
EPISODE 22
»Öd und leer «
von
Gloomy Tomb
Prolog
Nahe San Francisco, 2006
Die Timetraveller saßen erholt in der Kantine und widmeten sich ihren Steaks. Während sie aßen, werteten sie unter sich ihre erste Mission im Auftrag des MTRD aus.
»Der Glider ist schon ein toller Vogel. Ich habe mich immer gefragt, wie die Reisen durch Zeit und Raum funktionieren. Nun habe ich wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon, wie wir uns durch den Raum bewegen«, stellte Claire gerade fest. »Wobei … erklären könnte ich es nicht. Jedenfalls niemandem, der es nicht selbst erlebt hat«, schränkte sie daraufhin gleich wieder ein.
»Das stimmt«, räumte auch Dan ein. »Ist schon irre, wie wir uns durch dieses Nichts bewegt haben und doch nicht wissen, was es eigentlich ist.«
»Das ist leider auch der Punkt, den wir so schnell nicht gänzlich werden klären können«, meldete sich Francine.
»Habt ihr es denn schon versucht?«, wollte Dan wissen.
»Die Wissenschaftler arbeiten daran. Momentan benutzen wir den Zeitstrom, um durch die Welten zu reisen und können froh sein, dass unsere Technik dafür ausreichend entwickelt ist …« setzte die Agentin zu einer Erklärung an. »Nun, einige Erkenntnisse können wir schon nutzen, aber …«
»Oh ja, das habe ich gemerkt«, warf Ken grinsend ein. »Besonders, als wir uns dem Ziel näherten …«
»No risk, no fun«, gab Francine lapidar zurück.
Sie plauderten noch eine Weile und genossen das entspannte Zusammensein. Die nächste Reise war erst auf übermorgen festgelegt, da die Techniker den Glider genauestens unter die Lupe nehmen wollten. Insbesondere den Bordcomputer, damit dieser beim nächsten Mal seine Arbeit bis zum Ende der Reise tun konnte.
Claire, Ken und Dan nutzten den freien Tag, um sich von Francine über die bisherigen Forschungsergebnisse des MTRD unterrichten zu lassen und die nächste Reise zu planen. Ziel sollte die Welt 0-0-7 Alpha sein, denn die Sonden hatten für diese Welt ebenfalls eine ähnliche Atmosphäre wie in ihrer Heimatwelt errechnet. Lediglich die Temperaturen lagen etwas höher, was daran liegen konnte, dass auf 0-0-7 Alpha derzeit Sommer war.
Und so starteten die Timetraveller zu ihrem nächsten Ziel und hofften natürlich darauf, dass sie dieses Mal auf Überlebende treffen würden.
Kapitel 1
0-0-7 Alpha, unbekannte Zeit
Sand wehte durch die Straßen von Venedig.
Die Temperaturen lagen weit jenseits der 40 Grad, waren aufgrund der niedrigen Luftfeuchtigkeit dennoch erträglich. Die beiden jungen Männer zogen eine Handkarre hinter sich her und verließen die Stadt in nördlicher Richtung. Der Wagen war leicht, denn die beiden Fässer darauf waren leer. Mario und Luca begaben sich auf die Suche nach Wasser.
Seit Jahren schon waren in Venedig die Wasserquellen versiegt. Die alten Gondeln lagen in den Straßen, Sand und Wind hatten ihnen zugesetzt und das Holz verrotten lassen. Sie waren die letzten Belege, die den ehemaligen Reichtum der Stadt bezeugten. Mit dem Wasser verschwand aber nicht nur eines der wichtigsten Elemente zum Leben, sondern auch der Handel und schließlich die Menschen. In Venedig lebten um diese Zeit nur noch etwa 500 Personen. Eine Geisterstadt, in der dennoch ein Monopol die Vormachtstellung hatte. Die letzten Wasserquellen der Stadt, insgesamt drei Brunnen, befanden sich in der Hand von Giuseppe Sasso und nur er bestimmte den Preis für das kostbare und lebenserhaltende Nass. Einen Preis, den sich Leute wie Mario und Luca nicht leisten konnten …
»Und wenn die alte Sofia sich irrt?«, fragte Luca in das Rattern der Räder ihrer Karre hinein.
»Und wenn schon, es ist doch egal, wo wir verdursten. Ich will es nur nicht tatenlos geschehen lassen«, erwiderte Mario.
»Hm, da hast du auch wieder recht«, stimmte Luca zu. Jeder in seine eigenen Gedanken versunken setzten sie einen Fuß vor den anderen. Der Sand unter ihren Füßen hatte eine rötliche Färbung und war allgegenwärtig. Ein paar hartnäckige Dornenbüsche trotzten der Dürre und spendeten hier und da ein wenig Schatten. Dennoch schien sich der Weg endlos in die Länge zu ziehen, denn sie wussten nicht genau, wo ihr Ziel lag. Die alte Sofia konnte ihnen nur noch wenige Anhaltspunkte geben, wo sie die versteckte Quelle finden würden, denn Sofia lebte schon mehr als 60 Sommer auf dieser Welt und hatte sich seit einigen Jahren in ihre Erinnerungen zurückgezogen. Meist redete sie nur noch wirres Zeug. Das glaubten jedenfalls alle, die ihr zuhörten, aber es war ja auch niemand mehr da, der ihre Erinnerungen teilen konnte. Erinnerungen an grüne Pflanzen, an Kanäle voller Wasser, an Wohlstand und glückliche Kinder. Erinnerungen an eine Zeit, in der niemand Durst und Hunger leiden musste und Kinder älter wurden als die meisten, die seit wenigen Jahren geboren wurden und kaum dem Windelalter entwuchsen, bevor sie elend verdursteten.
Doch Mario und Luca wollten der alten Frau einfach glauben, als sie in letzter Zeit immer wieder von der Oase im Norden sprach. Von dem Berg, der Wasser spie …
Schleppend setzten die beiden Männer ihren Weg fort, als Luca plötzlich die Augen mit der Hand abschirmte und gebannt auf das … Ding … starrte, welches geradewegs aus dem Himmel zu fallen schien.
»Mario … da … du …«, stotterte er und rannte los.
Mario nahm nur noch eine Bewegung wahr, konnte aber nicht erkennen, um was es sich handelte. Sicher spielt uns die Sonne bloß einen Streich, dachte er, griff nach der Karre und folgte seinem Bruder.
Luca war etwa 200 Meter vorausgeeilt, blieb dann aber enttäuscht stehen. Das Ding war nicht mehr zu sehen, doch Luca war sich sicher, dass es ein Auto gewesen war. Auch wenn schon lange keine Autos mehr fuhren, kannte er sie noch aus alten Büchern. In der Nähe des Markusturms stand ein altes Wrack, jedenfalls das, was davon noch übrig war. Mehr als eine verrostete Karosse war es nicht, doch anhand der Form glaubte Luca nun, dass er ein Auto am Himmel gesehen hatte.
Mario hatte Luca unterdessen erreicht und wunderte sich, dass sein Bruder immer noch geistesabwesend in den grellen Himmel hinaufstarrte. Der Lauf kostete Luca Kraft und vor allen Dingen Wasser, denn er schwitze nun. Schweißperlen rannen ihm die Schläfen hinab, was Mario nicht ohne Sorge registrierte. Als älterer der beiden Brüder war er von jeher der Besonnenere, Luca hingegen, 3 Jahre jünger, hatte das Temperament ihrer Mutter geerbt. Das Denken folgte bei ihm meist erst nach dem Tun, deshalb hatte Mario schon früh gelernt, auf seinen kleinen Bruder aufzupassen.
»Luca, bist du verrückt? Du kannst doch nicht …«
»Hey, hast du das gesehen? Das war ein Auto«, fiel der Jüngere ihm ins Wort und wischte sich dabei achtlos den Schweiß von der Stirn.
»Aha, ein Auto, ja? Und das fliegt hier einfach so am Himmel. Spinnst du jetzt völlig?« Mario war ärgerlich, doch irgendwie konnte er seinem Unmut keinen freien Lauf lassen und zwinkerte Luca bei den letzten Worten schon wieder zu. »Aber mal im Ernst, kleiner Bruder, wie soll das denn gehen?«
»Was weiß ich … das Ding, was ich gesehen habe, sah aus wie das verrostete Teil am Markusturm. Glaub mir, ich habe es doch ganz genau gesehen.« Luca nickte bekräftigend und etwas in Mario sagte ihm, dass Luca die Wahrheit sprach. Jedenfalls dahingehend, dass seine Wahrnehmung ihm eben ein Auto vorgegaukelt hatte. Obwohl das unmöglich war …
»Ich glaube dir ja, aber wir müssen weiter, wenn wir in dieser Einöde hier nicht verdursten wollen. Komm …«
»Aber … könnten wir nicht nachsehen …« Luca wollte der Sache auf den Grund gehen, seine Neugier war geweckt. »… es kann doch nicht weit sein. Komm schon, vielleicht sind die genau dort hingeflogen, wo es Wasser gibt. Vielleicht müssen wir gar nicht in den Norden, sondern mehr in nordwestliche Richtung. So genau wusste Sofia das nun auch nicht mehr.«
Mario dachte kurz nach. Luca könnte recht haben.
»Also gut, versuchen wir es in dieser Richtung. Finden wir dort nichts, gehen wir wie geplant weiter in den Norden, abgemacht?«
»Abgemacht!« Mit einem Handabschlag besiegelten sie ihren Plan und gingen weiter. Die Karre zogen sie gemeinsam durch den trockenen Sand.

Sie landeten in einer Talsenke. Sand wirbelte auf und legte sich sogleich auf den Glider, der binnen Sekunden eine rötliche Färbung annahm.
»Verdammt«, fluchte Ken. »Bis hierher lief alles glatt und nun frisst sich der Sand in alle Ritzen. Hoffentlich …«
»Keine Panik, unser Donnervogel ist auf solche Eventualitäten vorbereitet«, unterbrach Francine den Japaner. »Um Thunderbird auszuschalten, bedarf es schon mehr als etwas Sand.«
»Etwas?«, fragte Claire ungläubig. »Sagtest du wirklich etwas? Das halte ich doch für sehr untertrieben. Ich fänd es schön, wenn ich außer Sand noch etwas anderes sehen würde.«
»Warte doch erst mal ab, Claire, bis wir dieses Tal verlassen haben. Dann wird es schon noch etwas anderes als Sand geben.« Francines Optimismus war momentan kaum zu überbieten.
Ihr zweiter Flug lief wie am Schnürchen. Als sie den Zeitstrom verließen, hatten zwar alle die Luft angehalten und gebangt, doch der Computer ließ sich dieses Mal nicht beirren, sondern steuerte den Glider mühelos in die den Timetravellern unbekannte Welt.
»Dann lasst uns mal nachschauen, was uns da draußen erwartet«, meldete sich Dan zu Wort. »Also, die Atmosphäre entspricht den Messwerten nach beinahe exakt der unserer guten alten Erde. Die Temperaturen … wow, es wird warm. Sehr warm sogar, etwas über 40 Grad Celsius, dabei eine Luftfeuchtigkeit von gerade mal 30 Prozent, das wird nicht nur heiß, sondern auch sehr trocken.«
»Na prima, da werden wir in unseren Uniformen ganz schön ins Schwitzen kommen«, jammerte Claire, die sich sofort an die Hitze in der Felsenhöhle erinnerte, welche ihnen vor wenigen Tagen als Versteck für den Glider diente.
»Dan, hast du die Trümmer der Zeitmaschine schon geortet?«, fragte Francine, ohne auf Claires Kommentar einzugehen.
»Ich bin dabei, aber die Geräte …«
»Was ist mir den Geräten?« Francines Stimme klang alarmiert.
»Sie zeigen … he, das ist Blödsinn. Die Messwerte ändern sich ständig, da nützen mir die Koordinaten gar nichts.« Dans Finger huschten über die Bedienteile, doch es blieb dabei. Die Anzeige auf dem Gerät war unbrauchbar.
»Dann werden wir uns wohl auf die Suche machen müssen. Weit können die Teile ja nicht sein«, sagte Ken und öffnete die Tür des Gliders. Die anderen taten es ihm nach und stiegen aus.
»Ich will deine Hoffnung ja nicht zunichtemachen, Ken, aber wenn das Ortungsgerät nicht funktioniert, wer sagt dann, dass der Bordcomputer die richtigen Koordinaten erfassen konnte?« Claire war frustriert. Da verlief die Reise so problemlos, und nun standen sie schon wieder vor schier unlösbaren Problemen.
»Komm schon, Claire, nun sieh mal nicht so schwarz. Wir sind gut gelandet, und den Rest dieser Mission werden wir doch schaffen. Bisher gab es keinen Angriff, wir können atmen und uns frei bewegen. Was soll denn schiefgehen?« Ken legte bei diesen Worten tröstend einen Arm um Claires Schulter. Die junge Frau lehnte sich an ihren Freund und glaubte, etwas von seiner Stärke in sich aufzunehmen.
»Also gut, wo fangen wir an?«, fragte sie nun etwas besser gelaunt.
Francine und Dan widmeten sich nochmals den Geräten, konnten aber nichts ausrichten. Die Agentin schaute auf und sagte: »Uns wird ein weiterer Kontakt mit einheimischen Lebensformen nicht erspart bleiben, so es denn welche gibt. Hoffen wir, dass sie uns freundlicher empfangen als auf 2-0-1 Alpha. Lasst uns zuerst eine höhere Lage erreichen, damit wir uns ein Bild machen können.« Claire, Dan und Ken nickten und gemeinsam verließen sie das Tal hangaufwärts.
Der Ausblick war noch trostloser, als Claire befürchtet hatte. Rötlicher Sand, hier und da ein paar trockene Büsche oder kahle Bäume in einer leicht hügeligen Landschaft.
»Meine Güte, wie sollen wir denn in dieser Einöde etwas finden?«, stöhnte sie und ließ ihre Zunge über die schon trockenen Lippen fahren.
»Ja, das wird eine echte Herausforderung«, stimmte Ken zu, der sich von der Umgebung aber noch nicht beeindrucken ließ. »Aber hey, wir haben schon ganz andere Schwierigkeiten überwunden, da werden wir doch hier nicht gleich am Anfang unserer Mission verzagen. Kommt, erkunden wir erst einmal die Umgebung.«
»Halt«, rief Francine dazwischen. »Wir sollten schon gezielt vorgehen, bei dieser Hitze sind unsere Kraftreserven schneller verbraucht als der Liter Wasser, den jeder von uns dabei hat.«
Dan schlug sich vor die Stirn. »Daran habe ich gar nicht gedacht«, musste er zugeben. »Meine Flasche liegt noch im Glider.«
Ken verdrehte die Augen. »Ein echter und erfahrener Weltenreisender, was? Nun mach schon, hol die Flasche, wenn du nicht verdursten willst.«
Francine und Claire nickten Dan ebenfalls zu, denn beide Frauen verspürten schon nach dieser kurzen Zeit großen Durst.
»Wir sollten unseren Wasservorrat auf alle Fälle gut einteilen, da wir nicht einschätzen können, wie lange wir für die Suche brauchen. Also trinkt nicht alles auf einmal aus, auch wenn die Versuchung groß ist.« Claire und Ken nickten der Agentin zu, welche ihren PDA zur Hand genommen hatte und nochmals die Daten überprüfte. Ihre Stirn runzelte sich, als sie sah, dass noch immer keine Ortung der Trümmer möglich war. Die Timetraveller waren also auf die Hilfe einheimischer Lebensformen angewiesen. Doch dazu mussten sie erst einmal welche finden.
Dan kehrte zurück. »Und, wie gehen wir vor?«, fragte er. Francine schaute von ihrem PDA auf und blickte sich um.
