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»Der Hauch Gottes«

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Cover © 2010 by Wolfgang Brandt

EPISODE 23

»Der Hauch Gottes«

von Amanda McGrey

Spanien – Catalunien

Claire hatte noch etwas Zeit.
Ihr Flug war für 22:00 Uhr angesetzt. Von ihrem spanischen Urlaubsort Castello de Empuries bis Barcelona würde sie es allemal rechtzeitig schaffen. Also schlenderte sie bei hochsommerlichen Temperaturen ungezwungen über den mittelalterlichen Flohmarkt der Altstadt. Zahlreiche Touristen tummelten sich hier. Ein Antiquitätenstand zog sie magisch an. Hier wurde viel Tand feilgeboten, aber es gab auch wirklich alte und interessante Bücher. Sie ließ die Augen schweifen und ihr Blick blieb auf einem leicht zerfledderten, braun verblichenen Buch haften. Mit Mühe konnte man noch den Titel entziffern.
Der geheime Leonardo da Vinci.
Claire zog das Buch scheinbar desinteressiert aus dem Stapel und schlug die erste Seite auf. Das Buch war in altspanischer Sprache abgefasst und zeigte zahlreiche Altersflecke. Aber sie liebte alte Bücher und vor allem … Geheimnisse.
Sie erstand das Buch für acht Euro. Der Bursche, der es verkaufte, hatte von Antiquitäten keine Ahnung.
Langsam schlenderte sie weiter. Fernes Donnerrollen kündigte ein Gewitter an.

In strömendem Regen erreichte Claire Barcelona und rannte vom Taxi auf das Flughafengebäude zu. Ihre Füße – wegen des warmen Wetters trug sie nur offene Sandaletten und keine Strümpfe – zeigten sich klatschnass und das Leder der Schuhe quatschte.
Sie zerrte den Rollkoffer hinter sich her und erreichte endlich den Abfertigungsschalter ihrer Fluggesellschaft.
Ärgerlich musste sie erfahren, dass der Flug nach San Francisco auf unbestimmte Zeit wegen des Unwetters verschoben worden war.
»Dann hätte ich mir die Eile sparen können«, murmelte sie. Es war am Ende doch noch etwas knapp geworden. Sie hatte sich aus der Altstadt von Castello nicht losreißen können.
Ergeben suchte sie das Flughafen-Restaurant auf und bestellte sich Cappuccino. Durch die großen Fenster starrte sie auf das Rollfeld. Der Regen lief in fetten Bahnen über das getönte Glas.
Eher spielerisch zog sie das Buch aus der Reisetasche und blätterte darin. Claire beherrschte das Altspanische leidlich und so konnte sie – wenn auch langsam – den Text der verschnörkelten Schrift lesen. Es ging um Leonardo da Vincis technische Ideen.
Da fiel ihr auf, dass das Buch im hinteren Teil eine unnatürliche Dicke aufwies. Sie betrachtete die Seiten genauer und stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass jemand dort etwas eingeklebt hatte. Eine Kladde ohne Umschlag. Nun erwachte Claires Neugier.
Sie fummelte die Kladde aus den Seiten, drehte sie in den Händen und schlug sie auf.
»Ein handschriftliches Manuskript wie ein Tagebuch … von 1979 …« Claire staunte. Es gehörte einem Dr. Sergio Valentino. Professor in Harvard.
Himmel! Wie kam ein Tagebuch eines Professors aus den Staaten in dieses Buch und dann nach Spanien?
Da wurde ihr Flug aufgerufen. Rasch steckte sie alles in die Reisetasche zurück, bezahlte den Kaffee und lief zum Sicherheitscheck.
Es dauerte noch fast dreißig Minuten, dann saß sie in der Maschine. Mindesten zwölf Stunden Flug lagen vor ihr. Sie seufzte. Aber dann huschte ein Lächeln über ihre Züge. Zeit genug, um sich dem Geheimnis zu widmen.

San Francisco

Francine holte sie vom Airport ab.
Die Freundinnen umarmten sich stürmisch.
»Na? Alles im grünen Bereich?«, fragte Francine.
Claire zuckte die Schultern. »Hundemüde.«
Francine lachte melodisch. »Da weiß ich was!«
Auf Claires fragenden Blick antwortete sie nicht, sondern bugsierte sie zum Parkhaus. Dort stand ihr Oldtimer Chevy.
Die Fahrt führte nicht zur Stadt, sondern über die Randgebiete zum Meer. Endlich schwenkten sie in eine Siedlung aus kleinen Holzhäusern ein.
»Manno! Ist das schön!«, rief Claire aus und schaute auf die schnuckeligen Gebäude mit großen Terrassen zum Strand hin.
Francine hielt vor einem in sanftem Blau gestrichenen Haus. »Gehört einem Bekannten. Hier können wir noch ein paar Tage ausspannen. Der Alltag kommt schnell genug.«
Claire war von der Idee begeistert.
Sie schleppte ihre Sachen in das Haus und schaute sich um. Es war zweckmäßig und trotzdem gemütlich eingerichtet. Es besaß Charme!
Von einem großen Fenster aus schaute man aus der Couchecke über das Meer.
»Herrlich!«, rief Claire aus. Francine grinste nur.
Claire packte aus und gönnte sich nach dem langen Flug eine Dusche. Es war schon später Nachmittag, als ein leckerer Duft durch das Haus zog. Schnuppernd kam Claire aus ihrem Zimmer.
»Hm …«, machte sie. »Was ist das?«
»Himbeer-Pfannkuchen!«, rief Francine aus der Küche.
»Toll«, kam es bewundernd von Claire.
»Du dachtest wohl, ich kann so was nicht? Ich laufe nicht den ganzen Tag mit ’ner Kanone herum oder übe Karate.«
Claire musste lachen. »Das habe ich nie angenommen.«
In der kleinen Essecke ließen sie es sich mit Pfannkuchen und Wein gutgehen.
Claire schaute zum Fenster und bemerkte, wie sich eine merkwürdige graue, teilweise ins giftgrüne wechselnde Wand aufbaute. Gelbe und rötliche Blitze zuckten darin zeitweilig.
Francine folgte Claires Blick. »Eines dieser üblen Unwetter, die in letzter Zeit immer mehr zunehmen«, merkte sie an.
»Es ist mir schon in Spanien aufgefallen. Sie brachen urplötzlich des Nachts aus.«
Francine stützte das Kinn in die rechte Handfläche. »Unsere Meteorologen stehen vor einem Rätsel. Diese Häufung von Stürmen mit Gewittern ist ungewöhnlich. Sie haben oftmals keine Chance, sie vorherzusagen. Auf einmal bildet sich so eine Wand und dann …«
»Diese außergewöhnlichen Farben …«, murmelte Claire.
Es wurde so finster, dass sie das Licht einschalten mussten. Claire trat nahe an das breite Fenster. Die Wellen donnerten drohend mit einer Urgewalt auf den Strand und brachen sich dann an den Felsen. Einzelne Gischttropfen setzten sich auf die Fensterscheibe und liefen dann wie salzige Tränen abwärts. Das Zucken der Blitze intensivierte sich.
Francine schaltete den Fernseher ein. Gerade lief ein Sonderwetterbericht.
»… wir warnen alle Bürger, bei dem sich anbahnenden Unwetter ins Freie zu gehen. Bleiben sie in den Häusern.«
Francine lehnte sich im Sessel zurück. »So geht das bereits seit einer Woche.«
Auf dem Bildschirm folgten Bilder von einem Satelliten. Dort zeigte sich eine wirbelsturmartige Front. Im Zentrum schien es zu pulsieren.
Claire beugte sich etwas vor. »Das ist aber kein übliches Hurrikanauge«, meinte sie.
Francine runzelte die Stirn. »Du hast recht. Komisch.«
Das Unwetter entwickelte sich zum ausgemachten Sturm und Francine ließ die automatischen Kunststoffblenden herabfahren.
»Mein Bekannter hat sie anbringen lassen, nachdem der letzte Hurrikan die Front richtig in Mitleidenschaft gezogen hatte.«
Wie Pistolenschüsse peitschte der Regen bald an die Außenwand. Doch im Haus fühlten sich die beiden Frauen geborgen.
Sie vertrieben sich die Zeit mit einigen Partien Schach.
Gegen Mitternacht klang das Unwetter ab. Francine schaltete die Nacht-Nachrichten ein. Bilder von verwüsteten Küstenabschnitten liefen über den Schirm.
»Zahlreiche Häuser – teilweise ganze Wohnblocks – sind ohne Strom. In San Francisco wurden die Parabolantennen einer Forschungsstation abgerissen.«
»He!«, rief Claire. »Doch hoffentlich nicht bei uns?!«
Francine hatte schon ihr Mobiltelefon in der Hand. Doch die Netze zeigten sich hoffnungslos überlastet. Claire ließ die Blenden hochfahren. Auf der Terrasse lagen Sonnenschirm und Stühle als wirrer Haufen aufeinander. Über dem Meer schwebte eine einzelne, scheinbar vertikal rotierende Wolke. Darin blitzte es manchmal bläulich.
»Hast du so was schon einmal gesehen?«, wollte Claire wissen. Francine schüttelte den Kopf. Sie öffnete die Terrassentür. Kühle, nach Ozon riechende Luft strömte ein. Das Meer rauschte wild. Allerdings beruhigte sich die Brandung etwas.
Plötzlich kniff Claire die Augen zusammen. Sie zeigte nach links. »Was ist das dort?«
Francine folgte dem Blick und rief unterdrückt: »Zounds! Sieht aus wie ein Fuhrwerk. Wie kommt das hierher?«
Wenig später standen sie bis zu den Waden im kalten Meerwasser und schauten irritiert auf einen Leiterwagen. Ein Segeltuchdach waberte nass halb im Meer.
Sie sahen weder einen Menschen noch Pferde.
»Hat der Sturm ihn hier herüber getrieben?«, fragte Francine leise. »Aber wer hat so etwas hier ... Amisch sind nicht in der Gegend. Nicht hier!«
Claire arbeite sich näher an das Fuhrwerk heran. Die Achsen und Naben zeigten keine Rostspuren. »Das Ding ist sehr neu.«
Dann entdeckte sie eine Tasche. Sie wirkte sehr modern. Claire watete zurück zum Strand.
»Das passt aber gar nicht zusammen«, meinte Francine.
Etwas ratlos standen sie da. Claire öffnete die Handtasche, die ohne Weiteres von einem bekannten Designer hätte entworfen sein können. Aber es stand kein Name als Emblem darauf.
In der Tasche entdeckte Claire alle möglichen Utensilien, die eine moderne Frau so mit sich trägt. Und … einen Ausweis.
Sie hielt ihn Francine entgegen. Diese nahm das feuchte Plastikdokument in die Hand.
»Anne Mercury, geboren 1989 – San Frederico.« Sie schüttelte etwas verwirrt den Kopf. Das gescannte Foto zeigte eine junge, dunkelhaarige, aparte Frau. »Wo liegt den San Frederico?«
Dann schaute sie auf den eingeprägten Wappenstempel. »Da komme ich jetzt gar nicht mehr mit. Es handelt sich einwandfrei um einen Ausweis der United States, aber … mit dem Wappen des Pontifex.«
Claire nahm der Freundin die ID aus der Hand. »Du hast recht«, murmelte sie. »Ein amerikanischer Ausweis mit einem Stempel, der sehr dem Vatikan ähnelt.« Sie schaute Francine mit großen Augen an. »Das sollten wir mal bei deiner Behörde klären lassen.«
Francine steckte die kleine scheckkartengroße ID ein. »San Frederico … San Francisco …«, murmelte sie und blickte dabei zum Horizont, wo immer noch eine – wenn auch kleinere – Wolke rotierte.

Dan und Ken tauchten am Nachmittag auf.
»Ein lauschiges Plätzchen habt ihr euch ausgesucht«, knurrte Ken.
Claire lachte hell auf und umarmte Ken. »Nur kein Neid.«
Dann kamen sie zur Sache. Die beiden jungen Männer betrachteten die ID-Card, wie auch die Handtasche an sich. Dan drehte einen Lippenstift in den Fingern. »Sieht genauso aus, wie einer der zahlreichen anderen. Nur die Marke sagt mir nichts.«
Francine kicherte. »Bist du vom Make-up weg?«
»Ha, ha«, kam es rau.
»Wann habt ihr das Fuhrwerk entdeckt?«, wollte Ken wissen. Francine erklärte ihm die Geschichte.
Ken trat ans Fenster und blickte über das Meer. Ruhig stießen die Wellen an den Strand. Der Himmel über dem Pazifik zeigte sich stahlblau.
»Diese so plötzlichen und in kurzen Fristen auftretenden Unwetter machen uns allen Kopfzerbrechen. Aufnahmen von Hubble zeigen merkwürdige Formationen. Zurzeit gibt es noch keine Erklärung dazu«, merkte Dan an.
Nach zwei Stunden verabschiedeten sich die beiden erst einmal.
Francine und Claire machten es sich gemütlich. Während Francine sich in einen Sessel kuschelte, streckte sich Claire auf der Couch aus. Sie angelte das auf dem Flohmarkt erstandene Buch aus der Reisetasche, die neben der Couch stand, und begann darin zu lesen. Zwar hatte sie auf den Flug die eingefügten merkwürdigen, in einigen Passagen wie ein Tagebuch gehaltenen Aufzeichnungen genau angesehen, sie war sich aber nicht im Klaren, was sie davon halten sollte. Nach den Ausführungen lehrte Professor Sergio Valentino in Harvard Geschichte und Kunstgeschichte. Bei einem Forschungsprojekt, das nicht näher genannt wurde, stieß er auf geheime Aufzeichnungen Leonardo da Vincis. Seit dieser Zeit vertrat Valentino öffentlich die Auffassung, der Papst sitze zu Unrecht auf dem Thron Petri. Rom sei eine einzige Lüge.
Claire legte das Buch zur Seite. Es stellte sich die Frage: Wer war für dieses Script verantwortlich? Und wer hatte es in dieses Buch geklebt? Wie kam es überhaupt auf diesen Flohmarkt?
Francine bemerkte Claires Verwirrtheit und stellte eine entsprechende Frage.
Claire gab Auskunft und reichte ihr das Buch herüber.
»Na ja«, meinte Francine. »Es wird viel in Leonardo hineingeheimnist. Unzählige auf historisch gestylte Fakes.«
Dem musste Claire zustimmen. »Mich würde aber mal interessieren, ob es diesen Professor Sergio Valentino in Harvard gab.«
Francine lachte leise. »Das lässt sich doch herausbekommen.« Sie rutschte vom Sessel und schlurfte in den Flip-Flops zum Computer. Es dauerte einen Moment, bis der PC hochgefahren war. Claire stand von der Couch nun gleichfalls auf und stand nur hinter der Freundin. Diese gab als Suchwort den Namen ein.
Sie staunten beide. Mehr als fünfhundert Hinweise gab es auf den Professor.
»Na so was! Muss eine Kapazität gewesen sein.« Francine klickte eine der Seiten an.
»1979 verschwand Valentino spurlos. Er hatte nach dem offiziellen Unterricht sein Labor im Keller der Universität aufgesucht und kehrte nicht zurück.« Francine schüttelte den Kopf. »Was gibt denn das?«
Sie klickten weiter, entdeckten aber keine weiterbringenden Erklärungen. Lediglich noch, dass Valentino mit einem Professor Mortimer McMillan die letzten zwei Jahre zusammengearbeitet hatte.
Francine lehnte sich zurück.
»Also den Professor gab es«, brummelte sie. Sie stand vom Computertisch auf und griff sich das Buch vom Couchtisch. Sie blätterte darin. Das Buch selbst gab diverse technische Berechnungen Leonardos wieder – manche im Original in Spiegelschrift nebst Skizzen abgebildet. Nirgends konnte man aber die Erstdruckauflage des Buches ausmachen.
»Nun«, merkte Claire an, »in früher Zeit des Buchdruckes war das auch nicht üblich.«
Francine hielt das Buch schräg gegen das Nachmittagslicht. »Das Buch wurde frühestens in den 60ern gedruckt und auf alt getrimmt.«
»Bist du dessen sicher?«, kam es von Claire.
»Hundertprozent! Ich habe mich einmal aus reinem Interesse mit Drucklettern befasst. Das Ding wurde auf einer ROLAND 1962 erstellt.«
Claire verzog das Gesicht. »Was tun wir mit dem Wissen?«
Ihre Freundin lachte lautlos. »Null Ahnung. Was bringt es überhaupt?«
»Da hast du wohl recht.«
Der Donnerschlag ließ das Haus erzittern.
Die beiden Frauen zuckten zusammen. Gleichzeitig richteten die Blicke sich nach draußen. Sie hatten das Aufkommen der pechschwarzen Wolkenwand nicht bemerkt. Ein Sturm entfachte sich und die Wellen des Pazifik donnerten hoch aufgetürmt auf den Strand. Jedesmal rissen sie Mengen von Sand mit.
»Himmel!«, stöhnte Claire. »Was gibt das?«
Innerhalb der schwarzen Unwetterwand bildete sich eine grünliche Rotation. Es wirkte bald wie ein Auge.
Mit offenem Mund starrten die beiden Frauen auf das Gebilde. Rote und blaue Blitze zuckten darin.
»Bin ich jetzt in einem Horrorfilm?«, fragte Francine tonlos.
Plötzlich ergriff Claire fest den linken Oberarm der Freundin. Doch auch sie hatte es gesehen. Nur für vielleicht vier oder fünf Sekunden, aber sie hatte es gesehen.
Mitten in diesem Auge hatte sich das Abbild einer Stadt materialisiert.
Die Skyline von San Francisco.
»So … eine … Spiegelung ist mir noch nicht untergekommen«, murmelte Francine fassungslos.
Doch in Claires Kopf setzte sich eine andere Erklärung fest.
Das Unwetter dauerte nur knapp zwanzig Minuten, dann war der Himmel wieder hell und ein wunderbarer Sonnenuntergang wurde erkennbar. Wäre der aufgewühlte Strand vor ihren Augen nicht gewesen, sie hätten alles für einen Spuk gehalten.

»Du denkst wirklich an ein … Wurmloch?«
Zwei Stunden später blickte Ken die Gefährtin zweifelnd an.
»Es ist das schlimmste und kürzeste Unwetter der letzten zehn Tage gewesen«, warf Dan ein. Da summte sein Mobiltelefon. Er meldete sich und lauschte dann. »Sie sind sich sicher?« fragte er den Teilnehmer zurück.
»Okay.« Dann unterbrach er die Verbindung.
Alle schauten fragend zu ihm.
»Das war Roger Grew von der Satellitenstation Detroit. Ein Freund von mir. Es konnte aus dem All eine extreme Verschiebung des Magnetfeldes über den Polen gemessen werden«, gab er Auskunft.
Claire schlug die rechte Faust in die linke Handfläche. »Also alle Anzeichen eines Wurmloches.«
Ken nickte langsam. »Es hat den Anschein.«
»Was bedeutet das?«, wollte Francine wissen.
Ken zuckte die Achseln. »Jemand macht aus einer Parallelwelt das, was wir von hier tun. Einen Weg öffnen.«
Francine schluckte. »Du denkst … aus einer Parallelwelt versucht jemand uns zu besuchen?«
Ken zuckte die Achseln. »Weshalb sollte dort nicht auch jemand das können. Allerdings …«
»Allerdings – was?«
»Das ist ein riesiges Wurmloch. Derjenige müsste eine gewaltige … hm … Maschinerie besitzen.«
Claire mischte sich ein, »Kann man nicht feststellen, in welcher Welt der Ursprung liegt?«
Ken wiegte den Kopf. »Schwierig. Bisher stellte sich die Frage auch nicht. Ich fahre ins Institut und werde sehen, was die Computer sagen. Ich melde mich.«
Dan begleitete Ken.
Als sie wieder allein waren, lief Claire unruhig im Zimmer umher. Francine legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Nun beruhige dich! Es ist ja nichts Gefährliches. Noch nicht jedenfalls«, beendete sie leise. Doch auch ihr sah man die Unruhe an.
Die Abendnachrichten ließen Claire und Francine aufhorchen.
»Ein merkwürdiger Fall von sakralem Sadismus beschäftigt seit heute Nachmittag die Polizei von Daly City. In der Nähe der Christ-Heard-Church wurde ein überdimensionales Kreuz gefunden. Wie zu römischen Zeiten hatte man dort einen Mann angenagelt. Laut Polizeiangaben trat der Tod vor mindestens vier Tagen ein. Der Leichnam wies auch Spuren von Misshandlungen auf. Woher Kreuz und Leiche stammen, ist zurzeit völlig unklar.«
Claire und Francine blickten sich fragend an.
»Das Fuhrwerk …«, hauchte Claire.
»Das Kreuz …«, kam es von Francine.
Beide wussten voneinander, was sie dachten. Stammt etwa beides aus einer Parallelwelt?
Doch dann schüttelte Francine den Kopf. »Unsinn! Drehen wir nicht durch. Ich mache uns erst einmal etwas zum Essen.«
Der Abend verlief ruhig. Kein Unwetter zog auf. Sie hatten den Esstisch mit einem Kerzenkandelaber schön dekoriert. Francine hatte hervorragende Steaks zubereitet. Dazu tranken sie einen kalifornischen Rotwein.
Nach dem Essen zogen sich beide in die gemütliche Sitzecke zurück. Zusammen belegten sie die Rundcouch – streiften die Schuhe ab und legten sich entspannt – die Füße jeweils beim anderen gelagert – zurück.
Claire angelte sich das Buch über Leonardo da Vinci. »Ich werde unterschwellig das Gefühl nicht los, als gäbe es hier einen Schlüssel zu den Ereignissen.«
Francine verzog das Gesicht. »Das wäre mehr als ein Zufall.«
Claire rieb sich das Kinn. »Ich hätte Lust, nach Harvard zu rutschen, um mehr über diesen Professor Valentino zu erfahren.«
Francine kniff die Augen zusammen. »Wozu sollte das gut sein?«
Claire zuckte leicht die Achseln. »Ich weiß es selbst nicht.«
Im Hintergrund lief leise der Fernseher. Als die Wettervorhersage kam, schauten beide auf den Schirm.
»Die bisher rätselhaften Wetterphänomene scheinen abzuklingen. Nur im Kreis New Hampshire gab es heute Abend noch ein kleines Unwetter. Die Wettersatelliten zeigen bisher keine Abnormalitäten mehr.«
Francine lehnte sich zurück. »Na bitte! Wir lassen uns zu schnell verrückt machen.«
»Aber das Bild von der Stadt …«, begehrte Claire auf.
»Ein Trugbild!«, wehrte Francine ab.

Im Tiefgeschoss des Stanford Research liefen unterdessen die Computer heiß. Die Techniker hatten sämtliche zur Verfügung stehenden Daten eingegeben. Sie stammten von Aufklärungssatelliten, meteorologischen Stationen der ganzen Welt sowie vom Weltraumteleskop Hubble.
»Schon ein Ergebnis?«, fragte Ken rau und nervös.
Einer der Experten schüttelte den Kopf. »Lediglich, dass sich zurzeit der Unwetter die Erdmagnetfelder extrem abschwächten. So, als würden sie von irgendetwas aufgesogen.«
Ken wurde hellhörig. »Sie wurden was?«
»Na ja – als würde sich irgendwo hinter der gewaltigen Wolkenwand oder in dieser ein Ionen fressender Staubsauger befinden.«
Ken kratzte sich hinter dem rechten Ohr. »Können sie das präzisieren, Sir?«
Der Experte zuckte die Achseln. »Vergleichen sie es mit einem sogenannten Schwarzen Loch. Nur, dass es sich plötzlich wieder schließt.«
»Was ist hinter diesem … Loch?«
»Ein gewaltiger elektromagnetischer Sturm.«

Von all dem wussten Claire und Francine nichts. Sie saßen gemeinsam auf der Halbrundcouch. Francine massierte Claires Füße. Die reckte sich wohlig. »Oh … tut das gut.«
Ihre Freundin lachte. »Das denke ich mir. Aber jetzt ist die Reihe an mir.«
Sie streckte Claire ihre gepflegten schlanken Füße hin.
Diese nahm sie hoch und bemerkte dann: »Wieso hast du keine Spur von Hornhaut?«
Erneut lachte Francine auf. »Ich laufe nicht so oft barfuß herum.«
Claire begann langsam zu massieren. Sie spürte, wie es wie ein kleiner elektrischer Schlag Francine durchzuckte. Claire kniff etwas die Augen zusammen und massierte vorsichtig mit zwei Fingern die volle Länge der Sohle. Dabei sagte sie: »Was ist? Sollen wir den Weg nach Harvard nehmen? Möglicherweise erfahren wir etwas.«
Francine verzog das Gesicht. »Die Geschichte lässt dich nicht los, was?!«
Claire musste das zugeben.
Francine seufzte. »Aber was findest du an der Sache so spannend?«
Die junge Frau ihr gegenüber hielt in der Fußmassage inne. »Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.«

Harvard – zwei Tage später

Der Dekan der Universität schaute die beiden jungen Frauen neugierig an.
Wer die beiden nur in legerer Kleidung gesehen hatte, hätte sie im Moment auf den ersten Blick nicht gekannt. Beide trugen modische Shirts, figurbetonte Röcke und schwarze High Heels. Die unbestrumpften Beine schimmerten matt braun – bei Claire durch ihren Urlaub noch mehr. Die Augen des Dekans schlugen dementsprechende »Kurven« ein.
»Das Verschwinden Professor Valentinos ist eine äußerst mysteriöse Sache gewesen. Die Polizei geht immer noch von einer Entführung aus.«
»Das war 1979 – nicht wahr?«, fragte Francine.
Der Dekan nickte.
»Schildern Sie uns doch bitte den Hergang.«
»Hergang?« Der Fünfzigjährige fuhr sich durch das schüttere helle Haar. »Da gibt es keinen Hergang! Er ging in sein Kellerlabor, in dem er immer seine Physikexperimente für die Vorlesung vorbereitete und kam nicht wieder.«
Claire beugte sich mit übergeschlagenen Beinen vor. »Sir – er muss ja irgendwie das Labor wieder verlassen haben.«
Der Dekan schlug verzweifelt mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte. »Eben nicht!«
»Was sagt die Polizei?«
Der Dekan zuckte mit den Schultern. »Sie fanden keine Erklärung.«
»Können wir das Kellerlabor sehen?«, wollte Francine wissen.
»Bitte. Wir haben nichts verändert. Es nur verschlossen.«
Zehn Minuten später rasselte der große Schlüssel und die Eisentür schwang auf.
Diverse zerbrochene Retortengläser lagen auf dem Boden. Was Claire aber magisch anzog, war eine Brandspur, die an der einen Längswand begann und vor der nächsten Querwand endete.
»Woher stammt das?«, fragte sie den Dekan.
Der machte ein ratloses Gesicht. »Keine Ahnung.«
»Wo wohnte der Professor?«
»Nur zwei Blocks weiter. Gouverneur Road. Bei einer Giselle Bolton. Eine jetzt siebzigjährige Dame. Sie hält die Wohnung immer noch in Ordnung. Ich denke, sie hofft, Valentino taucht irgendwann wieder auf.«
Francine durchschritt das Labor. Dann schaute sie den Dekan fest an. »Sir – hat der Professor allein hier gearbeitet?«
Der Dekan schüttelte den Kopf. »Professor Mortimer McMillan arbeitete das letzte halbe Jahr mit ihm hier an einem Projekt.«
»Was für ein Projekt?«
Der Dekan hob beide Hände. »Ich habe wirklich keine Ahnung!«
»Wo ist McMillan zu finden?«
»Nach dem … Verschwinden Valentinos zog er nach Michigan. Jedenfalls teilte er mir das in einem Brief mit.«
Claire schaltete sich ein. »Wann erhielten Sie den Brief?«
»Etwa zwei Monate nach Valentinos Verschwinden. McMillan kündigte in dem Schreiben auch fristlos seine Dozentenstelle an der Universität.«
Francine hob die Augenbrauen. »Ach … was unterrichtete er?«
»Geschichte. Sein Spezialgebiet war Leonardo da Vinci.«
Francine und Claire warfen sich einen Blick zu. War das Zufall?

