
EPISODE 24
»Wiedersehen«
von
Gunter Arentzen

Hinweis: Dieser Roman spielt ein paar Jahre nach den Ereignissen, die in Christoph Schwarz 2/2009 und 3/2010 erzählt werden.
Through these fields of destruction
baptisms of fire
I've witnessed your suffering
as the battle raised higher
and though they did hurt me so bad
in the fear and alarm
you did not desert me my brothers in arms
There're so many different worlds
so many different suns […]
(Brothers In Arms - Dire Straits)
Prolog
I
Nahe San Francisco, 2006
»Alles in Ordnung bei dir?«, fragte Claire leise, während sie sich zu Francine Carpet setzte und nach deren Händen griff.
»Sicher«, erwiderte die CIA-Agentin. »Ich … Es ist ...«
Die junge Frau nickte. »Ich weiß, was dich bedrückt. Eine Liebe zurückzulassen, in einer fremden Welt, muss schwer sein. Zumal ihr Schicksal ungewiss ist.«
»Victoria hat eine Seite in mir geweckt, die nicht hätte geweckt werden sollen. Eine Seite, die ich seit Jahren zu negieren versuche. Ich möchte nicht fühlen, was ich fühle, und nicht von den Dingen träumen, die mir meine innersten Wünsche zeigen. Es ist falsch, so zu empfinden!«
Claire zuckte mit den Schultern. »Wir sind in dieser Welt, und hier musst du dich deswegen weder schämen noch verstecken. Du meine Güte, wir schreiben das Jahr 2006. Wen interessiert es hier, ob du eine Frau oder einen Mann liebst?«
Francine spielte mit einem Glas.
Die Kantine des Centers war fast leer; abgesehen von den beiden Frauen saßen zwei Techniker ein paar Tische entfernt und unterhielten sich leise über Verbesserungen am Antrieb, die ihnen Roger Müller hatte zukommen lassen.
»Ich ...«, hob Francine an, ehe sie sich räusperte. »Nun ja, ich dachte schon einmal, ich könnte mich in eine Frau … Damals schaffte ich es kaum, den Wunsch, das Gefühl beiseite zu schieben. Es ist auch schon eine Weile her.«
Claire grinste. »War sie wie Victoria?«
»Sie war anders. Sehr viel härter zu sich und anderen. Damals arbeitete ich noch für eine operative Abteilung der Agency. Sie war eine freie Mitarbeiterin. Gott weiß, dass wir alle hofften, sie würde einen Dienstvertrag unterschreiben. Bis zum Schluss war ihre Akte makellos.« Francine lächelte freudlos. »Du kennst sie übrigens.«
Claire pfiff leise. »Doktor Jaqueline Berger.«
Die Agentin nickte. »Genau die. Du meine Güte, was für eine Frau.« Sie seufzte. »Vielleicht sollte ich mutiger sein. Mich meinen Gefühlen ergeben, sie nicht unterdrücken. Aber ich kann nicht. Eine innere Sperre … Meine Erziehung, die allgemeinen Ansichten der Kollegen, der Druck seitens unseres obersten Dienstherren ...«
Die beiden Frauen unterbrachen das Gespräch, denn Dan und Ken betraten die Kantine, nahmen sich jeder einen Eistee und kamen an ihren Tisch.
»Na, Mädels, wie geht es euch?«, scherzte Ken, während er sich neben seine Freundin setzte und seine Hand ganz unbefangen auf deren Oberschenkel legte.
»Gut«, erwiderte Francine. Sie lächelte und schob ihre Gedanken beiseite. »Ein neuer Flug steht an. Ein Blindflug, denn wir wissen nicht, was uns in 0-1-1 Alpha erwartet. Vielleicht Mittelalter, vielleicht Hochtechnologie oder ein wenig Wild-West.«
»Japanisches Mittelalter wäre nicht schlecht«, erklärte Ken. »Ich befasse mich seit einiger Zeit intensiv mit der Geschichte und Vergangenheit meiner eigentlichen Heimat.«
»Sei mein Samurai«, witzelte Claire, während sie ihrem Freund einen zärtlichen Blick schenkte.
»Nun, mich zieht es eher zu den Ninja«, gab Ken zu, ehe er einen Schluck nahm. »Ich trainiere Kendo, habe mir ein Schwert zugelegt und versuche künftig, dem Bushido zu folgen, dem Weg des Kriegers.«
»Großartig«, ließ sich Dan spöttisch vernehmen. »Künftig nur noch Sushi für unseren Ninja hier.« Er blinzelte seinen Freunden zu. »Welches Teil suchen wir?«
»Flugschreiber«, erklärte die Agentin. »Es könnte sein, dass er uns wertvolle Hinweise zur Unglücksursache liefert.«
Dan verdrehte die Augen. »Warum haben wir den nicht zuerst geborgen?«, wollte er wissen.
»Wir setzten drei Drohnen ein, um mehr über diese Welt zu erfahren. Keine lieferte Daten. Wir wollten, dass wir uns als Team finden. Dass wir eine schlagkräftige Einheit werden. Darum ...« Sie leerte ihr Glas. »Also dann – bereit für einen kleinen Ausflug?«
II
Nicht an den Hund denken, schoss es Claire durch den Kopf, während sie auf die Wand der Abflughalle starrte.
Sie hatten bereits die Gurte angelegt, der Antrieb lief. Sie warteten lediglich auf das Go der Flugkontrolle.
»Hört ihr das?«, fragte Ken, der nahezu liebevoll die Steuerung tätschelte. »Der Donnervogel schnurrt wie ein Kätzchen. Er kann es gar nicht erwarten, in den garstigen Zeitstrom einzutauchen.«
»Wie poetisch«, frotzelte Dan, der einen Blick auf die Anzeigen warf. Diese zeigten lediglich die Werte der Abflughalle, und diese waren – wie hätte es auch anders sein sollen – im Normbereich.
»Bereit?«, schallte eine Stimme aus den Lautsprechern des Gliders.
»So bereit wie nie mehr«, gab Ken gut gelaunt zurück. Seine Hand schwebte über dem Startknopf.
»Sie haben Go. Start in T minus zehn – neun – acht – sieben – sechs ...«
Claire schloss kurz die Augen. Nicht an den Hund denken. Nicht an den Hund …
»Wuff«, bellte Dan von hinten, der exakt wusste, was Claire in diesem Moment durch den Kopf ging. Noch immer hatte er es nicht völlig verwunden, dass sich dieses hübsche Mädchen für Ken entschieden hatte, und nicht für den smarten Sonnyboy, Footballspieler und Strahlemann, der er einst gewesen war.
»Arschloch«, schoss Claire knapp zurück, schwieg aber dann, da der Countdown zu Ende war. Der Thunderbird wurde beschleunigt, jagte auf die Wand zu und löste sich auf, bevor er mit dieser kollidieren konnte.
»Eintritt in den Zeitstrom«, meldete Ken geschäftsmäßig.
Dunkelheit umfing den Thunderbird, die ersten Flundern setzten sich auf der Außenhaut fest.
Dan und Francine begannen mit ihren Messungen. Noch immer wussten die Wissenschaftler viel zu wenig über das, was sich im Zeitstrom tat. Darum waren die bei Hin- und Rückreise gesammelten Daten wichtig. Die Wissenschaftler justierten vor jedem Flug die Sonden, baten um neue Messungen in ganz verschiedenen physikalischen Bereichen.
Daher wurde es Dan und Francine nicht langweilig, während sie zu einer der unzähligen Welten flogen. Ken und Claire hingegen hatten nichts anderes zu tun, als die Flugdaten zu überwachen.
Inzwischen war der Bordcomputer ausgereift, Fehler traten keine mehr auf. Auch nicht beim Austritt aus dem Zeitstrom.
»Noch zwei Minuten bis Welt 0-1-1 Alpha«, meldete Claire. Sie spürte, dass ihr Herz schneller schlug.
Was erwartete sie, auf was und wen würden sie stoßen?
Es war diese Ungewissheit, diese Spannung, die sie erst losließ, wenn sie in eine fremde Welt eingetreten waren, die Landschaft sahen und eine ungefähre Vorstellung davon bekamen, was sie erwartete.
»Austritt in einer Minute!«, meldete sie. Ihr Atem beschleunigte sich, ihre Hände umfassten die Griffe der deaktivierten Steuerung.
»Noch vierzig Sekunden!«
»Sie sollte bei der Zeitansage arbeiten«, witzelte Dan. »Beim nächsten Gong ist es Welt 0-1-1 Alpha.«
»Austritt … Jetzt!«
Die schwarzen, flachen Wesen verließen den Glider, während dieser aus dem Zeitstrom glitt, eine Wolkendecke durchstieß und bei Dunkelheit über einer großen, hell erleuchteten Stadt dahinjagte.
Unter ihnen brannten unzählige Lichter. Erst sah es so aus, als sei dies eine moderne Großstadt, die auch bei Dunkelheit nicht zur Ruhe kam. The City never sleeps.
Dann aber, je tiefer sie hinabflogen, sahen sie, dass es sich nicht nur um Lampen handelte, sondern auch um Feuer.
Dann jagte etwas dicht an ihnen vorbei und zerplatzte.
»Wir werden beschossen!«, rief Ken. Er aktivierte die Handsteuerung und zog den Glider in einem langen Bogen nach links. Gleichzeitig stieg er auf 2500 Fuß. »Dan, wir brauchen Kampfmodus.«
»Verstanden«, erklärte der Timetraveller mit zittriger Stimme. Bislang war es noch nie vorgekommen, dass sie diesen Modus aktivieren mussten.
Die Sicht aus dem Front-Cockpitfenster änderte sich. Ein HUD1 wurde eingeblendet. Es zeigte nicht nur Flughöhe und -geschwindigkeit, sondern auch die Stadt als Silhouette sowie unzählige rote Punkte.
Gleichzeitig wurden die Waffen des Gliders aktiviert; Energie-Kanonen, mit denen man Flugzeuge, aber auch Gebäude angreifen konnte.
»Du meine Güte, schau dir das an!«, rief Claire, während sie auf die roten Punkte deutete. Jeder einzelne stand für ein Flugzeug.
Ein mutmaßlich feindliches Flugzeug.
Neben ihnen schoss ein roter Blitz dahin.
»Die feuern auf uns!«, rief Ken erschrocken. Er zog den Thunderbird nach links, sah vor sich ein kreisrundes Fluggerät – und erstarrte.
Noch ehe er begriff, was er sah, knisterte es in den Lautsprechern.
»Hier spricht Xarina, Mitglied der Amazonen. Geben Sie sich zu erkennen, fremdes Flugobjekt.«
»Xarina?«, rief Claire aufgeregt. »Xarina, du bist es wirklich?«
»Claire?«, kam es erstaunt zurück. »Was machst du denn hier?«
»Das können wir später besprechen!«, entschied Ken. »Ich brauche die Kennung eurer Flugscheiben, um das IFF2-System zu programmieren.«
Er wich aus, als erneut auf sie geschossen wurde.
»Kennung kommt!«, meldete Xarina.
Dan, der den Empfang erhalten hatte, programmierte den Computer. Plötzlich wurde ein Teil der roten Punkte grün.
Ken sah unmittelbar vor sich eine rot glimmende Flugscheibe. Ohne zu zögern drückte er den Abzug der Energie-Waffe und schickte einen tödlichen Strahl auf die Reise.
Es war, als würde die Scheibe glühen. Für einen Moment sahen er und Claire das entsetzte Gesicht eines Insektenwesens.
Dann detonierte das Fluggerät.
»Guter Schuss!«, lobte Xarina. »Ihr wart lange weg. Ich hoffe, ihr wollt nicht zu Christoph Schwarz?«
»Nein. Wir … sind wegen etwas anderem hier.«
»Gut. Dann nehmt Kurs auf Paros. Wir sind hier ohnehin fertig. Wir freuen uns immer, Gäste begrüßen zu dürfen.«
Der letzte Satz klang ziemlich sarkastisch.
Kapitel 1
I
Paros/ Parallelwelt
»Ihr wart lange weg«, erklärte Xarina, nachdem die vier Timetraveller auf Paros gelandet und ihr zu einem kleinen Konferenzgebäude gefolgt waren. »Jahre sind vergangen, seit ihr euch auf Rauenfels auf den Weg gemacht habt.« Sie schenkte Claire einen ironischen Blick. »Wolltet ihr nicht niemals wieder durch Zeiten und Welten reisen?«
»Für uns sind wenige Wochen vergangen. Es ist eine lange Geschichte ...«
Die Amazone schüttelte den Kopf. »Ihr seid Spinner. Jeder, der mit der Zeit spielt, ist ein Spinner.« Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Und? Wieder ein verrückter Professor, der die Welt vernichten will? Wie lautet eure glorreiche Mission diesmal?«
»Wir suchen Trümmer eines Shuttles, welches unserem nicht unähnlich ist. Es wurde bei einer Weltenreise zerstört, die Trümmer über zehn Welten verstreut. Unsere Aufgabe ist es, Überlebende und Trümmer zu finden und nach Hause zu bringen«, erklärte Ken an Claires Stelle.
»Ah, der Mann, der dank Ryk-Medizin wieder laufen kann.« Xarina strich ihm ohne Scheu über die Arme, die Beine und griff ihm schließlich zwischen die Beine. Dabei blinzelte sie Claire zu. »Ein Tier, oder? Ich sagte ja, dass die Medizin gewisse Nebenwirkungen hat.«
Die Weltenreisende wurde rot, während Ken dümmlich grinste.
»Das hier ist also jene Welt, die von Feindwesen überfallen wurde?«, fragte Francine. »Claire erzählte mir davon.«
»So ist es.«
Nicht Xarina hatte geantwortet, sondern eine dunkelhaarige Amazone, die just in diesem Moment den Raum betrat, dicht gefolgt von drei weiteren Frauen.
»Nadine und Lyntaia«, rief Claire, die beide Frauen erkannt hatte. »Aber die beiden anderen ...«
Xarina lächelte, während sie auf die Schwarzhaarige deutete. »Darf ich vorstellen – Hippolyte Daria, zehnte Herrscherin der Amazonen von Ares‘ Gnaden und Nachfolgerin von Catrina, die inzwischen in den Elysischen Gefilden weilt.«
Claire neigte den Kopf zur Seite. »Ich dachte, Nadine sei ausersehen, den Gürtel zu tragen. Wie ...«
»Nadine ist die oberste und würdigste Kriegerin«, erklärte Daria. »Sie mehrte den Ruhm der Amazonen wie keine andere vor ihr. Sie hätte Catrina folgen sollen, ihre Figur war bereits in Arbeit. Doch dann entschied sie sich, ihr Leben dem Kampf zu widmen. Etwas, das wir Amazonen sehr achten.«
»Ah«. Ken nickte, und auch Dan tat, als würde er vollständig verstehen. Dabei waren die beiden Männer nie in die tieferen Regeln und Geheimnisse der Amazonen eingeweiht worden. Einzig Claire kannte die Verstrickungen.
Daria deutete auf die vierte Frau. »Nancy Higgins. Sie kam aus jener Welt, aus der auch ihr entstammt. Ares schickte sie uns zur rechten Zeit, denn sie rettete Nadines Leben, als sich Christoph Schwarz gegen uns wandte.«
»Ich dachte, es gibt keine Ärzte auf Paros«, wandte Claire ein.
»Ares schickte uns eine Ärztin, also gibt es sie. Inzwischen hat sie vielen Schwestern in vielen Kämpfen das Leben gerettet. Was nicht bedeutet, dass sie nicht kämpft. Oh, und wie sie kämpft«, erklärte Nadine im Brustton der Überzeugung. »Ohne meine Seelenschwester wäre ich nicht komplett.«
»Wollt ihr sofort heiraten oder hat es noch etwas Zeit?«, fragte Lyntaia grinsend.
