Sie sind hier: Startseite - Timetraveller - Episode 21 - Kemet


»Kemet«

Die Geschichte downloaden
alsPDF-Dateigeht auf der Timetraveller-Übersicht oder HIER (Download-Bereich)
Adobe Reader downloaden geht HIER


Cover © 2010 by Wolfgang Brandt

EPISODE 21

»Kemet«

von Gunter Arentzen

Hinweis: Dieser Roman spielt kurz nach den Ereignissen, die in der Novelle »Tod am Ramesseum« geschildert werden. Diese Novelle steht als kostenloser Download auf geisterspiegel.de zur Verfügung.

All the old paintings on the tomb
they do the sand dance don't you know
if you move to quick
they're falling down like a domino.
All the bazar man by the nile
they got their money on a bet
gold crocodiles
they snap their teeth on their cigarette.
Foreign types with their hookah pipes say:
Walk like an Egyptian.

(The Bangles - Walk Like An Egyptian)

Prolog

I

Nahe San Francisco, 2006

»Du meine Güte!«, entfuhr es Claire Bancroft, als sie das Tiefgeschoss des Stanford Research Institutes erreichten.
Sie hatte angenommen, einen muffigen Keller zu betreten, in dessen Räumen die geheime Forschung durchgeführt wurde. Sie kannte die Zeitmaschine, mit der sie ihre ersten Abenteuer bestanden hatten und auch die Einrichtung von Roger Müller aus der Parallelwelt. Hier jedoch schien alles drei Nummern größer, prächtiger und … gewaltiger … zu sein.
Die Wände waren mit weißen Platten verkleidet. Dahinter liefen Kabelstränge, wie verschiedene Aufschriften zeigten. Rauchmelder und automatische Löschsysteme waren in die Decke integriert worden, das milchig-weiße Licht erhellte das Tiefgeschoss auf eine angenehme Art. Es roch nach Minze, Luft wurde durch Gebläse zugeführt. Es gab keine Fenster, die hinaus auf den Campus des Instituts geführt hätten.
Die Wände, welche die Büros, Laboratorien und Werkstätten abteilten, bestanden aus dickem, aber glasklarem Kunststoff. Man konnte jederzeit sehen, was die Angestellten und Wissenschaftler gerade taten.
Wachen waren hier unten ebenfalls stationiert. Sie saßen in einem Raum, dessen Tür die Aufschrift Sicherheitszentrale trug und neben dem Rotkreuz-Raum lag, in dem ein Arzt sowie zwei Krankenschwestern Dienst taten.
»Schau dir das an«, wisperte Ken fast ehrfürchtig. Der junge Japaner griff nach Claires Hand. »Ich fühle mich, als habe mich jemand auf die USS Enterprise versetzt. Gleich kommt Captain Picard um die Ecke …«
»Nein, das glaube ich nicht«, erwiderte Agentin Francine Carpet. Sie schenkte Ken ein leicht spöttisches Lächeln. »Wir erforschen nicht das All, sondern fremde Welten. Das ist ein großer Unterschied.«
»Wem sagen Sie das?«, fragte Dan mürrisch. »Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Auf die Zeitmaschine, auf die Welt, in die wir reisen werden …«
»Geduld. Obwohl wir nicht wissen, was unseren Wissenschaftlern widerfahren ist, dürfen wir kein Risiko eingehen. Ich zeige Ihnen die Zeitmaschine. Dann haben Sie alle einen Termin bei Doktor Elliot. Er ist unser … Flugarzt … Ohne sein Okay wird niemand in den Glider steigen.«
»Glider?«, fragte Ken. »Einsteigen? Sie meinen …«
Agentin Carpet lächelte hintergründig. Sie führte die drei Freunde zu einem breiten, verschlossenen Tor. Anders als bei den sonstigen Türen bestand dieses nicht aus Glas, sodass der dahinter liegende Raum nicht zu sehen war.
Die Mitarbeiterin der CIA zog ihre Codekarte durch ein Lesegerät, gab eine sechsstellige Nummer ein und drückte zum Abschluss einen grünen Knopf unter dem Tastenfeld.
Laut ratternd schoben sich die beiden Flügel des Tors zur Seite.
»Ich will verdammt sein!«, entfuhr es Dan, als er die Anlage dahinter erblickte. »Das hat … Es ist anders als das, was wir bislang kennen!«, bekannte er. »Unsere Maschine war klein, wir konnten sie programmieren. Diese hier ist …«
»Ein Shuttle!«, erkannte Claire. »Wir steigen ein und reisen damit in fremde Welten.« Sie blickte die Agentin an. »Das ist nicht sonderlich subtil, oder?«
»Nein, eher nicht«, gab Francine Carpet zu. »Aber es ist eine sichere Methode, um fremde Welten und Zeiten zu besuchen. Wir benutzen eine weit fortgeschrittene Technik. Sie … stammt nicht aus dieser Welt. Die Grundlagen wurden von zwei deutschen Wissenschaftlern gelegt. Der Antrieb ist faszinierend und gefährlich. Ihn in eine tragbare Maschine zu sperren, an der sich die Reisenden festhalten, würde die Temponauten – oder Timetraveller – schlicht töten.«
»Warum?«, fragte Dan verständnislos.
»Weil diese Maschine in den Zeitstrom eintaucht und eine Navigation während des Fluges ermöglicht. Man drückt nicht einen Knopf und wird versetzt. Man reist durch die Schwärze einer … Dimension … eines … Hyperraums … und erreicht auf diese Weise sein Ziel.«
Die Agentin rang um Worte, die das Reisen mit dem Glider beschreiben sollten, aber es war für die drei Freunde offensichtlich, dass ihr dies nur unzureichend gelang.
Claire hatte den großen Raum inzwischen betreten und betrachtete das Shuttle, den Glider, nahezu ehrfürchtig.
Er hatte die Größe eines schnittigen Sportwagens. Vier Sitze befanden sich im Inneren; zwei im vorderen Bereich und zwei im hinteren Teil. Kontrollen und eine Steuereinheit sah sie ebenso wie verschiedene Monitore. Starke Gurte hielten die Insassen, Räder hatte der Glider hingegen nicht. Seine Hülle glänzte metallisch, Scheinwerfer und Düsen waren zu erkennen.
Auf den Türen, der Schnauze und dem Heck prangte die Flagge der USA. Dahinter, in Großschrift, stand die Bezeichnung des Shuttles: MTRD TW/TT-Glider – 2-E
Claire deutete auf die Schrift.
»Transworld/Transtime-Glider 2-Experimental«, erklärte die Agentin. »Unsere Aufgabe ist es, die Trümmer und die Crew von TW/TT-Glider – 1-E zu finden.«
»Kann man solch einem Gefährt keinen besseren Namen geben?«, fragte Dan. Er runzelte die Stirn. »Etwas Lyrisches vielleicht.«
Francine Carpet lächelte schwach. »Die Glider tragen inoffizielle Namen. Dieser hier heißt Thunderbird
»Das ist doch was!« Dan klatschte begeistert in die Hände. »Und wie hieß der verlorene Glider?«
»T-Rex«, gab die Agentin zu. »Er war etwas größer, mit breiter Schnauze und einem bösen Blick, was die Scheinwerfer und Lackierung betraf.«
»Ich nehme nicht an, dass man im Stand die Weltenreise beginnt. Oder?«, fragte Ken. Auch er ging um den Glider herum, strich dabei jedoch mit der Hand über die Außenhülle. Sie fühlte sich glatt und warm an.
»Nein.« Die Agentin deutete auf den Schlitten unter dem Shuttle. »Die Maschine wird mit elektromagnetischen Wellen auf 250 Meilen beschleunigt und verschwindet am Ende der Halle im Zeitstrom.«
Claire starrte auf die weit entfernte Wand. »Und was ist, wenn …«
Sie brachte den Satz nicht zu Ende.
»Es gibt eine Notabschaltung. Sollte sich das Raum-Zeit-Feld nicht aufbauen, bremst der Glider ab. Es gab jedoch vor ein paar Monaten einen Unfall, der für den Insassen tödlich endete. Zum Glück war es nur ein Hund.«
»Was geschah mit ihm?«, wollte Dan wissen, obwohl er die Antwort bereits kannte.
»Das Raum-Zeit-Feld kollabierte kurz vor dem Übertritt. Das Tier hatte nicht zu leiden …«
Claire schloss die Augen. Die Vorstellung, mit 250 Meilen gegen die Wand der Halle zu donnern, ließ Übelkeit in ihr aufsteigen.
»Nun ja!«, rief Ken. »Niemand sagt, dass Weltenreisen ungefährlich wären. Wir wussten nie, wo wir landen. Wir hatten schlicht Glück, nicht einfach in einen tiefen Sumpf zu stürzen, oder auf dem Gipfel eines Achttausenders zu landen.«
»Ja …« Claire seufzte. »Die unbekannten Risiken lassen sich besser verkraften, wie ich finde, denn nach ein paar Sprüngen rechnet man nicht mit dem Schlimmsten. Aber ich weiß schon jetzt, dass ich jedes Mal an den Hund denken werde, wenn ich in den Glider steige.«
Dan und Ken nickten. Sie ahnten, dass es ihnen nicht anders ergehen würde …