Mrs. Bolton entpuppte sich als zierliche, sehr höfliche Frau. Sie öffnete die Tür des kleinen gepflegten Backsteinhauses. Francine stellte sich und Claire vor.
»So – eine Nichte von Professor Valentino sind Sie.« Giselle Bolton zog etwas die Augen zusammen. »Davon hat er mir nie erzählt.«
Francine tischte der alten Dame eine rührende Geschichte auf, was zur Folge hatte, dass sie bald zu dritt an einer schön gedeckten Kaffeetafel saßen.
Die Hauswirtin des Professors hatte auch nichts dagegen, als die beiden jungen Frauen das Zimmer des Professors sehen wollten.
»Ich habe alles so belassen, wie …« Sie stockte. »Na – sehen Sie sich um.« Sie ließ die beiden allein.
Francine und Claire blickten sich um.
»Die typische Professorenstube«, sinnierte Claire.
Sie betrachteten die Bücherregale, die bis auf den letzten Millimeter mit Fachliteratur vollgestopft waren.
»Oh je, wie soll man hier was finden?«, stöhnte Francine.
»Einen Computer scheint der gute Professor wohl nicht gehabt zu haben«, brummelte Claire.
Francines Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen. »Es war 1979!«
»Ach ja«, machte Claire und schüttelte den Kopf. Sie inspizierte die Schubladen des Schreibtisches.
Francine widmete sich einer altmodischen Kommode. Plötzlich rief sie aus: »Holla! Das ist aber interessant!«
Sogleich kam Claire zu ihr herüber. »Was denn?«
Francine zeigte ihr einen Ordner mit zahlreichen Zeichnungen und Tabellen. »Das sind Berechnungen von polaren Magnetfeldern.«
»Zeig mal her!«, rief Claire und blickte auf die Tabellen. Dann schüttelte sie den Kopf. »Damit kann ich wenig anfangen.«
»Alles verstehe ich auch nicht, aber vielleicht kann Ken was damit machen oder unsere Computerexperten. Wir nehmen den Ordner mit.«
Claire schaute auf den Ordnerrücken. »Das sind Unterlagen von Mortimer McMillan.«
Francine stieß die Luft aus. »Hier ist eine Menge faul im Staate Dänemark!«
Claire schlug sich vor die Stirn. »In diesem Script wird ein MM erwähnt, der experimentell beweisen will, dass man künstliche Wurmlöcher herstellen kann. Ich habe der Sache keine Bedeutung beigemessen, weil ich immer wieder das Lesen unterbrochen habe. Dann habe ich es vergessen.«
»Wir müssen auf alle Fälle rasch mit Ken und Dan reden«, meinte Francine.
Claire schaute sie an. »Was rumort in deinem hübschen Köpfchen?«
Francine ließ den Blick schweifen. »Es geht mir wie dir. Genaues weiß ich nicht.«
Sie stöberten weiter.
Claire, die in diversen Zeitungsausschnitten wühlte, die zu einem kleinen Turm auf dem Schreibtisch aufgebaut waren – zum Teil schon vergilbt – merkte mit einem Mal an: »Irgendwie war Professor Valentino schlecht auf den Papst zu sprechen. In unzähligen Interviews weist er darauf hin, dass Rom anmaßend sei. Der Papst sei ein Usurpator.«
Francine schüttelte den Kopf. »Was soll denn der Unsinn?«
Claire legte die Ausschnitte weg und schritt – einen Zeigefinger ausgestreckt – an den Bücherwänden entlang. Dann zog sie ein Buch mit schwarzem Umschlag heraus. Ein Kreuz, das von einem Blitz durchbohrt wurde, prangte als Titelbild darauf. Darunter der Titel: Der falsche Petrus, Untertitel: Die römische Lüge.
Als Autor wurde Sergio Valentino genannt.
»Das ist ja interessant«, sagte Francine. Sie nahm das Buch und las den Klappentext.
»Unser Professor steigert sich da hinein, dass es ohne die Lüge der frühen Kardinäle keinen Papst gäbe. Petrus sei eine frei erfundene Figur, um Macht zu erlangen.«
Claire nickte. »Das steht auch in dem mysteriösen Script. Valentino hat immer Rom als Glaubensmacht angeprangert. Rom sei nicht heilig, sondern Höllenbrut.«
Francine lachte hell auf. »Na – so ganz unrecht hat er ja nicht damit. Im Vatikan geht es eher um Geld.«
»Und Macht!«
Nach zwei Stunden verabschiedeten sich die beiden von Mrs. Bolton.
Francine war es gelungen, unbemerkt den schmalen Ordner mitzunehmen.
Im Hotel angekommen, warf sich Francine auf das Bett und schleudert die High Heels von sich. »Mann! Tun mir die Füße weh.«
Claire feixte. »Madame ist nichts gewöhnt.« Sie setzte sich ans Fußende des Bettes und meinte: »Zeig mir deine armen Patscherln.« Damit begann sie, Francine die Sohlen zu massieren.
»Wenn wir diesen Mortimer McMillan ausfindig machen würden«, meinte Francine, »kämen wir dem Geheimnis etwas näher.«
Claire sprang auf und schaltete den Laptop ein. Mit dem Stick ging sie ins Internet. »Dann lass uns mal sehen … Michigan …«
Nach einer Stunde gab sie auf. »Kein Mortimer McMillan.«
Doch am kommenden Morgen sollten sie Mortimer McMillan finden. Auf der Titelseite der Harvard Post.

Das FBI konnte die vor einer Woche in einem Brunnenschacht nahe der Universität aufgefundene, fast völlig verweste Leiche identifizieren. Wie FBI-Sprecher Hubert McNamarra bekanntgab, handelt es sich um Mortimer McMillan – ehemals Dozent an der Universität Harvard. Nach dem mysteriösen Verschwinden des Professors Sergio Valentino hatte sich der Dozent aus der Öffentlichkeit völlig zurückgezogen. Ob McMillan einem Unfall zum Opfer geworden ist oder ob andere Ursachen vorliegen, wollte McNamarra nicht sagen.

Mit der Zeitung suchten sie den Dekan der Universität auf.
»Es stimmt, dass vor einer Woche eine Leiche in einem stillgelegten Brunnen gefunden worden ist. Ein Teil der Wasseranlage – sie stammt aus der Zeit um 1897 – war eingestürzt. Bei Sicherungsarbeiten wurde ein … Skelett muss man sagen … gefunden. Aber ich habe im Traum nie daran gedacht, es könne …«
Er schüttelte fassungslos den Kopf.
Francine holte tief Luft. »Demnach könnte der Brief an Sie eine Fälschung sein. Haben Sie ihn dem FBI übergeben?«
Der Dekan machte große Augen. »Sie denken an …«
Francine nickte.

San Francisco – 48 Stunden nach dem Ereignis

Sie hatten weder Dan noch Ken erreichen können.
»Die beiden sind zur Astronomischen Station gefahren«, erhielten sie als Auskunft.
Der Abend dämmerte herauf.
»Lass uns einen Spaziergang am Strand machen«, schlug Claire vor.
Wenig später stapften sie durch den Sand und ließen ihre Füße vom Wasser des Pazifik umspülen.
»Was soll man von der ganzen Sache halten?« Francine schaute über das Wasser.
Claire blieb stehen. »Keine Ahnung. Aber wenn es nicht so … so verrückt wäre, dann …«
»Dann?«, fragte Francine.
Claire hob theatralisch die Arme.
»Hm«, machte Francine. »Du denkst dasselbe wie ich.«
Claire ging langsam weiter. »Nur wie ist es möglich?«
Nach dem Essen vertrieben sie sich die Zeit mit einer Partie Schach. Gegen dreiundzwanzig Uhr überkam Francine die Müdigkeit. »Ich gehe zu Bett.«
Claire nickte nur. »Ich werde noch etwas lesen.«
Sie legte sich auf die Couch und blätterte in dem ominösen Buch. Bald fielen auch ihr die Augen fast zu. Bei dem Buch gab es nichts Aufregendes – außer, dass Leonardo zu den rätselhaftesten Menschen der Vergangenheit gehört hatte und sein Wissen und seine Erfindungen der Zeit weit voraus waren.
»Im Gemälde des Feurigen Elias barg Leonardo da Vinci sein Geheimnis« hieß es in einem Abschnitt.
»Ach ja, der Gute«, murmelte Claire und blätterte eher automatisch um. Das heißt, sie wollte es, aber zwei Blätter schienen – aus welchem Grund auch immer – zusammengeklebt zu sein.
»Na so was!«, brummelte sie und versuchte mit ihren Fingernägeln die Seiten zu lösen. Es gelang erst nach dem fünften oder sechsten Versuch. Zwischen den beiden Blättern verbarg sich die ganzseitige Zeichnung des Feurigen Elias.
Claire schaute einmal – zweimal … blinzelte mit den Augen und rief dann aus: »Nein!«
Was sie sah, mochte sie nicht glauben. Ein bärtiger Mann in einer frühmittelalterlich anmutenden Tracht saß in einem Gefährt, dass scheinbar mit einem Feuerstoß angetrieben wurde.
Claires Augen saugten sich an dem torpedoförmigen Gebilde fest.
»Der Glider!«, entfuhr es ihr völlig desorientiert.

Stanford Research Institut – noch in der Nacht

Ken und Dan starrten perplex auf die Zeichnung.
»Da Vinci hat das schon entworfen?«, stammelte Ken.
Claire nickte. »Deshalb hat sich Valentino so für Leonardo interessiert.«
Dan fasste sich an den Kopf. »Du denkst, er hat mit Hilfe von McMillan einen Glider gebaut?«
»Ja«, meinte Claire. »Das erklärt sein Verschwinden und die Brandspur im Labor.«
»Das würde bedeuten, er ist in eine Parallelwelt abgehauen …«, kam es hohl von Dan.
Ken blickte Claire scharf an. »Du denkst doch weiter?«
Claire nickte. »Vielleicht ist seine Reise verantwortlich für die Phänomene.«
»Wechselnde Polar-Magnetfelder«, brummelte Dan. Dann schüttelte er den Kopf. »Der Glider verursacht solche Störungen nicht.«
»Der Glider nicht«, kam es von Francine.
Alle starrten sie an wie einen Geist.
»Teufel!«, stieß Ken aus.
Dan wandte sich ihm zu. »Wir müssen herausbekommen, in welche Welt er sich abgesetzt hat.«
Ken nickte nur langsam. »Wenn das so einfach wäre.«
Sie verließen den streng gesicherten Raum mit den Großcomputern und fuhren mit dem Lift an die Erdoberfläche. Durch die gesicherten Schleusen gelangten sie auf eine weiträumige Terrasse. Von hier aus sah man auf die Skyline von San Francisco.
Leises Donnerrollen drang an ihre Ohren. Alle wandten sich um und sahen die blaugrüne wabernde Wand, die mit grellen Blitzen durchzogen schien.
»Verdammt!«, rief Ken aus. »Es geht wieder los!«
»Das wäre die Chance, etwas zu ermitteln«, meinte Dan hastig.
»Richtig! Los! Zurück nach unten!«
»Wir ziehen schon alle Informationen global zusammen«, rief der Chef-Techniker ihnen im Rechnerraum entgegen. »In der Stratosphäre toben ungeheure elektromagnetische Böen.«
Ken spielte nervös mit seinen Fingern, während seine Augen über die Wellen und Spiralen des Großbildschirms glitten. Zahlenkolonnen schienen aus dem Mittelpunkt des Bildschirms zu schießen. Standen kurz und verwischten am Rand.
»Können Sie schon etwas ermitteln? Koordinaten?« Kens Stimme klang rostig. So war es immer, wenn er innerlich völlig aufgeregt war.
»Bisher ließ sich in dem geballten Strom von immer wieder wechselnden Magnetfeldern nichts lokalisieren.«
Die Außenkameras übertrugen das sich entwickelnde Unwetter auf Monitore unten im Bunker.
»Meine Güte!«, rief Dan aus. »Das muss ja da oben toben.«
Ken bestätigte das. »Und es nimmt noch zu.« Er deutete auf eine Parabel eines bläulich leuchtenden Bildschirms. »Einhundertvierzig Kilometer zeigt die Windstärke. Die Prognose liegt bei einhundertachtzig.«
»Himmel! Ein Jahrhundertsturm!«, rief Ken aus.
Ein Schrei des Cheftechnikers ließ alle herumfahren. »Die wahrscheinlichen Koordinaten. 44-67/9 vertikal. 44-8974 horizontal mit dem Vektor 3.«
Sogleich gab Ken das in den Steuercomputer des Gliders ein. »Wenn wir schnell starten, gelangen wir möglicherweise auf die Energie des Wurmloches und werden automatisch zum Ursprungsort in der Parallelwelt gezogen.«
Der Cheftechniker schaute skeptisch. »Das ist reine Theorie. Wenn es nicht stimmt oder wir nur eine Abweichung von 0,09 Prozent haben, segelt ihr unkontrolliert nach Irgendwo. Möglicherweise ohne Rückkehrmöglichkeit.«
Ken dachte einen Moment nach. Dann sagte er fest: »Ich bin bereit es zu versuchen.« Er blickte die anderen an. »Was ist mit euch?«
Claire war absolut nicht wohl bei der Sache, aber sie nickte zustimmend. Francine und Dan taten das gleiche. Keiner wollte als überängstlich gelten. Schließlich konnte die Mission die »Jetztwelt«, in der sie lebten, vor dem Untergang bewahren.
»Gut!«, rief Ken. »Zeit läuft. Null minus 30 Minuten bis zum Start. Ich lasse alles klar machen. Springt in die Schutzanzüge.«
Unterdessen fegte der Sturm über die Küste. San Francisco wurde heimgesucht wie von der Apokalypse. Der Stadtrat rief den Notstand aus. Fast acht Meter hohe Wellen türmten sich im Pazifik auf. Das Kreuzfahrtschiff MS Berlin entkam nur knapp einer Katastrophe.
Von all dem bekamen die Zeitreisenden nichts mit in dem Hochsicherheitsbunker des Stanford Research Institut.
»Countdown in Null minus sechs«, schnarrte eine Computerstimme.
Francine zwängte sich in den Glider. Claire folgte. Dan wollte eben einsteigen, als Ken ihn zu sich rief. »Wir sollten uns noch mal eben die Flugparabel ansehen. Vielleicht hat sich etwas verändert.«
In diesem Moment geschah es!
Über dem Institut ballte sich eine gewaltige rotierende grünliche Wolke zusammen. Dann schoss ein Blitz von solcher Gewalt in eine der Parabolantennen, dass die Titanschüssel zerbarst. Winzige Flammen züngelten an Kabelverbindungen hoch, fraßen sich durch Isolationsschichten und ließen kleine Rauchwölkchen aufsteigen, die der Sturm sogleich mit sich riss.
Dann ein weiterer Blitz. Er schoss eine der Spezial-Stabantennen einfach ab.
Unten im Bunker begannen die Monitore zu flackern.
Mit einem dumpfen »Rumms« schlug die Sicherheitstür des Gliders zu und verriegelte sich automatisch. Claire und Francine schraken zusammen. Die Digitalenanzeigen am Armaturenbereich begannen zu flimmern. Dann erloschen sie.
»Was ist denn nun los?«, stotterte Francine. Auch Claire spürte, wie ihre Hände feucht wurden.
Da flammten die Armaturen wieder auf. Eine automatische Stimme kam aus dem kleinen Bordlautsprecher. »Notstart.«
»Was?«, rief Claire aus. Sie wandte sich um und schlug mit den flachen Händen vor die Plexiglaskuppel des Gliders. Sie sah Ken und Dan – die völlig entgeistert zu dem Glider starrten.
»Neun-acht-sieben …« Eine automatische Stimme begann zu zählen.
»Francine! Was bedeutet das?«, schrie Claire. Ihre Augen schienen vor Angst aus den Höhlen treten zu wollen.
Francine hangelte sich nach vorn zur Steuerung.
»Was tust du? Francine! Was passiert hier?«
»… vier-drei-zwei …«
»Ich weiß es doch auch nicht! Scheiße! Ich hab keine Ahnung!«
»Dann tu was!«
»Was denn? Verdammt!«
»… eins-zero.«
Wie vom Katapult geschossen jagte der Glider los.
Die Wand! Herrgott! Die Wand! – hämmerte es in Francine. Ihre Finger flogen über die Steuertastatur.
Der Glider sauste auf den Beton zu und …
Stille!
Beängstigende Stille.
Kein Aufprall.
Nichts.
Ist so der Tod?, blitzte es in Claires Gehirn auf.
Wie versteinert, wie in einem plötzlich angehaltenen Film sah sie Francine bewegungslos hinter der Steuerung.
Claire zwang sich, sich aus ihrer Erstarrung zu lösen. Da normalisierte sich die Szene. Francine bewegte sich. Sie verfolgte die Koordinatenzahlen auf dem grünlichen Monitor.
Wie winzige Elmsfeuer flammte es immer wieder rechts und links des Gliders auf. Ab und zu blaue und gelbe, nebelartige Schwaden.
Claire hatte den Eindruck, als würde der Glider plötzlich kippen. Sich mehrfach um die eigene Achse drehen.
Als ob jemand einen Vorhang mit einem Ruck wegzöge, wurde es hell.
Was die beiden jungen Frauen sahen, verschlug ihnen den Atem.

San Francisco II

Claire traute ihren Augen nicht.
Francine rann der Schweiß von der Stirn. »Scheiße! Es hat nicht geklappt. Wir rauschen über San Francisco! Wir müssen das Institut finden, um zu landen. Niemandem darf der Glider in die Finger fallen.«
»Ja«, kam es rau von Claire. Wieso hatte es nicht funktioniert? Sie versuchte, über die Spezialfrequenz Kontakt mit dem Control-Center aufzunehmen. Aber nur Rauschen drang aus dem Lautsprecher.
»Da unten müsste es gleich sein. Wir …« Francine stockte mitten im Satz.
Auch Claire machte runde Augen. »Was … ist … das?«, stotterte sie.
Unter ihnen lag nicht das Stanford Research Institut, sondern … der Vatikan!
»Bin ich im falschen Film?«, flüsterte Francine und lenkte den Glider in eine weite Kurve. Dabei gingen sie etwas tiefer.
Sie schauten nun in die Straßenschluchten und sahen auch die Stadtautobahn.
»Keine Autos«, murmelte Claire.
Francine wischte sich den Schweiß ab. Ihr Atem ging leicht rasselnd. Claire fischte das kleine, aber leistungsstarke Fernglas aus dem gesicherten Ablagefach.
»Kutschen! Ich sehe Kutschen! Das gibt es doch nicht!«
Sie zogen eine Schleife um das vatikanartige imposante Gebäude. Es handelte sich um eine absolute Kopie des Petersdoms mit diversen Anbauten.
Da sah Claire durch das Fernglas eine Menschenansammlung auf einem Hügel – nahe dem Strand.
»Was passiert denn da?«, rief sie aus und gab Francine Anweisung, eine Rechtskurve einzuleiten.
Bald erkannten sie es auch ohne Glas.
»Eine … Kreuzigung …«, entfuhr es Francine absolut fassungslos und stammelnd.
»Ja – zwei Personen. Himmel! Wo sind wir hier gelandet?«
Francine stieß zischend die Luft aus. »Apropos gelandet, irgendwo müssen wir den Glider verstecken.«
Der Glider hatte an Höhe verloren. Er flog lautlos über die Ansammlung. Plötzlich ruckten mehrere Köpfe nach oben. Claire sah, dass einige Menschen von dort unten etwas schrien. Andere wurden aufmerksam.
»Wir müssen verschwinden!«, rief Claire warnend.
Francine nickte. Sie zog den Glider hoch und zum Rande der Stadt.
»Dort liegt Sausalito. Dort können wir hinunter.«
Bis auf geringe Veränderungen – ausgenommen natürlich der Vatikan-Nachbau – hätte man annehmen können, die Timetraveller hätten ihre angestammte Welt gar nicht verlassen.
Doch es gab insofern Unterschiede, dass statt Automobilen überall Kutschen fuhren und die Flugplätze sich verwaist und verödet darstellten.
In Claires Kopf wirbelten die Gedanken nur so. Was war das für eine Welt? Stammte wirklich von hier dieses Wurmloch, das so ungeheure Unwetter in ihrer Realwelt verursachte?
Aber wie wurde es erzeugt?
Und … warum?

Bei Sausalito handelte es sich um ein beschauliches Städtchen an der Küste im englischen Stil, umfasst von Pinienhainen an einer teils steilen Küste.
»Hier bin ich oft bei meiner Großmutter gewesen«, erklärte Francine und suchte den steilen Felsenhang ab, während der Glider an der Küste vorbei schwebte.
»Da ist es ja noch!«, sagte sie dann zufrieden.
»Was denn?«, wollte Claire wissen.
Da schwenkte der Glider auch direkt auf eine Felsnase zu.
Claire richtete sich in den Sicherheitsgurten erschreckt auf. »Was tust du? Francine!«
Das schoss der Glider zwischen zwei mächtigen Pinien hindurch auf eine Öffnung im Fels zu.
Finsternis umgab sie. Francine schaltete die Scheinwerfer ein. Der Glider kam zur Ruhe.
Die junge Frau lehnte sich zurück und schaltete auf indirekte Beleuchtung.
Claire erkannte eine geräumige Höhle.
Francine lachte leise. »Hier habe ich als Kind oft gespielt. Das Versteck ist sicher für den Glider.«
»Hoffen wir es«, kam es trocken von Claire. »Was nun?«
Leicht zischend öffnete sich der Ausstieg.
»Vor allem müssen wir versuchen, andere Kleidung zu bekommen. Mit den Anzügen, in denen wir wie US-Jagdbomberpiloten aussehen, könnten wir Probleme bekommen.«
»Fein!«, rief Claire. »Und wo bitte bekommen wir die her?«
»Wird sich finden. Komm erst mal.«
Ein warmer Wind empfing sie außerhalb der Höhle. Das sanfte Rauschen des Pazifik drang an ihre Ohren.
Dicht am Steilhang blieben sie stehen. Francine blickte zu den nahe gelegenen Häusern hinüber. »Notfalls müssen wir irgendwo einbrechen und uns Kleidung besorgen.«
Vorsichtig näherten sie sich dem Rande des Städtchens. Eine ruhige Straße grenzte an den Wald. An dem zweiten kleinen, sehr gepflegten Haus öffnete sich ein Garagentor. Doch wenn die beiden Frauen darin einen Cadillac oder ähnliches gewähnt hätten, so wurden sie überrascht. Eine komfortable kleine Kutsche stand darin.
Während ein Mann die Kutsche langsam auf den Vorplatz des Hauses schob, erschien von einem schmalen Pfad zwischen den Gebäuden eine junge Frau mit einem Schimmel.
Francine und Claire blickten sich an.
»Glaubst du, was du siehst? Moderne Menschen in modernen Häusern und moderner Kleidung wie bei uns, aber mit Pferd und Wagen? Das passt nicht zusammen!«
Claires Gesicht stellte ein einziges Fragezeichen dar.
Francine legte ihr die Hand auf die Schulter. »Wir werden das klären. Aber erstmal warten wir ab, bis die beiden da fort sind und dann sehen wir uns im Haus um.«
Nachdem die Kutsche um eine Straßenecke verschwunden war, gelang es den beiden Frauen, durch eine schlecht gesicherte Hintertür das Haus zu betreten.
»Wie bei uns«, murmelte Claire. »Einbruchsichere Haustüren und hinten ist man schlunzig.«
Die Küche, die sie betraten, bestand aus den modernsten technischen Errungenschaften, die man sich vorstellen konnte. Das Haus wirkte äußerst sauber. Von der halboffenen Küche gelangten sie in ein Wohnzimmer, das den beiden den Atem verschlug.
»Donna mia!«, stieß Claire aus.
Sogar einen Breitwandfernseher gab es.
Francine schaltete das Gerät ein. Gerade flimmerten die Nachrichten über einen der zahlreichen Sender.
Emotionslos sprach die Moderatorin über eine Hinrichtung von zwei Ketzern.
»Der Pontifex tat recht daran, die beiden durch Kreuzigung der ewigen Verdammnis zuzuführen. Diese römischen Patrioten und Anhänger einer längst der Vergangenheit angehörenden Religion sind verantwortlich für die zahlreichen Unruhen in San Frederico.«
Dann gab es einen ausführlichen Bildbericht darüber, wie man die beiden Verurteilten – einen Mann und eine Frau – jeweils an ein Kreuz nagelte und diese dann aufrichtete. In Großaufnahme fing der Kameramann die verzweifelten und vom Schmerz gepeinigten Gesichter der Verurteilten ein.
Claire und Francine war das Blut fast gefroren.
»Mach das bitte aus!«, kam es von Claire und es hörte sich an, als ob jemand zwei rohe Bretter gegeneinander reiben würde.
Francine kam dem nach. Wie erstarrt standen sie dann noch einen Moment.
Francine löste sich zuerst. »Okay! Wie auch immer! Wir werden dahinter kommen. Jetzt erst mal die Kleidung.«
In einem geschmackvoll bestückten Schlafzimmer der ersten Etage fanden sie viele Dinge, die sie brauchten.
Claire stand einen Moment vor einer Schublade, in der Bargeld aufbewahrt wurde. Es sah aus wie amerikanische Dollars. Mit dem Unterschied, dass als Wappen ein verkehrt herum stehendes Tatzenkreuz mit einem zusätzlichen Querbalken die Geldscheine zierte.
Claire zögerte einen Moment, dann steckte sie das Geld ein. Sie mussten ja von irgendetwas in dieser Welt leben.
Rasch verließen sie das Haus durch die Hintertür und eilten zurück zum Versteck des Gliders. Dort deponierten sie ihre Anzüge. Francine steckte lediglich eine Waffe ein, die zum Notfallgebäck des Gliders gehörte.