»Anders als du sind wir keine Lesben, meine liebe Schwester«, replizierte Nadine nicht minder grinsend. »Unsere Zuneigung funktioniert auf gänzlich anderer Ebene.«
»Entschuldigt, wenn ich das Geplänkel unterbreche«, rief Ken. Er schaute Daria an. »Wie meinst du das – Christoph Schwarz hat sich gegen euch gewandt? Er ist Führer der HDG.«
»Er war der Führer der HDG«, erwiderte Nancy kalt. »Tote führen keine Einheiten mehr. Er war für barbarische Forschungen zuständig. Forschungen aus unserer Welt.« Damit machte sie eine Handbewegung, welche die vier Timetraveller umfasste. »Als wir dies herausfanden, griffen seine Eliteeinheiten ein. Nadine wäre fast gestorben, ich selbst ...« Sie winkte ab. »Zu kompliziert. Wichtig ist nur, dass sich Christoph Schwarz gegen die Amazonen stellte, sie angriff und tötete. Einige Schwestern fielen während der Schlacht um eine Einrichtung der HDG namens Porta Blanka.«
»Das konnten die Amazonen nicht zulassen«, erklärte Daria nicht minder kalt. »Catrina verfügte eine Strafaktion. Wir legten Burg Rauenfels in Schutt und Asche, töteten Christoph Schwarz und seinen Stab und bewiesen damit der Welt und vor allem der HDG, dass man sich nicht ungestraft mit uns anlegt. Der Ruhm der Amazonen, vor allem aber unser Nimbus stieg enorm.«
»Was wurde aus Roger Müller? Und aus … Markui?« Angst sprach aus Claires Stimme.
»Markui floh durch ein Weltentor, Roger Müller ergab sich und unterwarf sich unserer Gerichtsbarkeit. Wir hätten ihn töten können, beschlossen aber, seine Brillanz zu nutzen. Er hat sein Labor nun hier, auf Paros.«
»Faszinierend«, murmelte Francine. »So viele Welten und so viele verschiedene Entwicklungsstufen, Probleme, Kriege. Das ist unglaublich.« Sie schaute zu ihren drei Begleitern. »Kein Wunder, dass ihr süchtig wurdet nach diesen Reisen. Dass ihr sofort eingewilligt habt, uns zu helfen.«
»Ja, sie machten schon auf Rauenfels den Eindruck, echte Spinner zu sein«, erwiderte Xarina grinsend.
Sie setzten sich an einen großen, runden Tisch.
»Also, was führt euch hierher?«, fragte Daria. Sie hatte die Unterhaltung zu Beginn nicht mitbekommen.
Francine übernahm es, das Problem erneut dazulegen.
»Ich nehme an, euer Thunderbird war auf die ungefähren Koordinaten des Flugschreibers programmiert?«, wollte die Führerin der Amazonen anschließend wissen.
»So ist es«, bestätigte die CIA-Agentin.
»Also befindet sich der Flugschreiber in London. Das ist nicht gut, denn diese Stadt wird von den Feindwesen gehalten. Unser Angriff konnte dies nicht ändern.« Daria schloss kurz die Augen.
»Ich weiß, was du denkst«, erklärte Lyntaia. Sie wandte sich an die Zeitreisenden. »Wir erhielten Berichte, laut denen die Feindwesen an einer neuen Möglichkeit arbeiten sollen, Weltentore zu öffnen. Kleine, effiziente Portale, mittels denen es ihnen sehr viel leichter fallen wird, Nachschub und Truppen hierher in diese Welt zu holen. Unser Angriff galt einer Einrichtung der Feindwesen, in der diese Forschung vorangetrieben wird.«
Francine begriff. »Sie haben den Flugschreiber gefunden und versuchen, die Daten auszuwerten. Unsere Technik gefährdet diese Welt.«
Daria lachte bitter. »Diese Welt wird ständig gefährdet; da macht euer Flugschreiber auch keinen Unterschied mehr. Aber ja, ich denke, dass es das ist.«
»Wir fliegen nach London, treten den Feindwesen dort in den Arsch und schnappen uns den Flugschreiber.« Die Augen von Nadine Weyer blitzten bei dem bloßen Gedanken an eine solche Aktion.
»Und bei dieser Gelegenheit befreien wir London von den Feindwesen«, gab Daria ironisch zurück.
»Wenn wir schon dabei sind ...«, erwiderte Nancy unschuldig. »Anschließend wandeln wir über das Meer, denn dann sind wir allmächtig.«
»Was ist mit Fort Oxford?«, fragte Xarina. »Es wird noch immer von der HDG gehalten, oder?«
»Stimmt«, bestätigte Daria. »Fort Oxford wird von uns gehalten. Es sitzt zudem in der Mitte der Frontlinie, die von dort nach Milton Keynes und Swindon verläuft.«
»Der menschliche Keil«, sinnierte Nadine.
»Wie meinst du das?«, wollte Claire wissen.
»Zusammen mit Stratford-Upon-Avon bilden die beiden Forts die Ecken eines Dreiecks, welches von Menschen gehalten wird. Die gesamte Frontlinie ist befriedet, es gibt ein paar Freistädte in der Nähe. Oxford sitzt etwa in der Mitte der London zugewandten Front. Es ist das größte Fort, in seinen Mauern leben mehr als 150.000 Menschen, etwa ein Drittel davon sind Soldaten.«
»Also könnten wir dieses Fort als Basis nutzen, um nach London vorzudringen?«, fragte Francine.
Daria musterte sie. »Bist du in deiner Welt so etwas wie eine Amazone?«
»Ja«, bestätigte die Agentin sofort. »Ich habe den Terror bekämpft, und das an vorderster Front. Zusammen mit einer sehr viel besseren Amazone, als ich es jemals sein werde, haben wir es mit einer wahren Übermacht aufgenommen.«
Nancy grinste schwach. »Wie geht es Jack?«
»Jack?«, fragte Lyntaia sofort. »Jack Berger? Ja, wie geht es ihr?«
Nadine verdrehte die Augen. »Du meine Güte, Schwester. Hast du deine Hormone noch immer nicht im Griff? Ich dachte, du seist über sie hinweg. War sie wirklich so gut?«
»In jeder Beziehung«, bestätigte die Amazone. Dabei grinste sie verschämt. »Wäre sie hier, hätten wir den Krieg gewonnen. Zusammen mit Xarina, Nancy und Nadine bräuchten wir keine HDG. Und diese Zunge, mit der sie ...«
»Ihr geht es gut«, unterbrach Francine die Schwärmerei der Frau rasch. Sie merkte nicht, dass sie rot wurde. »Zumindest war dem so, als wir das letzte Mal telefonierten.«
»Schön, dann ist es ausgemacht«, rief Nadine zur Überraschung aller. »Wir, die wir hier sind, fliegen nach Oxford. Dort planen wir unser weiteres Vorgehen.« Sie schaute zu Daria, die von ihrem Plan ausgenommen war. Die Führerin der Amazonen blieb auf Paros; einer der Gründe, warum Nadine die Ehre, den Gürtel zu tragen, abgelehnt hatte. »Natürlich nur mit deinem Einverständnis, Schwester.«
Hippolyte Daria nickte. »Das habt ihr. Wir müssen das Risiko, welches von diesem Flugschreiber ausgeht, um jeden Preis bannen. Mehrt den Ruhm und den Nimbus der Amazonen, Schwestern.«
II
Der Mond war über der Insel aufgegangen. Die Kykladen lagen in einem weichen, silbrigen Licht, welches ihnen einen malerischen Anstrich verlieh.
Weniger malerisch waren die roten Leuchtpunkte, welche auf den kleinen, unbewohnten Inseln ringsum leuchteten. Sie bildeten ein Verteidigungsnetz, welches die Insel schützte. Paros hatte unzählige Angriffe überstanden. Für die Feindwesen war Paros das vorrangige Ziel. Es zu zerstören hatten sämtliche Führer der Feindwesen versucht; erfolglos, denn der Schutzschirm war undurchdringlich.
Francine stand auf einem kleinen Felsen abseits der Stadt und schaute auf das offene Meer hinaus. Sie mochte die See; das würzige Aroma, die Brandung und die Weite, die einem die Illusion von Unendlichkeit verlieh.
Sanfter, warmer Wind strich über ihre Wangen. Ihre Gedanken trieben davon. Hin zu jener Frau, die in einer anderen Welt das Amt des Pontifex angetreten hatte.
Liebe – sie war über sie gekommen wie eine heiße Welle. Sie hatte sich ihr nicht widersetzen können und nun wünschte sie sich, mehr Zeit mit Victoria verbracht zu haben.
Oder mit Jaqueline Berger.
Warum verbarg sie ihre wahren Gefühle tief in ihrem Inneren? Warum der Kampf, warum all die Männer, die sie im Laufe der Zeit getroffen hatte, und deren Berührungen oder Küsse ihr nichts bedeuteten? Für wen verwandelte sie ihr Herz in eine Mördergrube?
Für ihre Eltern, um sie nicht zu enttäuschen?
Für die Freunde und Bekannten, die sich – vielleicht – von ihr abwenden würden?
Sie war alt genug, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sie hatte für ihr Land gekämpft, war verwundet worden und hatte getötet. Nun riskierte sie bei jeder Weltenreise ihr Leben erneut – für ihr Land, die Wissenschaft, ihren Vater.
Stand es ihr verdammt nochmal nicht zu, den Menschen zu lieben, für den sie Gefühle empfand; ganz egal, welches Geschlecht dieser Mensch hatte?
Ja, war es nicht geradezu ihr Recht, so zu empfinden, wie sie empfand? Eben weil dies das 21. Jahrhundert war und sie wirklich niemandem Rechenschaft darüber ablegen musste, wem sie ihr Herz schenkte?
Sie lachte traurig. Hier, in einer fremden Welt, war dies leicht gedacht. Doch zu Hause würden die alten Bedenken und Ängste kommen.
Vielleicht sollte ich mich einfach abseilen. Mir einen Glider schnappen und zu Victoria fliegen. Oder mir eine andere Welt, ein anderes Leben suchen.
Sie wandte sich um und schlenderte langsam den schmalen Weg entlang zurück zu jenem Haus, in dem sie mit den drei anderen Timetravellern wohnte.
Noch bevor sie es erreichte, trat Lyntaia an sie heran. Die Amazone trug lediglich einen Jogginganzug. Das Haar hing ihr verschwitzt ins Gesicht, ihr Atem ging schneller. Auf Schuhe hatte sie verzichtet, sodass ihre schlanken, wohlgeformten Füße zu sehen waren.
»Hallo Francine«, grüßte die Amazone. »Genießt du die Nachtluft?«
»Ja, ich … finde im Moment keine Ruhe. Und Paros ist so friedlich. Kaum zu glauben, dass sich diese Welt in einem solch umfassenden Krieg befindet.«
»Ohne diesen Frieden könnten wir keine Kraft schöpfen. Wir brauchen diesen Ausgleich, um Ares‘ Willen erfüllen zu können.« Sie lächelte sanft. »Was beschäftigt dich?«
»Das ist kompliziert«, gab Francine zurück.
»Wirklich?«, fragte Lyntaia. »Meist erscheint es nur kompliziert, aber tatsächlich ist es ganz einfach. Im Grunde konzentriert sich alles auf drei Punkte – Krieg, Geld oder Liebe.«
»Stimmt«, gab Francine zu. Dabei huschte ein Lächeln über ihre Lippen.
»Komm mit – ich habe einen köstlichen Met im Kühlschrank. Sobald ich geduscht habe, können wir ein Glas trinken und du erzählst mir, was dir den Schlaf raubt.«
»Nein, das wäre ...« Francine wurde rot. »Ich kann nicht … Das ist ...«
Die Amazone zuckte mit den Schultern. »Ich kenne Claire schon eine Weile. Nun ja, es ist Jahre her – für mich. Aber ich kenne sie und sie kennt mich. Sie und ihre Freunde wohnten schließlich auf Rauenfels, jagten diesen Magier und verbrachten Zeit mit den Leuten der HDG oder uns. Wir versuchten sogar, aus Claire eine Amazone zu machen. Das klappte nicht, aber menschlich harmonierten wir sehr gut.«
»Und das bedeutet?«, fragte Francine misstrauisch.
»Das bedeutet, dass sie mit mir über deine … Sorgen und … Schmerzen … sprach. Sie meinte, ich könne dir helfen.«
Tränen schossen Francine in die Augen. »Ich habe ihr vertraut. Ich dachte, sie sei meine Freundin. Wie kann sie mich derart hintergehen?«
»Gerade weil sie deine Freundin ist, hat sie mit mir geredet. Sie weiß nicht, wie du empfindest, daher kann sie dir nicht helfen. Ich hingegen verstehe sehr gut, was du gerade durchmachst. Die Zweifel, die Ängste, das Leugnen, Hoffen, Verdrängen ...«
»Du bist eine Amazone. Hier leben so viele Frauen. Ich hingegen ...«
»Dieses Thema war auf Paros lange Zeit tabu. Es ist ja nicht so, dass sich die Frauen hier miteinander vergnügen würden, nur weil sie jeden Tag beisammen sind. Im Gegenteil – einige der Schwestern haben Ehemänner, andere suchen sich in jeder Freistadt einen Lover oder mieten sich einen Ryk, um auf ihre Kosten zu kommen. Nein, dieses Thema war sehr lange ein No-Go. So lange, bis ich mich offen dazu bekannte, weil ich einfach keine Lust mehr hatte, mich zu verstellen.«
Lyntaia lächelte. »Lass uns in mein Haus gehen, hier draußen ist es ungemütlich. Der Met wird dir schmecken.«
Gemeinsam gingen sie zu einem kleinen Häuschen unweit der Straße.
»Die Gläser sind im Schrank, der Kühlschrank in der Küche. Ich dusche mich rasch.« Damit verschwand Lyntaia im Badezimmer.
Ich bringe sie um, dachte Francine verärgert. Wie konnte mich Claire derart hintergehen? Ich habe ihr vertraut, sie als meine Freundin betrachtet. Und nun …
Sie stellte die Gläser und den Honigwein bereit, während Lyntaia duschte.
Lange dauerte es nicht, bis die Amazone das Bad wieder verließ. Das Haar war noch nass, ihr Körper steckte in einem flauschigen Bademantel.
Gemeinsam setzten sich die beiden Frauen auf das Sofa und stießen an.
»Wie war es für dich, als du … darüber gesprochen hast?«
Lyntaia schaute zu Boden. »Ich verlor ein paar Freunde. Solche, von denen ich nie gedacht hätte, dass es ihnen etwas ausmacht. Aber das war letztlich besser, als mit irgendwelchen Typen zu schlafen, nur um mir selbst und anderen vorzugaukeln, dass mir das gefiele. Ich wollte nicht mehr in Bars die Ärsche der Ryks betatschen oder mich in einem Hotelzimmer in Neustadt von einem Typen ficken lassen, nur weil das meine Schwestern erwarteten und eine Wand, manchmal auch nur ein Bett weiter ebenso taten. Es wurde Zeit, diesen Ballast abzuschütteln.«
»Es hat sich also gelohnt?«
»Ganz entschieden. Jene Freunde, die ich nun noch habe, sind echte Freunde. Sie bedeuten mir sehr viel. Nancy, Nadine, Xarina ...«
Francine nahm einen Schluck Honigwein. Er schmeckte ausgezeichnet. »Wie … ist es mit einer Frau? Ich meine … Hin und wieder träume ich davon. Aber ich hasste diese Träume bislang.«
»Das kann man nicht erklären«, erwiderte Lyntaia. »Anders als mit einem Mann. Eine Frau schmeckt und riecht anders, ihr Körper ist weicher und weniger behaart. Aber denk nicht, dass es immer sanft, zärtlich und verspielt ist. Als Jack Berger damals da war, sahen wir hinterher aus, als hätten wir mit ein paar Insektenwesen gekämpft. Der Schmerz kann lustvoll sein ...«
»Du meine Güte«, wisperte Francine, während sie rot wurde. »Ich glaube, ich bin doch eher der zärtliche Typ.«
Die beiden Frauen lachten, während sie ihren Met tranken.
