
EPISODE 25
»Die Trommeln von Makumba«
von
C.C. Slaterman

Prolog
Der alte Mann lag im Sterben.
Seine Finger hatten sich in die bunt gewebte Decke seines Lagers gekrallt, sein Atem ging nur noch stoßweise und die glasigen Augen waren bereits vom nahenden Tod umschattet.
Schweißperlen glitzerten auf seinem Gesicht.
Ria, seine Tochter, kniete weinend am Fuß des Lagers. An ihrer Seite stand Yahi, ein Mitglied der Priesterkaste, und hinter ihnen zwei Männer der Palastwache, die den Sterbenden mit ausdruckslosen Gesichtern musterten. Unvermittelt begann Yahi zu singen. Dabei sprang er ungelenk von einem Bein aufs andere und wiegte den Oberkörper im Takt seines monotonen Gesangs, während er mit einem kleinen Stock ständig auf eine fellbespannte Handtrommel schlug.
Als Ria die Sterbelieder ihres Volkes vernahm, wurde ihr schlagartig bewusst, dass nun auch die heiligen Männer ihren Vater aufgegeben hatten. Schniefend zog sie die Nase hoch und wischte sich mit einer knappen Bewegung des Handrückens den Rotz mitsamt ihren Tränen aus dem Gesicht.
Mit einem verächtlichen Blick musterte sie den kahlköpfigen Priester, während ihre dunklen Augen voller Wut funkelten.
»Ihr und eure verdammten Trommeln, zusammen seid ihr so nützlich wie ein Haufen getrockneter Ziegenscheiße. Mein Vater stirbt und keiner aus eurer Kaste kann ihm helfen, weil ihr unfähig seid zu wissen, woran er stirbt. Ich frage mich so langsam, mit welcher Berechtigung ihr eigentlich in diesem Dorf weilt. Ihr lebt hier wie die Maden im Speck. Gebete herunterleiern und Trommeln schlagen kann ich auch, dafür brauche ich keine haarlosen Kuttenträger.«
Abrupt verstummte Yahis Sprechgesang und sein würdevoller Gesichtsausdruck verwandelte sich unvermittelt in eine wütende Fratze. Sein Kopf ruckte herum und die dunklen Augen begannen förmlich zu glühen, als er die junge Frau ärgerlich musterte.
»Wie kannst du es wagen, so über die Priesterschaft zu reden? Entnehme ich deinen Worten etwa, dass du nicht nur an unserer Kaste zweifelst, sondern auch an unserem Glauben und somit an den Göttern? Du weißt hoffentlich, was das bedeutet?«
»Das ist nicht wahr!«, schrie Ria und sprang mit einem Satz auf die Beine. »Ich zweifle weder an unserem Glauben noch an den Göttern, woran ich aber zweifle, ist an eurer Kaste. Ihre angebliche Heilkunst hat uns noch kein Stück weitergebracht, im Gegenteil, meinem Vater geht es immer schlechter. Hätte ich doch nur auf den Rat meiner Dienerschaft gehört und gleich eine Kräuterfrau um Hilfe gebeten, wer weiß, vielleicht würde mein Vater jetzt nicht im Sterben liegen.«
»Das ist Blasphemie!«, ereiferte sich der Priester, dessen Gesicht vor Wut allmählich immer dunkler wurde. »Du hast es nur deiner Herkunft und dem Umstand, dass dein Vater im Sterben liegt, zu verdanken, dass ich dich nicht augenblicklich vor den Hohepriester zerre. Aber wenn du nicht sofort mit diesen ketzerischen Reden aufhörst, werde ich Karok noch heute davon berichten. Und glaube mir, wenn er von diesen Worten erfahren sollte, wird er nicht davor zurückschrecken, auch königliches Blut fließen zu lassen.«
Bevor die junge Frau darauf etwas erwidern konnte, begann ihr Vater unvermittelt laut zu stöhnen. Zuckungen durchliefen seinen hageren Körper, während ihm rosafarbener Speichel aus den Mundwinkeln rann. Trotzdem drehte er den Kopf und blickte seine Tochter an. Seine glasigen Augen waren plötzlich klar, als er sie mit einer kraftlosen Bewegung heranwinkte. Mit einem Schritt war Ria bei ihrem Vater und nahm seine Hände in die ihren.
»Die Trommeln«, keuchte er mit leiser, schmerzerfüllter Stimme. »Hüte dich vor Karok und den Trommeln. Ich …«
Ein plötzlicher Hustenanfall ließ ihn verstummen und er spuckte blutigen Auswurf. Ria nahm ein Stück Leinen und wollte ihm den Mund abwischen, aber als sie ihren Vater damit berührte, erstarrte der alte Mann. Sein Körper wurde schlaff und das Leben in seinen Augen erlosch wie eine Kerze im Sommerwind.
Während sich Ria mit dem Oberkörper über ihren toten Vater warf, eilte der Priester aus dem Zimmer. Er drückte die Wachen, die ihm im Weg standen, zur Seite und lief davon. Dabei hatte er Mühe, sein schadenfrohes Grinsen zu unterdrücken. So schnell er konnte, rannte er mit weit ausgreifenden Schritten durch die halbdunklen Gassen des Dorfes, bis er Karoks Hütte erreicht hatte. Einen Moment lang blieb er unschlüssig vor dem Eingang stehen, dann strafften sich seine Schultern. Hastig riss er die hölzerne Tür auf und stürzte förmlich über die Schwelle in die Hütte des Hohepriesters hinein.
Sofort stieg ihm ein widerlich süßlicher Rauch in die Nase, der den ganzen Raum erfüllte.
Yahi blieb keuchend am Eingang stehen und wartete, bis er sich an den Rauch gewöhnt hatte. Während er sich dabei suchend umblickte, konnte er nur mit Mühe ein Würgen unterdrücken.
Das Innere der Hütte bestand aus einem einzigen, großen Raum, der wie das Gebäude selber sehr lang und verhältnismäßig niedrig war. Der kargen Einrichtung nach zu urteilen, schien der Hohepriester im Gegensatz zu den feudal eingerichteten Tempelanlagen in seinen Privatgemächern keinen Wert auf Prunk oder Luxus zu legen. Es gab lediglich ein schmales Regal an der Nordseite mit allerlei Gefäßen und Tiegeln, eine kleine Sitzbank und ein Bett aus Palmenholz. In der Mitte der Hütte steckte ein hölzernes Gestell im Boden, von dem getrocknete Vogelbälge, Tierfelle und gebleichte Knochen hingen, und die Wände waren mit federgeschmückten Fetischen und Handtrommeln verziert, von denen Yahi wusste, dass die meisten von ihnen mit Menschenhaut bespannt waren. Ein paar schmale Teppiche am Boden, auf denen einfache Stickereien die Sonne und den Mond darstellten, vervollständigten das gesamte Inventar.
Als sich seine Augen an den wabernden Rauch gewöhnt hatten, trat er mit dem Absatz die Tür hinter sich ins Schloss. Erst jetzt vernahm er ein Stöhnen, wie es eindeutiger nicht hätte sein können, und danach Karoks wütende Stimme.
»Du Ausgeburt einer trächtigen Ziege, kannst du vorher nicht anklopfen?«
Als er den Kopf drehte und sein Blick auf das Schlaflager fiel, erkannte Yahi, dass er und der Hohepriester nicht allein in dem Raum waren.
Obwohl das Innere der Hütte nur von der Glut einer Feuerschale erhellt wurde, die neben dem Bett auf einem eisernen Dreibein ruhte, erkannte Yahi die Situation sofort. Ungläubig sah er mit an, wie sich Karok von einem dieser zerbrechlich wirkenden Lustknaben wälzte, die längst ein fester Bestandteil der Priesterkaste waren, und dabei keuchend sein erigiertes Glied aus dessen Anus zog. Mit seiner Anwesenheit war Karok offensichtlich die Lust auf eine Fortsetzung seines Liebesspiels vergangen. Während der Hohepriester aus dem Bett stieg und mit einem wütenden Murmeln seine auf dem Boden verstreuten Kleider einsammelte, legte sich der Junge wieder seinen Lendenschurz um. Dabei starrte er den Priester die ganze Zeit über herausfordernd an und wischte sich ständig mit einer lasziven Bewegung seiner Zunge über die schmalen Lippen.
»Geh jetzt«, sagte Karok, nachdem er sich wieder angezogen hatte.
Der Junge wandte sich mit einem Grinsen ab und schien es sichtlich zu genießen, als Karok seine Hand noch einmal über seinen eingeölten Körper gleiten ließ.
»Wir sehen uns dann nachher wieder.«
Als er den Raum verlassen hatte, atmete der Priester erleichtert auf. Die unübersehbaren Gesten des Jungen hatten inzwischen auch in ihm etwas ausgelöst, das ohne seine weit geschnittene Kutte deutlich zu sehen gewesen wäre. Alleine schon der Gedanke an die feuchte Zunge ließ seinen Schaft pulsieren.
»Was willst du?«
Die Stimme des Hohepriesters riss ihn jäh aus seinen schwülstigen Träumen. Karoks keifendes Organ ließ die Bilder von willigen Knaben und heißen Öffnungen so schnell vor seinem geistigen Auge verschwinden, wie ein Vogel im Flug seine Flügel bewegte.
»Er ist tot«, sagte der Priester ohne jegliche Regung.
Karok zuckte zusammen. Gier flackerte in seinen Augen auf, während sich seine Lippen zu einem lautlosen Lachen formten.
»Na also, dann ging es ja doch schneller, als ich gedacht hatte. Sind unsere Brüder bereits eingeweiht?«
Yahi schüttelte den Kopf.
»Noch nicht, ich dachte, dass der Hohepriester diese gute Nachricht als Erster erfahren sollte.«
»Das war ein kluger Gedanke von dir. Aber jetzt geh und rufe die Priesterschaft zusammen, es gibt noch viel zu tun, wenn wir ab morgen die Herrschaft über Makumba übernehmen wollen.«
»Das wird aber nicht so einfach sein.«
Karoks Augen verengten sich. »Was willst du damit sagen?«
»Der König ist zwar tot, aber seine Tochter lebt noch. Entweder zeigt das Gift, das wir ihnen unter das Essen gemischt haben, bei ihr keine Wirkung, oder aber, und das vermute ich eher, nimmt Ria keine Speisen zu sich, die aus der königlichen Küche stammen. Wie jeder weiß, ist die einzige Tochter des Königs beim Abendmahl mehr im Gesindehaus anzutreffen als im Palast. Sie ist nicht nur eine erbitterte Gegnerin unserer Kaste, sondern dazu noch beim Volk sehr beliebt. Sie könnte uns erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass die Sache so einfach sein wird.«
Unwillkürlich zuckten Karoks Lippen.
»Narr, weißt du eigentlich, was für uns alles auf dem Spiel steht? Du wirst doch wohl nicht glauben, dass ich mich jetzt noch von einer Fotze aufhalten lasse?«
Kapitel 1
Sie nannten den Glider Thunderbird.
Er hatte in etwa das Aussehen und die Größe eines dieser italienischen Flitzer, deren klangvolle Namen das Herz eines jeden Sportwagenfahrers höher schlagen ließen, und auf den ersten Blick hätte man ihn auch tatsächlich mit einem der neueren Modelle aus der Autoschmiede von Maserati, Ferrari oder Lamborghini verwechseln können. Er besaß eine perfekt gestylte aerodynamische Form, einen ungewöhnlich metallisch glänzenden Lack und eine aggressiv wirkende, tief liegende Vorderfront mit großen Scheinwerfern und einem breiten Grill. Wie gesagt, man hätte ihn vielleicht mit einem dieser Rennboliden verwechseln können, wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass dieses Modell überhaupt keine Räder besaß, aber dafür vier Türen. Außerdem fuhr der besagte Donnervogel auf keiner Straße, sondern lag in einer Halle auf einem Schlitten, dessen Fahrweg abrupt an der Nordwand des unterirdischen Gebäudes endete.
Als die Timetraveller die Halle betraten, waren seit ihrem letzten Einsatz keine vierundzwanzig Stunden vergangen. Deshalb war die Begeisterung der Vier gelinde ausgedrückt sehr verhalten, als sie an diesem Morgen förmlich in den Glider gedrängt wurden, um zu einer erneuten Mission zu starten.
»Fuck you!«, sagte Dan laut und vernehmlich.
Obwohl ihr Begleitkomitee, ein Dutzend Wissenschaftler und Soldaten in dunklen Uniformen, mehrere Schritte vor dem Shuttle stehen geblieben war, hatte jeder seine letzten Worte verstanden. Einige der Soldaten grinsten, einige der Wissenschaftler bekamen einen roten Kopf. Dan schien das nicht zu interessieren, als er sich mit einem wütenden Schnauben in seinen Sitz fallen ließ. Sein Kopf ruckte zur Seite, während sich die Türen des Gliders mit einem hydraulischen Zischen schlossen.
»Was glauben diese verdammten Weißkittel eigentlich, wer sie sind? Ich bin ein Mensch und keine Maschine. Der letzte Einsatz war verdammt hart, man hätte uns ruhig noch ein oder zwei Tage lang in Ruhe lassen können, oder wie seht ihr das?«
Claire zuckte mit den Schultern und hob die Hände zu einer resignierenden Geste.
»Was können wir dagegen tun?«
»Nichts, ich weiß«, knirschte Dan.
»Aber vielleicht sollte ich diesen Vögeln alle einmal kräftig in die Eier treten. Das würde zwar an unserer augenblicklichen Situation auch nichts mehr ändern, aber ich würde mich danach bedeutend wohler fühlen.«
»Das, mein lieber Dan, musst du dir wohl bis zu deiner Rückkehr aufheben«, kam es just in diesem Moment vom Fahrersitz des Gliders.
»Was soll das heißen, Ken?«, wollte Dan wissen.
»Das soll heißen, dass der Start bereits freigegeben ist. Der Countdown läuft schon.«
Bevor Dan darauf etwas erwidern konnte, ruckte der Glider auch schon an und jagte auf die Wand zu. Die ungewöhnlich rasche Beschleunigung presste sie in die Sitze und unterbrach für einige Sekunden jegliche Unterhaltung. Die Wand flog ihnen förmlich entgegen und ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt.
Jeder von ihnen musste in diesem Moment wieder an die Geschichte mit dem Hund denken.
Aber diesmal war alles ganz anders.
Es gab kein kollabierendes Raum-Zeit-Feld, keinen Ausfall des Antriebs innerhalb des Zeitstroms und auch keine fremdartigen Flugobjekte, die sie nach dem Eintritt in eine weitere Alpha-Welt unter Beschuss nahmen. Stattdessen steuerte Ken den Glider ruhig und gelassen durch die allumfassende Schwärze des Zeitstroms, so ruhig und unspektakulär, dass es beinahe schon langweilig war.
Als in der Ferne ein heller Punkt auftauchte, der rasch näher kam, wussten alle, dass dies bereits der Austrittspunkt in die angesteuerte Welt war.
»Macht euch bereit, wir landen gleich«, sagte Ken und schenkte Claire, die neben ihm auf dem Beifahrersitz saß, ein warmes Lächeln. Hinter ihnen, auf dem Rücksitz, waren Dan und Francine dabei, verschiedene physikalische Messungen vorzunehmen und die Ergebnisse in den Bordcomputer einzugeben.
»Oha«, sagte Dan überrascht, während seine Finger über die Tasten des Bordcomputers flogen. »Anscheinend gibt es da draußen doch noch jemanden, der es gut mit uns meint.«
Erstaunt hob Claire den Kopf und blickte nach hinten.
»Wie meinst du das?«
Dan bleckte die Zähne und grinste. »Was haltet ihr von Palmen, weißem Strand und blauem Meer? Das Ganze bei zweiunddreißig Grad Celsius und einer leichten südsüdöstlichen Brise?«
»Liest du gerade einen Reiseprospekt über die Südsee?«, fragte Ken, während der Glider aus dem Zeitstrom glitt.
»Von wegen Reiseprospekt, das hier sind die ersten Daten unserer neuen Zielwelt, die ich soeben über den Computer hereinbekomme. Also entweder spinnt das System mal wieder, oder wir befinden uns tatsächlich im Anflug auf Tahiti.«
Ken hatte bereits eine spitze Bemerkung auf den Lippen, als die Dunkelheit, die sie wie eine schwarze, undurchdringliche Decke umgab, unvermittelt aufriss. Danach folgte der Austritt aus dem Zeitstrom und sekundenlang hatte Ken Mühe, den Thunderbird auf Kurs zu halten.
Eine unsichtbare Riesenfaust schien den Glider gepackt zu haben. Einen Moment lang fühlten sich die Timetraveller wie Eiswürfel in einem Shaker, der von den Händen eines professionellen Barkeepers durchgeschüttelt wurde, dann erfolgte ein plötzlicher Ruck, der sie mitsamt ihren Gurten in die Sitze presste. Für Sekunden umgab sie grelles Licht, während sich der Glider allmählich wieder stabilisierte. Danach war um sie herum nichts als strahlend blauer Himmel, weißer Strand und dunkelgrüner, üppig wuchernder Dschungel.
»Willkommen im Paradies!«, sagte Dan.
»Wow!«, antwortete Ken, während er den Thunderbird sanft in den weißen Sand des weitläufigen Strandes setzte.
Nachdem er gemeinsam mit den anderen den Shuttle verlassen hatte und bei seinem ersten Schritt in der neuen Welt sofort bis zu den Knöcheln im warmen Sand versank, kam ein zweites Wow über seine Lippen.
»Anscheinend sind die Jungs vom MTRD doch nicht so unmenschlich, wie wir alle gedacht haben. Dieser Blindflug hier sieht mir nämlich nicht wie eine neue Mission aus, sondern eher wie Urlaub.«
»Damit könntest du tatsächlich recht haben«, sagte Claire, während sie ihren Blick sichtlich hingerissen über die malerische Kulisse gleiten ließ.
»Bestimmt«, meldete sich Dan wieder zu Wort. »Ich kann mich nämlich nicht entsinnen, dass man mir explizit aufgetragen hat, wonach wir diesmal suchen müssen. Oder hat euch gegenüber irgendjemand etwas in dieser Richtung hin verlauten lassen?«
Bis auf Francine schüttelten alle grinsend die Köpfe. In den Augen der ehemaligen CIA-Agentin begann es seltsam zu funkeln, aber bevor dieser Umstand jemandem auffallen konnte, senkte sie den Blick zu Boden.
Nachdem er keine Antwort erhielt, nickte Dan den anderen auffordernd zu.
»Also, warum sollen wir uns dann die Köpfe über irgendwelche ungelegten Eier zerbrechen? Akzeptieren wir doch die Dinge, wie sie nun mal sind, und genießen den Tag. Wobei …«
Abrupt unterbrach er mitten im Satz und blickte sich einen Moment lang suchend um.
»… ein paar heiße Bikinischönheiten und ein cooler Longdrink das Ganze noch vervollkommnen würden, aber solche Dinge scheint es hier wohl nicht zu geben. Überhaupt sieht mir das nach einer ziemlich verlassenen Gegend aus.«
»Typisch Mann!«, echauffierte sich Francine. »Immer nur das Eine im Kopf.«
»Wieso nur das Eine?«, fragte Dan verschmitzt. »Inzwischen dürfte doch wohl hinlänglich bekannt sein, dass ich acht Laster habe.«
»Acht?«, echote Francine.
Ein breites Grinsen legte sich auf Dans Gesicht, als er antwortete. »Natürlich, Alkohol, Nikotin und Sex.«
»Angeber!«, zischte die ehemalige CIA-Agentin und blies verächtlich die Backen auf.
Jetzt mischte sich auch Ken in den Disput ein.
»Wenn ihr drei dann miteinander fertig seid, wäre es nett, wenn ihr euch genauso intensiv darüber Gedanken machen könntet, wo wir den Glider verstecken. Auch wenn wir bis jetzt noch keinen Menschen gesehen haben, heißt das noch lange nicht, dass diese Gegend hier unbewohnt ist. Da niemand von uns weiß, wie eventuelle Bewohner beim Anblick unseres Thunderbirds reagieren, scheint mir dies im Moment wohl das dringlichste Problem zu sein.«
»Ist doch schon alles längst erledigt«, wiegelte Dan ab und deutete mit der Rechten nach Norden. »Beim Anflug haben mir die Überwachungskameras gemeldet, dass es in diesen Bergen dort mehrere Schluchten gibt, in denen laut Computeranalyse seit Jahrhunderten keine Spur von Leben zu entdecken war. Es ist also mehr als unwahrscheinlich, dass ausgerechnet dann jemand auftaucht, nachdem wir den Shuttle dort abgestellt haben.«
»Das stimmt allerdings«, bestätigte Ken.