In der Stadt

Genau wie in San Francisco wimmelte es hier in San Frederico zur Rush-Hour nur so von Menschen. Verkehrsstaus rundeten das Bild ab. Nur – es waren Kutschen, statt Autos. Doch dann machten die beiden Timetraveller eine verblüffende Entdeckung.
Es gab Automobile.
Die Stadtpolizei besaß sie.
Auf den Seitenwänden der Wagen der Marke Ford stand – genau wie in ihrer Realwelt – City Police Department.
Claire war so durcheinander, dass sie Francine vorschlug, dass sie sich eine Pension oder ähnliches suchten.
Sie fanden ein verschwiegenes Haus in einer kleinen Altstadtgasse.
Hier fragte sie niemand nach der Herkunft. Sie zahlten das Zimmer für eine Woche im Voraus.
Das kleine Doppelzimmer bot alles, was man so brauchte.
Claire ging erst einmal unter die Dusche.
Sie kehrte, nur in ein helles, flauschiges Badelaken gewickelt, zurück und warf sich auf das Bett.
Francine starrte aus dem Fenster in die kleine enge Gasse auf eine flimmernde giftgrüne Reklameschrift einer Bar. Langsam wandte sie sich zu Claire um.
»Eigentlich ist hier alles wie bei uns … nur …«
Claire vollendete den Satz: »… nur, dass es keine Autos gibt – außer scheinbar bei der Polizei, dass Menschen hingerichtet werden und es einen pompösen Bau gibt, der sehr dem römischen Vatikan ähnelt.«
»Hm«, machte Francine nickend. »Dazu kommt, dass irgendwer ein künstliches Wurmloch erzeugt und eventuell versucht, unsere Welt aufzusaugen oder eine Verbindung zu unserer Welt zu schaffen.«
Claire richtet sich auf. Dabei verrutschte ihr Tuch etwas. Francines Blick ruhte einen Moment auf Claires kleinen festen Brüsten. Claire, die das wohl bemerkte, zog das Badelaken rasch höher.
Francine lächelte nur.
»Okay«, sagte sie dann. »Wie bekommen wir das heraus?«
Claire erhob sich, stellte sich neben Francine und blickte aus dem Fenster. »Wir müssen uns ins Nachtleben stürzen«, bemerkte sie leichthin. »Da erfährt man das meiste.«
In diesem Moment vernahmen sie die Sirenen von Polizei-Einsatzfahrzeugen. Blinklichter warfen bizarre Reflexe an die gegenüberliegende Hauswand. Dann laute Stimmen. Getrampel von Stiefeln. Lärm aus dem Untergeschoss ihrer Pension. Francine stürzte zu ihrem kleinen Rucksack und riss die Energiewaffe heraus.
»Warte!«, rief Claire unterdrückt.
Der Spuk dauerte maximal vier Minuten – dann Stille.
Die beiden Frauen sahen sich an.
Vom Fenster aus konnten sie feststellen, dass die Polizei abgerückt war. Rasch zog Claire sich an und beide Frauen eilten die Treppe herunter zur Rezeption.
Was sie sahen, ließ sie erst einmal wie angewurzelt stehenbleiben.
Es sah aus, als habe eine Bombe eingeschlagen. Die Rezeptionstheke war verschoben, ein Stuhl lag zerschlagen in einer Ecke, zwei Bilder waren von der Wand gefallen und der Rahmen zersplittert. Francine beugte sich über den leicht demolierten Tresen. Sie erkannte eine Blutspur.
»Unser Portier scheint verhaftet worden zu sein«, murmelte sie.
Da vernahmen sie ein Geräusch. Beide Frauen wirbelten herum, sahen aber nur einen Schatten unter dem Hohlraum der Treppe. Claire machte einen Sprung und griff zu. Sie fühlte langes Haar. Ihr Gegner wehrte sich. Trat und biss. Aber Claire hielt eisern fest. Endlich zog sie ein strampelndes Etwas ins trübe Licht der Deckenlampe.
Sie blickte in das von Angst verzerrte Gesicht eines jungen Mädchens. Sie schätze sie auf siebzehn Jahre.
Francine sprang hinzu und so konnte die Fremde gebändigt werden.
»Ganz ruhig!«, rief Francine. »Wir sind keine Feinde! Was ist hier passiert?«
Die Fremde atmete hastig. Ihr Blick glitt unruhig zwischen den beiden Frauen hin und her.
Claire versuchte, beruhigend auf das Mädchen einzureden. Nur langsam beruhigte sie sich und ihr Atem wurde regelmäßiger.
»Also, ich bin Claire. Meine Freundin heißt Francine. Was immer hier passiert ist – wir haben nichts damit zu tun. Wir wüssten aber gern, was passiert ist.«
»Sie … haben ihn … abgeholt. Sie haben Jörg abgeholt. Oh Gott!«
Das Mädchen klappte zusammen.
Claire fing sie gerade noch auf.
»Uff!«, machte Francine. »Wir sollten sie nach oben bringen. Wer weiß, was hier sonst noch passiert.«
Gemeinsam trugen sie das Mädchen auf ihr Zimmer und legten sie auf das Bett. Francine lief noch einmal nach unten und kehrte mit einer Flasche Whisky und drei Gläsern zurück.
»Ich denke, wir brauchen mal einen Schluck.«
Nach zehn Minuten hatten sie den Schreck verdaut und auch das Mädchen zeigte sich ruhig.
»Ihr seid nicht von hier?«, fragte sie eher feststellend.
Francine verneinte. »Wir sind heute erst angekommen.«
Das Mädchen schluckte. Widerwillig nahm sie das Glas mit dem goldgelben Whisky entgegen.
»Trink! Es hilft!«, sagte Francine trocken.
Nach einem Schluck, nach dem das Mädchen angeekelt das Gesicht verzog, nannte sie ihren Namen.
»Ich bin Heather Ferrer.«
»Aha«, machte Claire. »Weshalb hast du dich versteckt?«
Heather stieß einen Seufzer aus. »Wer landet schon gerne im Kerker der Inquisition?!«
Claire sperrte verblüfft den Mund auf.
»W … was?«, quetschte sie endlich hervor.
Francine räusperte sich. »So weit mir bekannt, ist die Inquisition seit etwa sechshundert oder mehr Jahren vorbei.«
Heather lachte hart auf. »In den Vereinigten Terranischen Staaten gibt es sie seit dreißig Jahren wieder.«
Claire setzte sich und goss sich einen neuen Whisky ein.
»Moment mal – was heißt terranische Staaten?« Sie war völlig von der Rolle.
Heather schaute die Sprecherin nervös an. »Kommt ihr aus dem Armenischen Raum?«
Francine beugte sich vor. »Hör zu, Heather. Wir kommen von weit her. Nicht aus dem armenischen Raum, wie du es nennst – auch nicht aus den Vereinigten Terranischen Staaten – was immer das sein mag.«
»Himmel! Woher dann?«
Claire seufzte. »Das werden wir dir später genau erklären. Aber jetzt erzähle uns endlich mal, was hier abläuft!«
Heather wirkte völlig irritiert. Doch dann fasste sie scheinbar Vertrauen.
»Seit gut sechsundzwanzig bis dreißig Jahren lässt der Pontifex alles ausrotten, was die Dreifaltigkeit anbetet.«
»Der Pontifex«, kam es trocken von Claire. »Der sitzt in Rom und hat Macht …«
»Rom?« Heathers Augen wurden kugelrund. »Du liebe Zeit – ward ihr die letzten Jahrzehnte im Dschungel? Rom wurde gestürmt und entmachtet. Bereits 1988!« Sie schüttelte verständnislos den Kopf.
Rasch schaltete sich Francine ein. »Wir liegen etwas abseits von eurem Geschehen. Es gab kaum Kontakt zu … eurer Welt.«
»Ah so …« Heather kniff die Augen zusammen, sagte aber weiter nichts dazu.
Francine holte tief Atem. »Also – klärst du uns jetzt auf?«
Nun begann das Mädchen zu berichten und dabei wurden die Augen von Francine und Claire immer runder.
»Ein Usurpator – von dem keiner so genau wusste, von wo er plötzlich kam, arbeitete sich mit einer Splitterpartei an die amerikanische Macht. Er gewann die Präsidentschaftswahlen und zog ins Weiße Haus ein. Als Neuwahlen anstanden, hatte er sämtliche gegnerische Parteien und Politiker ausgeschaltet.
Der Papst wetterte gegen ihn und versuchte die europäischen Staaten gegen die Vereinigten Staaten aufzuwiegeln. In einem Blitzangriff mittels einer geheimnisvollen Waffe wurden die europäischen Staaten ausgeschaltet und Rom entmachtet.
Der Vatikan ist zerstört worden. Alle dortigen Kleriker hat man verhaftet. Keiner weiß, was mit ihnen geschah. Präsident Dorson rief sich selbst zum Pontifex aus und ließ den Petersdom hier in San Francisco neu bauen. Danach wurde die Stadt in San Frederico umbenannt. Nach dem heiligen Frederic, der als absoluter Mittelsmann zwischen dem Volk und Gott steht. Als Pontifex nahm Dorson den Namen Frederic Benedict II. an. Natürlich hat das alles die Christen in Aufruhr gebracht. Aber mit eiserner Hand und Geheimpolizei wurden die Gemeinden entweder zerstört oder gezwungen, die neuen Dogmen anzunehmen. Das alte Christentum – egal welcher Art – wurde als Irrglaube angeprangert. Rom und andere so genannte christliche Institutionen hätten nur auf Kosten der Gläubigen in Saus und Braus gelebt – hätten als Lobbyisten Kriege angezettelt und geheime Waffengeschäfte gemacht. Der neue Glaube gewähre den Weltfrieden.«
»Tut er das?«, fragte Claire.
Heather lachte laut auf. »Wenn man es so sieht, dass jeder Andersdenkende von der eingeführten Inquisition verfolgt, gefoltert und gekreuzigt wird – dann stimmt es. Das gesamte Gesellschaftssystem wurde neu geordnet.«
Francine stützte auf dem Bett sitzend das Kinn in die Hände. »In welcher Form?«
»Zuerst wurden Computer und Autos vor etwa zwölf Jahren abgeschafft. Nur die Polizei und die Inquisition besitzt so etwas.«
»Flugzeuge?«
»Das Fliegen ist gegen die menschliche Schöpfung. Nur Engel fliegen und …«
»Und?«
»Der Pontifex besitzt vier Helikopter.«
»Super!«, stieß Claire aus.
»Unsere Gesellschaft ist in drei Klassifizierungen unterteilt.
»Welcher Art?«, wollten Francine und Claire wissen.
»Es gibt als oberste Gruppe die Beamten. Sie unterstehen dem Pontifex. Sie sind privilegiert und besitzen sogar Einfamilienhäuser in der Vorstadt. Sie dürfen große Unternehmen gründen und führen. Dann kommt die sogenannte Mittelschicht, die wohnen meist in Mehrfamilienhäusern in der Stadt. Sie gelten als loyal. Sie dürfen kleine Geschäfte betreiben. Die dritte Gruppe ist die Unterschicht – sie leben in Mietskasernen, oft unter katastrophalen Verhältnissen. Sie sind eher Sklaven.«
Claire verdrehte die Augen. »Weshalb hat man die Autos abgeschafft?«
Heather lachte hart auf. »Aus ökologischen Gründen. Aber der Hintergrund ist der, dass die Leute nicht so ohne Weiteres wegziehen können oder in andere Staaten reisen. Man hat sie unter Kontrolle.«
»Computer?«, wollte Francine wissen.
Heather warf den Kopf in den Nacken. »Ist doch klar! Keine E-Mails oder Informationen über das Netz. Suchmaschinen sind schon eher verboten worden. Auch Bibliotheken sind nur einer besonderen Schicht zugänglich. Man muss dazu einen Antrag stellen und nachweisen, ob man ein bestimmtes Wissen benötigt.«
»Das hat sich das Volk gefallen lassen?«
»Ha! Es fängt harmlos an. Man begeistert das Volk für etwas. Macht falsche Versprechen … trifft den Nerv … peng, sitzt du in der Scheiße!«
Claire und Francine kannten das aus ihrer Welt zur Genüge.
Heather fuhr fort: »Es gibt natürlich Widerstandsgruppen. Um Kontakte zu verhindern, sind ja die Computer abgeschafft worden. Aber das geheime Internet existiert. Allerdings gibt es Denunzianten und auch kann es passieren, dass der Kontrollrat der Inquisition etwas bei der Netzkontrolle findet. Trotz geheimer Provider.«
Claire nickte. »So ist das … Und nun ist vorhin jemand aufgeflogen.«
Heather nickte nun gleichfalls. »Jörg – ein Alemanne – vom anderen Kontinent drüben. Jenseits der See.«
»Du wolltest zu ihm?«
»Ja – es ging um das geheime Treffen morgen bei Daly City. Da trifft sich die Elite des Widerstandes. Aber das muss ich jetzt rasch absagen und die anderen benachrichtigen.«
Francine runzelte die Stirn. »Du denkst …«
»Klar! Jörg hält die erste Stufe der Folter schon nicht aus. Ich kenne ihn.«
Claire blickte Heather fest an. »Können wir helfen?«
Die Angesprochene blickte mit zusammengepressten Lippen von einer zur anderen.
»Ich weiß nicht …«
Francine ergriff ihre Hand. »Wir stehen auf eurer Seite. Hör zu – vielleicht wirst du uns kein Wort glauben, aber wir kommen aus einer Parallelwelt. Mit einem Spezialfahrzeug. Jemand von dieser Welt verursacht Störungen im Raum-Zeit-Gefüge und unserer Welt droht dadurch Gefahr.«
Heather blickte nun die beiden an, als ob sie Psychopathen seien. »Ihr kommt von was …«
Claire ergriff die Initiative. »Komm mit! Wir zeigen es dir.«
Eine Stunde später stand Heather völlig verunsichert vor dem Glider. Erst nach langen Minuten begriff sie alles.
»Nimmst du uns jetzt mit?«
Heather nickte stumm. Dann kam es kratzig über ihre Lippen: »Ich treffe euch eine Stunde nach Sonnenuntergang im Alamo. Das ist eine Bar, in der sich inkognito diverse Widerständler treffen. Das liegt in der Servent Road. Nahe des Denkmals.«
Francine kannte die Servent Road. San Frederico glich San Francisco, bis auf ganz geringe Kleinigkeiten.
Die beiden Timetraveller kehrten in ihre Pension zurück. Sie staunten, als sie die Rezeption frisch renoviert vorfanden. Ein junges Mädchen stand hinter der Theke. Hätte es nicht noch leicht nach Farbe gerochen, man hätte denken können, es sei nichts geschehen.
Francine und Claire grüßten freundlich und suchten ihre Zimmer auf. Das Mädchen schien in keinster Weise erstaunt.
»Was hältst du davon?«, fragte Francine.
»Hm«, machte Claire. »Ich denke, es ist eine Loyale, die man eingesetzt hat.«
»Richtig! Deshalb sollten wir über unsere Mission nicht mehr in diesem Haus reden.«