»Du hast mich aber nicht zu diesem Gespräch eingeladen, um mich zu verführen, oder?«, fragte Francine.
»Nun ja, ausgeschlossen hatte ich es nicht. Ich hatte seit gefühlt einhundert Jahren keinen Sex mehr. Wie gesagt – Frauen wie wir wachsen hier nicht auf den Bäumen. Zudem kann der Lover von heute das Opfer von morgen sein; man investiert nicht gerne Gefühle, wenn die Gefahr besteht, dass man tief verletzt wird.«
Die CIA-Agentin schluckte bei so viel Offenheit. »Das ist … Huch, ich meine ...«
Lyntaia grinste, während sie ihren Fuß hob und damit über die Hand der Agentin strich. »Du kannst einfach gehen. Oder sagen, ich soll die Finger von dir lassen – dann tue ich das.«
Lyntaias Fuß wanderte den Arm der Agentin empor. »Oder aber«, wisperte sie nach ein paar Sekunden, »du schließt die Augen und ich zeige dir, was dir bislang nur deine Träume zeigten. In ein paar Tagen verlässt du diese Welt und niemand muss je erfahren, was du getan hast.«
»Ich weiß nicht, was ich … Ich habe noch nie mit ...« Francine fühlte sich überfordert. Obwohl die Berührung an ihrem Arm ein wohliges Gefühl in ihr auslöste.
Als die nackten Zehen erst über ihre Schulter, dann über den Hals und ihre Wange glitten, griff sie nach ihnen, zögerte einen Moment und hauchte schließlich einen Kuss auf den wohlgeformten Großzeh.
Sie dachte nicht darüber nach, sondern folgte einfach dem, was sie in diesem Moment tun wollte.
»Schließ deine Augen«, forderte Lyntaia.
Sie öffnete ihren Morgenmantel, nachdem die Agentin der Aufforderung nachgekommen war, beugte sich vor und presste ihre Lippen auf Francines Mund.
Für einen Moment erschrak die Agentin, dann aber ließ sie es geschehen. Es ist eine fremde Welt. Niemand wird es je erfahren. Und wenn es nur ist, um endlich zu wissen, wie es ist …
Sie fühlte die Brüste der Amazone, nahm deren Duft und Erregung wahr.
Der Kuss wurde inniger, sie ließ zu, dass die Hände der Amazone unter ihre Kleidung schlüpften.
Nach wenigen Minuten verdrängte die pure Lust jegliche Bedenken …
Kapitel 2
I
Fort Oxford/ Parallelwelt
Die Timetraveller hatten den Thunderbird genutzt, um nach Oxford zu gelangen, die Amazonen ihre Flugscheiben.
Ein ruhiger, nahezu ereignisloser Flug lag hinter ihnen, als sie auf dem großen Feld des militärischen Flughafens landeten und dort aus den Maschinen kletterten.
Mehrere Männer der HDG eilten ihnen entgegen, kaum dass sie im Freien standen. Es handelte sich ihren Streifen nach zu urteilen um Unteroffiziere.
»Amazone Nadine?«, fragte einer von ihnen und schaute die Frauen fragend an.
»Hier«, meldete die junge Frau. »Hippolyte Daria hat uns angemeldet?«
Der Sergeant nickte. »Sie sprach mit Commander Briggs – er hat in Fort Oxford das Kommando. Wir haben Befehl, Ihnen bei Ihrem Vorhaben jede Hilfe zuteil werden zu lassen, die Sie benötigen.«
»Das hört man gerne!«, scherzte die Amazone. »Wir benötigen Unterkünfte sowie einen Besprechungsraum. An der Planung sollte ein erfahrener Offizier der HDG zugegen sein, denn bislang verschlug es unsere Gruppe nicht nach London.«
»Verstanden, Amazone Nadine. Sonst noch Wünsche?«
»Vorerst nicht.«
Der Mann nickte. »Wenn Sie mir folgen wollen.«
Er ging vor, die anderen Unteroffiziere der HDG verschwanden in verschiedene Richtungen.
»Werdet ihr immer so freundlich empfangen?«, fragte Ken, während er zu Nadine aufschloss.
»Machst du Scherze? Normalerweise verfluchen sie uns. Entweder, dieser Briggs ist tatsächlich so nett, oder aber er hat Dreck am Stecken und will es sich keinesfalls mit den Amazonen verscherzen. Nach Rauenfels weiß jeder HDGler, dass wir die beste Kampfeinheit der Welt sind. Und sie wissen, dass wir auch Verbündete angreifen, sollten diese die Hand gegen uns erheben.«
Sie passierten eine Kontrolle. Während die Amazonen ohne Stopp die elektronischen Sicherheitsschleusen passieren konnten, benötigten die Timetraveller Ausweise, welche sie gut sichtbar tragen mussten.
»Mein Name«, ließ sie der Unteroffizier wissen, »ist Sergeant Meyer. Ich bin Ihnen zugeteilt. Sollten Sie auf einen Offizier bei der Planung bestehen, kann ich dies arrangieren. Ich selbst war jedoch häufig in London und kenne mich dort aus.«
»Dann sind Sie uns willkommen«, erwiderte Nadine mit einem freundlichen Lächeln. Bislang behandelte man sie, wie es sich für Amazonen gebührte. Sie sah darum keinen Grund, unhöflich zu werden.
Meyer wandte sich an Nancy. »Stimmt es, dass Sie Amazone und Ärztin sind?«
»Ja.«
»Wir erwarten in Kürze Verwundete, da London angegriffen wurde. Wenn Sie sich bereiterklären würden, im Lazarett ...«
»Natürlich. Wir werden die Besprechung ohnehin erst abhalten, wenn aktuelle Daten bezüglich Londons eintreffen. Und das kann noch mehrere Stunden dauern.«
»Daten?«, fragte Meyer. »Wir verfügen über die aktuellsten Informationen, die es gibt. Ich verstehe nicht ...«
»Das, mein lieber Sergeant, ist eines unserer zahllosen Geheimnisse. Wir verfügen über Daten, welche die HDG nie zu Gesicht bekommen wird.« Nancy lächelte maliziös.
»Darum liebe ich meine Seelenschwester so!«, witzelte Nadine.
Sie betraten eine große Kaserne.
»Ihre beiden Begleiter erhalten eine Unterkunft im zweiten Stock. Für die Amazonen haben wir Räume im vierten Obergeschoss bereitgestellt. Der Frauentrakt ...«
Sie gingen eine Treppe hinauf.
Im Zweiten angelangt deutete Meyer auf eine Tür. »Raum 2-3-3. Die Tür ist offen, Bettzeug liegt bereit. Meine Herrn ...«
Ken schenkte Claire einen traurigen Blick, zuckte dann mit den Schultern und ging gemeinsam mit Dan zu der angegebenen Tür.
»Die Amazonen haben 4-1-0 bis 4-1-2. Benötigen Sie eine Führung?«, fragte Meyer.
»Nein, das finden wir auch so. Vielen Dank. Der Besprechungsraum?«
»Im Erdgeschoss, Raum 0-2-0.«
»Danke. Sobald uns die Daten vorliegen, lassen wir es Sie wissen.« Nancy nickte dem Mann zu. »Das Lazarett liegt hier im Gebäude?«
»Nein, es ist der große Backsteinbau gegenüber. Unsere Ärzte können jede helfende Hand gebrauchen.«
Die Frauen nickten, ehe sie in den vierten Stock stiegen.
»Also schön, die übliche Aufteilung«, rief Nadine, als sie vor den Räumen standen. »Xarina und Lyntaia, Nancy und ich und dann unsere beiden Besucherinnen. Oder hat jemand eine andere Idee?«
Claire schaute zu ihrer Partnerin. Leise, sodass es nur Francine hören konnte, wisperte sie: »Ich kann auch mit Xarina ein Zimmer teilen. Wenn dir das lieber ist ...«
Die Agentin errötete, griff dann aber nach der Hand ihrer Freundin. »Danke. Danke dafür, dass du mich zu meinem Glück gezwungen hast ...«
»Ich denke, ich werde mir mit Xarina ein Zimmer teilen. Wir haben uns sicher viel zu erzählen, nachdem wir uns so lange nicht gesehen haben.« Damit griff Claire nach Xarinas Hand und zog sie zu Raum 4-1-1.
»Huch«, rief die Amazone. »Haben wir uns viel zu erzählen? Ich meine ...«
»Ja, haben wir. Allein schon, wie es mit dir und Markui weiterging. Du glaubst gar nicht, wie mich das interessiert.«
»Wenn du meinst ...«
Nancy und Nadine schauten den beiden nach, dann blickten sie zu Lyntaia und Francine. »Ich denke, ich weiß, was hier gerade lief«, erklärte Nadine schließlich mit einem breiten Grinsen. »Wohlan, Seelenschwester – dann nehmen wir 4-1-0. Viel Spaß euch beiden. Und seid heute Nacht nicht allzu laut. Nicht, dass morgen die gesamte HDG weiß, was ihr getan habt.«
»Hey!«, protestierte Francine schwach, schwieg dann aber, als Lyntaia die Tür zu 4-1-2 öffnete, eintrat und sofort die beiden getrennt stehenden Betten zusammenschob.
»Du kannst froh sein, eine solche Freundin zu haben«, erklärte die Amazone, nachdem die Agentin eingetreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte.
»Ja, den Eindruck habe ich auch«, gab Francine zurück. »Gestern dachte ich, sie habe mich verraten. Aber nun denke ich anders darüber.«
»Wie schön.« Lyntaia blinzelte der Agentin zu. »Während wir auf die Daten warten, zeige ich dir unsere Waffensysteme. Hast du jemals mit einem Schwert gekämpft?«
»Schwert, Degen und Florett«, erwiderte Francine. »Meine Familie väterlicherseits ist überzeugt, von einer bei uns bekannten Königsfamilie abzustammen. Also ließen sie mir eine sehr gute Erziehung angedeihen. Dazu gehörten auch das Fechten sowie das Reiten.«
»Gut, Pferde benutzen wir keine, aber Energie-Schwerter. Sie sind im Getümmel sehr viel besser geeignet als eine D-Drex oder Energiepistolen. Allein schon, weil man mit einem Streich mehrere Gegner ausschalten kann.«
Sie öffnete eine Tasche und förderte zwei solcher Schwerter zutage. Sie hatten die Form japanischer Katanas, waren schlank, gut ausbalanciert und verfügten unterhalb des Tsuba, noch am Griff, über einen Schalter, mittels dem die Energie zugeschaltet werden konnte.
Aktivierte man diese Phasen-Energie, glühte die Klinge in einem sanften Blau.
Eine fürchterliche Waffe, entwickelt von Roger Müller exklusiv für die Amazonen; die HDG hatte diese Waffe ebenso wie die D-Drex verboten.
Zu potent, zu gefährlich.
Hin und wieder erschien es den Amazonen, als wolle die HDG den Krieg gar nicht gewinnen. Warum sonst sollte sie ihren Leuten die besten Waffen vorenthalten?
II
»Also, du willst wissen, wie es mit Markui und mir weiterging?«, fragte Xarina, während sie ihre Kleidung in den Schrank räumte.
»Klar«, erwiderte Claire.
»Stürmisch, leidenschaftlich … Wir waren ein Paar, bis Christoph Schwarz die Amazonen hinterging. Ich ...« Sie senkte die Stimme. »Ich warnte ihn kurz vor dem Angriff. Darum konnte er fliehen. Ich habe ihn geliebt. Zumindest so weit, wie man einen Menschen unter solchen Bedingungen lieben kann. Die Geliebten von heute ...«
»… sind die Beklagten von morgen, ich weiß.« Claire seufzte. »Ich bin dir noch immer dankbar für die Medizin. Ken und ich … Ich dachte nie, dass ich einen Menschen so sehr lieben kann wie ihn. Und was du über ihn gesagt hast ...« Sie grinste. »Das stimmt schon. An manchen Abenden ist er unersättlich.«
Xarina grinste, runzelte dann aber die Stirn. »Und für diese kurze Unterhaltung hast du mit Lyntaia das Zimmer getauscht? Das hätten wir doch ...« Sie sah den erstaunten Blick der Zeitreisenden. »Was?«
»Du meine Güte!«, rief Claire. »Nein, nicht deswegen.«
»Sondern? Ich verstehe gar nichts. Nun muss sich die arme Francine die anzüglichen Sprüche von Lyntaia anhören. Du weißt ja, dass sie auf Frauen steht.«
»Sie muss nicht, sie darf.«
»Darf?«
Claire schaute auf Xarinas Füße.
»Was?«, fragte die Amazone.
»Ich suche gerade den Schlauch, auf dem du stehst!«
»Ich stehe auf dem Schlauch? Ich begreife nicht, was ...« Sie riss die Augen auf. »Oh, du meinst, Lyntaia und Francine ...«
»Jetzt hat es doch noch klick gemacht.« Claire grinste. »Francine tut sich ein bisschen schwer damit, zu ihren wahren Gefühlen zu stehen. Ich dachte auch nicht, dass sie auf Frauen … Aber bei unserem letzten Abenteuer verliebte sie sich in eine Frau. Ich arrangierte, dass sie und Lyntaia ein Gespräch hatten. Das Gespräch dauerte die ganze Nacht, wenn du verstehst.«
»Du bist ein durchtriebenes Luder! So kenne ich dich gar nicht!« Es klang anerkennend.
»Das Leben hat mich dazu gemacht. Weltenreisen, verrückte Magier, Tod und Gefahr … Wenn man da nicht durchtrieben wird und auf die achtet, die einem etwas bedeuten, dann weiß ich es auch nicht!«
III
Nancy betrat das Lazarett und schaute sich um. Der Geruch von Desinfektionsmittel, Medikamenten, Ausscheidungen und Blut stieg ihr in die Nase.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte eine Schwester. Sie trug grüne Kleidung, um ihren Hals hatte sie sich ein Stethoskop gehängt.
»Ich bin Amazone Nancy. Oder auch Doktor Nancy Higgins, Medizinerin. Man bat mich, im Lazarett auszuhelfen, bis meine eigentliche Mission beginnt.«
»Sie schickt der Himmel!«, rief ein Arzt, der kurz zuvor aus einem OP getreten war. Er musterte Nancy aufmerksam. »Bislang wusste ich nicht, dass die Amazonen Ärztinnen beschäftigen. Es hieß immer ...«
»Die Zeiten ändern sich. Ares hat mir meinen Platz zugewiesen. Es war sein Wille, und diesen erfüllen wir.« Nancy glaubte, was sie sagte. Auch wenn sie aus einer anderen Welt stammte, so hatte sie doch Göttinnen getroffen. Und wo diese waren, gab es auch Götter.
Zudem glaubte sie an das keltische Konzept und laut diesem waren alle Götter ein Gott. Daher machte es ihr nichts aus, an Ares zu glauben.
Ganz im Gegenteil.
»Nun, dann kommen Sie mal mit, Amazone. Oder soll ich Sie Doktor Higgins nennen?«
»Amazone ist ausreichend. Dieser Titel ist würdiger, wie ich finde.«
»Hmpf«, machte der Arzt, während er eine Umkleidekabine ansteuerte. »Dort drinnen finden Sie frische Kittel. Schwester Betty hier ...« Damit deutete er auf jene Krankenschwester, die Nancy bereits kannte, »wird Ihnen mit allem behilflich sein, was Sie benötigen. Der Warteraum ist voll; am besten übernehmen sie die Triage.«
»Einverstanden.« Nancy wandte sich an Schwester Betty. »Handschuhe in großer Menge, ein Stethoskop, Desinfektionsmittel, Holzspatel und Einwegpinzetten.«
»Kommt sofort. Die Notaufnahme befindet sich links von Ihnen, die dritte Tür den Gang hinunter. Es sind vier OP‘s besetzt, wir haben Ultraschall, Röntgen und CT – alles einsatzbereit.«
»Gut. Ich brauche zwei Schwestern oder Pfleger. Legen wir los.«
Nancy eilte in die Umkleide.
