten-Reiseteam.«
»Na und?«
Der Arzt legte leicht den Kopf schief. »Sie stören gewisse Aktionen.«
Claire machte theatralisch runde Augen. »Tue ich das? Weshalb haben sie Victoria dann das Leben gerettet? Es muss doch mit ihrem Blut geschehen sein.«
»Stimmt«, kam die Antwort. »Wir brauchen etwas von ihr.«
»Wozu?«
»Für ein Experiment. Nur das Blut. Aber das geht Sie nichts an und nun muss ich Sie leider ausschalten.«
Claire fackelte nicht lange. Sie sprang aus der Sitzhaltung heraus den Mann an. Der war zu verblüfft, um sich richtig zu wehren. Die Waffe polterte auf die Tischplatte.
Claire schlug zu. Der Arzt ging zu Boden. Rasch ergriff sie die Magnum und richtete sie auf den stöhnend am Boden Liegenden.
»So, Doc«, sagte sie kalt. »Jetzt werden Sie mir was erzählen!«
In diesem Moment wurde die Tür des Arztzimmers aufgerissen. Zwei Schüsse blafften auf. Der Körper des Arztes zuckte. Die Tür knallte wieder zu.
Claire brauchte nur zwei Sekunden, um ihre Erstarrung zu überwinden. Sie sprang hoch und riss die Tür auf. Sie sah gerade noch, wie sich am Ende des Flurs eine Aufzugtür schloss.
»Treppe!«, schrie es in ihrem Kopf. Sie spurtete los. Nach vier Metern fluchte sie, weil sie statt bequemer Schuhe die High Heels angezogen hatte. Sie riss sie sich von den Füßen und jagte auf nackten Sohlen auf die Treppe zu. Während sie rannte, schaute sie bei jedem Stockwerk auf die Fahrstuhlanzeige. Im Erdgeschoss stellte sie fest, dass die Kabine inzwischen im Kellergeschoss angekommen war.
Am Ende der Treppe versperrte eine Eisentür den Weg. Sie war verschlossen. Claire fluchte, weil sie die Magnum im Arztzimmer hatte liegen lassen. Auch noch mit ihren Fingerabdrücken.
»Bullshit!«, entfuhr es ihr.
»He! Was suchen Sie da?«, rief eine tiefe Stimme hinter ihr. Sie stammte von einem korpulenten Pfleger.
»Polizei!«, rief Claire. »Haben Sie einen Schlüssel?«
»Sicher«, kam es verblüfft. »Aber …«
»Aufschließen! Sofort! Oder ich lasse Sie wegen Behinderung einer Fahndung festnehmen!«
Da kam Bewegung in den Mann.
Zwei Minuten später stand Claire in dem Kellergang. Doch von dem Mörder gab es keine Spur. Nur eine offene Fahrstuhltür.
Über ihr Mobiltelefon nahm Claire Kontakt zu Ken auf. Der war außer sich.
»Du musst sofort nach Victoria sehen!«
Claire wurde bleich. Daran hatte sie ja gar nicht gedacht. Sie sprang in den Fahrstuhl und betätigte den Knopf zum Parterre. Oben raste sie zur Rezeption.
Rücksichtslos drängte sie zwei Leute zur Seite. Auf deren Protest rief sie nur: »Polizei!«
Rasch erhielt sie die Auskunft, auf welcher Station und in welchem Zimmer Victoria sich befand.
Sie spurtete los.
Als sie vor dem Bett stand, wankte sie.
Victoria war tot.
Es schien, als habe man ihr das gesamte Blut entzogen.

Stanford Research Institute – San Francisco und Hotel EDEN

»Wir können etwas tun, was wir eigentlich nicht tun dürfen«, erklärte der hochgewachsene Mann mit der polierten Glatze. Das Team hatte ihn bisher nur einmal gesehen, als sie auf den Ethik-Kodex für das neue Reiseprogramm vereidigt worden waren.
Francine schluchzte nur.
»Aber«, fuhr er fort. »In diesem Fall hält das Wissenschaftlich-Ethische-Gremium des MTRD dies für gerechtfertigt. Wir müssen einen Zeitablauf ungeschehen machen, der Auswirkungen auf mehrere Welten haben kann. Vielleicht auf das ganze Universum. Notfallformel ZS 601 tritt hiermit in Kraft!«
Claire, Francine, Dan und Ken sahen sich an. Sie wussten, dass es sich um eine absolut einmalige Ausnahmesituation handeln würde.
»Machen Sie eine Zeitreise und verhindern sie den Anschlag auf Miss Victoria. Allerdings darf Miss Carpet nicht mitfliegen, sonst erzeugen wir einen Dopplereffekt. Danach starten Sie sofort das geplante Programm.«
Nur eine Stunde nach dem Programm startete der Thunderbird.
Als sie wieder genau dort landeten, wo sie abgeflogen waren – schauten Claire, die auch zurückgeblieben war, und das Labor-Team völlig erstaunt auf den Glider.
Ken und Dan öffneten die Kabinentür.
»Wo … wieso …« Der Teamleiter schaute auf seine Unterlagen.
»Später Doc!«, rief Ken nur und zog Claire am Arm mit.
»He! Was ist denn los?«, rief ein Techniker noch.
»Später, später!«
Der instituteigene Jeep jagte aus dem Parkdeck. Ken setzte das transportable Blaulicht auf. Die Polizeisirene fegte den Weg frei. Nicht bekannte Regierungsobrigkeiten hatten es durchgesetzt, dass es diesen Wagen für Notfälle gab.
Mit kreischenden Pneus stoppten sie vor dem Haupteingang des Hotels. Es war bereits dunkel und zwei Bogenlampen tauchten den pompösen Eingang in gleißendes Licht. Der Portier blickte erschreckt auf, als das Trio an ihm vorbei zum Lift raste.
Ken und Dan trampelten nervös mit den Füßen, als sich die Kabine endlich in Bewegung setzte.
Dann war es so weit. Sie standen vor der Hotelzimmertür. Ken drückte die Klinke. Verschlossen. Er trommelte dagegen.
»Francine! Francine! Mach auf! Schnell!«
Sie vernahmen einen Ruf von innen. Dann öffnete sich die Tür. Ken stürzte als erster in den Raum, wobei er Francine zur Seite stieß. Diese stieß einen kurzen Schrei aus. Victoria richtete sich in dem weißen Hotelbademantel auf der Couch auf. Ken warf sich fast auf sie und riss sie dabei auf den Boden herab. Da knallte die Fensterscheibe.
Ken katapultierte sich mit Victoria hinter einen ausladenden Sessel. Da flogen auch schon die Verderben bringenden Glassplitter umher. Zwei bohrten sich in die Couch – genau dorthin, wo die junge Frau eben noch gelegen hatte.
Stille!
Francine stand wie erstarrt. Victoria würgte. Ken richtete sich langsam auf. Dan, der Francine schützend umklammert hielt, atmete schwer.
»Gerade noch rechtzeitig!«, stieß er krächzend aus.
Victoria rappelte sich hoch. »Woher … konntet ihr wissen …?«
Ken starrte auf die zerfetzte Scheibe. »Das erkläre ich euch alles später. Wir müssen hier weg.«

Stanford Research Institute – eine Stunde danach

»Das ist unglaublich!« Victoria strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
In diesem Moment meldete sich Kens Mobiltelefon. Es war Police-Captain Jefferson. Ein Freund.
»Ken – diesen Arzt gibt es nicht im Sankt Elena.«
Ken schürzte die Lippen. »Das dachte ich mir. Trotzdem danke, Harry.«
Er unterbrach die Verbindung. Dann erklärte er Francine und Victoria sowie Claire, was sich (für sie in der nicht stattgefundenen Zukunft) abgespielt hatte.
Victoria zeigte sich völlig verwirrt. »Dann ist mir wohl gleich zweimal das Leben gerettet worden.«
»Kann man so sehen«, entgegnete Claire trocken.
Nun gab es ein ausführliches Meeting im Casino.
»Die Sache wird also brenzlig«, erklärte der Laborchef. »Ich setze den Start des Gliders auf morgen früh sechs Uhr Ortszeit fest.«

Start ins Paralleluniversum

Gewaltig schob sich die Sonne über die Krümmung des Planeten, der im Stanford-Institut als 4-0-6 Alpha bezeichnet wurde.
Francine steuerte den Glider auf die Hauptstadt San Frederico zu. Victoria behielt die Anflugkontrollen im Auge und meldete sich bei SF-Control ihres eigenen Raum-Flug-Centers an.
Claire beobachtete das Radar.
Vierzehn Minuten später landeten sie unweit des Sitzes des PONTIFEX.
Victoria löste ihren Gurt. »Wieder zu Hause!«, rief sie aus.
Francine lächelte nur.
Zeitgleich näherten sich Dan und Ken der Welt 7-0-3 Alpha. Diese erwies sich aus der Höhe – knapp unterhalb der Stratosphäre – als urweltlich.
»Hier sehen wir die Erde, wie sie wohl vor Millionen Jahren einmal ausgesehen haben muss«, murmelte Dan ehrfürchtig.
Ken lenkte den Glider in einen leichten Abwärtsbogen.
»Vorsicht!«, schrie Dan plötzlich.
Gerade noch rechtzeitig konnte Ken den Glider wieder hochziehen.
Der Pteranodon schoss vorbei. Die Flügel – mit einer Spannweite von wohl fünf Metern – verursachten einen Wirbel, der den Glider vibrieren ließ.
»Uff!« keuchte Ken. »Das war knapp! Wusste aus dem Biologieunterricht gar nicht, dass die Viecher so groß waren.«
»Himmel!«, knurrte Dan, »hoffentlich begegnen uns nicht noch mehr davon. Keiner weiß ja so genau, was sich in der Urzeit abgespielt hat.«
Ken schaltete den Wärme-Radar-Taster ein. Er zeigte einen ganzen Schwarm großer Vögel an, die sich aber von dem Glider wegbewegten.
Im Tiefflug ging es über ein riesiges Regenwaldgebiet. Dann änderte sich die Fauna.
»Sieh dir das an!«, rief Ken. »Riesenfarne! Mindestens zwanzig Meter hoch!«
»Ja«, kam es von seinem Kameraden. »Aber kein Hinweis auf menschliche oder menschenähnliche Behausungen.«
Beinahe eine volle Stunde glitten sie über den Farnwald. Dann wechselte die Landschaft. Roter, trockener Sandstein – Schluchten – reißende Flüsse in engen Tälern.
»Wir erleben die Erde in der Frühzeit«, staunte Ken.
Doch dann begann der Wärmetaster zu summen. Ken zog den Glider in eine enge Kehre.
Eine Herde Saurier mit gepanzerten Rückenkuppen jagte – eine gewaltige Staubwolke aufwirbelnd – unter ihnen hinweg.
Doch da war noch etwas anderes.
»Ein großes Wärmefeld rechts von uns«, sagte Ken. »Aber ich kann nichts ausmachen.«
Dan drückte sein Gesicht fest an die Kunststoff-Panzerscheibe. Da sah er etwas aufblitzen.
»Auf drei Uhr!«, schrie er aufgeregt.
Ken folgte dem Blick und lenkte den Glider hinüber.
Dann erkannten sie es!
Eine Kuppel! Von den Ausmaßen eines Radius von vielleicht sechshundert Metern. Sie schien aus Metall zu bestehen.
»Teufel! Was ist das?«, wollte Dan wissen.
Ken zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Wir werden es uns ansehen.«
In einer Entfernung von hundert Metern landete der Glider.

San Frederico

Sie durchschritten die große Halle des Vatikans.
Die Wachen in der Uniform Schweizergardisten verbeugten sich tief vor ihrem Pontifex.
Der Generalsekretär in der dunklen Robe mit dem Hermelinkragen trat auf Victoria zu.
»Gott sei gepriesen – Eminenz ist zurück!«, rief er aus.
Victoria zog eine Augenbraue hoch. »Was ist passiert?«
Der Generalsekretär richtete sich auf. »Der große Rat tagte. Er hat dringende Fragen an Euch.«
»So«, kam es spöttisch zurück. »Der große Rat hat Fragen! Na – dann berufen Sie ihn für morgen Mittag ein, Kardinal Pesoli.«
Damit strebte sie ihren Privatgemächern zu – gefolgt von Francine und Claire.
In ihrem gemütlichen Appartement warf sie sich in einen Sessel. »Dieser Intrigant Pesoli!«, rief sie. »Er versucht, mich vom Thron zu drücken.«
»Der Bursche eben?«, wollte Francine wissen.
Victoria winkte ab. »Er gehört zur inneren Kurie und möchte gerne mehr Diktatur. Er behauptet, die Menschen würden bei zu viel Freiheit vom Glauben abfallen.«
Francine zog die Nase kraus. »Er könnte dir gefährlich werden.«
»Ach!« Victoria verzog geringschätzend das Gesicht. »Ein Schwätzer.« Sie lachte plötzlich. »Stell dir vor, es gäbe wieder das Zölibat. Frauen nur im Laienstand. Himmel! Jesus würde aus der Kirche austreten!«
»Holla!«, rief Francine. »Du bist der Pontifex.«
Auch Claire schüttelte den Kopf. »Früher hätte man dich als Hexe verbrannt.«
Victoria schaute ernst. »Ja … es ist ja noch nicht lange her, da wäre ich am Kreuz geendet. Wenn auch wegen einer anderen Sache.«
Francine und Claire sahen sich an. Sie würden diesem Herrn mal auf den Zahn fühlen.
Da Victoria einiges zu erledigen hatte – die Staatsgeschäfte bedurften ihrer dringenden Anwesenheit bei einigen Dingen – suchten die beiden Timetraveller das Kontrollcenter auf. Dort wurden sie – nach einem Anruf Victorias – mit Pete Fowler und Sandra McPherson bekannt gemacht. Sandra McPherson, Doktor der Mathematik und Physik, leitete das Glider-Programm und das gesamte Center. Pete war für die Computersysteme verantwortlich und die Überwachung des Raum-Zeitgefüges.
»Eigenartigerweise«, begann Sandra, »gab es keine Unstimmigkeiten und Bewegungen seit zwei Wochen.«
Claire blickte die Kollegin an. Beide waren sich auf Anhieb sympathisch. Claire bemerkte auch, dass Pete Francine eigenartig anschaute.
Innerlich musste sie lächeln. Keine Chance, my Boy. Francine liebt Victoria, dachte sie.
Francine und Claire staunten, wie weit sich hier – parallel zu ihrer Realwelt – das Gliderprogramm fortentwickelt hatte.
Da konnte das Stanford Institut noch etwas lernen. Vielleicht war eine Fusion des Wissens beider Welten von Vorteil. Zumal es, in der Person von Victoria, keinen Feind gab.
Sandra ging auf eine Art Bühne zu, die ein wenig an die Kommandobrücke des TV-Raumschiffes USS ENTERPRISE erinnerte.
Die Leiterin der Forschungsstation schaltete einen Monitor ein. Nachdem sich der Bildschirm aktiviert hatte, wies er ein Diagramm aus.
»Hier – das sind die Schwingungen von vorgestern. Danach war Ruhe.«
Claire betrachtete die Parabeln und Vertikallinien.
»Es scheint von einem zentralen Punkt auszugehen«, murmelte die Agentin.
Sandra nickte. »Ja – vom Quadranten P minus neun Strich zwei.«
Claire schaute auf die etwas entfernt hängende Karte des Universums.
»Also aus der Plutobahn.«
Sandra nickte. »Ihr nennt ihn also auch so. Gut! Ja – aus der Plutobahn. Immer dann, wenn der Planet von hier aus auf Zwölf Uhr steht. Es ging vor acht Wochen los. Dann herrschte zwei Wochen Ruhe. Vermutlich sind wir wieder in einer Ruhephase. Ich habe allerdings keine Ahnung, weshalb das so ist.«
In Claires blitzschnellem Verstand malte sich ein Szenario ab. Angenommen, jemand vollzog tatsächlich aus einer Parallelwelt heraus den Angriff aus dem Orbit. Dann wäre es möglich, dass das Kraftfeld des Pluto die Energie ablenkte. Also musste man warten, bis der Planet ein Stück wegrückte.
Claire schüttelte dann den Kopf. »Nein – Unsinn!«
Sandra sah die junge Frau an. »Was?«
Claire lachte freudlos. »Ich habe nur laut gedacht.«
Die Zeiträume stimmten in keinster Weise. Aber wenn … Ja, so konnte es sein!
Charon und Pluto umrunden einander in 6 Tagen 9 Stunden.
»Zeig mir noch einmal genau die Aufzeichnungen der Schwingungen im Raum-Zeitgefüge«, forderte Claire.
Sandra rief sie auf.
Claire studierte die Statistik. Dann erklärte sie: »Hier! Die Dauer der Wellen beträgt ca. siebeneinhalb Stunden.«
Sandra blickte fragend. »Ja und?«
»Wenn meine Vermutung stimmt, hängt es mit der Umlaufbahn des Mondes Charon zusammen. Wir müssen feststellen, an welchem Umlaufpunkt beim jeweiligen Einsetzen und Stoppen der Wellen sich der Mond befand. Dann kennen wir den Punkt, an dem sie in dieses Zeitgefüge eintreten.«
Die Physikerin rief über das Netz die entsprechenden astronomischen Daten ab.
Claire triumphierte. »Jedes Mal, wenn Charon in einem ungefähren Winkel von 35 Grad zu diesem Planeten steht. Also hängt es mit dem Energiefeld des Plutomondes zusammen.«
Sandra legte den Kopf schief. »Was hilft uns das?«
»Wenn der Angriff im Zwei-Wochen-Rhythmus vor sich geht, wäre er in vier Tagen wieder fällig. Wenn wir die Bahn des Plutomondes berechnen …«, Claire tippte einige Zahlen ins Programm, »… dann startet der nächste Wellenangriff gegen elf Uhr eurer Planetenzeit hier.«
Sandra fuhr sich durch das seidige Haar. »Was können wir tun?«
»Mit einem Orbitglider aufsteigen und uns ansehen, ob wir die Quelle ergründen können. Wir messen die Energie und werden dann versuchen, beim nächsten Angriff ein gleichstarkes Gegenenergiefeld aufzubauen.«
»Himmel!«, rief Sandra aus. »Wie soll das funktionieren?«
»Wir benötigen eine Laserkanone, die wir in einen Phaser umkonstruieren.«
»So was haben wir nicht!«
Claire lächelte leicht. »Dann trommle mal alle deine Ingenieure zusammen.«

Vatikan – San Frederico

Victoria empfing am Abend Francine und Claire in ihren Privaträumen in der zweiten Etage des Vatikan.
»Na, habt ihr Sandra kennengelernt?«
»Ja«, rief Claire. »Eine wirklich bemerkenswerte Frau und intelligente Wissenschaftlerin.«
Victoria lachte nun leise. »Sonst wäre sie nicht auf dem Posten.« Dann wurde ihr Gesicht ernst. »Und?«
Francine berichtete von den Diagrammen und ihren Vermutungen.
»Ihr denkt, im Plutobereich könnten wir die Lösung des Rätsels finden?«
»Ich denke es!«, bekräftigte Claire. »Ihr habt doch für euer Gliderprojekt auch einen Hyperfunksender?«
Victoria bestätigte das. »Anders könnten wir durch die Zeit-Raumströme keinen Kontakt zu unseren Teams halten.«
»Gut! Ich muss versuchen, Ken und Dan zu erreichen.«
Victoria griff zum Intercom. »Wenn ihr die Koordinaten der Welt kennt, dürfte das kein Problem sein.«
Die Pontifex sprach kurz mit jemandem. Dann bemerkte sie zu Francine und Claire: »Ein Page bringt euch hin.«
Claire winkte ab. »Ich mach das schon allein.«
Wenig später verließ sie den Privatsalon.
Francine und Victoria standen sich gegenüber. Francine merkte man ihre Unsicherheit an.
»Wir hatten noch keine richtige Zeit, uns wirklich zu begrüßen«, flüsterte Victoria.
Francine schluckte und meinte leise: »Nein, das hatten wir nicht.«
Zwei Minuten lang standen sie da und schauten sich nur an. Victoria stand neben ihrem antiken Schreibtisch, in einem luftigen Sommerkleid und High Heels. Sie hätte eher in die Verwaltungsetage eines Handelskonzerns gepasst, als hier in den Sitz des Pontifex.
»Du hast ein Problem mit deinen Gefühlen zu mir«, stellte Victoria fest. »Dabei sind wir uns damals schon sehr nahe gekommen. Wenn auch nicht körperlich.«
Francine musste wieder schlucken. Verdammt! Wieso schaffte sie es nicht, über ihren Schatten zu springen und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen?
Victoria atmete tief durch. Dann streifte sie die Stilettos ab und kam im leicht wiegenden Gang barfuß auf Francine zu. Sie ergriff deren Hände und sank in die Knie.
»Ich weiß nicht, wie es in dir wirklich aussieht, aber ich liebe dich.«
Francine schoss das Blut ins Gesicht. Sie wollte etwas sagen, doch es kam kein Ton aus ihrem Mund. Da beugte sich Victoria vor, küsste erst Francines Hände und dann ihre Füße.
»Oh Gott«, hauchte Francine. »Was tust du …«
Dann sank sie ebenfalls in die Knie.
Sie hielten sich an den Händen. Francine hielt die Augen fest geschlossen. Sie spürte Victorias Lippen auf den ihren. Wieder durchfuhr sie das Gefühl des unsäglichen Glücks. Wie vor einigen Tagen, als Victoria sie vor dem Haus in Kensington im Arm hielt. Alles vor ihrem geistigen Auge drehte sich.
»Oh Victoria«, hauchte sie, als sich ihre Lippen voneinander lösten. »Auch ich liebe dich. Bisher wollte ich es nicht recht wahr haben. Hatte das Verlangen unterdrückt. Aber jetzt …«
Sie öffnete die Augen. Victoria lächelte sie an. »Ich glaube, deine Freundin Claire hat es längst gewusst.«
Francine nickte. »Ja, das stimmt. Sie war es auch, die mich drängte, mich zu meiner Empfindung zu bekennen.«
Victoria drückte Francine an sich. »Wirst du es tun?«
Wieder musste Francine schlucken, bis sie flüsterte: »Ja, das werde ich!«