Treffpunkt Alamo – 21:00 Uhr

Die Straßen wimmelten von Menschen, die die Vergnügungsstätten aufsuchten. Es gab da keinen Unterschied zu ihrem San Francisco. Wären da nur nicht die Ein- und Zweispänner gewesen.
Die beiden Frauen ließen sich treiben. Vorbei an Geschäften und Bars. Vor einem Buchladen blieben sie stehen.
»Ich dachte, so was gäbe es hier nicht?«, staunte Francine.
Claire deutete auf die Auslagen. »Die Literatur ist doch offensichtlich nur in eine bestimmte Richtung ausgerichtet. Und sicher auch zensiert.«
Plötzlich stieß sie die Freundin an. »Schau mal!«
»Was …« Dann weiteten sich ihre Augen. Sie schaute in das Gesicht des Pontifex, der von einem Buchcover lächelte.
»Das … ist … Valentino«, hauchte Francine.
»Ja«, machte Claire. »Jetzt rundet sich das Bild.«
Da entstand Aufruhr um sie herum.
»Das sind sie!«, schallte eine Stimme über die Straße. Die beiden Frauen sahen, wie sich mehrere Polizisten den Weg durch die flanierende Menge bahnten.
Francine und Claire warteten nicht ab.
Sie spurteten los.
Sie sahen sich nicht um. Hinter sich vernahmen sie das Knallen von Stiefeln. Sie rannten ohne Rücksicht – stießen Passanten zur Seite und erreichten eine kleine enge Gasse, die zur linken Seite abbog.
Sie hasteten hinein. Hierher drang kaum der Schein der Straßenlaternen oder die Reflektion der großen Schaufenster.
Die beiden Frauen rannten!
Hoffentlich ist es keine Sackgasse, schoss es Claire durch den Kopf.
Da öffnete sich eine Tür. Ein scharfer Lichtstrahl fiel auf das grobe Pflaster. Ein Mann in der Kleidung eines Kochs schaute heraus. Er hatte die Absicht, sich eine Zigarette anzuzünden.
Claire und Francine überlegten nicht lange. Sie stießen den großen Mann zur Seite – dem fielen Zigarette und Feuerzeug aus der Hand – und rasten durch die Großküche auf eine weitere Eisentür zu. Claire, die voran lief, riss die Tür auf. Ein langer Korridor – nur spärlich beleuchtet. Rechts eine Treppe. Sie führte über zwei Absätze nach oben.
»Los weiter!«, schrie Claire und riss Francine mit sich.
Schwer atmend sackten sie auf einer Dachterrasse zusammen. Tische und Stühle standen hier zusammengeschoben. Abends wurde dieser Bereich wohl nicht verwendet. Die Terrasse zeigte zur Straße hinaus. Vorsichtig beugte sich Claire über die Brüstung. Etwa sechs oder sieben Polizisten – ganz genau konnte sie es nicht ausmachen in dem Gewimmel, rannten an dem Restaurant unten vorbei.
Rasch duckte sie sich, als einer der Beamten den Kopf hob.
»Was nun?«, keuchte Francine.
Claire sah sich um. Ein Blumengitter zog sich an der Hauswand hoch bis zu einem Balkon. Er schien zu einer Wohnung zu gehören. Die Fenster lagen im Dunkeln. Demnach schien dort niemand zu sein.
»Da rauf!«, zischte Claire.
»Oh Mann! Denkst du, das hält?«, jammerte Francine.
»Ich denke gar nicht. Fazit ist – wir müssen uns hier verpissen!«
Das Gitter hielt.
Nur vier Minuten später hockten sie auf dem dunklen Balkon hinter Rosenranken auf dem Boden und schnappten nach Luft.
»Noch mal Glück gehabt«, hechelte Claire.
»Ja, aber wie weiter? Wir können nicht ewig hier hocken.« Francine verzog das Gesicht, was Claire aber in der Dunkelheit nicht sah.
»Wir warten, bis sich die Aufregung gelegt hat, und sehen zu, dass wir zum Alamo kommen.«
Sie mussten noch zwanzig Minuten warten, dann konnten sie es wagen, sich die Umgebung genauer anzusehen. Claire schaute auf ihre Uhr. »Wir haben noch vier Minuten bis einundzwanzig Uhr.«
»Na dann …«
Francine riss sich die Schuhe von den Füßen und schwang sich auf das Balkongeländer. Mit den nylonbestrumpften Zehen tastete sie sich in die Fugen des Rankgitters.
»Deine Strümpfe wirst du gleich vergessen können«, flüsterte Claire der Freundin zu.
Diese lachte leise. »Du trägst ja erst gar keine.«
Tatsächlich hatten sie es nach drei Minuten geschafft, ohne aufzufallen auf der Straße zu landen. Sie schlüpften wieder in die Schuhe. Francine fluchte unterdrückt. Eine dicke Masche verunzierte ihre Strumpfhose. »Das ist die Einzige, die ich hier habe«, maulte sie.
»Tja«, machte Claire belustigt, trotz der ernsten Lage. »Selbst schuld.«
Sie gelangten auf einigen Umwegen zum Alamo. Claire blickte immer wieder auf ihre Armbanduhr. Doch dann stellten sie schockartig fest, dass sie sich nicht so zu beeilen brauchten.
»Scheiße!«, entfuhr es Francine.
Vor dem Club Alamo wogte eine aufgebrachte Menschenmenge. Mehrere Polizeifahrzeuge standen auf der Straße vor dem Club.
Geschickt bahnten sich die beiden Frauen einen Weg. Da sah Claire in einem der Busse Heather.
»Sie haben Heather geschnappt«, zischte sie der Freundin zu.
»Oh shit! Was jetzt? Die bringen sie um, wenn sie erstmal im Vatikan ist.«
Claire überschaute die Lage rasch. Nur ein Polizist stand vor dem Bus. Die anderen hatten sich um das Alamo verteilt.
»Hast du die Waffe?«
Francine stutzte ob der Frage. Dann nickte sie.
»Okay! Komm!«
Sie arbeiteten sich zu dem Bus vor. Claire gab der Freundin genaue Instruktionen.
»Oh Mann!«, stieß die nur hervor.
Jetzt standen sie dicht bei dem Polizisten. Francine machte zwei Schritte vor und drückte dem jungen Burschen den Lauf der Waffe so in die Seite, dass niemand der Umstehenden es sehen konnte. »Keinen Mucks oder du landest in der Hölle – falls euer Pontifex die nicht abgeschafft hat.«
Der junge Bursche versteifte sich. »Was soll das?«, flüsterte er scharf.
»Mund halten!«, kam es nur zurück.
Claire huschte derweil durch die geöffnete hintere Bustür. Heather sah sie mit großen Augen an. Sie war mit Handschellen gefesselt. »Keine Zeit für Fragen! Raus! Francine kann den Bullen nicht ewig in Schach halten.«
In Heather kam Bewegung. Der Polizist wagte nicht, sich zu rühren. Als Claire und Heather den Bus verlassen hatten, schlug Francine kurz und trocken zu. Der Polizist sackte zusammen.
Sie wartete nicht, bis er auf dem Pflaster lag, sondern spurtete los.
Erst als sie schon an die dreißig Meter von dem Club entfernt waren, ertönten Rufe aus der Menge.
Claire reagierte geistesgegenwärtig. Sie blieb stehen und zeigte auf einen Dachfirst. »Da oben sind sie!«
Alle Augen ruckten zu dem Haus. Das nutzten die drei, um in einer Nebenstraße zu verschwinden. Hinter sich vernahmen sie Aufruhr und auch Schüsse.
Gehetzt sahen sich die drei Frauen um. Da rannte Heather quer über die Strasse. »Mir nach!«
Wenig später warf sie sich in einen dunklen Hauseingang. Die Tür gab nach. Die beiden anderen folgten und lehnten dann schwer atmend an der Wand des finsteren Flurs. Dumpf klappte die Tür zu.
Plötzlich wurden sie von mehreren Händen gepackt und weiter in den Flur gerissen.
»Keinen Laut!«, zischte jemand direkt an Claires Ohr. Gezogen stolperte sie durch den Flur. Dann flammte eine Taschenlampe auf. Sie sah die ausgetretenen Stufen einer alten Kellertreppe. »Runter da!«
Sie gehorchte.
Der Weg führte die Treppe hinab, um zahlreiche Ecken in schmale und breite Gänge. Endlich wurde eine Eisentür aufgestoßen. Die drei taumelten herein.
Als die Tür hinter ihnen zuschlug, flammte eine trübe Deckenbirne auf. Sie blinzelten in das Licht und erkannten einen kleinen Raum, in dem sich wohl zehn Personen aufhielten.
Außer einer Couch, drei Sesseln und einem Tisch sowie ein paar Matratzen gab es kein Mobiliar hier.
Eine große blonde Frau mit mittellangen Haaren stand von der Couch auf und trat auf die drei Neuankömmlinge zu. Sie überragte Claire und Francine um gut einen ganzen Kopf.
»Ihr habt Heather befreit. Das war mutig«, sagte sie nur. »Wir haben das beobachtet.«
Sie blickte über Claires Schulter. »Jack – du kannst die Waffe einstecken.«
Dann begrüßte sie Heather mit einer festen Umarmung.
Nachdem sie sich wieder gelöst hatte, fragte sie: »Woher kennst du die?«
Heather gab Auskunft.
Die Große nickte. »Ich bin Victoria. Kommt mal mit!«
Sie öffnete eine schmale Seitentür. Claire und Francine folgten ihr. Victoria schaltete das Licht ein und man erkannte einen kahlen Raum. Nur zwei Eimer standen in einer Ecke. Victoria zauberte plötzlich eine 45er aus dem Bund der Jeans und richtete sie auf die beiden Freundinnen.
»He! Was soll das?«, begehrte Francine auf.
»Maul halten. Nehmt die Eimer dort und stellt sie hier in die Mitte auf den Kopf. Einen halben Meter auseinander.«
Verständnislos gehorchten die beiden.
»All right!«, machte Victoria. »Ausziehen!«
»Was?« Francine schaute verdattert.
»Ausziehen!«, wiederholte die Blonde. »Total. Und dann auf die Eimer stellen, jeweils zu der anderen vorbeugen und umarmen. Dalli!«
Claire schluckte. Aber welche Chance hatten sie? Also taten sie, wie ihnen geheißen. Splitternackt stiegen sie dann balancierend auf die Eimer.
»Autsch!«, machte Francine, als ihre Zehen den scharfen Standrand berührten.
Nun beugten sie sich vor und schlangen die Arme umeinander. So stützten sie sich und fielen nicht vornüber. Claire bemerkte Francines leichtes Vibrieren, als ihre Brüste sich berührten.
Unterdessen ergriff Victoria die Kleidungsstücke und untersuchte sie eingehend.
Dann sagte sie: »In Ordnung. Kommt runter und zieht euch wieder an. Ich musste kontrollieren, ob man euch verwanzt hatte. Sorry.«
Die beiden Zeitreisenden wurden bei ihrer Rückkehr in den Raum von den anderen misstrauisch beäugt.
»Sie sind sauber«, sagte Victoria. Leise flüsterte sie zu Francine: »Tut mir wirklich leid, aber wir müssen höllisch vorsichtig sein.«
»Schon gut«, murmelte die Agentin.
»Also Leute, setzt euch«, gebot Victoria, die wohl als Anführerin der Gruppe agierte. Ein junger schlaksiger Mann blickte die beiden Neuankömmlinge an und fragte: »Wer seid ihr überhaupt? Wieso rettet ihr Heather?«
Francine und Claire blickten sich kurz an.
Claire ergriff das Wort. »Zwei Fragen auf einmal. Heather haben wir im Hotel kennengelernt. Sie war dort knapp einer Verhaftung entkommen. Wir hatten dann einen Treff im Alamo ausgemacht. Was da passiert ist, habt ihr selbst gesehen.«
»Das war Verrat«, meinte der junge Mann bestimmt.
Heather seufzte. »Du würdest vermutlich auch der Folter nur kurze Zeit standhalten.«
»Wie dem auch sei … Wo kommt ihr her?«, bohrte der Junge weiter.
»Aus einem Staat, der jenseits des Pazifik liegt.«
Im selben Moment hätte sie sich gern auf die Zunge gebissen. Konnte sie wissen, ob der Ozean hier in der Parallelwelt ebenfalls so hieß? Da aber niemand Anstoß nahm oder durch Gestik Überraschung zeigte, war es wohl doch so. Viele Namen – das hatten sie im Verlauf der Parallelwelt-Reisen festgestellt – lauteten gleich. Es gab eventuelle geringe Lautabweichungen. Lediglich hatten sich die Welten verschieden entwickelt. Man konnte in eine hoch technisierte Welt gelangen oder auch in der Steinzeit landen. Das sogenannte Mittelalter konnte durch moderne Politik überraschen oder das Pharaonenreich mit modernster Technik. Alles war möglich.
Hier hatte nun ein Wissenschaftler im Verlaufe seines Daseins – gleichfalls aus einer anderen Welt kommend – eine politische und religiöse Diktatur aufgebaut. Er herrschte durch Angst und Gewalt.
Aber es gab Widerstandsgruppen. Diese lebten immer in Todesgefahr.
Victoria schaute nun Claire und Francine ebenfalls nacheinander an. »Aus welchem Staat? Der Pontifex hat alles unter Kontrolle.«
»Uns nicht!«, erklärte Claire mit fester Stimme.
Nun wurden alle neugierig.
»Also – raus mit der Sprache, wenn wir euch vertrauen sollen!«, forderte eine kleine rundliche Vierzigjährige.
Claire schluckte. »Das ist nicht so einfach …«
»Was habt ihr zu verbergen?«
Claire schaute Victoria an. »Können wir dich allein sprechen? Ich denke, wir werden dir das erst einmal erklären.«
Ein kleiner Aufruhr entstand in der Gruppe, doch Victoria forderte energisch Ruhe ein.
Sie blickte einen Moment sinnend auf den zerschlissenen Teppich des Bunkers. Endlich nickte sie. »Okay – in zwei Stunden in der Pizzeria, zwei Blocks weiter. Heather kennt sie. Die ist sicher.«
Heather stand auf, ohne sich um den Unmut der anderen Gruppenmitglieder zu kümmern.
»Seid vorsichtig auf der Straße!«, rief Victoria ihnen noch nach.
Ein Mitglied der Gruppe führte die Drei zur Haustür.
»Weshalb macht ihr so ein Geheimnis um euch?«, wollte er unterwegs wissen.
Francine blieb kurz stehen. »Wenn Victoria es euch später erklärt, werdet ihr es verstehen.«
Oben zog Francine langsam die Haustür ein Stück auf. Die Straße zeigte sich leer. Nach zwei Minuten meinte sie zu Claire: »Ich denke, wir können es wagen.«
Sie betrat zuerst die Straße – Claire und Heather folgten. Niemand behelligte sie. Von fern vernahmen sie einmal eine Polizeisirene.
Die Pizzeria lag etwas abseits vom Getriebe. Vor der Tür blieben sie kurz stehen. Noch acht Gäste – teils Italiener, saßen beim Essen.
»Pino gehört zu uns«, erklärte Heather.
Claire hielt sie am Arm fest. »Sagtest du nicht etwas von … nur Loyale dürfen ein Geschäft haben, oder so?«
Heather nickte. »Aber man kann nach außen loyal sein und anders denken.«
Sie betraten den Gastraum.
Pino begrüßte Heather erfreut.
»Das sind Freunde«, sagte sie leise. »Gute Freunde!«
Damit war für Pino die Lage geklärt. Er führte sie an einen Tisch in einer Nische.
»Hier seid ihr ungestört.«
Nachdem sie etwas zum Trinken erhalten hatten, erkundigte sich Claire: »Ist Victoria vertrauenswürdig?«
Heather bestätigte das. »Sie ist hundertprozentige Widerständlerin. Sie arbeitet beim Einwohnermeldeamt. Dort gibt es PCs. Die werden zwar überwacht, aber nur sporadisch. Über ein separates Modem kann Victoria bestimmte Informationen einholen und auch Leute warnen. So hat sie viele Menschen vor der Verhaftung bewahrt.«
Francine nahm einen Schluck Wein. »Ihre Familie merkt nichts davon? Oder gehört sie dazu?«, fragte sie dann.
»Sie hat nur einen Bruder. Der sitzt im Beraterstab des Pontifex. Er ahnt nichts von Victorias Widerstandsarbeit. Jedoch erfährt sie von ihm, was gerade abläuft.«
»Und ihr Freund?«
Heather lachte leise. Sie drückte Francines Arm. »Sie hat keinen. Nicht, weil sie nicht attraktiv ist, aber …«
Die beiden Weltreisenden blickten abwartend.
Also vollendete Heather: »Victoria ist lesbisch. Darauf steht hier die öffentliche Folter, die meist mit dem Tode endet.«
Francine war blass geworden. »Du liebe Güte«, flüsterte sie.
»Bei euch ist das anders?«
»Ja – bei uns gilt die Freiheit des Einzelnen. Soweit er nicht damit die Freiheit eines anderen einschränkt.«
Heather nickte sinnend. »Das ist gut. Vielleicht schaffen wir das auch mal wieder.«
»War das früher anders?«
»Ja. Aber das erfährt man nur aus verbotenen Büchern oder dem geheimen Internet.«
In diesem Moment betrat Victoria das Lokal. Sie schaute sich um und kam dann – nach einer herzlichen Begrüßung durch Pino – auf den Tisch zu.
Victoria – so mussten Francine und Claire nun feststellen – war eine imposante, attraktive Person. Hier wirkte sie ganz anders als im Bunker.
Über 1,80 groß – auf den hinten offenen High Heels wirkte sie noch etwas größer – im jetzt modischen Kostüm und den leicht wippenden, bis auf die Schultern reichenden dunkelblonden Haaren ganz Business-Woman.
Ihre Haut zeigte sich leicht gebräunt, wobei ihre strumpflosen langen Beine besonders wirkten.
Sie setzte sich an den Tisch und stellte ihre kleine Handtasche neben den Stuhl. Sie bestellte einen Cappuccino.
Nun blickte sie Claire und Francine fest an. »Ihr müsst einen miesen Eindruck von mir haben, wegen der Aktion eben. Aber die Inquisition arbeitet mit den schmutzigsten Tricks. Um einem hochnotpeinlichen Verhör im Vatikan zu entgehen, haben sich auch schon schwache Mitglieder verwanzen lassen.«
Claire legte der jungen Frau die Hand auf den Unterarm. »Ist schon okay. Aber sag’ mal … ich kann mich da nicht hineindenken. Inquisition im 21. Jahrhundert?«
Victoria lachte hart und kurz auf. »Stell dir vor, du machst eine Zeitreise. So nach 1780. Genau das haben wir hier! Eine religiöse Diktatur mit tiefen Kerkern und Folterkammern und Kreuzigungen. Keine Scheiterhaufen. Das ist ein Fortschritt!« Sie lachte wieder freudlos. »Aber Pranger und öffentliche Strafen. Abschneiden des Volkes von jeder Technik und nur gefilterte Kommunikation.«
Francine schnappte hörbar nach Luft. »Unfassbar! Wie war das möglich?«
Der Cappuccino kam. Victoria nahm einen Schluck. Dann sagte sie: »Schleichend! Als man es merkte, war’s zu spät!«
Sie schaute nun die Sprecherin ernst an und senkte die Stimme stark. »Ihr kommt aus einer Parallelwelt.«
Nun war es an Claire und Francine, völlig perplex zu schauen.
»Woher …«
Victoria winkte ab. »Ich bin nicht dumm! Eine Freundin arbeitet im Kloster San Fernando. Das ist so eine gewisse Schaltzentrale der Erdüberwachung. Außerdem habe ich einen Bruder im Vatikan. Er ist zwar hundertprozentiger Fan des Pontifex, aber ab und zu lässt er mal eine Bemerkung fallen. Meine Freundin unterstützt den Widerstand. Aber sie muss höllisch – hach, wie das passt – vorsichtig sein.«
Claire und Francine zeigten sich immer noch total verwirrt.
Victoria lächelte. »Also habe ich recht?«
Claire nickte nur stumm.
»Na also!« Victoria lehnte sich zurück. Dabei richtete sich ihr Blick etwas auf Francine.
Claire hatte schon bemerkt, dass auch Francine öfter die Augen über Victorias Gestalt gleiten ließ.
Himmel!, durchzuckte es sie. Ist sie etwa …? Davon hatte Claire bisher nichts bemerkt. Sie dachte immer, sie habe ein Auge auf Dan geworfen.
Oder hatte Victoria nur etwas in ihr geweckt, was sie bisher selbst nicht wusste?
Victoria nahm einen Schluck von ihrem Cappuccino. Dann berichtete sie: »Meine Freundin hat Bewegungen im Raum-Zeit-Gefüge festgestellt. Aber sie hat es für sich behalten.«
Sie kniff die Augen zusammen. »Sagt mal, ihr kennt den Pontifex?!«
Nun berichtete Claire ihr alles. Als sie geendet hatte, blickte Victoria nachdenklich auf die Tischplatte.
»Ja«, dehnte sie. »Das kommt zeitlich hin. Es gibt nämlich keine Informationen, woher dieser Mensch plötzlich auftauchte. Er hat einen günstigen Zeitpunkt gewählt. Es gab große politische Wirren. Man war unzufrieden mit Papst Benedikt II. und dem Präsidenten hier in den Staaten. Kriegerische Brennpunkte jenseits der See, soziale Abstürze, hohe Arbeitslosigkeit … der Pontifex hatte es einfach, die Massen zu gewinnen.«
Über Claires Nasenwurzel entstand eine tiefe Falte.
»Jemand von dieser Welt verursacht gewaltige Verschiebungen im Magnetfeld des Zeitstroms. Unsere Welt ist in Gefahr. Sie könnte aufgesaugt werden – vereint mit dieser Welt.«
Victoria schluckte. »Zounds! Das würde ich denen im Vatikan zutrauen. Vielleicht will sich der Pontifex an seiner Stammwelt für etwas rächen.«
Francines Kopf ruckte zu Claire. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht!«
»Jedenfalls hat er Leonardo da Vincis Technik richtig erkannt. Bisher hat sich kein Forscher für weitgehende Funktionsweisen der Darstellungen interessiert«, flüsterte Claire.
Die Tür der Pizzeria öffnete sich und zwei Polizisten traten ein. Claire wurde bleich.
»Ganz unbefangen benehmen!«, flüsterte Victoria.
Die beiden Männer sahen sich kurz um, dann schritten sie zur Theke und bestellten sich Pizza. Sie nahmen in der Nähe der Tür an einem Tisch Platz.
»Das fehlt uns gerade noch«, hauchte Heather.
»Ruhig Blut«, kam es von Victoria.
Unter den Augenbrauen hing Claires Blick aber auf den Beamten. Da zogen sich ihre Augen etwas zusammen. Sie schaute auf das Emblem am rechten Ärmel eines der Polizisten. Eine Darstellung, die sie aber nicht richtig erkennen konnte.
Sie beugte sich zu Victoria vor und fragte unterdrückt: »Was tragen die Bullen für ein Wappen?«
Victoria sog die Luft durch die Nase ein. »Es ist das persönliche Wappen des Pontifex. Der Feurige Elias. Irgendeine geheimnisvolle Person aus dem Alten Testament. Alle, die direkt im Dienste des Pontifex stehen, tragen dieses Wappen. Es gibt noch ein behördliches.«
Wenn es noch irgendeines Beweises auf Sergio Valentino bedurfte – jetzt besaßen sie ihn.
Die beiden Polizisten aßen genüsslich. Sie interessierten sich nicht weiter für die Damengruppe in der Nische.
Claire beugte sich wieder etwas weiter vor, um leise sprechen zu können.
»Was habt ihr denn mit eurer Widerstandsgruppe bisher überhaupt erreicht?«, wollte sie wissen.
Victoria verzog das Gesicht. »Um ehrlich zu sein, nicht das, was uns vorschwebt.«
»Aha«, machte Claire.
»Wir haben allerdings schon viele Menschen in Himmelfahrtskommandos vor der Hinrichtung retten können. Es gelang mir über das geheime Netz zu warnen. Es besitzen immer noch über siebzig Prozent der Menschen Laptops, obwohl die Polizei immer wieder Razzien macht. Es existieren auch geheime Internet-Cafés. Das sind eingeschworene Freunde. Sie suchen dann gefährdete Menschen auf und warnen sie. So konnten schon viele vor der Inquisition flüchten.«
Sie setzte leise hinzu: »Vorübergehend manchmal auch nur.«
»Wie viele Mitglieder eurer Organisation sind schon im Kerker gelandet?«, fragte Francine.
Victoria zuckte die Achseln. »Dreißig … vierzig … ich weiß es nicht.«
»Du sagtest eben, das eigentliche Ziel sei nicht erreicht worden, bisher …«
»Den Pontifex umzubringen!«, kam es lakonisch.
Claire und Francine blieb für Sekunden die Luft weg. Obwohl sie die Antwort sicherlich erwartet hatten.
Claire räusperte sich. »Ihr habt es schon versucht?«
Victoria stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und legte das Kinn in die Handflächen. »Hat uns sechzehn Tote gekostet. Vor zwei Jahren. Alles lief wie am Schnürchen. Doch dann nahm der Pontifex einen anderen Weg zum großen Stadtgottesdienst. Wir sprengten den falschen Wagen. Vermutlich war Verrat im Spiel.«
Sie schob das Kinn vor. »Ich habe keine Ahnung.«
Eine Zeit lang herrschte Schweigen. Dann kam es leise von Victoria: »Es gibt Leute aus dem Umfeld des Pontifex, die es auch schon als Selbstmord-Attentäter versucht haben. Aber der Bursche hat sieben Leben!« Den letzten Teil des Satzes spie sie heraus.
Stühle scharrten. Die Polizisten hatte ihre Mahlzeit beendet. Sie gingen – ohne zu zahlen.
Claire sagte etwas dazu.
Victoria lachte leise. »Weshalb sollten sie das auch tun? Muckst du auf, finden sie morgen einen Grund dich festzunehmen.«
Nun besprach man, wo Claire und Francine die nächsten Tage unterkommen konnten. Die Pension schien zu gefährlich.
»Ich kenne da ein kleines Strandhaus. Nicht weit von hier. Es gehört einem Freund. Dahin könnt ihr. Es verirrt sich nur selten mal eine Polizeistreife dorthin. Haltet nachts die Fensterläden dicht zu«, sagte Victoria.
»Unsere Sachen …«, setzte Francine an.
»Kein Problem, die holen wir schon.«

San Frederico – Außenbezirk

Claire und Francine blieb vor Staunen der Mund offen.
Sie standen in dem Haus und sahen sich um.
»Das ist …«
»Genau!«, vollendete Francine den Satz von Claire.
Es handelte sich um das Haus, das sie kannten. Aus ihrer Welt in San Francisco.
Es gab keinerlei Unterschied.
»Wie kann ich das interpretieren?«, flüsterte Claire.
Jedes Möbelstück – jedes Bild an der Wand … alles erwies sich als identisch.
Victoria schaute die beiden fragend an.
»Alles okay«, stieß Francine rasch aus.
»Gut!« Victoria nickte. »Ich sorge jetzt dafür, dass ihr morgen früh eure Sachen aus der Pension habt. Denkt daran – schließt die Fensterläden fest.«
Damit verabschiedete sie sich.
Claire sank auf die Couch. Selbst die Decke, die dort lag, war die gleiche wie in ihrer Welt.
»Kann das sein? Projizieren sich manche Dinge?«
Francine schritt langsam durch das Wohnzimmer. »Im Moment bin ich da völlig überfragt.«
Während Claire auf das dunkle Meer starrte, auf dem sich nur hell die Schaumkronen der Brandung abhoben, schoss ihr blitzartig etwas durch den Kopf. Sie sprang auf und unter dem verblüfften Blick von Francine zog sie in dem gegenüberliegenden Sideboard eine Schublade auf. Mit runden Augen schaute sie hinein, und als sie das Buch herausnahm, zitterten ihre Hände.
»Das … Buch … vom Flohmarkt …« Krächzend kam es über ihre Lippen.
Francine befand sich mit einem Sprung neben ihr. Sie nahm das Buch in die Hand. Es gab keinen Zweifel.
»Das kann nicht sein!«
Die beiden Frauen blickten sich verstört an. Langsam sagte Claire: »Die wissen hier Bescheid.«
Francine schüttelte außer sich den Kopf. »Ist bei der Reise was schief gelaufen? Träumen wir? Oder ist das alles ein Fake?«
Claire schaute aus dem Fenster. Am Horizont, über der See, bildete sich eine gelbliche schlauchähnliche Wolke, die zu rotieren schien.
»Es gibt noch eine andere Möglichkeit. Unsere Welt ist bereits teilweise mit dieser Welt verquickt. Denke an das Bild der Stadt, das ich gesehen habe. Alles befindet sich in einer Zwischenstufe. Noch nicht alles hat sich materialisiert.«
Francine schluckte. »Du denkst …?«
Claire wandte sich um. Ihr Atem ging schneller. »Wir haben nicht mehr viel Zeit. Wir müssen den Zeit-Raum-Detektor finden.«
»Himmel und Hölle!«, stieß Francine aus. »Wo willst du den suchen?«
Claire deutete nach schräg rechts über die Schulter zur Stadt. »Im Vatikan.«

Stanford-Research-Institut: Realwelt –02:00 Uhr in der Nacht

Ken und Dan blickten verzweifelt auf die Parabel, die sich immer wieder verändernd auf dem Großmonitor zeigte.
»Eine Dimensionswelle schwappt in unser Gefüge«, flüsterte der Japaner.
Dan schüttelte den Kopf. »Was bedeutet das?«
Ken richtete sich wieder kerzengerade auf. »Komm mit nach draußen.«
Mit dem Rapid-Aufzug schossen sie nach oben in die 22. Etage des Instituts. Von hier hatten sie einen guten Überblick. Sie betraten die Rundum-Terrasse.
Über dem Meer erkannten sie einen rotierenden Sog. Eine Wolke, die gelb und grün in der Färbung wechselte und wie ein schrägstehender Tornado aussah. Wie Sternschnuppen sausten helle Partikel in diesen überdimensionalen »Staubsauger«.
»Was ist das?«, fragte Dan mit hohler Stimme.
»Ionen … Materie … jedenfalls wird unsere Welt unaufhaltsam aufgesogen«, erklärte Ken.

Etwa zwei Kilometer entfernt in der Taxi-Zentrale von Guss Delagio spielte der Computer verrückt. Eben noch hatte er über den PC mit einem seiner Fahrer gesprochen, als der Ton in Knistern überging und sich auf dem Bildschirm statt des Webcam-Bildes merkwürdige grüne Ringe und Spiralen zeigten. Dann drang ein Gewirr von Stimmen aus den kleinen Lautsprechern. Es hörte sich an, als ob jemand ein Mikrofon in eine überfüllte Kneipe halten würde. Plötzlich durchbrach eine hysterische Stimme das Gewirr. Guss wusste, wer das war. Sylvia Gibson – eine seiner Fahrerinnen. Germanistik-Studentin, die sich ihr Studium durch Taxifahren verdiente.
»Scheiße! Was ist das? Wo ist die Straße? Hier stand nie ein Haus …« Die Stimme brach ab. Stattdessen vernahm Guss ein Kreischen und Scheppern.
Der Schirm verdunkelte sich.
Dann tauchte das ursprüngliche Bild wieder auf. Das des Fahrers Harry Devote. Der blickte entsetzt zu einem Punkt, den Guss von der Zentrale aus nicht erkennen konnte.
»He! Harry! Was ist passiert?«
Harry reagierte gar nicht.
»Harry!«, schrie Guss in das Mikrofon.
Ganz langsam drehte der Angerufene den Kopf zu der Webcam des Fahrzeuges. »Guss … das glaubst du nicht. Sylvias Wagen …«
»Was ist mit dem Wagen?«, schrie Guss. »Mensch Harry – lass dir nicht alles aus der Nase ziehen!«
»Plötzlich … also …«
»Verflucht! Was ist passiert?«
Harry räusperte sich und versuchte sachlich zu werden. »Sylvia fuhr direkt vor mir. Da verfärbte sich alles um mich herum grün. Wie eine Wolke. Sylvias Wagen schien auf einmal zu glühen. Von innen heraus. Und jetzt …«
Guss sprang auf und wäre am liebsten durch den Monitor gesprungen. »Was?«
»Ich stehe hier vor dem BIB-Buildung. Sylvias Wagen …«
Guss Delagio traute seinen Ohren nicht. Er sperrte nur den Mund auf und starrte in das verstörte Gesicht seines Fahrers, unfähig etwas zu sagen.
Nur zehn Minuten später bremste Guss seinen Jeep mit kreischenden Reifen neben dem Taxi.
Vor dem BIB hatte sich eine große Menschenmenge versammelt und Polizei-Signallichter blitzten von allen Ecken.
Guss saß stocksteif hinter dem Steuer seines betagten Geländewagens und blickte auf das, was er nicht glauben konnte.
Oben im 18. Stock des Versicherungsgebäudes klebte Sylvias Taxi. Verschmolzen mit dem Mauerwerk. So – als habe ein Bildhauer es direkt beim Bau integriert. Guss zog mit zitternden Händen sein Jagdfernglas aus dem Handschuhfach.
»Oh Gott …«, murmelte er nur.
Der Wagen, in dem schemenhaft ein Körper zu sehen war, schien mit seinen Molekülen mit denen des Hauses verschmolzen zu sein.
Feuerwehrmann Bert Summer – der als Erster über eine Spezialrampe vom 19. Stockwerk zu dem halb aus der Mauer ragenden Wagen geklettert war, drehte sich der Magen um.
Ab dem halben Fahrerbereich steckte der Buick in der Mauer. Von der Person am Steuer sah man nur noch die Schultern. Arme und Kopf steckten fugenlos – wie verwachsen – in dem Gebäude. Stein und Restkörper schienen aus einem einzigen Stück zu bestehen.
Zu dieser Zeit sahen Ken und Dan, wie sich die Wolke langsam auflöste. So, als ob jemand im Film eine Szene ausblende.
Ken atmete tief durch.
Die beiden jungen Männer fuhren wieder hinab in die Räume des MTRD. Dort flimmerte gerade der Rettungseinsatz vom BIB-Gebäude über einen Fernseher.
Professor Louis Burger, einer der Projektleiter, kam auf die beiden jungen Leute zu.
»Seht euch das an!« Er zeigte auf den Bildschirm. »Es wird kritisch! Beim nächsten Mal ist möglicherweise die halbe Welt quer miteinander verschmolzen.«
»Gibt es Kontakt zu Claire und Francine?«, rief Ken.
Der Professor verneinte.
Dan strich sich fahrig über das Kinn. »Ich muss mal hier weg.«
Ken blickte ihn fragend an. Dan winkte unwirsch mit der rechten Hand. »Keine Ahnung! In die Stadt. Irgendwohin!«
»Okay, Dan – aber sei vorsichtig. Wir wissen nicht, wann das nächste Wurmloch auftritt.«
Dan drückte seinem Kollegen die Hand und fuhr zum Parkdeck. Dort stand ein alter VW-Käfer. Er gehörte einem der Techniker des Labors. Dan durfte ihn benutzen.
Er fuhr nur wenig später durch die Straßen von San Francisco. Immer wieder wurde er von Polizeifahrzeugen mit Sirenengeheul überholt. Dan wollte in ein Viertel abbiegen, in dem es eine Kneipe gab, die er früher öfter mal besucht hatte. Er wusste, dass sie trotz der frühen Morgenstunden offen hatte. Mechanisch setzte er den Blinker. Er kannte die Stadt. Jetzt kam der Abzweig nach rechts.
Dan trat voll auf die Bremse.
Der VW schlingerte. Knapp vor einer Mauer kam das Fahrzeug zum Stehen.
Dan benötigte mehrere Sekunden, um zu verarbeiten, was hier passiert war. Langsam öffnete er die Fahrzeugtür und stieg aus.
»Verdammt!«, flüsterte er.
Die Straße gab es nicht mehr.
Wie war das möglich?
Statt einer Einmündung stand dort eine feste Häuserzeile.
Dan ließ den Blick über die Fassade vor sich gleiten und blieb dann an einem Punkt mit den Augen hängen.
Nur ahnend schimmerte etwas durch das Mauerwerk.
Wie mit einer dünnen Schicht Rauputz überzogen schimmerte das Straßenschild durch.
»Die Welt schrumpft einfach zusammen«, murmelte er.