Als sie diese wieder verließ und ihre medizinischen Gerätschaften entgegennahm, fühlte sie sich einmal mehr wie eine Ärztin, nicht wie eine Kriegerin. Und doch blieb sie eine Amazone, auch als sie die Notaufnahme betrat und sich die Verwundeten anschaute.
Sie alle hatten die Feindwesen bekämpft und verdienten darum Ehre.
»Schwester Betty«, bat sie, »alle, die sitzen können, nach links, die Liegenden nach rechts. Wer Ihrer Meinung nach sofort behandelt werden muss, wird mit einem roten Pflaster auf der Schulter markiert.«
Sie drehte den Kopf, als zwei junge Sanitäter an sie herantraten. »Ihr seid mir zugeteilt?«
Sie nickten.
»Gut. Nicht mit mir diskutieren, rasch handeln. Ist uns Ares gnädig, werden viele überleben.« Damit ging sie zu einem Mann, der sich auf seiner Liege krümmte.
Kapitel 3
I
Fort Oxford/ Parallelwelt
»Laut unseren Informationen ist es nicht so, dass in London ausschließlich Feindwesen leben. Es gibt Widerstandsgruppen, die sich in den Häuserschluchten verborgen halten und versuchen, das Übel von innen heraus zu bekämpfen.« Nadine schaute zu Meyer, der ebenfalls an dem runden Tisch im Besprechungsraum Platz genommen hatte. »Ist das zutreffend?«
»Ja. Aber auch wir wissen nicht, wo sich diese Zellen befinden. Sie wechseln häufig ihre Position, verstecken sich in der alten Tube oder in den Bunkern. Hin und wieder nennen sie uns Orte, an denen wir Nachschub deponieren können.«
»Schön.« Nadine projizierte eine Karte der großen Stadt auf eine Leinwand. »Es gibt unseres Wissens nach zehn autarke Gruppen. Blau markiert sind die momentanen Standorte, gültig für zwei Tage.«
Meyer starrte erst die Karte, dann Nadine an. »Woher haben Sie diese Informationen? Es ist streng geheimes Material, nicht einmal wir haben ...«
»Wir sind Amazonen. Uns vertrauen die Widerstandskämpfer. Aber das ist ein anderes Thema, Meyer.« Die Amazone grinste kalt. »Wir haben Kontakt zu einem Mann, der sich Thor nennt. Er führt die nun lila markierte Widerstandsgruppe namens Thor‘s Hammer. Sie residiert zurzeit in einem gut ausgebauten Schutz-System unter dem Hyde Park.« Sie färbte die Zone auf der Karte lila.
Meyer wurde bleich. »Wenn diese Informationen den Feindwesen in die Hände fallen, dann ...« Er verstummte bei dem bloßen, grauenvollen Gedanken an das Gemetzel, welches eine undichte Stelle zur Folge haben könnte.
»Wir sorgen dafür, dass dies nicht geschieht.« Nancy lehnte sich zurück. Sie trug nun wieder die Kleidung einer Amazone. Obgleich sie den ganzen Tag in der Notaufnahme und später im OP geholfen hatte, spürte sie keine Müdigkeit; dank Koffein und anderen Muntermachern. Sie wusste aber, dass sie ein paar Stunden Schlaf benötigen würde, sobald diese Besprechung zu Ende war.
Nadine blendete grüne Zonen ein. Sie befanden sich am Rand der Stadt. »Dies sind Wege in und aus der Stadt, welche von den Widerstandsgruppen genutzt werden. Sie verlaufen unterirdisch und sind durch verschiedene Schutzmaßnahmen gesichert.«
Abermals japste Meyer. »Solche Informationen wären für uns enorm wichtig. Wir könnten Waffen und Männer in die Stadt bringen, um London zurückzuerobern. Wieso ...« Er schlug auf den Tisch. »Wir setzen alles daran, um die Feindwesen zu besiegen. Aber uns liegen keine solchen Informationen vor. Wie ist das möglich?«
»Fragen Sie die Widerstandskämpfer oder das HDG-Hauptquartier. Wir verraten unsere Quellen nicht.« Nadine deutete wieder auf die Karte. »Lyntaia wird unser Vorgehen erklären.«
Die Amazone nickte kurz, griff nach dem Eingabegerät und blendete ein paar der Zugänge aus. Nur drei blieben übrig. »Wir teilen uns auf. Drei Gruppen zu je zwei Amazonen dringen in das Stadtgebiet vor. Unser erstes Ziel ist das Gebiet unter dem Hyde Park. Wir haben Zugangscodes erhalten, mittels denen wir die Sicherheitskontrollen ungehindert und vor allem gefahrlos passieren können.«
»Und was machen wir?«, will Ken wissen. »Außerdem sehe ich nur vier Amazonen und vier Timetraveller.«
»Francine ist mehr oder weniger eine Amazone, wenn auch aus einer fremden Welt. Und Claire ist eine Frau, die unsere Regeln kennt. Was ihr macht ...« Lyntaia grinste schwach. »Ihr übernehmt die Rolle des Operators. Sprich – ihr sitzt in der Operationszentrale und helft uns, sollten wir Hilfe benötigen.«
»Auf keinen Fall!«, erklärte Ken bestimmt. »Ich lasse meine Freundin nicht in die Scheiße laufen, ohne an ihrer Seite zu stehen. Das habe ich hinter mir.«
Nadine schaute den Mann hart an. »Amazonen nehmen keine Männer mit auf einen Einsatz. Mit Ballast behängen wir uns nicht.«
»Ich bin kein Ballast. Ich bin schneller und stärker als ein normaler Mann. Die Medizin ...«
Nadine warf sich auf den Tisch, rutschte über die Platte und packte Ken am Kragen, noch bevor dieser reagieren konnte.
»Xarina hat dir in einem Anfall von Mitleid diese Medizin gegeben. Ich verabscheue das Zeug und ich verabscheue die Ryk. Sei froh, dass du wieder laufen kannst, und kein Krüppel bist. Aber komm niemals auf die Idee, vor mir mit deiner Stärke zu protzen.« Sie ließ ihn los. »Wir ziehen für euch in die Schlacht, also entscheiden wir Amazonen, wer uns begleitet. Und weder du noch Dan gehören dazu. Sollte Claire bei diesem Einsatz in die Elysischen Gefilde eintreten, dann ist das Ares' Wille und wir beugen uns dem.«
Sie rutschte zurück, das erschrockene Gesicht von Meyer dabei ignorierend.
Ken funkelte Nadine wütend an. »Sei froh, dass wir euch brauchen. Sonst würde ich dir zeigen, was diese Medizin aus mir gemacht hat.«
»Hey!«, rief Claire und schaute erst ihren Freund, dann Nadine verblüfft an. »Was läuft denn hier? Wir ziehen alle am selben Strang.« Sie seufzte. »Natürlich gehe ich mit und natürlich werde ich mein Bestes geben. Xarina ist meine Partnerin?«
»So ist es«, bestätigte Lyntaia. Sie deutete auf die drei Zugänge in die Stadt. »Nadine und Nancy sind Team 1 – sie nehmen den Zugang in High Wycombe. Xarina und Claire bilden Team 2 und nehmen Reading während Francine und ich – Team 3 – unser Glück bei Luton versuchen.«
»Wir nehmen also die Zugänge, hoffen darauf, dass sie frei sind und arbeiten uns zu den Widerstandskämpfern unter dem Hyde Park durch«, fasste Francine zusammen. »Aber das bringt uns noch nicht zum Ziel.«
»Nein«, bestätigte Lyntaia. »Aber Thor weiß, wo sich der Flugschreiber befindet. Also werden wir uns von ihm zeigen lassen, wie wir dorthin gelangen und ihn bergen.«
»Haben wir ihn«, nahm Nadine das Gespräch wieder auf, »kommen die HDG und die beiden männlichen Timetraveller ins Spiel. Die HDG wird einen Angriff fliegen, Ken und Dan hingegen bringen den Thunderbird in Stellung, um Claire und Francine sowie den Flugschreiber einzusammeln. Ihr verschwindet, wir ziehen uns zurück und die Sache ist gelaufen.«
»Wäre es schon vorbei, dann würde ich sagen, dass es einfach war. Aber eines hat mich Jack Berger gelehrt – nichts ist einfach, bevor es vorbei ist.«
»Sie ist eine weise Frau. Würde sie in dieser Welt leben, wäre sie bestimmt eine Amazone«, scherzte Nadine.
»Wäre sie, dessen bin ich mir sicher. Ich kann sie einladen, wenn du möchtest. Wenn sie noch immer auf ihrem selbstzerstörerischen Trip ist, akzeptiert sie wahrscheinlich.« Nancy klang traurig, denn sie mochte die Schatzjägerin sehr. Nicht nur, weil sie von ihr die Möglichkeit erhalten hatte, in diese Welt zurückzukehren.
»Solltest du vielleicht tun.« Nadine streckte sich. »Also schön, wenn alle Klarheiten beseitigt sind, heben wir das Treffen auf und genießen den Abend. Wir starten um 0-600 mit einem letzten Briefing seitens Meyers, der uns mit den ihm bekannten Gegebenheiten vertraut machen wird. Noch Fragen?«
Sie sah, dass alle den Kopf schüttelten.
»Dann viel Spaß.«
»Was machen wir?«, fragte Claire, während sie neben Ken aus dem Raum ging. »Schauen wir uns Oxford an?«
»Ich weiß nicht, was dein Freund macht!«, mischte sich Xarina ein, »aber wir beide trainieren noch ein bisschen. Morgen wird es hart. Also ...«
»Aber …!«, rief Ken, doch Nadine packte seine Schulter.
»Du begleitest Nadine und mich in einen teuren Club und zahlst.« Dann drehte sie den Kopf. »Hast du eigentlich Geld?«
»Nein. Nicht aus dieser Welt.«
»Dann zahlen wir und tun so, als hättest du bezahlt, um das mit uns ins Reine zu bringen. Komm, Bursche.«
»Da schließe ich mich an«, rief Dan.
»Hast du Geld?«, wollte Nadine wissen.
»Ähm – nein.«
»Dann gibt es auch keine Drinks für dich. Also, bleib artig in der Kaserne und schau dir die Operationszentrale an. Ich glaube, sie haben auch ein paar Spiele im Truppenraum.«
Dan drehte frustriert den Kopf und blickte zu Francine und Lyntaia. »Was macht ihr? Kann ich mich euch anschließen?«
»Nein, denn wir gehen in unser Zimmer und … trainieren ebenfalls«, erklärte die Amazone. »Dabei sind keine Männer erlaubt. Amazonen-Regel.«
II
»Ich mag keine Ryk und ich mag keine Männer, die sich aufdrängen wollen«, erklärte Nadine, nachdem sie einen Club betreten hatten. Soldaten der HDG waren ebenso darin zu finden wie Zivilisten. »Darum meine Reaktion.«
Ken wusste, wann er die Klappe zu halten hatte. Claire war eine Frau und wenn die Amazonen etwas hassten, dann einen Mann, der glaubte, auf eine Frau aufpassen zu müssen.
Darum nickte er nur, nahm sein Glas entgegen und trank.
Die Musik war nahezu hypnotisch, ebenso das zuckende Licht.
Nancy schaute sich um und entdeckte einen schüchtern dreinblickenden Mann, der allein an einem kleinen Tisch in der Ecke saß.
Sie gab Nadine zu verstehen, dass sie sich ein wenig absetzen würde und ging hinüber zu dem Schüchternen, um ihm die Zeit zu vertreiben.
Ken schaute ihr nach und sah, dass sie unverblümt flirtete.
»Also, was hast du zu deiner Entschuldigung vorzubringen?«, riss ihn Nadine aus seinen Gedanken.
»Ähm ...«
»Das ist ja nicht viel.« Sie griff nach seinen Händen. »Kannst du tanzen?«
»Sicher.«
»Dann komm.« Sie zerrte ihn zur Tanzfläche, legte ihre Hände ungeniert auf seinen Hintern und presste ihren Unterleib an seinen. »Oh ja, die Medizin hat gewirkt«, wisperte sie ihm dabei ins Ohr.
Der Mund des jungen Mannes wurde trocken. Zumal sich Nadine lasziv zu bewegen begann. Die Musik war langsam und einlullend, das Licht schien zunehmend dunkler zu werden. Hinzu kam die Nähe der Frau, deren Kraft und Wildheit.
Ken ahnte, worauf das alles hinauslaufen sollte und er wusste auch, dass er Nadine nicht darauf hinweisen musste, mit Claire liiert zu sein.
Es gab für ihn zwei Möglichkeiten – er unterband, was sich anbahnte, oder er ließ es laufen. Die Intentionen der Amazone waren klar, Sprüche wollte sie keine hören und auch keine Liebesschwüre.
Sie wollte Sex, und zwar rasch.
Die Atmosphäre nahm ihn ebenso gefangen wie das Zeug, welches er intus hatte. Ein Drink, in dem laut Nadine Leidenschaft und Leichtigkeit enthalten waren.
Erst hatte Ken dies für einen dummen Spruch gehalten, aber nun merkte er, dass es die Amazone ernst gemeint hatte.
»Und? Fühlst du dich gut?«, wisperte Nadine, während sie mit ihrer Hand seine Pobacken knetete. Ihr Atem streifte sein Ohr und ließ ihn erschauern.
Du solltest die Sache beenden, und zwar sofort. Wenn Claire erfährt, was hier lief, wird sie mir die Hölle heiß machen. So lange bangte sie um mich, und jetzt … »Ja, schon«, gab er heiser zurück. »Du machst mich wuschig.«
»Das ist auch mein Ziel. Weißt du, wie lange ich keinen Harten zwischen meinen Schenkeln hatte? Viel zu lange ...«
Er schluckte wieder, während sich Nadine in seinen Armen drehte, seine Hände umfasste und zu ihren Brüsten führte. Schon spürte er die weiblichen Rundungen unter dem Stoff ihres Shirts. Mit dem Po massierte sie seinen Schritt, genoss die Erektion, die sie damit auslöste und lachte leise, als sie sein erregtes Keuchen hörte.
Sie wandte sich um und blickte ihm in die Augen. Dann zog sie ihn von der Tanzfläche, zu einer kleinen Treppe, die hinauf in den ersten Stock führte.
Relaxing Zone stand auf einem Schild neben der Treppe.
Scheiße, was tust du da? Du darfst Claire nicht hintergehen …
Hinter ihm kamen Nancy und der Schüchterne die Stufen hinauf.
Sie betraten einen großen Raum, in dem eine Matte auf dem Boden lag. Ein Pärchen hatte sich bereits gefunden und den hinteren Bereich für sich reserviert.
»Also, runter mit der Hose«, lachte Nadine. Dabei streifte sie sich selbst das Shirt ab.
Unsicher schaute er zu Nancy, die es ihrer Freundin gleich tat.
Doch dann spürte er die Hände der Amazone an seiner Hose, spürte, dass der Stoff nach unten gezogen wurde.
Nadine stieß ihn auf die Matte. »Ich liege oben, Süßer. Jetzt wird aufgesessen.« Sie liebkoste aufreizend ihre Brüste, sah seine körperliche Reaktion auf ihr Tun und lachte gelöst. Dann sank sie neben ihm nieder.
Ken hörte Nancy stöhnen, schmeckte Nancys Zunge in seinem Mund und wusste, dass es von Anfang an auf diesen Moment hatte hinauslaufen sollen. Darum das abendliche Training, dem sich Claire unterziehen musste und darum der Club, der Drink.
Die Lust ergriff Besitz von ihm, trug ihn auf kraftvollen Schwingen davon. Claire war in diesem Moment Welten entfernt …
Kapitel 4
I
Fort Oxford/ Parallelwelt
»In London haben Schweinepriester das Kommando. Ihr alle wisst, was das ist?«
»Nein«, gab Dan zu.