»Normalerweise würde ich vorschlagen, dass wir uns trennen. Doch dazu wissen wir zu wenig von dieser Welt, deshalb halte ich es für besser, wenn wir zunächst zusammenbleiben. Die Frage ist nur, welche Richtung wir einschlagen …« In diesem Moment glaubte die Agentin, einen Schatten am Horizont wahrzunehmen. Sie schirmte die Augen mit der Hand ab, konnte aber nichts mehr erkennen und schüttelte leicht den Kopf.
»Was ist denn?«, fragte Dan alarmiert.
»Ach, nichts. Ich dachte …« Und da sahen es auch die anderen. Aus östlicher Richtung kamen ihnen zwei Wesen entgegen, die auf die Entfernung sehr humanoid aussahen. Alle vier Timetraveller griffen wie auf einen stummen Befehl hin zu ihren Waffen.
Die Weltenreisenden warteten in gespannter Haltung ab. Die beiden Menschen, die auf sie zu kamen - und es war nun eindeutig, dass es sich nach der äußeren Erscheinungsform um solche handelte - verlangsamten ihre Schritte, je näher sie den Fremden kamen. Einer der beiden schaute sich suchend um, der andere sagte etwas, was aber noch nicht zu verstehen war.
Als sich die Einheimischen den Timetravellern auf etwa 20 Meter genähert hatten, blieben sie plötzlich stehen. Nun schlich sich neben der Anspannung auch Angst in die Mimik der jungen Männer, denn Claire, Francine, Ken und Dan machten in ihren Uniformen einen eher feindseligen Eindruck. Zumal sie alle vier die Hände auf den Waffen liegen hatten, eine Geste, die sicher auch in dieser Welt unmissverständlich war.
»Was ist, wollen wir nun hier stehen bleiben, bis der Erste verdurstet ist?«, fragte Dan ungeduldig. Die Agentin musterte die beiden Fremden und schüttelte auf Dans Worte hin unwillig den Kopf. »Nein, gehen wir rüber. Vielleicht können sie uns helfen, besonders gefährlich sehen sie ja nicht aus.«
Die Timetraveller setzten sich in Bewegung und gingen langsam auf die beiden jungen Männer zu.
»Hallo!«, begann Francine unkompliziert.
Mario und Luca antworteten in der gleichen Sprache.
Claire stieß die Luft aus. Die erste Hürde war genommen, man würde sich auch in dieser Welt wieder problemlos verständigen können. Die Studenten sprachen zwar alle mehrere Sprachen, doch waren es Sprachen ihrer Heimatwelt. In Parallelwelten musste man immer davon ausgehen, dass eine Verständigung nahezu unmöglich sein konnte. Dieses Mal war das Glück dahingehend wieder auf ihrer Seite.
»Seid ihr ... wart ihr ... das?«, wollte Luca nun aufgeregt wissen. Er zeigte dabei in den Himmel und ahmte mit den Armen einen Flieger nach.
Ken musste lächeln und nickte. »Ja, da staunst du, was?«
»War das ein ... ein ... Auto?«, hakte Luca nun nochmals nach. Mario stupste Luca unauffällig in die Seite, um ihn zu ermahnen, etwas vorsichtiger zu sein.
»Naja, es war ...«, begann Ken, wurde aber abrupt von Francine unterbrochen.
»Genau, das war ein Auto. Und wer seid ihr?«
»Ich heiße Luca und ich ... ich habe noch nie ein Auto fliegen sehen. Wooow!«
»Mein Name ist Mario«, stellte sich der Ältere vor. »Wir stammen aus der Gegend, was man von euch nicht behaupten kann, oder?« Mario wurde die Situation langsam unheimlich. Er bereute es schon, dass er seinem kleinen Bruder nachgegeben hatte, und wollte nur noch weg.
»Da hast du recht, Mario«, bestätigte ihm Claire. Sie sah in den beiden Fremden nichts Böses und keinerlei Gefahr. Im Gegenteil, mit ihrer Karre und den zerschlissenen Hosen und Hemden sahen sie eher hilfebedürftig aus.
»Sagt mal, hat sich hier in der letzten Zeit etwas Besonderes ereignet? Habt ihr vielleicht schon einmal ein Auto am Himmel gesehen oder solche Menschen wie uns?« Claire wollte nicht länger als notwendig in dieser Sandwüste verharren und kam deshalb gleich zur Sache.
Den anderen schien es recht zu sein, denn niemand protestierte.
Mario setzte eine nachdenkliche Miene auf, wohingegen Luca spontan den Kopf schüttelte.
»Nein. Wir sind erst seit ein paar Stunden hier draußen unterwegs, und in Venedig hat man sich nichts dergleichen erzählt.«
»Venedig?«, fragte Claire erstaunt. »Ihr kommt aus Venedig?« Sie konnte es nicht fassen.
Sollte sie die berühmte italienische Stadt etwa in einer Parallelwelt kennenlernen?
Mario verstand die Begeisterung der fremden Frau nicht.
»Ja, da leben wir«, antwortete er knapp.
»Und was führt euch in diese Wüste?«, wollte Francine, der Marios Unbehaglichkeit immer mehr auffiel, wissen.
»Wir haben gehört, dass es im Norden Wasser geben soll. Und danach suchen wir nun.« Luca antwortete ganz unverfänglich, er schien die fremden Menschen zu mögen. Jedenfalls zeigte er keine Berührungsängste.
»Aber ich denke, ihr lebt in Venedig? Die ganze Stadt besteht doch fast nur aus Wasser ...«
Claire verstand das nicht.
»Das war vielleicht einmal so. Doch nun ist Venedig eine Wüstenstadt. Nein, schlimmer, eine Wüstenstadt ohne eine einzige Oase. Die einzigen Wasserquellen sind in der Hand von Giuseppe Sasso und der verlangt Preise, die sich fast niemand leisten kann.«
»Und deshalb seid ihr nun unterwegs auf der Suche nach Wasser ...«, ergänzte Claire das Gehörte. Als sie es sagte, fiel ihr auf, wie ausgezehrt die beiden jungen Männer waren. Die Lippen waren aufgesprungen und teilweise verschorft, die Haut wirkte ledern.
Auch wenn Claire es später sicher bereuen würde, sie konnte nicht anders und bot Mario und Luca ihre Wasserflasche an.
Die jungen Männer tranken in kleinen Schlucken. Sie hatten gelernt, mit dem allzu kostbaren Nass sehr sorgsam umzugehen. Dankbar gaben sie Claire die Flasche zurück, aus der nicht mal die Hälfte des Inhalts fehlte.
»Und was genau … tut ihr hier?«, fragte Mario nun.
»Wir sind auf der Suche nach Menschen, die so gekleidet sind wie wir. Menschen aus unserer … unserem Land. Und nach Teilen einer Maschine, die hier ganz in der Nähe zu finden sein müssen.« Francine hatte nun doch Vertrauen zu den Einheimischen gefasst, sie spürte genau wie die anderen drei, dass von den jungen Männern keine Gefahr ausging. Die Karre mit den Fässern darauf unterstützte ihre Aussage, dass sie wirklich auf der Suche nach Wasser waren, ihre Bescheidenheit konnte nicht gespielt sein.
»Davon haben wir wirklich nichts gehört oder gesehen. Und wenn Fremde nach Venedig kommen, weiß das bald die ganze Stadt. In Venedig tut niemand etwas, was nicht sofort bekannt wird.« Während Mario dies sagte, wurde Luca immer nachdenklicher. Claire ermunterte ihn zu sagen, was ihn offensichtlich bedrückte.
»Naja, was Mario sagt, ist schon richtig, denn in der Stadt leben ja kaum noch Menschen. Aber … wir wissen natürlich nicht, was dieser Sasso und seine Familie so treiben. Die leben für sich, niemand weiß, wie groß die Familie ist …«
»Ach was, Luca, wenn Fremde nach Venedig gekommen wären, hätten wir es erfahren. Schließlich beobachten wir sämtliche Zugänge zur Stadt.« Mario war sich sicher, Luca hingegen nicht. Der dachte an die Kanalisation, die nun, da sie trocken war, auch von ihnen beiden oft benutzt wurde, wenn die Hitze im Sommer unerträglich wurde.
»Also gut«, mischte sich nun Ken in die Unterhaltung ein. »Fremde kommen nur schwer oder gar nicht unerkannt in die Stadt. Bleiben also die Teile der Maschine. Kann so etwas unerkannt nach Venedig hineingelangen und dann verborgen bleiben?«
Mario und Luca nickten, denn das wussten sie ganz genau. Sie hatten schon öfter die Stadt verlassen, um nach Wasser zu suchen, doch meist kehrten sie mit ganz anderen Dingen zurück. So befand sich in ihrem Besitz beispielsweise jede Menge Schmuck, den sie in einer leerstehenden Villa fanden, sie besaßen verschiedene Werkzeuge und sogar ein Fahrrad. Außer ihnen wusste keiner davon, aber es hätte auch nichts geändert. Mit diesen Dingen konnten sie kein Wasser kaufen. Dieser Sasso wollte Geld oder Lebensmittel dafür haben, Dinge, die es so gut wie nicht mehr gab in der Stadt. Die wenigsten Venezier wussten, dass es woanders Städte gab, in denen das Leben pulsierte. Und diese Wenigen dachten, dass es sich dabei nur um eine Legende handelte. Aber es gab diese Städte wirklich. Sie waren zu Molochs verkommen und nahmen keine Fremden mehr auf. Wie Festungen waren sie eingegrenzt und ließen niemanden hinein. Außer, man konnte sich den Zutritt für bestimmte Zeit erkaufen. So wie Sasso …
Davon wussten die Menschen in Venedig nichts. Für sie war die Welt so, wie sie sich ihnen tagtäglich zeigte. Trocken, heiß, dürr und trostlos. Ein täglicher Kampf um das Überleben. Es gab ja nicht nur kein Wasser, Lebensmittel waren mindestens genauso rar. Bis auf ein paar kleine Tiere, die in der Hitze und im Sand lebten oder überlebten, und ein paar genießbaren Wurzeln gab die Speisekarte nichts her.
Das Leben in diesem Venedig war alles andere als einfach oder gar schön zu bezeichnen.
»Dann werden wir wohl oder übel die nähere Umgebung absuchen müssen«, bemerkte Dan schließlich nach einem weiteren Versuch, die Trümmer zu orten. Es funktionierte nicht.
»Und wo geht ihr hin?«, fragte Claire die Brüder.
»Wir werden uns nördlich halten. Dort soll es noch eine Oase geben«, antwortete ihr Mario.
»Ich hab da eine Idee …«, meldete sich Francine. »Ken und ich fliegen nach Norden und suchen zusammen mit den beiden Jungs nach der Oase, und ihr, Claire und Dan, sucht die Trümmer.«
»Na bravo, wir durchkämmen die Wüste«, scherzte Claire, als sie Dans wenig begeisterten Blick sah.
Ohne viele Worte zu verlieren, setzten sie diesen Plan in die Tat um.
Die funkelnden schwarzen Augen, die die Szene beobachtet hatten, bemerkten alle Anwesenden nicht.
Kapitel 2
Ca. 20 Minuten später
Ken, Francine und die beiden Venezier saßen im Glider und flogen geräuschlos in Richtung Norden.
Mario und Luca waren so fasziniert, dass sie den Grund dieses Fluges beinahe vergaßen. Sie konnten sich gar nicht sattsehen und drückten sich die Nasen an den Scheiben platt. Die Agentin beobachtete dies mit einem Schmunzeln im Gesicht, denn ihr war es bei ihrem ersten Flug damals nicht anders ergangen. Nur mit dem Unterschied, dass sie da gerade fünf Jahre alt war und in einer Boeing saß.
»So, Jungs, dann sperrt mal die Augen auf und sagt uns, in welche Richtung die Reise nun genau gehen soll«, unterbrach Ken die Stille.
»Naja, so genau wissen wir das nicht. Sofia sprach nur von Norden«, musste Mario zugeben.
»Aber ich erkenne die Oase ganz bestimmt, wenn ich sie sehe«, warf Luca vorlaut ein.
Die anderen lachten.
»Das glaube ich auch«, entgegnete Francine. »Dieses Stück Land oder was immer es ist, werden wir in dieser Trostlosigkeit schnell erkennen.« Luca wurde zwar rot, aber es machte ihm nichts aus. Zu sehr war er vom ersten Flug in seinem jungen Leben begeistert.
Plötzlich änderten sich Kens Gesichtszüge. Er wurde ernst und schaute konzentriert auf eine Stelle, die er bisher kaum wahrzunehmen vermochte, die aber auch nicht in das eintönige Bild unter ihm passte. Die Agentin bemerkte das und blickte nun ebenfalls in die Richtung, in die der Japaner starrte. Wortlos glitten Francines Finger über den Computer, sie holte das Ding, was sich da vor ihnen im Sand wälzte, auf den Bildschirm.
Als die Kamera es eingefangen hatte und gut erkennbar wiedergab, wurde die junge Frau bleich. Ken warf nur einen kurzen Blick auf den Bildschirm und sog die Luft ein.
»Heilige Scheiße, was ist denn das?«, fragte er.
Nun wurden auch die Brüder aufmerksam und bemerkten, dass die Stimmung sich geändert hatte. Sie schauten ebenfalls auf den Bildschirm und erschraken.
»Aber das … das … ist doch nicht möglich!«, stotterte Mario.
»Du weißt, was das ist?«, fragte Ken.
»Ich weiß, was ich sehe, aber das … das dürfte es doch gar nicht geben. Das gibt es doch nicht!« Mario war fassungslos.
»Dann stimmt es, was Sofia erzählt hat. Wenn es die Wüstentrolle gibt, dann … ja! Dann gibt es in der Nähe auch Wasser.« Luca schien nicht ganz so beeindruckt zu sein wie sein Bruder, sondern er dachte schon einen Schritt weiter.
»Habe ich das eben richtig gehört? Sagtest du Wüstentrolle?« Ken schüttelte den Kopf.
»Nun, in der Geschichte, die Sofia erzählte, erwähnte sie bärenähnliche Tiere, nur viel gefährlicher und bösartiger mit glühenden Augen und mächtigen Reißzähnen. Sie bezeichnete sie als die Hüter der Quellen und dass sie Schuld daran haben, dass die Quellen versiegen. Wo die Wüstentrolle erscheinen, gibt es bald kein Wasser mehr.«
»Ist dieser Sasso dann auch ein Wüstentroll?«, fragte Francine.
»Die meisten nennen ihn so, aber in Wirklichkeit ist er ein Mensch. Wir glaubten, dass Wüstentrolle nur eine Erfindung von Sofia sind, um uns davon abzuhalten, die Stadt zu verlassen. Sie hatte Angst, weil wir doch die Einzigen sind, die sie noch hat.« Mario wurde immer leiser, denn ihm wurde wieder bewusst, dass sie Sofia nun doch einfach im Stich gelassen hatten. Er hatte seinem Bruder nichts davon erzählt, wie Sofia ihn angefleht hatte, zu bleiben. Wie sie geweint hatte, als hätte sie ihre Bambini schon verloren. Sofia bezeichnete die Brüder immer noch in der liebevollen Anrede für kleine Kinder, in ihnen sah sie nach wie vor so etwas wie Enkelkinder, die ihr leider immer verwehrt bleiben würden, da alle ihre Nachkommen bereits elend zugrunde gegangen waren.
»Und genau deshalb mussten wir auch gehen«, warf Luca ein. »Sonst verdurstet Sofia bald vor unseren Augen.«
»Moment mal«, hakte die Agentin nun nach. »Ihr sagt, wo Wüstentrolle sind, da gibt es auch Wasser. Aber wenn sie da sind, gibt es kein Wasser. Wie soll ich das verstehen?«
»Man sagt, dass Wüstentrolle Wasser aufspüren können, auch wenn es noch so verborgen ist. Aber wenn sie es erst einmal gefunden haben, dann ist es verloren. Denn kein Mensch oder Tier kommt dann noch an die Quelle oder den Brunnen heran, da die Trolle sie bewachen. Wenn der Troll verschwindet, ist auch das Wasser weg. Und gegen einen Wüstentroll kann man nicht kämpfen. Sie sind zu groß und zu stark.« Damit hatte Luca die Situation so gut geschildert, wie er es mit dem wenigen Wissen, was er darüber besaß, konnte.