7-0-3 Alpha

Ken und Dan hatten mehrfach vorsichtig die Kuppel umrundet.
»Was denkst du?«, wollte Ken von seinem Freund und Kameraden wissen.
»Ich weiß nicht, was ich davon halten soll«, entgegnete der. »Es gibt keine Öffnung. Auch keinen Hinweis auf einen unterirdischen Zugang.«
Ken legte nun das rechte Ohr an das kühle Metall. Er bemerkte eine leichte Vibration.
»Irgendeine Energiequelle befindet sich im Innern.«
Dan schaute an der wohl zwanzig Meter hohen Kuppel hoch. In diesem Moment erstarrte er.
»Ken«, flüsterte er.
»Ja?«, kam es kurz.
»Sieh mal vorsichtig nach oben.«
Ken folgte der Aufforderung und bekam einen trockenen Hals.
Mindestens acht Pteranodon kreisten über ihnen wie Geier. Es gab keinen Zweifel, dass sie in den beiden Männern eine willkommene Beute sahen.
»Ich dachte, die Viecher fressen Plankton und Fische?«, hechelte Dan.
Ken knurrte nur: »Weißt du, wie das hier auf 7-0-3 Alpha abläuft? Außerdem handelt es sich bei unserem Urzeitwissen um blanke Theorie.«
»Okay – geordneter Rückzug.«
Langsam, die Urvögel keines Blickes würdigend, schritten sie auf die Stelle zu, an der ihr Glider stand.
Da packte sie ein neuer Schrecken.
Ken umfasste fest Dans Arm. Auch der blieb stehen, wie zur Salzsäule erstarrt.
Was sich dort auf sechs Meter ringmäßig wie Autoreifen auftürmte, war nichts anderes als eine prähistorische Anakonda. Der Körper mochte wohl einen Umfang von achtzig Zentimetern aufweisen. Der Schwanz zuckte und der gehörnte Kopf pendelte hin und her, als nähme er Witterung auf.
»Ich habe von solchen Ur-Schlangen mal gelesen, dass sie ganze Mammutbäume ausreißen konnten. Nur mit einem Schlag ihres Körperendes.«
Einer der Pteranodon umkreiste nun den Schlangenkörper, als der Kopf der Anakonda blitzschnell vorschoss und den Riesenvogel schnappte. Der kreischte und zuckte, dann wurde er förmlich in das Maul der Schlange gesogen.
Mit viel Lärm stoben die anderen Flugsaurier davon.
Ken und Dan wagten nicht, sich zu bewegen.
»Wir haben keine Chance, an unseren Glider heranzukommen«, flüsterte Dan.
Ken zog die 44er Magnum, die er als Notfallwaffe mitführte.
Dan hielt seine Hand fest. »Die Kugel wird nicht mal am Schädel des Monsters kratzen«, zischte er.
»Weißt du was Besseres?«, kam es unwirsch zurück.
»Ja! Einfach stehen bleiben.«
Es dauerte bald drei Stunden. Dan und Ken schliefen die Beine ein und ihnen wurde bereits schwindelig, als sich die Riesenschlange endlich entrollte und entgegengesetzt von ihnen davonkroch. Dabei hinterließ sie eine tiefe Rinne im Boden.
Die beiden Freunde atmeten auf.
»Wir müssen uns einen sicheren Platz suchen, von dem aus wir diese Kuppel im Auge behalten können«, entschied Ken.
»Vielleicht sollten wir auch noch einen Rundflug machen.«
Der Japaner stimmte Dans Vorschlag zu.
Sie bestiegen den Glider und starteten. In diesem Moment erreichte sie Claires Hyperfunkruf.
Sie hörten ihren Bericht und ihren Verdacht.
»Okay«, sagte Ken ins Bordmikrofon. »Wir werden jetzt die weitere Gegend erkunden und dann die Kuppel beobachten. Wir melden uns spätestens morgen.«
Inzwischen flogen sie über ein fruchtbares Tal.
»He!«, rief Dan aus. »Das sieht aus wie eine Abart unserer Mammuts!«
»Ja!«, bestätige Ken. »Es besteht eine große Ähnlichkeit. Sieh mal dort hinten … das sind doch Menschen.«
Tatsächlich sah es so aus, als ob steinzeitliche Jäger hinter den Mammuts her seien.
Mit einem Mal begann der Glider sich zu schütteln.
»Himmel! Was ist das?«, rief Dan erschreckt.
»Keine Ahnung … die Kontrollen flackern …«, stammelte Ken.
Dann begann der Glider zu trudeln.
»Bullshit! Wir stürzen ab!«, schrie Ken. Seine Stimme klang schrill. »Wir sind außer Kontrolle!«
In einer stürzenden Spirale wirbelte der Glider dem Boden zu.

Vatikan / San Frederico

Victoria und Francine saßen – jede in einer Ecke – auf der ausladenden Couch.
»Deine Privaträume sind sehr gemütlich. Beim Pontifex hatte ich es mir immer so steif vorgestellt«, meinte Francine leise.
Lachend stellte Victoria das Rotweinglas ab. »Dies ist nicht die katholische Kirche von vor unzähligen Jahren.«
Die CIA-Agentin streckte sich wohlig. »Bei uns ist das noch so. Aber wir haben ja auch keine so sympathische Päpstin.«
Nun mussten beide lachen. Victoria wackelte mit ihren Zehen. Dann berührte sie mit ihren Füßen die von Francine.
»Weshalb ziehst du nicht endlich deine Strümpfe aus und macht es dir bequemer?«, fragte sie leise.
»Hm … ja …«, gab sie zögernd zurück.
Victoria fuhr mit ihren bloßen Füßen über die Unterseiten von Francines bestrumpften Füßen. »Ich dachte, du trägst so was nicht so gern. Oder liegt es an mir?«
»Ach was!«, machte Francine. Jedoch merkte man ihr die Unsicherheit an.
Viktoria beugte sich vor. »Ich möchte deine nackten Sohlen küssen.«
Francine malte mit den Kiefern.
»Äh … ja …«, kam es gequält.
Victoria rutschte mit dem Oberkörper zu der Freundin herüber. »Ich dachte, du würdest endlich den Mut aufbringen?«
»Tu ich ja!«, rief Francine und entledigte sich der Strumpfhose. »Normalerweise trage ich so was auch nicht.«
»Ist es ein Schutz vor mir? Oder vor deinen wahren Gefühlen?«
Viktoria blickte ernst. Ihre Augen schienen Francine bis in die Seele zu blicken.
Diese schüttelte den Kopf. »Nein … nur …«
»Nur?«
»Mir hat noch niemand die Füße geküsst.«
Viktoria hob sanft Francines Beine etwas an den Waden an und drückte ihr auf jede Fußsohle einen festen Kuss.
Francine schloss die Augen, denn die Berührung durchraste ihren ganzen Körper heiß.
Victoria richtete sich wieder auf, ließ die Beine der Freundin los und begann, langsam ihre Bluse aufzuknöpfen.
Francines Blick signalisierte immer noch Unsicherheit.
Da Victoria keinen BH trug, sah man nun ihre bloßen festen Brüste mit den festen Brustwarzen.
Eine erneute Hitzewelle durchfloss Francine.
Victoria rutschte nahe an sie heran und legte die Arme um die Freundin. »Ich möchte dich spüren«, flüsterte sie. »Jeden Millimeter deines Körpers.«
Francines Atem ging schwer.
Wenig später lagen beide – nur im Slip – dicht aneinander gepresst.
Francine spürte Victorias Hände im Bereich ihres Bauchnabels. Sanft streichelnd … dann weiter abwärts gleitend.
Sie verloren sich im Rausch der Sinne …

San Frederico, am Tag danach

»Guten Morgen!«
Fröhlich stieß Claire die Tür auf und stand im strahlenden Sonnenlicht, das durch das große ovale Fenster in den Salon traf.
Francine, die vor einer ausgebreiteten Landkarte vor Victorias Schreibtisch stand, schaute auf und schlüpfte dann rasch errötend in ihre Schuhe, die neben ihr lagen.
Claire zog eine Augenbraue hoch. »Ist Victoria schon weg?«
Francine strich leicht nervös eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. »Ja … sie hat einen Termin mit einem Kardinal … weiß ich nicht.«
»Aha!«, sagte Claire nur amüsiert. »Und weshalb steigst du so aufgeregt in deine Schuhe?«
»Was?« Francine schluckte. »Ach so … nichts weiter.«
»So, so«, kam es belustigt.
Die Freundin kam auf Francine zu und legte ihr den Arm um die Schultern. »Ich denke, es war eine berauschende Nacht?!«
Francine wand sich. »Ach … ja … ich meine …«
»Schon okay!« Claire lachte laut. »Endlich springst du über deinen Schatten. Aber das beantwortet meine Frage nicht. Vor mir musst du dich nicht verstecken.«
Francine ließ sich auf den Sessel sinken und schaute nach unten. »Oh Claire, ich bin so durcheinander.«
Claire setzte sich auf die Kante des Schreibtisches. »Los! Beichte Mutter!«
Nun lächelte die Freundin. »Ich bin sehr, sehr glücklich.«
»Na also! Und weshalb die Hektik eben?«
Francine schluckte. »Also … na ja … Victoria sagte mir, ich hätte sehr schöne Füße und sie bat mich …« Francine verstummte.
Nun lachte Claire laut auf. »Hach! So ist das!«
»So ist was?« Francine zog die Augenbrauen zusammen.
»Nun«, kam es von Claire leichthin. »Victoria ist wohl ein kleines bisschen Fetischistin. Sie hat dich gebeten, in ihrer Nähe barfuß zu laufen.«
Die Freundin nickte. »Ja … aber ich komme mir blöd vor.«
Claire rutschte vom Schreibtisch herunter und beugte sich weit vor. Sie schaute Francine direkt in die Augen. »Kleines – liebst du sie wirklich?«
Die Freundin hob den Kopf etwas und erwiderte den Blick.
»Ja!«, antwortete sie dann fest. »Ich liebe Victoria.«
Claire richtet sich auf. »Dann ist doch alles okay.« Sie zeigte nach unten. »Dann runter mit den Schuhen und zeig deine Füßchen. Ist doch nichts dabei, wenn sie es mag.«
»Meinst du?«
»Meine ich! Jeder hat seinen Tick und wenn es beiden nichts ausmacht … Übrigens haben wir einiges hier dringend zu tun. Wir müssen in den Hyperfunkraum. Irgendwas stimmt bei Dan und Ken nicht. Komm!«
Francine schüttelte den Kopf. »Ich kann doch nicht …«
»Du kannst! Außerdem ist Sommer. Komm, ich bin solidarisch!«
Zwei Minuten später marschierten die beiden Freundinnen auf nackten Füßen über den Flur zu den Aufzügen.
Im Hyperfunkraum empfing sie George Cambridge. Der schaute etwas irritiert auf die beiden barfüßigen Mädels, sagte aber nichts. Stattdessen hielt er ihnen ein Diagramm hin.
»Ein verworrenes Funksignal. Dem Schema nach von der Anlage des Gliders eurer Freunde. Es hat den Eindruck, als sei die Anlage defekt. Wir haben auch eine verschrammelte Tonaufzeichnung.«
»Lass hören!«, gebot Claire. George schaltete den Mitschnitt ein. Sie vernahmen ein starkes, auf- und abschwellendes Rauschen, dazwischen Worte wie: »Shit« und »Du lieber Gott!«
Francine wurde blass und auch Claire zeigte sich sehr nervös.
»Da ist ein Problem aufgetreten«, murmelte Claire. »Wir müssen nachsehen! Könnt ihr uns in euer Glider-Space-Center integrieren?«
George wiegte den Kopf. »Besser, ihr nehmt einen von unseren Glidern. Das System ist ähnlich, aber es gibt Abweichungen. Ich kann nicht für die Punktlandung sonst garantieren.«
Die ehemalige CIA-Agentin kniff die Augen zusammen. »Was ist anders?«
»Ihr nutzt sogenannte Wurmlöcher. Wir arbeiten mit einer Raum-Antigravitation.«
Georg presste für einen Moment die Lippen zusammen. »Stellt euch vor, ihr zieht durch ein Gravitationsfeld das Universum wie mit einem Teleobjektiv zusammen, gleichzeitig krümmt man es wie ein U. Dann würde sich der Flugraum verkürzen. Man fliegt nicht horizontal, sondern vertikal. Allerdings nur scheinbar, denn kaum hat der Glider den Hyperraum erreicht, klappt das Bild wieder auseinander und reißt den Glider mit. Ohne Zeitverlust wird der größte Teil der Strecke … ausgeschaltet.«
»Okay«, meinte Francine. »Dann machen wir das so!«
Das Space-Team traf alle Vorbereitungen. Victoria, als oberste Regierungsinstanz, wurde informiert. Claire und Francine stiegen gerade in die Schutzanzüge, als sie in den Startraum hereinstürmte.
»Was ist passiert?«, rief sie aus.
»Wir wissen es nicht«, entgegnete Claire. »Recht merkwürdige Signale kamen vom Thunderbird herüber.«
Victorias Blick flackerte leicht, als sie Francine ansah. »Lasst Vorsicht walten«, flüsterte sie.
Zehn Minuten später drückte Francine auf den Startknopf.

7-0-3 Alpha

Mühsam rappelte sich Ken hoch. Er stöhnte und fasste sich an den Kopf.
Sein Freund erlangte nur wenige Sekunden später das Bewusstsein wieder.
»Hölle!«, murmelte der. »Was ist denn passiert?«
Ken blies die Backen auf. »Ich habe nur dieses merkwürdige runde Ding gesehen. Dann knallte es und wir trudelten abwärts.«
Er wandte den Kopf. Das Kabinendach des Gliders war zersprungen. Warme Wüstenluft drang zu den Insassen. Gemischt mit Sand, der sich unangenehm auf die Lippen setzte.
Tief rot, mit einer blauen Corona, ging die Sonne unter. Sie tauchte die Umgebung in unwirkliches Licht. So, als ob man bei einem Foto die Farben umkehren würde.
»Der Schlitten hier ist hin«, maulte Ken und arbeitete sich ins Freie.
»Sei vorsichtig«, mahnte Dan eingedenk der Riesenschlange. »Wer weiß, welche Monster hier herumlungern.«
Zwei Minuten später standen beide an das Wrack des Gliders gelehnt und sahen sich um.
»Ich konnte noch einen Notruf absetzen«, brummte der Japaner. »Allerdings habe ich keine Ahnung, ob …«
Dan nickte. »Bleibt die Hoffnung.«
Das Sausen und Brausen von gewaltigen Flügelschlägen unterbrach ihre Gedankengänge. Ihre Augen ruckten zu dem matt silbergrau strahlenden Himmel, der im extremen Gegensatz zur inzwischen dunklen Bodenlandschaft stand.
»Das glaube ich jetzt nicht …«, kam es hohl über Kens Lippen.
Wie ein Scherenschnitt, aber in der Dimension eines niedrig fliegenden Jumbojets, sauste da ein vogelartiges Gebilde heran. Doch was Ken und Dan zusätzlich das Blut gefrieren ließ, waren die zwei hin und her schwenkenden Köpfe.
»Der … Vogel … Roch«, kam es tonlos von Dan. »Der Urvogel der Sage.«
Das Flugmonster – die Flügelspannweite mochte geschätzt um die achtzehn Meter betragen – zog in Segelstellung eine weite Schleife und dann …«
»Heiliger Antonius!«, entfuhr es Dan.
Der Vogel Roch fiel im Sturzflug zum Boden herab, zog wieder hoch, wie ein Jäger auf einem Flugzeugträger und schraubte sich in schwindelnde Höhe. In seinen Klauen drehte und wand sich eine eklige Ur-Riesenschlange.
Als sich die beiden Raum-Zeit-Reisenden von ihrem Schreck erholt hatten, murmelte der Japaner: »Demnach gibt es eine Menge von diesen Schlangenbiestern, wenn der Vogel sich schon davon ernährt.«
Dan schnaufte vernehmlich durch die Nase. »Ja – und das bedeutet weiter, dass unsere Überlebenschancen hier relativ gering sind. Entweder eine dieser Schlangen frisst uns oder dieser Vogel. Vermutlich werden davon auch noch weitere existieren.«
Ken nickte nur, was Dan aber nicht sehen konnte in der Finsternis. »Vor allem«, sagte er, »hat dieses fliegende Vieh scheinbar Röntgenaugen.«
»Scheiße!« Dan fuhr sich durch das wirre Haar. »Was nun?«
Ken deutete über die Schulter. Dort weit hinten zeichnete sich gegen den helleren Himmel die merkwürdige Kuppel ab.
»Dorthin und hoffen, dass wir einen Zugang finden.«
Dan schloss die Augen. Dann krabbelte er in den Glider zurück und kam mit einem kleinen Rucksack wieder zum Vorschein.
»Was soll das geben?«, erkundigte sich der Japaner.
»Sprengstoff«, antwortete Dan. »Vielleicht können wir ihn gebrauchen.«
Ken lachte freudlos auf. »Willst du ein Loch in die Kuppel sprengen? Denke kaum, dass das funktioniert.«
»Nein!«, kam es zurück. »Aber möglicherweise einen Saurier oder eine Riesenschlange oder was weiß ich, was es hier noch gibt, uns vom Leib halten. Komm!«
Sie machten sich auf den Weg. Die Augen immer zum Himmel gerichtet und auf jedes Geräusch achtend.
Es dauerte fast zwei Stunden, bis sie sich auf vielleicht hundert Meter der Kuppel genähert hatten.
Da passierte es!
Der Boden unter ihren Füßen begann zu beben. Sie stürzten.
Sand flog ihnen um die Ohren. Dann baute sich der Schatten vor ihnen auf.
Zehnköpfig!
Zischend!
Züngelnd!
Die beiden Raum-Zeit-Reisenden wagten nicht, sich zu bewegen.
Jeder der Köpfe hing an einem ellenlangen Hals. Dann erhob sich ein grauenhafter Körper. Jeder der Köpfe reckte sich gen Himmel. Ein gemeinsamer Schrei verließ die zehn Kehlen. Dan und Ken erschauerten so, dass sich ihre Glieder wie Stein anfühlten.
Danach – wie ein Spuk – tauchte das Monstrum wieder ab.
Sand- und Erdfontänen spritzten zum Nachthimmel. Das Monster grub sich wieder in den Boden ein.
»Es muss unsere Schritte gehört haben«, flüsterte Dan dem Japaner ins Ohr.
»Ja, aber wir können hier nicht liegen bleiben. An der Kuppel haben wir vielleicht einen Chance.«
Dan krallte seine Hand in den Arm des Freundes. »Es liegt genau zwischen der Kuppel und uns.«
Ken atmete tief durch. »Gib mir eine Sprengstange.«
Jeder der runden, dem alten Dynamit ähnlichen Stangen besaß einen eingebauten Zünder. Ken stellte ihn auf dreißig Sekunden ein.
»Leg dich flach hin«, hauchte er.
Dann erhob er sich und schätzte die Entfernung zu dem umgewühlten Erdreich ab.
Ken holte aus und warf.
Sogleich warf er sich wieder flach der Länge nach hin.
Die Detonation ließ eine zehn Meter hohe Feuersäule entstehen.
Das Chaos brach los!