II

»Die Uniform steht dir gut!«, sagte Ken kess, als Claire die Kantine der MTDR betrat. Er und Dan saßen an einem runden Tisch, Tassen mit heißem Tee und Teller mit roter Götterspeise vor sich.
Sie alle hatten sich von Doktor Elliot untersuchen und für diensttauglich erklären lassen.
Anschließend waren sie angekleidet worden. Rot-blaue Uniformen mit der Flagge der USA auf den Armen, dem Schriftzug der MTDR sowie ihrem Namen auf der Brust.
Auch trugen sie Waffen. Jeder von ihnen hatte eine Energiepistole erhalten, die aus den gleichen Laboratorien wie der experimentelle Zeit-Welten-Antrieb stammte. Hinzu kamen Messer, wie sie auch Piloten der US-Airforce trugen.
Die Schuhe, welche zur Uniform gehörten, waren fest und schützten auch die Knöchel, ein Helm war während des Fluges Pflicht. Da er Anschlüsse für Atemgeräte bot, die im Glider bereitlagen, konnte es nötig sein, ihn auch während eines Einsatzes zu tragen. Es gab unzählige Welten dort draußen und nicht jede bot eine Stickstoff-Sauerstoff-Atmosphäre wie jene, aus der sie stammten.
»Danke«, replizierte die junge Frau. Sie nahm neben ihrem Freund Platz und schenkte ihm einen innigen Blick. Nichts war von jenem Häuflein Elend übrig, das auf Rauenfels in einem Bett gelegen und mit seinem schrecklichen Schicksal gehadert hatte.
Ken war stärker und schneller. Er war auch leidenschaftlicher, ungestümer. Seine Ausstrahlung war eine andere, seine Augen schauten teils fordernd, teils begehrend, wenn er sie anblickte.
Nichts, was ihr hätte Sorgen bereiten müssen, denn ihr gefiel dies. Sie mochte es, sich in seine Arme flüchten zu können. Zu wissen, dass er da sein würde, wenn sie ihn brauchte.
Dan schaute zur Seite, als er die Blicke seiner Freunde bemerkte. Noch immer quälte ihn Eifersucht. Er hätte Claire so gerne für sich gewonnen, doch sie hatte sich für seinen Freund und Rivalen entschieden.
Warum nur?
»So, hier seid ihr also!«, rief Agentin Carpet, während sie die Kantine durchmaß, in der Hand ein Tablett mit verschiedenen Speisen und einem Becher Coke Light. »Ich hörte schon, dass ihr alle fit, gesund und bester Dinge seid.« Sie schaute zu Ken. »Besonders gesund, wie Doktor Elliot meinte.«
»Also steht unserem ersten Flug nichts im Wege?« Dan wollte sich ablenken, wollte nicht fühlen, was er empfand.
»Absolut nicht. Morgen früh um Null-Achthundert beginnt das Training mit dem Simulator. In drei Tagen steht die erste Reise an. Ziel ist Welt 2-0-5 Alpha.«
»Aha, das habe ich mir gedacht«, scherzte Ken. »Ähm – was bedeutet das?«
»Eine Welt mit ähnlichen oder identischen Umweltbedingungen; eben eine Alpha-Welt. Sie wurde von unseren Sonden klassifiziert und nummeriert. Rein willkürlich, nach der Reihenfolge ihrer Entdeckung.«
»Wie sieht diese Welt aus?«, wollte Claire wissen.
»Das werden wir sehen, wenn wir dort sind. Die Sonden liefern keine Bilder. Nur essentielle Daten. Der Rest ist Aufgabe der Feldforschung.«
»Echte Pionierarbeit also«, freute sich Dan. »Wer darf den Glider eigentlich steuern?«
Agentin Carpet schaute zu Ken. »Er, denn er hat laut Doktor Elliot die besten Reflexe. Claire ist die Co-Pilotin, wir beide werden die wissenschaftlichen Stationen im Fond des Donnervogels bedienen.« Ein zufriedenes Lächeln huschte bei diesen Worten über ihr Gesicht.