»Also los, oder auf was warten wir noch?«
Die Timetraveller kletterten wieder in den Shuttle zurück und zehn Minuten später parkte Ken den Glider in einer schmalen Schlucht. Dort, in einer Felskuhle, war der Shuttle so versteckt, dass man ihn erst bemerkte, wenn man im wahrsten Sinn des Wortes über ihn stolperte. Danach machten sich die vier Freunde ins Landesinnere auf.
* * *
Sie hatten die Berge mitsamt dem Glider kaum hinter sich gelassen, als sie die Hitze wie ein Faustschlag ins Gesicht traf. Innerhalb von nur einer Meile hatte sich die Landschaft von einer bizarren Felswildnis mit angenehmen, kühlen Winden in einen dampfenden, scheinbar undurchdringlichen Dschungel verwandelt, dessen brodelnder Dunst jeden weiteren Schritt zur Qual machte.
Als sie das grüne Band des Urwalds überschritten, waren sie augenblicklich von großblättrigen Pflanzen, Ranken und Klettergewächsen umgeben.
Unter dem Blätterdach war es so dunkel, das man kaum die Hand vor Augen sehen konnte.
Dazu herrschte eine Hitze, sodass die Uniformen bereits nach wenigen Schritten schweißnass waren und ihnen die Haare feucht an der Stirn klebten.
Während sie mit jedem Schritt tiefer in den Urwald eintauchten, wurden sie von Wolken kleiner Mücken umschwärmt, die sich offensichtlich für ihren Schweiß begeisterten. Die Mücken stachen zwar nicht, aber jeder von ihnen empfand es mehr als unangenehm, dass sie sich, kaum dass sie den Dschungel betreten hatten, augenblicklich wie eine zweite Haut auf die Gesichter und jene Stellen ihres Körpers legten, die nicht durch den Stoff der Uniformen bedeckt waren.
Zunächst versuchten die vier die Insekten noch mit den Händen abzuwischen, aber angesichts eines Gegners, der ihnen von der Anzahl her millionenfach überlegen war, stellten sie ihre anfänglichen Bemühungen schon bald resignierend ein.
Rings um sie herum herrschte ein geradezu ohrenbetäubender Lärm.
Überall krächzte, brüllte und kreischte es ständig. Anscheinend riefen alle Tiere des Waldes gleichzeitig durcheinander, um ihre Ankunft in der Tiefe des Dschungels bekannt zu machen. Die ganze Geräuschkulisse wurde dabei noch von einem grillenartigen Zirpen untermalt, das hin und wieder ohne ersichtlichen Grund abrupt verstummte.
Sie waren fast eine Stunde unterwegs, als Claire zum ersten Mal stehenblieb und sich auf eine Wurzel setzte, um ein bisschen auszuruhen. Dan, der den Wasservorrat seiner Notration fast zur Hälfte geleert hatte, nutzte die Pause, um zu pinkeln. Ken und Francine setzten sich vor Claire auf den Boden.
Während Claire versuchte flach zu atmen, um ihren vor Anstrengung rasenden Puls wieder zu beruhigen, lächelte ihr Ken zu und wischte ihr einen ganzen Schwarm der allgegenwärtigen kleinen, schwarzen Mücken aus dem schweißnassen Gesicht. Eine ebenso nette wie sinnlose Geste, dachte Claire, als die Insekten bereits einen Herzschlag später ihr Gesicht erneut mit ihren schwirrenden und zuckenden Körpern bedeckten.
»Diese verdammten Mücken treiben mich noch in den Wahnsinn«, fluchte sie.
»Es war vielleicht doch keine so gute Idee, den Glider stehen zu lassen und durch den Dschungel zu stapfen«, meinte Ken.
»Quatsch«, kam es hinter einem der Bäume hervor.
Während sich Dan den anderen näherte, versuchte er umständlich den Reißverschluss seiner Uniformhose hochzuziehen.
»Na, Probleme?«, frotzelte Francine. »Ich sag´s ja. Männer und Technik.«
»Von wegen Technik«, kam umgehend Dans Antwort. »Was kann ich denn dafür, dass er so groß ist.«
»Dan!«, empörte sich Claire, während Francine peinlich berührt zu Boden starrte.
»Was denn?«, entgegnete der ehemalige Sportstudent mit einem Schulterzucken.
Dann packte er die Lasche des Reißverschlusses und sorgte mit einer ruckartigen Bewegung dafür, dass ein gewisser Teil seiner Hose endlich so verschlossen war, wie es sich gehörte.
Claire verzichtete auf eine Antwort und musterte ihn stattdessen kopfschüttelnd, während er sich neben sie setzte. Dan ignorierte die Blicke der beiden Frauen und wandte sich mit einem vielsagenden Grinsen an Ken. Er war scheinbar der Einzige, den die Mücken nicht störten.
»Das war schon okay so, schließlich ist keinem von uns damit geholfen, wenn wir unseren Arsch im Glider breitdrücken und auf bessere Zeiten warten. Wir sollten unsere Umgebung wirklich etwas eingehender erkunden, diese Gegend ist nämlich tatsächlich bewohnt.«
Wie auf ein geheimes Kommando hin ruckten die Köpfe der anderen beinahe gleichzeitig herum.
»Was meinst du damit?«, fragte Ken.
Dan zuckte mit den Schultern und deutete auf einen Baum hinter sich. »Während ich dort pinkeln …«
Nachdem er das Aufblitzen in den Augen der beiden Frauen bemerkt hatte, verstummte er augenblicklich und zuckte stattdessen verlegen mit den Schultern.
»Entschuldigung, also während ich mich dort erleichterte, bemerkte ich, dass von dieser Stelle aus ein Weg durch den Dschungel führt. Der Pfad ist zwar nicht mehr als vier oder fünf Fuß breit, aber er ist von Menschenhand angelegt und führt schnurgerade durch diesen verdammten Urwald.«
Die Timetraveller schossen beinahe gleichzeitig wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe. Als Erster war Ken an der von Dan beschriebenen Stelle, dann folgte Claire und dann die anderen. Schließlich standen sie in einer kleinen Runde auf dem Pfad und beratschlagten ihr weiteres Vorgehen. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis sich alle einig waren, dass man diesem Weg folgen sollte.
Ken übernahm ungefragt die Führung.
Der Weg machte allerdings nicht den Eindruck, als würde er oft benutzt.
Die wenigen Spuren auf dem Pfad mussten schon ziemlich alt sein, da sie kaum noch zu erkennen waren und der ganze Unrat, den die Menschen entlang des Pfades zurückgelassen hatten, war bereits zum größten Teil angefault oder gar schon vermodert. Als Claire diesen Umstand auf die hohe Luftfeuchtigkeit und die Hitze zurückführen wollte, schüttelte Dan entschieden den Kopf.
»Das glaube ich jetzt nicht so ganz. Hier ist seit Jahren kein Mensch mehr entlang gelaufen. Unter dem ganzen Müll waren auch Schalen und Trinkbecher, und bis die zerfallen, vergeht meines Wissens nach eine ziemlich lange Zeit.«
In diesem Augenblick blieb Ken unvermittelt stehen und starrte zu Boden.
»Was ist los, hast du was entdeckt?«
Statt einer Antwort winkte Ken die anderen aufgeregt zu sich heran. Als sie ihn erreicht hatten, deutete er auf einen bestimmten Punkt vor sich auf dem Boden.
»Seht euch mal das an. Was kann das sein?«
Gemeinsam starrten sie neugierig auf die ominöse Stelle. Trotz der dämmrigen Lichtverhältnisse konnten sie die seltsamen Spuren, die den Pfad an dieser Stelle bedeckten, deutlich erkennen. Überall waren Fußabdrücke von solcher Größe zu sehen, dass sie alle unwillkürlich den Atem anhielten.
»Heilige Scheiße«, platzte es schließlich aus Dan heraus. »Das ist ja mindestens Schuhgröße achtundachtzig. Wer oder was zum Teufel ist das?«
»Keine Ahnung«, entgegnete Claire und schüttelte sich. Beim Anblick der unheimlichen Spuren, die zudem noch sehr frisch zu sein schienen, konnte auch die drückende Hitze nicht verhindern, dass es ihr plötzlich kalt über den Rücken lief.
Francine schritt den Abstand zwischen den einzelnen Spuren ab und schüttelte schließlich den Kopf. »Dieses Ding läuft auf zwei Beinen und muss größer als ein Pferd sein. Ich kenne keine Kreatur mit solchen Ausmaßen.«
»Vielleicht ein Gorilla oder ein Grizzly«, warf Ken vorsichtig ein.
Dan schüttelte entschlossen den Kopf. »Nicht einmal die erreichen so eine Größe. Außerdem gibt es in der Südsee keine Grizzlys oder Gorillas.«
»Du mit deiner Südsee«, erwiderte Francine merkwürdig aufgekratzt. »Wer sagt dir denn, dass wir wirklich dort gelandet sind? Seit ich beim MTRD arbeite, habe ich schon die abstrusesten Welten kennengelernt, mich würde so langsam nichts mehr überraschen.«
»Ken«, sagte Claire leise. »Lass uns von hier fortgehen. Diese Spuren machen mir Angst.«
Der Japaner machte einen Schritt nach vorne und legte die Hand beruhigend auf die Schultern seiner Freundin. »Mach dir keine Sorgen, Schatz. Wir sind ja alle bei dir.«
Francines Rechte legte sich auf die Waffe an ihrer Hüfte, während sie das dichte Unterholz abseits des Weges misstrauisch musterte. »Nachdem es nun offensichtlich ist, dass es hier außer Menschen auch noch andere Lebewesen gibt, die mir, wie ich zugeben muss, gewisse Sorgen machen, sollten wir uns auf die neue Situation einstellen, bevor wir weitergehen.«
»Wie meinst du das?«, fragte Claire.
»Jeder von uns sollte von jetzt an seine Waffe in der Hand halten. Ich will ja nicht gleich den Teufel an die Wand malen, aber was ist, wenn die Bewohner hier uns gegenüber feindselig eingestellt sind? Selbst wenn sie entwicklungsmäßig nur das Niveau von Steinzeitmenschen besitzen, sind sie in ihrer natürlichen Umgebung uns Stadtleuten gegenüber eindeutig im Vorteil. Wir dürfen nicht länger dicht zusammenbleiben, sondern müssen mit einem gewissen Abstand, sozusagen auf Sichtweite, hintereinander herlaufen.«
»Du meinst, wenn es den Ersten von uns erwischt, sind die anderen noch weit genug vom Geschehen entfernt, um sich eventuell seitwärts in die Büsche zu schlagen?«
»Du hast es erfasst, Ken«, erwiderte Francine.
»Na das sind ja beschissene Aussichten«, fluchte Dan.
»Die aber leider nicht zu ändern sind«, sagte Ken und drehte sich um.
Damit war die Diskussion vorbei. Was hatten sie auch für eine andere Wahl?
Nach einem kurzen Moment des Ausruhens marschierten sie in weit auseinandergezogener Reihe über den Pfad. Ken führte sie an, gefolgt von Claire, dann kam Francine und den Schluss bildete Dan. So quälten sie sich etwa zwei weitere Stunden lang vorwärts, nur begleitet von der brütenden, dampfenden Hitze des Dschungels, dem Keuchen des eigenen Atems und dem Geräusch ihrer Schritte. Dann machte der Weg plötzlich eine Kurve und führte danach langsam aber stetig abwärts.
Angespannt blieb Ken plötzlich stehen und blickte sich um.
Ihm war aufgefallen, dass, aus was für einem Grund auch immer, die allgegenwärtigen Mückenschwärme abrupt verschwunden waren und auch die Geräuschkulisse des Dschungels plötzlich nicht mehr existent zu sein schien.
In seiner Magengegend kribbelte es seltsam. Er konnte es sich zwar nicht erklären, aber irgendetwas stimmte hier nicht. Sein Bauchgefühl hatte ihn noch nie getrogen. Der dumpfe Instinkt seiner Samuraivorfahren veranlasste ihn, das Unterholz am Rand des Pfades genauer zu betrachten. Aber er konnte nichts Außergewöhnliches entdecken, nicht einmal ein Tier. Nur hin und wieder waren weit aus der Tiefe des Dschungels ein geheimnisvolles Rascheln und schleichende Schritte zu hören.
»Was hast du?«, fragte Dan, als er bemerkte, wie intensiv sein Freund in den Dschungel hineinstarrte.
»Irgendwie gefällt mir das Ganze nicht. Diese seltsamen Spuren und die Tatsache, dass wir noch kein Tier gesehen haben, obwohl wir schon seit mehreren Stunden durch diesen Urwald laufen, geben mir zu denken. Außerdem wird es auch irgendwann einmal Nacht werden und wer weiß, was uns dann hier erwartet. Ich für meinen Teil schlafe jedenfalls nicht gerne in einer Umgebung, die eventuell menschenfeindlich ist, noch dazu im Dunkeln.«
»Was schlägst du also vor?«
»Wir sind jetzt seit geschätzten drei Stunden unterwegs und haben im Prinzip gar nichts erreicht. Ich bin deshalb dafür, dass wir wieder zum Glider zurückgehen. In ihm können wir die Nacht sicher verbringen. Morgen können wir ja versuchen, irgendwo anders zu landen. Vielleicht haben wir dann bei der Suche nach Bewohnern mehr Glück. Wenn nicht, brechen wir den Trip ab und fliegen wieder nach Hause.«
Claire nickte zustimmend.
»Du hast recht, überhaupt kommt mir die ganze Mission irgendwie komisch vor. Wir haben keine Koordinaten, wissen nicht, wo wir suchen sollen. Ist der T-Rex überhaupt hier verunglückt?«
»Eben das gilt es herauszufinden und genau deshalb müssen wir Kontakt zu Einheimischen herstellen«, erwiderte Francine, die als Einzige nicht mit Kens Vorschlag einverstanden war.
Als sie sich auf den Rückweg machten, glitzerte es in ihren Augen und für einen Moment schien es, als wollte die ehemalige CIA-Agentin etwas sagen. Aber nur für einen Moment, dann schüttelte sie den Kopf, zuckte mit den Schultern und folgte schließlich den anderen.
Hätte sich allerdings jemand von ihnen die Mühe gemacht sich umzudrehen, wäre ihr Entschluss mit Sicherheit anders ausgefallen. So aber sah keiner der vier das gelbliche Schimmern zweier schräg stehender Augen, die sie eindringlich musterten.
Als die Timetraveller außer Sichtweite waren, raschelte es hinter einer dicht stehenden Buschgruppe und die Umrisse einer alptraumhaften Gestalt schoben sich langsam wieder tiefer in das Unterholz.
* * *
»Merkst du was?«
»Was?«, fragte Claire keuchend, während sie sich bemühte, mit Ken Schritt zu halten.
Es war zwar abgesprochen, bis zum Vordermann einen gewissen Abstand zu lassen, aber die düstere Umgebung flößte der ehemaligen Geschichtsstudentin allmählich Angst ein und sie fühlte sich bedeutend wohler, wenn sie Ken neben sich wusste.
Ihr Freund blieb kurz stehen und wartete, bis Francine und Dan herangekommen waren.
»Findet ihr das auch nicht ziemlich seltsam?«
»Was denn?«, wollte Claire ungeduldig wissen. »Himmel, Ken, lass dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen.«
Trotz ihres Drängens ließ sich Ken aber nicht zu einer schnellen und vielleicht unüberlegten Antwort hinreißen, sondern begann seine Eindrücke nach einigem Überlegen mit der stoischen, für Asiaten typischen Gelassenheit zu schildern.
»Fällt euch nichts auf, nachdem wir jetzt schon mindestens eine Meile zurückgelegt haben?«
Die Frauen schüttelten den Kopf und Dan zuckte mit den Schultern.
»Das Einzige, was mir auffällt, ist, dass meine Füße zu brennen anfangen und ich Durst habe. Sorry, aber ich kann dir im Moment nicht ganz folgen.«
Ken verzog die Mundwinkel und wischte sich über das Gesicht. Dann streckte er den Arm aus und zeigte Dan die Innenfläche seiner Hand. Sie war schwarz vor lauter Mücken.
»Unsere kleinen Freunde sind wieder da und wenn ihr die Ohren spitzt, könnt ihr auch wieder die Tiere hören.«
Die drei zuckten zusammen, nachdem ihnen anscheinend erst jetzt wieder bewusst geworden war, dass sich der Dschungel lautstark zurückgemeldet hatte.
»Stimmt«, bemerkte Francine. »Es ist, als ob jemand plötzlich wieder den Ton im Urwaldradio angestellt hat. Hm, irgendwie komisch.«
»Das ist sogar mehr als komisch. Ich für meinen Teil bin dafür, dass wir ab jetzt einen Zahn zulegen. Ehrlich gesagt fühle ich mich erst wieder wohl, wenn wir im Glider sitzen.« Ohne die Reaktionen der anderen abzuwarten, packte Claire ihren Freund am Ärmel, drehte sich um und zerrte ihn mit sich.
Dan und Francine folgten den beiden mit gemischten Gefühlen.
Aber bereits nach kurzer Zeit hielt die Gruppe erneut an. Diesmal war es die Agentin, die unvermittelt stehen blieb.
»Stopp!«, sagte sie spontan.
»Was ist denn jetzt schon wieder?«, wollte Dan genervt wissen.
Einen Moment lang beherrschten Francine Zweifel, während die anderen sie erstaunt musterten. Aber als plötzlich rechts von ihnen Buschwerk raschelte, Blätter und Zweige brachen und der Dschungel einen Herzschlag später eine junge, halbnackte Frau ausspuckte, fühlte sie sich in ihren düsteren Vorahnungen bestätigt.
Kapitel 2
Sie war etwas mehr als mittelgroß, schlank und hatte den Körper einer Göttin.
Dunkles, nachtschwarzes Haar umrahmte ihr ebenmäßig geschnittenes Gesicht und hob sich deutlich von der karamellfarbenen Haut ab. Sie trug einen kurzen Rock aus gegerbter Tierhaut, der deutlich mehr von ihren Formen zur Geltung brachte, als dass er sie bedeckte, und Mokassins, die mit bunten, blumenähnlichen Mustern bestickt waren. Ihre nackten Brüste hüpften bei jedem Schritt auf und ab, und dass sie unter ihrem Rock nichts trug, wäre selbst einem Blinden aufgefallen. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte ihr Anblick wahrscheinlich die halbe Männerwelt Amerikas dazu gebracht, sich den Hals zu verrenken.
Aber nicht jetzt!
Der Blick der Frau wirkte wie der eines gehetzten Tieres.
Ihr Rock war an der rechten Seite eingerissen und starrte vor Dreck. Ihre schwarze Mähne war ebenso schmutz- und blutverklebt wie ihre Arme und Beine, die durch die scharfblättrige Dschungelvegetation böse zerkratzt waren. Als Francine in die weit aufgerissenen Augen der jungen Frau blickte, in denen sich nichts als Angst und Entsetzen widerspiegelte, und sie dabei gleichzeitig aus der Tiefe des Dschungels die wütenden Stimmen mehrerer Männer wahrnahm, ahnte die Agentin instinktiv, dass ihre Probleme in diesem Moment erst so richtig begannen.
Als sie die Timetraveller bemerkte, hielt die Frau abrupt in ihren Bewegungen inne. Verstört starrte sie auf die vier und musterte sie aus weit aufgerissenen Augen wie Wesen von einem anderen Stern. Als ihr Blick auf Dan fiel, veränderte sich ihr Verhalten erneut. Die junge Frau sank vor ihm auf die Knie, streckte ihm mit einer demütig anmutenden Geste beide Hände entgegen und betrachtete ihn beinahe ehrfurchtsvoll.
»Tena koutou, tena koutou!«
»Wie bitte?«, fragte Dan, zuckte mit den Achseln und sah sich hilflos um. »Kann mir einer von euch vielleicht mal erklären, was das Ganze soll?«
Bevor er von einem der anderen Timetraveller eine Antwort erhielt, schob sich Claire an seine Seite, trat einen Schritt vor und half der Unbekannten wieder auf die Beine.
»Kei te pehea koe?«
Obwohl sich diese seltsamen Worte aus dem Mund von Claire wie die ersten Sprachversuche eines Säuglings anhörten, hob die Frau dennoch erstaunt den Kopf.
»Da wird doch das Huhn in der Pfanne verrückt«, platzte es aus Dan heraus, als er die Reaktion der Unbekannten bemerkte. »Jetzt sag bloß, dass du dieses Kauderwelsch verstehst.«
Statt einer Antwort reichte Claire der Frau die Hand und redete sie erneut in einer für die anderen völlig unverständlichen Sprache an.
»Ko wai tou ingoa?«
»Ria«, antwortete die Frau knapp und blickte sich gehetzt um, während die wütenden Stimmen der unbekannten Männer näher kamen.