San Frederico – Parallelwelt: Zur selben Zeit

In einem Schuppen des Strandhauses hatten sie zwei Fahrräder entdeckt.
Claire und Francine radelten den Strandweg entlang. In der Ferne sahen sie den Widerschein der illuminierten Vatikankuppel.
»Hast du schon mal überlegt, wo du da nach dem Detektor suchen willst?« rief Francine, die hinter der Freundin fuhr.
»Nein!«, kam es zurück. »Aber wir werden es herausfinden!«
Plötzlich bremste sie scharf ab. Francine schaffte es eben noch, nicht auf Claires Rad aufzufahren.
Mitten auf dem Strand – teilweise vom Wasser überspült – lag die Stoßstange eines 68er-Buick. Mit einem Nummernschild aus San Francisco.
Nach zwanzig Minuten standen sie in einem Park auf einer kleinen Anhöhe. Von hier besaßen sie einen guten Blick auf den Vatikan.
Francine lehnte sich mit der Schulter an einen Baum. »Da hineinzukommen, kannst du vergessen, meine Liebe.«
Claire sah das auch so. Ihre Augen glitten umher. Vor dem Hauptportal zur Vatikanstadt machte sie einen starken Trupp Schweizergardisten aus. Alle bewaffnet mit Maschinengewehren statt Hellebarden. Über die Türme des Petersdoms ragten zwei riesige Strommasten hinaus. Die Überlandleitung zur Versorgung der Stadt. Das Kraftwerk lag zwei Meilen außerhalb der Stadt. Da gab es zwischen dem San Francisco der Realwelt und dem San Frederico keinen territorialen Unterschied.
Kraftwerk!, hämmerte es mit einem Mal in Claires Kopf. Klar! Man benötigte ein starkes Kraftwerk, um so einen Magnetfelddetektor zu betreiben.
Die Leitungen wiesen keine Besonderheiten auf. Nichts, was darauf hindeutete, dass der Vatikan mit einem besonderen starken Stromnetz versorgt wurde.
»Das könnte doch bedeuten, dass der Detektor sich im …« Claire war so aufgeregt, dass sie es nicht wagte, den Gedanken zu Ende zu denken.
Francine spürte die Aufregung der Freundin. »Was ist los?«, fragte sie.
Claire deutet zu den Masten. »Wir müssen zum Kraftwerk. Dort befindet sich der Detektor. Wir müssen ihn abschalten. Je schneller, umso besser.«
Sie schwangen sich wieder auf die Fahrräder. Claire kannte den Weg. Es ging durch ein Tal, dann durch einen Pinienhain und danach zog sich der Weg in Serpentinen wieder aufwärts. Von einem Plateau aus konnten sie das grell erleuchtete Großkraftwerk sehen. Zum Greifen nah schien es. Claire hatte das kleine, aber leistungsstarke Fernglas eingesteckt.
Sie tastete damit das Werk ab. Sie erkannte unzählige Wachen vor dem Werk und teilweise im Hof. Gerade verließ ein schwerer dreiachsiger Militär-Lastwagen das Gelände.
»Dort ist es! Davon bin ich fest überzeugt!«, stieß Claire aus.
»Fein!«, sagte Francine. »Wie willst du da hineinkommen?«
Darauf wusste Claire auch noch keine Antwort. Sie zog ihre kleine Digitalkamera aus der Tasche der Jeansjacke und machte ohne Blitz zahlreiche Aufnahmen.
Da hörten sie ein sich näherndes Auto.
»Weg hier!«, rief sie. Gerade noch rechtzeitig konnten sie mit ihren Fahrrädern hinter einem dichten Gestrüpp in Deckung gehen.
»Hoffentlich sind hier keine Klapperschlangen«, flüsterte Francine.
Der Jeep donnerte auf das Plateau. Die Scheinwerfer zerrissen die Dunkelheit.
Das Militärfahrzeug hielt.
Vier schwer bewaffnete Männer in Milizuniformen sprangen heraus.
Claire und Francine wagten nicht zu atmen.
»Hier ist niemand!«, rief einer der Männer.
»Der Posten hat es aber durch das Infrarotglas gesehen«, beharrte ein anderer Soldat. Er ging zurück zum Jeep und dann schnitt ein 500 Watt starker Suchscheinwerfer über das Plateau. Langsam drehte sich der Scheinwerfer. Die beiden Frauen duckten sich so eng an den Boden, dass sie die Erde im Mund spürten.
Lähmend langsam verging die Zeit.
Endlich rief einer der Männer: »Abbrechen! Wir vertun unsere Zeit. Diejenigen sind längst weg!«
Der Motor jaulte wieder auf. Der Jeep drehte noch eine Runde und entschwand.
»Oh Gott!«
Tief atmend lagen die Agentinnen auf dem feuchten Moosboden.
»Noch nicht aufstehen«, raunte Claire. »Sie könnten noch irgendwo lauern oder der Wächter vom Kraftwerk hat das Plateau im Visier.
Erst nach fast einer Stunde wagten sie es, den Rückweg anzutreten.

Am nächsten Tag

Weder Claire noch Francine hatten Schlaf gefunden. Erst hatten sie sich in ihren Betten gewälzt, doch als die erste Dämmerung anbrach, war Claire aufgestanden und legte sich auf die Couch. Von hier aus konnte sie im Grau des Morgens die Wellen des Pazifik beobachten.
Die Uhr zeigte kurz vor sechs. Länger als eine Stunde hatte sie nicht im Bett gelegen. Ihre Gedanken kreisten um das Kraftwerk.
Wie hineinkommen?
Plötzlich stand Francine vor ihr.
Claire schaute auf.
»Was hältst du von Victoria?«, fragte Francine leise.
Claire runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«
Francine zuckte die Achseln. »Na ja … als Mensch … als …«
Claire stand auf und ergriff die Hände der Freundin. »Du liebe Zeit«, flüsterte sie. »Hast du dich etwa …«
Erneut zuckte Francine die Schultern und wich Claires Blick aus. »Diese Seite kannte ich bisher selbst nicht an mir.«
Claire drückte die Freundin an sich. »Mir war schon in der Pizzeria aufgefallen, dass sie dich tief beeindruckt hat. Ich weiß nicht, ob deine Liebe Zukunft hat. Victoria hat ja wohl eine Freundin.«
Da klopfte es an die Tür. Die beiden zuckten zusammen. Francine zog rasch die Energiewaffe aus der Schublade. Claire öffnete die Tür.
Da stand Victoria. In eine warme Jacke gehüllt, in engen Jeans und modischen Stiefeln.
»Hallo«, sagte sie mit ihrer Mitternachtsstimme. »Ich habe euer Gepäck mitgebracht. Viel war es ja nicht. Aber der Laptop ist sicher wichtig.«
Sie bückte sich und trug die beiden Rucksäcke ins Haus.
»Gab es Probleme?«, fragte Claire.
Victoria verneinte. Sie sah sich um. »Es hat den Anschein, als hättet ihr die Nacht nicht geschlafen. Na ja – es war ja auch schon ziemlich spät oder eher früh, als wir hier ankamen.«
Claire sagte nichts von dem nächtlichen Ausflug.
Victoria ging zur Kaffeemaschine. »Ich denke, ihr braucht einen Muntermacher.«
Sie setzte Kaffee auf. Dabei sagte sie: »Heute Mittag …«, sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, »… ist eine Hinrichtung auf Golgatha angesagt. Zwei angebliche Ketzer. Unsere Gruppe wird versuchen sie zu retten.«
Claire wurde blass. »Zounds! Du denkst, das klappt? Da wird es doch von Polizisten und Soldaten wimmeln.«
»Das wird es!«, kam es von Victoria. »Aber wir machen das durch Ablenkung am Boden und Rettung aus der Luft.«
»Ihr habt ein Flugzeug?«, fragte Francine erstaunt.
»Einen Helikopter. Er wird gerade betankt.«
»Können wir helfen?«, wollte Claire wissen.
Victoria schüttelte heftig den Kopf. »Das ist zu gefährlich. Bleibt im Versteck hier.«
Claire stand auf und trat an Fenster. Das Wetter zeigte sich stürmisch.
»Wir glauben zu wissen, wo sich der Dimensionsgenerator befindet«, sagte sie leise.
Victoria wirbelte herum. »Was?«
Claire berichtete von ihrer Exkursion.
»Das war … verdammt gefährlich!«, erwiderte die Anführerin der Widerstandsgruppe.
Claire winkte ab. »Es musste sein.« Nach einer Pause fragte sie: »Kannst du uns zwei Flugdrachen besorgen? Am besten eine ganz dunkle Farbe. Eventuell sogar schwarz.«
Victoria zog die Augenbrauen hoch. Dann antwortete sie zögernd: »Ich denke ja. Wann braucht ihr sie?«
»Heute Nacht!«
»Oh Mann! Okay. Wenn alles gutgeht am Mittag, dann bringe ich euch die Dinger selbst.«
Sie trank noch einen Kaffee, dann verabschiedete sie sich.
Francine sah die Freundin an. »Wie kommst du auf die Idee mit dem Flugdrachen?«
»Das ist die einzige Möglichkeit. Von einem der Hochmasten aus müssen wir starten. Dann können wir in einem sehr steilen Winkel auf das Dach des Hauptgebäudes gelangen.«
»Das ist ein Kamikaze-Unternehmen!«, stieß Francine aus.
»Ja!«, entgegnete Claire nur.
Nachdem auch sie einen Kaffee getrunken hatten, entschlossen sie sich, die Ebene noch einmal aufzusuchen.
»Alles wird sich auf dieses Golgatha konzentrieren.«
»Golgatha … wie passend«, flüsterte Francine.
Sie machten sich erneut mit den Fahrrädern auf den Weg. Die Sonne verschwand hinter Schleierwolken. Eine dunkle Wand zog über dem Meer auf.
»Schon wieder eine Überlappungszone?«, rief Francine fragend.
Claire warf einen sezierenden Blick über das Wasser. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, ich denke eher ein normales Gewitter. Ein Vorteil für uns.«
»Klar! Richtig nass zu werden.«
Claire gab keine Antwort und radelte weiter. Bald standen sie wieder auf dem Plateau.
Langsam ließ Claire das Fahrrad auf den Grasboden gleiten. Francine stand wie erstarrt.
»Oh nein!«, flüsterte sie.
Was sie sahen, erinnerte an einen der großen Historienfilme. Aus den dunklen, sich aufbauenden Gewitterwolken bahnten sich drei Sonnenstrahlen wie Scheinwerfer ihren Weg. Sie rissen drei Kreuze plastisch hervor, die gerade aufgerichtet wurden. An jedem Kreuz hing – nackt und angenagelt – ein Verurteilter. Sie schrieen und versuchten sich loszureißen, was zur Folge hatte, dass das Blut aus den Handgelenkwunden sprudelte. Wie Sirup lief es über die Holzbalken.
Als die Kreuze standen, erloschen die Sonnenstrahlen und ein Blitz zuckte aus den geballten Wolken.
»Wenn ich es nicht wüsste …«, murmelte Claire.
Auch Francine stand wie versteinert. »Die Geschichte aus der Bibel. So habe ich es mir immer vorgestellt.«
Nun vernahmen sie deutlich das Jammern der Verurteilten.
Claire griff zum Fernglas und zwang sich, es auf die Szenerie zu richten.
»Ich dachte, die Widerstandsgruppe wollte die Gefangenen befreien?«, fragte Francine mit rauer Stimme.
Claire setzte das Fernglas ab und reichte es Francine. »Schau auf das linke Kreuz.«
Die Freundin folgte der Aufforderung. Alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Wie in einer Slowmotion senkte sie das Fernglas. Ihre Hände begannen zu zittern.
»An dem Kreuz … hängt … Victoria …«
»Ja«, kam es kurz von Claire. »Jemand muss den Plan der Gruppe – und damit auch sie – verraten haben.«
Tränen rannen über Francines Wangen. Sie schluchzte auf.
Claire nahm die Freundin in den Arm. »Wenn sie durchhält, versuchen wir sie da runterzuholen.«
»Was?« Francines Kopf zuckte herum.
»Wir versuchen, was wir können. Los, komm!« Sie schwang sich auf das Rad. Francine beeilte sich, ihr zu folgen.
In einer Rekordzeit erreichten sie die Kreuzung, an der es einerseits zum Strandhaus ging, andererseits zur Stadt.
Ein Platzregen prasselte vom Himmel.
»Wir sollten die Widerstandsgruppe suchen«, rief Francine schwer atmend.
Claire schaute über die Schulter. »Lieber nicht! Wir wissen nicht, wo der Verräter steckt!«
Der Richtplatz zeigte sich weiträumig durch Fahrzeuge der Inquisition abgesperrt. Die beiden Frauen stellten die Fahrräder unter einer Fußgängerbrücke ab und machten sich zu Fuß auf den Weg.
»Ich habe den Stadtplan von San Francisco im Kopf«, raunte Claire der Freundin zu. »Das ist von Vorteil hier. Es gibt nur wenige Abweichungen.«
Francine schüttelte das pitschnasse Haar. »Sauwetter!«
Claire lachte freudlos. »Das hat den Vorteil, dass die Schaulustigen schnell verschwunden sind. Sicher auch ein Teil der Wachen.«
Durch einen Engpass erreichten sie einen Zaun und dann ein Tor. Claire riss Francine zurück hinter einen Busch. Direkt hinter der Zeile verlassener Häuser ragte der Hinrichtungshügel empor. Die Zeitreisenden sahen die drei Kreuze. Leblos hingen die Verurteilten daran. Claire zog das kleine Fernglas aus der Tasche. Über den Köpfen der Delinquenten hatte man Schilder angebracht.
»Oh verdammt!«, stieß Claire hervor. »Verräter steht auf jedem Schild. Alle drei gehören zum Widerstand.«
»Was sollen wir tun?«
»Gute Frage«, kam es von Claire. Da vernahmen sie Motorengeräusch. Rasch verließen sie das Gebüsch und drückten sich in den dunklen Eingang eines Hauses.
Zwei Polizeiwagen fuhren auf das Tor zu. Dahinter eine schwarze Lincoln-Limousine. Am rechten vorderen Kotflügel prangte der Stander mit dem Wappen des Pontifex. Durch die getönten Scheiben konnten sie nicht in den Wagen hineinsehen.
»Denkst du, Valentino kommt selbst hierher?«
Francine atmete hastig. »Keine Ahnung Schätzchen. Aber vielleicht ist Victoria so eine wichtige Person, dass er sich von ihrer Hinrichtung überzeugen will.«
Das Tor wurde geöffnet. Der Lincoln fuhr auf das Gelände. Direkt unter den Kreuzen blieb der Wagen stehen. Die beiden Beobachter sahen, dass zwei Wächter an den Wagen herantraten. Wahrscheinlich sprach der Fahrgast mit ihnen. Sie nickten, deuteten zweimal auf das rechte Kreuz und salutierten.
Claire hatte inzwischen eine Rolle mit dickem Stacheldraht entdeckt. Ihre Augen schweiften weiter und entdeckten einen alten Stromschaltkasten.
Wenn doch da noch …, schoss es ihr durch den Kopf. Sie riss die verbeulte Tür auf. Dicker Staub und halb zerrissene Kabel konnten sie im diffusen Licht erkennen. Sie nahm eines der Kabel und berührte mit einem blanken Ende das Metall des Kastens. Sogleich sprühten Funken und sie verspürte einen Schlag. Rasch ließ sie los.
»Was machst du da?«, rief Francine.
Claire rannte schon zum Eingang. »Los! Frag nichts! Hilf mir einfach!«
Sie umwickelte eine Hand mit einem Taschentuch und griff zu der mindestens einen halben Meter durchmessenden Drahtrolle.
»Was …?« Dann hatte Francine begriffen. Sie packte mit an und schrie direkt unterdrückt auf. Blut rann aus einer Wunde am Handballen. Doch sie biss die Zähne zusammen. Sie schafften es, den Draht über den mit Pfützen bedeckten Weg zu rollen. Es wurde immer dunkler, sodass das Drahtknäuel nicht zu erkennen war.
»Komm zur Tür und sage mir, wenn der Lincoln wieder vom Gelände kommt. Er wird rückwärtsfahren müssen. Erst hinter diesem Haus kann er in einer Einfahrt wenden. Das ist unsere Chance.«
Inzwischen hatte Claire ein Stacheldrahtende zwischen zwei morsche Holzstücke geklemmt und zog es zu dem Kabelkasten. Sie riss einen dicken Draht aus der Schraubbuchse.
»Wenn der Wagen über den Draht fährt, rufst du!«
Der Regen verwandelte sich in eine wahre Sintflut. Es wurde stockfinster. Das Wasser prasselte auf das morsche Dach des Hauses, das wohl mal in besseren Zeiten ein zweistöckiges Mietshaus gewesen sein mochte. Nun rann Wasser durch alle möglichen Ritzen der Ruine.
Durch das Platschen vernahm Claire das satte Wubbern der Lincoln-Maschine.
Angespannt warteten sie.
»Jetzt!«, erschallte Francines Stimme.
Claire stieß das einen halben Finger dicke Drahtende in die Strombuchse.
Ein wahrer Funkenregen goss sich über Claire. Es zischte. Stank nach verbrannter Isolierung.
Rasch ließ sie den provisorischen Holzgriff los und rannte zu Francine.
Der Lincoln stand mitten in dem Drahtgeflecht, das sich in die vorderen Reifen gebohrt und sich außerdem um die Achse gewickelt hatte. Funken stoben aus dem Draht. Der Strom verursachte einen Kurzschluss in der Elektronik des Fahrzeugs. Die Seitenfenster fuhren nach unten und wieder nach oben. Szenisch sah man im Fond ein erschrecktes Gesicht.
Die Fahrertür wurde aufgestoßen. Der Chauffeur in grauer Uniform setzte einen Fuß in die große Pfütze, in der der Lincoln stand. Plötzlich bäumte der Mann sich schreiend auf. Eine Hand griff zum Dach des Wagens. Damit hatte er den Faradayschen Käfig unterbrochen und der Strom jagte durch die gesamte Limousine.
Die hintere Scheibe splitterte. Das verzerrte Gesicht des Pontifex beugte sich heraus. Speichel rann aus seinem Mund.
Es gab einen Knall!
Ein gewaltiger Lichtbogen spannte sich mit einem Mal aus dem maroden Hausflur zum Lincoln. Claire und Francine wurden zu Boden geschleudert. Bevor Claires Blick sich verschleierte, sah sie noch, wie die Karosserie des Wagens zu glühen schien.

Eine Stunde später

Sie waren hinter ihnen her!
Eine Kugel hatte Claire nur ganz knapp verfehlt.
Der Regen drosch regelrecht vom Himmel. Sie lagen unter einem Stapel alter Bretter – irgendwo in einem verfallenen Viertel. Über ihnen knatterten die Hubschrauber.
Sie waren völlig ausgepumpt.
»Wenn die Wärmetaster an Bord haben, ist es aus«, keuchte Claire nur.
Das Sirenengeheul von Streifenwagen kam näher.
Francine deutete durch einen kleinen Schlitz in dem Holzstoß. »Da drüben ist eine Fabrikhalle. Da gibt es bestimmt eine Menge Lüftungs- und Kabelschächte.«
Claire seufzte. »Okay – vielleicht schaffen wir es.«
Francine robbte etwas nach vorn, als Claire sie festhielt. »Warte! Vielleicht nehmen unsere Verfolger ja an, dass wir in die Fabrik flüchten. Auf diesen Holzstapel hier kommt doch keiner.«
Francine stutzte. Dann musste sie Claire recht geben.
Der Regen ließ nicht nach und die beiden Frauen sahen aus, als ob sie ein Schlammbad genommen hätten. Die Hubschrauber zogen ihre Kreise. Der Konvoi der Militärlastwagen ließ den Boden erbeben.
»He … das ist ja mehr als eine Hundertschaft«, flüsterte Francine.
Die Lkw hielten, die Heckklappen rasselten herab und dann sprangen Soldaten in Kampfanzügen und schweren Waffen auf den Boden, dass die Pfützen nur so aufspritzten.
Die Truppe stürmte auf das verfallene Gebäude zu.
»Wie ich es mir dachte«, murmelte Claire.
Francine stöhnte unterdrückt. »Gut, dass dir das noch eingefallen ist.«
Sie warteten. Zwei Helikopter schwebten über dem flachen Dach des Gebäudes.
»Alles konzentriert sich nach dort hinten«, zischte Claire. »Wir könnten verschwinden.«
Gesagt, getan!
Sie robbten vorsichtig aus dem Versteck – jedes Buschwerk nutzend und rutschten den Hang abwärts – außer Sicht der Soldaten.
Sie erreichten das Ufer eines schmalen Baches. Das dichte Unterholz schützte sie hier vor Blicken.
Hier konnten sie erst einmal wieder Atem schöpfen.
»Was nun?«, wollte Francine wissen.
Claire schob einen dichten Zweig zur Seite. Von hier konnte man gerade die Spitze eines der Kreuze auf dem Hinrichtungshügel erkennen. »Ich denke, dass sich kaum noch jemand um die Delinquenten kümmert«, murmelte sie.
Francine richtete sich auf. »Du meinst …«
»Meine ich!«
Das Unterfangen erwies sich als beschwerlich, da sie immer mit einem kreisenden Hubschrauber oder einer Patrouille rechnen mussten. Endlich lagen sie flach im wilden, vor Nässe triefenden Gras vor dem Maschendrahtzaun, der das Gelände von der Stadt abgrenzte.
Von den Verurteilten sah man nicht viel.
Claire und Francine suchten den unteren Bereich des Zaunes nach einer Durchschlupfmöglichkeit ab. Sie entdeckten eine kleine Mulde.
Allerdings wussten sie nicht, wie sie Victoria – falls sie noch leben sollte – von dem vier Meter hohen Kreuz herunter bekommen sollten.
»Wachen scheinen überhaupt nicht hier zu sein«, wunderte sich Claire.
»Vermutlich sind alle an der Fahndung nach uns beteiligt.«
Claire stimmte der Freundin da zu. »Was denkst du? Ist der Pontifex tot?«
Francine zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Mir fehlte auch die Muße, genau nachzusehen«, kam es sarkastisch.
Unterdessen hatte Claire etwas ausgemacht. Sie stieß die Gefährtin an. »Sieh mal, wenn das kein Wink des Schicksals ist …«
»Ups! Na so was?«
Trotz der vertrackten Lage grinste sie schelmisch.
Ein dreiachsiger Militär-Lkw parkte vor einer Holzhütte. Sie hatten ihn erst sehen können, nachdem sie am Zaum ihre Position geändert hatten.
In einen dicken wasserfesten Parka gehüllt stand ein Soldat gelangweilt an den Kühler gelehnt und rauchte eine Zigarette.
Mittels des Fernglases stellte Claire fest, dass sich außer diesem Mann niemand an und im Lkw aufhielt.
»Jetzt oder nie!«, flüsterte sie und entwickelte kurz ihren Plan.
Die beiden Frauen krochen durch die Mulde unter dem Zaun durch. Gedeckt durch einen kleinen Erdwall näherten sie sich ungesehen dem Lkw. Der Soldat lehnte an der ihnen abgewandten Seite.
Als Claire den Blick hob und zu den Gestalten am Kreuz hochsah, zog es ihr das Herz zusammen.
Die Gemarterten wirkten, als hingen sie unter einer Dauerdusche. Das Wasser rann in Sturzbächen über die nackten Körper. Es vermischte sich mit feinen Blutbahnen aus den Nagelwunden. Victorias Haar hing ihr vor dem Gesicht wie ein verfilzter Vorhang.
Dann vollzog sich alles blitzschnell.
Wie Phantome kamen die Mädels über den Soldaten!
Ein kräftiger Hieb vor das Kinn. Ein Tritt in den Unterleib … der Bursche klappte zusammen. Nur drei Minuten später lag er gut verpackt auf der Ladefläche des Lkw.
»Uff!«, machte Francine und wischte sich trotz des Wetters den Schweiß von der Stirn.
Claire enterte das Führerhaus. Satt dröhnte die Maschine auf.
Erster Gang … Gas … zweiter Gang …
Der schwere Wagen ratterte los. Claire hielt Kurs auf Victorias Kreuz. Es würde ein harter Fall nach hinten werden, aber darauf konnte Claire keine Rücksicht nehmen. Ob Victoria noch lebte, musste sich noch herausstellen. Aber sie hoffe es.
Es rumste. Holz splitterte. Das Kreuz knickte ein und stürzte wie ein gefällter Baum. Claire trat Kupplung und Bremse durch. Ruckartig kam der Wagen zum Stehen. Francine eilte schon auf das liegende Kreuz zu. Claire sprang aus dem Fahrzeug.
Sie sah, wie sich die Freundin ganz dicht über Victorias Gesicht beugte.
»Was ist?«, rief Claire.
»Ich weiß nicht …« Francine richte sich auf.
»Es ist keine Zeit! Hier!« Sie warf Francine eine große Zange zu. Zwei davon hatte sie im Führerhaus des Wagens gefunden.
Als sie den ersten Nagel aus den Füßen Victorias zog, bäumte sich deren Kopf mit weit aufgerissen Augen hoch.
Später vermochten sie nicht mehr zu sagen, wie sie es geschafft hatten. Erst als der LKW über das Gelände auf die schmale Straße zu rumpelte – Victoria hing blutend und apathisch zwischen den beiden Timetravellern – fasste Claire am Steuer wieder einen klaren Gedanken. Der Lkw durchbrach das Zauntor. Claire trat das Gaspedal bis unten durch. Der Motor protestierte, aber der Wagen machte einen Satz nach vorn.
In halsbrecherischem Tempo jagte sie auf den Ausfall-Highway der Stadt zu. Grasbüschel und Unkraut hatten sich den Weg durch den Beton gebahnt. Löcher klafften in der einst stark genutzten Fahrbahndecke. Claire jagte den Wagen in den nächsten Gang hoch. Nur weg aus San Frederico.
Victoria brauchte einen Arzt. Hoffentlich gab es für sie überhaupt eine Überlebenschance.

San Francisco – Stanford-Research-Institut

Das gesamte Gebäude bebte.
Die giftgrüne Wolke rollte über der Stadt.
In Panik liefen die Menschen auf den Straßen herum. Polizeisirenen heulten und Ordner versuchten vergeblich, die Massen zu beruhigen. Der Präsident hatte die Nationalgarde nach Frisco entsandt.
Ken und Dan standen fassungslos und auch ratlos vor den großen Monitoren. Kens Blick wanderte immer wieder zu dem Ersatz-Glider, der von der Wartungsmannschaft klar gemacht wurde.
Georg Baker – einer der Ingenieure des Teams – tippte nervös diverse Codes in seinen PC.
»Was ist nun?«, fragte Dan leicht aufgebracht.
»Donnerwetter!«, rief der genervte Baker aus. »Wir sind auf einen solchen Notfall nicht vorbereitet. Nach dem Unfall damals mit Glider 1 hatten wir nur noch Nummer 2. Dieser Glider wäre normal erst in acht Monaten einsatzbereit gewesen. Nur ein Fehler in der Programmierung und ihr findet euch irgendwo im Nichts wieder.«
Dan rang die Hände. »Ja, ja! Aber Claire und Francine sitzen irgendwo da draußen … irgendwo …« Er brach ab, als selbst im Laborkeller die Erschütterungen zu spüren waren.
»Große Überlappungswelle!«, rief der Beobachter aus dem Glaskasten mit den Raum-Zeit-Seismographen.
Ken behielt die Ruhe, wenn er sich auch dazu zwingen musste. »Vielleicht hält unsere Welt diesmal noch stand.« Er legte Dan die Hand auf die Schulter. »Ich habe Vertrauen zu den Mädels.«
Dan schluckte. »Wenn sie noch leben! Es gibt keinen Kontakt.«
Ken presste die Lippen zusammen, dann merkte er an: »Das liegt an den Energiefeldern.«

Zehn Meilen vom Institut entfernt trat Jeremy McCloud voll auf die Bremse seines Van. Was er da direkt vor sich auf der N 456 sah, konnte nur ein Albtraum sein.
Dort, wo die Straße sich hätte fortführen müssen, rotierte ein riesiger, grünlich leuchtender Trichter.
Jeremy glaubte, in einen überdimensionalen Strudel zu schauen.
Doch der führte nicht ins Nirgendwo. Jeremy erkannte eine Stadt. Der Anblick ähnelte einer Luftbildaufnahme. Zweifelsohne handelte es sich um San Francisco. Aber wieso dieser Strudel?
Da vollzog sich ein harter Ruck durch sein Fahrzeug. Erschreckt trat Jeremy die Bremse weiter durch. Doch unaufhaltsam setzte sich der Van in Bewegung und rutschte mit blockierenden Rädern auf den sich immer schneller drehenden Trichter zu.
Jeremy schrie auf. Er knallte den Rückwärtsgang rein. Die Antriebsräder radierten. Doch der Saugkraft des Trichters waren sie nicht gewachsen. Immer näher gähnte das Strudelmaul. Jeremy hielt sich schützend die Hände vors Gesicht.
»Oh Gott!«
Stille!
Jeremy hielt den Atem an.
Vorsichtig schaute er durch die gespreizten Finger. Sein Atem ging stockend.
Direkt vor ihm – als sei nichts geschehen – lag die N 456.
Benommen schüttelte Jeremy den Kopf. Hatte er Halluzinationen? Mit zitternden Knien stieg er aus dem Van. Er schaute sich um.
Deutlich sah er die schwarzen Abriebspuren der Reifen.