* * *

»Was ist das?«, rief Claire aus und zeigte in westliche Richtung.
Dort zeichnete sich ein riesiger Feuerschein ab.
»Ein Vulkan?«, überlegte Francine laut.
Die Freundin schüttelte den Kopf. »Das sieht anders aus.«
»Okay! Dann rüber!«
Francine drückte den Joystick nach rechts. Der Glider legte sich in die Kurve.
Bald konnten sie Genaueres erkennen.
»Du lieber Himmel!«, entfuhr es Claire.
Was sie da sahen, mochte aus einem Horrorfilm stammen. Zehn Hälse, in gleißendes Feuer getaucht, reckten sich weit hoch. Ein plumper Körper, der zuckte – alles umgeben von grellen Flammen.
»Da!«, rief Francine plötzlich aus.
Nun sah es auch die Freundin. Zwei Gestalten, die auf eine matt schimmernde Kuppel zuliefen.
»Das müssen Ken und Dan sein! Runter!«
Die beiden jungen Männer keuchten auf der letzten Lungenspitze. Erschreckt warfen sie sich zu Boden, als der Glider dicht neben ihnen aufsetzte. Eine mächtige Staubwolke aufwirbelnd, kam er nach fünfzig Metern zum Stehen. Die Einstiegsluke öffnete sich.
Sogleich vernahmen Francine und Claire das fürchterliche Gebrüll der in Flammen stehenden Horror-Echse.
»So muss die Hydra von Lerna ausgesehen haben«, keuchte Francine.
Dan und Ken hatten sich von ihrem Schreck erholt.
»Los! Hierher!«, schrie Claire.
Hinter ihnen tobte die zehnköpfige Echse. Doch das Feuer hatte noch anderes angelockt.
Flugsaurier!
Zwanzig … dreißig …
Wie ein Bombergeschwader rauschten sie heran.
Ein den Pteranodon ähnlicher Flugsaurier stieß im Sturzflug auf den Glider herab. Ken knallte die Luke zu und Francine schlug auf den Notstart-Knopf. Der Glider bekam einen mächtigen Schlag ab, doch dann tauchte er in den Strom des Raum-Zeitgefüges ab.
»Oh Herr!«, seufzte Ken und sank weit in den Konturensitz.
Nur Sekunden später tauchten sie in der Stratosphäre von 4-0-6 Alpha auf.

4-0-6 Alpha – San Frederico

»Ich brauche eine Dusche!«, stieß Dan aus, als er auf etwas wackligen Beinen den Boden des Space-Centers betrat.
»Um was für eine Kuppel handelte es sich denn auf 7-0-3 Alpha?«, wollte Claire von Ken wissen.
Der schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Aber ich habe kein Verlangen, zu dieser Welt zurückzukehren.«
Claire schaute zu Boden. »Ja … nur wird uns nichts anderes übrig bleiben.«
Dan blickte über die Schulter. »Sicher – aber dann sind wir besser auf diese Urzeit-Kreaturen vorbereitet.«
Zwei Stunden später erstatteten sie Victoria Bericht.
»Mir ist diese Welt total unbekannt«, bemerkte sie.
Claire schlug die Beine übereinander. Sie saßen in einer gemütlichen Konferenzecke.
»Welche Welten habt ihr denn mit eurem Gliderprogramm bereits bereist?«, wollte sie wissen.
Victoria zuckte etwas hilflos die Achseln. »Ich konnte mich nicht um alles kümmern. Am besten ist es, wenn ihr Sandra fragt.«
Sandra empfing die vier Timetraveller freundlich.
»Welche Welten? Hm … unsere Bezeichnungen sind möglicherweise anders als die euren.«
»Okay«, meinte Ken. »Aber anhand eurer Analysen werden wir vielleicht einige wiedererkennen.«
Sandra angelte sich eine Zigarette. Das Team machte große Augen. Sandra lachte lauthals. »He Leute! Wir leben zwar in einer anderen Welt als ihr, aber Laster sind scheinbar übertragbar.«
»Darf ich?« Francine schielte auf die kleine grüne Packung.
Erneut musste Sandra lachen. »Bedien dich.«
Dann wandte sie sich dem PC zu. »Also, dann wollen wir mal schauen.«
Insgesamt zeichneten sich zwölf Welten in den unterschiedlichsten Dimensionen ab. Eine erkannte Claire wieder. »Dort haben wir in Venedig die Trocken-Katastrophe erlebt.«
Die anderen Welten kannten sie nicht.
Doch es waren ausführliche Berichte gespeichert. Dann stutzte Ken. »Was ist das hier?«
Sandras Gesicht umwölkte sich. »Bei diesem Flug gab es ein Unglück.«
»Darana Perth?«, fragte Francine.
Sandra bestätigte das. »Es war grauenvoll!«
»Erzähl mir mehr«, forderte Francine.
Sandra hob ein wenig die Schultern. »Da ist nicht so viel zu erzählen. Der Glider hatte eine Fehlfunktion im Koordinatenprogramm. Er geriet in eine Zeitschleife, die für die Betroffenen wohl nur wenige Minuten dauerte, für uns aber neun Monate. Wir bekamen keinen Kontakt zum Team und hatten den Glider schon abgeschrieben. Na ja …« Sandra drückte ihre Zigarette aus. »… plötzlich schlugen die Raum-Zeit-Taster wie verrückt an. Eine gewaltige Feuersäule entwickelte sich urplötzlich im Space-Raum … der Alarm ging los … die automatische Feuerlöschanlage … und dann stand das völlig ausgebrannte Ding wieder da.«
Francine schürzte die Lippen. Ihre Kollegen schüttelten sich vor Grauen.
»Wie habt ihr Darana Perth identifiziert?« Claire stellte diese Frage leise.
»An ihrer feuerfesten Hundemarke. Auch die anderen Crew-Mitglieder.«
»Es gab nur diese Möglichkeit?«
Sandra stieß die Luft aus und nickte.
»Gibt es Fotos von dem Glider
Sandra griff in eine Schublade ihres Kommandopults und reichte Claire eine Akte. »Alles komplett. Vorher, nachher – Protokolle vom Start … alles!«
Bis spät in die Nachtstunden arbeiteten sich die Timetraveller in ihrem Quartier durch die Unterlagen.
»Puh!«, machte Claire und lehnte sich in dem Sessel zurück. »Das Protokoll und auch die Aufzeichnungen, die vom Glider bis zuletzt gesendet wurden, weisen keinerlei Unregelmäßigkeit auf.«
Ken studierte die Bilder und ließ diese dann auch bald sinken. »Ich finde hier auch nichts, was weiterhelfen könnte.«
Francine blätterte noch etwas in der umfangreichen Akte herum. Die Fotos von den völlig verbrannten Leichen wirkten einfach schockierend.
»Ich brauche einen Cognac!«, stieß sie hervor und ging zur Minibar hinüber. Sie angelte nach einer kleinen Portionsflasche. Das golden schimmernde Etikett zeigte einen Adler über einer Weltkugel.
Plötzlich verhielt die junge Frau mitten in der Bewegung. Wie im Zeitlupentempo drehte sie sich um und kam – mit dem Fläschchen in der Hand – an den runden Tisch zurück.
Ken, der ihren merkwürdig anmutenden Gesichtsausdruck sah, wollte wissen: »Was ist dir denn gerade über die Leber gelaufen?«
Statt einer Antwort setzte Francine die kleine Flasche ab und begann in den Fotos zu wühlen. Dann hielt sie mit zusammengekniffenen Augen eines in die Höhe.
»Gib mir bitte die Lupe«, forderte sie an Dan gewandt.
Etwas verständnislos reichte er der Kollegin das Vergrößerungsglas. Francine studierte das Bild beinahe zwei Minuten lang. Dann angelte sie ein anderes Foto hervor und betrachtete auch das durch die Lupe.
Endlich ließ sie alles sinken und erklärte mit fester Stimme: »Der verbrannte Glider, der zurückkam, ist nicht der, der gestartet ist.«
Eine Bombe hätte auf das Team keine andere Wirkung erzielen können. Ken fasste sich zuerst.
»Was sagst du da?«
Francine deutete auf das Bild vor dem Start. »Das ist der Glider in Countdown-Position. Seht euch mal das Schildchen hier am vorderen Einstieg an.«
Alle blickten nun durch das Vergrößerungsglas.
»Ein Adler über einem Berg. Hieß der Glider nicht EAGLE MOUNT?«
Francine bestätigte das. »Dann seht euch jetzt mal das Bild an. Achtet auf den vorderen Einstieg.«
Nach unendlich scheinender Zeit merkte Dan an: »Das Schild ist sehr mitgenommen, aber es hat den Anschein, als schwebe der Adler über einer Kugel.«
Ken nahm ihm das Foto aus der Hand. »Zeig mal her! Das kann täuschen …« Doch nach zwei Minuten musste er zugeben: »Francine, du könntest recht haben.«
Claire sprang auf. »Wir müssen das Wrack ansehen und eventuell ein Ultraviolett-Foto machen.«
Als sie ins Space-Center schneiten, schaute Pete Fowler verblüfft von seinen Aufzeichnungen auf. »Nanu …?« Er schaute auf die Uhr. Es dämmerte bereits wieder.
»Wir müssen den EAGLE MOUNT sehen!«, platzte Claire heraus.
Fowler blickte verwirrt. »Den verbrannten Glider
Claire nickte.
»Du lieber Himmel!« Der Techniker fuhr sich durch das blonde dichte Haar. »Das Ding steht irgendwo in einer Lagehalle außerhalb der Stadt. Ich müsste erst mal nachsehen …«
»Okay! Tun Sie das!« Claire war hartnäckig.
Es dauerte scheinbar ewig, bis Fowler es herausgefunden hatte. Er zeichnete die Halle in einen Plan ein.
»Ein alter Militärflughafen«, murmelte Francine.
Fowler nickte. »Gehörte mal der NAVY … als noch alles anders war.«
Claire schaute den Techniker fragend an.
»Na«, sagte er. »Vor der Wende! Bevor die gesamte Regierung über den Pontifex lief.«
»Ah so, jetzt gibt es keine NAVY mehr?«
Fowler schüttelte den Kopf. »Alles Schweizergarde.«
Mit einer Limousine aus dem vatikanischen Fuhrpark ging es eine viertel Stunde später zum Außenbezirk.
Sie bogen auf den Highway ein. Zahlreiche Fahrzeuge kamen ihnen entgegen. Autos gab es wieder im Privatbesitz, seit Victoria die Führung der Weltnation übernommen hatte.
Die Auffahrt wurde schmaler. Ken verlangsamte, um einen Truck vorbei zu lassen.
Die einen Feuerschweif hinter sich herziehende Rakete bemerkte das Team viel zu spät.

San Francisco, Stanford Research Institute

Willbur Smith, der stellvertretende Leiter des Stanford Research Instituts und Dekan der angrenzenden Universität, schloss sein Büro im elften Stockwerk ab und schritt dann über den langen Flur zu den Aufzügen. Es war spät geworden. Wie so oft. Müde betätigte er den Rufknopf, doch nichts geschah. Nach zehn Minuten ging er zum nächsten Aufzug. Die Kabine tauchte sofort auf. Er betrat den Fahrstuhl und drückte die Taste für die untere Ebene. Die Kabine ruckte an. In rascher Fahrt ging es abwärts.
Plötzlich flackerte das Licht. Dann erlosch es und die Kabine blieb ruckartig stehen.
Smith fluchte laut und vernehmlich. Das hatte ihm noch gefehlt!
Der Stillstand dauerte knapp eine Minute, dann ging das Licht wieder an und der Fahrstuhl setzte die Abwärtsbewegung fort.
Willbur Smith atmete auf.
Die Empfangshalle zeigte sich leer. Vermutlich befand sich der Nachtpförtner auf einem Rundgang. Die Außentür ließ sich dann nur mit einer speziellen Codekarte öffnen. Diese besaßen nur ausgesuchte Mitarbeiter.
Smith wollte sich bereits dem Ausgang zuwenden, als er Schritte vernahm.
Der Pförtner?
Smith registrierte, dass es Schritte von mehreren Menschen sein mussten. Er trat etwas von der geöffneten Aufzugtür zurück und blickte in den langen Gang, der zu den Labors führte. Im matten Schein der Korridorlampen sah er acht Personen. Sie marschierten auf die Labors zu. Als ehemaliger Marinesoldat erkannte er trotz der Entfernung die NAVY-Uniformen.
Nun stellte es keine Ungewöhnlichkeit dar, dass Mitarbeiter der NAVY sich im Institut aufhielten. Aber um diese Zeit? Kurz nach Mitternacht?
Kurz vor den Labortüren bog der Trupp nach rechts ab.
Smith schüttelte innerlich den Kopf. Dort ging es nur zu den Toiletten. Er grinste.
Kollektives Pinkeln?
Der stellvertretende Leiter des Instituts ging zu der halbrunden Pförtnertheke. Er wollte einen Blick in das Besucherbuch werfen, in das sich jeder eintragen musste, sobald er das Haus betrat.
Die letzte Eintragung war gegen 19 Uhr gemacht worden. Dr. Amanda Harris.
Er kannte sie flüchtig. Eine hervorragende Physikerin. Sie experimentierte mit Schnell wechselnden Lichtfeldern. Einem Bereich der Astro-Physik.
Willbur Smith kam das merkwürdig vor. Hatte die NAVY es nicht nötig, sich korrekt einzutragen?
Er schaute auf seine Armbanduhr. Zehn Minuten waren vergangen und die Herren waren aus der Toilette nicht zurückgekehrt. Aber sie mussten zurück. Weiter ging es dort nicht.
Smith wartete noch weitere fünf Minuten, dann entschloss er sich, nachzusehen.
Mit raschen Schritten erreichte er den Toilettentrakt.
Er fand ihn leer vor.
Ratlos blieb er stehen. Dann sah er, dass die Tür zu den Duschräumen etwas offen stand. Doch auch hier, in den gekachelten Umkleideräumen sowie in den Nasszellen, entdeckte Smith niemanden.
Hatte er Halluzinationen?
Aber Professor Willbur Smith gehörte mit seinen knapp sechzig Jahren nicht zu den Typen, die sich rasch ins Bockshorn jagen lassen. Er strich sich über seinen rundlichen Bauch, reckte das Kinn mit dem dort endenden schwarzen Backenbart vor und schaute erneut in die Toilettenräume.
Da vernahm er eine leichte Vibration.
Smith stutzte. Dann hörte er Stimmen.
Sie kamen aus dem Duschbereich.
Rasch huschte der Professor in eine der Toilettenkabinen und schob die Tür zu. Jetzt vernahm er auch wieder zahlreiche Schritte.
Sie entfernten sich.
Vorsichtig schlich Smith an die Verbindungstür zum Korridor.
Tatsächlich! Da marschierten sechs NAVY-Leute Richtung Ausgang des Instituts.
Smith war verwirrt.
Doch dann siegte die Neugier. Er ging zurück in die Duschräume. Sogleich fielen ihm Schmutzspuren in einer Nasszelle auf, die vorher nicht dort zu sehen gewesen waren.
Etwas ratlos stand der stellvertretende Institutsleiter dort. Was sollte er davon halten?
Eher zufällig berührte er eine der Wasserarmaturen. Verblüfft stellte Smith fest, dass sie sich zu ihm ziehen ließ. Wie ein Autotürgriff. Die gesamte Installationswand klappte zurück und gab den Blick auf eine Fahrstuhltür frei.
Der Professor schluckte trocken.
Himmel! Was hatte das denn zu bedeuten?
Durch die Glasscheibe schaute er in einen unergründlichen Schacht.
Dann inspizierte er die Tür.
Es gab keinen Öffnungsmechanismus. Auch keinen Rufknopf für eine Liftkabine.
Smith atmete tief durch. Dann schob er die Tarnwand wieder zu und verließ den Dusch-Trakt. Mit dem Lift fuhr er wieder in seine Büroetage. Er verschloss hinter sich sorgsam die Tür und setzte sich an seinen PC. Er hatte Zugang zu allen Bauplänen des Instituts. Für jeden Bereich gab es genaue Informationen.
Er rief nacheinander diverse Dateien auf, gab spezielle Passworte ein, die nur einem kleinen Teil der Führungsriege bekannt waren.
Willbur Smith kannte das Timetraveller-Projekt – er hatte es schließlich mitentwickelt – und besaß demnach auch den Zugang zu den entsprechenden Plänen.
Doch ihn interessierte ein anderer Abschnitt. Er rief die Informationen über den unteren Sanitärbereich auf. Jede Installation wurde dort ausgewiesen. Er entdeckte nichts, was auf diese Tarnwand hindeutete.
Smith lehnte sich in seinem Sessel zurück. Hatte man später einen geheimen Trakt angebaut?
Willbur Smith setzte sich wieder aufrecht und gab einen anderen Code ein. Der Button INTERNA II materialisierte sich. Er befasste sich mit den speziellen Sicherheitssystemen des Stanford-Areals. Kameras, Wärmetastern, Rauchmeldern.
Bewegungssensoren, Außenbereichs-Überwachungen …
Da fiel sein Blick auf einen Button, der sich eigentlich kaum von den anderen unterschied, außer, dass er einen Adler enthielt, den man aber erst beim genauen Hinsehen erkennen konnte.
Der stellvertretende Institutsleiter klickte ihn an.
»KEIN ZUGRIFF«, blinkte in einem Fenster auf. »Passwort eingeben«.
Smith gab sein Passwort ein, doch die Datei blieb weiter gesperrt.
»Was soll denn das?«, murmelte Smith.
Er als ausgefuchster Informatiker klickte sich in das System. Als er sich dem neuralgischen Bereich näherte, stutzte er.
»NAVY-CONTROL ZP4Z73« las er dort.
Er klickte den Bereich an.
»KEIN ZUGRIFF«
Verdammt!, durchzuckte es den Professor. Wer hat da etwas zu verbergen?
Plötzlich änderte sich die Bildschirmdarstellung und eine grelle rote Spirale wurde sichtbar. Der Bildschirm begann zu flackern, es roch angebrannt … der Schirm erlosch.
Willbur Smith schaltete den PC aus und fuhr ihn nach zwei Minuten wieder hoch.
Statt des bekannten Desktops erschien auf blauem Grund eine Schrift.
»SYSTEME GELÖSCHT!«
Smith schluckte.
Er legte eine Start-CD ein, doch auch damit änderte sich nichts. Der PC nahm die CD nicht mehr an.
Seufzend schaltete der Professor ab. Etwas unschlüssig blieb er noch an seinem Schreibtisch sitzen. Doch dann stand er entschlossen auf. Er würde mit Howard Devere reden. Dem Leiter von Stanford.
Willbur Smith verließ das Büro – schloss sorgsam wieder ab und ging auf die abgetönte Glastür des Vorraumes zu, um den Korridor zu betreten. Da blieb er wie angewurzelt stehen.
Vier schwarz gekleidete, schwer bewaffnete Soldaten standen vor der Tür. Einer richtete gerade einen Art Panzerfaust auf die einbruchsichere Spezial-Glastür. Als ehemaliger Soldat im Sondereinsatzkommando handelte er instinktiv. Er hechtete nach links in die Tür zur Teeküche.
Da krachte es bereits. Glas flog umher und dichter Rauch drang in den Vorraum.
Smith drückte die Tür fest zu.
Dass es sich bei den Soldaten um kein normales Sicherheitskommando handelte, wurde dem Professor blitzartig klar. Er schaute an die Decke der Teeküche. Mattes Mondlicht drang durch das ovale Fenster.
Der Luftschacht.
Trotz seines Alters besaß Smith eine gute Kondition. Er sprang auf die Küchenarbeitsplatte. Die Abdeckung des Luftschachtes konnte er von dort erreichen.
Er hörte schwere Stiefelschritte und eine Befehlsstimme von außen.
Smith schaffte es, obwohl ihm der Schweiß von der Stirn lief, sich nach oben in den Schacht zu zwängen, was bei seiner leichten Korpulenz gerade noch so funktionierte. Viel bewegen konnte er sich da oben nicht mehr. Mit einer Hand hielt er die Abdeckung gegen die Öffnung gepresst – betend, dass sie ihm nicht entglitt.
Da wurde bereits die Tür zur Teeküche aufgestoßen.
Nach unten sehen konnte Smith nicht, aber er hörte deutlich: »Hier ist niemand!«
»Jemand ist ins geheime System eingedrungen und zwar von diesem Computer«, kam eine andere Stimme. »Nur Professor Smith hat hier Zugang und laut Kontrollbuch befindet er sich im Haus.«
»Aber nicht mehr hier oben.«
Einen Moment blieb es still, dann kam es von der Befehlsstimme: »Suchen und eliminieren!«
Willbur Smith Herzschlag raste. Um Himmels Willen! Was hatte das zu bedeuten? Was ging hier im Institut vor?
Die Schritte entfernten sich. Der Professor wartete noch. Der Anzug klebte ihm am Körper.
Auf was war er da gestoßen, dass man ihn umbringen wollte?
Er verlor jedes Zeitgefühl, doch irgendwann entschloss er sich, sein Versteck zu verlassen. Ausgepumpt lehnte er sich an die Küchenarbeitsplatte.
Er schaute auf seine Armbanduhr. Bald zwanzig Minuten hatte er sich in dem Schacht versteckt gehalten.
Vorsichtig öffnete er die Tür zum Vorraum einen Spalt. Niemand hielt sich dort auf. Im Widerschein der Korridorbeleuchtung glitzerten die Panzerglasscherben auf dem weinroten Teppich vor ihm.
Er musste weg. Er wurde gesucht. Zum Henker! Wohin?
Es gab nur eine Möglichkeit: Zum MTRD, ins Timetraveller-Center – tief unten. Aber konnte er es wagen, den entsprechen Fahrstuhl zu nehmen?
Nur der mittlere Lift besaß die Spezialschaltung, mittels der man in die unterirdischen Anlagen gelangen konnte.
Smith betrat den Korridor und lauschte. Nichts bewegte sich. Niemand hielt sich hier auf.
Nur die Überwachungskamera blinkte im regelmäßigen Rhythmus. Sie schwenkte alle vier Sekunden in einen anderen Winkel.
Die mittlere Liftkabine befand sich oben.
Er musste es schaffen!
Willbur Smith wartete, bis die Kamera in die entgegengesetzte Richtung sah – dann spurtete er los.