»Bullshit!«, fluchte Dan. »Kann mir einer von euch Helden vielleicht einmal erklären, was die ganze Scheiße soll?«
»Die Frau heißt Ria und wird verfolgt. Wir sollten ihr helfen, sie könnte für uns eventuell eine große Hilfe sein.«
»Und wenn nicht?«
»Dann, so befürchte ich, bekommen wir ernsthafte Probleme.«
»Woher willst du das wissen?«
»Sie hat es mir gesagt«, erklärte Claire einem völlig verdutzten Dan.
»Sie hat … bitte was?«, entgegnete Ken genauso entgeistert. »Erzähl mir jetzt bloß nicht, dass du sie tatsächlich verstehst.«
Als Claire mit den Achseln zuckte, kam es fast einer entschuldigenden Geste gleich.
»Ob du es glaubst oder nicht, aber genau das tue ich.«
»Wie kann das sein?«
»Keine Ahnung, jedenfalls wurde ich während meines Geschichtsstudiums des Öfteren mit sogenannten toten Sprachen wie die Galatische, die Sumerische oder die Koptische konfrontiert. Eines Tages kam ich durch eine meiner Examensarbeiten über den Weltensegler James Cook dabei auch mit der polynesischen Sprachkultur in Berührung. Fragt mich jetzt nicht warum, aber das, was diese Frau da spricht, klingt so ähnlich wie Maori.«
»Und das verstehst du?«, wollte Francine neugierig wissen.
»Nur die Grundbegriffe«, wiegelte Claire ab. »Ich weiß, was Guten Tag heißt, kann in Maori bis zwanzig zählen und jemanden fragen, wie es ihm geht oder etwas zu Essen bestellen. Aber das war es dann auch schon, wobei ich sagen muss, dass es mit der Verständigung weitaus besser klappt. Wenn jemand langsam mit mir in dieser Sprache redet, bin ich durchaus in der Lage zu verstehen, was gemeint ist.«
»Na dann übersetz mal«, sagte Dan und deutete auf die junge Einheimische, die, nachdem das Brüllen der unbekannten und hörbar rasch näher kommenden Männer immer lauter wurde, wild gestikulierend auf den Dschungel zeigte und dabei unentwegt redete.
Claire legte die Stirn in Falten und hörte ihr einen Moment lang angestrengt zu. Dann nickte sie betroffen und wandte sich rasch ihren Freunden zu. Panik zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab.
»Ich denke, dass es besser ist, wenn wir jetzt in Deckung gehen und unsere Waffen schussbereit halten.«
»Wie kommst du darauf?«
»Ich habe zwar nicht alles verstanden, aber sie benutzt andauernd Worte, die so ähnlich klingen wie Kua mate, tohe und ratou pú´, und das macht mir Angst. Soweit ich nämlich weiß, bedeutet dies, dass irgendjemand gestorben ist und sie von bewaffneten Kriegern verfolgt wird.«
Claire wandte sich wieder der jungen Frau zu und versuchte mit ihren begrenzten Sprachkenntnissen und unter Beihilfe von Händen und Füßen eine Bestätigung ihrer Vermutungen zu bekommen. Aber anstelle einer Antwort schüttelte die Unbekannte energisch den Kopf, packte Dan an der Hand und zerrte ihn vom Weg ab ins Unterholz, wobei sie ständig auf ihn einredete.
»Ich möchte nur wissen, was die Kleine an unserem Macho so besonders findet«, sagte Francine kopfschüttelnd, während sie den beiden nachlief.
»Wahrscheinlich seine Haarfarbe«, vermutete Claire. »Blonde Männer sind bei den Maoris so oft anzutreffen wie in Kansas ein Pferd mit sechs Beinen. Warum sollte es in dieser, den Maoris so ähnlichen Welt, anders sein? Wahrscheinlich hält sie Dan für einen Heiligen oder irgendetwas in dieser Art.«
»Das hat uns gerade noch gefehlt«, stöhnte Ken kopfschüttelnd, während er den beiden nachblickte, als sie im Unterholz verschwanden. »Dan und ein Heiliger, mein Gott, das ist genauso, als ob man einen Bock zum Gärtner macht.«
»Still!«, zischte Francine und brachte sich mit einem Satz hinter einen umgestürzten Baumstamm, wo Claire, Dan und die unbekannte Frau bereits in Deckung lagen. »Sieh lieber zu, dass du dich auch in Sicherheit bringst. Dem Geschrei nach zu urteilen, scheinen ihre Verfolger nicht gerade freundliche Zeitgenossen zu sein.«
* * *
Trotz der herannahenden Gefahr verließ Ken den Pfad in aller Gemütsruhe und tauchte als Letzter der Gruppe ins Unterholz des Dschungels ein. Keine Sekunde zu spät, denn kaum hatte er sich hinter den Baumstamm geduckt und den Kopf eingezogen, schwirrte vor ihnen ein Vogelschwarm durch den Wald und schwenkte nach rechts ab. Nicht einmal eine Minute später wurden Stimmen laut und im nächsten Moment brach eine Horde Eingeborener unter wilden Rufen durch das Unterholz. Die Männer besaßen durchweg den gleichen, karamellfarbenen Teint wie die junge Frau und auch ihr Anblick verschlug den Timetravellern beinahe den Atem, wenn auch aus einem anderen Grund.
Sie waren zu sechst, stämmige, untersetzt wirkende Krieger die mit ihrer grotesken Körperbemalung, den Federn und Muscheln im Haar und den Kriegskeulen, die an Lederschnüren von ihren Handgelenken baumelten, ein ebenso heidnisches wie atemberaubendes Bild abgaben.
Bis auf ein schmales, um die Hüften geschlungenes Tuch, das Claire unwillkürlich an einen Stringtanga erinnerte, waren die Männer nackt.
Einen Moment lang starrten sie unschlüssig nach allen Seiten, dann deutete ihr Anführer, jedenfalls hielt ihn Ken dafür, da er der Einzige war, der Pfeil und Bogen besaß, wild gestikulierend auf den Boden und rief seinen Gefährten laute Anweisungen zu.
Es war offensichtlich, dass er aus den Spuren auf dem Weg herausgelesen hatte, das die junge Frau nicht mehr alleine war. Er hob die Rechte mit seinem Kurzbogen an und zeigte auf das Unterholz, in dem sich die Timetraveller hinter einem Baumstamm versteckt hielten. Triumph und Mordlust glitzerten in seinen Augen um die Wette, während er immer wieder die gleichen Worte von sich gab.
»Kora, Kora Pakeha!«
Instinktiv duckten sich die Freunde noch tiefer hinter ihre Deckung. Ein kurzer Blick nach rechts zeigte Ken, dass die junge Eingeborene vor lauter Angst am liebsten im Erdboden versunken wäre. Als er den Kopf allerdings nach links drehte, traf ihn fast der Schlag. Beinahe ungläubig sah er mit an, wie sich Claire langsam hinter dem Baumstamm aufrichtete.
»Bist du lebensmüde? Runter mit dir, aber sofort!«, zischte er und griff nach dem Uniformärmel seiner Freundin.
Aber Claire wischte seine Hand zur Seite und schüttelte nur den Kopf. »Wir brauchen uns nicht länger zu verstecken, sie haben uns bereits entdeckt. Kora Pakeha bedeutet nämlich nichts anderes, als das sich hier jemand befindet, der nicht zu ihrem Volk gehört.«
»Also gut«, sagte Francine. »Geben wir uns zu erkennen. Aber wir sollten unsere Waffen schussbereit halten, wer weiß, was in den Köpfen dieser Wilden vorgeht.«
Entschlossen richtete sich die CIA-Agentin auf und ging sofort in Combatstellung. Kaltblütig legte sie den Zeigefinger um den Abzug ihrer Waffe und richtete die Mündung auf den Bogenschützen. Die anderen Timetraveller folgten ihrem Beispiel und gaben sich ebenfalls zu erkennen. Für einen Moment herrschte eine geradezu unheimliche Stille. Es schien, als würde sogar der Dschungel den Atem anhalten, denn selbst die Tiere waren verstummt.
Aber eben nur für einen Moment.
Dann fletschte der Mann mit dem Bogen seine Zähne und reckte seine Waffe gen Himmel. Ohne jede weitere Vorwarnung griffen die Männer an. Heulend und geifernd wie ein Rudel Hyänen rannten sie auf die Timetraveller zu. Als die erste Kriegskeule flog und Francine nur mit einem blitzschnellen Sidestep verhindern konnte, dass ihr die primitive Waffe den Schädel zertrümmerte, zögerte sie keine Sekunde länger.
Sie krümmte ihren Zeigefinger und aus der Mündung ihrer Energiepistole schoss ein heller Blitz auf den Angreifer zu, der ihr am nächsten war.
Die Wirkung des Schusses war verheerend und erschreckend zugleich.
Eigentlich wollte Francine nur auf seine Waffe schießen, aber der Mann war keine fünf Schritte mehr von ihr entfernt und für einen gezielten Schuss fehlte ihr einfach die Zeit, wenn sie selbst unverletzt aus dieser Situation herauskommen wollte.
Der Krieger blieb urplötzlich stehen. Die Augen traten ihm aus den Höhlen und sein Gesicht wurde so grau wie die Asche eines erloschenen Holzfeuers, als er wie in Zeitlupe seinen Waffenarm anhob und ihn sich vor das Gesicht hielt.
Seine Kriegskeule war im Nichts verschwunden und dort, wo sich normalerweise seine Hand befand, glotzte er jetzt auf einen blutverschmierten Stumpf aus verbranntem Fleisch und zersplitterten Knochen.
Durch den Schockzustand wirkte er für einen Moment wie paralysiert und ein dümmliches Grinsen huschte über sein Gesicht.
Aber dann kamen die Schmerzen.
Der Mann stürzte zu Boden, als hätte man ihm die Füße weggezogen, und brüllte wie noch nie jemand von ihnen einen Menschen hatte brüllen hören. Der Angriff brach ab, noch bevor er richtig begonnen hatte. Die Eingeborenen blieben so abrupt stehen, als wären sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Ungläubig hefteten sie ihre Blicke auf den Verletzten, dessen Schreien inzwischen in ein haltloses Wimmern übergegangen war.
Ria reagierte von allen Beteiligten als Erste.
Mit einem völlig verdutzten Dan Simon im Schlepptau baute sie sich vor den Angreifern auf und überschüttete sie mit einem wahren Wortschwall.
Es dauerte nur Sekunden, bis sich ihre kriegerischen Mienen in Fratzen voller heidnischer Furcht verwandelt hatten. Als Ria auf Dans Waffe und dann auf den Verletzten zeigte, sanken die Eingeborenen auf die Knie und musterten den Timetraveller beinahe ehrfurchtsvoll. Dann beugten sie sich vor und drückten ihre Gesichter auf den Waldpfad, während sich die Freunde erstaunte Blicke zuwarfen.
»Kannst du mir vielleicht verraten, was das jetzt zu bedeuten hat?«, stieß Ken leise zwischen seinen zusammengepressten Zähnen hervor, weil er irgendwie das Gefühl hatte, dass ein unbedachtes oder lautes Wort ihrerseits die ganze Situation schlagartig verändern könnte.
Auch wenn er kein Wort von dem verstand, was Ria zu den Männern sagte, hörte er doch aus ihrem Tonfall heraus, dass es alles andere als nur Nettigkeiten waren. Mit zunehmender Dauer ihrer Beschimpfungen bekam er langsam die Befürchtung, dass sich die Krieger das nicht mehr allzu lange gefallen ließen.
Claire zuckte mit den Achseln und antwortete ihm ebenso leise.
Sie teilte Kens Befürchtungen. »Ich verstehe zwar nicht alles, aber doch soviel, dass die Kleine Dan als eine Art Gott bezeichnet, der die Männer mit seinem blitzenden Rohr, damit meint sie wohl seine Energiepistole, alle vernichtet, wenn sie seinen Befehlen nicht Folge leisten. Soweit ich das jetzt mitbekommen habe, ist sie die Tochter irgendeines Königs, die fliehen musste, nachdem man ihn umgebracht hat. Jetzt will sie wieder in ihr Dorf zurück, um mit unserer Hilfe seine Mörder zu bestrafen.«
»Na toll«, seufzte Ken. »Nicht genug, dass wir mitten in einen Stammeszwist geraten sind, wir spielen dabei auch noch die Hauptrolle.«
Inzwischen hatten sich die Männer auf einen Befehl von Ria hin wieder erhoben und sich um Dan und die junge Frau gedrängt. Voller Ehrfurcht musterten sie den großgewachsenen Timetraveller, und als einer von ihnen etwas sagte, spuckte Ria auf die Fingerkuppen ihres rechten Zeige- und Ringfingers und rubbelte damit an Dans blonden Haaren. Als sie danach die Hand ausstreckte, brachen die Männer in erstauntes Gemurmel aus.
Nachdem sie Ria durch diese einfache Prozedur von der Echtheit von Dans Haarfarbe überzeugt hatte, kam es Ken so vor, als hätten die Eingeborenen ihn endgültig als den akzeptiert, den ihnen Ria beschrieben hatte. Als ihnen die junge Frau auch noch gestenreich mitteilte, dass es für die Männer eine Ehre war, den blonden Gott in ihr Dorf zu begleiten, schien die ganze Sache offensichtlich doch noch zu einem friedlichen Ende zu kommen. Einzig die Tatsache, dass die Männer immer noch bewaffnet waren, verursachte Ken ein leichtes Bauchgrimmen.
Da er für sich und seine Freunde im Moment aber keine Möglichkeit sah, sich irgendwie aus dem Staub zu machen, schärfte er ihnen ein, die Krieger nicht mehr unbeobachtet zu lassen. Die Frauen nickten entschlossen, nur bei Dan fanden seine Warnungen kein Gehör. Er schien sich sichtlich in seiner Rolle als blonder Halbgott zu gefallen.
»Hast du sie nicht mehr alle? Merkst du denn nicht, wie uns diese Wilden anhimmeln? Ich werde den Teufel tun, sie zu verärgern, nur weil du dir irgendwelche Hirngespinste einbildest. Solange die Kleine denkt, dass ich ein Gott bin, lasse ich sie in dem Glauben. Ich wäre ja bescheuert, wenn ich mich dagegen wehren würde. Was Besseres konnte uns doch gar nicht passieren.«
Ken hatte sich zwar eine scharfe Erwiderung zurechtgelegt, aber als er in das entschlossene Gesicht seines Freundes blickte, zuckte er resignierend mit den Achseln und wandte sich ab.
»Wir sollten ein Auge auf ihn haben«, sagte Francine, als sie die Blicke erkannte, die Dan der jungen Eingeborenen zuwarf. »Ich habe das Gefühl, dass sein Verstand ausgesetzt hat. Seit er die Kleine gesehen hat, denkt er meiner Meinung nach nicht mehr mit dem Kopf, sondern nur noch mit dem Schwanz.«
Claire errötete und wandte sich peinlich berührt ab.
Dabei fiel ihr Blick auf den Verletzten. Um sich auf andere Gedanken zu bringen, wollte sie sich um ihn zu kümmern. Als Ken jedoch ihr Vorhaben bemerkte, zog er sie sanft aber dennoch bestimmend wieder zurück. Er wollte sie nicht noch mehr beunruhigen. Das Gesicht des Verletzten wirkte nämlich seltsam eingefallen und in seinen weit aufgerissenen Augen spiegelte sich das Blätterdach des Dschungels. Der Mann benötigte keine Hilfe mehr. Er war tot und seine verzerrten Mundwinkel zeigten Ken eindringlich, wie hart er gestorben war.
Kapitel 3
Als sie ihm mit den Fingerspitzen über die Haare strich, schlug Dan sofort die Augen auf, obwohl die Berührung sanfter als der Flügelschlag eines Schmetterlings war. Im Gegensatz zu den anderen schlief er allerdings auch nicht. Die drückende Schwüle des Dschungels und das geräuschvolle Schnarchen der Wilden ließ ihn kein Auge zumachen. Dann war da noch das Bild von Ria, das ihm nicht mehr aus dem Sinn ging. Der Anblick ihrer nackten Brüste, ihre wohlgeformten Kurven und der prallrunde Hintern brachten ihn schier um den Verstand.
Er war schließlich kein Mönch und es war auch schon eine halbe Ewigkeit her, seit er das letzte Mal etwas mit einer Frau hatte. Deshalb war er mehr als nur angenehm überrascht, als er Ria plötzlich vor sich sitzen sah. Er wollte den Mund öffnen, um etwas zu sagen, aber die junge Frau schüttelte nur stumm den Kopf und legte ihm ihren Zeigefinger auf den Mund. Als Dan mit einem Nicken zum Ausdruck brachte, dass er verstanden hatte, packte sie ihn am Arm und zerrte ihn hoch.
Vorsichtig schlichen sie aus dem Lager.
Die Krieger hatten zwar einen Posten aufgestellt, aber statt über den Schlaf der anderen zu wachen, lehnte der Mann mit dem Rücken an einem Baum. Das Kinn war ihm auf die Brust gesunken und sein Schnarchen war kein Deut leiser als das seiner Gefährten. Die beiden schlichen auf Zehenspitzen an ihm vorbei und tauchten im Unterholz des Dschungels ein. Nach wenigen Schritten erreichten sie eine kleine Kuhle, in die Ria aufgeregt hineindeutete. Noch während sich Dan fragte, was um alles in der Welt sie ihm hier mitten in der Nacht zeigen wollte, löste die junge Frau das Band, das den kurzen Rock um ihre Hüften hielt, und ließ das Kleidungsstück achtlos zu Boden gleiten.
Ein, zwei Atemzüge lang stand sie einfach da, streckte die Arme zurück und präsentierte ihm so ihre vollen Brüste mit den braunen Knospen. Dann strich sie mit einer Hand über das dunkle Dreieck am Unterleib und flüsterte ihm einige Worte zu.
Dan verstand zwar nicht das Geringste von dem, was sie sagte, aber das war ihm im Moment auch egal. Die Gestik war international und schien in ihrer Welt genauso bekannt zu sein wie in Amerika, Asien oder Europa.
Er hatte es plötzlich sehr eilig, aus seinen Kleidern zu kommen. Kaum hatte er sich neben sie in die Kuhle gelegt, tastete sie mit ihrer Rechten nach unten und packte ihn hart.
»Vorsichtig, Kleines«, flüsterte Dan mit einem leicht schmerzhaften Lächeln. »Behandle ihn bitte etwas schonender, wir haben schließlich noch die ganze Nacht vor uns.«
Ria knurrte wie eine Raubkatze auf Beutezug und griff stattdessen mit beiden Händen zu. Von einem erotischen Vorspiel schien sie nichts zu halten. Als Dans geschwollenes Glied vor ihr aufragte, nickte sie zufrieden und setzte sich auf ihn. Dominant ließ sie ihr Becken kreisen, bis ihre Bewegungen immer schneller wurden und sie schließlich beinahe gleichzeitig explodierten.
Beim zweiten Mal übernahm allerdings Dan die Führung. Als er Ria zeigte, was ein Mann alles mit der Zunge vollbringen konnte, war sie zunächst überrascht, aber schon kurz darauf hatte sie Mühe, ihre Lustschreie zu unterdrücken. Irgendwann lösten sie sich dann schweißgebadet voneinander.
Als sich sein Atem wieder einigermaßen beruhigt hatte, machte Dan Anstalten, seine Kleider zusammenzusuchen. Aber da hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ria forderte ihn zu einer dritten Runde auf, die ihn schließlich seiner letzten Kraftreserven beraubte.
Als sie noch vor Sonnenaufgang zum Lager zurückkehrten, schliefen die anderen alle noch, auch die Wache. Während sich Dan erschöpft auf den Boden legte, baute sich Ria vor dem Posten auf und sprach ihn leise an. Als er die Augen öffnete, trat sie ihm ansatzlos zwischen die Beine. Dem Mann quollen beinahe die Augen aus den Höhlen, als er sich mit verzerrtem Gesicht auf die Seite wälzte. Obwohl der Schmerz mörderisch sein musste, kam kein Wort über seine Lippen.
Die Angst vor einer weiteren Bestrafung hatte ihn verstummen lassen. Auf Wache einzuschlafen war anscheinend auch in dieser Welt ein unverzeihlicher Fehler, dennoch konnte es Dan nicht verhindern, dass ihm angesichts dieses barbarischen Gewaltakts ein kalter Schauer über den Rücken lief.
Als das Lager wieder zum Leben erwachte, war es kurz nach Sonnenaufgang und Dan fühlte sich so schlapp wie noch nie in seinem Leben zuvor. Aber darauf nahm niemand Rücksicht, im Gegenteil, ihm kam es so vor als würden sich die anderen auf ihrem Marsch noch mehr beeilen als gestern.
Zwei der Eingeborenen bildeten die Vorhut.