San Frederico

Der alte Landarzt seufzte.
»Die Chancen stehen bei fünfzig Prozent. Durch den Bleigehalt in den Nägeln hat sich eine Blutvergiftung im Körper gebildet. Aber das ist bei diesen Hinrichtungen gewollt.«
Er schaute auf das von Qual gezeichnete Gesicht Victorias.
»Ausgerechnet sie«, flüsterte er.
»Sie kennen sie?«, wollte Claire wissen.
Der Doc lächelte sanft. »Oh ja! Sie hat mir vor einem Jahr durch eine Warnung das Leben gerettet.« Er blickte nun zu Francine. »Nehmen Sie den Revolver weg. Ich stehe auf Ihrer Seite.«
Die beiden Frauen tauschten einen Blick, dann steckte Francine die Waffe in den Gürtel. Nach Victorias Befreiung vom Kreuz waren sie einfach ziellos über Land gefahren, bis sie in einem abgelegenen Wüstendorf ein winziges Hinweisschild »Medical« entdeckt hatten.
Der Arzt mit dem gutmütigen Gesicht deckte Victoria zu. »Wir können ihr jetzt nur Ruhe gönnen.«
Claire fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Hoffentlich findet uns hier niemand.«
»Das ist nicht anzunehmen. Allerdings sollte eine von euch den Lkw weiter hinten in den Wald fahren.«
Eine Stunde später hatte der Doc ein ausgezeichnetes Essen auf den Tisch gezaubert und die beiden Frauen trugen trockene Kleidung. Zwar waren die Latzhosen viel zu groß, aber besser als nichts.
»Ich habe eure Sachen in die Waschmaschine geworfen«, merkte der Doc an.
Er nahm einen Schluck Rotwein. »Ich heiße übrigens Anges. Anges Pearl.«
Die beiden Frauen nannten ebenfalls ihre Namen.
»Na«, machte Anges, »das ist doch schon familiärer.«
»Wieso sind Sie eigentlich in das Visier der Inquisition geraten?«, wollte Francine wissen.
Der Doc verzog den Mund und schüttelte leicht den Kopf. »Habe mal einem der Vatikan-Pfaffen gehörig die Meinung gesagt. Der hat mich sogleich angeschwärzt. Victoria hat das erfahren und mir gemailt, ich solle ein paar Wochen untertauchen. Habe ich dann auch gemacht. In Kanada oben. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Habe dann meine Praxis von San Frederico hierher verlagert.«
Aus dem Nebenraum drang ein Stöhnen. Alle drei sprangen auf. Victoria wälzte sich vor Schmerzen. Anges gab ihr ein Beruhigungsmittel.
Später, nach dem Essen, in der gemütlichen Sitzecke fragte der Doc: »Ihr kommt nicht von hier? Ihr habt eine Aufgabe?«
Claire und Francine blickten sich erschreckt kurz an. Anges lachte leise. »Ihr könnt mir vertrauen. Wenn ihr von hier wärt, würdet ihr andere Fragen stellen. Also vertraut mir.«
Als Claire ihren Bericht geendet hatte, lehnte sich der sympathische Arzt zurück.
»Ich weiß über mögliche Parallelwelten Bescheid. Ich bin mir auch sicher, dass der Pontifex von einer solchen stammt. Vermutlich von eurer.«
Claire bestätigte das.
»Wie wollt ihr den Generator finden?«
»Wir glauben zu wissen, wo er steht«, erklärte Francine. Sie sagte es ihm. Sie erklärte ihm auch, wie sie beabsichtigt hatten vorzugehen.
»Also Mut habt ihr. Verdammt noch mal!« Der Doc beugte sich vor und stützte das Kinn in die Hände.
Claire hob hilflos die Arme. »Jetzt müssen wir uns was anderes überlegen. Interessant wäre zu wissen, ob der Pontifex überlebt hat.«
Anges runzelte die Stirn. »Wie meint ihr das?«
Claire erzählte von der Geschichte bei der Kreuzigung.
Der alte Doc sprang auf. »Hölle und Granaten! Ihr seid ja ein tolles Team! Aber in den offiziellen Nachrichten haben sie nichts erwähnt davon.«
Er stand auf und trat ans Fenster. Eine Zeit lang bewegte er sich nicht. Endlich wandte er sich langsam um und schaute die beiden Frauen an. »Ihr habt eine Spezialausbildung, richtig?«
»Kann man so sagen«, erklärte Francine.
»Okay – Gleitschirme kann ich besorgen.«
Die beiden Frauen blickten Anges entgeistert an.
»W … as kannst du?«, stotterte Francine.
Der Doc lachte kurz auf. »Ich war bis vor ein paar Jahren begeisterter Gleitschirmflieger. Die Dinger sind noch besser als die Drachen. Leichter zu steuern und man kann Punktlandungen machen.«
»Das ist phantastisch!«, rief Claire in einer Mischung aus Freude und Verunsicherung.
»Gut! Morgen Abend. Jetzt werde ich euch das Gästezimmer klarmachen. Vorher sehe ich nach Victoria.«
Sie lag unter der weißen weichen Decke. Nur die verbundenen Handgelenke konnte man außer ihrem Gesicht noch erkennen. Anges gab ihr eine Injektion. »Hoffen wir, dass sie die Nacht gut übersteht. Dann ist die Hälfte der Schlacht gegen das Gift gewonnen.«
In der Nacht wälzte sich Claire unruhig im Bett. Sie merkte, dass Francine neben ihr auch nicht schlief.
»Woran denkst du?«, wollte Claire wissen.
Francine drehte den Kopf zu ihr. »An unsere Aufgabe. Ob wir es schaffen? Ob der Generator wirklich dort ist, wo wir vermuten.«
Claire seufzte. »Viel Zeit für Fehlschläge bleibt uns nicht.«
»Das stimmt.« Francines Stimme klang bedrückt.
»Du machst dir auch Sorgen um Victoria …«
»Hm«, kam es leise.
Spontan umarmte Claire die Freundin und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Das wird wieder!«

San Frederico Kraftwerk – 23:47 Uhr

Der Mond hatte sich hinter einer Wolkenbank verkrochen.
Ein sanfter Wind wehte von Süd.
Zwei Urvögeln gleich lösten sich die beiden dunklen Gestalten von dem riesigen Mast der Überlandleitung – schwebten einen Moment zwischen Himmel und Erde – dann breiteten sich die Schwingen aus.
Nur ein kaum wahrnehmbares Rauschen verursachten die Gleitschirme nach dem Öffnen.
Claire flog voran. Der Aufwind trieb sie auf vierhundert Meter Höhe. In einem weiten Bogen flogen sie das Kraftwerk von der Rückseite an. Sie tauchten in einen Schwaden dichten Wasserdampfes aus einem der Kühltürme.
Da!
Das Flachdach des Hauptgebäudes.
Unhörbar setzen die beiden Frauen im Abstand von zwei Sekunden auf, falteten die Schirme rasch zusammen und versteckten diese hinter einem Kamin. Sie verständigten sich nur durch Zeichen.
Der Mond trat hinter der Wolkenbank hervor. In seinem fahlen Schein erkannten sie einen Trupp, bestehend aus acht Soldaten, unten im Hof.
Wo mochte sich der Raum-Zeit-Detektor befinden?
Claire zog das Infrarot-Fernglas aus dem Futteral. Anges hatte es ihr gegeben.
Claire ließ den Blick über das Gelände gleiten. Da erkannte sie einen unscheinbaren Schuppen am linken Rand des Geländes – dort, wo sich ein Ödland anfügte. Zwei Wächter mit schweren Maschinenpistolen standen davor und auf dem Dach befand sich eine Kamera.
Claire stieß Francine an. »Da!«
Francine nahm das Glas. »Es ist etwas merkwürdig, dass ein kleiner Schuppen so bewacht wird, aber … ob darin der Generator für … Verdammt! Das ist ein Stolleneingang!«
»Genau das denke ich auch«, pflichtete Claire ihr bei.
»Merde! Wie sollen wir da hineinkommen?«
Claire grinste und meinte spöttisch: »Denkst du, ich gehe unvorbereitet auf ein solches Unternehmen?« Sie zog zwei winzige flache Scheiben aus der Tasche ihres Gerätegürtels. »Anges hat eine Fundgrube von feinen Dingen.«
Francine fragte verblüfft: »Was ist denn das
»Kleine Drohnen. Sie tragen eine Sprüheinrichtung für ein Narkosemittel in sich.«
»Äh … und so was hat Anges?«
Claire kicherte verhalten. »Der alte Knabe ist eben auf alles vorbereitet.«
Nun zauberte sie das winzige Steuergerät hervor. »Nimm! Wirf die Drohne einfach einen Meter hoch«, forderte sie von Francine und reichte ihr die Scheibe.
Nur Sekunden später taumelte das winzige Untertassengerät durch die Nacht, fing sich und glitt langsam auf die Wachen am Schuppen zu. Es senkte sich herab und blieb vor den beiden Wächtern in einer Entfernung von drei Metern in der Luft hängen.
Claire zog die zweite Drohne hervor. »Hier – nochmal!«
»Was …?«
»Frag nicht! Mach!«
Die zweite Drohne glitt los. Claire lenkte sie auf die Dachkamera zu. Sie nahm direkten Kurs und dann: Eine kleine Dampfwolke – die Kamera zerschmolz.
Einer der Wächter musste wohl ein Geräusch gehört haben. Er hob den Kopf und …
Beide Wachen sanken in sich zusammen.
»Das war’s!«, zischte Claire. »Komm!«
Sie rannten geduckt über das Dach, erreichten eine schmale Feuerleiter und rutschten in den Hof hinab. Sich im Schatten haltend, erreichten sie den Schuppen.
»Du denkst, die Tür ist offen?!«, kam es zynisch von Francine.
»Wir werden sehen!«
Claire hatte das Code-Lesegerät bereits erkannt. Rasch durchsuchte sie die Uniformtaschen des nächstliegenden Wächters und zauberte eine Magnetkarte hervor.
»Wachen müssen immer Zutritt haben, sonst sind sie wertlos!«
Mit leisem Rauschen glitt die getarnte Holztür zur Seite, nachdem Claire die Karte durch das Lesegerät geschoben hatte.
Finsternis umfing die beiden.
Rasch packte sich jede einen der ohnmächtigen Wächter und zog ihn in die Dunkelheit.
Kaum hatten sie den scheinbaren Schuppen betreten, schloss sich die Tür. Neonlicht flackerte auf und stabilisierte sich.
Die beiden Timetraveller fanden sich in einem gewölbeähnlichen Stollen wieder.
Zwei Elektrokarren parkten seitlich von ihnen. Die beiden Frauen lauschten. Sie konnten kein Geräusch vernehmen. Claire suchte den Stollen nach einer Überwachungskamera ab – fand aber keine.
»So sorglos ist man?«, murmelte sie überrascht.
»Sehr ungewöhnlich«, stimmte Francine zu.
Kurz entschlossen enterten sie eines der Elektrofahrzeuge und setzten es in Bewegung. Niemand hielt sie auf.
Die Fahrt endete vor einer hohen Aufzugtür.
»Da unten werden wir finden, was wir suchen«, meinte Claire in überzeugtem Tonfall.
Auch hier gab es ein Datenlesegerät. Claire besaß noch die Karte des Wächters.
Sie machte Francine ein Zeichen, sich seitlich der Tür fest an das Mauerwerk zu pressen. Sie selbst zog einen kleinen Kosmetikspiegel aus der Tasche des Fluganzuges.
Kaum öffnete sich die Lifttür, hob Claire den Spiegel.
Jetzt konnte sie die Überwachungskamera innerhalb der Kabine sehen. Sie machte Francine ein Zeichen, sich nicht zu bewegen.
Etwa eine Minute stand die Tür des Lifts offen, dann schloss sie sich wieder. Eine leichte Vibration zeigte an, dass die Kabine wieder nach unten fuhr.
Claire hatte bereits den kleinen Titanschraubenzieher in der Hand. Sie setzte ihn in den Spalt der Türfüllung, an dem sie den Magnetverschluss vermutete.
Die Tür ließ sich schieben.
Jetzt blickten die beiden Frauen in den Schacht.
Francine wurde bleich. »Das sind mindesten hundert Meter, wenn nicht mehr.«
Claire nickte. »Da müssen wir durch.«
Sie steckte das Werkzeug ein und sprang auf das etwa zwei Meter entfernte dicke Stahlseil zu.
»Nun mach schon!«, rief sie Francine zu, die zögernd noch in der Türöffnung stand.
Die Freundin holte tief Luft und sprang gleichfalls. Jetzt hingen sie beide im Irgendwo.
Francine keuchte leicht und wagte nicht nach unten zu sehen. »Wir sind total bescheuert«, flüsterte sie.
Claire streckte bereits den rechten Arm aus und hangelte sich zu einem zweiten Seil hinüber. Von dort aus konnte sie eine stählerne Wartungsleiter erreichen.
»Was passiert, wenn die Kabine wieder hochfährt oder das Kontergewicht auf uns zu saust?«, rief Francine unterdrückt und heiser.
Claire, die nun an der Leiter hing, blickte nach unten.
»Weiß ich nicht«, gab sie leise zurück.
Da begann das Seil, an dem Francine hing, zu vibrieren. Schon ging es abwärts. Claire vernahm den erstickten Schrei der Freundin.
»Scheiße!«, rief sie und sprang.
Gerade noch bekam sie das Seil zu fassen und nun jagten sie beide nach unten. Hinab in einen ungewissen Grund. Sie krallten die Finger um das Stahlseil, um nicht abzurutschen.
Wie lange die Höllenfahrt anhielt, wussten sie später nicht mehr zu sagen.
Irgendwann kam es ruckartig zum Stillstand. Tief unter sich – vielleicht fünfzehn Meter tiefer – sahen sie das Dach der Liftkabine.
Ohne weiter zu überlegen, hangelten sie sich abwärts, bis ihre Füße das Kabinendach berührten.
Außer Atem ließen sie sich in die Hocke fallen.
Sie lauschten, vernahmen aber nur ihre eigenen rasselnden Lungen.
Als sich nach fünf Minuten die Kabine immer noch nicht bewegte, erkundeten sie das Dach des Lifts. Francine fand die Verriegelung der Wartungsklappe. Durch sie konnte man in die Kabine gelangen.
Sie zögerte, diese zu öffnen, denn da unten befand sich die Kamera.
Sie mussten sich also etwas einfallen lassen.

San Francisco – Realwelt: Das Chaos herrscht

Dan und Ken hatte es nicht im Institut gehalten. Niemand von den Technikern vermochte zu sagen, wann der Ersatzglider startklar sein würde. Der Bordcomputer wollte die Software nicht annehmen. Keiner wusste so recht weshalb.
Aus allen Teilen der Staaten kamen Nachrichten von merkwürdigen Verschiebungen. Dass Menschen sich nicht mehr in den eigenen Städten zurechtfanden. Es kam zu Panikattacken. Die Nationalgarde versuchte für Ordnung zu sorgen.
Die beiden jungen Männer marschierten den Geary Boulevard entlang und gelangten zur Ecke Stanyan Boulevard.
Hier gab es einen großen Menschenauflauf.
Dan und Ken blieben stehen. Sie konnten nur das Heck eines Linienbusses erkennen.
»Was ist denn da los?«, wollte Ken wissen.
Dan zeigte zu der Stelle. »Gehen wir rüber!«
Sie bahnten sich einen Weg durch die heftig diskutierenden Menschen. Was sie dann sahen, vermochten sie nicht zu glauben.
»Herrjeh …«, entfuhr es Dan.
Mitten auf der Kreuzung stand ein Bus der Linie 570. Aber nur zur Hälfte. Der Frontteil wirkte durchsichtig. Wie im dichten Nebel. Aber hier gab es keinen Nebel.
Hinter den verwaschen scheinenden Fenstern bewegten sich aufgeregt Menschen. Einer der Polizisten, die neben dem Fahrzeug standen, trat näher an die Front heran.
Plötzlich zuckte ein greller, grüner Blitz auf. Der Polizist riss die Arme in die Höhe und – verschwand.
Ein Schrei zog sich durch die Menschenmenge.
»Der Bus sitzt in einer Überlappungszone«, flüsterte Ken.
»Ja«, machte Dan. »Sieht so aus.« Er blickte sich um. Die Menge kam in Bewegung. Ken ergriff den Freund am Ärmel seiner Jacke. »Lass uns hier verschwinden.«
Sie eilten in den Stanyan Boulevard. Von irgendwo heulte eine Polizeisirene.
»Die Stadt gerät tiefer in das Dimensionsloch«, vermutete Ken.
Dan stieß zischend die Luft aus den Lungen. »Mir ist das physikalisch total unklar.«
»Wir müssen in ganz anderen Bahnen denken, mein Lieber. In völlig anderen!«
Ken schaute sich um. Regen setzte ein. Ein gewaltiger Schauer. Sie suchten Schutz in einer Bar. Hier diskutierten die Gäste über den Bus an der Ecke. Jeder hatte eine andere Theorie.
»Ufos! Ich sage dir, die Invasion läuft!«, rief ein rundlicher Mann an der Thekenecke.
Ken und Dan suchten sich einen Platz etwas abseits.
»Ich hoffe nur, Claire und Francine sind heil dort angekommen, wo sie etwas bewirken können«, flüsterte Dan nervös. »Weshalb funktioniert auch der Ersatz-Glider nicht?!«
Ken trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. »Wenn man bedenkt, was mit Glider 1 passiert ist, verstehe ich die Angst der Techniker. Sie wollen auf Nummer sicher gehen.«
»Klar, aber …«
Das ganze Gebäude begann zu beben.
Aufruhr entstand.
»Ein Erdbeben!«, schrie jemand.
Die Meute stürzte zur Tür und richtete da erst das wahre Chaos an.
Dan und Ken blieben ruhig.
»Eine neue Überlappungswelle«, meinte Ken nur.

San Frederico – Kraftwerk

Francine hatte den Anschluss für die Kamera gefunden und das Kabel gekappt.
»Irgendwo wird es einen Kontrollraum geben. Es kann nicht lange dauern, bis der Ausfall dieser Kamera und der oben am Eingang bemerkt wird«, gab Claire zu bedenken.
Francine wischte sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem verschwitzten Gesicht. »Dann werden wir uns beeilen müssen.«
Sie öffnete die Wartungsklappe und ließ sich in die Kabine herab. Es gab ein dumpfes Geräusch, als sie mit den Turnschuhen auf dem Linoleumboden aufkam und leicht in den Knien wippte. Claire folgte nur einen Bruchteil von Sekunden später.
Die Lifttür stand offen. Vorsichtig streckte Claire den Kopf heraus. Vor sich sah sie einen nicht enden wollenden Korridor. Die Wände zeigten sich mit einer blauen Linie gekennzeichnet. Der Flur war menschenleer.
Vorsichtig betraten sie den Betonboden. Eine überdimensional aufgemalte Zahl auf dem Boden gab das Stockwerk wieder.
Minus 18 stand dort in roter Schrift.
»Achtzehn Stockwerke unter der Erde«, murmelte Claire. Aber es musste noch tiefer gehen.
Wo, verflucht noch mal, befand sich der Generator?
Da spürten die beiden Frauen eine Vibration, die sich über den gesamten Flur zog.
Francine deutete nach unten. »Es kommt von dort.«
»Dann müssen wir zum Lift zurück.«
»Bist du verrückt?« Francine machte runde Augen.
»Na – hier erreichen wir nichts.«
In der Kabine sahen sie keinerlei Tastaturen. Dafür erklang eine Computerstimme.
»Welches Stockwerk?«
Claire überlegte nur kurz. Sie hatte keine Ahnung, wie tief es noch hinunterging.
Sie befanden sich auf 18. »Zwanzig«, sagte sie.
Die Tür schloss sich und die Kabine ruckte an. Die Fahrt dauerte knapp zehn Sekunden, dann öffnete sich die Tür. Claire warf einen Blick durch den Ritz zwischen Kabinenboden und Schacht. Sie befanden sich tatsächlich ganz unten.
Den Flur erfüllte ein dumpfes Rauschen. Entfernt vernahm man auch Stimmen. In ihrem Blickfeld links lag eine gepanzerte eiserne Doppelflügeltür. Claire sah es in der blanken Kabinenstahlwand.
Wenn der Wurmloch-Generator sich irgendwo befand, dann hinter dieser Tür.
Francine zog die Waffe. Claire hielt sie zurück.
Da klappte die Tür auf und zwei Personen in weißen Schutzanzügen und Helmkapuzen betraten den Flur. Claire zeigte zum Kabinendach. Rasch kletterten sie hinauf. Gerade noch konnten sie die Klappe schließen, da betraten die beiden Personen den Lift. Da erklang die Computerstimme: »Welches Stockwerk?«
Eine der Personen nahm den Helm ab. Claire konnte durch den Lukenspalt sehen, dass es ein bärtiger Mann war.
»Vierzehn «, sagte er.
Der Lift fuhr an.
Lautlos öffnete Claire die Luke. Sie machte Francine ein Zeichen. Dann ging alles blitzschnell.

San Francisco

Zwei Fensterscheiben der Bar gingen zu Bruch.
Keiner der panischen Gäste achtete auf Verletzungen oder Ähnliches. Sie wollten nur raus.
Dan hatte die Hintertür entdeckt.
»Los!«, rief er.
Die beiden jungen Männer stürmten in einen Flur. Putz rieselte von der Decke und mit einem Knall erlosch eine der Neonröhren. Eine andere flackerte.
Sie erreichten durch eine Eisentür den Hof.
Dan konnte Ken gerade noch zurückreißen. Da polterte eine TV-Antenne auf das grobe Pflaster und einzelne Teile flogen in alle Himmelsrichtungen.
Durch eine Toreinfahrt erreichten sie den Stanyan Boulevard. Ein Feuerwehrwagen raste an ihnen vorbei.
Risse zeigten sich im Asphalt der Straße. Alles schien in unwirkliches Licht getaucht.
»Unsere Welt hält nicht mehr lange stand!«, keuchte Dan. Schweiß stand auf seiner Stirn.
Ken ließ den Blick schweifen. Erstmalig merkte man auch dem sonst besonnenen Japaner an, dass seine Nerven durchzugehen drohten.
»Zum Institut!«, rief er. »Wir aktivieren den Glider. Egal ob die Software läuft oder nicht!«
Dan lachte hart und trocken. »Nee danke! Ich jage nicht ins Irgendwo. Damit ist uns nicht geholfen.«
Auf halbem Wege zum Stanford Institut ging nichts mehr. Menschen und Fahrzeuge blockierten den Weg. Ein Szenario wie nach einem Terroranschlag.
Ken zeigte auf die Straße zum Hafen. »Wir versuchen es dort lang!«
Dan schüttelte den Kopf. »Weißt du, wie weit das ist?«
»Hier geht jedenfalls nichts!«
Ein Taxi hielt mit kreischenden Bremsen. Der Fahrer sprang aus dem Fahrzeug und versuchte gestikulierend die Menschen von der Fahrbahn zu treiben. Er schimpfte lautstark.
Ken und Dan sahen sich kurz an.
Wenig später rasten sie mit dem Wagen über den Express Way. Rechts lag rasch St. Mary´s und huschte wie ein Phantom vorbei.
»Himmel und Hölle, Ken – wo willst du hin?« Dan klammerte sich an den Türgriff. Den Gurt anzulegen hatte er keine Gelegenheit bei den Fahrmanövern, die der Japaner vollführte.
Bald lag das Hafengebiet vor ihnen. Ken bremste.
»Du lieber Himmel!«, rief Dan aus. Von der Anhöhe starrten sie auf den sich immer mehr vergrößernden Trichter, der wie ein gewaltiger Staubsauger über dem Meer hing. Ein rotierender Schlauch, ähnlich dem Maul einer gierigen grünen Schlange.
Sie sahen, wie Schiffe einfach hineingesogen wurden.
»Wie ein Killer-Tornado«, hauchte Ken.