Kapitel 1

I

Kemet, 2009/RPZ1

Nefer-Neferu-Anpu saß hinter ihrem Schreibtisch und tippte Berichte in ihren Computer. Die Sonne Kemets schien in ihr Büro, ohne es jedoch aufzuheizen. Eine Klimaanlage sorgte für gleichbleibende, angenehme Temperaturen.
Sie drehte den Kopf und sah in der Ferne die Baustelle der Pyramide. Pharaos Grabmal machte Fortschritte. Nicht mehr lange, und sie würde in all ihrer Pracht erstrahlen. Lange bevor Pharao starb, wie sie hoffte, denn der Gottkönig war ihr Onkel.
Bis zu seinem Tode würden Teile des Baus der Öffentlichkeit zugänglich sein. Als Attraktion, die es zu bestaunen galt. Die große Kammer direkt hinter dem Eingang ebenso wie der Weg zu jener Kammer, in der man den Leichnam einbalsamieren würde. Die Grabkammer selbst und auch die Pfade, die zu ihr führten, waren hingegen tabu. Nur die Baumeister wussten, welch verzwickte Routen durch das Bauwerk sie hierfür angelegt hatten. Und welche Fallen auf Grabräuber warteten.
Nefer-Neferu-Anpu kannte die Pläne, denn ihr Onkel hatte sie in die Planung einbezogen. Sie wusste, dass die Architekten eine einmalige Konstruktion geschaffen hatten. Etwas für die Ewigkeit. Oder zumindest für die ersten zehn Jahre nach Pharaos Tod. Dann würden die Pläne im weltweiten Datennetz auftauchen und Grabräuber damit beginnen, dem Bauwerk zu Leibe zu rücken.
Dies war der Lauf der Geschichte und weder sie noch ein anderer Agent des Pharaonischen Sicherheitsdienstes würde daran etwas ändern. Das Datennetz war zu umfassend, zu unkontrollierbar, als dass man solche Umtriebe hätte verhindern können. Wir sollten zu der guten Tradition zurückkehren, die Baumeister am Ende zu töten, dachte sie ironisch. Aber selbst dann würden die Pläne im Netz auftauchen; wenn auch erst nach elf statt nach zehn Jahren.
Sie widmete sich wieder ihrem Bericht. Die Ereignisse am Ramesseum machten ihr noch immer zu schaffen.
Dabei war es nicht einmal die Tatsache, dass sie mit einem Wesen aus dem Duat konfrontiert worden war und RTM, dem größten Privatsender Kemets, im Stillen hatte Abbitte leisten müssen.
Faszinierender war, dass ihr Anpus2 Diener zur Hilfe geeilt waren. Sie war dem Totengott geweiht worden, aber bislang hatte sie dies eher metaphorisch gesehen. Dass ihr Anubis ein paar Leute geschickt hatte, um mit dem Biest aufzuräumen, fand sie daher überaus bemerkenswert.
Hinzu kam, dass sie einen Angriff überlebt hatte, der für andere Menschen wahrscheinlich tödlich gewesen wäre.
Anubis hielt seine Hand über sie, und das fand sie durchaus ermutigend.
Die Agentin wollte gerade ihr Fazit schreiben, als eine Detonation das Gebäude erschütterte. Der Knall ließ Scheiben bersten und Putz von der Decke bröckeln. Die Wände erzitterten, der Strom fiel aus.
Eine schrille Sirene hallte durch das Gebäude.
Erschrocken klammerte sich Nefer-Neferu-Anpu an ihren Schreibtisch und wartete, bis die Erschütterungen nachließen. Dann sprang sie auf und eilte aus ihrem Büro.
Weit kam sie nicht, denn Trümmer versperrten ihr den Weg in die Halle. Menschen schrieen, jemand wimmerte. Hin und wieder polterten Steine zu Boden.
Die Sprinkleranlage war aktiviert worden. Das Wasser drückte Staub und Rauch nieder, bekämpfte die Flammen und sorgte für Kurzschlüsse, als es mit offengelegten Leitungen in Berührung kam.
Von außen näherten sich Rettungskräfte.
»Kann jemand die verdammte Sirene abstellen?«, brüllte Nefer-Neferu-Anpu gegen den Lärm an. »Wir wissen alle, dass wir einen Notfall haben.«
»Ich versuche es!«, erwiderte jemand hinter den Trümmern, die ihr den Weg versperrten. Sie konnte nicht sehen, wer ihr geantwortet hatte
Das hier hat keine Zukunft. Sie wandte sich um, eilte zurück in ihr Büro und kletterte dort aus dem Fenster. Anschließend spurtete sie um das Gebäude herum, schubste zwei Mitglieder der Stadtwache beiseite, die den Eingang sicherten, und betrat die Halle.
Erst jetzt sah sie das gesamte Ausmaß der Verwüstung.
Bei Anpu, schoss es ihr durch den Kopf.
Sie sah abgetrennte Gliedmaßen, Leichen und Verletzte auf dem Boden liegen. Manche waren teils unter Trümmern begraben, andere nicht.
Der Empfangsschalter war völlig zerstört, ebenso drei der sechs Säulen, welche nicht nur zur Zierde dienten, sondern auch eine tragende Funktion hatten.
Es bestand wahrscheinlich Einsturzgefahr.
»Raus hier!«, ordnete sie an. »Alle sofort raus.« Sie lief zur Treppe. Diese existierte noch, war aber ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden.
Ein weißhaariger Mann kam die Stufen hinab, Entsetzen im Blick.
»Sind dort oben noch welche?«, fragte Nefer-Neferu-Anpu.
»Mir fiel ein Stück der Decke auf den Kopf«, erwiderte der Weißhaarige fassungslos. »Was ist passiert?«
»Ich fragte, ob da oben noch Menschen sind.« Sie packte den Mann an den Schultern und schüttelte ihn. Ihr war egal, dass sie es mit dem Großwesir für Rechtsfragen zu tun hatte.
»Nein, ich glaube nicht.« Er blickte sie an. »Arbeiten Sie hier?«
»Gelegentlich«, knurrte Nefer-Neferu-Anpu. Der Mann stand unter Schock, eine vernünftige Antwort erhielt sie von ihm nicht.
Verärgert eilte sie an ihm vorbei. »Hallo? Ist hier noch jemand?«
Niemand antwortete ihr. Dafür knirschte der Boden bei ihren raschen Schritten. Sie spürte leichte Vibrationen, die Wände bewegten sich. Wenn auch nicht ruckartig, so war doch eines klar – das Gebäude des Sicherheitsdienstes würde in sich zusammenstürzen.
Sie setzte ihren Weg dennoch fort, schaute in die einzelnen Räume und stellte erleichtert fest, dass sich hier oben niemand mehr aufhielt.
Sie wirbelte herum, um zur Treppe zu gelangen.
Ein lautes Knirschen, gefolgt von dem unheilvollen Klang von berstendem Metall, ließ sie innehalten.
Die Treppe, die sie hinaufgeeilt war, existierte nicht mehr.
Die Vibrationen nahmen zu. Längst waren Einsatzkräfte der Feuerwehr am Ort des Geschehens eingetroffen, Sanitäter kümmerten sich um die Verletzten.
»Das Haus stürzt gleich ein!«, hörte sie eine Stimme aus dem Erdgeschoss. »Raus, alle sofort raus!«
Bei Anpu! Die Agentin schaute sich gehetzt um. Die Treppe existierte nicht mehr, einen zweiten Weg nach unten gab es nicht.
Blieben die Fenster der Büros.
Sie eilte in jenes des Großwesirs. Glas knirschte unter ihren Schuhen. Die Scheibe war geborsten, nur noch Reste von ihr hingen in dem Kunststoffrahmen. Mit dem Griff ihrer Pistole schlug sie die Zacken ab, kletterte auf den Sims vor dem Fenster und schaute hinab.
Ein Feuerwehrmann entdeckte sie und schwenkte die Leiter des Einsatzwagens in ihre Richtung.
Die Wände des Gebäudes schwankten. Langsam, fast in Zeitlupe kippte die Front nach innen, die restlichen Pfeiler in der Halle knickten um.
Während Nefer-Neferu-Anpu die Leiter hinab stieg, fiel das Gebäude hinter ihr in sich zusammen. Staub stieg auf, wurde jedoch niedergedrückt, da die Feuerwehrleute mit großen Schläuchen Liter um Liter auf die Trümmer gossen.
Was zur Hölle ist geschehen? Was ist explodiert?
Sie sah einen jungen Beamten, der sich von einem Sanitäter versorgen ließ. Zu ihm ging sie. »Weißt du, was in aller Welt hier geschehen ist?«
Er drehte den Kopf und schaute sie fassungslos an. »Ein Anschlag«, wisperte er dann. »Drei Männer kamen in die Halle, rissen ihre Kutten zur Seite und präsentierten um ihre Leiber geschlungene Sprengsätze. Dann, noch bevor wir richtig reagieren konnten, zündeten sie die Sprengsätze. Sie … töteten sich selbst, kannst du dir das vorstellen?«
Nefer-Neferu-Anpu drehte den Kopf; fassungslos, sprachlos. Jemand hatte sich vorsätzlich in tausend Stücke reißen lassen?
Diese Vorstellung war grotesk. Jeder Mensch flehte darum, in einem Stück in die Unterwelt einzutreten. Nur so war ihm ein ewiges Leben gewiss. Wurde er hingegen hier, in dieser Welt, in Stücke gerissen, dann …
Es musste jemand gewesen sein, der nicht den Glauben Kemets besaß. Jemand, der anderen Göttern huldigte und darum auch eine andere Vorstellung des Jenseits besaß.
Fremde …
»Wo ist Anchhaf?«, fragte sie. Schweiß rann ihr über die Stirn. Sie begriff, dass sie handeln musste, und zwar sofort. Es gab nur eine Person, die jetzt, in diesem Augenblick, wichtig war. Der Pressesprecher des Rechtswesens.
»Der Großwesir rief ihn zu sich.« Der junge Beamte deutete auf zwei Männer, die sich im Hintergrund hielten.
Nefer-Neferu-Anpu eilte zu ihnen. »Anchhaf!«, rief sie dabei. »Auf ein Wort.«
Der Mann drehte sich um, erkannte die Agentin und deutete eine Verbeugung an. »Was kann ich für Sie tun?«
»Sie wissen, was geschehen ist?«, fragte sie.
»Drei Männer haben sich selbst in die Luft gesprengt. So zumindest heißt es.«
»Sie müssen eine Erklärung abgeben. Wenn bekannt wird, was sich hier zugetragen hat, ist kein Andersgläubiger, kein Fremder in ganz Kemet sicher.«
Anchhaf erbleichte. »Daran habe ich nicht gedacht«, gestand er. Sein Blick wanderte zu dem Großwesir, der sich wieder gefangen hatte. »Was sagen Sie?«
»Nefer-Neferu-Anpu hat recht«, erwiderte dieser. Er schenkte der jungen Frau ein nahezu verschämtes Lächeln. »Wir müssen dafür sorgen, dass niemand gebrandmarkt wird.« Er verneigte sich leicht. »Ich muss zu Pharao, Bericht erstatten.«
Die Agentin schaute sich um. Die Lage war unter Kontrolle.
Noch.
»Ich begleite Sie«, erwiderte sie darum. »Und Sie kommen besser auch mit, Anchhaf. Sie können unterwegs mit Ihren Leuten sprechen.«