Dahinter folgte Ria mit den Timetravellern und danach die anderen Männer. Diese hatten die Leiche ihres Gefährten in die Stauden einer großblättrigen Pflanze gewickelt und mit biegsamen Zweigen an einen langen, unterarmdicken Ast gebunden, den sie abwechselnd trugen. Dennoch waren sie zum Erstaunen der Zeitreisenden kaum langsamer als sie selber ohne Ballast. Zwei Tage lang zogen sie so abseits des Weges mitten durch den Dschungel.
Über halsbrecherische Pfade, die oftmals nicht breiter als eine Männerhand waren, durch reißende Flüsse, dornenbewehrtes Unterholz und stinkende Sumpflandschaften. Als sie am Morgen des dritten Tages auf einem Berghang endlich eine kurze Rast einlegten, gab es keinen Timetraveller, der nicht zerkratzt, von blauen Flecken übersät und am Ende seiner Kraft war, trotz einer Uniform, die angeblich gegen jedwede natürlichen Einflüsse resistent sein sollte.
Eine Kürbisflasche mit Wasser machte die Runde, als sich Ria an den Rand des Hanges begab und nach unten blickte.
»Was dort?«, radebrechte Dan, der an ihre Seite getreten war.
In den vergangenen Tagen war er stets bemüht gewesen, sich mithilfe der schönen Frau die Grundbegriffe ihrer seltsamen Sprache anzueignen. Dank seiner schnellen Auffassungsgabe konnte er inzwischen mit Ria sogar einigermaßen kommunizieren. Außer über die Dinge, die sich in jener Nacht ereigneten, in der sie sich geliebt hatten. Eine Tatsache, die Dan etwas kränkte.
»Kitabi«, antwortete sie voller Stolz. »Herz von Makumba!«
»Was sollen wir dort?«
»Das entscheiden Hui.«
»Das bedeutet Treffen oder Versammlung«, übersetzte Claire, als sie Dans verständnislosen Blick bemerkte.
»Aha«, entgegnete der ehemalige Student nach dieser Erklärung. »Und wer bitteschön ist dann dieser Karok, von dem sie ständig redet?«
»Der Mörder ihres Vaters!«, entgegnete Claire.
»Keine Zeit mehr zu sprechen«, drängte Ria. Der Eingeborenen schien die Unterhaltung der beiden zu lange zu dauern. Ungeduldig deutete sie auf das unter ihnen liegende Tal.
»Jetzt laufen, mein Volk warten schon.«
Dann rannte sie los.
Dan Simon unterdrückte nur mühsam einen wilden Fluch, nachdem er versuchte Ria zu folgen und ihm dabei prompt ein tief hängender Zweig ins Gesicht klatschte, den die Frau auf ihrem Weg ins Tal beiseite gedrückt hatte. Augenblicklich platzte die Haut auf seiner Wange auf und die Stelle, an der er getroffen war, begann wie Feuer zu brennen. Als er bemerkte, dass er blutete, schwor er sich in Gedanken, dafür diesem Karok bei ihrem Treffen erst einmal dorthin zu treten, wo es wirklich wehtat.
Es wäre für ihn und die anderen Timetraveller allerdings besser gewesen, wenn er sich mehr über andere Dinge Gedanken gemacht hätte. Nachdem sie das Blut auf seiner Wange entdeckt hatten, begannen die hinter ihm herlaufenden Eingeborenen nämlich heimlich miteinander zu tuscheln. Die Blicke, die sie ihm dabei zuwarfen, wurden immer abfälliger, je länger sie sich unterhielten. Und niemand schien es zu bemerken.
Bis zum späten Vormittag hatten sie sich von dem Hügel bis ins Tal hinab gequält. Dort wurde die Luft immer wärmer und der Dschungel immer dichter. Niemand sprach ein Wort. Jeder sparte sich den Atem fürs Laufen auf, denn seit das Dorf in greifbare Nähe gerückt war, hatten die Eingeborenen das Tempo merklich angezogen. Trotzdem befanden sie sich noch immer mitten im Urwald, als die Sonne schon längst ihren Zenit überschritten hatte.
Stumm setzten sie Fuß vor Fuß, während sich bei den Timetravellern allmählich Erschöpfung breitmachte. Für die meisten von ihnen war es zwar nicht die erste Begegnung mit einem tropischen Wald, dennoch war das alles allmählich absolut nicht mehr nach ihrem Geschmack. Die Hitze störte sie ebenso wie die Anwesenheit der seltsamen Eingeborenen und die Unkenntnis über das Ziel ihrer Reise. Die Sonne brachte den Dschungel zum Dampfen und die allgegenwärtigen Mücken die Vier fast zum Verzweifeln. Außerdem wurde der Verwesungsgeruch des Toten immer unerträglicher. Keiner von ihnen hatte deshalb Augen für die eigentümliche Schönheit des Urwalds.
Buntgefiederte Vögel zwitscherten in den Bäumen, Affen blickten neugierig von den Kronen der Bäume auf sie herab und Blüten und Blätter in allen nur erdenklichen Farben säumten ihren Weg.
Ken ertrug die Strapazen mit asiatischer Gelassenheit und Francine aufgrund ihrer CIA-Ausbildung.
Claire dagegen war langsam am Ende ihrer Kraft und Dan lagen bereits einige Flüche auf den Lippen, gegenüber denen sich Arschloch wie harmloses Kindergebrabbel anhörte, als der Dschungel urplötzlich endete.
Das blaugrüne Wasser eines Flüsschens wälzte sich träge in einem schmalen Bett durch eine baumlose Ebene. An ihrem Ende, inmitten von Wiesen und Feldern erhoben sich die Palisaden und Häuser eines Dorfes, dessen gigantische Ausmaße ihnen die Sprache verschlug.
»Kitabi!«, flüsterte Ria ehrfurchtsvoll, während sich Dan und Ken einen erstaunten Blick zuwarfen.
»Schnell jetzt!«, keuchte Ria, nachdem sie sich ihnen wieder zugewandt hatte. »Ich kaum erwarten dummes Gesicht von Karok sehen.«
* * *
Die Palisadenumfriedung des riesigen Dorfes bestand aus meterhohen Baumstämmen, die mächtig und düster in den Himmel ragten. Die Enden der grob behauenen Stämme waren gefährlich angespitzt und zusätzlich noch mit einem Kranz aus dichten Sträuchern umgeben, deren fingerlange Dornen nur darauf zu warten schienen, ungebetene Besucher aufzuschlitzen. Der Anblick des gigantischen Walls erinnerte Claire unwillkürlich an die Chinesische Mauer, nur das dieses Bauwerk hier vollständig aus Holz bestand.
Mit jeder Minute, die sie länger darauf starrte, verdrängte sie ihre Erschöpfung, bis schließlich die Neugierde in der ehemaligen Geschichtsstudentin wie eine lodernde Fackel brannte. Ganz im Gegensatz zu Francine, die, je näher sie dem Stadttor kamen, sich umso unbehaglicher zu fühlen schien. Ken blieb der Zustand der CIA-Agentin nicht lange verborgen.
»Was ist los mit dir?«, fragte er, während ihr Ziel immer näher rückte.
Francine zuckte hilflos mit den Schultern. »Mir geben diese riesige Palisaden zu denken.«
»Warum?«
»Wie wir inzwischen alle mitbekommen haben, sind die Menschen aus Rias Volk die einzigen Bewohner dieses Landes. Gegen was oder wen soll sie dieser Zaun dann schützen?«
Als Ken Luft holte, um ihr zu antworten, schüttelte sie energisch den Kopf.
»Erzähle mir jetzt aber nichts von den Tieren des Dschungels. Du musst doch zugeben, dass selbst eine Herde wildgewordener Elefanten diese Umfriedung nicht einreißen könnte. Nein, das muss einen anderen Grund haben, und je länger ich darüber nachdenke, umso nervöser werde ich.«
»Worauf willst du hinaus?«
»Denk an unseren ersten Fußmarsch. Warum verstummte mitten auf dem Weg durch den Dschungel so abrupt der Lärm der Tiere und warum waren plötzlich auch diese ekelhaften Mücken verschwunden? Du hast selber mitbekommen, dass alles plötzlich wieder da war, nachdem wir umdrehten. Du kannst mir sagen, was du willst, aber irgendetwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu.«
Bevor sich Ken eine plausible Erklärung zurechtlegen konnte, hatten sie das geheimnisvolle Kitabi erreicht. Der vorderste der Eingeborenen hob ein gekrümmtes Muschelhorn an seine Lippen, welches am Ende eines Seils von den Palisaden herunterhing und blies hinein.
Ein Knarren ertönte und dann öffnete sich schwerfällig das Tor.
Keine fünf Minuten später betraten sie das unbekannte Dorf.
Es bestand aus unzähligen, lang gezogenen Holzhütten, die sich dicht an dicht um einen großen Platz drängten, in dessen Mitte ein Brunnen stand. Schmale, festgetrampelte Lehmpfade führten durch das Gewirr der Häuser, aus denen vereinzelt Rauch aufstieg. Ein paar Hühner rannten gackernd vor ihnen über den Weg, irgendwo meckerte eine Ziege und weinte ein Kind, aber keine Menschenseele weit und breit. Als sie langsam weiter liefen, hatte jeder der Timetraveller die Hand an der Waffe.
»Gefällt mir nicht«, sagte Ken einsilbig.
Francine nickte. »Stimmt, nach dem, was uns Ria alles über ihr Dorf erzählte, hatte ich mir das Ganze auch anders vorgestellt. Mir gefällt das, was ich sehe, genauso wenig.«
»Was passt euch denn jetzt schon wieder nicht, ihr alten Nörgler?«
Im Gegensatz zu Ken und Francine war Claire, vorbelastet durch ihr Geschichtsstudium, vom Anblick dieser primitiven Zivilisation geradezu begeistert. Alle Strapazen schienen von ihr abgefallen zu sein und ihre Augen begannen förmlich zu leuchten, je länger sie das Dorf betrachtete.
»Siehst du hier irgendwelche Frauen und Kinder? Ich nicht!«, antwortete Francine spröde. »Siehst du hier irgendwelche Blumen oder sonstige Dinge, mit denen sich Menschen normalerweise ihr Zuhause etwas wohnlicher gestalten? Ich nicht, ich sehe nur düstere Hütten mit irgendwelchen Tierschädeln über dem Eingang und es würde mich nicht wundern, wenn irgendwo auch der Kopf eines Menschen darunter wäre.«
Dabei deutete sie auf eine der Hütten, von deren Dach der seltsam bemalte Knochenschädel einer Ziege herabbaumelte. Bevor ihr Claire darauf eine Antwort geben konnte, entstand plötzlich Bewegung zwischen den Hütten.
Vor ihnen kroch ein kleiner, halbnackter Junge durch den Dreck der Straße. Sein herzzerreißendes Weinen war weithin zu hören. Kein Wunder, dachte Claire im ersten Moment, nachdem sie erkannt hatte, dass der Kleine im wahrsten Sinn des Wortes bis zum Hals in der Scheiße steckte. Sein hagerer, milchkaffeebrauner Körper war vom Bauchansatz bis zu den Kniekehlen hinab mit einer dicken Schicht aus Kot und Urin bedeckt, um die unzählige Fliegen in dichten Schwärmen kreisten. Der Anblick versetzte ihrem Herz einen Stich, obwohl sie instinktiv ahnte, dass in dieser Welt, die wahrscheinlich weder Einwegwindeln noch die elementarsten Grundkenntnisse der menschlichen Hygiene kannte, der Zustand des Kleinen nicht ungewöhnlich zu sein schien.
Ungewöhnlich hingegen war aber der riesenhafte, beinahe urweltlich wirkende Ochse, der den Jungen verfolgte. Das Tier hatte den Kopf gesenkt und wühlte mit seinen Hörnern hinter ihm durch den Staub des Weges. Dabei kam er dem Kind immer näher. Der zerfetzte Strick um seinen Hals deutete darauf hin, dass sich das Tier irgendwo losgerissen hatte.
Plötzlich stürzte eine junge Frau aus einer der Hütten.
Ihre dunklen Augen glänzten wie polierte Kohlen. Sie wischte sich nervös mit dem Handrücken über die Stirn, wedelte mit den Armen und ging dabei Schritt für Schritt auf den Ochsen zu, der immer unruhiger wurde.
Bis auf das Weinen des Kindes herrschte Totenstille.
Als sich die Frau zwischen Tier und Kind gebracht hatte, senkte der Ochse seinen mächtigen Schädel und sprang vor.
Ken reagierte als Erster.
Ohne zu zögern riss er seine Waffe aus dem Halfter und brannte dem Vieh mit seinem Energiestrahler eine unterarmlange Spur auf den Rücken. Das Tier hob erschrocken den Kopf und verschwand mit aufgerichtetem Schwanz blökend zwischen den Hütten. Danach herrschte für Sekunden eine geradezu unheimliche Stille. Aber nachdem die Frau den kleinen Jungen erreicht hatte, ihn packte und beide unversehrt im nächsten Hauseingang untergetaucht waren, flackerte hinter den Fenstern fast aller umliegenden Hütten unvermittelt Lichtschein auf. Die Gassen füllten sich nach und nach mit Männern, Frauen und Kindern. Trommeln wurden laut und immer weitere Menschen traten aus den Häusern und starrten den Ankömmlingen neugierig entgegen. Lautlos kamen sie auf die Timetraveller zu, bis Ria zu reden begann. Bereits nach ihren ersten Worten brach ein höllischer Lärm los.
Alle Dorfbewohner schnatterten aufgeregt durcheinander, während sie Ria und Dan wie eine Horde neugieriger Kinder umringten.
Obwohl sie die Mehrheit der Menschen augenscheinlich freundlich aufnahmen, bewegte Ken seine Hand keinen Millimeter von der Waffe weg. Deutlich konnte er erkennen, wie durch die Menge der Eingeborenen schattenhaft mehrere kahlköpfige Kuttenträger hasteten, deren feindselige Blicke er fast körperlich spüren konnte. Nur zu genau hatte er Rias Worte noch in den Ohren, als sie behauptete, dass diese Männer für den Tod ihres Vaters verantwortlich waren. Der Anblick ihrer Gesichter genügte ihm, um zu wissen, was diese Priesterkaste über sie, die Timetraveller, dachte.
Inzwischen scharten sich immer mehr Leute um sie herum und er war nicht der Einzige, den dabei ein mulmiges Gefühl beschlich. Allmählich fühlten sich auch seine Freunde wie auf dem Präsentierteller.
Ria hingegen stapfte mit stolz geschwellter Brust wie Graf Rotz auf und ab und zeigte ständig auf Dan und die anderen Timetraveller, während sie ihre Leute mit einem wahren Wortschwall übergoss. Obwohl Ken das meiste davon nicht verstand, ahnte er dennoch, über was sie redete.
Ihm war nicht wohl zumute, als die Leute plötzlich alle wild durcheinander schrien und ihn zusammen mit den anderen unvermittelt über den Platz auf eine der Hütten zuschoben.
Immer wieder erhielten sie aus der Menge heraus einen Schlag auf die Schultern oder auf den Oberkörper, zerrte man an ihren Kleidern oder jemand versuchte, sie einfach nur zu berühren. Als die Timetraveller über die Schwelle der Hütte stolperten und die Tür hinter ihnen zuschlug, atmete nicht nur Francine erleichtert auf.
»Endlich!«, stöhnte sie und lehnte sich mit dem Rücken an die Tür.
Draußen hörten sie noch immer die Menschen schreien und lachen.
»Zum Schluss hatte ich das Gefühl, dass sie uns vor lauter Dankbarkeit über den geretteten Jungen beinahe erschlagen hätten.«
»Ich möchte nicht wissen, was ihnen Ria alles über uns erzählt hat.«
»Das solltest du aber, mein lieber Ken«, erwiderte Claire. »Ich glaube, ihr wisst alle noch nicht, dass wir bereits bis zum Hals in der Scheiße sitzen.«
Dans Kopf ruckte hoch. »Was ist los, Baby? Wenn jemand wie du das Wort Scheiße in den Mund nimmt, scheint die Kacke ja wirklich am Dampfen zu sein.«
»Worauf du dich verlassen kannst.«
»Könntest du uns das vielleicht etwas genauer erklären?« Dabei deutete Francine mit dem Kinn auf Dan. »Schließlich sind wir keine Halbgötter wie dieser blonde Jüngling da.«
Wütend wirbelte Dan herum. »Was soll der Mist? Kann ich was dafür, wenn sich Ria in mich verknallt hat und ihr Volk mich anhimmelt?«
»Eigentlich nicht«, sagte Claire beschwichtigend. »Aber trotzdem ist genau das unser Problem.«
»Dann wird es Zeit, dass du uns diese Sache einmal genauer erklärst. Und lass ja nichts aus, denn wenn es um meinen Kopf geht, werde ich immer ziemlich nervös.«
Kapitel 4
Bevor Claire mit ihren Ausführungen begann, versuchten die Freunde, es sich so bequem wie möglich zu machen. Was allerdings nicht einfach war, denn die Einrichtung der Hütte hätte wahrscheinlich nicht einmal den Anforderungen einer Gefängniszelle für Mörder entsprochen.
Das gesamte Inventar bestand lediglich aus einer Feuerstelle im Boden, einem Lager aus aufgeschütteten Palmwedeln, die völlig durchgefault und verwanzt waren, sowie einem Holzeimer in den, dem Geruch nach zu urteilen, schon Generationen vor ihnen ihre Notdurft hinein verrichtet hatten. Ein dichter Schwarm aus zuckenden, wild umhersummenden Fliegen kreiste über dem Gefäß, aus dem es dermaßen übel nach Pisse und Kot stank, das nicht nur Francine Mühe hatte, ein Würgen zu unterdrücken.
Nach einem kurzen Blick auf Claire, deren Gesicht inzwischen ebenfalls eine wachsbleiche Farbe angenommen hatte, packte Ken den Eimer entschlossen am Henkel und warf ihn angewidert aus dem nächsten Fenster. Trotzdem dauerte es noch eine Ewigkeit, bis die Luft wieder einigermaßen erträglich war.
Beiläufig registrierte Claire, dass sich die anderen Timetraveller nach einer oberflächigen Musterung inzwischen dazu entschlossen hatten, ihren Bericht doch lieber im Stehen zu verfolgen.
»Wie Ken schon richtig vermutet hat, sind wir hier mitten in einem Machtkampf um die Regentschaft über dieses Land gelandet. Soweit ich aus den Ausführungen Rias und einiger anderer Dorfbewohner herausgehört habe, versucht die Priesterkaste schon seit Langem, die Herrschaft an sich zu reißen, was Rias Vater aber noch zu verhindern wusste. Jetzt ist der Mann tot, vergiftet, wenn man gewissen Gerüchten Glauben schenken darf. Karok, der Hohepriester, beginnt nun damit, sämtliche Mitglieder der alten Herrscherfamilie entweder umbringen zu lassen oder sie aus dem Dorf zu jagen. Ria ist ihnen nur durch Zufall entkommen. Aber seit sie um unsere Existenz und die Wirkung unserer Energiestrahler weiß, ist sie nahezu besessen von dem Gedanken an ihre Rache. Ihr Plan sieht vor, dass sie mithilfe unserer Waffen und technischen Ausrüstung die Priesterkaste vernichtet und sie sich wieder zum alleinigen Herrscher über ihr Volk aufschwingen kann. Wenn ihr mich fragt, eine für uns nicht ungefährliche Situation, den scheinbar verfügen die Priester immer noch über einen gewissen Einfluss auf die Leute. Egal ob sich jetzt jemand von uns diesen Eingeborenen in irgendeiner Weise verbunden fühlt, ich denke, wir sollten schleunigst von hier verschwinden. Ich für meinen Teil verspüre jedenfalls keine Lust, mich von einem dieser beiden Interessengruppen als Machtinstrument missbrauchen zu lassen, um nachher eventuell wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen zu werden.«
Während Ken und Francine beifällig nickten, schüttelte Dan energisch den Kopf.
»Also ich bin dafür, dass wir bleiben. Vielleicht besteht unsere Mission ja darin, den Freiheitskampf dieses Volkes zu unterstützen.«
»Von was träumst du Nachts?«, fragte Ken kopfschüttelnd. »Wie Claire schon angemerkt hat, geht es hier doch eindeutig nur um die Machtverhältnisse zwischen zwei Parteien, die sich einen Teufel um uns scheren würden, wären wir nicht im Besitz unserer Waffen. Claire hat recht. Wenn ich nur daran denke, was passieren könnte, wenn diese Wilden von der Existenz des Gliders erfahren, wird mir jetzt schon schlecht. Deshalb sollten wir so schnell wie möglich wieder von hier verschwinden.«
»Langsam«, meldete sich Francine zu Wort. »Wir sollten nichts überstürzen. Lasst uns erst einmal die Nacht darüber schlafen. In der Dunkelheit durch den Dschungel zu rennen bringt ja auch nichts. Und außerdem müssten wir mal in Erfahrung bringen, ob die Eingeborenen etwas vom verunglückten Glider wissen.«
Die Timetraveller nickten. Mit diesem Argument hatte sie Francine alle überzeugt.