»Habt ihr Waffen?«, wollte Francine wissen.
Die Brüder schüttelten die Köpfe.
»Es hat also noch nie jemand versucht, die Wüstentrolle mit Waffen zu bekämpfen?«
»Nein. Wir dachten doch, dass sie nur ein Gerücht seien, um eben zu verhindern das zu tun, was wir getan haben. Die Stadt zu verlassen …«, gab Mario zu.
Francine schaute nachdenklich, während Ken den Glider im Kreis steuerte, um den Troll nicht aus dem Blickfeld zu verlieren. Aus den Brüdern wurde sie nicht recht schlau, sie schienen wirklich nur zu wissen, was ihnen diese alte Frau erzählt hatte, und wurden nun zum ersten Mal mit der Wahrheit konfrontiert.
»Also gut. Probieren wir es?«, fragte die Agentin dann entschlossen den Japaner. Dieser griff automatisch nach seiner Waffe und nickte.
»Dann bring uns runter, Ken.«
Mario und Luca sagten nichts, doch ihnen wich alle Farbe aus dem Gesicht.

Claire und Dan erkundeten die Umgebung. Wenn es hier Trümmer des T-Rex gab, dann würden sie sie finden. Doch einfach gestaltete sich die Suche nicht, denn der Sand verschlang alles, was sich auf ihm niederließ. Deshalb hatten sich die beiden Timetraveller jeder einen größeren Zweig von einem der trockenen Büsche gebrochen und fegten damit beim Gehen vor sich her. Bisher fanden sie nichts. Sie weiteten den Radius ihrer Suche immer weiter aus, umrundeten das Tal ein um das andere Mal, ergebnislos. Ihre Wasserreserven waren beinahe aufgebraucht, obwohl sie immer nur einen kleinen Schluck davon zu sich nahmen. Beiden brannte die Kehle aufgrund der trockenen Hitze aber bereits nach wenigen Minuten wieder, sodass die Abstände, in denen sie etwas Wasser zu sich nahmen, immer kürzer wurden.
Während sie ihre Kreise drehten, achteten sie immer weniger auf die Umgebung und sprachen kaum ein Wort, bis Dan plötzlich stehenblieb.
Claire schaute alarmiert auf. »Was ist denn?«, flüsterte sie.
Dan ließ seinen Blick schweifen, konnte aber nichts Ungewöhnliches mehr feststellen.
»Ach nichts. Ich dachte, dass ich etwas gesehen hätte. War wohl nur ein Schatten.«
Nun schaute auch die junge Frau aufmerksam in die Runde und gerade, als sie Dan zustimmen wollte, schälte sich ein Umriss aus dem Sand. Claire riss die Augen auf, Dans Hand legte sich auf den Griff seiner Waffe.
»Halt!«, stieß Claire hervor. »Warte noch. Vielleicht …« Weiter kam sie nicht, denn nun richtete das Wesen sich vollends auf. Beiden Timetravellern entfuhr ein unartikulierter Laut, dann drehten sie sich um und rannten los.
Als Dan über die Schulter blickte, sah er zu seinem Entsetzen, dass das Wesen ihnen folgte. Und es war schnell.
»Renn, so schnell du kannst«, raunte er Claire zu. Doch wohin sollten sie sich retten? Sie merkten beide, wie schnell ihre Kräfte in der Hitze erlahmten, in welchem Tempo ihre Kehlen ausdorrten. Sie wussten beide, dass sie eine Flucht nur begrenzte Zeit durchhalten würden.
»Dan«, schnaufte Claire atemlos, »wir müssen das Vieh bekämpfen. Wir …«
»Ja«, erwiderte der ehemalige Sportstudent atemlos. »Auf drei schießen wir.«
Nun nahm auch Claire während des Laufs ihre Waffe in die Hand, Dan zählte rückwärts auf drei, dabei verringerten sie ihr Tempo. Sie hörten den schweren und von Geifer triefenden Atem des Wesens hinter sich näherkommen, drehten sich um und schossen.
Die Laser trafen, doch schienen sie das Wesen nicht zu beeinträchtigen, es stürmte ungebremst weiter auf sie zu.
»Zur Seite!«, brüllte Dan und hechtete aus dem Weg des Untiers. Claire machte ebenfalls einen Satz, um sich in Sicherheit zu bringen. Sie hatte weniger Glück, wurde von dem Wesen gestreift und brutal zu Boden gestoßen. Reglos blieb sie liegen, während Dan das Unfassbare beobachtete. Das Tier rannte noch etwa 10 Meter, brach dann ungebremst zusammen und rutschte noch einige Meter über den Sand, bis es reglos liegenblieb.
Dan rannte zu Claire, die ebenfalls reglos am Boden lag. Jedoch beobachtete er weiterhin das Wesen, von seinem Tod war er noch nicht überzeugt. Als er Claire erreichte, richtete sie sich stöhnend auf. Dan half ihr auf die Beine.
»Ist alles in Ordnung?«, wollte er besorgt wissen. Claire nickte, obwohl sie sich dessen nicht sicher war. Sie bewegte Arme und Beine, es schien nichts gebrochen zu sein. Lediglich an der Hüfte spürte sie Schmerzen, genau an der Stelle, wo auch ihre Uniform eingerissen war. Doch als sie die Stelle betastete, stellte sie fest, dass es nichts Ernstes war, im schlimmsten Fall würde sie dort in kurzer Zeit einen ordentlichen blauen Fleck haben.
Zögernd bewegten sie sich nun auf das Wesen zu, die Waffen im Anschlag.
»Was ist das?«, wisperte die junge Frau.
»Keine Ahnung, sieht aus wie ein Bär, aber irgendwie auch nicht«, fasste Dan zusammen, was er sah. Das Wesen rührte sich nicht.
Sie schlichen sich weiter heran und betrachteten das offensichtlich tote Tier. Claire lief trotz der Hitze ein kalter Schauer über den Rücken, als sie die mächtigen Reißzähne sah, die voller Geifer und auch Blut aus der riesigen Schnauze ragten. Die Augen waren vergleichsweise klein, allerdings war eines von einem Laserstrahl weggebrannt. Vielleicht war der Treffer ins Auge der entscheidende gewesen, um das Tier zur Strecke zu bringen. Während die beiden jungen Leute das Wesen betrachteten, breitete sich binnen kurzer Zeit ein riesiger Blutfleck unter dem Tier aus, der immer größer wurde. Dan und Claire mussten einen Schritt zurücktreten, sollten ihre Schuhe nicht vom Blut getränkt werden. Bald lag das Tier in einem regelrechten See von Blut.
»Dan, das ist …«
»Ja, du hast recht. Das ist eindeutig zu viel Blut für ein einziges Lebewesen. Keine Ahnung …«
So schnell das Blut aus dem Körper des Tieres austrat, so schnell versickerte es dann aber auch im Sand. Dan trat wieder etwas näher heran und betrachtete sich den Kadaver nun genauer. Er war sich sicher, dass das Tier diesen Blutverlust nicht überlebt haben konnte.
Als er sich über den zerfetzten Bauch bückte, erkannte er, woher all das Blut kam. Beim Sturz hatte sich das Wesen den Bauch unerklärlicherweise aufgeschlitzt und somit lag der Blick auf die Innereien frei. Und noch immer sickerte dicke klumpige rote Flüssigkeit aus dem Magen des Wesens.
»Das ist eklig«, meinte Claire nach einem Moment. Sie verzog angewidert das Gesicht, denn auf die kurze Entfernung intensivierte sich der typisch metallische Geruch.
Dan indessen schaute plötzlich sehr nachdenklich drein. Seine Gedanken überschlugen sich, denn er konnte sich weder das viele Blut im Magen des Tieres erklären, noch, woran es sich den Bauch aufgeschlitzt haben könnte. Der Untergrund war durch den Sand weich, es war nichts zu sehen, was die Kraft haben könnte, Fell und Haut eines solch großen Tieres zu zerfetzen. Der junge Mann entfernte sich ein paar Schritte in die Richtung, aus der das Wesen gelaufen kam. Claire bemerkte dies und fragte: »Dan, was ist denn los? Was hast du?«
»Ich … Moment, warte mal.« Damit bückte er sich und wischte die obere Sandschicht beiseite. Zum Vorschein kam ein Metallstück, das wie ein übergroßes Messer aus der Erde ragte.
»Sieh mal einer an, des Rätsels Lösung findet sich unter dem Sand«, meinte er triumphierend zu Claire. Sie war unterdessen ebenfalls an die Stelle herangetreten, aus der das Metall ragte, und wischte noch mehr der rötlichen Körnchen beiseite.
»Ich schätze, damit können wir unsere Suche beenden«, sagte sie dann.
»Du meinst …?«, fragte Dan.
»Ja, sieh mal hier.« Damit deutete Claire auf eine Stelle des Metalls, auf der undeutlich aber lesbar die Buchstaben 1-E zu sehen waren.
»Oh«, entfuhr es Dan, »TW/TT-Glider – 1-E. Der T-Rex. Komm, lass uns das Trumm ausgraben.«
Die beiden Temponauten schaufelten mit ihren Händen den Sand beiseite und legten nach einiger Zeit eine halbe Tür des verunglückten Gliders frei. Die körperliche Anstrengung ließ ihnen den Schweiß aus den Poren treiben und über das Gesicht laufen. Doch sie unterbrachen ihre Arbeit nicht. Im Gegenteil, sie buddelten auch noch in der näheren Umgebung, fanden aber nichts mehr, was auf den Glider schließen ließ.
Erschöpft ließ sich Claire in den Sand fallen. Ihre Mundhöhle war völlig ausgetrocknet, die Lippen begannen bereits spröde zu werden und aufzureißen. Dan ging es nicht besser und so nahmen sie nun doch wieder jeder einen kleinen Schluck Wasser zu sich. Anschließend bargen sie die Reste der Tür und trugen sie gemeinsam zum Landeplatz ihres Gliders.
Das tote Wesen beachteten sie nicht mehr, in der Hitze war all das Blut schnell getrocknet und versickert und auch der Kadaver selbst begann schon auszutrocknen.
Sie ahnten nicht, dass der Geruch jedoch etwas anderes aus weiter Entfernung anlockte …
Kapitel 3
Francine feuerte. Die Energiestrahlen schlugen in das Wesen ein, bis es wie ein gefällter Baum einfach umkippte. Ken stand daneben, doch bevor er überhaupt seine Waffe ziehen konnte, hatte die Agentin den Troll bereits erledigt. Mario und Luca blieben in der vermeintlichen Sicherheit des Gliders sitzen und hielten sich die Ohren zu. Sie konnten nicht wissen, dass die Waffen der Fremden nahezu geräuschlos ihren Dienst taten.
Erst, als das Tier am Boden lag, kletterten auch die Brüder ins Freie. Sie gingen zu dem Kadaver und betrachteten ihn von allen Seiten. Auch Ken und Francine schauten sich den leblosen Wüstentroll genauer an. Was sie sahen, gefiel ihnen nicht.
»Ihr sagtet, dass in der Nähe der Wüstentrolle Wasser zu finden sei. Lasst uns nachsehen, ob der Kamerad hier noch etwas übrig gelassen hat. Ihr schaut in diese Richtung, wir gehen da entlang. Nach 300 Schritten kehren wir um und treffen uns hier wieder. Ich will kein Risiko eingehen.« Francine übernahm wie selbstverständlich das Kommando, die drei Jungs gehorchten.
Wenige Minuten später waren alle vier wieder am vereinbarten Treffpunkt, der aufgrund des Gliders auch in dieser Einöde leicht wiederzufinden war.
»Und?«, fragte die Agentin die Venezianer.
»Nichts, nur Sand, so weit das Auge reicht.«
»Wir haben auch nichts entdecken können, keine Veränderung, keine Vegetation, nichts«, erklärte Francine. »Wisst ihr, was ich glaube? Dass euch Sofia entweder ein Märchen erzählt hat oder die Wasserressourcen in den letzten Jahren schlicht und einfach versiegt sind.«
»Dann haben wir keine Chance. Sofia wird verdursten und alle anderen ebenso«, antwortete ihr Luca traurig. Auch Mario wirkte betrübt, sagte aber nichts.
»Kommt, wir überfliegen das Gelände nochmal weiträumig, vielleicht finden wir eure Quelle ja doch noch«, versuchte Ken die Stimmung etwas zu heben. Doch er sah, dass die Brüder aufgegeben hatten.
»Lasst es uns wenigstens versuchen, und wenn wir nichts finden, dann werden wir eine andere Lösung finden. Nun kommt schon, so schnell geben wir nicht auf.« Francines und Kens Optimismus wirkte ansteckend, denn Mario und Luca trabten schon zum Glider und stiegen ein.
Aus der Luft hatten sie einen weitflächigen Überblick. Doch so sehr sie ihre Augen auch anstrengten, sie entdeckten nichts, was sie mit Wasser assoziieren konnten. Dafür sahen sie bald etwas ganz anderes. Und was sie sahen, gefiel ihnen gar nicht.
Ken änderte den Kurs und steuerte den Glider unversehens in Richtung ihres Landeplatzes. Dorthin, wo Dan und Claire allein in dieser Wüste auf sie warteten, mit nichts weiter bewaffnet als einer Energiewaffe, die zwar über unbegrenzte Energie verfügte, aber nicht pausenlos benutzt werden konnte, da sie sonst überhitzte.
Und ob die Strahlen dafür ausreichen konnten, was sich auf die beiden Timetraveller zuwälzte …

Claire und Dan saßen im weichen Sand und ruhten sich aus. Dann bemerkten sie nach und nach die kleinen Veränderungen, die sich schleichend bemerkbar machten. Der Boden bebte kaum merklich unter ihnen.
»Dan, spürst du das auch?«, fragte Claire in die Stille hinein.
»Was soll ich denn spüren? Ich habe nur Durst«, erwiderte er.
»Na, merkst du nicht, wie die Erde bebt? Ganz leicht nur, aber …«
Dan konzentrierte sich und bemerkte es nun auch. Da sie sich einen kleinen Hügel gesucht hatten, an den sie sich im Sitzen anlehnen konnten, hatten sie keinen Überblick, was hinter ihnen geschah. Hatten es nicht für nötig erachtet, in dieser Einöde wirklich wachsam zu bleiben, glaubten sie doch, dass Ken und Francine alles unter Kontrolle hatten. Bei Gefahr würden sie sich melden.
Nun schauten sie sich aufmerksam um, spähten über die kleine Anhöhe hinweg.
Noch konnten sie nichts erkennen, die Landschaft lag in ihrem eintönigen Rotton vor ihnen. Doch das Beben wurde immer deutlicher, so, als wenn sich ein schweres Fahrzeug nähern würde.
»Dan, ich habe Angst«, flüsterte Claire ihrem Begleiter zu. »Was immer das auch ist, wir sind hier völlig hilflos.«
»Keine Sorge. Warten wir erst mal ab, vielleicht …« Dan konnte den Satz nicht beenden, denn nun sah er, was da auf sie zu kam. Er erbleichte, drehte sich zu Claire um und sagte: »Lauf, Claire, lauf um dein Leben!« Damit sprangen beide auf und rannten blindlings davon.
Die geborgene Tür des Gliders ließen sie an Ort und Stelle liegen. Während sie rannten, zogen beide ihre Waffen, wohlwissend, dass sie gegen diese Übermacht niemals ausreichen würden.
Nach etwa 400 Metern waren ihre Kraftreserven weitgehend erschöpft. Ihre Rachen brannten genauso wie die Augen, aufgewirbelter Sand setzte sich unangenehm auf der Haut und im Haar ab. Ein Blick über die Schulter ließ sie das Tempo drosseln.