»Kahlköpfige Magier mit Kampfstäben. An den Spitzen dieser Stäbe sitzen Kristalle, deren Energie Menschen erst tötet, dann in Untote verwandelt. Sie sind eine enorme Gefahr.«
Nancy nickte. »Die Rüstungen der Amazonen bietet einen sehr guten Schutz gegen die Strahlen der Priester. Weiter ...«
»Spinnenbeine, Säureratten und Ryk. Sehr viele Ryk«, fuhr Meyer fort. »Regiert wird die Stadt von einem Wesen namens Lelewo. Wir wissen nicht, um was es sich dabei handelt. Aber er ist im Rat der 25; soviel ist sicher.«
»Rat der 25?« Claire runzelte die Stirn. »Ich dachte, es gäbe einen Rat der Zwölf!«
»Der Rat der Zwölf ist das oberste Gremium, die Regierung, wenn man so will. Der Rat der 25 wiederum ist ein beratendes Organ.« Nancy Augen leuchteten. »Lelewo, hu? Und wo finden wir den? Im Palast?«
»Denk nicht mal dran!«, mahnte Lyntaia. »Wir haben unsere Aufgabe und führen sie aus. Bitte, lass uns keine Extratouren drehen.«
»Wir würden den Ruhm der Amazonen enorm mehren, wenn wir einen aus dem Rat der 25 zur Strecke bringen.« Noch immer leuchteten die Augen der Amazone.
»Und unser Vermögen«, gab Nancy zu bedenken. »Hat die HDG nicht 500.000 Dublonen auf den Tod eines solchen Wesens ausgesetzt?«
»Ja, hat sie«, stimmte ihr Meyer zu. »Und eine Million, wenn man einen aus dem Rat der Zwölf erwischt. Viele versuchten es, alle sind tot.«
»500.000 Dublonen geteilt durch sechs Amazonen. Das sind ...« Nancy schloss die Augen und rechnete.
»Etwa 83.333.« Nadine war schneller. »Ja, das könnten wir alle gut gebrauchen.«
»Du hast eine Million Dublonen erhalten, als du Jeret erledigt hast?«, fragte Lyntaia verblüfft. »Das wusste ich gar nicht.«
»Yepp«, erwiderte Nadine gut gelaunt. »Aber mir geht es nicht um das Geld. Ich will den Feindwesen größtmöglichen Schmerz zufügen. Lelewo zu töten wäre da ein Schritt in die richtige Richtung. Und der Ruhm der Amazonen würde enorm steigen.«
»Ein Vorschlag zur Güte!«, warf Nancy ein. »Wir erfüllen unsere Mission. Wenn es Ares gefällt und wir alle noch leben, entscheiden wir neu, ob wir Lelewo in den Arsch treten oder zurückkehren.«
»Wohl gesprochen!«, rief Xarina. »Also, dann sollten wir starten. Oder möchte jemand noch rasch Ares opfern?«
»Wir opfern Ares heute sehr viele Feindwesen. Das sollte ihm reichen«, erwiderte Lyntaia ironisch, während sie aufstand. »Schlüpfen wir in die Rüstungen und ziehen wir aus, den Ruhm und den Nimbus der Amazonen zu mehren.«
»Richtig.« Nadine schaute zu Ken. »Deine Freundin wird heute vielleicht von Ares in die Elysischen Gefilde gerufen. Hast du es ihr gesagt?«
Der junge Mann riss erschrocken die Augen auf, seine Wangen färbten sich rot.
»Was soll er mir gesagt haben?«, fragte Claire misstrauisch.
»Dass er und ich gestern Abend Sex hatten. In dem Club, den wir besuchten. Du solltest es wissen, ehe wir in die Schlacht ziehen.«
Claire starrte Nadine fassungslos an, dann drehte sie den Kopf und schaute zu Ken. »Du hast … Er hat … Und jetzt ...«
Lyntaia griff nach Francines Hand und zog sie davon. Dabei schaute sie die Agentin beschwörend an.
Auch Xarina und Dan hatten es eilig, den Raum zu verlassen.
»Und? Wie war es?«, fragte Claire nach ein paar Sekunden.
»Gut. Die Ryk-Medizin hat ihre Wirkung getan.« Nadine lächelte. »Hör zu, Schwester – ich habe kein Interesse an ihm, welches über diese eine Nacht hinausgeht. Ihr reist in eine fremde Welt, ich werde ihn vermutlich nicht so schnell treffen. Falls überhaupt … Außerdem investiere ich keine Gefühle, denn die Geliebten von heute sind die Beweinten von morgen.«
Claire nickte. Noch immer starrte sie ihren Freund an.
Nadine gab Nancy ein Zeichen, ihr zu folgen. Gemeinsam verließen sie den Raum.
»Es tut mir leid«, wisperte Ken. »Wirklich, ich … Wir waren in diesem Club, tanzten und tranken etwas. Dann ...«
»Ich will es nicht hören. Wirklich, ich will keine Details kennen. Bedeutet sie dir etwas?«
»Nein!«, rief Ken. »Nein, ich liebe dich und niemanden sonst.«
»Gut. Dann vergessen wir die Sache einfach, denn ich muss in eine von Feindwesen gehaltene Stadt.«
»Das ist alles? Du machst nicht Schluss? Du machst mir keine Szene?«
»Nein und nein. Warum auch? Wir leben ständig am Limit. Ich liebe dich und du liebst mich. Wir gehören zusammen. Aber Sex … ist nun ein anderes Thema.« Sie dachte an die Momente, die sie während ihren Zeitreisen gehabt hatte. An die Augenblicke, in denen sie sich an andere Personen hätte verlieren können, während Ken im Bett lag, verkrüppelt durch einen Schuss.
Bislang hatte sie sich wegen ihrer Zweifel und ihrer Schwäche Vorwürfe gemacht.
Das war nun vorbei.
»Hm«, murmelte Ken, der sich unwohl fühlte. Fast wäre ihm eine Szene lieber gewesen.
II
»Das also ist die legendäre Rüstung der Amazonen?«, fragte Francine, während sie die Kleidung betrachtete. »Erinnert ein wenig an das, was wir ebenfalls tragen.«
»Wahrscheinlich, weil die Grundidee von ein und derselben Person stammt«, erwiderte Nancy. »Basis der heutigen Rüstungen ist die FICAAW von Roger Müller. Jener Roger Müller aus unserer Welt.«
»Einen FICAAW hatte ich gestern Abend auch.« Nadine blinzelte Claire zu. Dann wurde sie wieder ernst. »Wir haben die Rüstung natürlich an unsere Bedürfnisse angepasst. Sie bieten Schutz vor Strahlung jedweder Art, halten Säure ab und widerstehen bis zu einem gewissen Grad Energiewaffen.«
»Ziemlich cool«, gab Francine zurück. »Sie gleicht Hitze und Kälte aus?«
»Natürlich. Von -45 Grad bis hin zu 80 Grad kann sie alle Temperaturen verkraften und ausgleichen. Darüber und darunter wird es kritisch.«
Claire nahm ein Schwert entgegen. Sie hatten am Abend zuvor genau damit trainiert. Daher war ihr das Handling nicht fremd.
Sie schlüpften in die Uniformen, legten die Waffengurte um und schoben sowohl die D-Drex als auch eine Energie-Pistole wie das Schwert in die dafür vorgesehenen Aussparungen.
Während die Feuerwaffen im Gürtel an der Hüfte getragen wurden, hing das Schwert hingegen auf dem Rücken, sodass der Griff über der rechten Schulter hinausschaute.
Zum Schluss zogen die Frauen die Stiefel, dann die Handschuhe an und zuletzt setzten sie ihre Helme auf. Nun waren sie auf das interne Kommunikationssystem angewiesen. Auch sahen sie die Welt nicht mehr durch das verspiegelte Visier, sondern via Kameras, die im Helm integriert waren und einen Rundblick ermöglichten.
»Dan, Ken – könnt ihr uns hören?«, fragte Nancy, nachdem auch sie ihren Helm geschlossen hatte.
»Laut und deutlich«, kam es von Dan zurück. »Wir sitzen im Operationsraum und sehen, was ihr seht. Außerdem habe ich eine Karte des Zielgebiets auf dem Schirm. Die drei Einstiegspunkte sind frei.«
»Danke«, gab Nancy zurück. »Also schön, holen wir den Flugschreiber.«
»Hier strömt Luft in den Helm!«, rief Claire. »Ist das normal? Ich trage doch keine Flasche.«
»Die oberste Schicht des Anzugs fungiert als Filter. Sie reinigt die Luft, führt sie zum Hals und dort wird sie über kleine Düsen in den Helm geblasen. Solange Sauerstoff in der Außenluft ist, greift sie darauf zurück.«
»Und wenn keiner mehr da ist?«, fragte Claire erschrocken.
»Dann gibt sie im Material eingeschlossenen Sauerstoff frei. Er reicht für knapp fünfzehn Minuten. Entweder ist man dann raus aus der Gefahrenzone, hat eine O2-Flasche gefunden oder macht sich auf, die Elysischen Gefilde zu betreten. Je nachdem, wie es Ares gefällt.«
»Das sind glänzende Aussichten.« Claire schüttelte den Kopf. Dann schaute sie in einen Spiegel. »Du meine Güte, ich bin Robocop.«
»Das kommt dir nur so vor«, scherzte Nadine. Sie legte der Zeitreisenden ihre Hand auf die Schulter. »Du hast reagiert, wie es sich für eine Amazone geziemt. Ich bin stolz auf dich.«
»Ja ...«
Kapitel 4
I
Um London/ Parallelwelt
Die Sonne schien bereits, als die beiden Amazonen ihre Flugscheibe verließen, sie mit Gestrüpp tarnten und sich dann auf die Suche nach dem Einstieg bei High Wycombe machten.
»Dan – laut unseren Informationen muss sich hier in der Nähe ein Schacht befinden. Seht ihr den?«, fragte sie nach ein paar Sekunden.
»Moment, ich zoome heran.« Dan benutzte einen Stick, um die Kamera des Weltumspannenden Überwachungssystems näher an den Grund zoomen zu lassen.
»Hier ist was!«, rief Ken nach ein paar Sekunden. »Unter einem großen, mit roten Beeren bewachsenen Busch. Ich kann einen eisernen Ring ausmachen.«
Nancy und Nadine schauten sich um, fanden den Busch und entdeckten auch den Zugang.
Er war mittels Codeschloss gesichert.
Nadine hob ihren Arm und schaute auf einen tragbaren, wie eine riesige Uhr am Handgelenk befestigten Computer.
Anschließend tippte sie ein paar Zahlen ein, um den Schacht zu öffnen.
»In den Bauch der Bestie!«, wisperte Nancy, während sie sich über den Rand wuchtete, mit den Füßen nach Tritten suchte und schließlich in der Tiefe verschwand.
»Schalte um auf Helmkamera!«, bat sie Dan, während sie in die Tiefe stieg. »Ihr könnt auch jene Kameras ansprechen, die uns gerade keine Bilder liefern. Wir benutzen die automatische Cam, die immer jenen Winkel zeigt, den wir auch ohne Helm sehen würden. Drehen wir den Kopf, dann bewegt sich der Ausschnitt mit. Ihr könnt jedoch unsere Sechs im Blick behalten.«
»Machen wir.« Dan schaltete die entsprechende Sicht auf. »Ja, wir sehen nun, was ihr seht und auch, was ihr nicht seht.«
Ken ballte die Hände zu Fäusten. Wie gerne wäre er nun da unten, um Claire zur Seite zu stehen. Oder, um Nadine eine Ohrfeige zu geben.
»Warum hast du es ihr sagen müssen?«, fragte er unvermittelt.
»Weil sie eine Frau ist und das Recht hat, es zu erfahren. Ich habe dich nicht gezwungen. Nur verführt – es war deine Verantwortung. Also musst du auch dazu stehen.«
»Scheiße«, knurrte Ken. »Ich dachte ...«
»Du dachtest, ich würde es nicht sagen. Möchtest du eine Lüge leben? Oder möchtest du, dass Claire eine Lüge lebt? Wir sind Amazonen, du hättest es wissen können.«
»Ja ...«
»Und jetzt halt die Klappe«, mischte sich Nancy ein. »Wir haben den Grund des Schachts erreicht und machen uns auf den Weg. Es ist, wie es ist. Nun sind andere Dinge wichtig.«
»Okay ...« Ken hätte ihr gerne gesagt, dass für ihn nichts wichtiger ist als Claire, aber das hätte nur für Spott gesorgt. Schließlich hatte er sich binnen Minuten verführen lassen.
Da biss die Maus den Faden nicht ab.
»Der Gang ist beleuchtet«, meldete Nadine. »Hier unten zappelt nichts. Sieht so aus, als hätten wir bis zur ersten gefährlichen Zone freie Bahn.«
Diese erste Zone war eine Tür, durch sie sie gehen mussten. Dahinter befand sich eine frei zugängliche Station der alten Tube. Laut ihren Informationen patrouillierten dort Feindwesen in großer Zahl.
Die beiden Amazonen liefen los. Sie wollten nicht allzu lange brauchen, um die knapp zwei Kilometer bis zur Tür zurückzulegen.
Bald schon waren ihr gleichmäßiger Atem sowie das Stampfen der Füße die einzigen Geräusche, die aus dem großen Lautsprecher drangen.
»Wir sehen die Tür vor uns!«, rief Nancy nach einer Weile. »Bislang ist es eine leichte Trainingseinheit. Ich hätte nichts dagegen, wenn es so bleibt.«
Nancy lachte nur. Sie wussten beide, dass dies ein Wunschtraum bleiben würde.
II
Claire und Xarina fanden den Zugang sehr viel schneller.
Er befand sich in einem alten, baufälligen Gebäude, dem niemand mehr Beachtung schenkte.
Sie öffneten den Zugang mit den übermittelten Daten und schauten in die Tiefe. Der Geruch von Moder, Tod und Fäulnis schlug ihnen entgegen.
»Das gefällt mir nicht«, murmelte Claire, während sie in die Dunkelheit blickte. Sie neigte den Kopf zur Seite und lauschte.
Leises Kratzen und Schaben war zu hören.
»Da unten sind Feindwesen«, stellte Xarina lapidar fest. »Das wird kein Spaziergang. Mal sehen, was wir vorfinden.«
Sie hangelte sich über die Kante und fand die Stiegen, die hinab in die Tiefe führten.
Kurz darauf verschwand sie im Schacht.
Claire wartete ein paar Sekunden, dann folgte sie.
»Passt auf«, mahnte Ken. »Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.« Er ließ Dan die Kameras der beiden Frauen aktivieren und auf den großen Schirm im Operationsraum legen.
Dazu teilte Dan den Schirm in drei Teile. Ein Drittel wies er Nadine und Nancy zu, ein Drittel Claire und Xarina und das letzte Drittel Francine und Lyntaia.
»Wir brauchen keine Ratschläge von einem Mann«, kam es von Xarina zurück. Sie drehte den Kopf, schaute hinab – und stieß sich plötzlich ab.
Behände landete sie auf den Füßen, federte den Schwung ab und riss sofort ihr Schwert hervor. »Schwester, ich brauch dich. Hier sind Untote.«
»Un...« Claire beeilte sich, die Stiegen hinabzuklettern. Dann machte sie es wie Xarina. Sie stieß sich ab, zog jedoch noch in der Luft das Schwert und landete kurz darauf neben ihrer Partnerin. »Da bin ich.«
Sie sah, was die Amazone gemeint hatte. Vor ihnen im Schacht tappten zerlumpte Männer und Frauen hin und her. Tumbe Gestalten, ihrer Menschlichkeit und auch ihres Lebens beraubt.
»Du meine Güte, das sind tatsächlich Zombies!«, wisperte Claire. Dabei schluckte sie schwer. »Das ist … unglaublich.«
»Es waren mal Nachbarn, Freunde, Eltern. Dann kamen die Schweinepriester und löschten ihr Leben aus. Nun ist es an uns, sie zur ewigen Ruhe zu betten.« Xarina schaute zu Claire. »Du schaffst das, Schwester?«
»Sicher.« Die Zeitreisende aktivierte die Energie ihres Schwerts und ging auf die Untoten zu.