Inzwischen war es dunkel geworden, stockdunkel.
Das Geschrei der Bewohner war verstummt und langsam kehrte wieder Ruhe in dem Dorf ein. Die Menschenmenge zerstreute sich wieder und niemand, nicht einmal Ria, nahm noch Notiz von ihnen. Deshalb versuchten jetzt auch die Timetraveller zu schlafen. Aber nachdem sie bemerkten, dass über dem Boden der Hütte ständig eine Armee von Insekten marschierte und es mit der Dunkelheit plötzlich an allen Ecken und Enden zu wuseln, knirschen und knistern begann, verzichteten sie alle dankend auf Schlaf. Außer Ken, allerdings war dieser Vorsatz auch bei ihm nur von kurzer Dauer. Kaum lag er nämlich auf dem Boden und hatte die Augen geschlossen, spürte er auch schon, wie etwas an seinem Bein hoch krabbelte. Schnell sprang er auf und schüttelte sich angeekelt. Nachdem er seine Uniform noch einmal abgesucht hatte, schloss er sich dem Tun der anderen an und wanderte ebenso wie sie den Rest der Nacht unruhig in der Hütte auf und ab.
* * *
Gegen Mitternacht begann es zu regnen.
Donner rollte über das Land und Blitze zuckten knisternd durch die Nacht. Die Luft über dem Urwald war von seltsamen Geräuschen erfüllt. Als Ken gähnend durch ein Fenster der Hütte nach draußen blickte, sah er, wie die ersten Regentropfen schwer und kalt auf das Dorf fielen.
Auf den Gassen bildeten sich sofort knöcheltiefe Pfützen, während das Unwetter um die Häuser tobte.
Claire drängte sich neben ihn und zog fröstelnd die Schultern hoch.
Die Hütte war genauso wenig zum Übernachten geeignet, wie als Unterstand bei einem tropischen Wolkenbruch. Der Regen dauerte noch keine fünf Minuten an, als das Wasser bereits durch das Dach tropfte. Wenig später bildeten sich bereits mehrere Pfützen auf dem Boden.
»Das hat jetzt auch noch sein müssen«, maulte Ken und nahm seine frierende Freundin in den Arm.
»Denk einfach positiv«, sagte Dan. »Der Regen mag zwar ätzend sein, aber er beseitigt wenigstens das Kakerlakenproblem.«
Dabei deutete er lachend auf den Boden, wo im zuckenden Licht der Blitze deutlich ein wuselnder, nicht enden wollender Strom Insekten zu erkennen war, die aufgrund der Pfützen hastig die Hütte verließen.
»Wer nicht wasserscheu ist, hat jetzt die Möglichkeit, noch ein paar Stunden ohne tierische Gesellschaft zu schlafen. Ich jedenfalls werde das Angebot dankend annehmen.«
Danach legte sich Dan einfach zu Boden. Er war restlos bedient und hatte nicht die geringste Lust, den anderen auf die Nase zu binden, dass ihn die kleine Eingeborene eine Menge an Kraft gekostet hatte. Kraft, die er beim anschließenden Gewaltmarsch durch den Dschungel schmerzlich vermisst hatte. Bevor einer der Timetraveller etwas sagen konnte, erfüllte sein Schnarchen bereits lauthals die Hütte.
Claire und Francine schüttelten nur verwundert die Köpfe.
Mit den ersten Sonnenstrahlen war der Spuk vorbei. Das ganze Land troff vor Nässe.
Der Dschungel, die Felder und das Dorf glänzten wie frisch gewaschen und überall standen Wasserlachen. Gerade wollte Ken seine Freundin auf den Nachwuchs einer Ziegenfamilie aufmerksam machen, der mit einer wahren Begeisterung durch die Pfützen pflügte, als er aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung bemerkte. Als er den Kopf drehte, beobachtete er, wie ein halbes Dutzend Eingeborenensoldaten mit Speeren und Schilden bewaffnet geradewegs auf ihre Hütte zusteuerte.
Sein Herz begann schneller zu schlagen.
»Schätze, wir bekommen Besuch«, sagte er über die Schulter hinweg und deutete aus dem Fenster.
Claire und Francine eilten ans Fenster, während Dan lediglich verschlafen den Kopf hob, etwas Unverständliches grunzte und sich danach einfach auf die Seite drehte.
»Was hat das zu bedeuten?«
Ken streifte Francine mit einem fragenden Blick und zuckte hilflos mit den Achseln.
»Keine Ahnung. Aber egal, was jetzt passiert, wir sollten versuchen unbedingt zusammenzubleiben.«
Francine lächelte schwach. »Sag das mal unserem blonden Halbgott. Ich habe damit kein Problem.«
»Schnauze«, murmelte Dan und wischte sich über das Gesicht. »Ich will noch schlafen.«
Im gleichen Moment hatten die Bewaffneten ihre Hütte erreicht und ihr Anführer hämmerte seine Faust an die Tür. Nach dem zweiten Klopfen bellte er einige unverständliche Worte.
Claire begann zu grinsen, als sie Dan musterte, der sich inzwischen wieder schlaftrunken auf den Rücken gewälzt hatte.
»Aufstehen, mein blonder Held. Deine Prinzessin verlangt nach dir.«
Bevor Dan begriffen hatte, um was es eigentlich ging, wurde die Tür aufgerissen und flog mit einem ohrenbetäubenden Knall an die dahinter liegende Wand. Ein halbes Dutzend bis an die Zähne bewaffnete Eingeborene stürmte auf ihn zu, riss ihn auf die Beine und zerrte ihn aus der Hütte. Dabei versuchten sie, sich gegenseitig in ihrem Brüllen und Schreien zu übertönen. Ken verzog schmerzhaft das Gesicht, als er mit ansehen musste, wie einer der Wilden Dan mit seinem Speer auf die Rippen klopfte, als dieser anscheinend nicht schnell genug ihren Aufforderungen nachkam.
»Los, kommt mit«, zischte er den beiden Frauen zu. »Irgendetwas stimmt hier nicht. Wie es aussieht, ist unser blonder Halbgott in Ungnade gefallen.«
Gemeinsam folgten sie Dan und der Eskorte durch das Dorf. Niemand schenkte ihnen Beachtung. Die Bewaffneten waren mit Dan beschäftigt und die wenigen Frühaufsteher hatten genug damit zu tun, aus dem Brunnen frisches Wasser zu holen und Feuer in ihren Hütten zu entfachen. Zehn Minuten später hatten sie den nördlichen Teil des Dorfes erreicht.
Erstaunt sahen sich die Freunde um.
Diesen Teil von Kitabi hatten sie bisher noch nicht zu Gesicht bekommen. Allem Anschein nach waren hier die Aristokratie und die Priesterkaste von Makumba zuhause.
Aus den verschlungenen Lehmpfaden war eine großzügig angelegte Straße mit einem topfebenen Schotterbelag geworden und die Hütten gingen nach und nach in solide Häuser aus edlen, dunklen Hölzern und kunstvoll geschnitzten Portalen über. Wohin sie auch sahen, überall beherrschten hölzerne Skulpturen auf beiden Seiten das Bild der Straße. Unwillkürlich fühlte sich Claire an die Schnitzkunst der Haidas und Inuit im Norden Amerikas erinnert, deren Totempfähle ebenfalls wahre Kunstwerke aus Holz waren. Lediglich das Aussehen der Statuen am Wegesrand irritierte sie. Die Form der Figuren glich der Karikatur eines Wesens, das halb Mensch, halb Tier zu sein schien.
Trotz ihrer unterschiedlichen Art und Darstellung stellten die Skulpturen im Grunde genommen alle ein und dieselbe Gestalt dar. Ein menschenähnliches Wesen, dessen mächtiger Körper auf verkümmerten, baumstammartigen Beinen ruhte. Dazu ein kugelrunder, missgestalteter Schädel mit gewaltigen Schultern und riesigen Armen, die in unförmigen, klauenartigen Pranken endeten.
Vielleicht waren gewisse Merkmale der abgebildeten Kreatur völlig überzeichnet dargestellt, dennoch war ihr Anblick geradezu unheimlich.
Einen Moment lang hielten sie fröstelnd inne, dann trieb sie die Sorge um Dan weiter. Kurz darauf hatten sie offensichtlich ihr Ziel erreicht.
Kapitel 5
Das Haus am Ende der Straße war riesig.
Das Gebäude beherrschte die gesamte Nordseite des Dorfes in einer Länge von beinahe dreihundert Schritten und war umgeben von einer hohen Palisadenmauer aus einem seltsamen, dunkel schimmernden Holz, das in der Morgensonne wie getrocknetes Blut glänzte. Ein Torbogen, versehen mit zwei wuchtigen Doppeltüren, bildete offensichtlich den einzigen Zugang zu dem großen Haus.
Kein Mensch war zu sehen und kein Lichtschein drang ins Freie.
Eine unwirkliche Stille lag über dem gesamten Anwesen.
Mit dem Speer in der Hand trat der Anführer der Bewaffneten an das große Tor und klopfte mit der Waffe gegen das Holz der Doppeltüren. Es dauerte nicht lange, bis das Tor einen Spalt weit geöffnet wurde und ein Wachposten neugierig den Kopf herausstreckte. Der Speerträger gab einige Worte von sich, die wie das abgehackte Bellen eines Hundes klangen, worauf der Posten sich beeilte, das Tor gänzlich zu öffnen. Im Laufschritt hastete der Trupp mit Dan und den anderen Timetravellern im Schlepptau über den Vorhof auf das riesige Haus zu.
Offensichtlich wurden sie dort bereits erwartet.
Kaum hatten sie den Vorbau betreten, öffnete sich vor ihnen beinahe lautlos das Eingangsportal. Zwei mit Krummdolchen bewaffnete Wachen senkten devot die Köpfe, als die Gruppe an ihnen vorbeihastete. Zielsicher liefen die Eingeborenen einen schmalen Gang entlang, vorbei an zahlreichen Türen.
Das weitläufige Haus wurde nur vom Licht einiger Pechfackeln erhellt, die in eisernen Gestellen steckten. Dennoch reichte der flackernde Schein aus, um die Timetraveller erkennen zu lassen, dass auch hier die Skulpturen jener missgestalteten Kreatur die Einrichtung bestimmten.
Als sie am Ende des Ganges eine wuchtige Tür erreicht hatten, die nur angelehnt war, blieben die Männer unvermittelt stehen.
Hinter den schmiedeeisernen Beschlägen drang fahles Licht hervor und Stimmen waren zu hören.
Nach einem kurzen Klopfen öffnete der Anführer der Eingeborenen langsam die Tür und die Timetraveller starrten angespannt in den Raum.
Das Zimmer war groß und vornehm eingerichtet.
Kostbare Teppiche, in denen man bereits nach dem ersten Schritt bis zu den Knöcheln hinein versank, bedeckten den Fußboden, schwere Möbel aus poliertem Holz und weiche Sitzkissen aus Leder beherrschten den Raum. Die hohe Decke und die Wände waren mit kunstvollen Gemälden und filigranen Schnitzarbeiten verziert. Ein halbes Dutzend goldene Leuchter tauchten den Raum in spärliches Licht. Aus irgendeinem Grund waren alle Fenster mit dunklen Tüchern verhangen.
Am Ende des Zimmers befand sich ein riesiger Tisch.
Hinter ihm saß ein bulliger, stiernackiger Mann mit breitem Gesicht und mächtigen Schultern, der nach Kens Meinung eher auf einen Kasernenhof gepasst hätte als in einen königlichen Palast. Obwohl er bewegungslos in seinem Stuhl saß und die Timetraveller gleichgültig anglotzte, ahnte jeder der vier Freunde, welch gewaltige Kraft in diesem muskulösen Körper stecken musste. Ein paar Schritte neben ihm, am östlichen Ende des Zimmers, stand Ria vor einem der Fenster.
Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und ihr verkniffenes Gesicht drückte alles andere als Freundlichkeit aus. Als ihr Blick auf Dan fiel, verzog sie ihre Mundwinkel zu einem verächtlichen Lächeln und drehte sich demonstrativ um.
Bevor Dan etwas sagen konnte, brachten die Bewaffneten ihn und seine Freunde mit ein paar gezielten Tritten in die Kniekehle dazu, sich vor ihr und dem bulligen Mann zu verbeugen. Ria sagte etwas zu ihm und der Mann begann zu lachen. Es klang wie das Donnern eines herannahenden Gewitters.
»Was zum Teufel …«, begehrte Dan auf, verstummte aber augenblicklich, als ihm einer der Eingeborenen die scharfe Spitze seines Speeres in die Seite drückte.
»Ich hoffe, eure blitzenden Rohre sind immer noch so scharf wie vor einigen Tagen, als ihr damit Jarl den Arm verbrannt habt, oder wie gestern, als der Ochse die Flucht ergriff!« Der Bullige lächelte belustigend.
»Wieso?«, fragte Ken, während sich in seiner Magengegend ein mulmiges Gefühl breitmachte.
Der Kopf des Mannes ruckte herum. Sein Lächeln verschwand und er wechselte den Tonfall.
»Karok wird noch heute ein Hui einberufen, auf dem ihr die Macht eurer blitzenden Rohre erneut beweisen müsst. Wenn ihr versagt, sind wir alle so gut wie tot«, erwiderte er kalt.
»Die Priesterkaste wird uns danach in der Luft zerreißen. Aber keine Angst, ihr werdet davon nichts mehr mitbekommen. Solltet ihr tatsächlich versagen, werde ich euch nämlich vorher eigenhändig das Genick brechen, so wahr ich Dall, der Hauptmann der königlichen Wache bin.«
Die Timetraveller starrten sich betroffen an. Keiner von ihnen zweifelte daran, dass der Mann seine Drohung wahrmachen würde.
»Warum sollte das Karok tun? Wir haben ihm doch gar nichts getan«, erwiderte Claire etwas naiv.
Der Hauptmann lächelte.
Aber es war ein kaltes Lächeln, denn es erreichte seine Augen nicht.
»Das sieht der Hohepriester etwas anders. Aber das kann euch unsere Königin besser erklären.«
Dabei drehte er sich um und zeigte mit der Hand auf Ria.
»Wieso hast du das getan?«
»Wieso habe ich was getan?«, fragte Dan und starrte mit gemischten Gefühlen auf Ria, die ihm immer noch den Rücken zugedreht hatte, während sie auf das dunkle Tuch starrte, mit dem das Fenster abgedeckt war.
Unvermittelt wirbelte die junge Frau auf dem Absatz herum. »Du hast mich angelogen.«
Ihre liebliche Stimme verwandelte sich nach und nach in ein schrilles Keifen, als sie Dan mit ihren Worten förmlich an die Wand redete. Der Timetraveller verstand zwar nicht einmal die Hälfte von ihrem Geschrei, aber aus den wenigen Brocken ihrer Sprache, die er unterwegs aufgeschnappt hatte, konnte er sich soviel zusammenreimen, dass er im Groben begriff, um was es eigentlich ging. Allerdings war das Wenige, was er verstanden hatte, nicht dazu angetan, um ihn zum Lachen zu bringen.
Ein zurückschnellender Ast, dessen Spitze ihn an der Wange getroffen und zum Bluten gebracht hatte, schien die Ursache dafür zu sein, dass sein Status als Halbgott urplötzlich ins Wanken geraten war.
»Ich war kurz davor, mein Leben unter den Schädelbrechern meiner Verfolger zu beenden, als ihr wie aus dem Nichts vor mir aufgetaucht seid. Mit euren seltsamen Kleidern und den blitzenden Rohren habe ich euch im ersten Moment für Götter gehalten, vor allem dich, mit deinen sonnenfarbenen Haaren. Als ihr mir dann die Macht eurer blitzenden Rohre gezeigt habt und mich zurück in mein Dorf begleitet habt, dachte ich, dass jetzt alles wieder gut wird. Ich wollte Karok für seine Verbrechen an unserer Familie bestrafen und mich wieder zur rechtmäßigen Herrscherin von Makumba ausrufen lassen. Aber was macht ihr? Ihr lasst euch von einem Ast die Wange zerkratzen und blutet vor allen Augen wie ein Gewöhnlicher. Karok hat gleich nach unserer Ankunft davon erfahren. Inzwischen hat er seine Machtposition wieder gefestigt, und wenn kein Wunder geschieht, fürchte ich, dass keiner von uns das Hui überleben wird.«
* * *
Nach einer Nacht, die bis zum Morgengrauen hinein von dem Keuchen und Stöhnen williger Knaben beherrscht wurde, und einem Tempel, der bis in den letzten Winkel mit dem säuerlichen Geruch von Sperma, Kot und Schweiß angefüllt war, öffnete Karok schwerfällig die Augen.
Mit den ersten Strahlen der Morgensonne wälzte er sich auf seinem Lager zur Seite und hob erstaunt den Kopf, als er neben sich einen warmen Körper spürte.
»Was machst du noch hier?«
Statt einer Antwort legte der Junge seine Hand zwischen Karoks Beine.
»Lass das«, zischte der Hohepriester ungehalten. »Für so etwas ist jetzt keine Zeit. Geh nun!«
Er stand auf und klatschte so lange laut und fordernd in die Hände, bis auch der letzte Teilnehmer der nächtlichen Orgie wieder auf den Beinen war.
Nachdem er und die anderen Priester ihre Lustknaben aus dem Raum geschickt hatten, begann Karok unverzüglich mit den Vorbereitungen zu der von ihm einberufenen Versammlung. Die Männer machten sich daran, seinen Körper, der bis auf einen Lendenschurz völlig nackt war, mit den heiligen Symbolen seiner Kaste zu bemalen. In der Zwischenzeit begann sich draußen der Platz vor dem Palast, in dem auch der Tempel untergebracht war, mit den ersten Menschen zu füllen.
Als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, erklang das dumpfe Dröhnen der Muschelhörner zum ersten Mal. Der Platz war nun schwarz vor lauter Menschen und der Lärm beinahe unerträglich. Alles rief, kreischte oder brüllte durcheinander, Männer, Frauen, Kinder.
»Hört Ihr sie?«, sagte Yahi triumphierend, während er den Rücken des Hohepriesters mit mystischen Symbolen bemalte. »Sie rufen nach Euch. Ich hoffe, dass Ria nach diesem Hui nicht mehr unser Volk anführen wird.«
Karok hob den Kopf, seine Augen schimmerten kalt und grausam.
»Das hoffe ich nicht nur, das weiß ich. Noch bevor die Nacht hereinbricht, werden wir ihr und diesen Fremdlingen die Köpfe abschlagen. Dann werde ich in den Besitz dieser blitzenden Rohre kommen, und wenn ihr Zauber tatsächlich so groß ist, wie man mir berichtete, wird sich unserer Kaste niemand mehr in den Weg stellen können.«
»Aber was wird geschehen, wenn die Macht der Fremdlinge doch größer ist, als es den Anschein hat?«
»Keine Angst, das wird nicht passieren. Wenn doch, so habe ich bereits Anweisungen gegeben, die heiligen Trommeln von Makumba aus dem Tempel zu holen. Sollte mein Plan misslingen, werden wir damit noch in dieser Nacht den rufen, dessen Name nicht genannt werden sollte.«
Yahi zuckte erschrocken zusammen und blickte sich hastig um. Aber anscheinend schien niemand außer ihm die letzten Worte des Hohepriesters vernommen zu haben.
Nach einem kurzen Blick auf die Zeichen auf seinem Körper nickte Karok und schritt aus dem Tempel.
Draußen tobte inzwischen das Volk.
Trommeln dröhnten, Menschen schrien, Hunderte von nackten Füßen stampften im Takt eines monotonen Singsangs.
Erst das zweite Schallen der Muschelhörner sorgte für Ruhe. Ein Raunen ging durch die Reihen, als Karok mit zwei anderen Priestern aus dem Palast kam und sich auf dem hölzernen Vorbau postierte. Auf ein Zeichen von ihm stellte jemand ein eisernes Dreibein vor die Priester, auf dem eine Feuerschale ruhte. Darin brannte ein rauchloses Feuer, dessen Flammenschein Karoks Gesicht auf eine geradezu gespenstische Weise beleuchtete.
Nach dem dritten langgezogenen Dröhnen der Muschelhörner war es auf dem Platz so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Obwohl sich inzwischen Hunderte von Menschen vor dem Palast eingefunden hatten, war kein Laut zu hören, als Ria in Begleitung der Timetraveller und des Hauptmanns Dall auf den Vorbau kam.