Die Wüstentrolle folgen ihnen nur langsam, wobei ihre Anzahl zusammengeschrumpft zu sein schien.
Claire rang nach Atem, doch die heiße Luft tat bis in die Lungenspitzen weh. Dan ging es nicht besser und sie wussten beide, dass eine weitere Flucht sie bald restlos an ihre Grenzen bringen würde.
»Wir müssen kämpfen, Claire. Sonst sind wir tot«, krächzte Dan. Claire nickte nur und stellte sich mit der Waffe in der Hand in Position. Doch dann griffen beide wie auf einen stummen Befehl hin nach ihren Flaschen und tranken gierig das letzte, unterdessen warme Wasser. Claires Flasche war anschließend leer bis auf den letzten Tropfen, Dan behielt noch ein wenig zurück.
Die Wüstentrolle kamen auf die beiden Timetraveller zu. Ihre beinahe schwarzen Augen funkelten bösartig, Geifer troff von den langen, hervorstehenden Reißzähnen, ihr Fell war struppig und voller Sand.
»Das sind nur fünf, wo sind die anderen?«, fragte Claire fassungslos.
Dan blickte sich um. Er nahm an, dass die Trolle sie einkreisen würden. Doch hinter sich nahm er keine Bewegung wahr.
»Weiß nicht, vielleicht versuchen sie, ihren toten Freund zu retten.« Claire überlief ein Schauer.
Bisher sah sie in dem Wüstentroll nur ein Tier, doch nun meinte sie, Intelligenz in den Trollen zu erkennen. Allein die Art, wie sie sich auf ihre Beute zu bewegten, hatte außer ihrem Äußeren nichts Animalisches an sich.
»Dan … ich … ich glaube, das sind intelligente Wesen«, wisperte sie. »Vielleicht können wir mit ihnen reden.«
Dan blickte seine Begleiterin ungläubig an. »Spinnst du? Sieh dir diese Bestien doch mal an …«
»Genau das habe ich getan. Und Dan, so bewegen sich keine Tiere. Lass es uns versuchen, ja?«
Dan war nicht überzeugt. Der erste Wüstentroll hatte sie angegriffen, einfach so. Warum sollte das nun anders sein?
Dann änderte sich die Situation schlagartig. Einer der Wüstentrolle stieß einen unartikulierten Schrei aus, woraufhin die Tiere in Laufschritt verfielen und auf ihre Beute zu rannten. Nun gab es für Dan, aber auch für Claire keinen Zweifel mehr. Sie würden kämpfen und damit schießen müssen. Und das um ihr Leben.
Wie auf einen stummen Befehl stellten sie sich in Position, zielten und feuerten. Ihre Waffen schienen nichts gegen die Monster ausrichten zu können, sie kamen immer näher. Als sie nur noch etwa 20 Meter entfernt waren, fiel ein Schatten auf den roten Boden.
Claire atmete auf, als sie die Umrisse erkannte. Der Glider!
Die Tiere stoben davon.
Ken setzte den Thunderbird unsanft auf, die Türen öffneten sich im gleichen Moment und die Agentin und der Japaner sprangen heraus. Die Waffen hielten sie schon in Händen und feuerten sofort auf die flüchtenden Trolle.
Claire und Dan waren erleichtert, doch dann passierte etwas, womit keiner rechnete.
Die Wüstentrolle verringerten ihr Tempo, drehten sich zu ihrer vermeintlichen Beute um und beobachteten sie aus heimtückisch funkelnden Augen.
»In den Vogel, los«, rief Francine. Sie erkannte, dass sie gegen solch eine Übermacht nicht gewinnen konnten. Doch was sie dann sah, ließ sie an ihrem Verstand zweifeln. Die Wüstentrolle kamen in einem Tempo zurückgerannt, welchem keiner der Menschen standhalten konnte. Und was Francine dann erkannte, ließ sie regelrecht verzweifeln. Wut wallte in ihr auf, denn Luca und Mario waren ebenfalls aus dem Glider geklettert, obwohl sie eindeutig Order hatten, sitzen zu bleiben. Die Brüder wollten sich hinter die Schusslinie begeben, waren aber viel zu langsam. Die Agentin erkannte, dass sie es niemals schaffen konnten, denn zwei der Trolle hatten die Männer ebenfalls bemerkt und nahmen sofort die Verfolgung auf. Beide zogen schon eine Blutspur hinter sich her, schienen aber unbeeinträchtigt zu sein. Mario brüllte Luca etwas zu und rannte los. Der Jüngere machte den entscheidenden Fehler, der ihn das Leben kostete. Er blickte sich zu den Wüstentrollen um, erstarrte für genau den Moment, den der erste Troll brauchte, um ihn zu erreichen und niederzuwerfen. Was dann passierte, sollte sich unlöschbar in die Gehirne der anderen Menschen eingraben.
Der Wüstentroll schlug seine Hauer in den noch lebenden Venezier und schlürfte geräuschvoll das Blut aus ihm heraus.
Mario schrie wie am Spieß, Dan versuchte ihn in den Glider zu zerren, Claire erbrach sich auf der Stelle und Ken und Francine feuerten nach wie vor auf die Trolle.
»Los, in den Glider, sofort«, brüllte Francine nochmals. Nun bewegten sich alle auf das Fahrzeug zu, Ken hielt ihnen den Rücken frei und sprang als Letzter hinein. Er saß noch nicht, als er die Zündung schaltete und mit dem Schließen seiner Tür setzte sich der Donnervogel in Bewegung. Als sie abhoben, atmeten alle erleichtert auf. Nur Mario, der sich neben Dan gequetscht hatte, blickte starr aus dem Fenster und beobachtete das Geschehen am Boden.
»Nein«, jaulte er nach wenigen Augenblicken gequält auf. Francine hatte die Bilder auf dem Bildschirm und sah, was den jungen Mann so quälte.
Die Wüstentrolle hatten sich auf Lucas Leichnam gestürzt und rissen diesen auseinander, um die einzelnen Teile zu fressen. Die Agentin schaltete den Bildschirm ab, denn auch ihr drehte sich nun der Magen um.
Mario sackte in sich zusammen und wimmerte leise.
Als Claire einen Blick nach unten riskierte, sah sie die Holzkarre mit den leeren Fässern darauf. Tränen stiegen der jungen Frau in die Augen.
Ken nahm Kurs nach Süden, dorthin, wo die Reste der Stadt Venedig sein sollten.
Kapitel 4
Sie landeten außerhalb der Stadt. Francine hatte eine alte, halb verfallene Lagerhalle ausgemacht, in die Ken den Glider steuerte. Den Rest des Weges würden sie laufen.
Mario war kaum ansprechbar, die Trauer um seinen Bruder hatte ihn übermannt. Francine übernahm es, ihn ein wenig zu trösten und wesentliche Fragen von ihm beantwortet zu bekommen. Das Wichtigste war, wohin sie nun gehen wollten.
Die Timetraveller hatten sich während des Fluges beratschlagt, dass die defekte Tür des T-Rex geborgen werden musste. Doch momentan kamen sie nicht heran, die Wüstentrolle waren noch zu nah. Also wollten sie sich die Stadt ansehen und schauen, ob sich bezüglich der Brunnen etwas machen ließ. Sasso konnte vielleicht die Einheimischen beeindrucken, ob ihm dies auch mit bewaffneten Zeitreisenden in Uniform gelang, würde sich herausstellen.
Irgendwie fühlten sich die Timetraveller schuldig an Lucas Tod, wollten eine Wiedergutmachung, indem sie dafür sorgten, dass dieser Tod nicht umsonst war. Und das konnte nur gelingen, wenn sie Mario, Sofia und all die anderen Menschen Venedigs mit Wasser versorgten.
Mario ging vorneweg, die anderen folgten ihm. Diesmal benutzte der Venezier keinen geheimen Zugang zur Stadt, denn die Anwesenheit der Fremden würde sich sowieso wie ein Lauffeuer verbreiten. Mit hängenden Schultern marschierte er direkt in das Haus, in welchem er, seit er denken konnte, zusammen mit seinem Bruder, Sofia und noch weiteren jungen Menschen lebte, die allesamt keine Familien mehr hatten und sich vor Jahren unter Mamma Sofias Schutz stellten. Unterdessen waren sie alle mehr oder weniger auf sich allein gestellt, denn Sofia nahm am Leben ihrer Bambini nicht mehr teil.
Dennoch brachte Mario seine Gäste zu ihr. So, wie er ihr vertraute, was die Wasserquelle im Norden anging, so vertraute er auch immer noch auf Sofias Menschenkenntnis und Verstand. Er wusste, dass Sofia nicht mehr vollständig Herr ihrer Sinne war, ahnte aber auch, dass sie noch genügend Verstand besaß, um Wahrheiten zu sagen und zu erkennen.
Sofia lag auf einem zerschlissenen Sofa, hatte sich trotz der Hitze eine leichte, ausgefranste Decke über die Beine gelegt. Mario ging zu ihr, hockte sich neben die alte Frau und weinte.
Sofia setzte sich auf und nahm den jungen Mann in die Arme. Dann fuhr ihre Hand über Marios Rücken, während Sofia in einem unverständlichen, aber beruhigend wirkenden Singsang auf Mario einredete. Es bedurfte keiner weiteren Worte Marios. Dass er ohne Luca zurückgekehrt war und weinte, machte Sofia die Situation schlagartig klar. Ihre Augen blieben trocken, wahrscheinlich hatte sie all ihre Tränen in der Vergangenheit vergossen, denn sie musste den Verfall dieser Welt von Anfang an miterlebt haben, wie die Timetraveller zu Beginn ihrer Suche erfahren hatten.
Die Timetraveller standen einfach nur da und warteten, bis die Situation sich entspannte. Dies geschah schneller als gedacht, denn schon nach kurzer Zeit beruhigte sich Mario und stellte seine Gäste der alten Frau vor. Der Tod war in dieser Welt offensichtlich ein ständiger Begleiter, sodass der Verlust zwar schmerzvoll war, aber nicht vorherrschend wurde.
Der ständige Kampf um das eigene Überleben hatte Priorität, und so kam Mario auf den Grund zu sprechen, warum er die Fremden in die Stadt gebracht hatte.
»Sofia, sieh mal, ich habe Gäste mitgebracht«, sagte Mario, und zeigte mit dem Finger auf sie. Die alte Frau folgte seiner Geste und schaute sich die vier Fremden in aller Ruhe an. Sie musterte jeden Einzelnen von oben bis unten und nickte dann.
»Gut, mein Junge. Das sind keine schlechten Menschen, will ich meinen. Aber … was wollen sie hier?«
»Naja, sie haben uns geholfen, die Quelle zu finden, von der du uns erzählt hast. Aber dann …«, Mario schluchzte noch einmal, »… dann kamen die Wüstentrolle. Es stimmt, es gibt sie tatsächlich!«
Sofia riss ungläubig die Augen auf. »Aber … aber das war doch nur eine Geschichte, Mario. Ihr seid wirklich aufgrund einer Geschichte hinaus in die Wüste gegangen …«
»Nein, Sofia, es stimmt alles, was du uns erzählt hast. Die Wüstentrolle waren da, ich habe sie mit eigenen Augen gesehen. Nur Wasser, das haben wir nicht gefunden. Aber die Trolle waren ja auch vor uns da …« Sofia schüttelte den Kopf.
»Glaub mir, es ist keine Geschichte.« Mario ließ sich nicht beirren. Doch Sofia blickte unterdessen ins Leere, sie war wohl in ihre eigene Welt abgedriftet und stammelte nur noch unzusammenhängende Wortfetzen.
Mario drehte sich zu seinen Gästen um. »Seht ihr? Und so geht das immer. Aber von der Oase im Norden erzählte Sofia sowohl, wenn sie ihre Sinne beisammenhatte, als auch in diesem Zustand. Sonst hätte ich es nicht geglaubt und wäre gar nicht losgezogen. Dann wäre Luca …«
»Schon gut«, fiel Francine ihm ins Wort. »Wir haben die Trolle auch gesehen, und was die Oase angeht, vielleicht ist es wirklich so, dass die Viecher sie zerstören.«
»Ja, aber nun werden weiterhin viele Menschen verdursten müssen. Wenigstens das ist meinem Bruder erspart geblieben.« Mario hatte innerlich aufgegeben und sich wieder einmal mit seinem Schicksal abgefunden.
»Sag mal, du hast erzählt, dass es in der Stadt drei Wasserstellen gibt, Brunnen, richtig?«, wollte Dan nun wissen.
»Ja, aber die sind gesperrt. Wer sich nur in die Nähe wagt, wird gefangen genommen oder sofort getötet. Nur nachts, wenn die Wachen mal nicht so aufmerksam sind, gelang es uns, dort ein wenig Wasser zu stehlen. Sassos Leute rechnen nicht damit, dass sich außer ihnen noch jemand an die Brunnen heranwagt, deshalb nehmen es die Wachen manchmal nicht so genau. Aber oft geht es dann doch schief.«
»Aber du weißt, wo sich die Brunnen befinden?«, hakte Ken nach.
»Das wissen alle, denn bis vor zwei Jahren haben wir dort alle Wasser geholt.«
»Komm, zeig uns die Brunnen. Keine Angst, du musst dich nicht in Gefahr begeben. Zeig uns die Richtung, so, dass wir sie dann finden.« Francine hatte gesehen, wie Mario bei der Frage zusammenschrak.
»Also gut, aber ich gehe nur bis zur Sperrzone mit. Ich muss mich doch um Sofia kümmern …«
Damit erhob sich der Venezier und alle fünf verließen das Haus.
Draußen neigte sich die Sonne dem Horizont entgegen, dennoch war es immer noch sehr heiß. Der Wind, der durch die Straßen wehte, wirbelte unmerklich den Sand auf, der sich dann überall absetzte. Das Atmen wurde binnen kürzester Zeit wieder zur Qual.
»Wir bräuchten Tücher, die wir uns vor Mund und Nase binden«, meinte Claire.
»Oder unsere Helme. Aber damit fallen wir noch mehr auf. Es wird schon gehen«, beruhigte Ken sie alle. Mario hatte das gehört und lief nochmal ins Haus zurück. Nur einen kurzen Moment später kehrte er zurück und reichte Francine ein weißes Tuch. Von der Größe her ein Tischtuch, Leinen und relativ sauber.
»Danke«, sagte Francine aufrichtig. »Und das dürfen wir …«
Mario nickte eifrig. Also überlegte die Agentin nicht lange und riss das Tuch in Streifen. Sie verteilte diese und kurz darauf hatten sich die Timetraveller »maskiert«. Das Atmen fiel ihnen dadurch bedeutend leichter.
»Also los, dann wollen wir mal sehen, ob wir mit den bösen Buben fertig werden«, sagte Dan und marschierte direkt neben Mario her. Ken, Claire und Francine gingen dahinter, ließen sich aber bald ein paar Schritte zurückfallen.
»Hört mal, wir müssen versuchen, das Problem ohne Waffengewalt zu lösen«, begann Francine leise. »Wir werden zwar drohen, aber schießen nur im äußersten Notfall.«
»Warum? Dieser Sasso scheint …«, warf Ken ein.
»Überleg doch mal. Während unserer Zeitreisen haben wir so oft über das Zeitparadoxon diskutiert. Und wenn wir allzu sehr in das Geschehen einer anderen Welt eingreifen, könnte das ebenso ungeahnte Folgen haben. Vielleicht nicht für uns, aber wir wissen es eben nicht. Verstehst du?« Claire legte einen Arm um Kens Hüfte.
»Ja, ihr habt recht«, musste der Japaner gestehen und schloss zu Dan auf, um ihn ebenfalls einzuweihen.
»Wir fuchteln also mit den Waffen, schießen aber nicht. Und was, wenn dieser Sasso das genau anders herum handhabt?«, fragte Claire.