San Frederico – Kraftwerk

Die beiden Techniker lagen gut verschnürt im Lift. Claire und Francine hatten sich die Schutzanzüge übergezogen. Nun standen sie vor der hohen Tür, die sich durch ein Bewegungsmeldersignal öffnete.
Sie traten ein. Zahlreiche Personen in gleichfalls weißen Schutzanzügen hielten sich hier auf. Sie standen beschäftigt vor Schalttafeln und Monitoren.
»Phase sieben!«, rief jemand, den die beiden jungen Frauen nicht ausmachen konnten.
Auf einem Monitor, der eher einer Großleinwand glich, erkannten sie eine gewaltige Flutwelle, die sich aus dem scheinbar nicht enden wollenden Meer erhob.
Das Bild wechselte. Eine Küste.
San Francisco!
Kein Zweifel.
Claires Mund wurde trocken. Es gab keine Zeit mehr zu überlegen. Sie hatten die Kommandostation ausgemacht. Dort liefen alle Fäden zusammen. Oben auf einem Turm, der aussah wie der Tower eines Flughafens.
Doch noch etwas anderes sah Claire.
Einen Mann im Rollstuhl, der aus den geneigten Rundscheiben nach unten schaute.
Claire stieß Francine an. Die schaute unter dem Schutzhelm gleichfalls nach oben.
»Der Pontifex!«, stieß sie hervor.
»Valentino hat die Sache überlebt, ist aber wohl schwer verletzt worden«, bestätigte Claire. »Wir müssen da rauf!«
»Wie? Und dann?« Francines Stimme klang hypernervös.
»Es gibt nur eines: die Zerstörung der Hauptsteueranlage.«
Francine holte hörbar Luft. »Okay. Aber wie?«
Claire kam ganz nahe an die Freundin heran. »Anges besaß da noch aus seiner Navy-Zeit zwei hübsche Souvenirs.«
Francines Augen wurden tellergroß, was Claire aber nicht sehen konnte.
Unauffällig machten sie sich auf den Weg zwischen Schaltpulten, Kesseln, die eiförmig und rund gestaltete waren. Vorbei an leicht dampfenden Ventilen und armdicken Kabelsträngen bis zu einer steilen Eisenleiter.
»Den Lift dort nehmen wir besser nicht«, flüsterte Claire.
Niemand achtete auf die beiden Personen im Schutzanzug, die die Leiter erklommen. Bald befanden sie sich unterhalb des Tower-Aufbaus außer Sichtweite für jeden im toten Winkel. Sie hockten auf einer schmalen Plattform, von der aus eine Klappe in den eigentlichen Kontrollraum führte. Vermutlich handelte es sich um einen Notausstieg.
Vorsichtig machte sich Francine an die Entriegelung.
Die Klappe ließ sich öffnen. Millimeterweise schob Francine sie nach oben.
Durch den Spalt erkannten die beiden zuerst ein Paar Beine. Jemand stand direkt an der Klappe, aber mit dem Rücken zu ihnen. In der Mitte des Raumes gab es eine Art Aufbau –ähnlich der Brücke des TV-Raumschiffes Enterprise.
In diesem Moment wurde die Klappe aufgerissen und harte Hände rissen die beiden Frauen hoch in den Raum.
Ehe sie sich versahen, befanden sie sich im festen Griff mehrerer Soldaten.
Grinsend rollte ein Mann im Rollstuhl heran.
»Na so was?«, flötete er amüsiert. »Ich beobachte euch schon lange über diverse Kameras.«
Claire schluckte und suchte den Blick Francines.
Der Mann im Rollstuhl kam noch näher. »Ihr habt zwar zwei Kameras lahmgelegt, aber es gibt versteckt jede Menge davon.«
Für Claire und Francine gab es keinen Zweifel, wen sie vor sich hatten. Den Pontifex. Sergio Valentino. Er hatte den Stromschlag überlebt. Allerdings nicht unbeschadet.
»Ich weiß nicht, wer ihr seid«, fuhr Valentino fort. »Jedoch denke ich, ihr kommt von einem Ort, den ich einst gut kannte. Weshalb seid ihr meiner Spur gefolgt?«
»Weil Sie versuchen, unsere Welt aufzusaugen!«, platzte Francine heraus.
Der Pontifex blickte verdutzt. Dann breitete sich ein Lächeln auf seinen Zügen aus.
»Ah ja … diese Welt, die mich und meine Forschungen einst ablehnte, bebt nun vor Furcht. Sie wird sich noch mehr fürchten.«
Dann verfinsterte sich sein Blick. »Ihr gehört also zu einer Art Geheimpolizei? Wie habt ihr die Koordinaten dieser Welt hier gefunden?«
»Das geht Sie nichts an!«, rief Francine aufgebracht. »Aber wir werden verhindern, dass sie unsere Welt aus purer Eitelkeit zerstören.«
Nun lachte Valentino laut auf. »So … hihi … verhindern …« Sein Blick wurde bösartig.
»Ein Tag in den Folterkammern der Inquisition wird euch das austreiben.«
Claire hatte während des hitzigen Gesprächs, bei dem sich alle Anwesenden nur auf Francine konzentriert hatten, unbemerkt den Sicherungsstift der kleinen Nebelgranate in ihrer Kampfanzugtasche lösen können.
Blitzschnell zog sie die Hand aus der Tasche und warf die runde Granate dem Pontifex direkt in den Schoß.
Ehe jemand reagieren konnte, schoss eine grellrote Flamme Valentino direkt ins Gesicht.
Der schrie entsetzt auf. Gleichzeitig wallte der dicke blaue Nebel auf und füllte in wenigen Sekunden den gesamten Tower.
Claire gelang es, Francine an sich zu reißen und hinter ein mächtiges Kontrollpult zu drücken. Sie hatte sich den Raum genau eingeprägt.
Um sie herum herrschte der Ausnahmezustand. Man vernahm das Trampeln von Stiefeln, Flüche und Stürze.
Claire brachte ihren Mund nahe an Francines rechtes Ohr.
»Ich besitze noch eine Handgranate. Ich weiß, wo wir sie platzieren.«
»Hölle, Claire! Wo hast du …«
»Alles von Anges! Los, wir kriechen hier rüber.« Sie zog die Freundin einfach mit sich. Dicht am Boden konnte man noch schemenhaft etwas sehen, während über den zahlreichen Geräten und Computerkonsolen der Nebel nur so brandete.
Sie erreichten eine Bodenöffnung neben einem stählernen Stützpfeiler.
Zahlreiche dicke Kabelstränge führten zu einem grauen Kubus unterhalb des Towers.
»Das muss das Herzstück des Generators sein. Wenn wir den beschädigen, haben wir gewonnen«, flüsterte Claire.
»Wenn du dich irrst?«, kam es zaghaft von Francine.
Claire ließ die Luft zischend über die Schneidezähne fahren. »Ich darf mich nicht irren!«
Trampelnde Stiefel näherten sich. Jemand schrie einen Befehl, der in einem Hustenanfall unterging.
Claire und Francine drückten sich eng auf den Boden.
Sie sahen einen Schatten, der sich gebückt sehr nahe an ihnen vorbeitastete.
Claire zog die Eierhandgranate aus der Tasche, entsicherte diese und beugte sich über den Kabeltunnel.
»Wenn das Ding fällt, müssen wir schnell weg«, raunte sie Francine zu. »Dort rüber! Da lichtet sich der Nebel bereits etwas. Wir müssen durch die Klappe wieder verschwinden.«
Francine zeigte durch ein Handzeichen an, dass sie verstanden hatte.
Jetzt war es soweit.
Claire hielt die Handgranate direkt über die Öffnung. Dann ließ sie diese fallen. Der Sicherungsbügel schnackte zurück.
Die beiden Frauen sprangen auf – hetzten zu der Bodenklappe – dabei stießen sie mit jemandem zusammen, den sie einfach wegschubsten. Die Person stieß einen Fluch aus. Claire riss die Klappe auf. Dann ließ sie sich mit den Beinen zuerst herab. Francine folgte. Mehr rutschend als kletternd kamen sie unten an.
Da zerriss die Detonation die Halle.

San Francisco – Hafen

Ken trat auf die Bremse.
Vor ihnen lagen die Docks. Das Licht der rotierenden Wolke tauchte alles in ein Farbspiel, das einem Nordlicht sehr ähnelte. Es wäre schön gewesen, wenn nicht die katastrophalen Auswirkungen sich bereits erneut bemerkbar gemacht hätten. Gewaltige Wellen spülten gegen die Hafenmauer. Ein schwerer Tanker knallte seitlich gegen den Pier. Die Bordwand dröhnte und knarrte protestierend. Zwei Fischerboote trieben bereits kieloben im Hafenbecken.
Ken stellte den Motor ab. Er öffnete die Wagentür. Dan tat es ihm gleich.
Alles wirkte geisterhaft. Kein Lüftchen bewegte sich. Es roch nach Ozon und Schwefel.
Dan räusperte sich. »Man könnte denken, die Hölle täte sich auf«, flüsterte er.
Ken stand nur da. Er dachte an Claire. Unbändige Angst breitete sich in seinen Gedanken aus.
Dan sprach aus, was Ken dachte.
»Leben die Mädels überhaupt noch?«
Ken schluckte und schob sich fahrig ein Pfefferminz in den Mund. Er hoffte, damit den pelzigen Geschmack entfernen zu können.
Mit einem Mal begann es in der Luft zu zirpen. Erst leise – wie ein ferner Vogelschwarm. Dann lauter. Intensiver, bis zu einem Pfeifen, das in den Ohren schmerzte.
»Gott! Was ist das?«, keuchte Dan und presste die Hände auf die Ohren.
Ken stand da und hatte den Kopf etwas schief gelegt, als lausche er. Aber was vermochte er bei dem Gekreische zu hören?
Erst nach ein paar Sekunden bemerkte Dan, dass die Mundwinkel des Japaners unkontrolliert zuckten. Danach begannen die Augenlider zu flackern. Dan stürzte auf den Freund zu. Als er die Hände von den Ohren nahm, glaubte er, die Welt um ihn würde schwanken.
Da ist Ultraschall mit untergelagert!, kam die blitzartige Erkenntnis.
Er fing Ken auf, der zusammensackte. Aus den Augenwinkeln nahm Dan noch war, wie die Kaimauer dicht vor ihm zu bröckeln begann. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens stürzte ein Kran in sich zusammen – ganz so, als bestünde er nur aus losem Sand.
Das waren Dans letzte Wahrnehmungen, bevor er glaubte, in ein unendliches schwarzes Loch zu fallen.

San Frederico – zeitgleich

Claire und Francine flogen durch die Druckwelle mehrere Meter weit in die Laborhalle.
Die Arbeiter an den Geräten schrieen entsetzt auf. Metallabdeckungen flogen herum. Der Kontroll-Tower begann zu schwanken, dann stürzte er donnernd um.
Mühsam rappelte Claire sich hoch. Sie fühlte warmes Blut in ihrem Gesicht. Neben sich – in einer Entfernung von vielleicht drei Metern – sah sie Francine. Sie kam gerade stöhnend in die Hocke und rieb sich das linke Schienbein.
Claire schwankte. Die Halle drehte sich. Das Licht flackerte.
Eine zweite Detonation.
Sie kam aus einem Kessel weit hinten in der Laborhalle.
Claire stürzte auf Francine zu. »Wir müssen hier raus!«
Sie rannten.
Hinter ihnen fauchten Flammen aus den mit Kunststoff verkleideten Wänden. Es roch nach Isolierung und … Gas!
»Herrgott! Der ganze Laden geht hier gleich hoch. Nur weg hier!«, schrie Claire und riss Francine mit sich. Wer ihnen im Weg stand, wurde einfach umgerannt. Ein Schuss bellte auf. Die Kugel schrammte an der Sicherheitstür entlang und verschwand als Querschläger irgendwohin.
Keuchend, dem Zusammenbruch nahe, erreichten die beiden Frauen den Flur und den Lift. Die Kabine stand unten und die Tür zeigte sich offen.
Knallgeräusche aus dem Labor zeigten an, dass die Leuchtstoffröhren barsten. Flammen züngelten überall hinter der Schwingtür hoch und warfen Reflexe auf die Drahtglasscheibe im oberen Türbereich.
Claire und Francine katapultierten sich in den Lift. Claire schlug mit der flachen Hand auf die Innenverkleidung.
»Welches Stockwerk?«, fragte die Computerstimme.
Claire schniefte durch die Nase und entgegnete mit einer Stimme, die wie aus einem alten Blecheimer klang: »Erstes Obergeschoss!«
»Ich habe Sie nicht verstanden. Bitte präzisieren«, plärrte die Computerstimme.
Claire sackte auf die Knie.
Francine lehnte mit stechenden Lungen an der Seitenwand.
»Erd … Erdoberfläche«, krächzte sie.
»Verstanden.«
Die Tür schloss sich und der Lift schoss aufwärts.
Francine rutschte an der Wand herunter auf den Boden. Sie war fertig.
Claire glaubte, sich übergeben zu müssen.
Da fuhr ein Ruck durch den Lift.
Das Licht erlosch – die Kabine stand.
Finsternis umgab die Frauen. Die Kabinenwände knackten leise.
»Scheiße!«, stieß Francine aus.
Claire versuchte sich an der Wand hochzutasten. Ihre Hände rutschten ab und sie sackte wieder auf die Knie.
Da ging das Licht flackernd wieder an. Vermutlich war ein Notstromaggregat angesprungen. Die Kabine setzte sich wieder in Bewegung.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Lift stoppte. Die Tür öffnete sich. Frische kühle Luft schlug den beiden Frauen entgegen. Taumelnd entstiegen sie dem Aufzug.
Da schoss eine Stichflamme zwischen der Kabine und der Schachtwand empor. Sie schleuderte die Liftkabine vier Meter nach oben. Claire und Francine warfen sich auf den Boden. Eine Sirene heulte los.
»Da rüber!«, schrie Claire panisch und zeigte auf einen Verschlag aus dicken Holzbohlen. Sie warfen sich durch die nur angelehnte Tür.
Sie hörten Stimmen und Getrampel. Vorsichtig schaute Claire um die Ecke. Etwa zwanzig Soldaten stürmten den Stollen.
Verwirrt standen sie vor dem demolierten Lift, aus dessen Schacht nun beißender schwarzer Rauch quoll.
Der Boden des Stollens vibrierte. Vermutlich durch Explosionsdruckwellen von unten.
Die beiden Agentinnen sprangen aus dem Verschlag und rannten in die Richtung des Stollens, an dem sich der Eingang befinden musste. Jemand rief hinter ihnen her. Zwei Schüsse bellten auf. In zehn Metern Entfernung stand ein Elektrowagen. Fast gleichzeitig sprangen die beiden Frauen auf. Francine knallte den Fahrthebel mit Wucht nach vorn. Das Gefährt machte einen Ruck, die Vorderräder hoben vom Boden ab. Dann jagte der Wagen los. Ein Schuss zerfetzte ein Stück der Kunstleder-Rückenlehne, verletzte aber niemanden.
In unendlicher Weite sahen sie das Licht einer Bogenlampe.
Der Hof.
Wie vom Katapult geschleudert schoss das Fahrzeug nach zwei Minuten aus dem Tor. Zwei Soldaten standen verdattert da. Sie wurden umgefegt wie von einer Riesenfaust.
Francine lenkte den Elektrowagen auf zwei Rädern um eine scharfe Kurve und trat die Bremse durch. Direkt vor ihnen stand ein Jeep quer. Der Fahrer sprang entsetzt ab.
Claire und Francine dachten nicht lange nach.
Als der erschreckte Soldat seine 45er zog, befand sich der Jeep bereits außer Schussweite.

San Francisco

Kens Hände zuckten wie in einem Krampf über das raue Pflaster. Zwei Fingernägel rissen ein. Er wälzte sich auf den Rücken. Flackernd öffneten sich seine Augen.
Mit geöffnetem Mund lag er da.
Endlich erreichte sein Gehirn die Erkenntnis, dass Stille herrschte.
Völlig benommen richtete er sich in sitzende Position auf.
Der Hafen lag ruhig vor ihm. Der Tanker hatte sich mit dem Heck auf die Kaimauer geschoben und diese schwer eingedrückt.
Der Japaner hob den Kopf.
Unzählige Sterne schimmerten am dunklen Nachthimmel. Wie Perlen erschienen sie ihm.
Dann schaute er zur Seite. Da lag Dan.
Ein feiner Blutfaden rann aus dessen rechtem Ohr.
Ken beugte sich herüber.
»Dan! Um alles in der Welt! Dan! Komm zu dir!«
Es brauchte noch glatte fünf Minuten, bis der junge Mann die Augen aufschlug.
Er öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton hervor.
»Dan!«, drang die Stimme des Freundes wie durch Watte zu ihm. Der Blick wurde klarer. Er schien zu begreifen.
»Es ist vorbei!«, rief Ken. »Das Wurmloch ist weg!«
Dan richtete sich immer noch völlig benommen auf. »Was? Weg? Du … meinst … die Mädels haben es geschafft?«
Seine Stimme klang hohl und kratzig. Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.
»Es hat den Anschein«, murmelte der Japaner.
Dans Gehirn arbeitete klarer. »Zounds! Aber hoffentlich kommen sie auch zurück.«
Einen Moment herrschte Schweigen. Dann meinte Ken gedehnt: »Jaaa … hoffen wir es.«
Dan schüttelte sich leicht. »Autsch!«, kam es dann. »Hoffentlich ist mir nicht ein Trommelfell geplatzt.«
Der Japaner blickte den Freund ernst an. »Wir sollten zum Krankenhaus fahren.«

San Frederico – Parallelwelt

Der Laster donnerte durch die Nacht.
Francine hielt verbissen das Steuer. Keiner folgte ihnen.
»Wenn die Soldaten etwas Ordnung geschaffen haben, werden sie versuchen, uns mit Helikoptern zu jagen«, mutmaßte Claire.
»Du musstest ja unbedingt die Gleitschirme retten. Das hat Zeit gekostet.«
»Dann müssen wir uns beeilen und den Lkw gut versteckt haben und bei Anges abtauchen, bevor unsere Verfolger nahen.«
Francine zog den schweren Wagen in eine Kurve. Die ersten Häuser des Ortes tauchten auf. Francine verließ die Hauptstraße und steuerte den Lkw in ein Waldstück. Den Rest zum Hause des Docs legten sie zu Fuß zurück.
Sie hatten das kleine Haus am Ortsanfang beinahe erreicht, als Francine die Freundin hinter einen schützenden Ginster riss.
Vor Anges’ Haus standen vier Polizeiwagen.
»Verdammt!«, stieß Claire aus. »Was passiert da?«
Sie mussten nicht lange warten. Die Gestalt, die da gestützt auf zwei Polizisten in eine Decke gehüllt aus dem Haus kam, war … Victoria.
Francine wollte auf Victoria zu eilen, aber Claire hielt sie fest. »Wir wissen nicht, was da abläuft!«
Der Polizeiwagen fuhr los. Jetzt erst wagten sich die beiden zum Haus. Anges wollte eben die Tür schließen, als die beiden Frauen auftauchten.
»Was ist passiert?«, fragte Claire.
Anges wirkte etwas verstört. »Keine Ahnung … die … tauchten einfach auf und wussten, dass Victoria hier war. Sie hatten einen Haftbefehl.«
Die beiden Frauen folgten Anges ins Wohnzimmer und ließen sich auf die Couch fallen.
Anges rang die Hände. »Ich konnte nichts tun!«
Er genehmigte sich einen Whisky. Dann erst besann er sich und hielt den beiden Frauen die Flasche hin. Francine winkte ab – Claire nickte. Anges goss ein Glas ein. Er reichte es Claire. Da meldete sich sein Handy. Anges klappte es auf. »Ja?« Er lauschte. Dann murmelte er: »Gut. Ich komme.«
Er schaute die beiden Timetraveller an. »Ich muss kurz zu einem Freund. Er hat Neuigkeiten.«
Dann fragte er hastig: »Wie ist die Aktion gelaufen?«
Claire sagte es ihm.
Der Doc stieß die Luft aus. »Sehr gut!« Dann warf er sich im Flur seinen Mantel über und verließ das Haus. Wenig später hörten die beiden Frauen einen Motor brummen.
Claire führte das Glas mit dem Whisky an die Lippen, als sie mitten in der Bewegung erstarrte. Sie schaute Francine an.
»Wieso besitzt Anges ein Auto? Wie kommt er an das Handy?«
Francine richtete sich kerzengerade auf. »Du denkst …«
Claire sprang auf. »Das stimmt was nicht!«
Sie sah sich im Zimmer um. Sie schaute auf den unaufgeräumten Schreibtisch mit der altmodischen Lampe. Da saugte sich ihr Blick an einem Bild fest. Ein Gemälde.
Es zeigte eine Landschaft und ein Gebäude. Claire trat näher heran.
»Francine! Komm her! Sieh dir das an.«
»Was gibt es denn?«, fragte die Gefährtin zurück.
Claire zeigte auf das Bild. »Erkennst du das?«
Francine trat noch einen Schritt näher. »Das ist Harvard!«
Sie schüttelte den Kopf. »Das wird es in dieser Welt auch geben – denke ich … oder?«
Claire schritt an den Bücherregalen entlang. Unzählige medizinische Werke. Doch dann zogen sich ihre Augen zusammen. Da stand etwas, was eigentlich nach den Statuten dieser Welt nicht sein durfte.
Ein Weltatlas.
Claire zog ihn aus dem Regal und schlug die erste Seite auf.
»Verflucht! Dieser Atlas stammt aus unserer Welt!«
Francine machte große Augen. Claire schritt weiter das Regal entlang. Dann erkannte sie einige Buchrücken, die ihr zu ebenmäßig vorkamen. Sie griff danach und konnte diese im Ganzen aus dem Fach nehmen. Dahinter verbarg sich ein Laptop.
»Na schau mal an!«
Rasch lief sie damit zum Schreibtisch und aktivierte das Gerät.
»Noch nicht mal Kennwort gesichert«, wunderte sie sich. »Anges fühlt sich sehr sicher.«
»Himmel – Claire! Was läuft hier?«
»Das sage ich dir gleich.«
Claire schaute auf die Dateien.
»Anges hat direkten Zugang zum Vatikan«, flüsterte sie. Es gab eine Bilddatei. Unzählige Würdenträger erkannte man. Dann ein Bild, das ihnen den Atem nahm.
»Der Pontifex küsst … Victoria.« Claire war völlig von der Rolle.
Sie klickte weiter. Sie fand Zeitungsartikel. Eine Überschrift lautete: »Der Pontifex verstößt seine Tochter«.
Atemlos sahen sich die beiden Frauen an. »Victoria ist die Tochter Valentinos!«
Claire ging weiter durch die Dateien.
Dann sahen sie es.
Völlig sprachlos starrten sie auf das, was sich dort zeigte.
»Anges ist … Mortimer McMillan.«
Vor dem Haus stoppten mit quietschenden Reifen vier Polizeiwagen.
»Scheiße! Wir müssen hier weg!«, schrie Claire.

San Francisco – Realwelt

Die Sonne schob sich über den Horizont.
Eine frische Brise wehte vom Meer. Ken legte Dan den Arm um die Schultern. Gerade hatten sie das Krankenhaus verlassen.
»Ist ja noch mal alles gut gegangen«, sagte der Japaner leise. »Nur ein kleiner Riss im Trommelfell.«
Dan seufzte. »Zum Glück!« Sein Blick suchte den Himmel ab. »Es scheint alles friedlich zu bleiben.«
Ken reckte sich. »Wir sollten zum Institut fahren.«
Während der Taxifahrt kamen sie an zahlreichen Stellen vorbei, an denen Aufräumarbeiten geleistet wurden. Mit einigen Verschiebungen im Stadtgefüge würde man wohl leben müssen.
Im Labor wurden sie erleichtert begrüßt.
»Der Glider kann in sechs Stunden einsatzklar sein. Allerdings …«
Ken runzelte die Stirn. »Allerdings was?«
»Die Koordinaten haben sich verschoben. Der Rechner arbeitet daran.«
Dan rang die Hände. »Ich werde noch wahnsinnig.«
Auch Ken beschlich die Unruhe so stark, dass er sie kaum noch verbergen konnte. Doch – was vermochte er auszurichten? Die Techniker befanden sich bei der Arbeit. Es hieß also Warten.