II

Der Mond stand bereits über Memphis, als Nefer-Neferu-Anpu ihr Haus betrat. Lampen glühten an den Wänden und sorgten für ein anheimelndes Licht. Es roch nach Gebratenem, aber auch nach Gemüse. Der Boden war frisch gewischt worden, die Fenster wirkten so rein wie schon lange nicht mehr.
Alysha, die Sklavin der Agentin, trat aus der Küche und schaute ihrer Herrin scheu, aber auch mit unverhohlener Erleichterung entgegen. »Du lebst und bist unverletzt«, wisperte sie und eilte zu Nefer-Neferu-Anpu, um sie zu umarmen.
Obwohl die Agentin wusste, dass dies nicht dem Verhalten einer Sklavin entsprach, ließ sie sich nur allzu gerne umarmen. Mehr noch, sie genoss die Nähe ihrer Sklavin.
»Ich entkleide mich und nehme ein Bad. Kannst du das Essen dort servieren?«, bat sie nach einer Weile.
»Natürlich.« Alysha nickte und eilte davon, um dem Wunsch ihrer Herrin nachzukommen. Ihre Füße berührten kaum den Boden, so leichtfüßig bewegte sie sich.
Nefer-Neferu-Anpu schaute ihr nach und lächelte matt. Sie freute sich auf das gemeinsame Mahl im warmen Wasser ihres Beckens. Und sie freute sich auf die Nähe, die ihr Alysha schenken würde.
Ihr wurde einmal mehr bewusst, dass sie mehr für die Sklavin empfand als reine Zuneigung zu einer Leibeigenen.
Einst hatte sie Geschichten über die Liebe zwischen Herren und Leibeigenen als Kitsch abgetan. Sie besaß Leibeigene, seit sie sich erinnern konnte und noch nie hatte sie auch nur im Entferntesten Liebe für einen oder eine von ihnen empfunden.
Seit sie Alysha besaß, war dies anders. Mehr und mehr hatte sich die junge Frau in ihr Herz gestohlen; unaufdringlich, bescheiden, zärtlich.
Wenig später standen die beiden Frauen in dem warmen Wasser des großen Beckens und aßen, was die Sklavin zubereitet hatte. Ihre Füße berührten sich, hin und wieder schenkte Alysha der Agentin einen zufriedenen Blick.
»Weißt du, wer für den Anschlag verantwortlich ist? Pharaos Sender sagte lediglich, dass sich drei Männer in die Luft gesprengt und damit das Gebäude zum Einsturz gebracht hätten. Es müssen Andersgläubige gewesen sein.«
Nefer-Neferu-Anpu nickte. Sie ist intelligent. Verflixt intelligent sogar. »Wir haben noch keine Spur. Kollegen sind dabei, die Trümmer zu untersuchen. Viele Menschen kamen ums Leben, nicht nur die Attentäter.«
»Anchhaf sprach davon, dass keine der Zuwanderergruppen dafür verantwortlich sei. Wie kann er sich da sicher sein?«
»Wichtig war, die Bürger Kemets von übereilten Schuldzuweisungen und Übergriffen abzuhalten. Darum diese Meldung.« Nefer-Neferu-Anpu lächelte ihre Sklavin an. »Du ziehst die richtigen Schlüsse.«
»Meine Mutter lehrte mich früh, meine Sinne zu ordnen. Zudem ist vieles offensichtlich.«
»Nun, Anchhaf benötigte erst einen kurzen Hinweis, um die richtigen Schritte einzuleiten.« Nefer-Neferu-Anpu schob ihren leeren Teller beiseite. »Du hast um mich gebangt?«
Alysha zuckte mit den Schultern. »Aus rein egoistischen Gründen. Du bist eine passable Herrin. Wer weiß, ob ich es noch einmal so gut treffe.«
Ein Funkeln in ihren Augen verriet, dass sie es nicht ernst meinte.
Die Agentin schaute ihre Sklavin sprachlos an, ehe sie beide in Gelächter ausbrachen. Dann nahm sie Alysha in den Arm. Vielleicht hatte es diesen Witz gebraucht, um ihr ultimativ zu verdeutlichen, dass dieses Verhältnis nicht mehr jenes zwischen Sklavin und Herrin war. Oder aber die Strapazen und Gefahren des Tages, verbunden mit Alyshas Erleichterung, hatten den Ausschlag gegeben.
Sie schaute ihrer Sklavin in die Augen. »Ich gebe dich frei, Alysha. Ab sofort bist du keine Sklavin mehr.«
Die junge Frau wich erschrocken zurück. »Du verstößt mich? Waren meine Worte zu ungebührlich? Was habe ich …«
»Ich verstoße dich nicht«, erwiderte Nefer-Neferu-Anpu rasch. »Missverstehe nicht! Ich gebe dich frei – und bitte dich, meine Gefährtin zu werden. Gleichberechtigt an meiner Seite zu leben.«
Alysha schaute ihre Herrin – ehemalige Herrin – mit einer Mischung aus Verwunderung, Zuneigung und Angst an.
Habe ich ihr Verhalten falsch gedeutet?, fragte sich die Agentin. Ist es nicht das, was sie will? Will sie am Ende mich nicht? Angst kroch in ihr auf. Angst, Alysha verloren zu haben.
»Ich danke dir und akzeptiere dein Werben«, wisperte die junge Frau nach einer Zeit, die Nefer-Neferu-Anpu wie eine Ewigkeit erschienen war. »Auch wenn es nur Sekunden dauerte«, fügte sie ironisch an. Sie umarmte ihre ehemalige Herrin, und diesmal war es nicht die scheue Berührung einer Sklavin, sondern die leidenschaftliche Nähe einer Gefährtin. Noch hingebungsvoller, aber auch fordernder.
Trotz der Schrecken des Tages, trotz der Müdigkeit, die Nefer-Neferu-Anpu noch wenig zuvor gespürt hatte, wurde es eine lange Nacht, die erst mit den ersten, zaghaften Strahlen der aufgehenden Sonne endete …