»Das werden wir herausfinden müssen. Ob diese bösen Buben ihr Leben wirklich für drei Brunnen aufs Spiel setzen, wird sich herausstellen«, antwortete Francine.
»Ich glaube es nicht«, stimmte Ken, der wieder neben Claire ging, der Agentin zu. Auch Claire nickte, dann schlossen sie zu Dan und Mario auf.
Der Weg zog sich in die Länge. Venedig war auch in dieser Welt eine große Stadt, und bevor sie ihr Ziel erreichten, wurde es dunkel. Die Timetraveller begrüßten die Dunkelheit, da sie ihnen zusätzlich Schutz gab, Mario wurde indessen immer nervöser. Nachts bewegte er sich normalerweise ausschließlich durch das brachliegende Kanalisationssystem, denn Sofia kannte noch mehr Geschichten, und die handelten ausschließlich von Geistern, Spuk und Horror. Nachdem eine Geschichte wahr geworden war, wollte Mario nicht wissen, was von den anderen Geschichten der Wahrheit entsprach. Denn er war überzeugt davon, dass Sofia immer ein Stück Wahrheit in ihren Geschichten erzählte.
Nach etwa zwei Stunden erreichten sie die Nähe eines Brunnens.
»Weiter gehe ich nicht mit«, sagte Mario plötzlich. »Dort vorn beginnt der Sperrbereich.« Er deutete auf einen Durchgang.
»Wartest du auf uns? Ich glaube nicht, dass wir den Weg allein zurückfinden«, fragte ihn Ken.
»Ja, ich verstecke mich aber in einem der Häuser. Falls ihr zurückkommt, wartet hier.«
»Wir kommen zurück!«, erwiderte Claire darauf. »Keine Sorge.«
Damit schlichen die Timetraveller davon, während sich Mario ein Versteck suchte.
Kapitel 5
Die beiden Wachen spielten irgendein Würfelspiel. Laut hallte das Knallen des Würfelbechers auf dem improvisierten Tisch durch die Dunkelheit.
Die Männer wähnten sich in Sicherheit, denn nachdem einige mutige Menschen versucht hatten, sich an den Brunnen zu bedienen, machte ihr jäher Tod schnell die Runde durch die ganze Stadt und seit Wochen hatte niemand mehr versucht, Wasser zu stehlen. Die Leute hatten damit zu tun, die riesige Stadt zu plündern in der Hoffnung, irgendwo auf verstecktes Geld zu stoßen, mit dem sie sich dann rechtmäßig Wasser kaufen konnten.
Die Temponauten beobachteten die Situation eine Weile, bevor sie zur Tat schritten.
»Ken und Dan, ihr wartet erst einmal hier. Kommt, wenn die Situation es erfordert. Wir versuchen es zunächst auf die weiche Tour. Claire, du gehst mit mir, halte deine Waffe bereit, falls es brenzlig wird.«
Langsam schälten sich die Frauen aus der Dunkelheit und gingen auf die beiden Männer zu. Ihre Waffen waren griffbereit, aber noch vor den Blicken der Wachen verborgen.
»Guten Abend«, sagte die Agentin, lange bevor sie die Männer erreicht hatten. Diese sprangen sofort auf und zogen Waffen. Einer eine kleine Pistole, der andere nahm die am Brunnenrand lehnende Flinte zur Hand.
»Keinen Schritt weiter!«, bellte der mit der Pistole. »Was soll das?«
»Nun, wir haben gehört, dass ihr hier das bewacht, was vielen Menschen das Leben hätte retten können. Und weil wir nicht wollen …«
»Halts Maul! Ihr bewegt euch im Sperrgebiet, und wer die Grenze überschreitet, ist des Todes. Das ist das Gesetz!«
»Das ist euer Gesetz, aber nicht unseres. Und ich habe Durst!« Während Francine sprach, gab sie Claire ein Zeichen, sich schussbereit zu machen. Doch das hätte keiner Aufforderung bedurft, Claire hielt ihre Waffen schon in der Hand. Jedoch war sie nicht bereit, einfach loszuballern, denn diese beiden Männer taten nur, wozu sie beauftragt waren. Das wirkliche Übel saß wahrscheinlich irgendwo in einer Villa und ließ es sich gut gehen.
»Kannst du bezahlen?«, wollte nun der andere Wächter wissen.
»Warum sollte ich? Der Brunnen gehört der Stadt, also jedem, der in ihr wohnt. Oder irre ich mich da?«
Die Männer lachten.
»Hast du gehört, Elio, sie fragt, ob sie sich irrt … Natürlich irrst du dich. Bezahle, und du bekommst Wasser. Hast du kein Geld, dann verschwindet.« Die letzten Worte richtete er wieder direkt an Francine.
»Moment, wer sagt, dass wir dafür bezahlen müssen?«, fragte die Agentin. Sie schaffte es immer noch freundlich auszusehen, obwohl es in ihr brodelte. Sie hatte das Bild vor Augen, wie zwei ausgezehrte junge Männer durch die Wüste irrten mit nichts weiter dabei als einer Karre, auf der zwei leere Fässer standen.
»Sag mal, kommst du vom Mond oder was? Jeder weiß, dass Sasso sich um die Verteilung des Wassers kümmert. Aber zu verschenken hat er nichts, dafür sind die Zeiten zu hart. Also, her mit dem Geld oder Abflug, aber schnell!«, spie nun der mit Elio Angesprochene aus und fing sich direkt einen bösen Blick von seinem Kamerad ein.
»Was denn?«, fragte Elio deshalb erstaunt.
»Halt einfach die Fresse«, erwiderte der andere. »Du verplapperst dich einfach zu schnell.«
»Hä?«
»Was gehen die Weiber Namen an. Schau sie dir an, die kommen irgendwo her, aber nicht aus Venedig. Oder hast du schon mal solche Kleidung gesehen?«
Der Namenlose war offensichtlich der Klügere der beiden. Elio stimmte ihm zu, nachdem er mit der Nase direkt auf diesen Umstand gestoßen wurde.
»So, so, Sasso also. Den Namen habe ich heute schon mehrfach gehört. Führt uns zu ihm«, befahl Francine den Männern nun.
»Sag mal, spinnst du? Oder stimmt mit deinen Ohren etwas nicht? Ihr sollt verschwinden, einfach nur abhauen, klar?«, ereiferte sich der namenlose Wächter nun. »Haut ab, ich weiß nämlich nicht, wie lange ich meinen Finger noch stillhalten kann.« Er wedelte mit seiner Pistole in die Richtung, aus der die Frauen gekommen waren. Dann erstarrte er plötzlich in der Bewegung, als er etwas Kaltes in seinem Nacken spürte. Auch Elio stand plötzlich ganz still.
Francine und Claire hatten sich nichts anmerken lassen, als sie ihre Freunde bemerkten, die sich von hinten an die Wächter heranschlichen. Nun grinsten sie triumphierend.
»Also nochmal, ihr führt uns jetzt auf der Stelle zu diesem Sasso, klar? Und dann verzieht ihr euch für den Rest der Nacht, damit sich die armen Seelen, die in dieser Stadt vegetieren, einmal so richtig satt trinken können. Haben wir uns verstanden?«
Die Männer stimmten zu, mit den Schießeisen im Nacken fiel die Antwort nicht schwer.
»Claire, sag Mario Bescheid, dass die Luft rein ist. Er soll sich aber beeilen, wer weiß, wie lange der Brunnen frei ist. Und gib ihm deine Waffe, man weiß ja nie.«
Claire eilte zurück zu dem Durchgang, um den Auftrag auszuführen, doch vorher füllte sie noch schnell ihre Flasche aus dem gefüllten Wassereimer am Brunnenrand auf.
Francine tat es ihr gleich und befüllte auch die Flaschen von Ken und Dan, die währenddessen die Wächter unter Kontrolle behielten.
Kurze Zeit später kehrte Claire zurück und gab mit einem kurzen Nicken zu verstehen, dass alles geklärt war.

Die Villa befand sich am Stadtrand. Ein gepflegtes Gebäude mit einem üppigen Vorgarten, in dem Pflanzen wuchsen, die sich wie Fremdkörper in der Umgebung ausnahmen. Selbst in der Dunkelheit.
Hinter einigen Fenstern flackerte Licht.
Als sie näher kamen, bemerkten sie eine Gestalt, die neben dem Eingang an der Hauswand lehnte. Sie regte sich nicht, der Kopf war nach vorn gesunken. Der Mann schien im Stehen zu schlafen.
»Da fühlt sich aber einer ganz sicher, was?«, flüsterte Claire.
»Na, der wird gleich sein blaues Wunder erleben«, gab Dan leise zurück.
»Vorsicht, es könnte auch eine Falle sein«, entgegnete Ken daraufhin. Francine grunzte nur. Ihr gefiel nicht, dass es so einfach sein sollte, an diesen Sasso heranzukommen. Ihre Sinne waren angespannt und sie wunderte sich, wie locker die drei Timetraveller die Situation hinnahmen. Vielleicht waren sie durch ihre vorherigen Reisen doch mehr geprägt, als sie annahm. Denn eines musste man den drei Studenten lassen, sie waren viele Male mit den unmöglichsten Situationen klargekommen, ohne dabei großartige Verluste zu haben.
Leise schlichen sie sich zum Eingang. Die beiden Brunnenwächter gaben keinen Laut von sich, denn noch immer spürten sie den Druck der Waffenläufe an ihren Körpern.
Francine hob die Hand mit ihrer Waffe und stellte sich genau vor den Türwächter.
Dann sprach sie den Mann an. »Guten Abend.«
Der Mann schreckte auf und hatte im gleichen Atemzug eine Hand vorm Mund. Seine Augen weiteten sich.
»Ganz ruhig. Dir passiert solange nichts, wie du uns behilflich bist, verstanden? Wenn ich meine Hand wegnehme, möchte ich keinen Mucks hören, du antwortest nur auf meine Fragen. Ist das klar?«
Der Mann blickte panisch in die Runde und erkannte die anderen beiden Wächter. Diese nickten ihm resigniert zu, also gab auch er zu erkennen, dass er sich still verhalten würde.
»Wohnt hier Sasso?«, fragte Francine.
Der Mann nickte eifrig.
»Wie viele Leute noch?«
»Nur er und seine Familie.«
»Familie, Familie … wer gehört da alles dazu? Werden ja wohl nicht nur eine Frau und ein paar Bälger sein, oder?«
Der Wächter überlegte kurz. »So genau weiß ich das nicht, da sind noch ein paar Brüder, seine Söhne … vielleicht sechs Männer. Wie viele Frauen und Kinder es sind, weiß ich nicht. Mit denen habe ich nichts zu tun.«
»Also eine nette italienische Großfamilie, wie sie im Bilderbuch steht«, resümierte Francine. »Passt mal auf, ihr drei Spinner. Ihr könnt weiter für diesen Sasso arbeiten und euch dabei eine ganze Stadt zum Feind machen. Oder aber, ihr tut endlich das Richtige und tretet diesem Wichser in den Arsch. Habt ihr mal darüber nachgedacht, mit welchem Recht er sich die Brunnen angeeignet hat? Und dass dadurch in dieser Stadt jeden Tag und jede Nacht Menschen verdursten, weil ihnen das lebenswichtige Nass vorenthalten wird?«
»A … aber was sollen wir denn machen? Sasso bezahlt uns, wir bekommen nur Wasser, wenn wir für ihn arbeiten. Und er sucht seine Leute sehr genau aus. Nicht jeder darf für ihn arbeiten. Aber wir … wir haben die Prüfung bestanden, gehören jetzt zur Familie …« Der namenlose Brunnenwächter stammelte die Worte, aber man sah ihm an, dass er genau wusste, dass dies alles eine einzige große Scheiße war. Sie alle drei hatten sich von Sasso kaufen lassen und erst diese Frau hatte ihnen endgültig die Augen geöffnet. Durch seinen Körper ging ein Ruck, dann sagte er mit fester Stimme: »Ich helfe euch.« Elio und der Türsteher schlossen sich seiner Meinung an.
Die vier Timetraveller atmeten auf und lächelten.
»Das ging ja einfacher, als gedacht«, entfuhr es Dan.
»Tja, dann frag die Herren mal, wie viele Verwandte, Freunde und Bekannte sie schon zu Grabe getragen haben, als dieser Spinner hier drin das Wasser beschlagnahmte …« Die Männer schauten betreten zu Boden.
»Das ist es ja, was uns dazu bewogen hat, in Sassos Dienste zu treten. Wir haben irgendwann nur noch an uns gedacht, alle anderen waren uns egal«, gab der Mann vom Brunnen zu.
»Dann ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, etwas von eurer Schuld abzutragen. Ihr bewegt eure Hintern jetzt schnurstracks zu den anderen beiden Brunnen und macht den Wächtern klar, in was für eine Scheiße sie sich da haben kaufen lassen und dann gebt ihr in der ganzen Stadt bekannt, dass die Brunnen ab sofort jedermann zur Verfügung stehen. Verstanden? Und keine Spielchen, die würdet ihr nicht überleben …« Francines senkte bei den letzten Worten die Stimme, klang regelrecht bedrohlich.
»Aber …«, wollte Elio einwenden.
»Nichts, kein Aber. Macht, was ich euch gesagt habe, dann passiert euch nichts.«
»Aber was ist mit euch? Und mit …« Elio sah am Haus hinauf zu einem der erleuchteten Fenster.
»Keine Bange, um die kümmern wir uns.«
Ken, Dan und Claire hatten geahnt, dass es darauf hinauslaufen würde, dass sie sich mit dem Mafiosi anlegen mussten, doch nun kamen ihnen Zweifel, ob sie es auch schaffen würden. Sie waren nur zu viert und wussten nicht, gegen wie viele Leute sie antraten und wie die Situation sich gestalten würde. Nach allem, was sie bisher erfahren hatten, war Sasso kein Mann großer Worte. Offensichtlich verließ er sich lieber auf die Schusskraft seiner Wächter.
»Also dann«, wandte sich Francine ihren Begleitern zu, nachdem die Wächter davongeeilt waren, »schauen wir mal, was uns da drinnen erwartet.«
Kapitel 6
Die Tür war unverschlossen, sodass sie das Haus auf herkömmlichem Weg betreten konnten. Sasso und seine Familie schienen sich sehr sicher zu fühlen, denn in der weiträumigen Halle waren keine weiteren Wachen postiert. Die Empfangshalle, sie schlicht als Flur zu bezeichnen wäre der Größe einfach nicht gerecht geworden, offenbarte sich den Timetravellern menschenleer. Sie hatten Prunk erwartet, doch auch an dieser Villa nagten der Zahn der Zeit und vor allem der Trockenheit und die Wüste. Selbst in der Dunkelheit war der schleichende Verfall zu erkennen.
»Gehen wir rauf, ich schätze, die Herren haben sich in einem Raum versammelt, die Frauen und Kinder werden irgendwo in ihren Schlafzimmern sein«, schlug Dan vor.
»Woher willst du das wissen?«, fragte Claire.
»Hast du nie Mafia-Filme geschaut? Da waren nie Frauen und Kinder zu sehen, die Familien bestanden fast immer nur aus Männern«, verteidigte Dan seine Theorie.
»Wir sind hier aber in keinem beschissenen Film, sondern …«
»Schon gut, Claire«, lenkte Francine ein. »Nur sollten wir zusammenbleiben, da wir nicht genau wissen, mit wie vielen Leuten wir es zu tun haben. Also los, gehen wir hoch. Die Party kann sicher noch ein paar Gäste vertragen.«
Sie schlichen die ausladende Treppe hinauf, die sich im ersten Stock zu einer Balustrade teilte, die rund um die Etage führte und von der aus man in die einzelnen Zimmer gelangte. Der Boden gab teilweise unter ihren Schritten nach, einige Dielen knarrten leise. Aber offenbar hörte es niemand der im Haus Anwesenden, denn keine Tür öffnete sich, niemand kam nachsehen.