Die Zombies bemerkten das frische Fleisch, welches sich plötzlich in ihrer Nähe befand. Sie wandten sich den Frauen zu und schlurften in ihre Richtung.
Sekunden später sauste Claires Schwert zum ersten Mal durch die Luft, traf auf weiches, fauliges Fleisch und trennte Glieder und Köpfe ab.
Blut spritzte keines mehr auf. Dafür flogen kleine Brocken in alle Richtungen davon.
Neben ihr bahnte sich Xarina ihren Weg durch die Massen der Untoten.
Manche Zombies schafften es, nach den Frauen zu greifen. Aber keiner konnte seine Zähne in die Rüstung schlagen.
Aus den Lautsprechern drangen würgende Geräusche, als Claire eine besonders Mitleid erregende Frau sah. Ihr linkes Auge hing bereits raus, das Gehirn lag teilweise offen, ebenso ihre Eingeweide.
Sie zog den linken Fuß nach, ihre Lippen waren schwarz verfault.
Der Gestank, den die Untoten verströmten, nahm zu. Er durchdrang die Filter des Anzugs in vollem Maße, sodass die beiden Frauen angewidert die Luft anhielten.
Claire zielte und schlug zu.
Die Klinge sauste oberhalb der linken Schulter in den Nacken, durchschlug ihn und ließ den Kopf in einem grotesken Bogen durch den Luft fliegen, bevor er gegen eine Wand schlug. Von dort prallte er ab, das Hirn spritzte davon.
Die Zeitreisende schaute dem Kopf nach. Sie musste sich schütteln, um die Szene aus dem Kopf zu bekommen und sich wieder den Untoten zuzuwenden.
Aber es waren keine mehr da. Der Gang lag leer und ruhig vor ihnen.
»Du hast dich gut geschlagen, Schwester«, sagte Xarina. Sie griff nach Claires Hand und drückte sie. »Und jetzt komm. Vor uns liegt ein Dauerlauf. Obwohl ich fürchte, dass die Sicherheitstür durchbrochen wurde. Wie sonst hätten die Untoten hierher gelangen sollen?«
III
Bei Luton erreichten Lyntaia und Francine ihre Position, tarnten die Scheibe und machten sich auf die Suche nach dem Eingang.
Sie fanden ihn unter Gestrüpp, sodass sie relativ einfach in die Tiefe steigen konnten.
»Das ist nicht tief!«, rief die Amazone. Sie sprang einfach hinab, landete sicher und tat ein paar Schritte.
Sekunden später stand die Agentin neben ihr. »Sieht frei aus.«
»Nein, ist es nicht«, widersprach Lyntaia. »Siehst du diese kleinen Käfer da? Das sind ekelhafte Biester.«
»Welche Käfer?«, fragte Francine.
»Weiter hinten im Gang. Sie verspritzen Säure, fressen sich aber auch durch jedes Material, das ihnen unter die Finger kommt. Abgesehen von Beton und Glas ist nichts vor ihnen sicher.«
Die Agentin nutzte den Zoom des Helms. »Das sind Tausende. Wie besiegen wir die?«
»Auf eine ziemlich unschöne Art. Ich hoffe, ich versperre uns damit nicht den Zugang.« Sie nahm eine kleine Scheibe aus der Tasche und schleuderte sie weit in den Gang hinein.
Sie landete zwischen den Käfern.
»Raus!«, befahl die Amazone dann. Sie turnte die wenigen Stiegen hinauf und wuchtete sich ins Freie. Anschließend reichte sie Francine die Hand, um sie aus dem Schacht zu ziehen. Dann warf sie den Deckel des Zugangs runter und sich zu Boden.
Sekunden später erklang ein dumpfes Grollen. Die Erde bebte, ein Teil des Grunds sackte ein.
Zischen und Schreien erklang aus der Tiefe, dann ein Fauchen.
Plötzlich schlugen Flammen aus Öffnungen ein paar Meter von den Frauen entfernt.
»Was war denn das für eine Höllenmaschine?«, wollte die Agentin wissen, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war.
»Eine Sprengzelle. Setzt sehr viel Energie frei. Druck, Flammen. Dauert nur Sekunden, hat aber garantiert alle Käfer da unten ausgeschaltet.«
»Und den Gang einstürzen lassen.« Francine trat an einen Krater heran. »Ja, da ist kein Durchkommen. Auf viele Meter ist die Decke runtergegangen.« Sie schaute in die Ferne. »Und das immer wieder, mindestens einen Kilometer weit. Da können wir uns nicht durchbuddeln.
»Bei Ares … So gut war meine Idee doch nicht. Da müssen wir uns was anderes einfallen lassen, Süße.«
Francine errötete unter ihrem Helm, sagte aber nichts. »Und was?«
Die Amazone neigte den Kopf zur Seite. »Alle anderen Zugänge sind zu weit vom Hyde Park entfernt. Nur einer nicht – jener in London direkt. Im Park, meine ich.«
»Bist du verrückt?«, fragte Ken über Funk. »Ich habe Bilder von London auf einem kleinen Schirm. Dort patrouillieren die Ryk.«
»Wir müssen runter, und das bald. Den Gang haben wir gesprengt. Welche Vorschläge hast du?«, fragte Lyntaia gereizt.
Eine Antwort erhielt sie nicht.
Francine griff nach der Hand der Amazone. »Wohl an – mehren wir den Ruhm und den Nimbus der Amazonen.«
Kapitel 5
I
Um London/ Parallelwelt
»So, die Tür!«, erklärte Nadine, als sie vor dem verschlossenen und gesicherten Durchgang standen. »Ich gebe den Code ein, du passt auf.«
Sie trat ans Tastenfeld und gab eine komplizierte Zahlenfolge ein.
Ein rotes Licht sprang auf grün, ein Knirschen erklang, als die Tür zur Seite glitt.
Nancy wartete nicht ab, was sich auf der anderen Seite befand. Sie wusste, dass es kein freundliches Empfangskomitee sein würde.
Mit einer raschen Geste schleuderte sie eine Kugel durch den Spalt und wandte sich ab.
Ein enorm heller Blitz zuckte hinter dem Durchgang auf, gepaart mit einem kurzen, scharfen Knall. Hitze wurde freigesetzt, aber keine Druckwelle.
Schreie erklangen, Wesen stürzten zu Boden und wanden sich in Schmerzen.
Nun erst trat Nancy durch die Öffnung und erfasste die Situation.
Mehrere Ryk lagen auf dem Boden, die Hände auf Augen und Ohren gepresst. Aber auch Insektenwesen waren unter den Verletzten.
Sie zog ihre Energiewaffe und schoss.
Neben ihr erschien Nadine und tat es ihr gleich. Ein Feindwesen nach dem anderen wurde tödlich verletzt.
So lange, bis nur noch zwei Ryk übrig waren.
Nadine und Nancy steckten die Waffen ein und zogen ihre Schwerter.
Mit ihnen in der Hand eilten sie zu den Männern, die inzwischen an einer Wand lehnten und versuchten, etwas zu erkennen. Sie konnten kaum sehen, was sich abspielte. Und auch die Schüsse sowie die Todesschreie waren nur entfernt an ihre Ohren gedrungen, da sie noch immer nicht richtig hören konnten.
Nun bemerkten sie die Anwesenheit von Feinden. Sie griffen beide nach ihren Waffen, schrien aber auf, als ein scharfer Schmerz durch ihre Arme zuckte, sich seinen Weg bahnte und schließlich von ihnen Besitz ergriff.
Sie sahen nicht, dass ihre Hände auf dem Boden lagen, merkten aber, dass sie ihre Finger nicht mehr bewegen konnten.
Etwas war ganz und gar anders.
»Wir wollten nicht alle töten. Nicht, ohne euch wissen zu lassen, dass Amazonen gekommen sind, und all das angerichtet haben.« Nancy lächelte kalt. Sie stand vor einem der Ryk und musterte ihn ohne Gefühlsregung. »Ja, ich werde dir sogar dein Leben schenken. Damit du die Kunde verbreiten kannst.«
Sie schlug erneut mit dem Schwert zu und ließ auch die zweite Hand des Mannes zu Boden fallen. Der Ryk schrie auf und sackte in die Knie. Blut pulste aus den Wunden, doch die Verletzung schloss sich rasch.
Diese Wesen waren für den Kampf geschaffen. Ihre Wunden bluteten nicht so lange wie die von Menschen.
Nadine trat näher an ihren Ryk heran, schaltete die Energie des Schwertes sowie die Übertragung ihrer Kamera ab und beugte sich vor, um ihren Mund dicht an das Ohr des Wesens zu bringen. »Es gibt ein dunkles Geheimnis in meinem Leben. Nur wenige wissen davon.«
Eine Antwort erhielt sie nicht.
Sie blickte zu Nancy, die nickte. Auch ihre Übertragung war abgeschaltet.
Nadine holte aus und trieb das Schwert in die Eingeweide des Mannes. »Mich erregt es, Feindwesen Schmerzen zu bereiten. Ich genieße es, euch leiden zu sehen.« Sie drehte das Schwert langsam. Dabei achtete sie auf die Qual, die sich im Gesicht des Ryk abzeichnete. Er stöhnte, seine gesunde Hand griff nach der Waffe.
»Ja, das ist gut«, wisperte Nadine. »Atme, mein Freund. Nimm die Pein an. Das macht mich an. Du hast keine Ahnung, wie feucht mein Slip ist.«
Wieder drehte sie die Klinge, schnitt dabei in die Hand des Ryk. Blut floss neben dem Schwert hervor, ein Schrei drang über die Lippen des Wesens.
Nadine presste ihre Lippen auf den Mund des Ryk. Dann zog sie das Schwert langsam nach oben, zertrennte Arterien, Muskeln und Nerven.
Der Ryk bäumte sich auf, sein Schrei floss in Nadines Mund. Die Amazone schloss die Augen und spürte, dass es ihr kam. Ein kurzer, heftiger Orgasmus, der sie erschauern ließ.
Als der Höhepunkt verklang, ließ sie den Ryk los. Der Mann rutschte an der Wand hinab.
Noch lebte das Wesen, wie das verzerrte Gesicht zeigte.
Das änderte sich jedoch, als Nadine die Energie des Schwerts aktivierte. Sie zuckte durch die geschundene Brust und tötete den Mann.
»Danke, Schwester«, flüsterte Nadine mit einem zufriedenen Grinsen auf den Lippen. »Das war genau, was ich brauchte. Ich hasse diese Biester, seit sie meine Eltern abschlachteten und mich … Umso süßer ist der Genuss, wenn ich sie leiden lassen kann.«
Nancy verbeugte sich gespielt. Dann aktivierten beide wieder die Übertragung und schauten sich um.
»Wir hatten eine Störung«, erklärte die Amazone nach einem tiefen Seufzer. »Sollte behoben sein. Der Raum ist jedenfalls sauber. Wir setzen unseren Marsch fort.«
»Okay. Wir haben uns Sorgen gemacht«, erklärte Dan.
»Unnötig«, gab Nancy zurück.
»Ihr habt einen am Leben gelassen!«, bemerkte Ken. »Da krabbelt ein Ryk über den Boden und wimmert.«
»Das ist unser Zeuge«, erklärte Nadine.
»Wie jetzt?«
»Wir wollen, dass der Feind weiß, wer hierher kam und all seine Soldaten tötete. Wir steigern unseren Nimbus, indem wir einen laufen lassen. Er hat keine Hände mehr, als bekommt er entweder neue oder wird erschossen, nachdem er Bericht erstattete.«
»Darf ich euer Geplänkel unterbrechen!«, meldete sich Lyntaia. »Bei uns lief es nicht nach Plan. Wir müssen umdisponieren.«
»Wie meinst du das?«, fragte Nadine. »Wir stehen hier unten und haben eine wilde Schlacht geschlagen. Und nun kommst du ...«
»Ich kenne den Grund für die Störung. Also erzähl mir nichts von einer wilden Schlacht. Wir wurden mit Säurekäfern konfrontiert und mussten den Gang sprengen. Daher fliegen wir zurück nach Oxford.«
»Ach?« Dann macht euch einen schönen Tag, Schwestern«, gab Nancy lakonisch zurück. Sie wusste, dass die beiden Frauen nicht nach Oxford flogen, um auszusteigen. »Wir erzählen euch, wie wir den Ruhm der Amazonen mehrten.«
»Da kommen wir euch zuvor. Unser Zugang ist futsch, jeder andere würde zu lange dauern.«
»Also kommt ihr aus der Luft!«, begriff Nadine. »Das Denkmal am Hyde Park bietet einen direkten Zugang.«
»Unser Plan!«
»Ihr gebt die Flugscheibe auf? Dann müssen wir uns bei der Flucht aufteilen.«
»Nein, wir nehmen den Thunderbird«, mischte sich Francine ein. »Ken ist ein guter Pilot mit perfekten Reflexen. Zudem verfügt der Glider über Waffen.«
»Wenn er es schafft, euch heil abzuliefern und wieder nach Hause zu fliegen, schneiden wir ihm den Schwanz ab und machen ihn zur Ehrenamazone!«, rief Nancy aufgekratzt. »Der Plan ist verwegen.«
»Nix!«, kam es von Claire zurück, denn sie und Xarina hatten ebenfalls zugehört. »Wie wäre es mit Luftunterstützung?«
»Yepp«, erwiderte Lyntaia. »Schon mit Meyer abgeklärt. Die HDG fliegt einen Angriff, wir mogeln uns rein.«
»Gefällt mir, der Plan«, bestätigte Nadine. »Wir haben hier ziemlich freien Marsch. Wir treffen uns unter dem Hyde Park. Möge Ares euch gewogen sein. Oder doch lieber Aphrodite?«
»Ich verfüttere dich an eine Spinne!«, schwor Lyntaia lachend, während Francine rot wurde. Dann aber hörte sie auch Claire lachen und merkte, dass es niemanden wirklich zu interessieren schien, was sie und Lyntaia getan hatten oder füreinander empfanden.
»Wir sind auf einem guten Weg«, wurde Xarina wieder ernst. »Ein paar Untote konnten uns nicht stoppen. Bislang geht es. Ein paar Scharmützel, aber wie Thor schon sagte, haben wir hier unten einen ziemlich sicheren Weg zu ihm und seinem Hammer.«
»Sie sagte Thors Hammer und meinte seine Leute!«, merkte Nadine an. »Nicht sein edelstes Teil. Also nicht sabbern, Nancy.«
»Okay, ich halte mich zurück. Dan – du solltest das alles überleben. Ich habe vor, dich zum Essen einzuladen. Wobei es mir natürlich um einen ganz anderen Hunger geht!«
»Huch«, erwiderte der Timetraveller. »Seid ihr immer so direkt?«
»Wir sind Amazonen, hier tobt ein Krieg. Entweder, wie nehmen uns, was uns gefällt, oder wir gehen leer aus«, replizierte Nancy. »Es sei denn, du bist schwul. Dann bringe ich dir einen Ryk mit.«
»Nein, bin ich nicht!«, rief Dan erschrocken, was zu neuerlicher Heiterkeit führte.
»Also dann ist es abgemacht. Ja, da lohnt es sich doch, zu überleben. Und jetzt – besuchen wir Thor und seine Leute. Viel Glück beim Anflug, Schwestern!
Kapitel 6
I
Über London / Parallelwelt
Der Thunderbird jagte über die große Stadt. Um ihn herum explodierten Geschosse, feindliche Flugscheiben versuchten, ihn vom Himmel zu holen.
Die HDG bot Geleitschutz. Gleichzeitig warfen größere, als Bomber konzipierte Flugscheiben Brandsätze ab, die mehrere Meter über dem Boden detonierten und eine ölige Masse über ein großes Terrain verstreuten.
Nach wenigen Sekunden reagierte diese Masse mit dem Sauerstoff in der Luft, geriet in Brand und fiel als höllisch heißer Regen auf die Feindwesen nieder.