Kapitel 2

I

Nahe San Francisco, 2006

Der Glider jagte auf die Wand zu. Sie kam näher und näher, wuchs vor den vier Insassen an und schien sich im letzten Moment zu einem grotesken, von teuflischen Wesen verzerrten Gebilde zu verformen. Ein schwarzes Loch entstand dort, wo der Glider gegen den Beton prallen würde.
Sekunden später umfing die vier Reisenden eisige Schwärze.
Ken schaute zu Claire. Er hielt das Steuer des Thunderbirds umklammert, ein zufriedenes Lächeln umspielte sein Gesicht.
Claire atmete geräuschvoll aus. Sie hatte die Luft angehalten, jeden Gedanken an den Hund verdrängt und gehofft.
Nun befanden sie sich im Zeitstrom und jagten ihrem Ziel entgegen.
Anders als in der Kommandokapsel in einem Spaceshuttle spürten die vier Reisenden keine Schwerelosigkeit. Was immer der Zeitstrom auch war, er befand sich nicht im All. Der Andruck, der sie bei der raschen Beschleunigung mit starken G-Kräften in die Sitze gepresst hatte, war zwar verschwunden. Dennoch spürten sie ihr eigenes Gewicht, konnten sich in der gewohnten Form bewegen und hatten auch kein Problem mit herumfliegenden Gegenständen.
Die starken Strahler des Gliders schnitten durch die Finsternis, konnten jedoch lediglich einen kleinen Bereich erhellen. Die Dunkelheit war zu dicht, zu allumfassend, als dass die Lampen mehr hätten ausrichten können.
»Da ist …« Claire schwieg erschrocken, als etwas gegen die Frontscheibe prallte und darauf kleben blieb. Angewidert betrachtete die Zeit- und Weltenreisende das Vieh, das vor ihr auf dem durchsichtigen Kunststoff hing. Saugnäpfe hielten es an Ort und Stelle. Tückisch funkelnde Augen schauten sie an. Darunter befand sich das Maul. Spitze Zähne waren darin zu sehen. Blauer Geifer funkelte auf ihnen. Die Schnauze war groß genug, um einem Menschen ernsthafte Verletzungen zuzufügen.
»Was sind das für Kreaturen?«, fragte Ken. Auch er besah sich die Wesen.
»Das weiß keiner. Wir konnten keine Probe nehmen, da der Glider zerstört wird, sobald man die Türen öffnet. Hinzu kommt, dass sie fliehen, kaum dass der Glider den Zeitstrom verlässt. Wir gehen jedoch davon aus, dass sie ziemlich gefährlich sind.«
»Das glaube ich unbesehen!«, erwiderte Claire. »Sie sehen schon garstig aus.« Sie lehnte sich zurück. Hin und wieder klatschten weitere dieser Biester gegen die Wände des Gliders.
»Also dann«, rief Ken, »wir erreichen den Austrittspunkt in zwanzig Sekunden. Neunzehn, achtzehn, siebzehn …«
Er schwieg erschrocken, als die Lampen des Gliders erloschen. Der Motor fiel aus, plötzlich stoppte das Shuttle inmitten der absoluten Schwärze.
Binnen weniger Sekunden klebten unzählige platte Wesen an den Außenwänden und Fenstern.
»Was …« stotterte Dan. Er schaute sich um, jede Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Sie alle hatten die eine Lektion verinnerlicht – ein Ausfall des Antriebs innerhalb des Zeitstroms war der Super-GAU. Es gab keine Möglichkeit, die Reise innerhalb des Zeitstroms neu zu beginnen, da jegliche Bezugspunkte für eine Navigation fehlten. Ganz abgesehen davon, dass die Triebwerke in dem physikalisch völlig andersartigen Zeitstrom nicht reagierten, wie sie es auf Terra taten, oder auch auf anderen Welten.
Ken ließ seine Finger über die Kontrollen des Gliders huschen. Ihm blieb ein zeitlicher Spielraum von wenigen Sekunden. Solange das TT/TW-Feld, welches der Glider um sich herum erzeugte und ohne das eine Weltenreise schlicht unmöglich war, noch existierte, konnte die Reise fortgesetzt werden.
Der Antrieb setzte ein, die Düsen röhrten. Fast schon glaubten die vier Insassen, noch einmal mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Dann aber erlosch die Anzeige, welche den Zustand des TT/TW-Feldes anzeigte. Für einen Moment blieb sie schwarz, ehe ein roter Kreis erschien.
Das Feld existierte nicht mehr.
Die Düsen des Gliders spuckten, stotterten und erloschen. Die Innenbeleuchtung fiel komplett aus, stygische Finsternis hüllte die vier Reisenden ein.
»Das ist nicht gut!«, wisperte Agentin Carpet. »Das ist …« Sie schwieg. Ihr Blick glitt zu Dan, der neben ihr saß und hektisch keuchte.
»Ich versuche das Unmögliche.« Ken war nicht gewillt, in dieser kleinen Büchse zu krepieren. Nicht schnell und nicht langsam.
Er versuchte, den Antrieb zu reaktivieren.
Vergebens.
Obgleich seine Hände auch in der Finsternis die entsprechenden Schalter, Hebel und Sensoren fanden, blieben die Düsen letztlich kalt.
Als N ächstes nahm er sich die interne Versorgung vor. Zögerlich erwachten die Lampen zu neuem Leben.
»Zumindest sehen wir jetzt wieder was.« Claire klang monoton. Sie drehte den Kopf und blickte die beiden Reisenden auf der Rückbank an. Dann griff sie nach Kens Hand.
Es gab kein festgelegtes Prozedere bei solch einem Zwischenfall.
Nur Empfehlungen.
Eine davon lautete, den Sauerstoffverbrauch zu reduzieren, von Notfallrationen zu leben, die unter dem Rücksitz in einer blauen Box verstaut waren und durchzuhalten.
Möglicherweise kam einem der Wissenschaftler bei MTDR der rettende Gedanke.
Eine andere Empfehlung lautete, die Schotten des Gliders per Notentriegelung zu öffnen. In diesem Fall würde der Glider binnen Sekunden auf die Größe einer Streichholzschachtel gefaltet. Inklusive der Insassen.
Eine letzte Möglichkeit war, jede Verrücktheit auszuprobieren, die einem einfallen konnte, um einen Weg aus der Todesfalle zu finden.
Ken entschied sich für letztere Möglichkeit. Er hämmerte auf den Instrumenten herum, als könne er damit dem Unausweichlichen entgehen.
Vergebens.
Der Glider war nicht in der Lage, innerhalb des Zeitstroms das TT/TW-Feld aufzubauen, um die Reise fortzusetzen.
»Wir sitzen in der Falle!«, sagte Dan nach gut 15 Minuten tonlos. Seine Augen waren geweitet, Schweiß troff von seiner Stirn. »Wir werden in diesem Nichts krepieren.«
Agentin Carpet nickte. »Es gibt viele Wege, bei einer Zeitreise zu sterben. Das hier ist sicherlich der schlimmste. Wäre der Glider instabil gewesen, wir hätten unseren Tod nicht einmal bemerkt. Der Druck von außen ist so groß …«
»Wir sollten warten«, schlug Claire vor. »Es gibt noch andere Glider. Vielleicht versucht die MTDR einen Rettungsversuch.«
»Es gibt keine Rettung!«, schrie Dan. »Man kann keinen Glider in Schlepp nehmen, das weißt du. Wir sind verloren!«
»Wir sind dann verloren, wenn der Sauerstoff zur Neige geht und wir hier drin ersticken. Aber so lange werden wir nicht aufgeben!«, schrie Claire ebenso laut. Sie blitzte Dan an. »Ich will nicht …«
»Fuck!« Dan ließ die junge Frau nicht aussprechen. Er warf sich nach links und packte den Griff der Notverriegelung.
»Nein!«, brüllte Claire. Sie wollte zwischen den Sitzen hindurch greifen, um ihn zu stoppen. Aber ihre Finger glitten an seinen Armen ab.
»Achtung! Öffnen der Luke im Zeitstrom führt zur sofortigen Zerstörung des Gliders!«, erklang eine Computerstimme, als Dan die Notentriegelung betätigte. Sie hatte eine eingebaute Sicherung. Erst musste man sie zur Hälfte öffnen. Geschah dies, warnte einen der Computer vor den Folgen. Anschließend musste man den Hebel mit Kraft die restliche Strecke zu sich ziehen, um die Entriegelung durchzuführen.
»Dan, wir sollten warten!«, riet Agentin Carpet. Sie legte eine Hand auf Dans Schulter. »Dazu ist noch immer Zeit. Im Moment …«
Doch der junge Mann hörte nicht. Er wollte nicht hören, wollte nicht auf das Unvermeidliche warten. Adrenalin rauschte durch seine Adern, sein Blickfeld war eingeschränkt. Noch nie zuvor hatte er unter solchem Stress gestanden.
»Nein! Es ist sinnlos!«
»Ist es nicht!«, widersprach die Agentin. »Die Zentrale weiß, was geschehen ist. Sie setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um uns hier rauszuholen. Also hör auf.«
Sie zerrte Dan zurück in seinen Sitz, beugte sich über ihn und schloss die teils geöffnete Notentriegelung.
»Es gibt keine Rettung!«, wiederholte Dan. »Ihr wisst es. Ihr wollt es nur nicht wahrhaben. Wir sitzen hier, essen Notrationen und pinkeln in die Hose, weil es kein Klo gibt. Dann ist der Sauerstoff zu Ende und wir krepieren.«
Er warf den Kopf zurück.
»Dan, niemand will sterben. Vor allem aber will niemand sterben, bevor es unumgänglich ist. Wir warten.«
Ken klang autoritär. Obwohl ihm keine Befehlsgewalt zukam, auch wenn er den Glider steuerte. Drei Tage Training lagen hinter ihm. Drei intensive Tage, in denen er und Claire sich mit der Steuerung vertraut gemacht hatten.
Drei Tage auch, in denen Dan die Bedienung der wissenschaftlichen Instrumente erlernt hatte. Ihm machte es nichts aus, auf der Rückbank zu sitzen. Mehr noch – die wissenschaftlichen Daten waren wichtiger, als von Punkt A nach Punkt B zu fliegen. Ken und Claire konnten die Taxifahrer geben. Aber die Daten, die er und Francine sammelten, würden am Ende von Bedeutung sein.
Die er und Francine gesammelt hätten, wie er nun bitter dachte. Denn sie würden nichts sammeln. Hier, inmitten des Zeitstroms, endete das Abenteuer, bevor es richtig begonnen hatte. Der erste Start und er führte direkt in den Tod.
Francine legte dem jungen Mann die Hand auf die Schulter. »Was auch geschieht – wir sterben in Erfüllung unserer Pflicht. Das ist sehr viel wert.« Sie sprach sanft, obwohl auch in ihrer Stimme Angst und Resignation lagen.
Dan seufzte leise. »Ich will nicht auf den Tod warten. Ich will, dass er schnell kommt. Das ist alles. Hier zu sitzen …«
»Aber diese Entscheidung müssen wir gemeinsam treffen.« Sie schenkte ihm ein sanftes Lächeln, dann schloss sie die Augen und lehnte sich zurück. Es gab nichts, was sie hätte tun können. Hier im Zeitstrom gab es keine Daten zu sammeln. Sie konnte auch nicht aussteigen und schieben.
Weitere Wesen klatschten gegen die Scheibe. Sie war nun über und über mit diesen flachen Biestern bedeckt, sodass die vier Reisenden nicht mehr hinaussehen konnten.
Ken schaltete die starken Strahler ab. Sie waren sinnlos geworden.