Für einen Moment hielten die vier unwillkürlich den Atem an und blieben stehen. Der Anblick, der sich ihnen bot, war genauso faszinierend wie beklemmend zugleich.
Es müssen Tausende sein, dachte Ken, als er die beinahe unübersehbare Mauer aus karamellfarbenen, bemalten Körpern musterte. Aber ihm blieb keine Zeit, das Spektakel länger zu betrachten. Ein derber Ellbogenstoß von Dall ließ ihn vorwärts taumeln.
»Weiter!«, sagte der Hauptmann und deutete neben die Priester.
Ken schluckte.
Obwohl er den Hohepriester noch nie in seinem Leben gesehen hatte, wusste er bereits nach dem ersten Blick auf die Kahlköpfigen, wer von den dreien Karok war.
Er stand mit vor der Brust verschränkten Armen hinter einer Feuerschale und trug nichts außer einem schmalen Lendenschurz. Sein magerer Körper war von unzähligen Narben gezeichnet, die auch die farbigen Striche und Symbole auf seiner Haut nicht überdecken konnten. Als er den Kopf hob und ihn musterte, konnte sich Ken eines Schauderns nicht erwehren. Karoks faltiges Gesicht wirkte im Feuerschein wie ein mit Leder überzogener Totenschädel. Seine fanatisch blitzenden Augen lagen in tiefen Höhlen und sein schmallippiger Mund war kaum zu erkennen. Einen Moment lang ruhte sein Blick auf Ken und seinen Freunden, dann wandte er sich mit einem verächtlichen Grinsen dem Priester zu seiner Rechten zu und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Aus den wenigen Brocken ihrer Sprache, die Ken inzwischen aufgeschnappt hatte, konnte er sich soviel zusammenreimen, dass der Hohepriester die Versammlung eröffnen wollte.
Aus der Tiefe des Palastes ertönte ein lang anhaltender, wummernder Gong und die Zeremonie begann damit, dass einer der Priester ein Pulver in die Feuerschale warf und eine grelle Stichflamme aufzuckte. Grünlicher Rauch breitete sich in dichten Schwaden auf dem Vorbau aus. Dann begann Karok zu singen, während ihn die beiden anderen Priester mit Rasseln und Handtrommeln begleiteten. Es war ein monotoner Gesang, der aber durch den einfachen, sich wiederholenden Text etwas Mystisches, ja geradezu Faszinierendes an sich hatte.
Obwohl keiner der Timetraveller so richtig mit der Kultur und der Sprache dieser Eingeborenen vertraut war, spürt dennoch jeder von ihnen die Ausstrahlung des Hohepriesters. Karok war ein Meister der Inszenierung. Der monotone Singsang, die aufpeitschenden Trommeln, der bunte Rauch, der ständig aus der Feuerschale stieg, all das zog die Menschen immer mehr in seinen Bann. Ken traute ihm durchaus zu, auch in ihrer Welt die Massen begeistern, wenn nicht sogar manipulieren zu können.
Urplötzlich hörte der Gesang auf und auch die Rasseln und Handtrommeln verstummten.
Stattdessen stand Karok jetzt mit gespreizten Beinen vor den Menschen und reckte seine knochigen Arme in die Luft. Seine leise Stimme wurde immer kräftiger, bis er den Menschen seine Worte in immer schrillerem Ton förmlich entgegen spuckte.
Nicht nur Ken erfasste ein mulmiges Gefühl. Jeder auf dem hölzernen Vorbau spürte, wie Karok allmählich die Menschenmenge in den Griff bekam, und es dauerte auch nicht mehr lange, bis die ersten wütenden Schreie zu hören waren.
»Was sagt er?«, wollte Ken von Claire wissen, als er ihr erschrockenes Gesicht bemerkte.
»Dass wir unerlaubt in ihr Land eingedrungen sind und die Rohre, aus denen wir Blitze schicken, böser Zauber ist und …« Sie senkte den Blick, bevor sie weiter redete, »… dass es besser ist, wenn man uns noch heute tötet.«
»Alles Bullshit!«, fluchte Dan. »Wir sollten unsere Energiewaffen in die Hand nehmen und diesem Mummenschanz endlich ein Ende bereiten.«
»Das würde in einem Blutbad enden«, warf Francine ein. »Wir sind ihnen zwar was die Waffen anbelangt überlegen, aber am Ende würde doch ihre Übermacht den Ausschlag geben. Wir sind zu viert, sie mindestens tausend und ich fürchte, das weiß dieser kahlköpfige Bastard auch.«
Wie zur Bestätigung ihrer Worte deutete Karok auf sie und ihre Freunde, während die Worte, die er an die Menge richtete, immer hasserfüllter klangen.
Jetzt mischte sich Ria in das Geschehen ein.
Ihre Worte klangen nicht minder drohend, nur mit dem Unterschied, dass sie ausschließlich an die Priester gerichtet waren. Die Wortgefechte gingen hin und her, bis Claire das Gefühl bekam, dass es sich hierbei um ein Ritual handelte, das nach alten Überlieferungen und mit festen Regeln ablief.
Und tatsächlich, auf dem Höhepunkt der Streitereien, als die Timetraveller schon befürchteten, Ria und Karok würden sich gegenseitig an die Kehle gehen, verstummten beide unvermittelt und verbeugten sich voreinander. Die Priester eilten in ihren Tempel zurück, während Ria im Palast verschwand. Zurück blieben vier völlig perplexe Timetraveller, ein nachdenklicher Hauptmann Dall und eine Menschenmenge, die sich nur langsam und murrend zerstreute.
Ihrem Geschrei nach zu urteilen waren sie mit dem Ausgang des Hui alles andere als zufrieden.
Kapitel 6
»Kann mir jemand erklären, was das jetzt sein sollte?«
Seinem Gesichtsausdruck nach schien Dan gerade zu überlegen, ob er sie alle für verrückt erklären oder einfach nur auslachen sollte. Ihm war deutlich anzusehen, dass er sich auf das Geschehene überhaupt keinen Reim machen konnte. Wobei er sich in bester Gesellschaft befand, denn auch Ken und Francine hatten den Sinn der Versammlung nicht wirklich verstanden. Claire, die sich als ehemalige Geschichtsstudentin weit eingehender mit den Mythen und Gebräuchen primitiver Zivilisationen beschäftigt hatte, versuchte ihre Freunde, so gut es ging, aufzuklären.
Was sie dabei zu hören bekamen, war allerdings alles andere als erfreulich. Der Hohepriester hatte nichts anderes als ihren Tod gefordert.
»Allerdings …«, bemerkte Claire noch an, »... hätte er uns laufen lassen, wenn wir bereit gewesen wären, ihm unsere Energiestrahler auszuhändigen.«
»Aber sicher doch und zwei Sekunden später wären wir trotzdem alle einen Kopf kürzer gewesen.«
Dan sah sich kampflustig um. »Also, wie geht es jetzt weiter?«
Da mischte sich Ria in die Unterhaltung ein.
Langsam und bedächtig versuchte sie sich verständlich zu machen, aber dennoch dauerte es einige Zeit, bis Claire aus ihren Worten und Gesten herauslesen konnte, was sie ihnen mitteilen wollte.
»Soweit ich das jetzt verstanden habe, hat Karok eine neue Versammlung einberufen. Bis dahin müssen wir einen Beweis unserer Macht erbringen, ansonsten wird unser Blut den Boden tränken.«
»Das kann er haben«, platzte es aus Dan heraus. »Ich werde bei der nächsten Versammlung einfach ein paar ihrer Hütten und Skulpturen in ihre Moleküle zerlegen, dann bin ich mal gespannt, ob der Bastard danach immer noch so große Töne spuckt.«
»Das wird nicht funktionieren, dieser Hohepriester ist ein schlauer Fuchs. Er weiß genau, dass so eine Demonstration das Volk beeindrucken und seine Machtposition wieder schwächen würde. Deshalb hat er bereits die Bedingungen für eine Machtdemonstration vorgegeben. Dabei hat er die Menschen mit seinem Hokuspokus so beeindruckt, dass sie alle zustimmten. Uns bleibt also gar nichts anderes übrig, als seine Bedingungen zu akzeptieren, sonst haben wir das ganze Volk am Hals. Das Dorf zählt angeblich dreitausend Seelen, also könnt ihr euch vorstellen, dass, wenn es zu einem Angriff kommt, uns Ria und ihre wenigen Getreuen genauso wenig helfen können wie unsere Energiestrahler.«
Betroffen starrte Ken in die Runde. »Jetzt sitzen wir tatsächlich in der Scheiße. Was sind denn das für Bedingungen?«
Claire zuckte mit den Schultern. »Das weiß keiner so genau. Aber ich denke, das werden wir spätestens bei Sonnenuntergang erfahren, nachdem er uns zu diesem Zeitpunkt seinen Besuch angekündigt hat.«
Als die Sonne wenige Stunden später hinter dem Dschungel im Westen unterging, bestätigten sich Claires Vermutungen. Zuerst hallte ein dumpfer Gong durch den weitläufigen Holzpalast, dem das laute Klappern von Handrasseln folgte.
Zwei Bewaffnete aus Dalls Palastwache öffneten die Tür und mehr als ein Dutzend Priester in purpurfarbenen Roben betraten hintereinander den Raum. Dabei ließen sie einen Sprechgesang vernehmen, der dem Tonfall nach alte Gebete und irgendwelche Beschwörungsformeln beinhaltete. Sie stellten sich entlang der Wände auf und verstummten abrupt, als Karok den Raum betrat.
Seine dunklen Augen schimmerten kalt wie Eis, als der Hohepriester seinen Blick abschätzend über die Anwesenden gleiten ließ. In seinem maskenstarren Gesicht zuckte kein Muskel.
Ohne sich lange mit irgendwelchen höflichen Begrüßungsfloskeln aufzuhalten, schritt er schnurstracks auf Ria zu und überschüttete sie mit Worten.
Die junge Frau sagte keinen Ton, bis Karok mit einem schrillen Hoka seine Rede beendete und mit seinem Gefolge den Raum genauso schnell verließ, wie er ihn betreten hatte.
Der ganze Spuk dauerte keine zehn Minuten.
»Was wollte er?«, fragte Claire, die eine dunkle Ahnung beschlich, nachdem sie Rias nachdenklichen Gesichtsausdruck bemerkte.
»Er verlangt von euch, dass ihr ihm aus dem Tempel der Verbotenen Stadt eine Opferschale bringt.«
»Ist das alles?«
Irgendwie hatte Claire das Gefühl, dass da noch etwas nachkommen würde. Wie zu ihrer Bestätigung senkte Ria betroffen den Kopf.
»Das ist mehr als genug, denn bisher ist noch niemand von dort lebend zurückgekommen.«
»Dann wird es Zeit, dass wir das ändern« sagte Dan entschlossen.
»Irrtum«, meldete sich Dall zu Wort. »Ihr werdet nicht zu viert dort hingehen, sondern nur zu zweit. Die anderen beiden bleiben mit uns als Geisel zurück.«
Der Hauptmann deutete auf Ken und Francine. »Ihr geht, so ist es beschlossen. Ihr brecht noch heute Nacht auf. Die anderen müssen bleiben.«
»Warum ausgerechnet wir zwei?«, wollte Francine wissen.
»Dass die Wahl auf dich gefallen ist, war Zufall. Dass euer Freund mit den Sonnenhaaren hier bleiben muss, war absehbar.«
»Warum?«
»Karok hegt wohl die Hoffnung, dass euer Freund, um zu überleben, sich ihm öffnet.«
»Was heißt hier öffnet?«
Dall lachte abfällig. »Habt ihr es noch nicht bemerkt? Die Priester machen sich nichts aus Frauen. Für sie ist der Arsch eines Mannes weitaus interessanter als die Blume einer Frau. Erst recht, wenn der Arsch einem Mann mit solchen Haaren gehört.«
Dabei zeigte er auf Dan.
Der ehemalige Sportstudent hatte plötzlich das Gefühl, als würde eine eiskalte Hand über seinen Rücken streichen.
* * *
Es war noch früh am Morgen, als sie auf die Lichtung traten.
Die Sonne stieg einem Feuerball gleich über dem Dschungel auf. Ein sanfter Wind strich durch die Blätter und Zweige des Waldes und irgendwo trällerte eine Vogelschar, während sie in ihrem blau-gelb-roten Gefieder durch die Luft tanzte.
Es war ein Morgen wie aus einem Bilderbuch, wären da nicht fast fünfzig zu allem entschlossene, halbnackte und bemalte Dschungelkrieger gewesen, in deren Mitte Ken und Francine verzweifelt versuchten, mit den Eingeborenen Schritt zu halten.
Seit zwei Tagen hetzten sie ohne Unterbrechung von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch den Urwald. Jetzt waren sie am Ende ihrer Kräfte. Als sie am Rande der Lichtung stehen blieben, fühlten sie sich wie zerschlagen. Durst quälte sie, bei jedem Atemzug begannen ihre Lungen wie Feuer zu brennen und es gab nichts in ihrem Körper, was ihnen keine Schmerzen bereitete. Angefangen von brennenden Füßen, verkrampften Muskeln bis hin zu ihren Gesichtern, die von unzähligen Mücken übersät und von scharfkantigen Blättern und peitschenden Zweigen zerkratzt waren.
Abrupt blieb ihr Anführer stehen und zeigte mit seiner ausgestreckten Rechten über die Lichtung. »Ihr jetzt gehen, dort Verbotene Stadt. Wenn Feuerscheibe viermal am Himmel und ihr nicht zurück, dann alle tot.«
Ken schluckte.
Das Gestammel des Wilden bedeutete für sie nichts anderes, als dass sie genau vier Sonnenaufgänge Zeit hatten, um in dieser verfluchten Stadt in irgendeinem Tempel nach einer Opferschale zu suchen, von der sie weder wussten, wie sie aussah, noch wo sie aufbewahrt wurde.
Die beiden Timetraveller blickten sich fragend an, aber bevor einer von ihnen etwas sagen konnte, klopfte man ihnen mit Kriegskeulen gegen die Rippen.
»Jetzt gehen, sonst gleich tot.«
Dieser charmanten Aufforderung hatten weder Ken noch Francine etwas entgegenzusetzen. Die beiden nickten und trabten schließlich langsam über die Lichtung, auf deren anderer Seite sie nichts als undurchdringlicher Dschungel zu erwarten schien.
»Am liebsten hätte ich diesem Wilden meinen Energiestrahler auf die Stirn gesetzt.«
Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war Francine kurz davor zu explodieren. Immer wieder blickte die Agentin über die Schultern hinweg auf die zurückgebliebenen Eingeborenen, während sie langsam in den Dschungel eintauchten.
Ken zuckte resignierend mit den Schultern.
»Warum regst du dich so auf? Es hat doch sowieso keinen Zweck. Sie fürchten zwar unsere Waffen, aber sie sind nicht dumm. Nachdem sich unser blonder Halbgott durch Zufall als normaler Sterblicher bloßgestellt hat, wissen diese Wilden genauso gut wie wir, dass wir trotz unserer Energiestrahler auf Dauer nicht gegen sie bestehen können. Eigentlich leben wir bloß noch, weil sie nicht wissen, wie viele wir von ihnen mit ins Grab nehmen, bevor sie uns erledigen können. Unsere einzige Chance, heil aus dieser Sache herauszukommen, ist diese Verbotene Stadt. Also spar dir deine Wut lieber für die Suche nach dem Relikt auf.«
Francine packte mit beiden Händen einen knorrigen, unterarmdicken Ast, der ihnen den Weg versperrte, und zerbrach ihn mit einer ruckartigen Bewegung.
»Ich weiß, aber trotzdem würde ich Karok mitsamt seiner Priesterkaste liebend gerne einen Kopf kürzer machen.«
Ken nickte zustimmend, während er ihr in das dichte Unterholz folgte.
Ohne nachzudenken wischte er mit den Händen einen weiteren dunklen Ast zur Seite, der von einem der Bäume herunterbaumelte. Aber diesmal ließ sich der Ast nicht so einfach zur Seite drücken. Stattdessen erfüllte plötzlich ein widerliches Zischen die Luft. Mit dem nächsten Blick erkannte Ken, dass es sich um keinen Ast, sondern um eine riesige Schlange handelte. Die Bestie richtete sich ruckartig auf und starrte Ken mit durchdringenden, leuchtenden Augen an. Einen Moment lang funkelte ihr schuppiger Leib im Licht der aufgehenden Sonne, dann schnellte sie mit geradezu unvorstellbarer Geschwindigkeit nach vorne und begann sich augenblicklich um den Oberkörper des Timetravellers zu wickeln.
Für einen Moment schloss Ken die Augen und begann zu stöhnen.
Dann ertönte ein Geräusch, das immer dann erklang, wenn der Energiestrahl ihrer Waffen auf feste Materie traf, und als er die Augen wieder öffnete, sah er, wie sich der Körper der Riesenschlange aufbäumte und über den Urwaldboden wand, während keine zwei Schritte vor ihm Francine ihre Waffe zurück in das Halfter an ihrer Hüfte schob.
Der Gestank von verbranntem Fleisch erfüllte die Luft.
»Das war knapp, Amigo«, erwiderte Francine tonlos.
Statt einer Antwort pfiff Ken durch die Zähne und wischte sich über die schweißnasse Stirn.
Als sie ihren Weg fortsetzten, hielt jeder von ihnen seine Waffe schussbereit in den Händen.
Zwei Stunden später erwartete die Timetraveller die nächste Bewährungsprobe.
Erneut ging der Dschungel übergangslos in eine gerodete Lichtung über.
Von dort aus führte ein Pfad über eine baumlose Ebene hinweg auf ein Felsplateau zu.
Ken wunderte es nicht im Geringsten, dass die Geräuschkulisse des Dschungels inzwischen wieder ebenso verschwunden war wie die unsäglichen Mückenschwärme.
»Hörst du es auch?«
»Was?«, fragte Francine alarmiert.
»Dieses Nichts. Es ist genauso wie an jenem Tag, als wir Ria zum ersten Mal getroffen haben. Ab einer gewissen Stelle hat es den Anschein, als wäre der Dschungel tot. Man hört und sieht keine Tiere, nicht einmal die ansonsten allgegenwärtige Mückenplage ist existent. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber wenn du genau hinsiehst, scheint hier selbst die Luft stillzustehen. Ich sehe jedenfalls nicht, dass sich irgendein Blatt oder ein Zweig im Wind bewegt.«
Die ehemalige CIA-Agentin blickte sich kurz um und schüttelte sich.
»Du hast recht, irgendetwas stimmt hier nicht und irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir schnellstens herausfinden sollten, was es ist.«
Je näher sie bei ihrer Unterhaltung dem Felsplateau kamen, umso spärlicher wurde die Vegetation. Die Bäume begannen sich zu lichten und nur noch vereinzelt waren Grasbüschel, Sträucher und Büsche zu erkennen.
»Ziemlich ruhig«, sagte Francine.
»Yeah, sogar verdammt ruhig«, erwiderte Ken und erstarrte wie die junge Frau fast zur Salzsäule, als sie unvermittelt vor dem Ziel ihrer Reise standen.
Kapitel 7
Was vor ihnen lag, nachdem sie das dampfende, schier undurchdringliche Dickicht des Dschungels hinter sich gelassen hatten, war eine Geisterstadt, die sich in der Mitte jenes Felsplateaus erhob, das wie ein riesiger, rechteckiger Kasten aus der Ebene emporragte.
Die Verbotene Stadt!
Staunend glitten ihre Blicke über die eingefallenen Stadtmauern hinweg auf die dahinter liegenden steinernen Ruinen, bei deren Anblick Ken unwillkürlich an Städte wie das untergegangene Pompeji oder Troja erinnert wurde. Vorsichtig näherten sich die Timetraveller den Trümmern, während sie bemerkten, dass die Vegetation mit jedem Schritt, den sie machten, wieder zunahm.
Eine drückende Stille lag über den Steintrümmern der Stadt, als die beiden Freunde auf das von Moos und Flechtwerk überzogene Eingangsportal zuschritten.
Durch den Zahn der Zeit waren die wuchtigen Holztore längst zerfallen und deshalb standen Francine und Ken vor einem Eingang, der nicht mehr war als ein dunkles Loch voller Spinnweben und Schlingpflanzen. Ken legte den Zeigefinger seiner Rechten um den Abzug seiner Waffe, wischte damit die Spinnweben zur Seite und trat in leicht geduckter Haltung in die Stadt.
Francine folgte ihm stumm.
Obwohl die Menschen einst durch Brandrodung versucht hatten, den Urwald am Vordringen zu hindern, hatte der Dschungel diesen Kampf längst wieder gewonnen und die Stadt auf dem Plateau erneut von allen Seiten eingeschlossen. Eingestürzte Häuser und Stallungen waren mit Kletterpflanzen und Blätterranken bedeckt und überall wucherte Unkraut, das mit seinem unaufhaltbaren Wuchs inzwischen sogar die Pflastersteine der einst breiten Straßen, der Versammlungsplätze und Höfe gesprengt hatte.