San Frederico

Das Team sah, wie sich der Truck neben ihnen aufblähte wie ein Heliumballon.
Ken trat die Bremse bis zum Bodenblech durch. Die schwere Limousine schlingerte, drehte sich und kam in einer riesigen aufgewirbelten Staubwolke mit dem Heck zur Fahrtrichtung zum Stehen. Die Reste des LKW trudelten um sie herum. Ein scharfes Blechteil durchschlug die Heckscheibe.
Tödliche Stille.
Dan war es, der zuerst aus der Starre erwachte. Er stieß die zerbeulte Tür des Wagens auf. Um sich herum sah er rauchende Trümmer des Trucks und einen Krater. Dann erst blickte er auf das zerrissene Heck der Limousine und … Claire, die blutüberströmt in unnatürlicher Haltung auf dem Rücksitz hing.
Francine starrte Dan mit weit aufgerissenem Mund an.
»Himmel und Hölle«, krächzte Ken hinter dem Freund. Dann erkannte er das Drama im Heck der Limousine.
»Oh Gott«, entfuhr es ihm.
Dan handelte instinktiv. Er riss sein Spezial-Mobiltelefon aus der Hosentasche und betätigte den Notruf.
Dreißig Minuten später sahen Francine, Dan und Ken dem Rettungshubschrauber nach, der mit blitzenden Positionslampen am Horizont entschwand.
Francine schluchzte laut auf. »Claire … darf … nicht sterben…«
Dan nahm sie fest in den Arm. »Die Ärzte tun ihr bestes«, flüsterte er.
Ken stand wie erstarrt da. »Claire …«, wisperte er tonlos, während er die Tränen aus den Augen wegblinzelte.
Das erneute Aufheulen einer Polizeisirene ließ sie aufblicken. Mit großer Eskorte rauschte Victoria heran. Kaum stand ihre Staatskarosse, sprang sie bereits heraus. Mit wirrem Haar, in Jeans und barfuß.
»Ich bekam eben die Meldung … Was ist passiert?« Ihr Blick flackerte. Dann sah sie Francine und riss sie an sich. »Ich danke dem Herrn, dass dir nichts …« Sie verstummte. Ihr Blick glitt suchend. »Wo ist Claire?«
Dan sagte es ihr.
»Der Notarzt hat wenig Hoffnung«, hauchte Ken. Francine bekam einen Weinkrampf.
»Jemand will uns aus dem Weg schaffen«, krächzte Ken. »Es hängt mit unserer Entdeckung auf 7-0-3 Alpha zusammen.«
»Ja«, schluchzte Francine. »Und mit dem falschen Glider.«
Victoria schaute verständnislos. »Falscher Glider?«
Zwei Stunden später saßen alle in den Privaträumen Victorias zusammen. Ken hatte von ihrer Entdeckung erzählt.
Victoria machte runde Augen. »Ihr denkt, ein anderer Glider kehrte zurück?«
Das Telefon auf Victorias Schreibtisch schlug an. Alles schreckte zusammen. Victoria riss den Hörer hoch. »Ja?!«
Sie lauschte mit zusammengekniffenen Augen, doch dann entspannten sich ihre Züge.
»Danke«, sagte sie und legte auf. Sie lehnte sich mit hängenden Armen an den Schreibtisch. »Claire ist außer Lebensgefahr.«
Die Freunde fielen sich in die Arme.
Victoria ließ sich in ihren Sessel fallen. »Es sah alles schlimmer aus, als es sich herausstellte. Allerdings zwei Millimeter weiter und ihr Rückenmark wäre durchtrennt worden.«
Darauf genehmigten sich alle einen Cognac.
»Okay«, sagte Victoria dann. »Der verbrannte Glider steht in einem Hangar der Schweizergarde. Wir fliegen mit dem Helikopter!«

San Francisco

Der Fahrstuhl raste abwärts. Willbur Smith' Mund fühlte sich so trocken an wie die Wüste Sahara.
Die Stockwerkanzeigen huschten vorbei.
Erste Etage … Erdgeschoss … Keller 1 … Keller 2 … dann durchs Nichts.
Endlich stoppte der Lift. Der Professor schob seine ID-Card in den vorgesehenen Schlitz. Zischend öffnete sich die Tür zur Geheimebene.
Der Gang.
Smith rannte ihn entlang.
Sicherheitstür … ID-Card … die Stahltür fuhr zurück.
Die beiden Techniker in den weißen Kitteln blickten erstaunt von ihren Computern auf.
Einer – Dr. Frey – kam dem stellvertretenden Leiter des Instituts entgegen.
»Professor Smith … ist etwas passiert?«
Willbur Smith sammelte seine Gedanken. Dann fragte er ruhig: »Gibt es Kontakt zu unserem Timetraveller-Team?«
»Im Moment nicht. Sie melden sich, wenn es notwendig ist.«
Smith nickte. »Stellen Sie bitte eine Verbindung zu Miss Carpet her.«
Erstaunt aber willig machte sich Dr. Frey an die Arbeit. Vierzig Sekunden später stand die Leitung.
Smith blickte auf das Symbol auf dem großen Bildschirm.

San Frederico

Victoria und das Team schritten gerade auf den Hangar des stillgelegten Militär-Airports zu, als sich Francines Spezial-Handy über die geheime Frequenz meldete.
Sie verhielt im Schritt. »Moment«, dann stellte sie die Verbindung her.
»Sir?«
Wieso meldete sich Smith persönlich?, fragte sich Francine. Was war passiert?
Gespannt und mit gerunzelter Stirn hörte sie dem stellvertretenden Institutsleiter und Projektchef zu.
Endlich erwiderte sie: »Das deckt sich mit einigen Ungereimtheiten hier. Sagt Ihnen …« Sie beschrieb das Symbol auf dem Glider.
Einen Moment war es still in ihrem Telefon. Dann räusperte sich Smith. »Das Symbol gehörte einer Sonderabteilung, die Sabotage im Irak-Krieg betrieben hat, um CIA-Aufträge zu decken und von bestimmten Aktionen abzulenken.«
»Na so was«, murmelte Francine. Dann berichtete sie von den merkwürdigen Anschlägen auf das Team.
»Jesus!«, vernahm sie die erschreckte Stimme von Willbur Smith. »Hören Sie, Francine, da läuft ein ganz mieses Ding. Die NAVY scheint darin verwickelt zu sein. Keine Ahnung, um was es geht. Aber es bezieht sich auch auf Reisen in Parallelwelten.«
Francine schluckte. »Okay – ich denke, wir haben da eine Spur. Ich melde mich wieder.«
»Gut! Francine – ab sofort sind Sie auch wieder Special-Agent des CIA in besonderer Mission. Nicht nur MTRD-Agentin in besonderer Mission. Sie besitzen alle Vollmachten und handeln in eigener Verantwortung. Sie sind nur sich selbst verantwortlich. Ab sofort leiten Sie das Team. Ich habe das mit einem Freund im Innenministerium besprochen. Im Schattenraum!«
Francines Mund wurde trocken. »Verstanden, Sir«, kam es heiser aus ihrem Mund. »Aber die CIA untersteht nicht dem Innenminister.«
»Ich weiß! Akzeptieren Sie es einfach. Erklärungen kommen später. Satan regiert!«
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Innenminister? Schattenraum? Satan …? Das musste ein Code sein. Aber zuerst fiel Francine nichts dazu ein.
Die Kameraden blickten die junge Frau fragend an. Noch leicht verwirrt gab sie einen knappen Bericht.
»Die NAVY?« Ken konnte es nicht fassen. »Ein Geheimprojekt innerhalb eines Geheimprojektes?«
Francine fuhr sich mit den Schneidezähnen über die Unterlippe. »Jedenfalls hat man versucht, Willbur Smith aus dem Weg zu räumen.«
»Bullshit!«, entfuhr es Dan. »Genau wie uns!«
Ken rieb sich das Kinn. »Es hat den Anschein, als mache sich eine Gruppe der NAVY unsere Erkenntnisse zu nutze, um dann alle Mitwisser auszuschalten.«
Die CIA-Ermittlerin blickte den Sprecher ernst an. »So könnte man es nennen. Ich denke, es hängt auch mit der Kuppel auf dem unwirtlichen Planeten 7-0-3 Alpha zusammen.«
Victoria, die bisher schweigend zugehört hatte, fragte nun: »Aber was hat eure NAVY davon, unsere Welt in Gefahr zu bringen?«
Darauf wusste niemand eine Antwort.
Dan meinte dann, den Blick auf den Horizont gerichtet: »Möglicherweise wollen die das gar nicht. Es handelt sich nur um einen Nebeneffekt.«
Sie betraten den gesicherten Hangar. Victoria schaltete das Licht ein. Niemand außer ihnen hielt sich hier auf. Unter einer Plane stand das Wrack des Gliders.
»Weshalb habt ihr das Wrack nicht besser gesichert?«, wollte Francine wissen.
Victoria machte eine ausladende Armbewegung. »Wozu? Das Ding ist kaputt.«
»Schon, aber …« Sie begutachtete das halb verbrannte Emblem. »Ich hatte recht!«
»Puh!«, machte Ken. »Was läuft denn da in Stanford, dass selbst der stellvertretende Leiter des Instituts nichts davon erfährt?«
Francine lehnte sich an den Glider. »Man will das ursprüngliche Forschungsteam, zu dem ja auch Smith gehört, ausschalten. Jemand will keine Mitwisser, weil er auf der Basis von Raum-Zeit-Reisen ein neues Projekt in Arbeit hat.«
Plötzlich blitzte es bei der Agentin. »Ein internes Schattenprojekt! Ohne Wissen der offiziellen Regierung!«
Ken spuckte aus. »Dann ist es kein gutes Projekt!«
Dan lachte laut auf. »Ist vom Geheimdienst jemals etwas Gutes gekommen? Diesem Sumpf aus Rätseln, Geheimbünden, Waffenbrüdern …«
Francine nickte nur. »Beim CIA und NSA laufen ständig Schweinereien, von denen selbst der Präsident nichts weiß. Es gibt Menschen, die sprechen von einer Schattenregierung, die eigentlich alle Fäden zieht.«
Der Japaner reckte das Kinn vor. »All right, Freunde, dann sollten wir hier mal einen Riegel vorschieben.«
»Moment noch«, sagte Francine. »Ich möchte mir den Glider noch genauer ansehen.«
Sie wandte sich an Victoria. »Was ist anders als an euren Konstruktionen? Ich weiß, dass dieser Glider von der Technik des unseren abweicht. Aber weshalb nutzt man eure Technik?«
Victoria atmete schwerer. »An diese Variante habe ich noch gar nicht gedacht.«

San Francisco

»Hat irgendjemand von der NAVY vor kurzer Zeit mit einem von ihnen Kontakt aufgenommen?«
Die beiden Techniker starrten Smith an.
»Nein, wieso?«, fragte Dr. Frey zurück.
»Hat sich jemand von der NAVY Unterlagen besorgt? Besonders über die aktuelle Reise?«, fragte Smith unbeirrt weiter.
Allgemeines Kopfschütteln.
Doch dann fiel Frey etwas ein. »Vor zwei Wochen kam Frau Dr. Amanda Harris zu mir. Sie forscht im Bereich wechselnder Lichtfelder.«
»Und?« Smith wurde ungeduldig.
»Na ja … Ich habe vor einem Jahr eine Dissertation über schwankende Felder im Uranusbereich geschrieben. Hubble hatte sie aufgezeichnet und es gab … gibt immer noch keine Erklärung dazu.«
Smith fuhr sich über den trockenen Mund. »Was wollte sie genau wissen?«
»Ob ich mir vorstellen könne, dass es sich um eine Instabilität im Raumgefüge handeln könne.«
»Weiter!«
Frey zuckte mit den Achseln. »Ich sagte, dass so etwas möglich wäre. Aber von solch stark lokalbeschränkten Instabilitäten hätte ich noch nicht gehört. Meist sind es Felder ohne feste Grenzen. Überlappungen.«
Smith machte ein paar unruhige Schritte durch den Raum. Dann wirbelte er herum und schoss seine Frage ab: »Angenommen, es gäbe solche Felder, die sich genau lokal begrenzen lassen. Was könnte man damit tun?«
Dr. Frey wedelte mit den Armen. »So was wird nie funktionieren. Aber wenn …« Er lachte auf. »Ja, man könnte beispielsweise New York ein paar Sekunden in die Zukunft versetzen. Aber das würde die Molekularstruktur nicht aushalten.«
Willbur Smith blickte Frey fest in die Augen. Dann sagte er leise: »Wenn ich jetzt diesen Trakt verlasse, schalten Sie die Notfallsicherung ein. Das Center hier unten mit allen Laboren wird hermetisch von der Welt abgeschlossen.«
Frey öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch auf einer Sandbank. »Aber das ist nur für einen bakteriologischen oder nuklearen Notfall vorgesehen. Falls von anderen Welten …«
Smith nickte.
»Dieser Notfall ist gerade eingetreten!«

San Frederico

Sie wollten eben den Hangar verlassen, als ein Erdstoß sie von den Beinen fegte.
Krachend fiel eine in der Nähe stehende Laterne um.
Nach dreißig Sekunden war alles wieder vorbei. Victoria rappelte sich auf und stellte über ihr Handy eine Verbindung zum Vatikan her.
Von Sandra hörte sie, dass es sich um die schwerste Raumwelle bisher gehandelt habe.
Nachdem die Pontifex das Gespräch beendet hatte, sagte sie zu den drei Timetravellern: »Wir sollten euren Plan rasch umsetzen. Dieser Wellenschub vollzog sich außerhalb eurer Berechnungen. Ich werde einen Orbitglider der Föderation anfordern.«
Dan und Ken sahen sich an. Auch Francine schaute irritiert. »Orbitglider der Föderation?«
Victoria erklärte es ihnen. »Nach meiner Amtsübernahme erhielten einige Inselstaaten, die sehr stark im Widerstand gegen den damaligen Pontifex gekämpft haben, die Autonomie. Dort befinden sich Testgelände für Raumglider. In diesem Entwicklungsprogramm sind wir eine Föderation eingegangen. Zwei Großglider, die weit in den Orbit eindringen können, sind fertig gestellt. Es gab allerdings noch keine Probeflüge außerhalb der Stratosphäre.«
Victoria lächelte Francine zu. »Das wäre doch für dich genau das Richtige?!« Die CIA-Agentin lachte, trotz der ernsten Situation.
Dan hatte eine Augenbraue erhoben. »Dann bedeutet das, dass ihr die Raumflugtechniker in einem Großprojekt zusammengefasst habt?«
Victoria bestätigte das. »Richtig! Es wäre Unsinn, wenn an diversen Orten Wissenschaftler ihr eigenes Süppchen kochen würden. Nationalstaaten wie bei euch gibt es hier schon längst nicht mehr.«
Zwei Stunden nach diesem Gespräch hatte Victoria eine Konferenz für den folgenden Tag einberufen. Grown Belongo, der Präsident der Autonomen Inseln, würde daran teilnehmen.

San Francisco, Stanford Research Institute

Willbur Smith schlich durch den Korridor des Erdgeschosses.
Mehrfach hatte er Kontrolltrupps der NAVY ausweichen müssen. Nun kauerte er in einem der schmalen, engen Spinde der Dusch-Umkleidekabinen. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Seine Armbanduhr zeigte bereits Vier Uhr Ortszeit. Da vernahm er eine Vibration und ein Summen. Der Professor schaute vorsichtig aus einem Spalt des Spindes. Er konnte genau in die suspekte Duschkabine schauen.
Da!
Die Wand wurde zurückgeklappt und zwei Männer in dunklen Anzügen verließen die Kabine.
Nun musste Smith sich beeilen. Egal, welches Risiko er dabei eingehen mochte. Kaum waren die beiden Fremden aus seinem Sichtbereich verschwunden, spurtete er los. Er konnte eben noch die Tarnwand fassen, ehe sie völlig zurückklappte. Dadurch wurde auch die Kabine des geheimen Fahrstuhls nicht völlig geschlossen.
Der stellvertretende Institutsleiter sah sich in der Kabine um. Es gab nur zwei verschiedene Tastenfelder. Sie wirkten auf einfachen Fingerkontakt.
Die Lifttür schloss sich. Doch bevor Willbur Smith etwas tun konnte, setzte sich die Kabine abwärts in Bewegung.
»Na denn!«, knurrte der Professor und straffte den Rücken. Ob es eine Überwachungskamera in dem Lift gab, konnte er nicht ausmachen. Man würde sehen.
Vielleicht fuhr die Kabine aber auch aus Sicherheitsgründen immer wieder nach unten.
Smith sah auf den Sekundenzeiger seiner Uhr. Obwohl der Lift schnelle Fahrt machte, dauerte es sehr lange, bis die Kabine anhielt. Smith rechnete die ungefähre Fallgeschwindigkeit mit der Fahrtzeit um und kam zu dem Schluss, dass er sich mindestens zweihundert Meter tief unter dem Institut befinden musste. Also weit tiefer, als das Glider-Start-Centrum und die geheimen Labors.
Der Lift stand still. Smith vernahm keinen Laut von außen. Er ließ den Blick schweifen und entdeckte ein Kontaktfeld direkt neben der Tür. Entschlossen hielt er seinen Finger darauf. Die Tür glitt zur Seite.
Was der Professor nun sah, verschlug ihm den Atem.

San Frederico

Victoria stand an einem der großen Panoramafenster und schaute auf die Stadt.
»Ein neuer Tag dämmert herauf«, kam es leise über ihre Lippen. »Was wird er bringen? Das Verderben?«
Francine schlüpfte aus den bequemen Ballerinas und lief barfüßig zu der Freundin. Sie umarmte die viel größere Frau von hinten und schmiegte ihren Kopf an ihren Rücken.
»Es steht ja noch gar nicht fest, dass es sich um einen Angriff auf eure Welt handelt.«
Victoria drehte sich um und lächelte traurig. »Ach Francine«, sagte sie und strich der CIA-Agentin über den Kopf. »Da habe ich die Liebe meines Lebens gefunden und möglicherweise wird sie sich nicht erfüllen, weil der Tod uns trennen wird.«
Francine schüttelte den Kopf. »Wie kommst du auf solche Gedanken?!« Sie zog Victorias Kopf an sich und küsste sie leidenschaftlich.
Als sich ihre Lippen lösten, standen sie noch lange fest umschlungen vor dem Fenster.
Victoria seufzte plötzlich auf. »Weißt du, Francine, als wir uns das erste Mal begegnet sind, da wünschte ich mir deine Freundschaft und … deine Liebe so sehr. Als du dann in deine Welt zurück musstest, glaubte ich nicht daran, dass wir uns je wieder sehen würden.«
Sie löste sich aus der Umarmung.
»Sicher, es gab das Glider-Programm. Doch hatte ich immer Angst, du würdest … du würdest …«
»Ich würde mit jemand anderem zusammenleben«, vollendete Francine.
Victoria nickte.
Francine lächelte. »Ich habe lange gegen meine Liebe gekämpft. Überhaupt gegen meine Gefühle. Erst … eine andere Frau in einer noch anderen Welt machte mir klar, dass ich mich zu mir selbst bekennen müsse.«
Victoria blickte die Sprecherin sanft an. »Diese andere Frau … habt ihr euch körperlich geliebt?«
Francine knete ihre Finger. »Ja! Aber es ist keine so tiefgreifende Liebe gewesen, nicht dieses Gefühl des Verlangens. Es … es war eine Amazone. Eine Kriegerin. Ganz anders als du. Die Amazonen stürzen sich todesmutig – ohne Rücksicht auf ihr Leben – in jeden Kampf. Ich …« Francine fuhr sich über das Gesicht. »Ich weiß nicht mal, ob sie noch lebt.«
»Wenn sie jetzt hier auftauchen würde?« Victorias Antlitz war eine Frage.
Francine stieß die Luft aus. »Ihr beide seid nicht vergleichbar. Mit dir könnte ich bis an mein Lebensende zusammen sein.«
»Du hättest längst kommen können«, flüsterte Victoria.
Francine schluckte. »Ich hatte Angst. Angst vor meinen wahren Gefühlen.«
Victoria kam langsam auf die Freundin zu. Sie ergriff deren Hände und hauchte, ganz nah vor ihr stehend: »Verlass mich nicht.«