II

Als Claire erwachte, zeigte der Sauerstoffpegel bereits einen kritischen Wert an. Es war unerträglich heiß und stickig geworden, die Luft roch nach Schweiß und … Angst.
Sie hatten ausgeharrt.
Stunden.
Vergebens.
Nun blieb ihnen noch Sauerstoff für etwa 45 Minuten. Dann war es vorbei; endgültig.
Zeit, um mit sich und Gott Frieden zu machen.
Claire hatte nie an eine höhere Macht geglaubt. Nun, im Angesicht des Unvermeidlichen, dachte sie intensiv über dieses Thema nach.
Gab es ein Jenseits? Ein Erwachen in einer besseren – oder schlechteren – Welt?
Sie hatten die Jenseitswelt besucht. Würde sie dorthin reisen, wenn sie ihren Körper verließ? Oder war der echte, der reale Tod etwas ganz anderes; nicht zu vergleichen mit dem, was sie damals erlebt hatten?
Sie schaute zu Ken. Ihr Freund schlief noch. So wie Dan und Francine auf dem Rücksitz. Mit etwas Glück würden sie schlafend sterben, ohne noch einmal zu erwachen.
Andererseits – wie sollte sie sich von Ken verabschieden? Wie ihm sagen, wie groß ihre Liebe war?
Sie drehte den Kopf und schaute nach hinten, als sie dort eine Bewegung wahrnahm. Dan bewegte sich, blinzelte und schlug schließlich die Augen auf.
Claire sah die Angst und den Schmerz in seinen Augen, als er sich ihrer ausweglosen Situation bewusst wurde. Sie alle waren eingeschlafen in der Hoffnung, durch eine Rettungsaktion der MTDR geweckt zu werden.
Nun mussten sie begreifen, dass es keine Rettung gab.
Francine und Ken bewegten sich ebenfalls, erwachten und schauten sich um.
Sie hatten noch Sauerstoff für 42 Minuten.
»Es kommt niemand, um uns zu retten«, murmelte Dan. »Die Hitze ist unerträglich. Wenn ich nicht bald auf einen Lokus komme, wird der Gestank hier drin noch schlimmer. 40 Minuten halte ich das nicht mehr aus.«
»Ich auch nicht«, gab Francine zu. Sie schaute verlegen. Schon jetzt spürte sie ein paar feuchte Flecke in ihren Slip. Sie hatte versucht, so gut wie möglich einzuhalten, doch im Schlaf war das Unvermeidliche geschehen.
»Beenden wir es«, sagte Ken mit fester Stimme. »Es ist vorbei, die letzten Minuten pure Qual. Das … macht keinen Sinn mehr.«
Claire nickte. Sie umschlang den Hals ihres Freundes und küsste ihn. Sie würde ihn auch in den letzten Sekunden ihres Lebens nicht loslassen.
Dan öffnete die Notentriegelung. Abermals meldete der Computer die Gefahr.
Diesmal hielt niemand den ehemaligen Studenten auf. Er schaute zu den anderen, nickte, als wolle er sich verabschieden – und öffnete die Verriegelung.
Claire schloss die Augen. Theoretisch würden sie in Sekunden sterben. Zu schnell, als dass sie bewusst Schmerz empfinden konnte. Dennoch bereitete sie sich auf die Qual vor, zerquetscht zu werden.
Ein hässliches Zischen und Knacken erklang, der Glider erzitterte. Sie spürte ein Ansteigen des Drucks, gepaart mit einem tauben Gefühl in den Ohren.
Jetzt sterben wir, dachte sie. Dann fiel gleißende Helligkeit in das Shuttle. So grell, dass sie es trotz der geschlossenen Augen wahrnahm.
Bin ich schon tot?, dachte sie für einen Moment verwirrt.
Sie öffnete die Augen und schaute zu der geöffneten Luke. Sie musste blinzeln, denn das grelle Licht blendete sie.
Schemenhaft nahm sie Gestalten wahr, die vor dem Glider zu stehen schienen. Aber dies war unmöglich, sie …
»Es ist vorbei!«, hörte sie eine vertraute Stimme sagen. Sie gehörte dem Flugingenieur, der den Trip der Reisenden von seinem Kontrollpult aus verfolgte. »Ihr seid am Leben, es ist nichts geschehen. Es war eine Simulation.«
Nicht nur Claire glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu können. Auch die anderen schauten sich verblüfft an.
Dan war es, der sich zuerst aus dem Glider bewegte. Er tat dies vorsichtig, denn seine Glieder waren eingerostet.
Drohend baute er sich vor dem Flugingenieur auf. »Eine Simulation?«, fragte er dabei leise. So leise, dass sich Claire wunderte, woher er diese Fassung nahm. »Wir haben diese Halle nie verlassen?«
»Nein!« Der Techniker lachte leise. »Wir schufen die perfekte Illusion. Zum einen wollten wir sehen, wie Sie mit der Situation umgehen, zum anderen …«
Weiter kam er nicht, denn Dan hatte zugeschlagen. Seine Faust krachte gegen die Nase des Mannes, ließ sie zur Seite knicken und schließlich brechen. »So gehen wir damit um!«, brüllte Dan dabei. »Soll ich es Ihnen noch einmal zeigen, Sie elender Mistkerl?«
Wachen eilten herbei, um den jungen Mann zu beruhigen.
Der Flugingenieur schaute anklagend zu Francine, als auch sie den Glider verließ. »Dieser Cro Magnon hat mich geschlagen«, näselte er, als die Agentin vor ihm stand. Blut tropfte auf seine Uniform, obwohl er die Nase mit zwei Fingern zusammendrückte.
»Gebrochen?«, fragte die Agentin.
Der Techniker nickte.
»Schade, dann kam er mir zuvor. Aber das hier …« Sie holte aus und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. »Das hier kann ich noch tun.« Damit wandte sie sich ab und ließ den Mann stehen. Sie bemühte sich, Selbstachtung zu wahren. Aber dies war ihr kaum möglich, denn jeder in dem Hangar musste den nassen Fleck zwischen ihren Beinen bemerken.
Claire und Ken ließen es dabei bewenden, obwohl auch sie vor Wut kochten. Die Erleichterung, nicht von den Kräften im Zeitstrom zerquetscht worden zu sein, überwog jedoch.
Sie verließen den Hangar und gingen zu ihren Quartieren. Sie brauchten eine Dusche, frische Wäsche und einen Drink, um die zurückliegenden Stunden zu verkraften.
Sie hatten sich mit dem Unausweichlichen konfrontiert gesehen. Nun kamen sie sich vor wie Laborraten in einem perfiden Experiment.

Zwei Stunden später trafen sie sich in der Kantine. Sie wollten noch einen Happen essen, ehe sie zu Bett gingen.
Der Flug, der echte Flug, war auf den nächsten Morgen Punkt 08:30 terminiert worden. Diesmal würden sie aufbrechen; dessen waren sie sich sicher. Allein schon, weil die Nase des Flugtechnikers geschwollen und tamponiert ein Mahnmal für seine Kollegen darstellte. Noch so eine miese Tour, und er würde auch einen stabilen Verband um die Rippen benötigen.

Kapitel 3

I

Im Zeitstrom, Datum unbekannt

Die Dunkelheit rings um den Gleiter war dicht und wattig. Drei flache Wesen klebten außen an der Frontscheibe. Mit ihren Zähnen versuchten sie, ins Innere zu gelangen, doch sie rutschten auf dem Spezialkunststoff ab.
»Wenn das wieder eine Simulation ist, reiße ich dem Flugingenieur die Eier ab. Das meine ich wörtlich«, erklärte Dan bestimmt. Er schaute auf den Monitor. »Bislang keine Fluktuationen im Antrieb oder dem Zeitstrom.«
»Wir sind auf Kurs«, bestätigte Ken. »Alle Systeme arbeiten einwandfrei, geplante Ankunft in T minus fünf Minuten.«
»Welt 2-0-5 Alpha. Ich bin ziemlich gespannt, wie sie aussieht«, ließ sich Claire vernehmen. »Ob es dort Menschen gibt? Eine Zivilisation?«
»Wir werden es in wenigen Minuten wissen«, erwiderte Francine Carpet mit einem sanften Lächeln. »Ich bin nicht schlauer als du.«
»Wir waren in so vielen Welten und verschiedenen Zeiten. Jedes Mal, wenn wir den Knopf gedrückt haben, begann die Reise ins Ungewisse. Nun sitzen wir in einem Glider. Der Knopf ist größer, wir haben die Beschleunigung überstanden und jetzt …«
»Jetzt treten wir in den Landeanflug ein«, unterbrach Ken seine Freundin.
Er betätigte die Kontrollen des Thunderbirds und machte sich bereit, aus dem Zeitstrom auszutreten. Die flachen Biester außen an der Scheibe nahmen die Änderungen der Schwingungen wahr und lösten sich.
In der Ferne tauchte ein heller Punkt auf, der rasch näher kam. Es sah aus wie das Licht am Ende eines Tunnels.
Je näher sie dem Punkt kamen, umso deutlicher wurde jedoch, dass dies der Austrittspunkt war. Ein Wirbel, der mehrere Meilen über dem anvisierten Landungsziel in die Atmosphäre der Zielwelt mündete.
»Bereitmachen!«, rief Dan von der Rückbank. »Ich bekomme die ersten Daten rein. Atmosphäre ähnlich unserer Welt. Etwas mehr Sauerstoff, ähnlich hoher Verschmutzungsgrad. 34 Grad Celsius …« Er drehte den Kopf. »Warum misst dieser Computer die Temperatur in Celsius?«, fragte er die Agentin.
»Deutsche Technik, deutsche Einheiten.« Sie zuckte mit den Schultern.
»Wie auch immer …« Dan ging die Werte schweigend durch, konnte jedoch keine Gefahren finden. »Wir haben nichts zu befürchten.«
»Das entspricht den Ergebnissen der Sonde.« Agentin Carpet schaute aus dem Fenster. Ihre Hände schlossen sich eng um die Lehnen ihres Sitzes. Auch bei der vermissten Crew hatte alles gut ausgesehen. Der Eintrittspunkt war klar und deutlich zu sehen gewesen, die Sensoren hatten keine Auffälligkeiten gezeigt.
Doch dann …
Bestand die Gefahr einer Wiederholung auch jetzt? Musste sie fürchten, dass der Thunderbird genau wie der T-Rex in Stücke gerissen wurde?
Wenn, das war ihr klar, würde das Programm auf Jahre hin eingestampft werden. Keiner würde sich auf die Suche nach ihnen machen. Ihre Begleiter wussten es nicht. Es wäre auch sinnlos gewesen, es ihnen zu sagen. Die Angst wäre ihr ständiger Begleiter gewesen.
»Austritt in zehn Sekunden. In neun, acht, sieben, sechs, fünf …«
Francine hörte den Countdown. Bei zwei hatte der T-Rex versagt, war zurück in den Zeitstrom geschleudert worden und dort …
»Vier, drei …«
Die Agentin schloss die Augen. Bitte halte durch. Bitte, halte durch.
Eine Alarmsirene schrillte. Laut, gellend hallte sie in dem Glider wider. Erschrocken riss Francine die Augen auf. Der Monitor vor ihr zeigte absurde Werte an. Atmosphäre, Gravitation – nichts schien zu stimmen.
»Rückkehr in Zeitstrom!«, meldete der Computer.
»Nein!«, erwiderte Ken bestimmt. Er schaltete den Autopiloten ab und ergriff das Steuer. »Du bleibst, wo du bist.«
»Lebensfeindliche Umgebung. Rückkehr in Zeitstrom ist unabdingbar. Nottransfer wird initialisiert. Manuelle Steuerung kann nicht aktiviert werden.«
Claire schaute sich um. Die Daten, welche die Sonden lieferten, ergaben keinen Sinn. Das, was sie in dem Wirbel erkennen konnte, entsprach nicht dem, was auf ihren Monitoren flimmerte.
»Nottransfer wird in zehn …«
Claires Finger huschten über die Kontrollen. Sie erinnerte sich nicht an jedes Detail aus dem Handbuch, aber eines hatte sie sich gemerkt – den Code, um den Bordcomputer definitiv abzuschalten.
Auf einem roten Display leuchteten die Sekunden bis zum Nottransfer. Claire kämpfte gegen die Zeit an.
Als sie den Eingabeknopf drückte, um den Befehl abzuschicken, zeigte die rote Anzeige eine Drei.
Als der Computer akzeptierte und abschaltete, war es eine Eins.
Dann erlosch das Display, Ken konnte die Steuerung übernehmen und den Glider in einen stabilen Flug zwingen. Der Wirbel spie sie aus, blauer Himmel umgab sie.
Unter ihnen erstreckte sich ein weites Land. Sie sahen Flüsse und Täler, im Hintergrund erstreckte sich ein blauer Ozean.
»Menschen!« Claire deutete nach unten. Mit bloßem Auge war nicht zu erkennen, was sich unter ihnen tat. Doch die Spezialkameras an Heck und Bug des Gliders waren wie perfekt ausgebildete Augen. Sie übertrugen das Geschehen auf die Monitore.
»Wir haben noch einige Meilen Flug vor uns. Alle Systeme stabil. Jetzt, da der Computer nicht mehr glaubt, wir würden uns in einer feindlichen Umgebung befinden.«
»Das war gute Arbeit!«, lobte Agentin Carpet. »Ich denke, wir haben nun eine Ahnung, was dem T-Rex und seiner Besatzung widerfuhr. Gut, dass ihr beide so besonnen reagiert habt.«
Claire drehte den Kopf. »Wir haben zu viele Weltenreisen hinter uns, um rasch nervös zu werden.« Sie grinste. Adrenalin rauschte durch ihre Adern, sie fühlte sich so lebendig wie schon lange nicht mehr.