San Frederico – Parallelwelt

Sie hatten es gerade noch geschafft.
Die Inquisitions-Polizei hatte das Haus gestürmt. Claire und Francine lagen hinter dichtem Gestrüpp und sahen, wie die Fahrzeuge wieder abrückten.
»Dann ist die Leiche bei Harvard gar nicht Mortimer McMillan gewesen«, murmelte Francine. »Er hat sich auch hierher abgesetzt.«
»Ja«, knurrte Claire. »Aber nicht als Freund von Valentino.«
Francine rappelte sich vorsichtig hoch. »Weshalb hat er uns ans Messer liefern wollen?«
Claire lachte freudlos auf. »Weil wir für ihn die Drecksarbeit gemacht haben. Wir haben Valentino ausgeschaltet. Ich wette tausend zu eins, dass er nun der Pontifex sein wird!«
Francine wurde noch blasser. »Oh Gott … er wird Victoria umbringen!«
Claire blickte zu dem Haus hinüber. »Komm! Das werden wir ihm versalzen.«
»Warte!«, rief Francine. »Das ist zu gefährlich!«
Claire winkte ab. »Ich denke nicht, dass Mortimer McMillan zurückkommt. Der bleibt im Vatikan. Aber wir werden seine Technik nutzen.«
Im Haus ließen die beiden Frauen die Rollos herab. Francine knipste die Stehlampe an und Claire startete den Laptop. Sie rief die allgemeinen Nachrichtensender auf.
Nirgendwo gab es einen Hinweis auf die Zerstörung innerhalb des Kraftwerkes.
»Die Vertuschung dient dazu, Ruhe im Volk zu bewahren«, vermutete Francine.
Claire suchte in den Dateien herum, dann entdeckte sie ein Emblem mit der Bezeichnung »System V 34G«.
»Was bedeutet das denn?«, wollte Francine wissen.
Claire zuckte mit den Achseln und aktivierte den Button. Sogleich zeichnete sich ein Bild auf dem Schirm ab.
»Das ist eine Webcam im Vatikan«, hauchte sie.
Gebannt blickten sie auf den Schirm. Am Tisch des Pontifex saß in großer Robe … McMillan.
Dann änderte sich das Bild. Die Kamera schwenkte automatisch. Zwei Schweizergardisten schleppten die apathische Victoria in das Officium. McMillan sprach mit ihr, was die Beobachterinnen aber nicht hören konnten. Victoria schüttelte mehrfach den Kopf. Mit einer herrischen Geste ließ der neue Pontifex sie wieder wegbringen.
Claire unterbrach rasch die Übertragung, ehe man vielleicht etwas merken konnte.
»Wir müssen da rein«, entschied sie.
Francine kicherte, was ihr einen leicht irren Ausdruck verlieh. »In den Vatikan! Rein! Da können wir uns gleich freiwillig festnehmen lassen.«
Doch da umspielte ein listiges Lächeln die Lippen von Claire. »Wir besitzen noch die Gleitschirme.«
Francine wurde flau im Magen.
Claire klappte den Laptop entschlossen zu. Danach durchstöberte sie das Haus.
Gegen drei Uhr morgens hockten die beiden Frauen auf dem Dach eines Hochhauses – in einer Entfernung von fünfhundert Metern des Pontifex-Sitzes.
Ein scharfer Wind pfiff ihnen um die Ohren.
»Was hast du denn da für einen merkwürdigen Gürtel?«, fragte Francine durch das Wimmern um das Gemäuer.
»Habe ich bei Anges gefunden. Es könnte sein, dass wir da einiges von benötigen. Jetzt wird’s aber Zeit.«
Claire sprang zuerst. Der Gleitschirm entfaltete sich und eine Böe riss sie um die hundert Meter in die Höhe. Francine folgte kurz darauf. Wie zwei überdimensionale Fledermäuse schossen sie unter der inzwischen pechschwarzen Wolkendecke dahin. Unter sich sahen sie den Vatikan. Sie hatten vorher strategisch genau anhand einer Risszeichnung, die sie auf dem PC McMillans gefunden hatten, die Landung geplant.
Alles ging glatt. Sie setzten neben der Kuppel des angrenzenden Doms auf. Durch eine Lüftungsspalte gelangten sie in die Kuppel.
Finsternis umhüllte sie.
»Hier rechts muss ein Rohr zum zentralen Lüftungssystem führen«, flüsterte Claire.
Sie hatten sich alles genau eingeprägt. Es würde ein hartes Stück Arbeit werden, aber durch das System konnten sie das Officium erreichen.
Der Schweiß lief ihnen in Bächen über die Körper. Das Lüftungssystem wies zahlreiche Knicke und Biegungen auf, durch die sich die beiden Frauen geradezu hindurchquetschen mussten. Immer mit der Furcht lebend, dass eine von ihnen hoffnungslos stecken bleiben könnte.
Unendlich schien der Kriechgang.
Dann vernahmen sie gedämpft Stimmen.
Durch ein schmales Gitter konnten sie in einen Raum sehen.
Das Büro des Pontifex.
Da saß er! McMillan!
Er sprach mit einem finster dreinblickenden Mann in Soutane. Nur statt des Kreuzes trug er das Emblem mit dem Elias.
»Entweder ihr schafft es, diese Tochter Valentinos auf unsere Seite zu bringen oder sie wird morgen exekutiert. Ich bin jetzt der Pontifex!«
Claire und Francine zuckten gleichsam zusammen.
Der Pontifex fuhr fort: »Über das Aufständischennetz habe ich alle Zugänge und Namen der Gruppen. Morgen werden sie verhaftet.«
McMillan erhob sich. Er trug das Gewand des Papstes. Er verschränkte die Hände auf dem Rücken und wippte auf den Zehen. »Wie sieht es mit der Produktion der Hyperglider aus?«
»In zehn Tagen sind zweihundert der Fahrzeuge fertig. Sie fassen jeweils hundert Mann Besatzung.«
McMillan wandte sich dem Sprecher zu. Er lächelte.
»Ausgezeichnet, lieber Bernado. Damit werden wir in kürzester Zeit einen großen Teil von Parallelwelten erobern. Wir werden ein Imperium aufbauen, gegen das das Römische Reich eine Farce gewesen ist!«
Also darum ging es! Claire trat noch mehr Schweiß auf die Stirn. Sie mussten etwas tun.
Aber was?
Jetzt hingen sie hier in dem Lüftungsschacht. Vielleicht fanden sie eine größere Wartungsklappe, aus der sie das System verlassen konnten.
Claire machte ihrer Begleiterin ein Zeichen.
Endlich – nach noch weiteren fünfzig Metern, die ihnen wie Kilometer vorkamen, erreichten sie eine Möglichkeit, aus den Röhren zu steigen.
Sie konnten ein Deckengitter lösen. Vorsichtig zogen sie es aus der Halterung. Drei Meter tiefer lag der Boden eines Flurs. Ein dicker roter Teppich bedeckte den Boden.
Claire ließ sich zuerst hinab. Sie hing einen Moment mit den Fingerspitzen im Rahmen der Wartungsklappe, dann ließ sie sich fallen. Es gab nur einen gedämpften Laut, als sie auf dem Teppich federnd aufkam.
Sport lohnt sich doch, durch fuhr es sie.
Jetzt folgte Francine.
Da sie keine Ahnung hatten, in welcher Richtung sie Victoria suchen sollten, machten sie sich auf den Weg zu einer breiten Wendeltreppe mit Marmorstufen, die abwärts führte. Sie vermuteten Victoria im Kerker und so etwas befand sich erfahrungsgemäß im Keller.
Sie hatten die Treppe gerade erreicht, als sie eine harte Stimme hinter sich vernahmen.
»Hallo! Stehen bleiben! Wer sind Sie?«
Zwei Männer in Soutane rannten auf sie zu. Sie machten einen sehr kräftigen Eindruck und Claire lief nicht fehl in der Annahme, dass es sich um ausgebildete Leibwächter handelte.
Die beiden Frauen fackelten nicht lange herum. Claire setzte sich auf das recht breite Geländer und rutschte einfach herunter. Francine machte es ihr nach. Es wurde auf der langen, leicht gebogenen Treppe eine Höllenfahrt, wie auf einer Achterbahn.
Die beiden Gorillas trauten sich wohl nicht, es ihnen gleich zu tun. Dafür zückte aber einer sein Mobiltelefon.
Die beiden Frauen erreichten ein Podest. Ihnen gegenüber öffnete sich die Tür eines Lifts. Ein Mann – ebenfalls im Priesterornat – trat auf den Flur und reagierte blitzschnell. Er zog eine 45er Magnum aus der Soutane und richtete sie auf die beiden Frauen.
»Ich denke, Ihr Weg ist hier zu Ende«, meinte er höhnisch.
Doch da hatte der die Rechnung ohne Claire gemacht. Ehe er sich versah, war sie ihm mit beiden Füßen in den Bauch gesprungen. Der Priester stürzte und scheppernd fiel die Waffe zu Boden. Francine hechte darauf zu, ergriff im Fluge sozusagen die Waffe, wirbelte um die eigene Achse, und ehe sie selbst den Boden berührte, schoss sie.
Fast lautlos verließ ein Mini-Raketengeschoss den Lauf und sauste – eine winzige Leuchtspur hinterlassend – dem nächststehenden Gorilla in die Brust.
Der klappte zusammen.
Francine schaute auf die Waffe und zog anerkennend die Augenbrauen hoch. »Feines Spielzeug«. Dann schoss sie ein weiteres Mal.
Claire hieb dem Priester, der sich eben an der Fahrstuhlstür hochziehen wollte, die Handkante ins Genick. Mit einem leichten Seufzer fiel er wieder um.
»Jetzt aber weiter«, rief Claire.
Sie hasteten die Treppe weiter abwärts.
Dumpf vernahmen sie eine Alarmsirene. Anscheinend hatte einer der beiden Leibwächter doch noch die Handy-Verbindung herstellen können und vorsorglich hatte irgendwer Alarm ausgelöst.
Die beiden jungen Frauen erreichten einen Quergang. Kurz blieben sie stehen, dann deutete Francine auf eine Eisentür. Claire nickte und riss sie auf. Eine schmale Treppe – nur spärlich erleuchtet – führte abwärts. Leichter Modergeruch schlug den Timetravellern entgegen.
»Ich denke, hier ist es richtig«, flüsterte Claire.
Wie recht sie hatte, stellte sich rasch heraus. Plötzlich bekamen sie von der Treppe einen Blick in eine Welt, die eher dem Mittelalter entstammen mochte als der Jetztzeit. Fackeln, raue Steinwände, Gittertüren und Wächter in der typischen Uniform der Schweizergarde.
Ketten rasselten irgendwo.
»Du liebe Zeit!«, entfuhr es Francine unterdrückt. »Ist das ein Sadokeller?«
»Nee«, gab Claire zurück. »Die Kerker der Inquisition.«

San Francisco – Realwelt

Dr. Peter Habermann – ein deutschstämmiger Physiker – kam auf Ken zu.
»Es gibt ein Problem.«
Ken warf mit zynischem Blick den Kopf in den Nacken. »Sagen Sie bloß …!«
Der Mann im weißen Kittel zuckte hilflos die Achseln. »Durch Verschiebungen im Raum-Zeit-Gefüge kann der Großrechner die Koordinaten der Parallelwelt … also der gesuchten … nicht feststellen.«
Dan, der neben dem Japaner stand, wurde blass. »Soll das heißen, dass die beiden Mädels für alle Zeiten in der anderen Welt feststecken?«
Habermann seufzte. »Wenn der Bordcomputer des Gliders keine Speicherung der Rückdaten gemacht hat … ja.«
Ken ergriff den Physiker am Kragen und zog den Mann dicht zu sich heran.
»Doktor Habermann – welche Chance besteht, dass diese Speicherung nicht stattgefunden hat?«
Der Physiker wand sich unter dem eisernen Griff. »Da wir keinen Sprung im eigentlichen Sinne gemacht haben, sondern durch das vorhandene Wurmloch gefahren sind und ein Kurzschluss den unkontrollierten Start verursacht hat … dann …«
»Dann?« Kens Stimme wirkte gemeingefährlich.
Habermann kämpfte um Luft. »Dann hat vermutlich keine Speicherung stattgefunden.«
Ken, der kreidebleich geworden war, stieß den Physiker von sich. Er atmete schwer.
»Was können wir tun?«, fragte er dann keuchend und um Fassung ringend.
Habermann massierte seinen Hals. »Nichts – fürchte ich.«

San Frederico – Im Vatikan

Claire und Francine bemerkten, dass sich immer mehr Wachen in dem Gang unten einfanden.
»Mist!«, hauchte Francine. »Da können wir nichts tun. Wir sind auch nicht in der Lage, alle abzuschießen.«
In Claires Kopf wirbelten die Gedanken. Dann ruckte ihr Kopf zu Francine um.
»Wir können etwas tun!«
Als sie es der Gefährtin sagte, zweifelte diese an Claires Verstand.
»Du willst …«
»Will ich! Komm!«
Sie hasteten die Treppe wieder hinauf.
Sie schafften es, ungesehen an einem Trupp Schweizergardisten vorbeizukommen.
Nun hockten sie auf einem Fenstervorsprung, der von einer dicken vorhangähnlichen Gardine eingerahmt wurde. Rechts davon zog sich ein breiter langer Korridor.
»Hinter der gewaltigen gotischen Doppeltür muss das Officium sein.« Claire hauchte es dicht an Francines Ohr.
»Tja«, machte sie trocken. »Leider stehen da sechs Leibgardisten.«
Claire kicherte. »Nicht mehr lange.«
Sie griff in den Gürtel, den sie aus dem Haus von Anges alias McMillan mitgenommen hatte, und löste daraus ein kleines, vielleicht drei Zentimeter durchmessendes ovales Plättchen.
»Was ist das?«, wollte Francine kaum hörbar wissen. Claire lächelte nur bösartig. Sie nahm das Plättchen zwischen den rechten Daumen und Zeigefinger und schnippte es in die Luft. »McMillan hatte sich wohl auf einen Putsch vorbereitet. Er besitzt ein ganzes technisches Waffenarsenal.«
Sogleich begann sich das Plättchen surrend zu drehen und strebte auf die große Tür zu. »CIA lässt grüßen«, murmelte Claire.
Francine staunte.
Etwa drei Meter vor der Tür zuckte mit einem Mal ein greller Blitz auf, dann wallte dicker fetter schwarzer Nebel über den Flur.
Die beiden Frauen vernahmen erstickte Rufe – Husten – so etwas wie einen Fluch – dann nur noch dumpfes Poltern.
Francine blickte in die Nebelwand, die sich vom tiefen Schwarz jetzt ins Grau verfärbte.
»Und nun?«
»Abwarten«, beruhigte Claire sie.
Es dauerte noch etwa drei Minuten, dann hatte sich der Nebel völlig verflüchtigt. Die sechs Wachen lagen im tiefen Koma vor der Tür.
Claire rutschte von der Fensterbank. »Jetzt oder nie!«
Die beiden Timetraveller rannten auf die gotische Tür zu. Als sie zu den ohnmächtigen Männern gelangten, bückte Claire sich und nahm zwei Schusswaffen in Gewahrsam. »Nimm dir auch zwei und verstecke die anderen dort hinter dem zweiten Fenstervorhang.« Sie deutete auf einen kleinen Treppenabsatz nahe der Tür.
Claire warte so lange ab, dann betätigte sie die schwere bronzene Türklinke.
Lautlos schwang die Tür ein Stück nach innen. Hinter dem ausladenden Schreibtisch nahm der Pontifex keine Notiz davon. Die beiden Frauen huschten in das Officium. Francine drückte die Tür leise ins Schloss. Der dicke Teppich dämpfte die Schritte.
»Was ist, Bernado?«, kam es unwirsch. Der Pontifex schaute von seinem großen Plan, der auf der Schreibtischplatte ausgerollt war, nicht hoch.
»Hallo Anges«, sagte Claire leise.
Der Pontifex hielt in seinem Studium inne. Man merkte die Versteifung seines Körpers. Ganz langsam hob sich der Kopf mit dem roten Käppchen.
Wie einen Geist starrte er die Sprecherin an. Dann erst schien er Francine wahrzunehmen.
»Ihr?«
»Wir – mein guter Anges. Oder soll ich lieber Mortimer McMillan sagen?«
Darüber schien der Pontifex nicht so überrascht zu sein. Er richtete sich vollends auf. Seine Hände ruhten auf der Tischplatte.
»Ihr habt es also herausgefunden.« Es klang wie eine Feststellung. »Dachte mir, dass ihr in Harvard gewesen seid. Ich ahnte auch, dass ihr von der anderen Welt kommt, die Valentino in seinem Wahn vernichten wollte.«
Francine richtete eine der Waffen auf McMillan. »Valentino ist genau so größenwahnsinnig gewesen wie Sie, mein Guter. Sie haben alles geschickt eingefädelt. Irgendwann merkten Sie, dass wir beide auf dieser Welt waren und der Widerstand mit uns Verbindung besaß. Sie haben Victoria abhören lassen. Da fassten Sie den Plan, sich endlich an Valentino rächen zu können. Er wollte Sie damals umbringen, aber das misslang. Jahrzehnte sannen Sie auf Rache, bauten einen neuen Glider und folgten ihm. Wer war denn der Tote in dem Brunnenschacht bei Harvard?«
Der Pontifex zuckte nur müde die Achseln. »Ein dummer Student, der etwas zu neugierig gewesen ist. Doch das ließ mich den Plan entwickeln, offiziell zu sterben.«
Claire nickte nun. »Sie tauchten hier unter und mischten sich unter den Widerstand. Erst besaßen Sie die Absicht, mittels der Gruppen Valentino zu stürzen. Doch das funktionierte nicht. Als wir kamen, fassten sie einen verwegenen Plan. Wir waren die richtigen Personen. Ein Freund hatte Sie auf das Stanford Institut aufmerksam gemacht, als Sie zwischendurch ein paar Mal in die andere Welt zurückkehrten. Sie hofften, dass man wegen des Wurmloches einen Glider losjagen würde.«
McMillan lachte nun leise auf. »Meine Hoffnung erfüllte sich.«
Claire stemmte eine Hand in die Hüfte. »Aber Sie werden keine anderen Welten unterwerfen!«
Erneut lachte McMillan. »Wer sollte mich daran hindern?«
Francine hatte den Blick des Pontifex über ihre Schulter bemerkt. Sie wirbelte herum, indem sie gleichzeitig in die Hocke sackte, und zog den Stecher der Raketenwaffe durch.
Kardinal Bernado schrie schrill auf und brach zusammen. Doch er hatte noch einen Schuss abgeben können. Dadurch, dass Francine sich in die Hocke geworfen hatte, war der Pontifex getroffen worden.
Blut quoll aus seiner Brustwunde. Er stürzte schwer auf den Schreibtisch.
Claire sprang mit einem gewaltigen Satz zu ihm. McMillan röchelte. Blut rann auch aus seinem linken Mundwinkel.
»McMillan!«, rief Claire. »Wo ist Victoria?«
Als der Pontifex keine Antwort gab, fasste sie ihm unter das Kinn und drehte sein Gesicht zu sich. Die Augen wirkten glanzlos.
»McMillan! Das Spiel ist vorbei! Wo ist Victoria?«
»Im … Kerker … sie wird … ster …«
McMillans Körper rutschte von der Platte auf den Boden.
»Scheiße! Er ist tot!«, rief Claire.
Francine ballte die Fäuste. »Wir müssen Victoria finden.«
In diesem Augenblick vernahmen sie ein Stöhnen. Es stammte von Bernado.
»Er lebt noch!«, sagte Francine.
Claire sprang einfach über den Schreibtisch. »Dann muss er tun, was McMillan nicht mehr kann!«

San Frederico – auf der Flucht

Sie lagen nur unweit der Höhle, in der ihr Glider versteckt stand.
Victoria hing mehr tot als lebendig zwischen ihnen.
Bernado hatte in seine letzten Minuten noch etwas Gutes getan und den Befehl zur Freilassung Victorias gegeben.
»Ich bin nie mit der Diktatur des Pontifex einverstanden gewesen«, hatte er mit letzter Willensanstrengung gesagt. »Nun kann ich vielleicht doch aufrecht vor meinen Schöpfer treten.«
Er hatte in Claires Schoß sein Leben ausgehaucht. Mit dem letzten Atemzug hatte er ihr noch seinen Kardinalsring gegeben. »Damit … wird … euch niemand mehr aufhalten.«
Jedoch schien es einige Militär-Befehlshaber zu geben, die mit den Ereignissen nicht einverstanden waren. Man hatte ihr Fahrzeug verfolgt und nun kreisten Helikopter über ihnen und nahmen sie unter Beschuss.
Zum Greifen nah lag die rettende Höhle mit dem Glider.
Victoria richtete sich mit aller Kraft auf.
»Ich lenke sie ab. Ihr müsst dann versuchen, euren Glider zu erreichen.«
Francine schluckte und krächzte: »Das kommt überhaupt nicht infrage!«
Doch Victoria ließ sich nicht beirren. Sie schaute Francine fest an. »Ich weiß, dass du mich liebst und ich liebe dich auch. Deshalb müsst ihr rasch fort von hier.«
Sie küsste Francine innig, dann sprang sie aus dem Versteck. Sie rannte stolpernd quer über die Wiese, die von der Höhle wegführte. Sogleich rauschte einer der schwarzen Kampfhubschrauber heran.
Francine war wie versteinert.
Claire sprang hoch und riss die Freundin einfach mit.
Sie hörten die Schüsse, blickten sich aber nicht um.
Sie vernahmen das Dröhnen eines weiteren Helikopters – rannten aber weiter. Da sausten ihnen die Geschosse um die Ohren. Mit einem verzweifelten Sprung stoben sie in die Höhle. Sie hörten, wie Stahlmantelgeschosse sich in den Fels bohrten. Claire nestelte die kleine Taschenlampe aus dem Gürtel.
Da stand der Glider. Mit einer leichten Staubschicht bedeckt, aber unversehrt.
Francine zerrte mit zitternden Händen die kleine Fernbedienung von ihrer Halskette. Die Schwingtür öffnete sich mit leichtem Zischen. Die beiden Frauen sprangen hinein. Da hörten sie das erneute Herannahen eines Kampfhubschraubers.
Die Tür schloss sich und rastete ein. Sogleich leuchteten die Displays auf.
Mit fliegenden Fingern öffnete Francine die Datenbank, während Claire ihren Gurt festzog. Grünliche Zahlenkolonnen wirbelten über den Schirm.
Eine Rakete zischte haarscharf an dem Glider vorbei und verschwand irgendwo in der Höhle.
»Mach schon!«, schrie Francine.
»Was ist los?«, wollte Claire wissen.
»Die Rückflug-Koordinaten … sie sind nicht da!«, japste Francine.
»Was?« Claires Stimme überschlug sich. Da erklang eine Roboterstimme.
»Keine Koordinaten gespeichert.«
Francine hieb mit der Faust auf das Armaturenbrett. »Wunderbar!«
»Was nun?« Claire sah sich gehetzt um.
Francine öffnete die Tür wieder. »Erst mal weg hier. Die nächste Rakete könnte uns pulverisieren.«
Sie schoben sich aus dem Glider. Sie horchten. Sie hörten kein Motorengedröhn mehr.
Vorsichtig schlichen sie sich an den Höhleneingang. Claire schaute zuerst um die Ecke. An ihre Ohren drang nur das Rauschen des Meeres. Von den Kampfhubschraubern fand sich keine Spur.
»Hoffentlich haben die keine Fußtruppen auf uns angesetzt«, flüsterte Francine.
Claire atmete hastig. »Dann sollten wir uns hier erst einmal dünnemachen.«
Sie beschlossen, das Haus aufzusuchen, in dem sie sich schon einmal mit Kleidung versorgt hatten. Das junge Pärchen schien nicht zu Hause zu sein.
»Wenn die uns erwischen, melden die uns doch der Polizei«, warnte Francine.
Claire schüttelte den Kopf. »Ich glaube mich zu entsinnen, die junge Frau in dem Keller gesehen zu haben, in dem wir Victoria und ihre Widerstandstruppe getroffen haben.«
Unter aller Vorsicht schlichen sie sich an das Haus heran. Ein Fenster stand in Kipp-Position auf der Gartenseite. Claire hebelte die Halterung aus und die beiden schlüpften in das Zimmer. Es schien sich um ein Kinderzimmer zu handeln.
Francine öffnete die Tür einen Spalt. Sie blickte in einen Flur. Sie wusste noch, dass die Tür schräg gegenüber zum Wohnzimmer führte.
Kaffeetassen standen auf einem kleinen Tischchen. Der Kaffee war noch warm.
»Lange können die Leutchen noch nicht fort sein«, mutmaßte Francine deshalb.
Claire ergriff die Fernbedienung des TV und schaltete es ein. »Es ist immer nützlich, die neuesten Nachrichten zu kennen.«
Das Bild materialisierte sich. Es zeigte einen mit Menschen überfüllten Platz vor dem Vatikan.
Dann vernahmen sie auch die Stimme des Sprechers.
»… völlig Ungewöhnliches spielt sich in Sankt Peter ab. Durch Radio- und Fernsehaufrufe wurde das Volk von San Frederico aufgefordert, ihre TV-Geräte sowie Radioempfänger eingeschaltet zu lassen oder persönlich auf den großen Platz zu kommen. Es herrscht Unsicherheit und Unruhe im Volk. Wir wissen noch nicht, was passiert ist, aber die Nachricht sprach sich in aller Eile herum. Angeblich will Kardinal Enrico Brassi gleich zu den Bürgern sprechen. Was sehr verwundert, da Brassi bisher immer eher als Hinterbänkler der Kurie bezeichnet wurde und angeblich beim Pontifex im letzten Jahr in Ungnade gefallen war.«
Da öffnete sich auch bereits das Balkonfenster. Die Kamera zoomte heran. In vollem Ornat trat Brassi auf die Veranda mit dem von Putten verzierten Geländer.
Auf dem Vorplatz wurde es mucksmäuschenstill. Brassi hob segnend die Arme. Dann trat er an das Mikrofon.
»Bürger von San Frederico. Bürger der Welt. Die Schreckensdiktatur ist zu Ende. Der Pontifex ist tot!«
Niemand auf dem Platz sagte etwas. Wie erstarrt wirkte die Menge.
Der Kardinal fuhr fort.
»Alle alten Bürgerrechte sind auf Anordnung des neuen Pontifex wieder in Kraft. Der Papst ist tot – es lebe der Papst.«
Brassi wandte sich um. Hinter ihm tauchte eine Gestalt auf. Sie trug ein weißes Gewand und einen Purpurmantel. Unter der roten Kappe sah man wallendes blondes Haar.
»Das ist doch …«, setzte Claire an.
Da sprach der Kardinal es auch aus. »Pontifex Victoria Benedictina!«
Nun brach auf dem Platz vor Sankt Peter unglaublicher Jubel aus. Die Menschen winkten, lagen sich in den Armen und tanzten.
»Ihr habt es geschafft!«, erklang da eine weiche Stimme hinter Francine und Claire. Diese zuckten zusammen. Hinter ihnen stand eine kleine Frau. Es handelte sich um diejenige, die sie bei der Widerstandsgruppe getroffen hatten. Neben ihr stand ein dunkelhaariger Mann, der freundlich lächelte.
Die junge Frau kam auf die Timetraveller zu. »Ich bin Monica Fowler und das hier ist mein Mann Georg.«
Sie umarmte erst Claire, dann Francine. »Ihr habt Victoria das Leben gerettet und den Diktator-Pontifex ausgeschaltet. Gott sei Dank! Ihr eigener Vater hätte nicht gezögert, sie auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen.«
Victoria trat nun neben den Kardinal und sprach zu ihrem Volk.
Monica, Francine, Claire und Georg verfolgten alles am Fernsehgerät.
Das Volk jubelte.
Da hob Victoria die Arme und gebot Ruhe.
»Dass ich hier stehe und zu euch sprechen kann, verdanke ich zwei besonderen Menschen, die leider diesen Augenblick nicht miterleben können.«
Die Kamera nahm ihr Gesicht in Großaufnahme auf. Deutlich erkannte man eine Träne in Victorias linkem Auge.
»Claire und Francine – falls ihr mich doch hören könnt … ich danke euch von ganzem Herzen. Ihr habt mein Leben gerettet.«
Victoria machte eine Pause. Dann setzte sie leise hinzu, dass es das Mikrofon so eben noch erfassen konnte: »Francine – ich liebe dich!«

Am nächsten Abend

»Wir müssen die Koordinaten finden.« Francine blickte verzweifelt in das Cockpit des Gliders. Nach Victorias Ansprache war sie völlig durcheinander gewesen.
»Willst du zu ihr?«, hatte Claire gefragt. Francine hatte heftig mit dem Kopf geschüttelt. »Es ist besser, wenn wir nach Hause kommen.«
So standen sie nun heute vor dem Glider, in völliger Ungewissheit, ob sie je den Heimweg würden antreten können.
Claire setzte sich auf den Co-Pilotensitz. Matt schimmerte das Display. Francine schob sich in den Sitz. Sie ließ das automatische Reparaturprogramm laufen. Doch nirgends wurden die Rückflug-Koordinaten erkennbar.
Sie legte sich erschöpft zurück.
Da spürte sie eine Bewegung neben sich an der geöffneten Tür. Sie drehte den Kopf und öffnete vor Erstaunen den Mund.
Ein feingeschnittenes, von langem blondem Haar umrahmtes Gesicht lächelte sie an.
»Monica sagte mir, dass ihr hier sein würdet.«
Francine war unfähig, etwas zu erwidern. Claire sprang aus dem Glider und rannte auf Victoria zu. Sie umarmte sie. »Ich freue mich über die Entwicklung der Dinge«, sagte sie leise.
Nun erst konnte sich Francine aus der Starre lösen.
Die Sonne verfärbte sich orange, um anschließend den Farbton in immer tiefer werdendes Rot zu ändern. Wie zwei Scherenschnitte sah Claire Francine und Victoria vor dem Ball des Zentralgestirns stehen. Sich fest an den Händen haltend und im stummen Zwiegespräch.
Endlich lösten sie sich voneinander und traten in die Höhle zurück.
Victoria stieg in den Glider und aktivierte ein bestimmtes Computersystem.
»Wie ihr ja wisst, arbeiten wir an der Entwicklung eines ähnlichen Gerätes. Eine Abwandlung der Erfindung von Leonardo. Der Glider besitzt ein automatisches Hyperspur-Logbuch. Darin sind die Koordinaten des Flug-Ausgangspunktes festgehalten.«
Eine Formel flimmerte über den Bildschirm.
»Hier ist sie. Damit gelangt ihr trotz der Raum-Zeit-Verschiebungen sicher nach Hause.«
Sie stieg aus. Claire nahm auf ihrem Sitz Platz. Francine zögerte einzusteigen. Victoria legte ihr einen Arm um die Schulter. »Machs gut, Kleines. Wir werden uns wiedersehen!«
Damit trat sie zurück.
Die Flügeltür des Gliders schloss sich.
Die Scheiben verdunkelten sich. Francine stieß einen Seufzer aus. Doch dann drückte sie entschlossen den Startknopf.

Ende

Vorschau auf Episode 24

Erwartet mit Spannung die am 1. März 2011 erscheinende 24. Episode.

Der Titel lautet:
»Zurück aus der Vergangenheit«

von Thomas Tippner

Theo Kampitsch hat die Timetreveller nicht vergessen und hofft endlich wieder in seine Zeit zurückkehren zu dürfen. Es bietet sich eine Möglichkeit, die Theo ergreift, ohne zu ahnen, was er dadurch anrichtet. Plötzlich schwebt er in Gefahr und alle anderen droht der Tod ...


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