Stanford Research Institute

Willbur Smith hatte fünf Schritte aus dem Lift gemacht und stand wie in Trance.
Was seine Augen da aufnahmen, wollte sein Verstand nicht verarbeiten. Er stand in einer riesigen Halle, einem unterirdischen Bahnhof. Mindesten zwanzig Gleise endeten hier in einem Kopfbahnhof. Unzählige Menschen hasteten hin und her und futuristisch wirkende Züge rollten in den Bahnhof oder verließen ihn.
»Fachkräfte des Sektor VIII nehmen bitte den Zug B 799 nach Station OMEGA«, plärrte ein Lautsprecher.
»Techniker des Raumbahnhofs nehmen den IC 209 auf Gleis sechzehn.«
Einige der Männer und Frauen trugen normale Alltagskleider, andere waren in weiße Kittel gekleidet. Nur wenig unterschied sich dieser Bahnhof beispielsweise von dem Groß-Terminal in Manhattan.
Raumbahnhof? Hatte er richtig gehört?
Willbur Smith überschaute die Menschenmengen und eilte dann zu dem für die Techniker angegebenen Zug.
Alles drängte und bald stand er eingekeilt in einem überfüllten Zug der Rush Hour.
Er konnte es nicht fassen!
Der Zug ruckte an und fuhr dann beinahe lautlos in einen Tunnel. Die Waggonbeleuchtung schaltete sich ein.
Irgendwann hielt der Zug auf einer kleineren Station und alles drängte auf den Bahnsteig. Smith hatte gar keine Wahl, er musste mit raus.
Er ließ sich mit der Menge treiben. Keiner kontrollierte ihn, niemand fragte, wer er sei.
Auch die zahlreichen blau Uniformierten nicht.
Er befand sich in einer anderen Welt.
Der Weg führte durch belebte Straßen, dann Parks … Der blaue Himmel musste geschickt simuliert sein.
Smith’ Gedanken rotierten. Eine unterirdische Welt, von der niemand etwas oben wusste. Man hätte denken können, alles spiele sich auf einem fernen Planeten ab, wären da nicht überall die Symbole der US NAVY gewesen.
Irgendwann bog Willbur Smith einfach in eine Seitengasse ab und verbarg sich hinter einer dicken Platane. Es wunderte ihn, dass der Baum nicht künstlich war. Vermutlich wurde das Sonnenlicht so geschickt kopiert, dass hier alles so ablief wie auf der Erdoberfläche.
Handelte es sich hier um eine der geheimen Städte, von denen öfter in Verschwörungstheorien gemunkelt wurde? Wo bei einem Atomkrieg auserwählte Menschen Zuflucht finden sollten?
Er lehnte sich an eine Mauer, die eine höher gelegene Terrasse stützte.
»He!«, rief da jemand von oben. »Sind Sie ein A oder ein B?«
Willbur Smith’ Kopf ruckte hoch. »Was?«
Das kleine Männchen mit der Glatze auf der Terrasse ließ ein meckerndes Lachen hören. »Also ein A. Hätte ich an Ihrer Kleidung sehen müssen. Kommen Sie herauf!«
Irritiert sah der Professor, wie das Männchen auf eine schmale Tür zeigte, die in das Haus führte. Smith hatte die Giebelwand in dem dichten Bewuchs gar nicht gesehen.
Er folgte einer schmalen Treppe und wurde an einer weiteren Tür von dem Männchen erwartet.
»Sie sind wohl mit dem neuen Trupp gekommen und konnten sich noch nicht orientieren? Na, macht nichts. Ging mir auch so.«
Dann stand Smith in dem Arbeitszimmer eines Gelehrten. Es hätte auch im alten Trakt von Yale oder Harvard sein können.
Smith blickte auf seine Uhr. Sie zeigte sechs Uhr am Morgen. Doch die altmodische Standuhr in dem Arbeitszimmer wies die zehnte Morgenstunde aus.
Das Männchen bemerkte den Blick und lachte wieder.
»Ja, hier haben wir unsere eigene Zeit. Wann sind sie von oben gekommen?« Er streckte den Arm mit ausgespreizten Fingern gen Decke.
»Wie meinen …«
Das Männlein lachte wieder. »Wir kennen uns, Professor Smith.«
Smith erstarrte. Er versuchte, in den Gesichtszügen des anderen etwas wiederzuerkennen.
»Samuel Perth. Professor Samuel Perth«, stellte der andere sich vor. Er strich sich über den Kopf. »Damals besaß ich noch meine volle Haarpracht.«
»Perth …« Jetzt fiel es Willbur Smith wieder ein. »Der Astro-Physiker.«

San Francisco, Stanford Research Institute

Im MTRD herrschte Chaos.
Sämtliche Computer waren abgestürzt.
Professor Frey, der in den hermetisch abgeschlossenen Labors übernachtet hatte, war außer sich.
»Himmel und Hölle! Das gab es noch nie!«
»Wir können keinen Kontakt zu unserem Team herstellen«, rief einer der Techniker.
»Was ist mit dem Notprogramm?«, wollte Frey wissen.
»Auch außer Betrieb!«, kam die Antwort.
Professor Frey war das erste Mal in seinem Leben ratlos.
Da meldete sich das von allen anderen Systemen unabhängige rote Telefon auf seinem Schreibtisch. Er nahm ab.
Es war der Leiter des Instituts.
»Professor – heben Sie sofort die Notabriegelung auf. Es war falscher Alarm.«
Über Freys Nase entstand eine scharfe Falte. »Aber Professor Smith …«
»Vergessen Sie, was Smith da gesagt hat. Er ist einem Irrtum aufgesessen!«
Frey überlegte kurz. Willbur Smith kannte er schon länger und er wusste, dass dieser Mann nicht leichtfertig handelte. Also antwortete Frey: »Nein Sir! Nur wenn Willbur Smith den Alarm aufhebt.«
Damit legte er den Hörer auf.
Im Büro des Institutsleiters hielten sich vier Männer in den Uniformen der NAVY auf.
Einer beugte sich nun zu dem verängstigt schauenden Institutsleiter vor. »Sir, welche Möglichkeit gibt es, in die Räume des MTRD zu gelangen?«
»Bei Notalarm keine«, kam die Antwort.

San Frederico

Die Krisenkonferenz begann um elf Uhr im PIUS XII-Raum.
Zwölf Personen, vier Frauen und acht Männer saßen um einen runden Tisch. Victoria ließ für das Team noch Stühle bringen.
»Ich habe etwas entdeckt«, raunte Ken Francine zu. Die sah ihn mit gerunzelter Stirn an.
»Über Darana Perth«, flüsterte der Japaner.
Victoria eröffnete die Konferenz.
Sie schilderte die aktuelle Situation. »Mr. Belongo, wie steht es mit dem Orbit-Programm?«
Der sympathische, drahtige Mann von den Bahamas blickte die Pontifex an.
»Zwei Orbitglider könnten starten. Allerdings gab es bisher nur eine Simulationserprobung.«
Victoria entschied: »Start eines Gliders in vier Tagen!«
Sandra McPherson hielt den Atem an. Victoria wollte also tatsächlich ohne Probeflug einen der neuen Orbitglider einsetzen.
Francine wandte sich an Ken. »Was habt ihr herausgefunden?«
Ken beugte sich zu ihr und flüsterte: »Es existiert von Darana Perth keine Geburtsurkunde.«
»Was?«
Ken zuckte die Achseln. »Dan und ich sind in alle Register gegangen. Angeblich wurde sie in Verduk geboren. Doch da gibt es nichts!«
»Führerschein? Meldeamt? Universität?«
Ken schüttelte den Kopf. »Vor vier Jahren tauchte sie plötzlich in San Frederico auf.«
Francine stützte den Kopf auf. »Wie ist sie denn in das Forschungsteam gekommen?«
»Ihre ganzen Referenzen scheinen gefälscht zu sein. Yale-Abschluss … nichts ist registriert.«
In diesem Moment öffnete sich die Tür des Konferenzraumes. Francine, Dan und Ken sprangen gleichzeitig auf.
In der Tür stand – noch etwas bleich – Claire.

Geheime Stadt, Realwelt

Der kleine Mann zog die Augen zu Schlitzen zusammen, dann rannte er an die Balkontür und schloss sie. Er machte das Zeichen des Schweigens. Aus einer Schublade, unter Papieren versteckt, zog er ein flaches Gerät hervor. Er schaltete es ein und beobachtete das grüne Licht. Dann atmete er erleichtert aus. »Alles sauber.«
Smith schaute fragend. Perth packte das Gerät wieder sorgfältig weg. »Ich habe nur getestet, ob der Raum inzwischen verwanzt ist.« Dann setzte er sich in den altmodischen Schreibtischstuhl und forderte Smith auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen.
»Sie sind nicht freiwillig hier und nicht beordert«, stellte Perth fest.
Smith schluckte, dann schüttelte er den Kopf. »Eher … zufällig.«
»Sie fanden den geheimen Eingang unter dem Institut?«
Smith nickte mit großen Augen.
»Dachte es mir!« Perth zauberte eine Flasche Whisky und zwei Gläser auf den Tisch. »Ich bin eher hier, weil ich etwas entdeckt habe, was ich nicht entdecken sollte. Einen Hypertunnel im Raum-Zeit-Gefüge.«
Er goss beide Gläser zwei Finger hoch voll. Als er Smith' verständnislosen Blick registrierte, meinte er seufzend: »Sie wissen gar nichts.«
Willbur Smith schüttelte den Kopf.
»Okay«, kam es leise. »Sie befinden sich in SECRET AREA TO ASTRO NATIONS, kurz S.A.T.A.N. genannt.«
Smith Gedanken schlugen Purzelbäume. »Davon … habe … ich nie gehört«, kam es rau.
Perth lachte erneut, aber diesmal sarkastisch. »Nur eine von mehreren unterirdischen Städten in den USA. Sie sind alle mittels U-Bahnen verbunden. Bis in die Arktis soll es gehen, munkelt man.«
Nun trank Smith den Whisky doch. Und zwar in einem Zug. Dann wollte er wissen: »Wozu das Ganze?«
Perth hob theatralisch die Arme. »Mit Area 51 begann es. Dann Mountain One. In dem einen wurden … oder werden es noch … geheime Waffen entwickelt. Das andere diente dazu, ausgesuchte Regierungsmitglieder und Wissenschaftler im Falle eines Atom-Crashs in Sicherheit zu bringen. Man sollte in einer unterirdischen Stadt Jahrzehnte lang leben können, während oben die Hölle tobte.« Perth schenkte Whisky nach. »Na ja, da die Militärs und Geheimdienste immer etwas zu verschweigen haben, bestimmte Gruppen ihr eigenes Süppchen kochen … wurden immer mehr geheime Basen und Städte erbaut. Nicht mal der Präsident weiß von diesen Anlagen.«
Smith war wie vor den Kopf geschlagen. »Aber … aber was macht man hier?«
»Seit Roswell«, erklärte Samuel Perth, »gibt es Kontakte zu außerirdischen Welten. Die Mondexpeditionen waren eine Farce. Nur für die Leute. Das Fußvolk. Von Area 51 reiste man bereits seit Ende der Sechziger Jahre zu den Sternen. Allerdings nur in unserem System. Den Menschen wird mit falschen Bildern und Expertisen vorgegaukelt, die Venus und der Saturn wären unbewohnbar.« Perth nahm einen Schluck aus seinem Glas. »Humbug!«, rief er und stellte das Glas hart auf den Schreibtisch. »Alles Unsinn!« Er fuhr sich über die spiegelnde Glatze. »Die Zeiten, die man trotz neuer Antriebe benötigt, sind zu lang. Also suchte man nach Lösungen.«
»Ja … und?«
»Das Glider-Programm brachte die Experten darauf. Erzeugung von Hyper-Raumlöchern im Raum-Zeit-Gefüge.«
Smith hörte die Worte von Perth, doch sie erreichten erst auf Umwegen seinen Verstand.
Professor Perth fuhr fort. »In vier Tagen wird ein Hypertunnel erzeugt, durch den ein Raumschiff seinen Weg zum System M13 nehmen wird. Mit einem Zeitaufwand von nur acht Wochen. Normal bräuchte man …«, Perth hob abwägend die Hand, »… 30 Millionen Jahre.«
Willbur Smith sperrte vor Staunen den Mund auf.
Perth nahm wieder einen Schluck Whisky. »Man wird versuchen, das Glider-Centrum und die Teams auszuschalten. Sie könnten unbequeme Zeugen werden.«
»Wie und von wo wird dieser Hypertunnel erzeugt?«, fragte Smith mit fremd wirkender Stimme. Das Gehörte erschütterte ihn bis ins Mark.
»Von einem Planeten, den man im Glider-Programm als 7-0-3 Alpha bezeichnet. Eine Urwelt. Unter einer Spezialkuppel ruht ein Robot-Raumschiff. In ihm befindet sich der Hyperkonverter.«
»Aber … Donnerkeil!« Willbur Smith war außer sich. »Wie kommt das Ding dort hin? Vor allem, woher wissen Sie das alles?«
Perth lächelte nun traurig. »Es gibt mehrere Transport-Glider. Damit wurde die Welt entdeckt und das Material innerhalb von zwei Jahren auf diese Welt transportiert. Und woher ich das weiß?« Perth beugte sich vor und zischte. »Ich habe das Programm entwickelt. Aber als es erledigt war, schob man mich aufs Abstellgleis.«
Er sprang auf. »Ich hatte Bedenken gegen die Mission kundgetan. Der Aufbau des Hypertunnels durch das Robotschiff kann andere Welten zerstören.«
Willbur Smith erhob sich wie eine Marionette. »Weshalb haben Sie denn mitgemacht?«
Professor Perth schaute zu Boden und auf einmal wirkte er um zehn Jahre gealtert.
»Wegen meiner Tochter«, kam es spröde. »Man hatte mich in der Hand.«

San Frederico

Victoria stand da, wie vor den Kopf geschlagen.
»Darana Perth ist eigentlich gar nicht existent?« Ungläubig kam es über ihre Lippen.
Ken nickte. »So hat es den Anschein. Eine Person völlig ohne Background.«
»Aber was bedeutet das?«
Claire mischte sich ein. »Mir kam damals schon Tatjana Perth in den Sinn.«
Dan schaute die Kollegin an. »Du äußertest dich damals schon so seltsam nachdenklich. Was ist mit dieser Tatjana?«
»Als wir noch ins Zeitreise-Projekt eingebunden waren – damals auf Rauenfels – gab es auf dem Luftwaffenstützpunkt Edwards ein mysteriöses Unglück. Ein auf Area 51 konstruierter Strato-Jäger hätte beinahe bei 99 Prozent Lichtgeschwindigkeit die Zeitmauer durchbrochen. Der Jäger verschwand für Sekunden von den Radar-Erfassungsschirmen. Dann tauchten plötzlich zwei Jäger auf, von denen sich einer nach nur vier Sekunden in Nichts auflöste. Später wurde der Bericht korrigiert und als Irrtum dargestellt.«
Alle blickten Claire erwartungsvoll an. »Na ja … die Testpilotin hieß Tatjana Perth. Als sie wieder landete, der gesamte Flug hatte nur dreißig Minuten gedauert, wiesen die Bordinstrumente zwei Jahre aus.«
Francine ließ sich auf einen Sessel sinken. »Woher hast du die Informationen?«
»Mein Cousin saß damals im Tower von Edwards. Alle wurden zum Schweigen verpflichtet. Aber mein Cousin konnte mit diesem Wissen nicht leben und hat es mir erzählt. Nun – ich vergaß dann die ganze Geschichte wieder. Bis der Name Perth wieder auftauchte und ich von dem Glider-Unfall in dem Zusammenhang hörte. Darana Perth – Tatjana Perth …«
Einen Moment herrschte Schweigen. Dann meinte Ken: »Nun ja … aber welcher Zusammenhang soll da bestehen?«
Claire stand auf. »Keine Ahnung. Fest steht, dass nicht ein Glider aus dieser Welt hierher zurückgekommen ist und Darana Perth verschollen ist.«
»Sie lag in dem verbrannten Glider!«, rief Victoria.
Francine schüttelte den Kopf. »Du sagtest selber, dass die Leiche nur anhand der Erkennungsmarke identifiziert werden konnte.«
Die Alarmsirene ließ alle zusammenzucken.
»Oh Herr!«, rief Victoria aus. »Das kommt vom Space-Center!« Sie griff zum Telefon und tippte eine Zahl ein. Sandra meldete sich.
»Was ist passiert?«, wollte die Pontifex wissen.
Der Schall der Sirene verebbte.
»Es gibt wieder neue Beben im Raum-Gefüge.«
Victoria machte ein ernstes Gesicht. »Seit wann?«
»Es begann vor zwei Stunden, doch nun hat uns eine richtige Schockwelle erreicht. Es ist so, als ob jemand Testläufe mache.«
»Ist es zu orten?«, wollte Victoria leise wissen.
»Jetzt ist das Signal wieder erloschen. Es war aber stark genug, um den automatischen Alarm auszulösen.«
Victoria fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Okay, beobachte das.«
Claire kam auf die Pontifex zu. »Gibt es ein Aufzeichnungssystem, über das alle Flugbewegungen über diesem Planeten aufgezeichnet werden?«
Victoria hob die Augenbrauen. »Space Control macht das. Wieso?«
»Kannst du anweisen, dass wir den Zugang zu Daten erhalten, die zwischen den letzten fünf und zwei Jahren liegen?«
»Ja … aber wozu?« In Victorias Stimme klangen Erstaunen und auch Zweifel mit.
Claire lächelte. »Das erkläre ich dir später. Ich weiß es selbst noch nicht.«
Victoria führte ein weiteres Telefonat. Danach sagte sie: »Ein Jet bringt euch in einer Stunde nach Houston.«

Geheime Stadt

Samuel Perth war – unter allen Vorsichtsmaßregeln – mit Willbur Smith zu einer Klinik gefahren. Der Verkehr vollzog sich im Innenstadtbereich ausschließlich über Schwebebahnen. Die eigentlichen Straßen bestanden aus Laufbändern und Fußwegen. Von oben hatte Smith fassungslos auf die Geschäftszeilen geschaut.
»Ja, mein Lieber«, hatte Perth gesagt, »die Oberwelt ist hier nachgebaut worden.«
Sie schritten durch das weiträumige Portal. Von dort gelangten sie von einer Halle, die aus viel Glas bestand, zu einem Aufzug. Dieser ließ sich nur mit einer Codekarte bedienen.
»Ich besitze noch einige Privilegien, weil man nicht weiß, ob mein Wissen noch gebraucht wird«, murmelte der Wissenschaftler.
Der Fahrstuhl brachte sie zwei Stockwerke tiefer.
Smith konnte es kaum verarbeiten, dass es möglich gewesen war, so eine Welt unter die Erde zu verlegen und niemand – außer bestimmten Kreisen – wusste davon.
Perth schien die Gedanken zu erraten.
»Es gab mal einen Reporter der Washington Post. Der hatte wohl Wind von der Sache bekommen. Er starb wenig später bei einem Autounfall. Einen Tag, nachdem er versucht hatte, mit Senator Wike zu sprechen.«
»Aber der Präsident müsste doch etwas wissen?«, bohrte Smith.
Der Astro-Physiker lachte hart und kurz. »Es gibt eine Regierung hinter der Regierung. Die sorgt dafür, dass der Präsident nur das erfährt, was er erfahren muss. Von Ihrem Glider-Programm hat er auch nie erfahren.«
Willbur Smith konnte nur hoffen, dass Francine Carpet ihn verstanden hatte. Es gab für ihn keine Gelegenheit, mit jemandem aus den Ministerien zu sprechen.
Über einen weiteren Flur gelangten sie zu einer Tür, über der ABT.: G 12 Y stand.
Perth zeigte einem Wachmann seinen Spezialausweis. Mit Blick auf Smith erklärte er: »Dr. Jansen. Er wurde extra hierher gebracht.«
Der Wachmann zögerte einen Moment, dann dachte er wohl, dass es unnötigen Ärger bereiten könnte, wenn er an anderer Stelle nachhakte. Was konnte auch schon passieren?
Vor einem Fenster blieben die beiden Männer stehen.
Perth deutet durch die Scheibe auf einen Wohnzimmer ähnlichen Raum.
»Meine Tochter Tatjana.«
Im Hals von Willbur Smith bildete sich ein Kloß.