II

»Zielkoordinaten voraus.« Ken steuerte den Glider in die Tiefe. »Ich erkenne … Pyramiden und Tempel. Das ist …«
»Das sieht aus wie im alten Ägypten. Aber an dieser Pyramide wird gearbeitet«, staunte Claire. »Es ist, als würde hier eine Kultur wie jene in Kemet herrschen. Aber … modern. Motorräder, Wagen, eine Bahn. Das ist bizarr.«
»Ja, ist es«, bestätigte Agentin Carpet. Sie suchte eine geeignete Landestelle. »Ich hab einen Platz außerhalb besiedelter Gegenden gefunden. Dort können wir landen und den Thunderbird verstecken. Anschließend spüren wir die
Trümmer des T-Rex auf, suchen nach Überlebenden der gescheiterten Mission und verschwinden.«
»Einverstanden.« Ken schaute über die Schulter zu Francine. »Du musst mir die Daten ansagen, da der Computer noch immer deaktiviert ist. Ehrlich gesagt möchte ich ihn auch nicht einschalten, bevor wir gelandet sind. Wer weiß, auf welche Ideen er kommt.«
»Einverstanden!« Francine nannte die Daten, Ken flog den Glider in die angegebene Richtung und bald schon sah er weites, ödes Land.
»Eine Wüste, wie schön«, grummelte er. Doch dann entdeckte er eine Felswand, in der Öffnungen klafften.
»Eine Höhle«, meldete Dan, der die Wand gescannt hatte. »Du musst die zweite Reihe von oben anfliegen, die elfte Spalte von links.«
»Okay.« Ken steuerte die besagte Höhle an, übergab aber dann an Claire. »Ich habe die besseren Reflexe, aber du die größere Ruhe. Bring den Donnervogel rein.«
Claire nickte und übernahm das Steuer. Vorsichtig flog sie die Wand an, manövrierte den Thunderbird durch den engen Eingang und hielt ihn kurz über dem Boden in der Schwebe.
Die Strahler rissen Felsmalereien aus dem Dunkel, aber auch ein paar uralte Vasen.
Langsam setzte sie den Thunderbird ab, deaktivierte den Antrieb und atmete tief durch. »Wir sind gelandet.«
»Verdammt gute Arbeit!«, lobte die Agentin. »Jetzt müssen wir die Trümmer finden. Ihr habt eure PDAs dabei?«
»Dabei und einsatzbereit!«, bestätigte Dan, während er seinen Handheld hob. »Mit den Sensoren sollte es uns möglich sein, den verlorenen T-Rex zu finden.«
Er öffnete die Luke des Gliders und stieg aus. Seine Uniform war geschmeidig, hatte der Hitze, die in diesem steinernen Raum herrschte, jedoch nichts entgegenzusetzen. »Fuck«, stöhnte er. »Das ist ja wie in der Sauna.«
Claire, Ken und Francine folgten ihm und spürten nur Sekunden später, was er meinte. Die Hitze war schier unerträglich. Hier, in den Höhlen, staute sie sich. Es gab keinen kühlen Hauch, der Frische brachte.
»Gehen wir«, riet die Agentin. »Draußen ist es besser.«
Sie ging zum Höhleneingang und schaute hinaus. Die Wände waren steil, aber zerklüftet. Es würde etwas Mühe kosten, sie hinabzuklettern; unmöglich war es jedoch nicht.
»Wer macht den Anfang?«, fragte Francine, während sie in die Tiefe schaute. »Freiwillige vor.«
»Also, dann wollen wir mal.« Dan schwang sich über die Kante, griff nach einem Stein und begann, sich in die Tiefe zu hangeln.
Stück für Stück gelang es ihm, hinab auf den sandigen Grund zu klettern. Mehrfach musste er innehalten, eine Hand von der Wand lösen und sich den Schweiß aus der Stirn wischen.
»Ich bin gleich unten!«, rief er hinauf. »Es ist einfacher als gedacht. Vor allem, wenn man …«
Seine Hand glitt ab. Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, geriet er in eine gefährliche Schieflage. Seine Füße rutschten über den Stein, dann fiel er.
Claire, die über ihm an der Kante stand und hinab zu ihm schaute, sah seinen entsetzten Gesichtsausdruck. Die schreckgeweiteten Augen, der zu einem Schrei geöffnete Mund.
Dan kam nicht mehr dazu, ihn auch auszustoßen, denn schon landete er in dem weichen, warmen Sand.
Claire grinste, ehe sie sich abwandte. »Ich schätze, die letzten Zentimeter haben ihn nicht umgebracht. Er ist dann jetzt unten.«
Sie schwang sich ebenfalls über die Kante und folgte Dan hinab. Der Aufstieg, das ahnte sie, würde deutlich beschwerlicher sein.
Es dauerte noch mehrere Minuten, bis die gesamte Gruppe am Fuß der Steinwand stand und an ihr hinaufschaute. Die elfte Höhle in der zweiten Reihe von oben – dort stand der Glider. Zu ihm würden sie zurückkehren, wenn diese Mission erfolgreich abgeschlossen war.
So sie diese Mission denn erfolgreich abschließen konnten.
Francine legte Dan und Claire eine Hand auf die Schulter. »Bislang übertrefft ihr meine Erwartungen.«
»Wir sind ja auch die Timetraveller«, erwiderte Ken mit leicht ironischem Unterton. Dabei blinzelte er seinen Freunden zu.