Vor einer Tür, durch deren untere Ritze Licht flackerte, blieben sie stehen und lauschten. Zuerst hörten sie nichts, doch dann sprach ein Mann, ein anderer antwortete. Verstehen konnten die Eindringlinge aber nichts.
»Also los«, flüsterte Ken. Er riss die Tür auf und die Temponauten betraten den Raum. Alle hatten ihre Waffen gezogen. Claire blieb im Hintergrund.
»Hände hoch und keinen Mucks«, rief Dan. Er hatte wohl wirklich zu viele Filme geschaut, dennoch musste Francine zugeben, dass es funktionierte. Die Männer waren vollkommen überrumpelt, hatten mit so einer Überraschung am Abend nicht gerechnet.
Aber … sie ließen es sich nicht anmerken. Zwar hoben sie die Hände, blieben dabei dennoch gelassen.
»Mit wem haben wir die Ehre?«, fragte der Schleimbolzen, der auf einem Sessel thronte. Sein Haar war unter einer dicken Gelschicht oder was auch immer er benutzte, an der Kopfhaut angeklatscht, sein Grinsen so schmierig wie altes Frittenfett und seine Augen so kalt wie Stahl. Die beiden Männer auf dem Sofa erschienen daneben wie aus einem Modekatalog entsprungen, aber auch nur auf den ersten Blick. Sie trugen ihre Haare raspelkurz, was Gel oder Ähnliches überflüssig machte, ihre Kleidung war verschlissen, doch statt der Kälte in den Augen flackerte in ihren Angst. Das alles hatte die Agentin binnen einer Sekunde erfasst und ließ sie sich etwas entspannen. Diese drei Hampelmänner sollten eine ganze Stadt kontrollieren? Sie konnte es kaum glauben …
»Ob es eine Ehre ist, wird sich zeigen«, antwortete Francine nun. »Für die Einwohner Venedigs ist es in jedem Fall eine, denn sie trinken sich in diesem Moment zum ersten Mal seit langer Zeit satt. Und zwar an genau den Brunnen, die ihr unrechtmäßig beschlagnahmt habt.«
»Ihr habt ja keine Ahnung«, antwortete der Gegelte dreckig grinsend. Die Timetraveller nahmen an, dass es sich bei ihm um Giuseppe Sasso handelte.
»Das mag sein«, erwiderte Francine darauf. »Aber wir haben Augen im Kopf und gesehen, was für eine elende Scheiße hier läuft. Mit welchem Recht hast du die Brunnen vereinnahmt?«
»Mit dem Recht des Stärkeren? Des Klügeren? Des Geldes? Such dir etwas aus. Und jetzt verschwindet, wir haben zu tun.« Die Arroganz des Kerls war kaum zu überbieten. Kens Finger an der Waffe ließ sich kaum noch ruhig halten, so brodelte der Zorn in dem Japaner.
»Oh nein, wir verschwinden erst nach euch. Zuerst haut ihr ab, und zwar weit weg. Ihr werdet die Stadt noch in dieser Stunde verlassen und niemals wiederkehren. Ansonsten könnt ihr gern Bekanntschaft mit einem Loch in eurem Gehirn machen.« Dan war ebenso wütend und stieß die Worte unüberlegt hervor. Francine verdrehte kurz die Augen, denn nun konnte sie die Situation nicht mehr auf ihre Art erledigen, sondern musste sich dem Gesagten fügen. Ginge es nach ihr, so hätte sie kurzen Prozess gemacht, die Männer den Einwohnern der Stadt zum Fraß vorgeworfen und die Reise wäre beendet gewesen. Nun waren sie gezwungen, den Auszug der Mafia aus Venedig zu kontrollieren und gegebenenfalls nachzuhelfen.
»Ihr habt es gehört. Also los, wir geben euch eine halbe Stunde, um eure Frauen, Kinder und Habseligkeiten einzusammeln und dann Abmarsch.« Francine wedelte nervös mit der Waffe. Ihr verlief alles zu einfach, sie hatte mit bedeutend mehr Widerstand gerechnet, vor allem damit, dass sich noch irgendwelche Wachen einschalten würden. Aber bisher erschien niemand, sie standen den drei Männern nach wie vor allein gegenüber.
Wo waren die anderen? Der Türwächter sprach von ungefähr sechs Männern ...
Die beiden Kerle vom Sofa erhoben sich.
»Moment«, schaltete sich da Sasso ein. »Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?«
»Spielt das eine Rolle? Wir sind bewaffnet, ihr nicht. Also werdet ihr tun, was wir sagen. So einfach ist das. Und nun schwing deinen Hintern, die Zeit läuft.« Die Agentin beherrschte die Situation, ihre Nervosität hatte sie unter Kontrolle. Ken, Dan und Claire waren mit der Situation etwas überfordert, solche direkten Konfrontationen, bei denen der Ausgang der Sachlage offen war, hatten sie immer versucht zu vermeiden. Oder aber sie hatten es auf ihre Weise erledigt. Sich nun der Agentin zu fügen, fiel ihnen nicht leicht.
Sasso erhob sich aus seinem Sessel. Dabei stützte er sich auf den Lehnen auf. Wie die Waffe dabei in seine Hand geriet, wusste hinterher keiner der Anwesenden zu sagen, doch nur den Bruchteil einer Sekunde später löste sich ein Schuss. Ihm folgte fast im gleichen Augenblick ein Laserstrahl. Staub rieselte aus der Decke, Sassos Treffer hatte ein Loch in die Zimmerdecke gerissen, Francines ein Loch in Sassos linkes Bein. Der Mafiosi sackte zurück auf den Sessel, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Kein Laut kam über seine Lippen. Die anderen beiden Männer hatten sich an eine Wand gedrückt und die Hände wieder erhoben. Im Haus wurden Schreie laut, Kinder weinten, Frauen schrien durcheinander.
Ken ergriff die Initiative. »Los, los, packt eure Habseligkeiten, holt eure Frauen und Kinder.« Mit der Waffe deutete er zur Tür und ging hinter den beiden mit hinaus. Claire schloss sich ihm an. Sie fühlte sich ein wenig hilflos, wollte aber nicht nutzlos im Raum stehen bleiben.
Francine warf Sasso ein Tischband zu. »Da, verbind dir das Bein. Die kleine Wunde wird dich nicht daran hindern, die Stadt zu verlassen. Und vorher gibst du mir dein Schießeisen. Beim nächsten Mal ziele ich nämlich ein Stück höher.«
Giuseppe Sasso wusste, dass er verloren hatte. Wortlos übergab er seine Waffe an die ihm unbekannte Frau und legte sich den improvisierten Verband an. Dann humpelte er zu einem Schrank, öffnete diesen und entnahm ihm einen kleinen Koffer. Danach nickte er Francine zu, nicht ohne sein Gesicht zu einer fiesen Maske zu verziehen.
Nur wenige Minuten später stand der »Herr des Wassers von Venedig« wie ein Häufchen Elend in der Empfangshalle der Villa, die ihm rechtmäßig wahrscheinlich ebenso wenig gehörte wie die Brunnen.
Ken und Claire kamen mit dem Rest der Familie aus einem der anderen Räume. Tatsächlich waren es nur die beiden Männer, zwei Frauen und zwei Kinder.
Claire lief zu Francine. »Wir können die Frauen und Kinder doch nicht in die Wüste jagen«, redete sie leise auf die Agentin ein.
»Warum nicht? Glaubst du, die Frauen hätten je einen Gedanken an die durstigen Kinder in der Stadt verschwendet?«
»Das weiß ich nicht, aber wenn wir sie jetzt wegschicken, sind wir nicht besser als sie.«
»Du meinst das ernst, ja?«, fragte Francine nachdenklich.
»Natürlich!«, zischte Claire zurück. »Statt sie in die Wüste zu schicken, können wir sie auch gleich erschießen, dass spart ihnen eine Menge Leid. Du hast doch gesehen, was dort draußen los ist.«
»Gut, gut«, lenkte die Agentin ein. »Aber weißt du, was passiert, wenn sie hierbleiben?«
»Ja, das … das geht auch nicht. Ich weiß nicht, was wir tun sollen …« Man sah Claire ihre innere Zerrissenheit an.
»He, du«, wandte sich Francine an Sasso. »Gibt es einen Ort außerhalb der Stadt, an dem die Frauen und Kinder sicher wären?«
Der Mann lachte dreckig. »Sicher … ha, niemand ist sicher. Die Dürre holt alle ein.«
»Das war keine Antwort auf meine Frage. Wo bringst du die Frauen und Kinder hin?«
»Ah, dem Fräulein kommen Gewissensbisse. Nun, wohin soll ich sie bringen? In die Wüste? Zum schnellen Verdursten?«
Einer der anderen Männer warf ein: »Nein, Giuseppe, das tust du nicht. Wir gehen nach Para Diso. So, wie wir es geplant haben.«
»Para Diso? Habe ich das richtig verstanden?«, hakte Ken nach. »Hört sich ja richtig verlockend an …«
»Ist es aber nicht. Und jetzt lasst uns gehen.« Giuseppe hatte das Wort wieder an sich gerissen.
»Moment. Glaubst du, wir lassen dich hier einfach so hinausspazieren? Wo liegt dieses Para Diso? Wie gelangt ihr dorthin?« Francine hatte sich vom Wimmern der Kinder nun doch endgültig erweichen lassen und in hier reifte ein Gedanke.
»Was geht dich das an, Schlampe«, giftete Sasso zurück. »Willst du dort auch die letzten Wasserreserven an den Pöbel verschenken?«
»Nein. Ich will sicherstellen, dass die Kinder den Weg dorthin unbeschadet überstehen. Nicht mehr.«
»Ich höre immer was von sicher, kapier es endlich, nichts und niemand ist sicher. Und jetzt lass uns endlich abhauen, damit wir die Kühle der Nacht nutzen können. Schließlich haben wir ein Stück Weg vor uns.«
»Wie weit?« Francine hatte sich drohend vor Sasso aufgebaut, ihre Stimme klang leise aber eindringlich.
»Zwei Tagesmärsche, mit den Kindern eher drei.«
»Rühr dich nicht, kapiert?« Damit wandte sich die Agentin Ken zu, winkte ihn zu sich und nahm ihn ein Stück beiseite. Was die beiden genau besprachen, hörte keiner der Anwesenden.
Nach wenigen Worten nickte Ken ernst und verschwand.
Die Venezier blickten etwas verwirrt drein.
Kapitel 7
Der Japaner versuchte sich an den Weg zu erinnern, den sie genommen hatten. In der Dunkelheit war das schwierig, denn er hatte nicht sonderlich auf die Umgebung geachtet.
Seine Sinne waren geschärft, und so hörte er bald die Stimmen, die der Wind aus einiger Entfernung zu ihm trug. Er schlug die Richtung ein, da er einen der Brunnen dort vermutete.
Nach einigen Minuten erreichte er tatsächlich das ehemalige Sperrgebiet und sah die Menschen, die sich um die Wasserstelle versammelt hatten.
Nun musste er nur noch Mario finden.
Ken lief zum Brunnen und blickte sich um. Die erstaunten Blicke der Einheimischen nahm er kaum wahr, spürte aber, dass ihm keine Gefahr drohte. Im Gegenteil, aus Erstaunen wurde schnell Neugierde, einige Leute sprachen ihn an. Doch der Zeitreisende wimmelte die Fragen ab und fragte nach Mario. Zunächst sah es aus, als kenne niemand einen Mario, doch dann zeigte ein junges Mädchen auf den Durchgang, durch den sie vorhin gekommen waren.
Dort stand der Gesuchte und redete mit einigen anderen.
»Mario!«, rief Ken. Dieser drehte sich um und kam freudestrahlend auf den Japaner zugelaufen. »He, das ist ein Fest, nicht wahr?«
Ken nickte. »Ja, ja, aber trinkt nicht alles auf einmal aus«, scherzte er dann und ahnte dabei nicht, wie nahe er der Realität damit kam. Sollte es zum Glück auch niemals erfahren.
»Bringst du mich zu der Lagerhalle? Ich muss zu unserem … ähm … Auto.«
Mario zögerte den Bruchteil einer Sekunde, besann sich dann aber auf die Hilfe, die ihm widerfahren war.
»Dann komm«, sagte er und ging zügig los. »Und wartet auf mich, ich komme wieder.« Als sie den Durchgang passierten, schlug sich Mario vor die Stirn.
»Sofia! Ich muss ihr Wasser mitnehmen.« Sprach es und rannte nochmal zurück. Kurz darauf war er wieder bei Ken, in der Hand einen alten verbeulten Topf, der bis zum Rand gefüllt war.
Sie liefen schweigend durch die Stadt. Trotz der Dunkelheit versuchte Ken, nun doch etwas mehr von diesem Venedig zu sehen. Allerdings erkannte er bald, dass die Schönheit der Stadt tatsächlich restlos verblasst war. Was nicht gänzlich zerstört war, sah nach Verfall aus. Ken überlief ein Schauer.
Als sie das Haus erreichten, in dem Sofia lebte, ging Mario kurz hinein, um der alten Frau den Topf mit Wasser zu bringen. Freudestrahlend kehrte er zurück.
Dann gingen sie weiter und erreichten bald die Lagerhalle und damit den Glider. Kens Herz klopfte, er malte sich gerade aus, dass der Glider von den Menschen oder gar Wüstentrollen entdeckt und beschädigt worden war. Doch der Donnervogel stand unberührt in der provisorischen Garage.
»Findest du Sassos Haus auch aus der Luft?«, fragte Ken.
»Ich glaube schon«, erwiderte Mario.
»Komm, dann schenke ich dir noch einen Gratisflug. Führ mich zurück zu dem Haus, ja?«
Mario strahlte und ging sofort um den Glider herum. Dieses Mal konnte er mit vorn sitzen und den Flug in vollen Zügen genießen.

Die Spannung in Sassos Haus war greifbar. Francine hatte nichts darüber verlauten lassen, worüber sie mit Ken gesprochen hatte und auch nicht, wohin der Japaner gegangen war.
Die Zeit zog sich endlos hin, die Frauen saßen unterdessen auf dem Fußboden, die Kinder in den Armen.
In Claire brodelte es, sie konnte ihre Wut über den Alleingang der Agentin kaum zügeln. Sie machte sich Sorgen um ihren Freund, der unterdessen seit fast einer Stunde spurlos verschwunden war. Auch Dan sah nicht besonders zufrieden aus, er wirkte nervös, wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Da Francine ihre Waffe in der Hand hielt, tat er es ihr gleich, obwohl er nicht wusste, warum. Die Venezier machten einen ruhigen Eindruck, selbst Sasso wirkte alles andere als bedrohlich.
Nach einer weiteren Stunde des Wartens öffnete sich die Haustür und herein kam Ken.
»Na, alles klar?«, fragte er beim Eintreten locker. Die zwei Energiewaffen in seinen Händen straften seine gute Laune Lügen, obwohl er sie auf niemanden richtete.
»Endlich«, stieß Claire aus. »Wo warst du denn?«
Ken schaute sich entgeistert um. »Hat Miss Carpet das denn nicht gesagt?«, fragte er verwundert.
»Nein. Seit zwei Stunden schweigen wir uns nur an. Es ist zum …«
»Schon gut, Claire. Sei nicht böse, ich wollte sicher sein, dass alles funktioniert, bevor ich irgendjemandem Hoffnung mache. Ken hat den Glider geholt, um die Leute wegzubringen«, verteidigte sich Francine nun.
»Du hast … du hast Ken allein … Bist du verrückt? Das ist doch …«
»Nun beruhige dich, Claire, ich war nicht allein. Hast du unseren Freund da draußen schon vergessen? Mario hat mir den Weg gezeigt und er hatte ja auch noch deine Waffe. Es ist nichts passiert. Die Leute sind alle beschäftigt, feiern am Brunnen, freuen sich …«
»Trotzdem. Ich hätte mitgehen können, dann …«, erwiderte Claire immer noch trotzig.