»Und jetzt?«, fragte Ken, während er seine Partnerin mit einem resignierenden Blick bedachte. »Diese Ruinenstadt scheint mindestens halb so groß wie Kansas City zu sein. Wo sollen wir hier anfangen nach etwas zu suchen, von dem wir nicht wissen, was es ist und wie es aussieht?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Francine und setzte sich auf einen Steinquader. »Ehrlich gesagt ist mir das im Moment auch völlig egal. Wenn ich mich nicht mindestens eine Stunde lang hinsetzen darf, falle ich um. Ich bin so kaputt, ich glaube, ich könnte im Stehen schlafen.«
Sie sackte sichtbar in sich zusammen und Ken sah ihr an, dass sie darum kämpfte, die Augen offen zu halten.
»Geht es wieder?«, fragte er geraume Zeit später.
Statt einer Antwort blickte Francine verlegen zu Boden, während sie mit ihrem Stiefel einen Kreis in den sandigen Boden zeichnete.
»Jetzt, wo wir alleine sind, kann ich es dir ja sagen.«
»Vergiss es, ich habe bereits eine Freundin«, erwiderte Ken flapsig.
Augenblicklich ruckte Francines Kopf hoch. »Verdammte Chauvis, könnt ihr eigentlich an nichts anderes denken, wenn euch eine Frau anspricht?«
Abwehrend hob Ken die Hände. »Entschuldigung, ich wollte dich nicht beleidigen. Aber der ständige Umgang mit Dan scheint allmählich abzufärben. Also vergiss es.«
»Schon gut, vielleicht war meine Wortwahl auch nicht sonderlich gelungen. Wir sind in letzter Zeit zwar alle ziemlich angespannt und nervös, aber das ist noch lange kein Grund für mein Verhalten. Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, aber Tatsache ist nun mal, dass ich euch allen die ganze Zeit über etwas verheimlicht habe.«
»Du hast was?«, fragte Ken, dem erst allmählich die Bedeutung von Francines Worten klar wurde.
Schuldbewusst senkte Francine den Kopf. Während sie versuchte, Ken ihr Verhalten zu erklären, vermied sie es geflissentlich, ihm dabei direkt in die Augen zu schauen.
»Ich habe euch angelogen«, sagte sie leise und fügte einen Moment später beinahe trotzig hinzu: »So, jetzt ist es endlich heraus.«
»Würdest du mir das bitte vielleicht etwas genauer erklären?«
Francine zuckte zusammen.
Kens Stimme klang, als würden zwei Lagen Schmirgelpapier aneinander reiben.
»Erinnerst du dich, als ihr nach der Landung behauptet hattet, nicht zu wissen, wonach wir diesmal genau suchen? Dan sprach sogar von einem Urlaub in der Südsee.«
»Dann …“
Francine nickte.
»Als direkte Angestellte des MTRD bekam ich die Information noch am Tag unserer Rückkehr. Man wusste, dass die Zeitspanne bis zur nächsten Mission ziemlich knapp bemessen war und ihr wahrscheinlich nicht begeistert sein würdet, wie ja zu merken war. Aber wir hatten keine andere Wahl. Die Zeit lief uns davon.«
»Was ist passiert, dass man uns nicht einmal eine Ruhepause von vierundzwanzig Stunden gönnte?«
»Man hat noch während unserer Rückkehr von den Amazonen neue Daten über den T-Rex geortet.«
»Und?«, fragte Ken, der Francines Geständnis zwar ärgerlich zur Kenntnis genommen hatte, jetzt aber wie gebannt auf ihre weiteren Erklärungen wartete.
»Irgendwo in dieser Welt muss ein Teil der Bewaffnung gelandet sein. Wenn dieser Teil in die falschen Hände fällt, wird damit nicht nur die Geschichte dieses Landes neu geschrieben, sondern im ungünstigsten Fall auch die Welt des Zeitstroms neu geordnet. Wenn wir Pech haben, schreibt einer dieser pädophilen Kuttenträger sogar die Geschichte des Universums neu.«
Ken schüttelte skeptisch den Kopf. »Jetzt übertreib mal nicht. Es ist schon schlimm genug, dass du mir und den anderen diese Sache verheimlicht hast, du brauchst mich jetzt nicht auch noch anzulügen.«
»Ich lüge nicht!«, behauptete Francine. »Das, was die Wissenschaftler geortet haben, ist eine Granatpistole, eine Weiterentwicklung der HK69 aus der deutschen Waffenfabrik Heckler & Koch. Das Ding besitzt ein 300-Yard-Leitvisier, mit dem man punktgenau bis auf diese Entfernung vierzig Millimeter Granaten verschießen kann. Bei dieser Ausführung sind die Sprengköpfe aber ähnlich aufgebaut wie die sogenannten Aerosolbomben. Was glaubst du wohl, was passiert, wenn diese Waffe in die falschen Hände gelangt?«
Ken runzelte die Stirn. »Keine Ahnung, vielleicht solltest du mir erst einmal erklären, was Aerosolbomben überhaupt sind. Ich war früher schließlich nicht beim Geheimdienst tätig, sondern ein braver Student. Nach einem Crashkurs beim MTRD weiß ich zwar, wo bei einer Waffe vorne und hinten ist und wie man mit den gängigsten Modellen umgeht, aber das war es dann auch schon.«
»Diese Bombe, die man auch als Vakuumbombe bezeichnet, besteht aus einem Behälter mit brennbarem Decan oder Ethylenoxid. Je nach Mischverhältnis und Menge ist es damit möglich, entweder eine einzige Kakerlake oder Tausende von Menschen zu töten. Wer nach der Explosion die Druckwelle und die Hitze überlebt hat, was ziemlich unwahrscheinlich ist, stirbt dann an Sauerstoffmangel, weil der Sprengsatz kein eigenes Oxidationsmittel erhält, sondern dafür den vorhandenen Luftsauerstoff nimmt.«
»Jesus, mit ein paar von diesen Dingern könnte man also ganz Makumba ausrotten.«
Francine lächelte bitter. »Wie hat es doch mein Waffenlehrer so schön formuliert? Die Aerosolbombe ist das Meisterstück der menschlichen Waffenkunst schlechthin. Sie hinterlässt keine radioaktiven Strahlen, sondern pulverisiert die feindlichen Linien so nachhaltig, dass man sich hinterher das zeitraubende Aufräumen von Schutt und Trümmern spart. Umweltschonender kann das Auslöschen eines Gegners nicht mehr sein.«
»Der Mann war Zyniker?«
»Das ist noch höflich umschrieben, aber jetzt weißt du wenigstens, warum wir Erfolg haben müssen.«
* * *
Sie hatten die Stadt nicht einmal zu einem Drittel durchschritten, als Ken zum ersten Mal auf die Spur stieß. Sie führte von Süden her geradewegs durch die Trümmer.
Als sie nach wenigen Schritten Blut auf der Fährte entdeckten, entsicherten beide ihre Energiestrahler.
»Erkennst du die Spuren?«
»Natürlich«, entgegnete Francine. »Das ist wieder unser Freund mit Schuhgröße achtundachtzig, jedenfalls behauptet das Dan.«
Ken nickte und deutete mit dem Lauf seiner Waffe der Spur nach, die auf eine Stelle in der Stadt zuführte, wo Dutzende von riesigen Quadersteinen wahllos durcheinander auf dem Weg lagen. In grauer Vorzeit mussten hier einmal ein paar Häuser eingestürzt sein, deren Steine jetzt ein Weiterkommen erschwerten. Die beiden Timetraveller ließen sich dadurch aber nicht von der geheimnisvollen Fährte abbringen, sondern kletterten darüber. Nachdem sie das natürliche Hindernis hinter sich gebracht hatten, stieg ihnen ein scharfer Geruch von Verwesung, Blut und Scheiße in die Nase.
»Madonna, was stinkt denn hier so?«
Statt einer Antwort zeigte Ken auf eine Stelle, wo sich die Steinquader der eingestürzten Häuser derart ineinander verkeilt hatten, dass in ihrer Mitte ein Hohlraum, ähnlich einer riesigen Höhle, entstanden war. Davor lagen ein paar Fellreste und unzählige abgenagte Knochen auf dem Boden. Der beißende Gestank wurde immer stärker und Ken war bereit, einen Monatslohn darauf zu verwetten, dass sie den Bau jener Kreatur entdeckt hatten, deren seltsame Spuren sie schon seit Tagen beschäftigte.
»Offensichtlich scheint unser Freund hier zu wohnen.«
»Schön für ihn, aber das hilft uns nicht weiter. Wir haben nur noch knapp achtzig Stunden Zeit, diese verdammte Opferschale zu finden, um damit Dan und Claire aus der Gewalt dieser Wilden auszulösen. Verdammt wenig, wenn man bedenkt, dass uns allein der Rückweg mindestens zwei Tage kostet.«
»Wir sollten bei der ganzen Suche aber nicht die HK69 vergessen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir diese Waffe hier finden.«
Francine riss erstaunt die Augen auf. »Um Gottes Willen, du hast doch nicht etwa vor, den Wilden diese Waffe zu überlassen?«
»Im Gegenteil, zusammen mit unseren Energiestrahlern und der Granatpistole müsste es möglich sein, uns Karok und seine Kuttenträger solange vom Hals zu halten, bis wir wieder am Glider sind und diese ungastliche Welt verlassen können.«
Die ehemalige CIA-Agentin wiegte zweifelnd den Kopf. »Wir vielleicht, fragt sich nur, ob Dans Gedanken in dieselbe Richtung gehen.«
»Was willst du damit sagen?«
Francine warf den Kopf zurück, schüttelte ihre Haare und lächelte.
»Unser Dannyboy scheint einen Narren an dieser Ria gefressen zu haben. Ich weiß zwar nicht, ob es dir schon aufgefallen ist, aber ich als Frau habe für so etwas einen Blick. Das Mädchen braucht nur einmal mit dem Finger zu schnippen und schon beginnt Dan zu springen. Keine Ahnung, was für Qualitäten sie zu bieten hat, aber es müssen schon erstaunliche sein, wenn sich dadurch ein Mann wie Dan Simon zum Affen machen lässt.«
»Urteilst du nicht etwas vorschnell?«, fragte Ken, der inzwischen längst wie alle anderen wusste, dass Francine mit Männern nichts am Hut hatte.
War sie am Ende eifersüchtig?
Das Eingeborenenmädchen sah aus wie die fleischgewordene Sünde und er wäre nicht erstaunt gewesen, wenn sich für Ria auch Vertreter des gleichen Geschlechts interessiert hätten. Von daher überraschte ihn Francines Reaktion irgendwie nicht.
»Was heißt hier vorschnell?«, erwiderte sie spitz. »Das war von meiner Seite kein Urteil, sondern lediglich eine Feststellung. Wenn du ehrlich bist, wirst du mir zustimmen, dass Dan in letzter Zeit irgendwie ein anderer Mensch geworden ist. Ich weiß nicht, ob es nur an dieser Frau liegt oder auch an der Tatsache, dass man ihn bisher für eine Art Halbgott gehalten hat. Aber irgendwie ist das nicht mehr der Dan Simon, den ich von unserer letzten Mission her noch kannte.«
»Spar dir deine Erklärungen. Erzähle mir lieber, worauf du hinaus willst.«
Francine verzog ihr Gesicht. »Auf Dan natürlich, denn im Gegensatz zu ihm hat unsere Dschungelkönigin längst die Wirkung unserer Waffen begriffen, wenn es darum geht, sich an der Macht zu halten. Ich hoffe, falls wir die Granatpistole tatsächlich finden, dass Dan sich von ihr nicht breitschlagen lässt und sich und die Waffe für ihre Zwecke einsetzt.«
Ken winkte lächelnd ab. »Ach was, du siehst wieder einmal alles viel zu schwarz. Außerdem haben wir die Waffe ja noch nicht einmal gefunden.«
»Aber gesetzt den Fall, dann denke an mich. Ich schätze Ria als ein verdammt durchtriebenes Luder ein und unser Dan benimmt sich im Moment nicht anders wie ein verliebter Pennäler. Eine Mischung, die mir Sorgen macht.«
Bevor ihr Ken daraufhin eine Antwort geben konnte, bemerkte er eine hastige Bewegung zwischen den Quadern. Ein Schatten glitt geräuschlos aus der durch die zusammengefallenen Steine entstandenen Höhle. Einen Moment verharrte er vor dem Eingang.
Mit einem gekonnten Ausfallschritt brachte Ken seine Partnerin zu Fall und warf sich auf sie. Bevor Francine protestieren konnte, presste er ihr seine Hand auf den Mund und deutete mit vorgerücktem Kinn energisch nach vorne.
Den beiden Timetravellern stockte der Atem.
Eine derartige Kreatur hatte noch keiner von ihnen gesehen.
Die Gestalt war weder Mensch, noch Tier, Dämon oder Teufel, eher eine Mischung aus alledem.
Zuerst vermeinte Ken, einen riesigen Affen gesehen zu haben, doch als sich das Wesen aufrichtete, glaubte er Bigfoot oder Yeti persönlich ins Antlitz zu blicken.
Dieser fleischgewordene Alptraum war mindestens fünfzehn Fuß groß, am ganzen Körper behaart wie ein Affe und mit Armen und Beinen versehen, die den Umfang eines Baumstammes hatten.
Es stand in Angriffsstellung, kaum dass es sein Loch verlassen hatte. In seinem aufgerissenen Maul blinkten zwei Reihen geifernder Zähne und in seinen schräg gestellten Augen spiegelte sich purer Vernichtungswille wider. Den beiden Timetravellern lief es kalt den Rücken hinunter.
Ken und Francine machten sich hinter einem der Steinquader so klein wie möglich.
Die Kreatur blickte sich einen Moment lang um und witterte in die Morgenluft. Ein dumpfes Knurren, das wie leises Donnergrollen aus seiner Brust drang, erfüllte für wenige Augenblicke die Luft, dann streckte sich sein riesiger, muskulöser Körper und das Wesen oder was es auch immer war, schnellte, wie von einer Sprungfeder geschleudert, in den Dschungel hinein.
»Heiliger Rauch«, keuchte Ken und wischte sich über die Stirn.
Sein Gehirn sagte ihm, dass das, was er soeben gesehen hatte, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit war. Seine Augen aber hatten ihm das Gegenteil gezeigt.
»Was in aller Welt war das?«
»Keine Ahnung«, keuchte Francine. »Aber es wäre nett, wenn du deinen Astralkörper endlich von meinem herunterwälzen würdest. Himmel, wie viel hundert Kilo wiegst du eigentlich?«
Verlegen kam Ken der Aufforderung nach.
Er wusste zwar, dass sich die Frau nichts aus Männern machte, aber er hätte dennoch lügen müssen, wenn er behauptet hätte, dass ihm das Abstützen auf ihren weichen Formen in irgendeiner Weise unangenehm gewesen wäre.
Trotz ihrer saloppen Antwort zitterte Francine merklich, als sie sich neben ihm hinter der Deckung eines Steinquaders emporschraubte.
»So langsam wird mir hier einiges klar. Diese bizarren Holzstatuen in Kitabi sind keineswegs dem Hirn eines kiffenden Bildhauers entsprungen, sondern eindeutig Abbilder dieser Kreatur. Dazu der riesige Palisadenzaun um das Dorf und die Verbotene Stadt, aus der noch keiner zurückgekehrt ist. Weißt du, was ich so langsam glaube?«
»Keine Ahnung, Rätselraten war noch nie mein Ding.«
»Ich vermute, nein, ich bin mir sicher, dass beide, Ria und Karok, ihre Machtansprüche längst zurückgestellt haben und darauf spekulieren, mit unseren Waffen dieses Wesen zu vernichten. Das würde sie bei ihrem Volk unsterblich machen.« Dabei blickte sie sich immer wieder unsicher um und sprach so leise, dass sie Ken kaum verstehen konnte. Es hatte den Anschein, als rechnete sie jeden Moment wieder mit dem Auftauchen der unheimlichen Kreatur. Deshalb wurde sie auch weiß wie eine frisch gekalkte Wand, als sie bemerkte, dass Ken tatsächlich Anstalten machte, den Bau des Tieres zu betreten.
»Bist du verrückt geworden?«, zischte sie schrill. »Komm sofort wieder her! Was glaubst du eigentlich, was passiert, wenn die Kreatur plötzlich wieder auftaucht? Diese Bestie zerreißt uns doch in der Luft.«
Ken winkte lächelnd ab. »Nun beruhige dich mal wieder. Ich glaube nämlich nicht, dass dieses Tier so schnell wieder zurückkommt. Hast du nicht gesehen, wie eilig es die Kreatur hatte?« Er richtete den Zeigefinger seiner Rechten auf die Höhle. »Los, komm mit, ich schätze, dass uns dort eine Überraschung erwartet.«
»Was meinst du damit?«
Statt einer Antwort packte Ken Francine an der Hand und zerrte sie auf die Höhle zu.
»Es würde mich nicht wundern, wenn wir dort die Waffe finden, nach der die Jungs vom MTRD so verzweifelt suchen.«
»Wie kommst du jetzt darauf?«
Ken grinste. »Nenn es männliche Intuition.«
Kapitel 8
Claire erwachte mit dem ersten Sonnenstrahl.
Sie fühlte sich irgendwie schlapp und ausgebrannt, denn sie hatte die ganze Nacht über so gut wie gar nicht geschlafen. Ständig dröhnten irgendwelche Trommeln durch die Dunkelheit, deren aufpeitschendes Tamm-Tamm irgendetwas Mystisches an sich hatte. Schwerfällig richtete sich die junge Frau auf, drehte den Kopf und bedachte Dan mit einem nachdenklichen Blick. Ihr Blick wäre vielleicht nicht ganz so lethargisch ausgefallen, wenn sie geahnt hätte, dass durch die Trommeln weit draußen im Dschungel plötzlich etwas erweckt wurde, das man hätte besser schlafen lassen sollen. Niemand ahnte, dass dies der Wille des Hohepriesters war. Darum verstummten die Trommeln nicht und darum schlug es plötzlich die Augen auf.
Dan, der von alledem nichts ahnte, lag in seinem Bett auf dem Rücken und stierte teilnahmslos zur Decke. Zum ersten Mal, seit sie in dieser Welt gelandet waren, schien er sein nerviges Machogehabe abgelegt zu haben. Nachdem Ken und Francine irgendwo da draußen im Dschungel nach einem Fetisch suchten, der sie davor bewahren sollte, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf verloren, war er ziemlich einsilbig geworden. Keine anzüglichen Bemerkungen mehr, kein Hinweis auf seine Libido. Auch sein Vokabular an Kraftausdrücken war offensichtlich versiegt.
Er redete zwar nicht darüber, aber Claire ahnte mit den Instinkten einer Frau, dass sein Schweigen mit Ria zu tun hatte.
Es war offensichtlich, dass er an der Dschungelprinzessin einen Narren gefressen hatte. Sie wusste, dass es ihm schier das Herz gebrochen hatte, nachdem er erfuhr, dass der Anlass für seine Nacht mit Ria nicht Zuneigung sondern wohlüberlegtes Machtkalkül war.
Dan Simon litt wie ein Hund.
Es hatte den Anschein, als wäre er hochgradig an Liebeskummer erkrankt.
Bevor sie sich den Kopf aber weiter über Dans Gemütszustand zerbrechen konnte, erklangen vor ihrem Zimmer plötzlich Schritte. Wenig später wurde die Tür geöffnet und ein kahlköpfiger Priester betrat den Raum. In seinem Gefolge befanden sich vier schwer bewaffnete Krieger, die sich sofort im Zimmer verteilten.
Dann trat Karok ein.
Er trug jetzt eine scharlachrote Robe, die mit Knöpfen aus Elfenbein verziert war, und auf seinem Haupt thronte eine Art Krone, die aus Federn, Muscheln, kleinen Knochen und Palmblättern bestand. Ohne Claire auch nur eines Blickes zu würdigen, baute er sich breitbeinig vor Dan auf.
»Der Fremdling wirkt betrübt«, sagte er über die Schultern hinweg zu seinen Begleitern.
»Das kann ich aber verstehen. Ich kenne niemanden, der Freudentänze aufführt, während er auf seinen Tod wartet.«
»Was soll das heißen?«, fragte Claire.
Sie konnte sein Gesicht sehen, während er das gesagt hatte, und sie sah die diabolische Freude in seinen Zügen. Wenn sie ehrlich zu sich war, hatte sie von Karok aber auch nichts anderes erwartet.
Der Hohepriester grinste schmierig, bevor er ihr antwortete.