Ken saß am Steuer des Gliders und lenkte ihn gekonnt durch all dieses Chaos. Hin und wieder schoss er auf gegnerische Flugscheiben, ohne sich jedoch auf Scharmützel einzulassen. Dazu war er nicht hier.
Seine einzige Mission bestand darin, die beiden Kämpferinnen abzusetzen.
Im hinteren Bereich saß Dan und überwachte die Anzeigen. Er fungierte zudem als Navigator und bediente die Heckgeschütze, sollte es zu Kämpfen kommen.
Der junge Mann zuckte immer dann zusammen, wenn ein Geschoss unmittelbar neben dem Glider detonierte und die Druckwelle den Donnervogel zur Seite presste.
»Ganz ruhig!«, mahnte Francine, die neben ihm saß. Sie schaute aus dem Fenster und sah die Stadt unter sich vorbeiziehen. Manche der Gebäude brannten oder waren eingestürzt, andere waren intakt.
»Ich bin ruhig!«, erwiderte Dan. »Wir lebten eine gewisse Zeit in dieser Welt, bekamen aber von dem Krieg nichts mit. Für uns sind wenige Wochen vergangen, und für dich hat sich so viel verändert. Vor allem sind wir nun mittendrin.«
»Ja. Lyn und ich sind sogar noch unmittelbarer betroffen als ihr. Also bleib ruhig. Sollte uns ein Geschoss treffen und wir in die Elysischen Gefilde eintreten, dann ist das so.«
»Wohl gesprochen, Schwester!«, ließ sich die Amazone vom Sitz des Kopiloten aus vernehmen. »Aber ich denke, Ares hat andere Pläne für uns. Ich sehe das Denkmal im Hyde Park. Wir steigen bald aus.«
Dan presste die Lippen aufeinander. Dann aber kontrollierte er erneut die Daten, wechselte auf Suchmodus und kniff die Augen zusammen. »Ich will euch nicht die Party verderben, aber ich habe den Flugschreiber geortet.«
»Wo?«, wollte Francine sofort wissen.
Der Timetraveller legte eine Übersichtskarte der Umgebung über das simple Raster, welches den Standort des Flugschreibers angab.
Er erschauerte.
»Dan?«, fragte Lyntaia drängend. »Wo ist er?«
»Im Palast. Offenbar haben sie ihn zu diesem Lelewo gebracht«, gab der Weltenreisende leise zurück. Er wusste so gut wie die anderen, was das bedeutete.
Ab sofort ging es nicht mehr darum, Lelewo vielleicht anzugreifen.
Nein, sie mussten es tun, wollten sie ihre Mission abschließen.
»Schwestern, seid ihr da?«, fragte die Amazone in ihren Helm. »Könnt ihr uns hören?«
»Laut und deutlich«, kam es von Nadine zurück und auch Xarina bestätigte. »Wir sitzen hier zu viert bei Thor und warten auf euch. Braucht ihr Deckung bei der Landung?«
»Nein. Unser Zielobjekt wurde geortet – es befindet sich im Palast.«
»Ju-hee!«, rief Nadine. »Ares liebt uns, ist euch das klar? Er schenkt uns 500.000 Dublonen. Wir müssen sie nur noch abholen.«
»Großartig«, kam es von Xarina zurück. »Also dann; neuer Plan?«
»Auf jeden Fall.« Es knackte in der Leitung, dann meldete sich eine tiefe, sonore Stimme. »Ich bin Thor. Wir kennen einen Weg, der bis zu einem Brunnen auf dem Gelände des Palasts führt. Wir gehen dorthin. Ihr solltet die Angriffe auf diese Zone konzentrieren und eure Flugmaschine ebenfalls dorthin lenken. Wir brauchen etwa eine halbe Stunde.«
»Thor und seine Leute begleiten uns bis zum Brunnen. In den Palast gehen die Amazonen allein, Dan und Ken halten den Luftraum sauber. Dafür dürfen sie an den Dublonen riechen.« Nadine klang aufgekratzt und euphorisch. »Heute mehren wir den Ruhm der Amazonen auf mystische Weise, Schwestern. Oder wir sterben bei dem Versuch. Bereit, die Elysischen Gefilde zu sehen?«
»Auf jeden Fall!«, erwiderte Nancy ohne zu zögern, und auch Xarina, Lyntaia und Francine stimmten ein. Zuletzt bestätigte Claire, doch ihre Stimme klang alles andere als sicher.
»Das gefällt mir nicht!«, ließ sich Ken vernehmen. »Ich bin ein guter Kämpfer. Warum ...«
»Weil wir einen sehr guten Piloten brauchen«, unterbrach ihn Francine. »Du bist der beste Pilot, den ich kenne. Wir müssen versuchen, mit den HDG-Kräften zusammen die Lufthoheit zu erringen. Nur dann können wir am Boden erfolgreich sein.«
Lyntaia nickte, ehe sie eine Verbindung zu Meyer herstellte. Sie bestellte eine massive Jagdstaffel, denn nun lag etwas sehr Großes in der Luft. Waren sie hier erfolgreich, konnte es sein, dass London fiel.
Ein unvorstellbarer Gedanke; zumal die Amazonen ihr Scherflein dazu beitragen würden.
II
Das Abwehrfeuer wurde stärker, je näher sie dem Palast kamen. Ken musste dem Thunderbird viel abverlangen. Immer wieder zwang er ihn in heftige Manöver, zog den Glider steil nach oben oder ließ ihn rasch sinken.
Eine Weile versuchte der Timetraveller, lediglich den Palast anzufliegen. Dann aber begriff er, dass er sehr viel früher als die Amazonen vor Ort sein würde.
Also flog er eine Schleife und griff in den um sie herum tobenden Luftkampf ein.
»Dan, Heckgeschütze. Blasen wir so viele Bastarde vom Himmel wie möglich!«, rief er nach hinten.
Dans Hände zitterten, als er auf den entsprechenden Modus schaltete. Ein Joystick fuhr aus der Konsole, mittels dem er die beiden Energie-Blaster steuern konnte.
Auf der Anzeige sah er rote und grüne Punkte sowie eine Zielscheibe in gelber Farbe. Diese bewegte sich, sobald er den Stick in eine Richtung drückte. Gleichzeitig musste er jedoch die Bewegungen des Gliders beachten, denn Ken konnte die Maschine nicht ruhig halten.
Er spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat, als sich eine gegnerische Flugscheibe direkt an die Sechs des Donnervogels hängte.
Francine legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Ganz ruhig, Dan. Du hast es trainiert. Also weißt du, was du zu tun hast.«
Der Timetraveller nickte, bewegte den Stick und brachte die Zielscheibe über die am Heck des Gliders klebende Scheibe.
Dann drückte er ab.
Der Strahl traf die Maschine, ließ sie aufglühen und kurz darauf explodieren.
»Ja!«, jubelte er erleichtert und auch Francine ballte die Hand zur Faust.
»Da sind noch mehr, Kumpel!«, ließ ihn Ken wissen. »Also auf, jagen wir sie zur Hölle.«
Sie tauchten ein in den Luftkampf und verloren sich Sekunden später in einer Mischung aus Adrenalin, Furcht und Euphorie.
Beide Männer erlebten ein Gefühl, das sie bislang nicht gekannt hatten. Sie waren Teil des Krieges, kämpften um ihr Leben und darum, die Mission erfolgreich abzuschließen.
Solch ein Abenteuer, das wussten sie, hatten sie bislang nicht erlebt. Es berauschte sie, jeder Treffer trieb sie an, weitere Maschinen vom Himmel zu blasen.
»Wir sind gleich da!«, drang Nancys Stimme plötzlich aus dem Funk. »Was ist mit euch? Habt ihr Spaß?«
»Und wie!«, gab Lyntaia zurück. »Wir haben den Jungs was zum Spielen gegeben und sie machen das echt gut. Ken ist ein toller Pilot, der Thunderbird ... So einen hätte ich auch gerne. Damit könnten wir noch bessere Luftkämpfe austragen.«
»Dann soll ihn sich Roger anschauen, wenn wir auf Paros sind«, kam es von Nadine zurück. »Ihr fliegt den Palast an?«
»Sind jetzt auf dem Weg.« Ken sah, dass hinter ihnen unzählige auf dem Display grün leuchtende Flugscheiben dahin jagten.
Die Großoffensive hatte begonnen, die HDG war präsent.
Kapitel 7
I
London, Palastbezirk/ Parallelwelt
Nadine spürte die Spannung, als sie den Brunnen emporkletterte.
Wasser befand sich keines im Schacht. Schon lange war das, was einst als Zierde für den Park und Augenweide für den König errichtet worden war, außer Betrieb.
Es gab keinen König mehr. So, wie es keine Länder mehr gab, keine Staaten. Es gab die Menschheit, die HDG und deren Führer – und es gab die Feindwesen.
Über den Köpfen der Amazonen, die sich den Brunnen emporarbeiteten, tobte der Krieg mit einer Härte, wie man ihn hier in London nur selten erlebte. Vereinzelte Aktionen gegen bestimmte Stellungen, mehr bot die HDG nicht auf. Einerseits, weil London fest in Feindeshand war, andererseits aber auch, um das von Menschen gehaltene Dreieck inmitten feindlichen Umfelds nicht zu riskieren.
Nun war die HDG gezwungen, einen Großangriff auf London zu fliegen – die Amazonen waren auf dem Kriegspfad und nach dem Debakel mit Christoph Schwarz und den Forschungen in Porta Blanka konnte es sich keiner der HDG-Oberen leisten, den Amazonen einen Wunsch abzuschlagen.
Ganz abgesehen davon, dass die Kriegerinnen vor allem ihren Ruhm und Nimbus steigern wollten, was zu erheblichen Gewinnen auf dem Schlachtfeld führte. Etwas, womit sich Kommandanten schmücken konnten.
Nadine ahnte, dass Briggs ebenfalls an seiner Dankesrede arbeitete. Er sah vermutlich ein befreites London.
Fiel Lelewo, fiel eventuell London.
Und dieser Ruhm der Amazonen würde auf Meyer und Briggs abstrahlen; dessen konnten sich die beiden Männer sicher sein.
Die Amazone grinste kalt, während sie sich vorsichtig aus dem Brunnen schob, umschaute und dann neben dem Becken zu Boden sank, um nicht gesehen zu werden.
Obgleich dies eine nahezu überflüssige Maßnahme war, denn der Park lag leer und verlassen vor ihr. Die Feindwesen konzentrierten sich auf die Luftangriffe; mit einer Attacke vom Boden rechneten sie nicht.
Neben ihr verließen erst Nancy, dann Claire und Xarina den Brunnen. Sie pressten sich flach auf den Boden und schauten hinüber zum Palast.
Blumen wuchsen in Beeten, der Rasen war gestutzt. Die Sträucher zeigten noch jene Figuren, zu denen man sie einst gestutzt hatte. Offenbar mochte es Lelewo stilvoll.
In der Luft lag der Geruch von Brandregen, verkohltem Kunststoff, Qualm, der von brennenden Häusern zu ihnen waberte.
Vier Wachen hielten den Eingang des Palasts im Blick. Zwei flankierten das Portal, zwei patrouillierten davor.
Auch gab es Kameras, welche den Eingang überblickten. Auf dem Dach des riesigen Gebäudes schossen Flak-Geschütze ununterbrochen auf die anfliegenden Scheiben der HDG.
»Ich denke«, wisperte Nadine, »wir geben denen was zum Nachdenken.«
»Und was?«, gab Claire leise zurück.
Eine Antwort erhielt sie nicht, denn Nadine kontaktierte Ken. »Ich möchte, dass du den Eingang zusammen mit den Wachen, den Kameras und dem Tor sprengst, in die Halle fliegst und die beiden Schwestern dort aussteigen lässt.«
Claire riss die Augen auf. »Wir wissen doch gar nicht, was sich im Inneren befindet!«, zischte sie. »Was, wenn dort eine Übermacht postiert ist, um diesen Lelewo zu schützen?«
»Dann treten die Schwestern und wahrscheinlich auch die beiden Männer in die Elysischen Gefilde ein.« Nadine schaute gen Himmel und sah, dass sich der Donnervogel aus einem Pulk HDG-Scheiben löste und in die Tiefe stieß.
»Das ist ein Grund, warum wir uns so selten verlieben«, flüsterte Xarina in Claires Ohr. »Wir zittern nicht gerne um jemanden. Zudem blockiert es, denn Verliebte sind nicht objektiv und können nicht tun, was getan werden muss.«
Claire sah mit Entsetzen, dass Ken der Order nachkam. Er hatte nicht widersprochen, keine Bedenken geäußert.
Der Glider jagte heran, und noch bevor er den Brunnen passierte, spuckten die Energiekanonen am Bug bereits ihre tödliche Energie auf den Palast.
Die Kameras detonierten, die Wachen wurden gegen die Tür geschleudert und verschmolzen mit ihr zu einer grauen Masse, die weit in die Halle geschleudert wurde.
Erneut feuerte Ken, um das Portal zu vergrößern. Steine und Beton wurden aus ihrem Gefüge gesprengt.
»Los!«, rief Nadine.
Die Frauen sprangen auf und eilten, so schnell es ihnen möglich war, zum Palast.
Sirenen erklangen, aber noch waren keine Truppen zu sehen. Darum hetzten sie weiter, Waffen in den Händen.
»Ich bin gleich in der Halle. Der Staub nimmt mir einen … Oh-ha!«
»Was?«, fragte Claire.
»Truppen. Sie strömen aus mehreren Türen und nehmen uns unter Beschuss.«
Ken spürte, wie das Adrenalin durch seine Adern jagte. Er drehte den Glider so, dass nicht nur er schießen konnte.
»Dan!«
Der junge Mann nickte. »Ich weiß, was ich tun muss«, stieß er hervor.
Strahlen zischten durch die große Halle. Manche trafen den Glider und ließen ihn beben, andere schickten die Ryk, welche zur Verteidigung angerückt waren, in den Tod.
Francine öffnete die Tür, schloss den Helm und klopfte Dan noch einmal auf die Schulter. Dann sprang sie aus dem Glider, warf sich auf den Boden und schoss auf die Feinde.
Lyntaia tat es ihr wenige Sekunden später gleich. »Süße, du bist die geborene Amazone. Wie wäre es, wenn du einfach bei uns bleibst? Ich habe einen kuscheligen Platz für dich.«
»Schwör ihr nicht deine ewige Liebe, Schwester«, mischte sich Nadine ein, die just in diesem Moment die Halle erreichte. »Du weißt doch, dass das zu nichts führt.«
»Wer spricht hier von Liebe?«, gab Lyntaia zurück, während sie mit ihrer D-Drex auf einen Ryk feuerte und zufrieden sah, wie dessen Kopf explodierte. »Ich spreche von heißem, feuchtem Sex zwischen Frauen.«
»Oh, dann ist es okay!«, erwiderte Nadine, während Francine vernehmlich japste. Sie eilte zum Glider, klopfte gegen die Scheibe und bat so darum, eingelassen werden.
Dan öffnete die Tür.
»Also schön, kannst du bestimmen, wo sich Lelewo aufhält?«, fragte sie.
Die Finger des jungen Mannes huschten über das Tastenfeld.
»Der Flugschreiber befindet sich unter uns. Ich habe seine Daten auf dem Schirm. Lelewo hingegen ...«
Er wählte einen Filter und scannte das Gebäude. »Ich denke, er sitzt im ersten Stock, am Ende eines Ganges in einem großen Raum. Dort sitzt jedenfalls etwas Großes, Lebendes.«
»Schwestern, beseitigen wir ihn!«, rief Nadine und sprang aus dem Glider. »Jungs, ihr leistet mit dem Glider gute Arbeit. Haltet uns den Rücken frei!«
II
Sie hatten kaum das erste Stockwerk erreicht, als die Hölle über die Amazonen hereinbrach.
Mehrere Türen wurden aufgerissen, Insektenwesen und Ryk sprangen in den breiten, hell erleuchteten Gang und schon zischten Energiestrahlen durch die Luft.