»Was denn dann? Hättest du dich verteidigen können? Wie hättest du mir bei irgendetwas helfen können? Hier warst du nützlicher, auf die Frauen und Kinder hast du bestimmt beruhigender gewirkt als Francine. Außerdem hatte sie wohl mit dem da«, Ken deutete auf Sasso, »genug zu tun.« Nun reichte der Japaner seiner Freundin ihre Waffe, die sie wortlos entgegennahm.
»Und was passiert jetzt?«, fragte Dan in die eingetretene Stille.
»Ken bringt die Frauen und Kinder in ihre neue Heimat. Nach Para Diso. Sollen sie dort glücklich werden und niemals wieder die Gelegenheit bekommen, andere Menschen zu beherrschen.« Claire sah Francine an, diese zwinkerte ihr zu. Deshalb also diese Geheimniskrämerei. Die Agentin hatte sich Claires Worte zu Herzen genommen und gehandelt. In der Studentin verpuffte der letzte Rest von Wut, sie war zufrieden damit, wie sich die Situation entwickelte.
Der Transport der Familie verlief reibungslos. Ken flog zweimal in die Nähe der Stadt, die in seinen Augen allerdings eher einer riesigen Festung glich, damit schien das Problem erledigt. Anschließend gönnten sich die Timetraveller ein paar Stunden Schlaf in der Villa, wobei sie allerdings nicht darauf verzichteten, Wachen einzuteilen. Dennoch bekam jeder von ihnen mindestens zwei Stunden Ruhe, die sie alle bitter nötig hatten. Am nächsten Tag wollten sie die Tür des T-Rex bergen und die Rückreise antreten. Die zweite Mission im Auftrag des MTRD war dabei, erfolgreich zum Abschluss gebracht zu werden.
Wenn sie da nicht eine Sache übersehen hätten …
Der nächste Tag war noch nicht angebrochen, als in der Stadt, ganz in der Nähe der Villa, ein Tumult losbrach, der weithin zu hören war. Dan, der die letzte Wache übernommen hatte, weckte seine drei schlafenden Kollegen. Keiner war wirklich ausgeschlafen, lediglich ein wenig ausgeruht.
»Das klingt nach Ärger«, meinte er nur, als sich Ken, Claire und Francine aufrappelten.
Ein von allen dreien gemurmeltes hmm kam als Antwort, bis die Stimmen draußen nochmals an Lautstärke zunahmen. Nun konnte man auch einige Wortfetzen verstehen, die allerdings zunächst keinen Sinn ergaben. Die Stimmen wurden immer lauter.
»Ich glaube, wir bekommen Besuch«, ließ Ken verlauten.
»Stimmt. Und da scheint jemand sehr aufgeregt zu sein«, stimmte Francine zu.
»Abwarten oder in Deckung gehen?«, fragte Dan.
»Also, ich bin neugierig darauf, was sie wollen«, sagte die Agentin daraufhin. »Ihr nicht?«
Claire, Ken und Dan nickten. Daraufhin setzten sie sich so hin, dass sie alle vier die Tür im Blickfeld hatten. Sie mussten nicht lange warten, bis diese ungestüm aufflog und gegen den Schrank krachte, der neben ihr an der Wand stand.
»Wo ist mein Bruder?«, blaffte der erste Mann, der durch die Tür kam. Die Ähnlichkeit mit Giuseppe Sasso war nicht zu übersehen, nur dass diese Ausgabe etwas jünger war und nicht ganz so viel Kleister auf dem Kopf brauchte, um seine Haare zu bändigen.
»In Para Diso, samt seiner Familie. Dich hat er scheinbar vergessen«, antwortete Francine mit kalter Stimme.
Der Mann starrte die Agentin fassungslos an. »Dann … dann stimmt es also. Dieser Halunke hat es tatsächlich wahr gemacht und mich hier sitzen lassen …«
»Ich weiß zwar nicht, was zwischen euch gelaufen ist, aber fortgelaufen ist dein Bruder nicht. Nun ja, nicht freiwillig«, mischte sich nun Ken in das Gespräch mit ein.
»Was soll das heißen?«, wollte Giuseppe Sassos Bruder wissen.
»Das soll heißen, dass wir da ein wenig nachgeholfen haben. Nachhelfen mussten, um den anderen Bewohnern der Stadt das Leben zu retten, wenn du verstehst, was ich meine«, gab Francine zurück. »Tja, und nun ist er weg und alle anderen brauchen keinen Durst mehr zu leiden.«
»Ihr wisst ja nicht, was ihr getan habt«, fluchte der Mann. »Nun wird die Stadt endgültig zugrunde gehen. Ihr verfluchten Narren …«
Die Weltenreisenden schauten sich verblüfft an. Sie verstanden die letzten Worte nicht.
»Wie bitte? Was meinst du damit?«, hakte Claire nach.
Der Mann winkte erst ab, antwortete dann aber doch. »Mein Bruder hat vielleicht nicht den richtigen Weg gewählt, um die Brunnen zu schützen, aber …«
»Moment, sagtest du gerade schützen?«, unterbrach Ken ihn. »Er hat die Brunnen beschlagnahmt und sich das Wasser daraus teuer bezahlen lassen. Was hat das mit schützen zu tun?«
»Ich gebe ja zu, dass er es vielleicht etwas übertrieben hat, doch wer sonst sollte die Brunnen denn vor den Trollen schützen und das letzte Wasser retten? Glaubt ihr denn, dass der Pöbel da draußen auch nur in der Lage ist, es mit einer einzigen dieser Bestien aufzunehmen?«
»Stop, jetzt komm ich nicht mehr mit«, gab Claire zu. »Dein Bruder wollte die Brunnen vor den Trollen schützen. Deshalb richtet er Sperrzonen ein, die nur am Tag betreten werden dürfen und nur von Leuten, die aus irgendeinem Grund noch Geld besitzen, um sich etwas Wasser kaufen zu können. Ist das soweit richtig?«
Der Mann nickte.
»Dann verstehe ich die Logik nicht. Kein Mensch hier hat noch Geld. Das muss dein Bruder gewusst haben, dennoch lässt er die Menschen verdursten. Irgendetwas stinkt an der Geschichte, und ich habe den Verdacht, dass du ganz genau weißt, dass dein Bruder nicht der Heilige ist, für den du ihn scheinbar hältst.«
Der Mann errötete, Wut sprach aus seiner Mimik, doch er beherrschte sich. Dann wandte sich ihm einer seiner Begleiter zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sassos Bruder erbleichte und sackte in sich zusammen. Er ging taumelnd zu einem Stuhl und ließ sich darauf nieder.
»Ihr habt … sie wirklich nach Para Diso geschickt?«, fragte er mit zitternder Stimme.
»Nicht geschickt, ich habe sie hingebracht«, antwortete Ken, der genauso wenig wie Francine, Claire und Dan verstand, was hier gerade vorging.
»Hast du sie die Stadt betreten sehen?«, wollte Sassos Bruder wissen.
»Nicht direkt, aber ich habe gewartet, bis sie eines der Tore erreichten und hineingingen. Das Letzte, was ich sah, war, dass sie in einer Art Schleuse standen. Dann bin ich zurückgeflogen.«
»Geflogen …«, echote der Mann. Ken erkannte seinen Fehler, doch letztendlich war es egal. Wer in der letzten Nacht wachsam war, konnte den Glider sehen und Mario würde mit großer Wahrscheinlichkeit auch darüber geplaudert haben.
»Und was bedeutet das nun alles?«, fragte Francine.
»Dass mich mein eigener Bruder betrogen hat. Mich … uns … Warum hat er uns nicht mitgenommen? Er hatte unser aller Geld, mit dem wir uns in die Stadt einkaufen wollten. Dabei haben wir uns immer geschworen, dass wir nur alle zusammen gehen.« Der Mann fuhr sich mit den Händen durch die Haare, dann über das Gesicht. Seine Verzweiflung schien echt zu sein. »Hat er denn nicht irgendwann …«
»Nein, hat er nicht. Aber uns erklären deine Worte, warum dein Bruder so widerstandslos gefolgt ist. Er hatte gar nicht vor, noch jemanden mitzunehmen, im Gegenteil, er schien mit der Situation ziemlich zufrieden gewesen zu sein.« Francine konfrontierte den Mann und seine Begleiter, die nach wie vor vor der Tür standen, schonungslos mit der Wahrheit. Irgendwie schienen in dieser Stadt alle nicht ganz bei der Wahrheit zu bleiben, selbst Mario und Luca hatten erst von den Wüstentrollen erzählt, als sie ihnen gegenüberstanden und es beinahe zu spät war.
»Was sollen wir nun tun?«, fragte Sassos Bruder in den Raum hinein.
»Das weiß ich nicht«, antwortete Francine auf die Frage. »Ihr müsst euch wohl mit den anderen Einwohnern Venedigs arrangieren, wenn ihr überleben wollt. Vielleicht könnt ihr euch ja nützlich machen und die Brunnen bewachen. Nicht nur vor den Trollen, auch vor Missbrauch. Das Wasser wird nicht ewig reichen …«
»Die Menschen hassen uns. Sie werden es nicht dulden, wenn wir …«
»Dann redet mit ihnen. Geht zu Mario, er wird vielleicht vermitteln können. Wir verlassen die Stadt wieder und kehren nach Hause zurück.« Francine klang entschlossen.
»Aber wenn wir …«, meldete sich Claire.
»Nein Claire, unser Auftrag ist beinahe erfüllt. Wir können hier nichts mehr tun.« Damit war für die Agentin das Thema beendet.
Beim Hinausgehen klopfte sie Sassos Bruder auf die Schulter, raunte ihm ein Kopf hoch zu und ermunterte ihn dazu, bei der Wahrheit zu bleiben. Dann würden all die armen Menschen da draußen ihn auch verstehen und vielleicht verzeihen.
Claire war mit der Situation nicht zufrieden, sah aber ein, dass sie schon mehr in den Ablauf dieser Welt eingegriffen hatten, als vorgesehen und gut war.
Nun blieb nur noch das Bergen der Tür, dann würden sie in ihre Heimatwelt zurückkehren.
Doch so einfach sollte das nicht werden …
Kapitel 8
Der Glider überflog geräuschlos Venedig. Mit Beginn des Tages wurde der Verfall der Stadt gnadenlos sichtbar. Die vier Insassen sprachen kein Wort, sondern ließen die Bilder auf sich wirken. Allen war klar, dass es für Venedig und wahrscheinlich auch für die ganze Umgebung keine Rettung geben konnte. Die Wasserreserven waren verbraucht, Vegetation gab es so gut wie nicht mehr, der Sand eroberte sich eine ganze Region. Wie lange die letzten Menschen noch überleben konnten, war zu diesem Zeitpunkt schon überschaubar. Es handelte sich noch um Monate, vielleicht ein paar Jahre.
Claire seufzte.
»Wir können es nicht ändern«, sagte Ken daraufhin. »Jedenfalls nicht in dieser Welt. Und irgendwie bin ich ganz froh, dass es hier keine Überlebenden des T-Rex gab. Wer weiß, ob sie es überlebt hätten …«
»Trotzdem ist es schlimm«, antwortete Claire ihm. »Wenn der Tod erst allgegenwärtig ist, möchte man doch nicht mehr leben, oder?«
»Diese Menschen schon. Und anhand von Sasso haben wir gesehen, um welchen Preis. Das finde ich schlimm«, meinte Francine dazu. »Doch was wir nicht ändern können, darf uns nicht belasten. Lasst uns die Tür des T-Rex holen und dann beenden wir unseren Aufenthalt auf 0-0-7 Alpha.«
»Was für ein bekloppter Name für eine sterbende Welt«, ließ Dan verlauten.
»Es sind nur Zahlen, Dan. Und als diese Welt entdeckt wurde, ordnete man ihr eben die nächsten Ziffern in der Folge zu«, erklärte die Agentin.
Dan winkte nur ab.
Der Glider erreichte das Wüstengebiet nördlich der Stadt, in dem das Türstück lag. Claire suchte mit der Kamera die Gegend ab. Besonders achtete sie dabei natürlich auf die Anwesenheit von Wüstentrollen, doch bisher sah sie nur Sand, sonst nichts.
»Hier in der Nähe muss es sein«, meldete sich Dan von seinem hinteren Platz. Anhand der Koordinaten konnte er ihren ersten Landeplatz sicher orten.
»Dort«, sagte er kurz darauf, »da ist die Talsenke.«
Claire stierte auf den Bildschirm, irgendetwas stimmte an dem Bild nicht, welches sie vor sich sah. Sie kam aber nicht darauf, was es war.
»Wir werden oben landen, jetzt wissen wir ja, wo wir das Trumm finden«, wies Francine Ken an. Dieser nahm Kurs und setzte zur Landung an.
Claire meldete nochmals, dass sich keine Lebensformen in unmittelbarer Nähe aufhielten. Als sie es sagte, fiel ihr auf, was nicht stimmte. »Wo sind die toten Trolle?«, fragte sie.
Im gleichen Moment setzte der Glider sanft auf dem Sand auf.
»Keine Ahnung, vielleicht hat der Sand sie sich geholt oder die anderen Wüstentrolle haben sie weggeschleppt«, vermutete Ken. Dan zuckte nur mit den Schultern und auch Francine machte sich deshalb keine Gedanken. »Ist doch egal, solange keine lebenden Trolle in der Nähe sind«, sagte sie.
Claire war alles andere als beruhigt.
Sie stiegen aus und blickten sich um. Von ihrem Kampf mit den Trollen war nichts mehr zu sehen. Der rote Sand lag unberührt zu ihren Füßen.
»Sieht so aus, als müssten wir nochmal von vorn anfangen«, stellte Dan fest.
»Hm«, stimmte Claire zu. »Die Wüste hat wirklich alle Spuren verschlungen. Kein Anhaltspunkt, nichts. Selbst der kleine Hügel ist verschwunden.«
»Wisst ihr denn wenigstens noch die Himmelsrichtung von der Senke aus?«, fragte Francine.
»Naja, die beiden Jungs kamen aus Südwesten und in diese Richtung haben wir uns bewegt«, erwiderte Claire. Dann fiel ihr noch etwas ein. »Hier müsste doch noch irgendwo die kleine Holzkarre sein, sie stand doch ganz in der Nähe.« Die junge Frau blickte sich suchend um.
»Die wird die Wüste sich wohl auch geholt haben«, meinte Dan nur.
»Also los, suchen wir die Gegend ab, so weit kann die Tür nicht sein.« Francine übernahm wieder das Kommando. »Claire und Ken, ihr geht in diese Richtung«, sie zeigte nach links, »Dan und ich da lang. Einer sucht den Boden ab, der andere hält die Augen offen. Ich möchte keine Überraschung durch die Wüstentrolle erleben.«
Damit trennten sich die Timetraveller und suchten wie zu Beginn ihres Aufenthaltes auf 0-0-7 Alpha nach dem Trümmerteil des verunglückten Gliders.

Die dunklen Augen blickten gierig auf die Beute. Durst! Hunger!
Der Wüstentroll wälzte sich so langsam aus dem Sand, dass Umstehende die Bewegung kaum hätten wahrnehmen können. Stück für Stück schälte sich der Körper aus dem Boden hervor. Erst, als der Sand aus dem Fell rieselte, wurde der Troll sichtbar. Als dieser ein kaum hörbares Knurren ausstieß, kam im Umkreis von etwa zehn Metern Bewegung in die rote Eintönigkeit des Wüstensandes. Ein Troll nach dem anderen buddelte sich lautlos hervor, bis sieben der Untiere sichtbar waren. Aus ihren Augen sprach Gier, als sie die Beute riechen konnten. Ein Geruch, auf den die Tiere schon viel zu lange verzichten mussten …
Trotz ihrer Größe bewegten sie sich fast lautlos.