»Die Sonne darf nur noch dreimal aufgehen, dann müssen eure Freunde hier sein und als Zeichen ihrer Macht die Opferschale aus der Verbotenen Stadt vorweisen. Ich glaube allerdings nicht, dass ihnen das gelingen wird, denn dazu müssten sie den Einen bezwingen.«
»Was für Einen?«
»Der, dessen Name nicht genannt werden darf. Falls ihr wissen wollt, wer er ist, seht euch einfach um. Er ist hier überall zu sehen.«
Als er mit der Rechten auf das Abbild jener missgebildeten Kreatur zeigte, deren Statuen in diesem Teil von Kitabi allgegenwärtig waren, brach Claire der kalte Schweiß aus.
Plötzlich bekamen die riesigen Fußspuren, die sie im Dschungel entdeckt hatten, eine ganz andere Bedeutung. Karoks Lachen hallte düster und hohl durch den Raum, als er das Entsetzen in den Gesichtern der Timetraveller erkannte. Seine knochige Hand zuckte vor und umschloss Dans Kinn. In seinem ausgemergelten Körper steckte überraschenderweise genug Kraft, um den Kopf des Timetravellers gegen dessen Willen hochzudrücken.
»Pass auf«, sagte der Hohepriester leise. In seiner Stimme schwang jetzt eine seltsame Erregung mit. »Euer Tod ist so gut wie sicher, aber du hast die Möglichkeit, diesem Schicksal zu entgehen. Wenn du dich mir heute Nacht öffnest, werde ich dafür sorgen, dass du überlebst. Was hältst du davon?«
Bevor Dan etwas erwidern konnte, fuhr die andere Hand des Priesters zwischen seine Beine und begann ihn dort zu massieren.
Zuerst war Dan völlig perplex, aber dann verzerrte sich sein Gesicht zu einer Maske aus Abscheu und Ekel und er ballte seine Rechte zu einer Faust. Aber der Priester war auf solch eine Reaktion gefasst. Er erstickte Dans Faustschlag bereits im Ansatz, indem ihm auf ein Zeichen hin zwei der Bewaffneten plötzlich ihre Steinmesser an die Kehle hielten. Als Dan die Spitzen der Klingen an seiner Haut fühlte und spürte, wie ihm das Blut in warmen Bahnen den Hals hinunterlief, gab er resigniert auf.
Jetzt konnte sie nur noch ein Wunder retten.
* * *
Der Gestank war widerwärtig.
Ken und Francine hielten ihre Energiestrahler schussbereit in der einen Hand, während sie sich die andere auf den Mund pressten und sich gleichzeitig mit Daumen und Zeigefinger die Nasen zudrückten. Langsam betraten sie den Bau der Kreatur, dennoch konnte die Agentin nicht verhindern, dass ihr der entsetzliche Geruch in die Nase stieg. Ekel erfasste sie und ihr Magen hob sich. Kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn, bis sie ein Würgen nicht mehr unterdrücken konnte. Sie drehte den Kopf zur Seite und übergab sich. Auch Ken hatte Mühe, das letzte Essen bei sich zu behalten.
In der Höhle stank es wie in einem alten Fuchsbau.
Ein dicker Teppich aus aufgedunsenen, blaugrünen Käfern bedeckte den Boden, weshalb jeder ihrer Schritte vom ekelhaften Knirschen und Knacken unzähliger Chitinpanzer begleitet wurde.
Francine stolperte über irgendetwas.
Als sie nach unten blickte, erkannte sie den abgenagten Oberschenkel eines Menschen, dessen Knochen im fahlen Licht der Höhle gelblich schimmerten. Ihr Magen verkrampfte sich erneut und dann begann sie zu würgen, bis nur noch weißliche, schleimige Flüssigkeit aus ihrem Mund und der Nase rann.
Ungeachtet dessen, dass sich Francine beinahe die Seele aus dem Leib kotzte, näherte sich Ken inzwischen der Nordwand der Höhle, nachdem er dort ein blinkendes Etwas bemerkt hatte. Der von den ekelhaften Käfern umschwirrte Gegenstand hatte eindeutig die Form eines Gewehrs. Sein Puls beschleunigte sich, Schweiß trat auf seine Stirn und begann in den Augen zu brennen. Er unterdrückte seinen Ekel, bückte sich und sah sich das Ganze etwas genauer an. Es schien sich tatsächlich um die besagte Waffe zu handeln. Jedenfalls sah es ganz danach aus. Er konnte sich spontan auch nicht vorstellen, was in dieser Welt sonst noch existierte, das metallisch blitzte und einem Gewehr täuschend ähnlich sah.
Ken nahm seinen ganzen Mut zusammen und bewegte das Ding mit der Spitze seines Stiefels. Die fetten Käfer krabbelten aufgeschreckt davon und das Gewehr rollte mitsamt einer Munitionstasche, die mit Klettverschlüssen am Griff befestigt war, zur Seite. Soweit er erkennen konnte, war das Leitervisier ausgeklappt und die Schulterstütze eingefahren. Ken griff wie unter einem inneren Zwang nach der Waffe. Das Gewehr fühlte sich schwer und kalt in seiner Hand an, aber irgendwie auch vertraut. Eine kurze Inspektion ergab eine komplette Funktionsfähigkeit. Als er den Lauf nach vorne aufklappte, stellte er fest, dass die Waffe geladen und schussbereit war. Er glaubte spüren zu können, wie der Griff in seiner Faust vibrierte, als wartete die Waffe nur darauf, von ihm benutzt zu werden.
Ein triumphales Gefühl durchströmte den Timetraveller.
Er drehte sich auf dem Absatz herum, packte Francine wortlos am Arm und zerrte sie aus dem Bau.
Die Frau hatte Mühe, ihm zu folgen. Nachdem sie sich so oft übergeben hatte, fühlte sie sich schwach und elend.
»Was zum Teufel ist denn plötzlich in dich gefahren?«, keuchte sie überrascht, während sie neben ihm herstolperte. »Ich …«
Francine verstummte abrupt. Erst jetzt erkannte sie das Gewehr, das Ken locker in der Rechten hielt.
»Das glaube ich jetzt nicht. Du … du hast es also tatsächlich gefunden?«
Ungläubig schüttelte sie den Kopf. »Und jetzt … wie geht es jetzt weiter?«
Ken richtete den Lauf in den Himmel und in seinen Augen blitzte es entschlossen.
»Ganz einfach, wir gehen wieder zurück und wehe Karok hat Claire und Dan auch nur ein Haar gekrümmt. Dann wird er den Tag verfluchen, an dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind, so wahr ich Ken Okumoto heiße.«
Kapitel 9
Sie befanden sich noch mitten im Dschungel, als sie das dumpfe Dröhnen der Trommeln zum ersten Mal wahrnahmen. Überrascht blickten sich Ken und Francine in die Augen. Als dann im nächsten Moment noch andere Geräusche auszumachen waren, beschleunigten sie ihre Schritte.
Ihrer Meinung nach waren sie kurz davor, sich dem Dorf auf Sichtweite genähert zu haben. Da sie zum Beweis ihrer Macht keine Opferschale aus der toten Stadt mit sich führten, sondern eine Granatpistole, die nach Francines Ansicht in der Lage war, diese Welt in ihre atomaren Bestandteile zu zerlegen, veranlasste sie das Brüllen und Kreischen von Menschen und das Krachen und Splittern von Holz, immer schneller zu laufen, bis sie schließlich rannten. Ein freudloses Grinsen überzog dabei Kens Gesicht, als er Seite an Seite mit Francine durch den Dschungel pflügte.
Wie hatten sie ihre Ausbildung und das Training beim MTRD verflucht?
Die schweißtreibenden Einheiten mit Medizinbällen, das stundenlange Laufen durch unwegsames Gelände und danach das Dehnen und Strecken der Muskulatur, bis es in den Gelenken knackte.
Wäre er jetzt dazu in der Lage gewesen, er hätte seinem Ausbilder einen Kuss auf die Stirn gedrückt.
Er wusste, dass sie es nur diesen, zum damaligen Zeitpunkt noch sinnlos erscheinenden Quälereien, zu verdanken hatten, dass sie den letzten Rest ihres Weges in Rekordzeit bewältigten.
Eine Anhöhe noch, dann musste das Dorf in Sichtweite vor ihnen liegen.
Francine schien ähnliche Gedanken zu hegen.
Sie deutete auf den vor ihnen liegenden Hügel. »Der noch, dann müssten wir am Ziel sein«, japste sie. »Mein Gott, nach der Schinderei weiß ich nicht, ob ich dafür unserem Fitnesstrainer dankbar sein oder ihm einfach nur in den Arsch treten sollte.«
Ken lächelte gequält, sein Gesicht war vor Anstrengung total verzerrt.
»Normalerweise müssten wir Bob einen ausgeben, aber ich schätze, wir sollten uns das lieber verkneifen. Sonst kommt er womöglich auf die Idee, uns nach unserer Rückkehr mit noch fieseren Trainingsmethoden zu beglücken. Mir jedenfalls hat schon die Einheit mit den Medizinbällen gereicht. Danach hätte nicht viel gefehlt und ich hätte gekotzt.«
Francine nickte, als sie als Erste den Hügel erklommen hatte. »Bin ganz deiner Meinung, jedenfalls wenn wir zurückkehren.«
Kens Kopf ruckte zu ihr hoch. »Was soll das heißen, wenn wir zurückkehren?«
Francine wartete mit ihrer Antwort, bis Ken den Hügel ebenfalls erklommen und sich keuchend neben sie gestellt hatte. Dann deutete sie stumm nach unten.
Erst jetzt bemerkte Ken das Feuer. Während er wie gebannt auf die Flammen starrte, die hinter dem Zaun des Dorfes meterhoch in den Mittagshimmel schlugen, wurde er sich allmählich auch des unbeschreiblichen Lärms bewusst, der da unter ihnen herrschte. Der Anblick, der sich seinen Augen bot, war ein einziges Inferno aus Blut, Tod, Feuer und Rauch. Dazu wurde das ganze Schreckensszenarium noch begleitet von den Schreien unzähliger Menschen, dem dumpfen Dröhnen von Trommeln und dem aberwitzigen Gebrüll einer riesigen, affenartigen Kreatur, die Ken und Francine nur allzu gut in Erinnerung hatten.
Das Wesen hing in einer Höhe von etwa zehn Metern an der hölzernen Umfriedung des Dorfes. Seine rechte Pranke hatte sich um das zugespitzte Ende der Palisaden gekrallt, mit der anderen schlug es in reißender Wildheit auf den Schutzzaun ein. Während das Holz rings um ihn herum unter der Wucht seiner Hiebe zerbarst, versuchten ihn die Eingeborenen auf den Wehrgängen hinter den Palisaden mit ihren Speeren an seiner Zerstörungswut zu hindern.
Ein sinnloses Unterfangen, wie Ken schnell an dem halben Dutzend Toten erkannte, die in seltsam verrenkter Haltung vor den Palisaden am Boden lagen.
»Was sollen wir tun?«, schrie Francine gegen den immer lauter werdenden Lärm an.
»Runtergehen, was sonst, oder sollen wir Claire und Dan ihrem Schicksal überlassen?«
Ohne auf eine Antwort zu warten, stapfte Ken entschlossen den Hügel hinunter. Allein bei dem Gedanken, Claire in diesem Inferno zu wissen, krampfte sich sein Herz zusammen. Es war ihm völlig egal, dass sich zwischen ihm, Claire und dem rettenden Glider Tausende von tobenden Wilden und eine riesige, urwelthafte Bestie befanden.
Er brüllte nur noch und rannte einfach los.
Nachdem er bis auf Schussweite an die Palisaden herangekommen war, legte er den Sicherungsbügel der Granatwaffe um und visierte die tobende Kreatur an.
Das Brüllen des affenartigen Wesens, das durchdringende Schreien der Menschen und das fortwährende Dröhnen der Trommeln hatten sich inzwischen zu einem Crescendo erhoben, das einen Menschen in den Wahnsinn treiben konnte.
Obwohl Ken um die furchtbare Wirkung der Waffe wusste, zögerte er keine Sekunde. Die Angst um Claire brachte ihn schier um den Verstand.
Als er den Finger am Abzug krümmte, bemerkte er, wie das Wesen unvermittelt in seinem Toben innehielt, den Kopf nach unten drehte und ihn anstarrte. Einen Moment lang vermeinte er eine bösartige Intelligenz in den kalten Augen zu erkennen, ganz so, als wüsste die Kreatur genau, was er vorhatte. Dann zog er den Abzug durch.
Ein greller Lichtblitz zuckte aus dem Lauf der HK69.
Nach der Detonation fegte eine ungeheure Druckwelle über das Land hinweg, die gewaltige Krater in die Erde fräste. Die Luft war von einer mörderischen Hitze erfüllt, die sich ihren tödlichen Weg durch die Palisadenwand des Dorfes bahnte, Menschen, Tiere und Häuser umhüllte und nichts als verkohlte Leichen und Trümmer hinterließ, deren Asche der aufkommende Wind in alle Richtungen verteilte.
»Claire!«, schrie Ken mit metallisch klingender Stimme in das Inferno hinein, während er eine weitere Granate in den Lauf legte und feuerte.
Das Erbe der Samurai hatte Besitz von ihm ergriffen. Er war bereit, für die Frau, die er liebte, zu sterben.
* * *
»Ken! Um Himmels willen, Ken, komm wieder zu dir. Es ist vorbei.«
Einen Moment lang starrte er wie benommen in Francines Gesicht, dann blickte er sich langsam um. Nur allmählich ließ die Anspannung in ihm wieder nach, nachdem er sich der Tatsache bewusst geworden war, dass Claire, Dan, Ria und Dall an der Seite von Francine standen und ihn beinahe ehrfürchtig musterten.
Er ließ das Gewehr sinken und dann fallen.
Unsicher blickte er sich noch einmal um und ging dann geradewegs auf Claire zu. Er nahm sie in die Arme, legte ihren Kopf an seine Brust und schloss einen Moment lang die Augen.
»Ja«, sagte er dann leise. »Es ist vorbei.«
Als ihn Claire an die Hand nahm, lief er wie in Trance mit ihr und den anderen in das zerstörte Dorf zurück. Keiner sprach ein Wort. Die verheerende Wirkung der HK69 hatte sie alle verstummen lassen. Ungläubig hingen ihre Blicke an der riesigen Öffnung, die an der Palisadenwand entstanden war, nachdem eine der Granaten dort eingeschlagen war. Das Loch war gut fünf Meter hoch und mindestens dreimal so breit. Seine gezackten Ränder erinnerten Francine unwillkürlich an das aufgerissene Maul der Affenbestie.
Während Ria und Dall mit weit ausgreifenden Schritten ins Zentrum des Dorfes eilten, fielen die Timetraveller immer mehr zurück. Zuerst war es nur Francine, die einfach stehen blieb, dann folgte Claire und nach einem Blick auf ihren Freund ging auch Ken nicht mehr weiter. Schließlich bemerkte auch Dan die veränderte Situation.
»Was ist los?«, fragte er irritiert, nachdem er etwa zehn Schritte von der Gruppe entfernt zum Stehen gekommen war und sich umgedreht hatte.
»Ich denke, jetzt ist es genug«, sagte Francine. »Nach diesem Tag wird in dieser Welt wohl nichts mehr so sein, wie es einmal war. Die Bestie ist tot und damit hat auch die Verbotene Stadt ihren Schrecken verloren. Karok und seine Priesterkaste dürften wohl keinen Einfluss mehr auf die Menschen hier haben und deshalb kann sich Ria jetzt in aller Ruhe um einen Neuanfang kümmern. Dabei sind wir ihr wahrscheinlich nur im Weg. Ich glaube, es ist besser, wenn wir jetzt wieder zu unserem Glider zurückkehren. Von Abenteuern wie diesen habe ich in nächster Zeit die Nase voll. Oder wie denkst du darüber, Dan?«
Einen Moment lang starrte der Angesprochene unschlüssig auf die Hütten, zwischen denen Ria und Dall verschwunden waren, dann zuckte er die Achseln.
»Wenn ich es mir recht überlege, ist diese Welt eigentlich gar nichts für mich. Hier gibt es keine Autos, keine Steaks, kein Football und … ach zum Teufel … andere Mütter haben auch schöne Töchter.«
* * *
Als Ken den Glider in den Zeitstrom steuerte, verfiel Dan entgegen der Befürchtungen der anderen überraschenderweise nicht in sein Machogehabe zurück.
Dennoch konnte sein Verhalten die anderen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er trotz allem in Gedanken noch bei Ria war.
Aber niemand sagte etwas.
Die Zeit heilte alle Wunden, das wusste niemand besser als Ken.
Epilog
Der alte Mann lag im Sterben.
Im Zimmer hing der faulige Geruch des Todes.
Er erinnerte Ria an den Vater, den sie verloren hatte und an die vielen Freunde, die durch die Hand der Priesterkaste gestorben waren. Er erinnerte sie aber auch an die Fremdlinge. Besonders an den Mann mit den sonnenhellen Haaren. Wehmut überkam sie, als sie an jene Nacht mit ihm im Dschungel dachte, und für einen Moment begannen ihre Augen feucht zu schimmern. Aber dann schüttelte sie sich. Eine Königin zeigte keine Gefühle. All das lag jetzt hinter ihr. Das Einzige, was sie noch an diese Zeit erinnerte, war Karok, der ehemalige Hohepriester ihres Volkes.
Vor nicht allzu langer Zeit war er noch ein Mann gewesen, der auf dem Höhepunkt seiner Macht geradezu darauf versessen war, seinen Samen in die Öffnungen seiner Lustknaben hineinzuspritzen, während er gleichzeitig kalt lächelnd seine Widersacher umbringen ließ. Aber jetzt war er nur noch ein ausgemergeltes, knochiges Wrack, das sich seit Tagen vor Schmerzen krümmte.
Sie stand am Fuß seines Lagers und beobachtete mit verschränkten Armen, wie eine junge Dienerin eine Handvoll winzig brauner Kügelchen in einen Becher schüttete und ihn mit Wasser füllte. Als die Dienerin sie fragend anblickte, nickte Ria.
Als diese Karok half, den Inhalt des Bechers zu schlucken, verließ Ria das Zimmer.
Sie hatte nun ihre Rache.
Yahi hatte sich bei den Palisaden etwas zu weit vorgewagt und war von der Bestie zerrissen worden und Karok hatte soeben den Tod getrunken.
Denn die braunen Kügelchen waren Eier der Panka, einer Schmarotzerspinne, die ihren Nachwuchs nicht selber aufzog, sondern in fremden Wirtskörpern ablegte. Sobald die Larven geschlüpft waren, begannen sie sich von innen heraus durch das Fleisch ins Freie zu fressen.
Das dauerte in der Regel vier bis fünf Tage.
Tage, in denen die Betroffenen an wahnwitzigen Schmerzen litten.
Ria kannte Menschen, die sich dabei die Lunge aus dem Leib gebrüllt hatten. Deshalb hatte sie vorgesorgt. Dall hatte dem Priester die Zunge herausgeschnitten und Karoks Lager so weit nach hinten in den Palast verlegt, dass sein Schreien und Röcheln niemanden stören würde.
Ende

Vorschau auf Episode 26
Erwartet mit Spannung die am 1. Juli 2011 erscheinende 26. Episode.
Der Titel lautet:
»Satans Botschaft«
von
Amanda McGrey
Gegen alle Vorschriften hat sich Francine an einen geheimen Ort zurückgezogen. Doch sie wird gebraucht. Unregelmäßigkeiten im Raum-Zeit-Gefüge machen einen Notstart zur Welt 7-0-3 Alpha notwendig. Die Zeit drängt.
Unterdessen gerät Francines Seelenleben völlig aus den Fugen, als Victoria plötzlich bei ihr auftaucht. Auf Victorias Welt hatte ein mysteriöses Glider-Unglück stattgefunden. Das Team beschließt, sich auf zwei Glider aufzuteilen. Da entkommt Victoria nur knapp einem Mordanschlag.
Gleichzeitig macht der stellvertretende Leiter des Stanford Instituts, Willbur Smith, eine ungeheuere Entdeckung, bei der scheinbar eine Geheimabteilung der NAVY die Hand im Spiel hat. Seit dieser Entdeckung sind sein Leben und das der Timetraveller keinen Pfifferling mehr wert. Eine unbekannte Macht versucht mit allen Mitteln, die Mission des Teams zu stoppen. Warum? Welches Grauen verbirgt sich auf der Welt 7-0-3 Alpha? Wer ist die rätselhafte Dr. Amanda Harris? Wer will alle, die am Timetraveller-Projekt arbeiten, ermorden?
Die Lösung des Rätsels wird erst klar, als sich die Ereignisse überschlagen. Die Überlebenschance des Teams scheint gleich null zu sein ...