»Jetzt habe ich aber die Schnauze voll!«, rief Lyntaia, nachdem die Amazonen gut zwei Minuten in Nischen gelegen und sich verteidigt hatten.
Sie griff nach einer Sprengscheibe und schleuderte sie in den Gang.
Die Detonation ließ die Wände wackeln und fegte die meisten Gegner einfach beiseite.
»Du magst diese Dinger, oder?«, fragte Nadine. »Erst sprengst du deinen Zugang, jetzt hast du vielleicht den Weg zu Lelewo in Schutt gelegt. Wir sollten dir keine Scheiben mehr geben.«
»Der Weg ist noch frei!«, rief Nancy, die nachgeschaut hatte. Sie sprang auf, lief los und feuerte mit ihrer D-Drex auf einen Ryk, der sie unter Beschuss nehmen wollte.
Es stank nach Blut, Feuer und geschmolzenen Materialien, nach Tod und Leid.
Die Amazonen schafften es, sich durch die verbliebenen Verteidiger zu kämpfen und das Ende des Ganges zu erreichen. Sie hinterließen eine Spur der Verwüstung, aber das interessierte die sechs Frauen nicht.
Schließlich standen sie vor einer barock gearbeiteten Tür, stießen sie auf – und standen unvermittelt Lelewo gegenüber.
»Ach du Scheiße!«, entfuhr es Francine, als sie das Wesen sah.
Auch Nadine und Nancy starrten die Kreatur an, die inmitten des Raums auf einem Thron aus Metall und Beton saß.
»Der ist … fett!«, stieß Claire hervor. »Und er ist nackt. Warum in aller Welt ist er nackt?«
»Hm. Vielleicht weil ein so fettes, großes Vieh keine Kleider findet?«, mutmaßte Lyntaia. Sie neigte den Kopf zur Seite. »Aber das, was da zwischen seinen Beinen baumelt, ist ja eher kümmerlich.«
»Amazonen?«, grollte Lelewo.
Das Feindwesen war durchaus humanoid. Knapp drei Meter groß, mit zwei Armen, zwei Beinen und je fünf Endgliedern.
Haare wuchsen auf dem ungeheuer fetten, nass glänzenden Leib keine. Auch nicht auf dem Kopf oder im Gesicht.
Nicht einmal Wimpern.
»Wer sonst würde kommen, um dir in den Arsch zu treten?«, fragte Nadine. »Bei Ares, was hast du alles gefressen?«
Lelewo stieß ein lautes Lachen aus. Dann aber hob er eine Hand und schickte pure Magie gegen die Frauen.
Eine Druckwelle erfasste die Amazonen und schleuderte sie zurück in den Flur.
»Fuck!«, japste Nancy, nachdem sie sich wieder aufgerappelt hatte. »Jemand verletzt?«
Sie schaute sich um und sah, dass ihre Schwestern ebenfalls auf die Beine kamen.
»Scheinbar nicht!«, erwiderte Xarina. Sie zog ihre D-Drex, betrat den Saal und schoss sofort.
Die Kugel jagte in die Brust des Wesens und detonierte dort.
Die Wunde, die sie riss, war höchstens oberflächlich.
Lelewo schrie auf, dann hob er wieder die Hand.
Doch diesmal hatte Francine aufgepasst. Sie warf sich nach vorne, rollte über die Schulter ab und setzte die Energiewaffe ein.
Der Strahl jagte in die Hand des Wesens und ließ es erneut aufbrüllen.
Die Energiewelle blieb aus.
»Also dann, machen wir den Mistkerl fertig!«, rief Nadine.
Gemeinsam feuerten sie. Einige schossen auf den Kopf der Kreatur, Nancy hingegen nahm den Unterleib aufs Korn.
Lelewo brüllte. Blut, dick und zähflüssig, spritzte auf.
Zum Glück haben sie Eier, dachte die Amazone, als sie sah, dass Lelewo seine Hände auf die Wunde im Unterleib presste.
Francine und Lyntaia hatten sich bei jedem Schuss vorgearbeitet. Sie waren nun dem Wesen so nahe, dass sie seine bestialischen Ausdünstungen riechen konnten.
Lelewo versuchte es noch einmal mit Magie. Es riss seinen Mund auf und spie eine übelriechende Flüssigkeit in Richtung der Amazonen.
Die beiden Frauen warfen sich zu Boden und rollten unter dem Angriff hinweg. Gleichzeitig steckten sie ihre Waffen ein und zogen die Schwerter.
Als Lelewo beide Hände hob, um erneut einen Angriff zu starten, sprangen die beiden Amazonen auf, wuchteten sich am Thron in die Höhe, und hieben mit den Schwertern nach den Augen des Wesens. Rechts und links drangen die Waffen in den Kopf des Feindwesens ein.
Die Energie jagte in das Hirn, noch einmal bäumte sich Lelewo auf. Ein Schrei kam über seine Lippen, lauter als je zuvor.
Dann brach er zusammen. Ein letztes Zucken floss durch seinen Leib, ehe er reglos auf seinem Thron saß.
Urin und Kot rannen dünnflüssig aus seinen Körperöffnungen, Blut sprudelte an den Schwertern entlang.
Als sich die beiden Amazonen umwandten, sahen die anderen, dass sie über und über mit dem Blut des Feindwesens besudelt waren.
»Gute Arbeit, Schwestern«, rief Nadine. Überlegt schon einmal, was ihr mit dem Geld macht. 500.000 Dublonen durch acht Personen. Das macht ...«
»62.500 Dublonen«, half ihr Nancy aus.
»Klingt gut.« Francine sprang vom Thron. »Aber erst holen wir den Flugschreiber.«
»Sollte nicht schwer sein. Wir hatten alle Zeit der Welt, das Biest hier zur Strecke zu bringen. Ergo gibt es keine weiteren Wachen.« Nadine blickte zu Lyntaia. »Du kannst also die Finger von den Sprengscheiben lassen, Schwester.«
III
»Ich wusste doch, dass ich noch einmal sprengen darf!«, rief Lyntaia, als sie vor einer dicken, verschlossenen Tür standen. Sie war via Code gesichert.
Einen Code, den die Frauen nicht besaßen.
»Sie ist nur glücklich, wenn es kräftig kracht«, seufzte Nancy.
»Nein, glaube ich nicht. Gestern Abend hat es nicht gekracht und sie wirkte recht … glücklich.« Francine konnte nicht glauben, dass sie dies gesagt hatte. Unter ihrem Helm wurde sie rot.
»Wohl gesprochen, Schwester!«, bestätigte Lyntaia, während die anderen lachten. »Aber hier darf es zischen und krachen. Ich habe ein bisschen Sprengstoff an den entscheidenden Punkten verteilt. Zurück, Mädels!«
Sie gingen auf Abstand, ehe die Amazone den Sprengstoff zündete.
Ein dumpfer Knall hallte durch den Gang im Tiefgeschoss, Staub und Rauch breiteten sich aus.
Eine Alarmsirene schrillte, aber darum kümmerte sich niemand.
»Nun ja, der ganz große Knall war das aber nicht«, neckte Nadine ihre Schwester.
»Der kommt, wenn ich dir den Hintern versohle«, replizierte diese.
»Das wäre das falsche Ende des Schmerzes«, gab Nadine zu.
Francine schüttelte den Kopf. »Ich dachte immer, die Amazonen seien eine ernsthafte Truppe. Aber wäre kein Krieg, dann könntet ihr auch als Comedians auftreten.«
»Der Tod kommt in Sekunden. Besser, man geht mit einem Lachen als mit grimmigem Blick«, erklärte Xarina.
»Life's a piece of shit, when you look at it. Life's a laugh and death's a joke, it's true. You'll see it's all a show, keep 'em laughing as you go – just remember that the last laugh is on you! And … Always look on the bright side of life …3«, sang Nancy, während sie gemeinsam mit den anderen zu jenem Raum eilte, in dem sie den Flugschreiber des verunglückten Gliders vermuteten.
»Ich sagte es schon einmal und ich sage es wieder«, rief ihr Xarina zu. »Du hast viele gute Qualitäten und wir alle sind froh, dass du zu uns kamst. Aber dein Gesang könnte auch als Waffe gegen Feindwesen eingesetzt werden. Die laufen alle weg.«
Sie lachten. Dann aber standen sie vor einem orange schimmernden Kasten, aus dem mehrere Kabel ragten. Sie waren an Geräte angeschlossen, die offenbar Daten aus dem Flugschreiber extrahieren sollten.
Wütend riss Nadine die Kabel ab, ehe Francine den Flugschreiber packte. »Wir haben ihn. Zurück zum Thunderbird.«
Nancy klopfte Lyntaia auf die Schultern. »Du magst es doch gerne, wenn es zischt und rumst. Dann leg mal Hand an, damit hier kein Stein auf dem anderen bleibt.«
»Na, das wird ein Spaß!«, grinste die Amazone, während sie Sprengscheiben aus ihrer Uniform zog. »Ka-wumm.«
Minuten später saßen die Amazonen im Glider. Obwohl dieser für vier Personen konzipiert war, hatten sie sich zu acht reinquetschen können. Nancy saß auf Dans Schoß, Lyntaia auf dem von Francine. Nadine hatte sich zu Claire auf den Platz des Kopiloten gedrückt, Xarina hockte im Fond zwischen den beiden Pärchen und machte sich so schmal wie möglich.
»Wir liefern euch bei euren Scheiben ab!«, schlug Ken vor, der den Glider zwischen den kämpfenden Scheiben der Feindwesen und der HDG hindurchsteuerte.
Sie mussten so schnell wie möglich weg.
»Anschließend treffen wir uns in Oxford?«, fragte Claire. »Oder habt ihr ein anderes Ziel im Sinn?«
»Nein, Oxford ist in Ordnung. Wir sollten uns feiern lassen. Immerhin ist Lelewo tot.«
Weit hinter ihnen explodierte der Palast in einer grellen Stichflamme.
»HDG-One an Thunderbird!«, kam eine Durchsage. »Wart ihr das, Leute?«
»Die Amazonen fliegen in den Palast und kommen unbeschadet wieder raus. Kurz darauf explodiert der Palast. Wer soll es sonst gewesen sein?«, fragte Nadine aufgekratzt.
»Das heißt, dass Lelewo vernichtet ist?«
»Absolut«, bestätigte Nancy. »Feindwesen: Viele Verluste. Amazonen: Keine Verluste. So soll das sein!«
Jubel brach aus bei den HDG-Truppen. Er drang über Funk in die Kabine des Gliders.
Francine umfasste die Hüften von Lyntaia enger.
In diesem Moment wusste die Agentin, dass sie ihr Herz an diese Welt, an diesen Krieg und vor allem an diese Frauen verloren hatte.
Epilog
I
Die Sonne schien über Paros.
Sieben Wochen waren vergangen, seit die Timetraveller den Flugschreiber des verlorengegangenen Gliders geborgen hatten.
Sieben Wochen, in denen Claire und Francine das komplette Ausbildungstraining der Amazonen durchlaufen hatten.
Tage voll Schweiß und Schmerz, Abende voll Liebe und Zärtlichkeit lagen hinter den vier Timetravellern, aber auch hinter Nadine und Nancy.
Belangloser Sex und innige Liebe hatten sich abgewechselt. Eine Zeit, die niemand jemals vergessen würde.
»Alles Gute kommt zu einem Ende«, wisperte Nadine, während sie Ken in den Arm nahm, sich dann von Dan und Claire verabschiedete. »Ich wünsche euch Glück bei der weiteren Suche.«
»Danke«, erwiderte Claire. Sie griff nach der Hand ihres Freundes. Sie hatte gelernt zu teilen. Und sie hatte gelernt, wie innig Frauen küssen können.
Auch diese Erfahrung hatte sie machen dürfen.
»Der Moment des Abschieds, Lyn.« Francine spürte, dass ihr die Tränen in die Augen schossen. Sie hatte sich in diese Frau verliebt und sie wusste, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte; Vorsätze hin oder her.
»Bitter wie ihn sonst nur der Tod bringt«, gab Lyntaia zurück. Auch sie hatte feuchte Augen.
»Nimm das!«, bat Francine und drückte ihrer Partnerin einen Koffer in die Hand. In ihm befanden sich 62.500 Dublonen.
»Warum gibst du mir das Geld? Sie sind aus Gold, es wird auch in deiner Welt ...«
»Pst«, flüsterte Francine. »Ich will es dir nicht schenken. Du sollst es für mich verwahren, bis ich zurückkehre. Ich habe schließlich eine Zeit- und Weltenmaschine. Sobald meine Mission beendet ist ...«
»Versprich nichts, was du nicht halten willst«, mahnte Lyntaia. »Ich würde auf dich warten. Das weißt du? Jeden Tag würde ich hoffen ...«
»Ich verspreche es, weil ich es halten will.« Francine küsste Lyntaia auf den Mund. Dann winkte sie den anderen zu und beeilte sich, den Glider zu besteigen.
Sie wollte nicht gehen. Sie wollte sich nicht auf den Heimweg machen. Und doch blieb ihr nichts anderes übrig, denn noch lief diese Mission.
Ken und Dan verabschiedeten sich ebenfalls herzlich, ehe sie einstiegen.
Zuletzt winkte Claire den Amazonen, aber auch Roger Müller zu. Er hatte den Glider studiert und wusste, wie er ein ähnliches Modell bauen konnte. Ohne Zeit- und Weltenantrieb, dafür aber passend für die Amazonen.
»Bereit zur Heimkehr?«, fragte Ken, nachdem sich die Türen geschlossen hatten. »Oder möchte jemand im letzten Moment aussteigen?«
»Möchten – ja. Können aber … Nein.« Francine schaute aus dem Fenster und winkte den Frauen zu. Bis bald, dachte sie. Dabei strich sie über den Dolch der Amazonen, den sie ebenso erhalten hatte wie Claire.
Ken steuerte den Glider aufs offene Meer, beschleunigte und startete die Weltenreise. Schwärze umfing den Thunderbird, als der Glider in den Zeitstrom eintauchte.
Sie hatten ein weiteres Abenteuer überstanden, ein weiteres Teil des verlorenen Gliders gefunden. Aber erst, als Ken den Donnervogel in den Hangar nahe Frisco steuerte, war diese Reise wirklich zu ...
Ende

Fußnoten:
1 Das Head-up-Display (HUD; sinngemäß: Anzeigefeld in Blickrichtung; Frontsichtdisplay) ist ein Anzeigesystem, bei dem die für den Nutzer (Piloten, neuerdings auch Autofahrer etc.) wichtigen Informationen in sein Sichtfeld projiziert werden (Quelle: Wikipedia)
2 Identification Friend-or-Foe – Freund-Feind-Identifikation
3 Monty Python – Always look on the bright side of life
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Vorschau auf Episode 25
Erwartet mit Spannung die am 1. Mai 2011 erscheinende 25. Episode.
Der Titel lautet:
»Die Trommeln von Makumba«
von
C. C. Slaterman
Nachdem sie auf dem Eiland gestrandet waren, wähnten sie sich zunächst noch im Paradies.
Aber das änderte sich schlagartig, als sie auf die ersten Bewohner der Insel trafen.
Als deren Priester mit ihren Trommeln eine Kreatur erweckten, die seit Jahrtausenden in die Tiefe der Erde hinein verbannt war, verwandelte sich das scheinbare Paradies für die Timetraveller innerhalb von wenigen Stunden in eine Hölle auf Erden.
Fressen oder gefressen werden lautete das Gesetz.
Um aus diesem Alptraum wieder zu entkommen, mussten sie zurück zu ihrem Gleiter. Normalerweise kein Problem für die Timetraveller, aber inzwischen versperrten ihnen fast viertausend mit Speeren und Schädelbrechern bewaffnete Wilde den Weg dorthin. Zudem hatte sich hinter ihnen ein Rudel tollwütiger Hunde auf ihre Spur gesetzt, während über ihnen am Himmel eine geflügelte Bestie ihre Kreise zog, die der Geruch nach frischem Menschenfleisch schier wahnsinnig zu machen schien ...