Anfangs befolgten die Timetraveller Francines Vorschlag, doch nachdem sich der Durst zurückmeldete und sie alle nur noch so schnell wie möglich diese Welt verlassen wollten, richteten sie alle vier ihr Augenmerk auf den roten Sand. Wie zu Beginn ihrer Suche fegten sie auch jetzt wieder mit einem Zweig vor ihren Füßen, um die Tür des T-Rex zu finden.
Die Sonne brannte vom Himmel, Müdigkeit macht sich bemerkbar und damit Unachtsamkeit …
Bis Claire aus dem Augenwinkel heraus eine Veränderung bemerkte. Die junge Frau erstarrte. Sie wandte ihren Kopf in die Richtung, in der sie eine Bewegung gesehen zu haben glaubte und begann zu zittern.
»Ken«, flüsterte sie. Ihre Stimme war kaum hörbar. »Ken!«, krächzte sie nun etwas lauter. Der Japaner drehte sich zu ihr um und schaute dann ebenfalls in die Richtung, in die Claire entsetzt starrte. Ken reagierte sofort, zog seine Waffe und richtete sie auf die sich langsam nähernden Untiere.
Ein Blick zu seiner Freundin zeigte ihm, dass Claire noch immer vor Schreck erstarrt dastand.
»Claire, nimm deine Waffe zur Hand!«, zischte er ihr zu. Die Angesprochene zuckte kurz zusammen, griff dann aber gehorsam nach der Waffe.
»Wo … wo sind die anderen?« Die Stimme der Studentin bebte. Zu nah war noch die Erinnerung an die letzte Begegnung mit den Wüstentrollen, als Luca sein Leben lassen musste.
»Irgendwo da drüben«, antwortete ihr Ken.
»Ich sehe sie nicht. Ken … wenn …«
»Nein, Claire. Ihnen ist nichts passiert«, widersprach Ken sofort. »Dann hätten wir etwas gehört, einen Schrei oder so etwas.«
»Aber …« Claire malte sich vor ihrem inneren Auge die schlimmsten Szenen aus.
»Komm näher zu mir, wir werden diese Untiere besiegen, glaub mir. Unseren Waffen haben sie nichts entgegenzusetzen«, versuchte Ken seine Freundin zu beruhigen.
Claire verringerte den Abstand zu Ken und hob die Waffe.
Die Trolle waren unterdessen näher gekommen, bewegten sich aber immer noch langsam und lauernd. Es schien fast, als wären die Tiere sich ihrer Beute sehr sicher.
»Jetzt«, befahl der Japaner und beide schossen Energiestrahlen auf die Trolle. Immer und immer wieder. Und auch dieses Mal bewirkten die Treffer zunächst … nichts.
Die Wüstentrolle liefen weiter auf ihre Beute zu und wurden immer schneller, je näher sie kamen.
Ken und Claire feuerten ununterbrochen weiter. Nach einigen Augenblicken, die den beiden vorkamen wie endlose Stunden, brach eines der Monster endlich zusammen. Was sie dann sahen, ließ sie an ihrem Verstand zweifeln. Die vorne laufenden Trolle liefen weiter, doch die beiden, die ganz hinten waren, stürzten sich blutrünstig auf das gefallene Tier, schlugen ihre Hauer in das Fell und schlürften geräuschvoll das Blut aus dem toten Körper. Dann ließen sie von dem Leib ab und folgten den anderen Trollen.
Claire und Ken feuerten immer weiter auf die sich nähernden Tiere und konnten zwei weitere ausschalten. Die vier noch Verbliebenen ließen sich aber nicht mehr aufhalten und stürmten nun sehr schnell auf die Beute zu.
»Ken, das schaffen wir nicht«, wimmerte Claire. »Es sind zu viele.«
»Schieß weiter, ziel auf die Augen«, rief Ken, ohne sich zu Claire umzuwenden. Er feuerte und feuerte, doch den Wüstentrollen schienen die Energiestrahlen nichts auszumachen. Sie kamen immer näher.
»DAN«, brüllte Claire auf einmal, so laut sie konnte. »FRANCINE! HILFE!«
Während sie schrie, schoss sie ununterbrochen weiter. Und die Trolle waren bis auf wenige Meter heran. Plötzlich zuckte der vorderste Wüstentroll und fiel mit einem Ruck zu Boden. Der hinter ihm stolperte über seinen toten Artgenossen, ließ sich auf ihn fallen und grub seine Zähne tief in den toten Körper. Nun waren die schlürfenden Geräusche, die er beim Aussaugen machte, noch deutlicher zu hören.
Claire verzog das Gesicht, denn schon wieder spürte sie, wie sich der saure Speichel unter ihrer Zunge sammelte. Ken hingegen schien immer noch unbeeindruckt und feuerte auf die verbliebenen zwei Trolle. Sie waren nun wirklich sehr nah heran, und nun kamen auch dem Japaner Zweifel, ob er die beiden Tiere ausschalten konnte, bevor das dritte sich ihnen ebenfalls wieder zuwandte.
»Schieß auf den Blutsauger«, wies er Claire an. »Leg ihn um.«
Claire vertraute ihrem Freund und ließ von den beiden heranstürmenden Trollen ab, zielte auf den, der seinem Artgenossen das Blut aus dem Körper saugte, und schoss ohne Pause.
Die junge Frau wollte den Wüstentroll tot sehen.
Plötzlich wurde es Claire heiß und kalt, der Schreck fuhr ihr durch alle Glieder.
Ihre Waffe versagte ihr den Dienst.
Claire betätigte den Auslöser ein um das andere Mal, doch die Waffe sprühte weder Energie noch Laser. Als die Frau dann mit dem Finger den oberen Rand berührte, ließ sie das Teil mit einem spitzen Schrei einfach zu Boden fallen. Die Energiewaffe war an dieser Seite glühend heiß.
»Scheiße«, kreischte sie. »Ken … los …«
»Lauf weg, lauf schnell weg«, schrie Ken. »Hol die anderen beiden.«
»Ken, nein … du musst …«
»Lauf, Claire, ich halte die Biester auf. Los, lauf.«
Noch funktionierte Kens Energiewaffe, doch wie lange noch? Claire blieb noch eine Sekunde unentschlossen stehen, dann rannte sie los.
»DAN! FRANCINE!«, rief sie dabei, so laut sie konnte. Ein Blick zurück zeigte ihr, dass Ken die Wüstentrolle noch unter Kontrolle hatte, obwohl der dritte sich nun auch wieder den anderen beiden angeschlossen hatte.
Die folgenden Sekunden erschienen Claire wie endlose Stunden. Sie rannte, so schnell sie konnte, und rief dabei immer wieder die Namen ihrer Freunde.
Als sie schon glaubte, dass sie am Ende ihrer Kräfte angelangt war, entdeckte sie endlich zwei Schatten, die sich von dem eintönigen Rot abhoben. Noch einmal schrie sie die Namen, dann reagierten sie. Dan und Francine liefen der erschöpften Frau entgegen.

Francine und Dan suchten genau wie Ken und Claire den Boden vor sich ab. Auch sie achteten kaum mehr auf die monotone Umgebung.
»Ich glaube, ich hab sie«, sagte Dan irgendwann in die Stille des Sommertages. Francine kam hinzu und gemeinsam versuchten sie, die kaputte Tür des T-Rex aus dem Sand zu befreien.
»Das ist kaum zu glauben, wie schnell der Sand hier alles verschlingt«, meinte er dann.
Francine murmelte etwas, das wie eine Bestätigung klang. Ihr Hals war ebenso trocken wie Dans, jedes Wort schmerzte unterdessen.
Das Ausgraben der Tür gestaltete sich schwierig, denn sie hatte sich schräg in den Boden eingegraben. Doch sie gaben nicht auf.
Gerade, als sie das Trumm aus dem Sand befreit hatten, hörten sie Claires Stimme, die ihre Namen rief. Alarmiert schauten sie sich um und liefen auf die Studentin zu.
»Claire, was …«, wollte Dan fragen. Doch die junge Frau unterbrach ihn sofort.
»Schnell! Ken braucht eure Hilfe. Die Trolle …«
Da der Wind an diesem Morgen nicht allzu kräftig wehte, konnte Francine noch Claires Spuren im Sand entdecken und rannte sofort los. Dan zögerte kurz, wollte Claire beistehen, doch sie drängte ihn, ebenfalls loszulaufen.
Claire folgte ihnen in einigem Abstand, ohne Waffe war sie beim Kampf gegen die Wüstentrolle keine Hilfe.
Francine und Dan erblickten die Szene. Ken feuerte immer noch auf die Trolle, die sich ihm nun beinahe auf Reichweite genähert hatten. Drei der Tiere waren noch aktiv, wobei zwei von ihnen am Ende ihrer Kräfte waren. Sie taumelten, schienen kurz vor dem Ende zu sein. Der dritte Troll war zwar ebenfalls verletzt, mobilisierte aber nochmal alle Kräfte und ging zum Direktangriff über. Ken musste sich mit den Fäusten wehren, trat nach dem Troll, denn auf diese geringe Distanz konnte er die Waffe nicht mehr zielgenau einsetzen.
Als Claire dies alles sah, schrie sie gequält auf. Dan und Francine hingegen rannten auf die Kämpfenden zu, wollten eingreifen, konnten es jedoch nicht. Zu groß war die Gefahr, dass der Japaner einen Treffer abbekam. Somit schalteten sie zunächst nur die beiden verletzten Wüstentrolle aus.
Ken kämpfte mit aller Kraft. Seit seiner Heilung durch die Ryk-Medizin verfügte er über enorme Körperkraft, doch auch diese war nicht unerschöpflich. Er begann bereits zu ermüden.
Im letzten Moment war Dan heran und feuerte Laserstrahlen auf das Tier.
Nach einem Moment war es vorbei. Der letzte Troll brach zusammen und riss Ken mit in den Sand.
Als Claire, die noch immer etwa fünfzig Meter entfernt stand, das sah, brach sie zusammen.

»Ken?«, murmelte Claire, bevor sie die Augen aufschlug. Ihre Stimme gehorchte ihr kaum, denn ihr Mund war völlig ausgetrocknet.
»Psst, nicht reden«, antwortete ihr eine Frauenstimme, die sie erst nach einem Augenblick Francine zuordnen konnte. »Trink erst einmal.« Damit hielt sie Claire die Flasche an den Mund, damit diese etwas Wasser zu sich nehmen konnte. Anschließend richtete Claire sich auf und sah Ken reglos neben sich im Sand liegen. Tränen füllten ihre Augen.
»Ken?«, wimmerte sie.
»Keine Angst, er ist nur erschöpft und ruht sich ein wenig aus«, beruhigte die Agentin sie.
»Hat er … ist er …?«, setzte Claire zu einer Frage an.
»Er ist okay. Die Trolle sind tot, er hat sie alle niedergemacht. Nicht schlecht, was?«
Claire nickte, richtete sich vollends auf und ergriff die Hand ihres Freundes. Als er die Berührung spürte, stahl sich ein Lächeln in sein schlafendes Gesicht. Claire fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, in dem Moment zog Ken sie zu sich.
Dan, der das Ganze beobachtete, wandte sich ab. Er hatte sich immer noch nicht endgültig damit abgefunden, dass für ihn kein Platz in Claires Herz war. Jedenfalls nicht auf die Art, wie er sich wünschte. Francine bemerkte dies und forderte Dan auf, mit ihr gemeinsam die Tür zu holen. Vorher gab sie Claire noch ihre Waffe, die nun etwas abgekühlt, aber noch immer nicht wieder schussbereit war.
Anschließend begaben sie sich zusammen zum Glider, um die Heimreise anzutreten.
Epilog
Nahe San Francisco, 2006
Die ärztliche Routinekontrolle lag hinter den Timetravellern. Dr. Elliot hatte Claires Bluterguss mit einer kühlenden Salbe eingerieben sowie die vielen kleinen Kratzer der anderen versorgt und allen vier Zeitreisenden Blut abgenommen. Insgesamt war er mit dem gesundheitlichen Zustand seiner Patienten zufrieden. Nun saßen sie in einem Gemeinschaftsraum des MTRD und tranken einen Kaffee.
»Hätten wir nicht doch etwas tun können? Ich kann den Gedanken kaum ertragen …«
»Nein, Claire. Wir haben getan, was wir konnten, und das war schon mehr, als wir wahrscheinlich durften«, unterbrach die Agentin Francine Carpet Claire. »Diese Welt ist dem Untergang geweiht.«
»Trotzdem ist es schwer, das zu akzeptieren«, mischte sich Ken in das Gespräch ein. Auch für ihn war es nicht leicht, die Situation als gegeben hinzunehmen. »Dieses Para Diso hätte ich mir gern mal angesehen. Vielleicht birgt diese Stadt ja noch Hoffnung.«
»Das glaube ich nicht. Das war keine Stadt, sondern eine große Festung. Und auch dort wird es keine unerschöpflichen Wasservorräte geben«, erwiderte Francine darauf.
»Ich bin froh, dass wir nicht mehr von dieser Welt gesehen haben«, erklärte Claire nun. »Die Wüstentrolle haben mir gereicht. Der Gedanke, wie sie über ihre toten Artgenossen hergefallen sind … mir läuft es gleich wieder eiskalt über den Rücken.«
»Was sind das für Wesen, Vampire oder Kannibalen?«, fragte Dan daraufhin.
»Ich schätze, von jedem ein bisschen. Aber ich glaube auch, dass das nicht ihre Natur ist, sondern nur ihre Art zu überleben«, mutmaßte Ken. »Dass sie sich damit irgendwann selbst ausrotten, merken sie aber erst, wenn es zu spät ist.«
»Wie meinst du das?«, fragte Francine.
»Na, ich denke, dass sie irgendwann nicht nur tote Körper aussaugen und fressen, sondern wenn Hunger und vor allem Durst nicht mehr anders zu besänftigen sind, dann auch lebende.«
»Ken, das ist …« Claire sah ihn angewidert an, musste aber einsehen, dass er recht haben könnte. Nein, dass er recht hatte.
»Kommt, lasst uns die Geschichte zu den Akten legen. Eine neue Welt wartet auf uns, wir sollten uns auf die nächste Mission vorbereiten«, wechselte Francine nun das Thema.
»Stimmt«, pflichtete Dan ihr bei. »Aber zuerst lasst uns mal schauen, was der Speiseplan für heute Abend vorsieht. Ich habe einen Riesenhunger.«
»Na, solange es kein rohes Trollfleisch gibt, bin ich dabei«, frotzelte Ken.
Claire verdrehte die Augen, dann gingen sie gemeinsam zur Kantine.
Francine staunte einmal mehr, wie schnell die drei jungen Leute das Geschehene verarbeiteten.
Ende

Vorschau auf Episode 23
Erwartet mit Spannung die am 1. Januar 2011 erscheinende 23. Episode.
Der Titel lautet:
»Der Hauch Gottes«
von
Amanda McGrey
Claire und Francine gönnen sich ein paar Tage Urlaub im Ferienhaus eines Bekannten am Strand nahe SAN FRANCISCO.
Merkwürdige Unwetter nehmen immer mehr zu und die Wetterstationen sind ratlos. Was haben das ominöse Tagebuch eines Professors, eine Leiche in Harward und eine Konstruktionszeichnung, die beinahe dem Glider ähnelt, von Leonrado da Vinci damit zu tun? Wieso finden Claire und Francine ein altes Fuhrwerk am Strand?
Die Computer im Headquarter zeigen während eines neuen Unwetters Ansätze eines Wurmlochs. Das Team will der Sache auf den Grund gehen. Durch einen Blitzeinschlag im Computersystem rast der Glider ohne Ken und Dan in die Parallelwelt. Claire und Francine sind bei einem atemberaubenden Abenteuer auf sich gestellt. Und sie entdecken Ungeheuerliches …