Houston, Space Control

Claire, Ken und Dan wurden von Paul Levienien, dem stellvertretenden Leiter von Space Control empfangen. Francine war in San Frederico geblieben.
»Ein sehr ungewöhnlicher Auftrag der Pontifex«, sagte er. »Aber meinetwegen. Kommen Sie!«
Er führte die Drei in einen Kontrollraum, in dem es von Monitoren und Computern nur so wimmelte. Mindestens zwanzig Frauen und Männer arbeiteten hier und überwachten sämtliche Flugbewegungen des Planeten. Von dort brachte Levienien sie zu einem separaten gemütlichen Raum. Zwei Großmonitore standen hier.
»Hier können Sie Jahr und Datum, sowie die Uhrzeit eingeben und Sie erhalten alles, was Sie wissen wollen.«
Er blickte Claire an. »Sorry, Lady, aber wenn ich wüsste, wonach Sie suchen, könnte ich vielleicht helfen.«
Claire fuhr sich durch das Haar. »Etwa vor fünf oder vier Jahren, könnte … sagen wir mal … eine Flugsequenz stattgefunden haben, die nicht mit einfachen Worten erklärbar wäre«, drückte sie sich sehr vorsichtig aus.
Paul Levienien hob die rechte Augenbraue. »Ufos oder so was? Da haben wir jede Menge. In der Regel sind es dann nicht gemeldete Flüge gewesen oder von der Route abgekommene Maschinen. Wetterballons und auch mal Meteoriten.«
Er lachte. »Futter für Ufo-Fans!«
Claire blieb ernst. »Wir suchen eine Erscheinung, die nicht auf diese Art erklärt werden konnte.«
Levienien schloss kurz die Augen, stieß die Luft aus und kratzte sich am Kinn. »Wenn die Pontifex Sie danach suchen lässt, muss es einen besonderen Hintergrund haben. Es gibt so einen Fall. Der ist sehr komisch gewesen. Wir fanden tatsächlich keine rationale Erklärung dazu. Es sind auch keine Glider gewesen. Das meldet uns das Space Center an.«
Er tippte eine Kombination aus Zahlen und Buchstaben in den Rechner. Kurz darauf materialisierte sich ein Diagramm. »Das war vor vier Jahren – exakt am dritten Mai um elf Uhr sechzehn.«
Claire, Dan und Ken beugten sich näher an den Bildschirm.
»Merkwürdig«, flüsterte Ken. »Ein Objekt scheint in die Atmosphäre einzutauchen, verschwindet nach dreißig Sekunden und taucht nach weiteren vierzig Sekunden wieder auf.«
»Genau«, sagte Levienien. »Wie Sie sehen können, verfolgten wir das Objekt über eine Stunde. Dann entzog es sich unseren Geräten.«
»Wie ist das möglich?« Ken blickte den stellvertretenden Leiter von Space Control fragend an.
Der zuckte mit den Schultern. »Wir wissen es nicht.«
»Letzte Flugrichtung?«, wollte Dan wissen.
»Westküste.«

San Frederico

Monoton schlugen die Wellen des Pazifik an den Sandstrand.
Victoria und Francine hatten den gesicherten Privatbereich des Vatikans verlassen.
Die Pontifex grinste. »Den Weg habe ich ausgetüftelt, um mal ohne Body Guards zu sein.«
Zwischen zwei mächtigen Felsen ließen sie sich in den Sand sinken. Die Sonne neigte sich dem Horizont zu. Alles um sie herum erstrahlte in mystischem Licht.
»Früher dachten die Griechen, die Götter würden um diese Zeit zu den Menschen sprechen«, kam es leise von Victoria.
»Es hat seinen Zauber«, bestätigte Francine.
Victoria legte den Arm um die Freundin. »Es ist schön, dass es dich gibt«, flüsterte sie.
»Wenn die Umstände friedlicher wären, wäre es noch schöner«, gab Francine leise zurück.
Victoria legte den Kopf an die Schulter der jungen Frau. »Dann säßen wir nicht hier. Weil du überall im Einsatz wärest und mich … hättest du bald vergessen.«
Francine richtete sich entrüstet auf. »Niemals!«
Die Pontifex lachte leise. »Ach Francine – machen wir uns nichts vor.«
Francine schluchzte auf. »Nein, nein … ich liebe dich!«
Victoria presste die Freundin fest an sich. »Ich dich auch! Mehr als mein Leben!«
So hielten sie sich eng umschlungen fest.
Vielleicht zehn Minuten, vielleicht länger. Francines Herz pochte. Erstmalig nach langer Zeit fühlte sie so etwas wie wahres Glück.
Sie löste sich aus der Umarmung und blickte Victoria an. Ihre Augen tasteten das aparte Gesicht ab. Die fein geschwungenen Lippen mit natürlichem Rot, die Nixenaugen … alles umrahmt vom seidigen blonden, schulterlangen Haar. In der untergehenden Sonne schimmerten die zierlichen Löckchen wie Gold.
Erhaben wirkte sie. Entrückt!
In Francine rotierte es. Sie befand sich hier auf einer Parallelwelt und hatte sich in den Pontifex verliebt. Zudem kam noch, dass der Pontifex eine Frau war.
Innerlich musste sie lachen.
Victorias Stimme zog sie aus der Träumerei.
»Ich denke, wir sollten in den Vatikan zurück«, merkte sie an. »Vermutlich kehren deine Kameraden bald zurück.«
Die beiden ungleichen Frauen sahen sich an. Sie vereinigten sich in einem Kuss voller Leidenschaft.
Endlich flüsterte Francine: »Ich will nicht zurück in meine Welt. Ich möchte hier bleiben. Bei dir!«
Victoria sah sie lange an.
»Willst du das wirklich? Auf die Abenteuer verzichten? Den Nervenkitzel einer neuen Reise?«
Francine ergriff Victorias Hände. »Ja – das will ich! Wenn diese Mission vorbei ist, werde ich meinen Freunden sagen, dass ich hier bleiben werde!«
Victoria richtete sich auf die Knie auf und nahm Francines Gesicht in beide Hände. Ihre Augen schienen Francine bis auf den Grund der Seele zu schauen.
»Du meinst das ernst?«, kam es kaum hörbar.
Francine glaubte, ihr Herz müsse zerspringen, so heftig schlug es.
»Ja!«, antwortete sie klar.

Geheime Stadt

»Was … ist … das?«, stammelte Willbur Smith.
Er sah eine wunderschöne junge Frau, die vor einem simulierten Fenster stand und in eine ebenso simulierte Landschaft blickte.
Doch sie umwehte etwas.
Ein zweiter Körper.
Durchsichtig, leicht wabernd wie ein seidiger Umhang. Er folgte ihr bei jeder Bewegung.
»Was Sie sehen, ist Tatjanas Zwilling«, vernahm Smith die leise Stimme von Professor Perth neben sich.
»Wie?« Er konnte den Blick nicht von der Gestalt der Frau wenden.
»Tatjana war Testpilotin bei der NASA. Vor vier Jahren testete sie im Auftrag der NAVY einen neuen Jäger. Durch sein neu entwickeltes Triebwerk konnte die Maschine 99 Prozent Lichtgeschwindigkeit erreichen.«
»Aber …« Smith zeigte sich völlig von der Rolle.
Perth fuhr fort. »Es kam zu einem Unfall. Tatjana durchbrach scheinbar die Raum-Zeit-Barriere. Der Jäger verschwand von den Erfassungsgeräten. Nach kurzer Zeit tauchte er wieder auf. Doch für Tatjana waren zwei Jahre vergangen. Allerdings konnte sie uns nur bruchstückhaft erzählen, was sie erlebt hatte. Sie erklärte, es sei wie eine Traumsequenz gewesen. Ihr Körper habe sich geteilt. Sie habe sich zweimal gesehen. Mal aus den Augen des einen Körpers, mal aus den Augen des anderen.«
Smith fuhr sich durch das Haar. »Wie … ist so etwas möglich?«
Professor Perth atmete schwer. »Niemand weiß es. Jedenfalls sprach sie von einem anderen Planeten. Von dem anderen Ich wusste sie, dass es sich Darana nannte.«
»Darana?« Smith zuckte zusammen. Hatte nicht Francine Carpet den Namen erwähnt?
Perth fuhr fort. »Nach der Landung fiel Tatjana ins Koma. Fast vier Monate. Da merkten wir es zuerst. Ihr Geist schien zu reisen. Irgendwohin. Von Zeit zu Zeit kehrte er zurück. Er materialisierte sich. Nach dem ersten Koma trat dieses schemenartige Etwas auf. Es muss sich um eine Art Dopplereffekt durch den Eintritt in ein anderes Zeituniversum handeln. Nun – um es kurz zu machen – Tatjana fiel in regelmäßigen Abständen ins Koma. Immer dann verschwand dieses zweite Ich. Der durchsichtige Körper war nicht zu sehen.«
»Das heißt«, kam es mehr kratzend von Willbur Smith, »Tatjana führte ein zweites Leben irgendwo als Darana Perth.«
Perth nickte. »Genau so ist es … oder war es.«
Smith’ Augen verengten sich. »Wie soll ich das deuten?«
Professor Perth holte tief Atem. »Es war vor einem Jahr – ungefähr. Da gab es auf dem Stützpunkt Edwards Alarm. Ein Glider tauchte unvermittelt auf und landete. Aus ihm stieg … Tatjana.«
»Was?« Smith schluckte heftig.
»Ja, Tatjana als Person. Obwohl sie hier im Koma lag. Doch als eine Wachmannschaft auf sie zuging, gab es eine unerklärliche Explosion. Der Glider brannte aus und auch Tatjana – also die andere Tatjana – stand plötzlich in hellen Flammen. In diesem Moment schreckte diese Tatjana«, Perth deutet durch die Scheibe, »aus dem Koma auf und schrie, als würde sie selbst brennen.«
»Himmel!«, hauchte Smith nur.
»Die NAVY konnte noch einen Teil der Koordinaten aus dem verbrannten Glider retten, rekonstruierte diese und schickte einen anderen Glider, der parallel zum Programm des MTRD entwickelt worden war, mit einer Testperson auf Reisen. Diese Testperson kehrte nie zurück.«
Es entstand eine lange Pause. »Ungeheuerlich«, stöhnte Smith.
»Kann man so sehen. Jedenfalls manifestierte sich Darana wie ein Astralkörper um Tatjana.«
»Wie verhält sich Ihre Tochter?«, wollte Willbur Smith wissen.
»Nun … mal spricht Tatjana, mal Darana.«
»Was jetzt?«
»Die NAVY hielt es für besser, die ganzen Ereignisse geheim zu halten und Tatjana kam in die geheime Stadt. Da man mein Wissen benötigte, ließ ich mich überreden, an dem Projekt mitzumachen. So konnte ich wenigstens in der Nähe meiner Tochter sein.«
Smith knetete seine Hände. »Ja, aber weshalb wohnt Ihre Tochter nicht bei Ihnen?«
Perth lachte wieder freudlos auf. »Ganz einfach – meine Tochter lebt in einem speziellen Sauerstoffgemisch. Sobald sie mit normaler Luft in Berührung käme, würde sie verbrennen. Wie damals der stoffliche Körper von Darana auf Edwards.«
Willbur Smith brauchte lange Zeit, um das Gehörte zu verarbeiten. Er glaubte sich in einem Science Fiction Film.
Er hörte aus der Ferne nur, wie Perth noch sagte: »Tatjanas Mutter starb aus Kummer.«
Eher traumwandlerisch folgte er Perth aus dem Krankenhaus. Erst in einem kleinen Café kehrte sein Geist in die Wirklichkeit zurück.
»Was für ein Programm läuft hier? Ein Sternreiseprogramm – so sagten Sie. Auf der Basis von Hyperlöchern oder -tunneln, um in kürzester Zeit zu fernen Sternensystemen zu gelangen?«
Der alte Professor bestätigte das. »In vier Tagen startet das Projekt. Das heißt, von einer Welt in einer anderen Ebene, von der ich nicht weiß, wo sie liegt, startet ein Roboter, der durch besondere Traktor-Energie-Strahlen das Raum-Zeitgefüge teilen wird. Gleichzeitig wird aus der unterirdischen Basis – nahe Area 51 – ein Raumschiff mit fünf Mann Besatzung starten, um hinter der Plutobahn in das Hyperloch einzutauchen.«
Vor Smith Augen verschwamm alles. »Wie lange benötigt das Raumschiff bis zum Pluto?«
»Durch die Erkenntnisse des Glider-Antriebs maximal acht Stunden. Der Raumer muss also acht Stunden vor dem Roboter starten.«
Nun kam wieder Leben in Smith. »Was geschieht mit den Welten, die in die Auswirkungen des Traktorstrahls geraten?«
Samuel Perth zuckte mit den Achseln. »Vermutlich werden sie in einem Schwarzen Loch verschwinden.«
Smith sprang auf. »Ich muss zurück nach oben!«, rief er.
Perth zwang ihn gewaltsam auf den Stuhl zurück. »Sind Sie irre? Wenn sie jemand hört, sind Sie eher tot, als Sie auch nur einen Plan fassen können!«
»Aber … aber …«, flüsterte er aufgeregt, »… ich muss mein Team informieren. Sie müssen den Roboter aufhalten. Das Team kennt seinen Standort!«
Perth machte tellergroße Augen. »Sie wissen es?«
»Ja! Auf 7-0-3 Alpha!«
Samuel Perth biss sich auf die Lippen. Nach einer langen Zeit, in der er aus dem Fenster des Caféhauses gestarrt hatte, sagte er leise, aber mit fester Stimme: »Es gibt einen Weg. Aber wir müssen sehr vorsichtig sein. Jeder, der dem Projekt im Weg steht, wird umgebracht. Kommen Sie!«

San Frederico

Nacht lag über der Hauptstadt.
Nur die Kuppel des Vatikans erstrahlte im grünlich, künstlichen Licht.
Victoria und Francine lagen fest aneinander geschmiegt auf der breiten, weichen Couch. Sie hatten sich geliebt. Mit jeder Faser ihres Körpers.
Beide durchrieselte das völlige Glück.
Das Summen des Telefons riss sie aus ihren Gedanken.
Victoria richtete sich auf den Knien auf und angelte nach dem Hörer. Francine küsste die Waden der Freundin, arbeitete sich von den Kniekehlen abwärts bis zu den Fersen und küsste dann deren Fußsohlen.
Eher gedämpft drang Victorias Stimme zu ihr.
Die Pontifex beendete das Gespräch und drehte sich zu Francine um.
»Deine Kameraden sind aus Houston zurück.«
Eine halbe Stunde später trafen sich alle im Konferenzraum. Claire musterte Francine mit schelmischem Blick. Sie brachte ihren Mund nah an deren Ohr und hauchte: »Seid ihr glücklich?«
Francine ergriff die Hand der Kollegin. »Unbeschreiblich!«
»Dann haltet das Glück fest.«
Ken ergriff das Wort und berichtete, was sie erfahren hatten.
»Nun gut«, erwiderte Victoria zum Schluss. »Damit ist das Rätsel noch nicht gelöst.« In diesem Moment trat Kardinal Pesoli ein.
Francine konnte erstmalig sein Gesicht aus der Nähe sehen. Rasch drehte sie sich um. Hatte sie Halluzinationen?
Victoria sprach kurz mit ihm, dann ging er wieder.
»Sag mal«, erkundigte sich Francine. »Dieser Kardinal Pesoli … woher stammt er?«
Victorias Blick zeigte Unverständnis. »Aus Padua … glaube ich. Wieso?«
»Ach nichts«, wehrte Francine ab.
Eine Stunde später ging sie durch einen langen Flur des Vatikans, auf der Suche nach der Bibliothek. Sie wollte etwas nachschlagen. Da kam sie an einer geöffneten Tür vorbei. Dahinter befand sich ein großräumiges, edel ausgestattetes Büro. Sie wollte schon weitergehen, als ihr ein PC-Monitor auffiel. Eine Landkarte war als Desktop-Bild aufgespielt. Neugierig trat Francine ein. Niemand befand sich in dem Büro.
Die ehemalige, nun wieder aktivierte CIA-Agentin trat an den Schreibtisch und bewegte spielerisch die Maus.
Das Desktop-Bild verschwand und etwas anderes materialisierte.
Eine E-Mail.
Sie war nur kurz, eher belanglos, verwies aber auf einen Anhang.
Francine rief ihn auf und erstarrte.
Das Dokument, das sie jetzt sah, trug das Emblem der Central Intelligence Agency – kurz CIA.
Hastig überflog sie den Text.
»Hallo, Miss Carpet«, vernahm sie da die Stimme von Kardinal Pesoli. »Habe ich mich doch nicht getäuscht.«
Francine wirbelte herum und blickte direkt in das Gesicht ihres früheren Ausbilders.

Geheime Stadt

Die junge Frau in dem abgeschirmten Zimmer der Klinik starrte auf den Spiegel. Sie wusste, dass er von der anderen Seite ein Fenster barg. Sie lächelte. Zum ersten Mal seit Monaten. Sie wusste, dass ihr Vater sie täglich besuchte. Doch sie schaffte es nicht, mit ihm zu reden. Das unkontrollierte Eintauchen in eine fremde Ebene, das Durchbrechen der Zeitbarriere, hatte nicht nur ihre Molekularstruktur verändert, sondern auch Gehirnbereiche aktiviert, die bisher brachgelegen hatten. Mittels ihres gespaltenen Körpers, der sich im Moment wieder wie ein durchsichtiger Vorhang um sie gelegt hatte – durch ihre doppelte Persönlichkeit – besaß sie die Macht des Transformens. Einer Mutantenart, die andere Körper und Persönlichkeiten übernehmen konnte.
Tatjana griff sich plötzlich an den Kopf. Wieder kamen die rasenden Kopfschmerzen zurück. In solchen Phasen sah sie ein anderes Leben von sich. Das Leben ihrer zweiten Persönlichkeit – Darana.
Sie erinnerte sich, dass ihr abgespaltener Körper ein eigenes Leben auf einem anderen Planeten geführt hatte. Sie erinnerte sich, wenn auch schemenhaft, an Personen. An eine Frau, die als Pontifex regierte. Dann an einen Mann, der sich Kardinal Pesoli nannte. Eigentlich ein CIA-Spezialagent, der auf besagter Welt ein Geheimprojekt vorbereitete.
Die ehemalige Astrophysikerin und Testpilotin warf sich auf das breite Bett.
Oh Gott!, durchfuhr es sie. Ihr Geist realisierte spontan nach dieser endlos langen Zeit, dass ihr Jäger manipuliert worden sein musste. Dass ihr Durchbruch durch die Raum-Zeit-Mauer Bestandteil eines Plans gewesen sein musste.
Tatjana Perth glaubte, ihr Schädel müsse bersten. Da stabilisierte sich ihr Zweitkörper und stand plötzlich neben ihr.
»Wir müssen etwas tun«, sagte ihr zweites Ich, Darana.
Jedoch konnten beide Körper nicht unter normalen Bedingungen leben. Sie würden verbrennen. Daranas Festkörper existierte nur zeitweilig weiter, weil er Energie von Tatjanas Molekularleib absaugte. Allerdings wollte ein Ärzte-Team ein Experiment mit einem ganz bestimmten Blut wagen.
In diesem Moment zischte die Luftschleuse zu ihrem Zimmer. Die Krankenschwester Silke Fox betrat den Raum. Als einzige besaß sie Zugang zu Tatjanas Quartier. Ausgenommen Dr. Jacob, der Internist.
Tatjana und Darana – sie standen wie Zwillinge nebeneinander – wussten, was zu tun war.

San Frederico

Francine zerrte an ihren Fesseln.
Sie lag ausgestreckt auf einer Metallbank – ähnlich der in einer Pathologie – umgeben von trübem Licht. Vor ihr stand Pesoli.
Die CIA-Agentin schalt sich eine Anfängerin. Wie konnte sie nur ihre Umgebung so außer acht lassen?!
»Willkommen im Diesseits«, sagte Pesoli süffisant.
»Was soll das, Manson? Was tun Sie hier auf dieser Welt überhaupt?«
Pesoli alias CIA-Agent Manson lachte meckernd. »Viele Fragen auf einmal. Zu viele!« Er beugte sich über Francine. »Sie sind zu neugierig.«
Francine wandte den Kopf ab. Manson lachte wieder. »Wir benötigen diesen Planeten hier. Für ein großes Unternehmen. Aber …«, er richtete sich wieder auf, »vorher muss ich wissen, was Sie wissen.«
»Was läuft da für eine Schweinerei in der CIA?« Sie schrie es heraus.
Manson lachte. »Liebe Miss Carpet, wir brauchen diesen Planeten als Stützpunkt für unsere Kontrollstationen. Für große Weltraum-Expeditionen durch den Hyperraum.«
»Ah ja«, kam es sarkastisch. »Deshalb wollen Sie den Planeten zerstören? Wie passt das?«
Manson schüttelte den Kopf. »Wir werden ihn nur in eine andere Raum-Zeitebene versetzen.«
Francine glaubte, sich verhört zu haben. »Was? Dabei werden alle Lebewesen dieser Welt umkommen.«
Der CIA-Mann zuckte nur die Achseln. »Wir brauchen hier niemanden. Aber jetzt zu Ihnen. Wer weiß über die Sache Bescheid?«
Francine schwieg.
Manson strich sich über die Soutane. »Auch gut! Es gibt Mittel, Sie zur Kooperation zu bewegen.« Er wandte sich um und rief etwas, was Francine nur undeutlich verstehen konnte. Aber da tauchten auch bereits zwei große muskulöse Männer auf. Sie trugen die Kleidung mittelalterlicher Henker. Die Gesichter hatten sie mit Kapuzen verdeckt.
»Verehrteste, diese beiden Gentlemen werden sich mit Ihnen beschäftigen.« Er grinste. »Ich kenne Ihre … Schwächen. Ich werde Sie als Einstimmung für unser weiteres Geplauder unter Ihren nackten Fußsohlen kitzeln lassen. Sagen wir … erst mal zehn Minuten ohne Unterbrechung. Dann sehen wir weiter.«
Francine brach der Schweiß aus. Gerade an den Sohlen war sie ungeheuerlich kitzlig. Das würde sie kaum durchstehen.
Manson, der ihre Reaktion bemerkte, kam wieder etwas näher. »Oder möchten Sie doch mit mir reden?«
Als Francine wieder schwieg, gab der Pseudokardinal den beiden Burschen ein Zeichen. Sie streiften Francine die Schuhe ab und da sie keine Strümpfe trug, lagen die Sohlen sofort frei. Nur eine Minute später hallte der unterirdische Gewölberaum vom hysterischen Gelächter der Gemarterten wider.
Unterdessen telefonierte die Pontifex mit der Weltraumbasis auf den Inseln. Es wurde alles für den Start eines Orbitgliders vorbereitet. Am folgenden Tag sollten Francine, Ken und Dan dorthin fliegen.
Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, rief sie das Büro von Kardinal Pesoli an. Es meldete sich niemand. Also beschloss sie, in den Seitenflügel des Vatikans zu gehen.
Sie fand das Büro unverschlossen. Der PC war abgeschaltet. Pesoli war nicht da. Victoria wollte schon den Raum verlassen, als sie stutzte. Etwas glitzerte auf dem Teppichboden vor dem Schreibtisch. Victoria bückte sich und hob es auf.
»Francines Ring«, murmelte sie. »Wieso liegt der hier?«
In Victorias Kopf klingelte es Alarm. Sie zog ihr Mobiltelefon aus der Gürteltasche ihrer Jeans.
Unvermutete erhielt sie einen Schlag auf den Kopf. Victoria taumelte, schlug hin.

Geheime Stadt

Über zahllose Umwege und kleine Gassen, Laufbänder und Treppen hatte Professor Perth Willbur Smith zu einem Tunnel geführt.
»Dies ist ein alter Versorgungstunnel«, erklärte er gedämpft. »Er wird nicht mehr genutzt. Folgen Sie ihm. Es sind allerdings um die sechs Kilometer. Aber dann gelangen Sie an einen Ausstieg. Er mündet in ein Kanalrohr. Es führt nur wenig Wasser. Wenn Sie dem Kanal folgen, erreichen Sie das Gelände unter dem Stanford Research Institute. Durch einen Wartungsschacht kommen Sie direkt an einem Lastenaufzug raus. Ich denke nicht, dass er bewacht wird. Die Kabine wird automatisch unten gehalten.«
Er reichte Smith eine Codekarte. »Damit können Sie den Lift starten.«
Perth schnaufte leicht. »Mehr kann ich nicht tun.«
Willbur Smith nickte und klopfte dem Professor auf die Schulter. »Wird schon klappen.«
Samuel Perth sah dem Mann noch einen Moment nach.
»Viel Glück«, murmelte er.
Der stellvertretende Leiter des Stanford Research Instituts folgte dem fast schnurgeraden Gang. Kabel und Metall-Leitungen zogen sich an der Decke und den Wänden hin. Es roch muffig. Alles wirkte verrottet.
Da fiel ihm ein Kabel auf, das intakt schien. Ein Telefonkabel, das sah er sofort.
Er behielt es im Auge. Nach vielleicht achthundert Metern mündete es in eine Verteilerdose. Smith las die Beschriftung. Da gab es das NAVY-Symbol und das Zeichen des Senats. Es handelte sich also um eine Direktleitung zum Capitol. Warum? Weshalb nicht zum White House?
Weil der Präsident nichts von der Sache wusste?
Willbur Smith ritt der Teufel. Er zückte sein Taschenmesser und machte das Kabel an bestimmten Stellen blank. Dann schnitt er aus einer anderen, alten Leitung etwas Draht ab. Schließlich zog er sein Handy hervor und klappte die hintere Lasche auf.
Der versierte Physiker brauchte nur vier Minuten, um das Mobilgerät an die Leitung zu koppeln.
Wenn es eine direkte Leitung gab, musste Smith nur mit der Eins verbinden.
Das Rufzeichen ging durch. Fünfmal, sechsmal … achtmal …
»Ja?«, meldete sich dann eine Stimme. Smith zuckte zusammen. Er kannte sie. Sein bester Freund Senator McNewman aus Alabama. Ein Mann, der sich als Patriot und Demokrat gab und das Glider-Programm im Senat mit durchgesetzt hatte.
Smith verstellte seine Stimme. »Der Countdown muss um vierundzwanzig Stunden verschoben werden. Es gibt ein technisches Problem.«
Einen Moment war es still, dann vernahm Smith die Stimme des Senators: »Bullshit, Carson! Wenn wir nicht in der errechneten Zeiteinheit diese Parallelwelt 4-0-6 übernehmen können, war alles umsonst. Unser Mann dort oben in der Regierungsspitze hat alles vorbereitet. Man wird rechtzeitig diese Pontifex eliminieren.«
Smith schluckte trocken. Darum ging es! Für ein bestimmtes Programm sollte die Welt 4-0-6 besetzt werden.
»Wir tun unser Bestes. Ich hoffe, das White House hat noch keinen Wind von der Sache bekommen?«, schoss Smith ins Blaue.
»Sind Sie verrückt? Der Präsident würde alles sofort stoppen! Das ist NAVY- und CIA-Sache! Nur wir haben den Weitblick für ein neues Reich!«
»Ich melde mich«, sagte Smith mit belegter Stimme.
Er unterbrach die Verbindung.
McNewman und Brigadegeneral Carson steckten in dem Spiel. Er hatte Gewissheit. Der Präsident wusste von dem Geheimvorhaben nichts.
Smith' Gehirn arbeitete präzise wie ein Computer. Er musste Frey erreichen. Aber wie?
Sein Blick glitt über die Kabelstränge. Dann wusste er es. Er zapfte ein anderes Kabel an. Es funktionierte. Über die allgemeine Stadtleitung wählte Smith die Sondernummer des MTRD.
»Komm schon!«, rief Smith in dem Schacht ungeduldig. Dann hörte er Professor Frey.
Er setzte ihm hastig, aber verständlich die Sache auseinander.
Frey sagte immer nur verblüfft: »Ja … ja …«
Willbur Smith hoffte, dass der wache Geist von Professor Frey alles richtig verarbeitete.
Er schaltete das Handy aus.
Der Knall – hundertfach verstärkt in dem Tunnel – kam völlig unerwartet.
Doch als Willbur Smith ihn vernahm, zerriss die Kugel des Scharfschützen schon seinen Herzbeutel.

MTRD

Professor Frey starrte auf das Telefon, als stamme es aus einer anderen Welt.
Doch dann verarbeitete er das Ungeheuerliche exakt.
Aber wie kam er hier heraus?
Frey lief durch einen langen Flur zur Haupttechnikzentrale.
»Mr. Greyson, ich benötige alle Stromreserven, die wir haben. Schalten sie alles Überflüssige vom Notaggregat ab!«
Er musste das Team erreichen! Einen Kontakt herstellen!
Greyson, ein loyaler und sehr versierter Techniker und Leiter von allem, was mit Energie zu tun hatte, fragte: »Sir – gibt es etwas, das ich wissen sollte?«
Frey pfiff Luft über die Lippen. »Tief, tief in der Erde läuft eine eigenmächtige Schweinerei. Abseits aller genehmigten Raum- und Zeitprogramme.«
Der Techniker wurde blass. »Abseits … Sie meinen, da gibt es eine Organisation innerhalb der …«
»So sieht es aus. Verdammt, Greyson! Ich muss zum Präsidenten!«
Greyson überlegte, dann umspielte ein Lächeln seine Lippen. »Da wüsste ich einen Weg.«

San Frederico

Ken blickte erstaunt auf sein Mobil-Telefon.
Victorias höchst private Nummer blinkte auf dem Display. Er betätigte die Gesprächstaste und sagte: »Victoria? Was gibt’s?«
Doch statt der Stimme der Pontifex vernahm Ken nur merkwürdige, dumpfe Geräusche. Dann eine entfernte Stimme: »Bringt sie zu ihrer Hure!«
Dann knackte es und die Verbindung war weg.
»Was ist?«, erkundigte sich Claire mit bangem Gesicht.
Ken starrte auf das Handy. »Ein Anruf Victorias, aber …« Er berichtete.
»Da ist eine Schweinerei im Gange!«, rief Dan.
»Los! Zu den Privaträumen Victorias! Ruf Francine an!«, sagte Claire.
Doch Francine meldete sich nicht.
Claire fasste rasch alles zusammen. »Jemand hat sie gekidnappt.«
»Aber wie wollen wir sie finden?«, fragte Ken nervös.
Claire blieb stehen. »Ist euch aufgefallen, wie sie diesen Kardinal fixierte?«
»Ja«, kam es von Dan. »Als ob da ein Wiedererkennen sei.«
»Na denn mal los zu seinem Quartier!«
Das Büro war leer. Aber sie fanden Victorias zerstörtes Handy.
Etwas ratlos standen die Drei da, bis Dan laut überlegte: »Claire, du kennst dich doch hier aus. Von damals. Wo sind die Keller?«
In Claires Gehirn blitzte es auf. Die Kerker!
»Kommt!«.
Über unzählige Flure und Treppen, dunkle Gänge und schmale Stiegen erreichten sie die alten Kerker der Inquisition.
Von irgendwo vernahmen sie fürchterliches Gelächter. Es klang aber weniger fröhlich, als grausam gequält.
»Scheiße!«, flüsterte Dan. »Da wird jemand …«
»Francine!«, zischte Claire. Sie folgten den Lauten und standen bald vor einer Eisentür.
Das Lachen hatte aufgehört und war in ein Stöhnen und Jammern übergegangen. Nun vernahmen sie auch Victorias Stimme. »Pesoli, Sie sind verrückt!«
»Ha!«, kam es als Antwort. »Ich habe keine Hemmungen, sie beide splitternackt auf glühenden Kohlen zu rösten, um zu erfahren, was ich wissen muss.«
In den Gesichtern der drei Lauscher spiegelte sich blanke Wut wider. Ken drückte vorsichtig die überdimensionale Türklinke. Die Tür ließ sich öffnen.
Pesoli stand vor Victoria, die halb nackt vor ihm kniete, die Hände in altmodischen Handfesseln. Francine lag schweißüberströmt auf einer Art Streckbank.
Claire entdeckte direkt neben der schweren Tür eine Ablage mit allerlei Folterwerkzeug. Darunter eine großformatige Zange. Sie mochte sich nicht vorstellen, wozu sie benutzt worden war.
Ein Griff – ein Wurf …
Der Kardinal schrie auf. Blut lief von seiner Schläfe, er sackte zusammen. Ken sprang einen der Folterknechte an. Claire legte mittels fernöstlicher Beinarbeit den anderen flach.
Schwer atmend wandte sie sich dann an Victoria und Francine: »Darf ich die Damen zum Ankleiden bitten!«
Die Schweizergarde brachte Pesoli in sicheren Gewahrsam. Eine Stunde später hatten sich alle in Victorias Privaträumen versammelt.
»Nur gut, dass du noch den Rufknopf deines Handys betätigen konntest«, sagte Ken leise.
Victoria verzog das Gesicht. »Es muss wohl gerade noch mein letzter Reflex gewesen sein, als Pesoli mich niederschlug.«
Francine erholte sich allmählich von der Kitzelfolter. »Oh Gott, ich kann verstehen, dass Hexen früher alles gestanden haben«, stöhnte sie.
Victorias Gesicht wirkte versteinert. Sie ging auf Francine zu und – ungeachtet, dass Ken und Dan dabei zusahen – küsste sie die Freundin. »Es tut mir so leid, Francine.«
Francine lächelte jetzt. »Als damals aktive CIA-Agentin in der Spionageabwehr habe ich schon einiges abbekommen. Die Bastonade in Kairo war da noch das Mildeste.«
»Was ist mit Pesoli?«, wollte Ken wissen.
Francines Augen blitzten. »Mein früherer Ausbilder.«
»Na, dann nehmen wir ihn uns doch vor!«
Doch sie kamen zu spät. Niemand hatte den angeblichen Kardinal untersucht. Er hatte sich mit einer Zyankalikapsel selbst ins Jenseits befördert.

Flughafen San Francisco

Professor Frey hatte es tatsächlich mit Hilfe Greysons geschafft, mit der Cargo-Rohrpost das Stanford Research Institute zu verlassen. Nun stand er, wenn auch etwas zerzaust, in der Flughafenhalle des International SAN FRANCISCO Airport.
Er hatte ein Ticket für die nächste Maschine nach Washington gebucht.
Er drückte sich hinter einen Stahlträger der Halle, als er vier Polizisten mit aufmerksamem Blick durch die Halle patrouillieren sah. Er wusste nicht, ob man ihn suchte, aber er wollte auch kein Risiko eingehen.
Er atmete erst auf, als er in der Maschine saß.
Die Triebwerke heulten auf und … verebbten wieder. Dann vernahm er die Stimme einer der Stewardessen.
»Verehrte Fluggäste, leider verzögert sich unser Start um einige Minuten, weil wir noch einen VIP-Gast an Bord nehmen müssen.«
Die Bordtür öffnete sich wieder. Frey schluckte nervös. Der große Mann in der Uniform der NAVY kam herein, bedankte sich bei der Stewardess und suchte sich einen freien Platz. Zielstrebig neben Professor Frey.
Die Maschine hob ab. Als das Abschnallzeichen aufleuchtete, entnahm der NAVY-Offizier seiner Aktenmappe eine dicke Zeitung und legte sie auf seine Knie.
»Professor Frey«, raunte er. »Unter dieser Zeitung liegt ein 45er Armeerevolver. In Washington werden Sie genau meine Anordnungen befolgen, sonst muss ich Sie erschießen.«
Nachdem Frey diese Drohung verdaut hatte, die sein Herz bald zum Stillstand gebracht hätte, raunte er zurück: »Weshalb nicht gleich?«
Sein Nebenmann lächelte dünn. »Das würde dem Flugzeug nicht bekommen.«
Der Hals des Professors wurde eng. Doch nach knapp zwei Minuten beherrschte ihn wieder der kühle wissenschaftliche Verstand.

4-0-6 Alpha

Sie befanden sich auf dem Weg zum Space Center auf den Inseln der Föderation.
»Ich muss hier noch etwas erledigen«, hatte Victoria zum Abschied gesagt. »Ich komme in wenigen Stunden nach.«
Der Abschied war Francine schwer gefallen. Sie sorgte sich um die Freundin.
»Victoria ist durch die Ereignisse gewarnt. Sie weiß, was sie tun muss.« Dans Stimme sollte beruhigend klingen.
Der Flug dauerte zwölf Stunden.
Chef-Ingenieur Frank Seperstone holte das Team vom Airport ab.
»Ich denke, Sie wollen erst ins Quartier und etwas schlafen.« Er schaute auf seine Uhr. »Wir treffen uns in fünf Stunden auf dem Space-Gelände.«
Pünktlich traf das Team ein. Seperstone zeigte ihnen persönlich den Strato-Glider.
»Miss Carpet wird kaum Schwierigkeiten haben. So viel ich weiß, ist sie in ihrer Welt auch als Astronautin ausgebildet worden. Sie …«, Er wandte sich an Dan und Ken, »… werden noch ein Training und einen Gesundheitscheck machen müssen.«
Der Chef-Ingenieur kannte keine Gnade. Eineinhalb Tag jagte er das Team durch den Simulator.
»Ich habe die Verantwortung für Ihr Leben«, sagte er am Schluss. »Und das nehme ich verdammt ernst.«
Am Abend des zweiten Tages auf dem Space-Gelände traf man sich in der Cafeteria.
Seperstone legte den Ausdruck einer E-Mail auf den Tisch. »Die Pontifex wird erst kurz vor dem Start kommen.«

Flug PA-989, Realwelt, zwei Tage vorher

Professor Frey schob das Tablett mit den Resten des Essens auf dem kleinen Klapptisch etwas zurück. Verstohlen schaute er auf seine Armbanduhr. In knapp vierzig Minuten würden sie Washington D.C. erreichen. Er musste handeln.
Er erhob sich halb aus seinem Sitz.
»Stopp!«, flüsterte der NAVY-Offizier. »Hinsetzen!«
»Ich muss zur Toilette oder wollen Sie auffallen, weil ich in die Hose pisse?« Der Ton des Professors war spöttisch.
Der Offizier dachte einen Moment nach, dann gab er den Weg frei. »Keine Dummheiten«, raunte er noch.
»Ich will nicht abstürzen, nur weil Sie ein Loch in den Jet schießen«, gab er zurück.
Der Weg zu den Toiletten führte durch die Pantry. Frey hatte einen festen Plan.
In der Pantry nahm er eine kleine blonde Stewardess zur Seite und zeigte ihr seinen Ausweis des MTRD.
»Was ist das?«, fragte die junge Frau und schaute unsicher auf die Plastikkarte mit dem Lichtbild. Das Wappen der Vereinigten Staaten sagte ihr, dass es etwas Offizielles sein musste. Wenn ihr auch die Organisation nichts sagte.
Frey machte eine amtliche Miene. »Inlands-Sicherheitsdienst. Mein Name ist Frey. Der Mann in der Offiziersuniform ist ein gesuchter Terrorrist. Haben Sie einen Sky-Marshall an Bord?«
Die Stewardess verneinte.
»Okay – dann informieren Sie unauffällig den Captain.«
Völlig blass nahm die Stewardess den Hörer des Bordtelefons ab. Als sich das Cockpit meldete, sagte sie nur heiser: »Code 4 C.«
Sie lauschte und sagte leise: »Verstanden.«
Dann blickte sie Frey ernst an. »Der Captain will wissen, wo er sich rückversichern kann.«
Der Professor reichte der Stewardess eine kleine Karte, auf der eine Telefonnummer geschrieben stand.
»Wem gehört der Anschluss?«
Frey lächelte nun. »Dem Präsidenten.«
Der Stewardess wäre die Karte bald aus der Hand gefallen.
Tja, dachte der Professor, die Nummer stimmt, aber der Präsident kennt mich vielleicht nicht mehr.
Die Stewardess gab die Information an das Cockpit weiter. Dann reichte sie Frey den Hörer. »Der Captain will Sie sprechen.«
Frey nahm den Hörer.
»Hier ist Captain Jessen. Sir, sind Sie sicher, dass es sich um einen Terroristen handelt?«
»Ja. Ich befand mich auf seiner Spur und er muss etwas gemerkt haben. Unter einer New York Times auf seinen Knien liegt eine 45er Armeewaffe. Er wird davon rücksichtslos Gebrauch machen.«
In dem Hörer war es still. Doch die Nervosität im Cockpit konnte man körperlich spüren.
»Was können wir tun?«, drang es heiser an das Ohr des Professors.
Der setzte dem Captain seinen Plan auseinander. Danach kehrte er an seinen Platz zurück.
»Na? Alles gut?«, kam es leicht hämisch von dem Offizier.
Frey nickte nur.
In diesem Moment leuchtete mit einem Glockenton das Zeichen Anschnallen auf. Dann vernahm man die Stimme des Captains. »Meine Damen und Herren, bitte schnallen sie sich an. Washington D.C. meldet heftige Turbolenzen.«
»Auch das noch!«, fluchte der NAVY-Mann und griff mit beiden Händen zum Gurt.
Die Ereignisse überschlugen sich. Der Jet zog in eine enge Linkskurve. Der Offizier rutschte über den Sitz. Eine der Stewardessen griff dem vermeintlichen Terroristen mit beiden Händen an den Hals. Frey beugte sich vor und krallte sich den Revolver. Dann stürzte noch ein athletischer Mann hinzu und legte dem Offizier Handschellen an.
»Ich bin Sky-Marshall Black. Sie sind festgenommen. Um Sie wird sich die Polizei in Washington kümmern!«
Frey schaute die Stewardess an, mit der er gesprochen hatte. Die lächelte. »Sorry, Sir, aber ich musste Sie täuschen.«
Planmäßig landete die Maschine. Frey wartete, bis die meisten Leute die Maschine verlassen hatten, dann erklärte er dem Sky-Marshall: »Ich muss mit meiner Dienststelle telefonieren. Halten Sie den Mann fest. Sagen Sie das auch der Polizei.«
Ehe der Sicherheitsbeamte etwas dazu sagen konnte, war Frey auf der Gangway.

Geheime Stadt

Niemand achtete auf die Krankenschwester, die den Zug zum Raumhafen bestieg.
Die Fahrt nahm zwanzig Minuten in Anspruch. Die Krankenschwester stieg aus und ging auf ein Gebäude zu, das als Unfallstation ausgewiesen war. Sie kannte sich hier aus und verließ das Gebäude auf einem Umweg, der sie ungesehen auf ein abgesperrtes Gelände führte. Dort verharrte sie kurz.
»Beeil dich«, hörte sie da die innere Stimme. Es gab keinen Widerstand. Sie musste der Stimme gehorchen.
Zielstrebig schritt sie auf eine Lagerhalle zu. Der Wachsoldat blickte ihr entgegen.
»Hallo, Karbolmaus. Was suchst du denn hier?«, feixte er.
»Vielleicht dich?«, kam es spöttisch zurück.
»Ho, ho!«, machte der Soldat.
Ehe er nachdenken konnte, spürte er den nadelfeinen Einstich in seinem Oberschenkel. Dann knickte er ein.
Die Krankenschwester fing den Mann gerade noch auf und schleifte ihn hinter das schwere Rolltor. Dann drückte sie den kleinen roten Knopf, das Tor senkte sich herab.
Aus der Dunkelheit konnte sie durch das gegenüberliegende Tor schauen. Sie hielt kurz den Atem an.
Das bald dreißig Meter durchmessende Kugelraumschiff konnte kaum allein aus irdischer Produktion stammen. Es ruhte auf unzähligen Stahlstreben.
»Das ist dein Ziel«, meldete sich die innere Stimme. »Jetzt nimm den LKW!«
Die Krankenschwester schritt wie ein Roboter auf den Armee-Lastwagen zu.
»Beeile dich!«, drängte die Stimme. »Du musst gegen die Stahlstütze am unteren Pol fahren, dann wird die Schleuse mit abgerissen und ein Start ist nicht möglich.«
Ein Wachbataillon stob auseinander, als der schwere Lastwagen darauf zuraste. Einige Soldaten eröffneten das Feuer, aber zielsicher raste das Fahrzeug auf das Raumschiff zu. Fest umkrampfte die Krankenschwester das Steuer.
Der Wagen jagte durch den äußeren Strebenring und …
Eine Gewehrkugel traf die junge Frau mitten in die Stirn. Sie sackte nach vorn über das Steuer. Dabei drückte sie mit dem rechten Fuß das Gaspedal bis zum Boden durch.
Es knallte!
Blech und Stahl jammerten.
Das Heck des Wagens schleuderte gegen die mobile Sauerstoffversorgung.
Das Kugelschiff schwankte.
Bis in das Zentrum von S.A.T.A.N. vernahm man die Detonationswelle.

Space Center

Abschussbereit stand der Orbit-Glider auf der Startrampe.
»Okay Leute«, vernahm Francine die Stimme von Seperstone. »In T minus fünfundzwanzig geht es los.«
Das Team bestätigte und ging die Checkliste noch mal durch. Da meldete sich Sandra über eine Spezialfrequenz aus San Frederico.
»Eine Raumwelle macht sich im Plutobereich bemerkbar. Ich denke, es geht los.«
Francine – als Captain – wollte etwas entgegnen, als sie in ihrem Kopfhörer eine andere Stimme vernahm.
»Hallo Francine«, kam es leise.
»Victoria«, hauchte sie.
»Viel Glück.«
»Wir können es brauchen«, kam es von Francine.
Einen Moment war es still, dann sagte Victoria sanft: »Ich liebe dich, Francine. Komm heil zurück.«
Die CIA-Agentin konnte nicht verhindern, dass ihr eine Träne über die rechte Wange lief.
Doch nur Sekunden später musste sie sich voll konzentrieren.
Der Countdown lief.
Auf die Sekunde genau schoss der Orbit-Gleiter ab und zog mit einem langen Feuerschweif hinauf in den stahlblauen Himmel.
Die Timetraveller wurden in die pneumatischen Sitze gepresst.
»Geschwindigkeit?«, forderte Francine. Dan, der die Kontrollen beobachte, gab den Stand durch.
»Winkel?«, rief sie wieder.
Diesmal antwortete Ken. »Nach zweiundvierzig Sekunden sechs Grad Nord.«
Das Haupttriebwerk verstummte. Der Glider hatte die vorgeschriebene Flughöhe erreicht, um die Plasmatriebwerke einschalten zu können. Sie flogen jetzt mit achtfacher Schallgeschwindigkeit und beschleunigten weiter.
»Die NASA wäre neidisch!«, rief Dan aus.
Der Kurs war exakt berechnet und sie erreichten nach zehn Stunden ohne Zwischenfälle die Plutobahn. Francine hatte etwas geschlafen, während sie der Autopilot sicher steuerte.
Sandra meldete sich über die Sonderfrequenz.
»Wir verzeichnen starke Beben im Raumgefüge. Seid vorsichtig.«
Der Weltraum vor ihnen, bisher mit Sternen übersät, schien sich mit einem Mal in einen milchigen Vorhang zu verwandeln. Diese Nebelsuppe begann sich zu drehen wie ein Strudel.

Washington D.C.

Professor Frey kauerte unter dem Wäschewagen und wagte nicht zu atmen. Der Sicherheitsbeamte an der Hintertür des White House kontrollierte den Lieferanten.
»Hey Jack«, sagte der. »Langsam müsstest du mich kennen.« Es klang vorwurfsvoll.
»Ja, tut mir leid, aber ich muss das machen.«
»Schon okay.«
Endlich ging es weiter.
Frey wusste, dass die Wäschekammer sich im Erdgeschoss befand und er von dort über einen Flur zum Oval-Office gelangte.
Ein streng bewachter Weg.
Wie er zum Präsidenten gelangen sollte, wusste er selbst noch nicht.
Der Karren ratterte über den Steinboden und dann über den weichen Teppich. Der Professor machte sich so klein wie möglich.
Dann blieb der Wagen stehen. Frey hielt wieder die Luft an. Er sah die Beine des Wäschelieferanten und dann zwei schlanke, schwarze Hosenbeine.
»Guten Tag, Mr. Hansen«, sprach jemand, dem wohl die schwarzen Hosen gehörten.
Der Professor zuckte. Die Stimme kannte er. Sie gehörte … dem Präsidenten.
Frey rollte sich unter dem Wagen vor. Hansen und der Präsident machten große Augen.
»Hallo!«, kam es gequält von Frey. »Nett, dich wiederzusehen.«
Zwei Sicherheitsbeamte sprangen hinzu, doch der Präsident winkte ab. »Schon okay, Boys!«
Dann blickte er auf den Professor. »Mortimer Frey! Mein Physikdozent! Himmel, was machen Sie hier?«
Frey fasste sich. »Mr. President, ich hätte es nicht getan, wenn es einen anderen Weg gegeben hätte. Es geht um die nationale Sicherheit.«
Der Präsident blickte den Professor ernst an. Dann erwiderte er: »Okay. Folgen Sie mir.«
Im Oval Office erwartete sie eine hochgewachsene schwarzhaarige Frau.
»Darf ich bekannt machen«, sagte der Präsident. »Dr. Amanda Harris vom CIS. Von ihr habe ich schon einiges erfahren.«

PLUTO-Bahn

Der Gleiter überschlug sich mehrmals.
»Vorsicht! Die Querstrebe!«, schrie Ken entsetzt.
Francine riss den Stick nach rechts. Vermutlich hätte keine Zeitung mehr zwischen Glider und die fürchterliche Stahlkonstruktion gepasst.
Gegen das Monstrum wirkte der Orbitglider wie eine Hornisse.
Francine zog die Flugmaschine in eine weite Schleife und steuerte dann wieder auf das Ungetüm zu.
»Hölle!«, knurrte Claire. »Das Ding ist mindestens sechzig Meter hoch! Wie haben die das zusammengebaut?«
»Vermutlich unter der Kuppel, die wir gesehen haben«, stieß Ken aus.
»Aber die war nicht so hoch!«
Ken gab einen unwilligen Laut von sich. »Sicher ging diese Werft tief in den Boden des Planeten.«
Francine versuchte den Turbulenzen auszuweichen. »Wir müssen das Ding stoppen, bevor es seine Traktorstrahlen aussendet.«
»Ha!«, schrie Dan. »Wie gedenkt Gnädigste das zu tun?«
»Wir müssen andocken.«
Dan und Ken sahen sich von der Glaskabine aus um.
»Dort oben könnte es gehen«, merkte Ken an. »Von dort aus könnten wir über die Mittelsäule ins Innere dieser Zerstörungsmaschine gelangen.«
Francine wägte das Risiko ab. Vorsichtig steuerte sie den Orbitglider auf den Punkt zu. Immer darauf achtend, nicht in den Sog des Raumwirbels zu geraten, der sich um das Roboterschiff aufgebaut hatte.
Das Manöver klappte.
Nun kam der noch schwierigere Teil. Sie mussten versuchen, an der mittleren Stabilisationssäule zum Mittelpunkt des Monstrums zu gelangen. Im Innern hofften sie, die entsprechenden Computerprogramme deaktivieren zu können. Hauptproblem: Sie wussten nicht, wie viel Zeit ihnen blieb.
Ken stieg als erster aus. Er tastete sich zu der schmalen Eisenleiter, die an der Mittelsäule angebracht war. Mittels des Andockmagneten saß der Glider fest.
»All right«, kam es aus den Helmlautsprechern der Kameraden. »Hier kann es funktionieren. Francine sollte im Gleiter bleiben.«
»Weshalb ich?«, begehrte die CIA-Agentin auf.
»Weil du der versiertere Pilot dieses Dings hier bist!«
Murrend sah Francine das ein.
Sie beobachtete, wie die Freunde sich auf den Weg machten. Mindestens sechzehn Meter lagen vor ihnen. Dort lokalisierte Francine eine runde Luke.
»Viel Glück«, hauchte sie.
Der Sog des Raumlochs zerrte an ihnen wie ein Tornado. Sie sicherten sich gegenseitig. Wer von dem Raum-Zeitloch angezogen wurde, würde für alle Ewigkeiten irgendwo im Hyperraum verschwinden. Was dort lag oder sich abspielte, wusste niemand bisher.
Ken erreichte zuerst die Luke. Er versuchte, das schwere Handrad zu drehen, mit dem die Luke scheinbar geöffnet werden konnte. Dan musste helfend eingreifen. Dann schlug ihnen Finsternis entgegen. Sie schalteten die Helmscheinwerfer ein. Ein Gewirr von Kabeln und Leitungen führte in das Innere des Schiffes.
»Du liebe Zeit«, stöhnte Ken. »Wie soll man sich hier zurechtfinden?«
Plötzlich flammte überall Licht auf. Sie konnten erkennen, dass im Innern der Säule eine Leiter weiter abwärts führte. Wie weit, ließ sich zuerst nicht erkennen. Also machten sie sich vorsichtig an den Abstieg.
Dann hielt Ken wie angewurzelt an der Leiter inne.
»Leute«, flüsterte er und es klang wie aus einer anderen Welt. »Eine Laserwaffe zeigt genau auf mich. Schätze, sie wird durch einen Bewegungsmelder ausgelöst.«
Alle verharrten steif.
»Die haben Sicherheiten eingebaut«, murmelte Dan. »Wäre ja auch zu schön gewesen.«
Ken blickte nach unten. Der Laser saß hinter einer Art Schott. Rechts von der runden Öffnung befand sich eine Tastatur.
»Möglich, dass man einen Code eingeben muss. Wenn der falsch ist … Zong!«
Claire seufzte. »Und ohne Code kracht es auch.«
»Wie sieht die Tastatur aus?«, wollte Dan wissen.
»Wie meinst du das?«, kam es von Ken zurück.
»Herrjeh! Zahlen oder Buchstaben?«
Ken kniff die Augen zusammen. »Buchstaben.«
»Okay, vielleicht ist es NAVY?«
Ken winkte ab. »Zu einfach! Es muss mit der Sache in anderer Verbindung stehen.«
Claire hatte eine Idee. »Alle Geheimprojekte und Weltraumexpeditionen werden doch vom Luftwaffenstützpunkt Edwards koordiniert. Vielleicht der Name des …«
Ken unterbrach. »Vielleicht … könnte! Mädel, wir haben nur einen Versuch, dann sitzen wir auf Wolke Sieben!«
»Satan!«, vernahmen sie da Francines aufgeregte Stimme.
»Wie?«, fragte Ken völlig irritiert.
»Gebt Satan ein«, erklang es bestimmend aus den Helmlautsprecher.
»Wieso …«
»Ken! Hör auf zu diskutieren. Ich weiß jetzt, was Smith meinte mit Satan regiert. Das Projekt heißt Satan! Gib es ein!«
Zögernd, noch unschlüssig, näherte sich Kens Hand der Tastatur.
Francine wurde energisch. »Hast du es? Wir haben vielleicht nur noch Minuten Zeit, bis 4-0-6 Alpha untergeht.«
Ken biss sich auf die Unterlippe, dann flogen seine Finger über die Tasten.
Mehrere Dinge geschahen nun gleichzeitig. Eine grüne Leiste flammte über der Tastatur auf. Der Laser fuhr zurück und helles neonartiges Licht flutete unter ihnen auf und leuchtete einen Kontrollraum aus.
»Halleluja!«, rief Ken. »Francine, du bist die Größte!«
»Danke für die Blumen«, kam es trocken zurück. »Macht fertig!«
Sie hangelten sich in den Kontrollraum mit den kaum übersehbaren blinkenden Kontroll-Dioden. Jetzt war das ganze Können des Japaners gefragt. Er schaltete einen Monitor ein.
Das Bild baute sich auf. Genau im Fadenkreuz lag der … Vatikan. In der rechten oberen Ecke des Monitors lief ein Zahlenband.
»Himmel! Noch zwei Minuten, bis der erste Traktorstrahl in den Vatikan jagt!« Dan schrie es mit vibrierender Stimme.
Ken schaute ihn verzweifelt an. »Wie … wie soll ich in zwei Minuten das Programm deaktivieren? Ich habe keine Ahnung …«
Seine Stimme verebbte in einen Schluchzen.
Es war wieder Francine, die sich meldete. »Übertragt über die Helmkameras ein Gesamtbild der Anlage zu mir.«
Sie taten es. Sie hörten den heftigen Atem der CIA-Agentin.
»Der Steuer-Stick links auf der schwarzen Konsole«, rief sie. »Den Knopf darunter drücken! Dann den Stick nach rechts. Dann ändert sich die Bahn des Schiffes. Eine andere Chance haben wir nicht. Der Traktorstrahl geht dann ins Leere!«
Francine starrte aus dem Cockpit durch die kaum zählbaren Stahlstreben. So ein Monstrum kannte sie nur aus Filmen.
Dann … unendlich langsam schien sich das Ding zu bewegen. Francine sah die Welt 4-0-6 durch das Gebilde aus Stahl und Titan schimmern, aber sie bewegte sich. Das hieß, das Ungetüm mit dem angedockten Glider bewegte sich.
»Es funktioniert!«, jubelte die Agentin.
Das Ding wendete sich um sich selbst in hundertachtzig Grad.
Der Feuerstrahl unterhalb der Mittelsäule kam unvorbereitet.
Das ganze Raumschiff schien ein Schock zu durchlaufen. Francine wurde in dem Cockpit herumgeschleudert. Das Monstrum neben ihr schien zu kippen.
»Kommt zurück!«, schrie Francine. »Sofort zurück! Das Ding zerstört sich selbst!«
Eine weitere Explosion erschütterte das Horrorgebilde. Der angedockte Gleiter schüttelte sich.
Wie Ken, Dan und Claire es schafften, aus dem Kontrollraum herauszukommen, wussten sie später nicht mehr zu sagen. Sie warfen sich in den Glider und Francine löste den Magneten.
Dann knallte es seitlich. Es knirschte und quietschte, der Glider legte sich schräg und … war eingeklemmt.
»Das war’s«, kam es lakonisch von Dan.
Francine gab vollen Schub, doch der Orbitglider hing fest zwischen zwei gebrochenen Trägern.
Da sahen die Freunde etwas, was sie nicht zu glauben wagten.
Ein zweiter Glider raste heran, ging längsseits und dockte an.
»Victoria!«, stieß Dan aus.
»Steigt zu mir rüber! Los! Wir haben keine Sekunde zu verlieren!« Victorias Stimme klang gehetzt. Sie öffnete das hintere Kabinenluk.
Claire stieg zuerst um. Danach Dan und Ken.
»Francine!«, ertönte im Helmlautsprecher Victorias drängende Stimme. »Das Ding stürzt in das Raum-Zeitloch zurück!«
Francine betätigte den Notabschalter der Aggregate und hangelte sich aus der Kabine. Sie musste sich dabei unter einer Stütze hindurchzwängen.
Da passierte es!
Irgendwo explodierte wieder ein Selbstzerstörungsmechanismus. Das Raumschiff bebte wieder und … klemmte Francine ein.
Die Agentin schrie entsetzt auf. Ihre Beine hingen fest zwischen dem Stahl des Robotschiffes und des Gliders.
Victoria hinter dem Steuer des zweiten Gleiters wurde bleich.
»Oh nein …« entfuhr es ihr.
Sie drückte einen Knopf vor sich. Das Kabinendach schoss hoch.
»Ken! Übernimm das Steuer!«
Ehe jemand von den Freunden eine Gegenreaktion zeigen konnte, schwebte Victoria nach außen. Mit der rechten Hand angelte sie einen länglichen Gegenstand aus einem Fach des Cockpits. Hand über Hand näherte sie sich Francine.
»Ganz ruhig«, sagte sie in das Minimikrofon. Sie hangelte sich zu Francines Beinen. Zwei dünne Knickstreben hatten sich auf die Waden der Agentin gelegt.
Ein dünner Strahl schoss aus dem Schneidbrenner auf Laserbasis. Francine schloss einfach die Augen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, dann konnte sie sich frei machen.
»Ab jetzt!«, rief Victoria. Sie erreichten den Glider. Francine zwängte sich auf den mittleren Sitz neben Ken. Der hatte Victoria wieder den Pilotensitz frei gemacht.
Die Pontifex gab Schub.
Als die Freunde zurückschauten, sahen sie die Zerstörungsmaschine auf das Raum-Zeitloch zuwirbeln.
Victoria zog den Orbitglider in einen weiten Bogen.

Space Center auf den Inseln, 8 Stunden später

Ein wahnwitziges Spektakel zeichnete sich am Nachthimmel ab.
Mit großen Augen verfolgte die Control-Crew das Feuerwerk. Ein Zwischending zwischen Explosionen und Nordlichtern spielte sich dort ab.
Stationsleiter Seperstone schaute auf das Erfassungsgerät.
»Orbitglider tritt in die Planetenbahn ein, Landung in T minus fünfzig Sekunden.«
Ein winziger Feuerpunkt erschien über dem nächtlichen Horizont, wurde größer, entwickelte sich zu einem Schweif und dann setzte der Glider auf seine Kufen auf.
Staub wirbelte auf. Die Bremsfallschirme brachten die Maschine endlich zum Stehen.
Seperstone atmete durch. Euphorisch lehnten sich die Freunde in dem Gleiter zurück.
»Geschafft! Es ist nur eine Frage der Zeit, wann alle Reste dieser Wahnsinnsmaschine im Hyperraum verschwunden sind.«
Die Control-Crew empfingen alle mit Jubel.
Im Tower reichte Seperstone Francine einen Kopfhörer.
»Hier ist jemand auf der Sonderfrequenz. Wie ihr das macht, weiß ich immer noch nicht.« Er grinste.
Francine klopfte ihm auf die Schulter. »Es wird bald eine Direktverbindung zwischen unseren Welten geben.«
Professor Frey meldete sich. »Miss Carpet, unter der Leitung des Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde das abtrünnige Nest aus NAVY- und CIA-Angehörigen hochgenommen. Was man da vorhatte …« Er verstummte kurz, ehe er mit heiserer Stimme fortfuhr, »… der helle Wahnsinn. Sie hielten sich für Übermenschen.«
Francine würgte den Kloß im Hals hinunter. »Das Projekt hieß Satan?«
»Abgekürzt ergab es das. Sehr treffend.«
Die Agentin gab einen kurzen, präzisen Bericht. Frey zeigte sich erleichtert.
»Sehr gut! Auf Geheiß des Präsidenten werden wir unser Programm hier weiterfahren.«
Francine schloss kurz die Augen. »Wie reagiert die Öffentlichkeit?«
Am anderen Ende erklang ein hartes, kurzes Lachen. »Die Öffentlichkeit? Sie glauben doch nicht, dass auch nur ein Sterbenswörtchen nach außen dringen wird?!«
Francine dachte es sich.
Als sie vom Tode Willbur Smith hörte, erschütterte sie das tief.
»Kommen Sie alsbald zurück mit der Crew«, sagte Frey ruhig. »Wir brauchen Sie.«
Francine nickte nur und beendete das Gespräch. Sie schaute zu Victoria, die hinter ihr stand.
»Du fliegst zurück«, stellte sie sachlich fest.
»Nur … nur für den Bericht«, kam es mit zitternder Stimme.
Nein, nein! Sie wollte bei Victoria bleiben.
Die Pontifex umarmte die Freundin fest und küsste sie.
»Wir werden sehen«, flüsterte sie.
»Ich brauche den Bordbuchrekorder«, meldete sich da Seperstone.
Francine schaute auf. »Ich hole ihn!«
Victoria hielt sie an der Schulter fest. »Schon in Ordnung! Ich mach das, Liebes.«
Sie sah der geliebten Frau nach, wie sie über den Landeplatz auf den Glider zulief.
Claire drückte Francine an sich. »Hab keine Hemmungen. Wenn du bleiben willst – tu es! Halte dein Glück fest!«
Die Detonation zerriss die Nacht.
Die Scheiben des Towers splitterten.

San Francisco, vier Wochen später

Mit von Tränen längst leeren Augen stand Francine barfuß vor dem Rosenbusch im Park des Stanford Research Institutes.
Mild umwehte der Nachmittagswind ihr Haar.
Sie blickte auf den nur faustgroßen Granit neben dem Busch mit den herrlichen Blüten. Eine wunderbare Kette war dort in den Stein sicher und fest eingearbeitet.
Kein Name, nichts sonst.
Es war die Kette, mittels der Victoria Francine anpeilen konnte.
Mancher Besucher des Parks, der zufällig vorbei kam, rätselte über den Stein nach.
Nur die Freunde wussten, dass dort, tief in der Erde San Franciscos, eine Urne ruhte.
Mit der Asche von Francines einziger, wahrer Liebe.
Die Agentin hob den Blick zum Himmel und schluchzte: »Sandra, regiere weise im Sinne Victorias. Damit ihr Tod nicht vergebens war.«

E N D E

Vorschau auf Episode 27

Erwartet mit Spannung die am 1. September 2011 erscheinende 27. Episode.

Der Titel lautet:
»Nachts«

von Klaus Frank

Die Timetraveller landen in einer kargen Welt. Um sich vor der gnadenlos sengenden Sonne, die dem Land zusetzt, zu schützen, suchen sie Unterschlupf bei einer gastfreundlichen Familie. Doch der erste Eindruck täuscht, denn nachts verändern sich die Bewohner dieser Welt auf schreckliche Weise. Den Zeitreisenden wird klar, dass sie plötzlich keine willkommenen Gäste mehr sind, sondern vielmehr Opfer, die ohne Gnade gejagt werden.


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