Kapitel 4

I

Kemet, 2009/RPZ

Nefer-Neferu-Anpu erwachte und blinzelte in die Sonne, die in ihren Raum fiel und ihre Augen liebkoste.
Neben ihr, nackt und sinnlich, lag Alysha. Ein zufriedenes Lächeln umspielte die Lippen der jungen Frau, ihre Züge waren im Schlaf entspannt.
Als Sklavin wäre es nun ihre Pflicht gewesen, das Bett zu verlassen, um das Frühstück zu bereiten. Doch Alysha war keine Sklavin mehr und würde darum niemals wieder vor Nefer-Neferu-Anpu das Bett verlassen müssen, um sich um das Wohlbefinden ihrer Herrin zu kümmern.
Was bedeutet, dass ich mir heute zum ersten Mal seit langer Zeit das Frühstück selbst bereiten muss. Wir brauchen einen neuen Sklaven oder eine neue Sklavin.
Die Agentin hauchte ihrer Gefährtin einen Kuss auf die Stirn, ehe sie die Beine aus dem Bett schwang und sich räkelte.
In der Kultur Kemets war kein Raum für Homophobie, Scham und ängstliches Verschweigen. Männer und Frauen waren frei, sich in jeden anderen Menschen zu verlieben. Bindungen wurden geschlossen, konnten aber auch wieder gelöst werden. Dies vereinfachte das Zusammenleben enorm.
Nefer-Neferu-Anpu kannte Berichte von Kulturen, die völlig anders lebten. Sie hatte jedoch nie den Eindruck gewonnen, dass diese Kulturen ein besseres Leben führten.
Im Gegenteil – unterdrückte Gefühle konnten Auslöser großer Probleme sein. Vielleicht geht man dann sogar hin und sprengt sich sowie andere Menschen in den Tod.
Sie betrat das Bad und begann, ihren Körper mit Asche einzureiben. Dabei schaute sie aus dem Fenster in einen strahlend blauen Himmel. Etwas liegt in der Luft. Auch wenn ich nicht weiß, was das ist.
Sie wusch die Asche und die Haare ab, um sich anschließend einzuölen. Dabei dachte sie an die Aufgaben, die vor ihr lagen.
Gerade als sie zum großen Bad gehen wollte, nahm sie den köstlichen Duft wahr, der aus der Küche drang.
»Alysha?«, fragte sie erstaunt.
»Ich mache Frühstück. Auch wenn ich nicht mehr deine Sklavin bin, sollte sich jemand um den Haushalt kümmern. Ich … weiß noch nicht, wie es weitergehen soll.«
»Ich auch nicht. Du solltest dir überlegen, wie du dein künftigen Leben gestalten möchtest. Vor allem benötigen wir einen Sklaven oder eine Sklavin. Wenn du auf den Markt gehen möchtest …«
»Gute Idee«, rief Alysha. »Willst du Eier?«
»Gerne.« Die Agentin betrat das Becken und spürte das warme Wasser ihren Körper umschmeicheln. Ein neuer Tag brauchte auch eine neue Ordnung der Dinge.
Und alte Probleme, wie sie feststellte, als ein sanfter Vierton durch das Haus schwang.
Alysha öffnete, und kurz darauf betrat ihr Kollege Maraka das große Bad.
Er blieb vor dem Becken stehen und schaute zu Nefer-Neferu-Anpu hinab. »Es gibt ein Bekennerschreiben. Wir wissen nun, wer hinter dem Anschlag steckt.«
»Ach was?«, fragte die Agentin. »Hast du das Schreiben mitgebracht?«
»Nein, es …« Maraka hielt inne, als Alysha das Bad betrat, ihren Umhang zu Boden gleiten ließ und in das Wasser stieg. Das Tablett mit dem Frühstück stellte sie dabei gekonnt auf den Rand des Beckens.
»Sklavin, ich möchte mich mit deiner Herrin unterhalten. Also lass uns alleine!« Der Agent schenkte der jungen Frau einen ärgerlichen Blick. Dass die beiden Frauen nackt waren, störte hingegen weder ihn noch sie.
»Alysha ist nicht länger meine Sklavin«, erklärte Nefer-Neferu-Anpu bestimmt. »Ich gab sie frei, um anschließend um sie werben zu können. Sie ist meine Gefährtin.«
Der Agent schürzte die Lippen. »Das ist großartig. Ausgerechnet du? Warst du nicht diejenige, die stets sagte, dass Liebe zwischen …« Er schwieg, als er ihren kühlen Blick auffing. »Wie dem auch sei – es gibt ein Bekennerschreiben.«
»Das sagtest du schon. Hast du es dabei? Kannst du es mir vorlesen? Nicht, dass es durch meine feuchten Hände zerstört wird.«
»Die Täter haben es nicht an uns oder den Großwesir geschickt, sondern an RTM. Wir erfuhren davon, als die Sondersendung begann.«
»Verdammt, das darf doch wohl nicht wahr sein. Haben diese Idioten denn kein Hirn im Kopf?« Nefer schlug auf das Wasser, sodass es nach oben spritzte. »Sie hätten uns informieren müssen. Ich hoffe, du hast jemanden dorthin geschickt, damit er denen den Arsch aufreißt.«
»Natürlich. Aber das ändert nichts daran, dass knapp die Hälfte aller Einwohner während des Frühstücks erfahren hat, dass eine Sekte von außerhalb für die Zerstörung unserer Zentrale zuständig ist. Wobei diese Botschaft allein noch nicht das Schlimme wäre, denn das konnte sich jeder halbwegs intelligente Mensch in Kemet denken. Seinen Körper zu zerstören weist deutlich in eine bestimmte Richtung.«
»Und was wäre das Schlimmste?«, fragte Nefer-Neferu-Anpu, wobei sie sich fragte, woher bei Anubis sie diese Geduld nahm.
»Dass sie gedroht haben, als nächstes Pharaos Palast in die Luft zu sprengen; inklusive Pharao und all seiner Lieben.«
Während Alysha erschrocken keuchte, blieb die Agentin gelassen. »Du hast die Wachen verstärken lassen?«
»Natürlich. Niemand kommt auch nur in die Nähe des Palasts. Nicht auszudenken, wenn Pharao tatsächlich von einer Bombe zerfetzt würde. Das wäre eine Katastrophe.«
»Für ihn, aber auch für jeden seiner Familie; mich eingeschlossen.« Nefer-Neferu-Anpu griff nach einer Gabel und begann, die Eier zu essen. »Jagen wir diese elende Sekte und bringen wir damit endlich Ruhe in die Stadt zurück.« Sie schaut zu Maraka. »Sonst noch etwas?«
»Nein, im Moment nicht. Wir sehen uns im Büro?«
»Im Container, der nun als Büro dient …« Die Agentin nickte ihrem Kollegen zu. »Wenn ich nur verstehen würde, was diese Idioten eigentlich wollen. Warum sprengen sie ausgerechnet den Sitz des Sicherheitsdienstes in die Luft?«
Alysha neigte den Kopf zur Seite. »Um dem Land zu zeigen, wie verletzlich es ist. Gelingt es dem Sicherheitsdienst nicht einmal, seine eigenen Besitztümer zu schützen, wie will es dann jene der Bewohner oder die des Pharaos schützen?«
»Das könnte tatsächlich der Punkt sein«, gab Nefer-Neferu-Anpu zu. »Ja, das wäre durchaus denkbar.«

II

»Haben wir einen Hinweis darauf, wo sich diese Sekte verschanzt?«, rief die Agentin, als sie zwei Stunden später ihr behelfsmäßiges Büro betrat. Es war in einem großen, weißen Container untergebracht. Das leise Brummen der Klimaanlage ging in den Worten einer Reporterin von RTM unter, die sich gemeinsam mit ihren Zuschauern über den Sicherheitsdienst aufregte. Schließlich habe der das Bekenner-Video beschlagnahmt; ein Film, der Radio Television Memphis gehörte.
Zumindest ihrer Meinung nach.
»Nein«, rief Maraka. Er saß an seinem Schreibtisch und schaute auf den Monitor seines neuen Computers. Der alte war bei dem Anschlag vernichtet worden.
»Sonst etwas Neues?«
»Augenzeugen haben ein seltsames Fluggerät gesehen, das über die Stadt hinweg flog und schließlich irgendwie über der Wüste verschwand.«
Nefer-Neferu-Anpu stöhnte leise. »Das darf doch wohl nicht wahr sein! Drehen denn jetzt alle durch?« Sie seufzte. »Wer bearbeitet den Fall?«
Maraka schaute sich um, dann zuckte er mit den Schultern. »Bislang niemand. Wir haben alle Wichtigeres zu tun.«
Sie nickte ergeben, deutete aber dann mit dem Finger auf ihn. »Gratulation; du hast soeben einen Ausflug in die Wüste gewonnen.«

III

»Hier soll das Fluggerät niedergegangen sein«, erklärte Maraka, während er seinen Blick über die Ebene schweifen ließ. »Erkennen kann ich jedoch nichts. Wenn es nicht im Sand verschwunden ist, dann …«
Nefer-Neferu-Anpu machte sich nicht die Mühe, ebenfalls den weiß-gelben Sand der Wüste abzusuchen. Ihr Blick klebte an der Felswand, die sich im Hintergrund erhob. Spalten und Höhlen durchzogen sie.
Als Kind war sie hierher gekommen, um die Felswand zu erklimmen.
In einer dieser Höhlen hatte sie zum ersten Mal in ihrem damals noch jungen Leben eine andere Frau geküsst. Keine Sklavin, sondern die Tochter eines Reporters.
Was sonst noch in jener Höhle geschah, würde ihr Geheimnis bleiben. Es hatte ihr Leben jedoch grundlegend geändert, das wusste sie inzwischen.
»Wir brauchen einen Antigrav-Transporter. Ich wette, wir finden das Fluggerät dort oben, in einer der Höhlen. Zumindest, wenn es existiert.«
»Warum bist du dir so sicher?«, wollte Maraka erstaunt wissen.
»Weil ich es dort oben verstecken würde. Und meine Ideen sind meist ziemlich gut. Also los, hol einen Antigrav her, damit wir uns das aus der Nähe anschauen können.«
Ihr Kollege nickte und kam der Aufforderung nach, während er zum Wagen ging. Inzwischen war es zu heiß, um im Freien zu warten.
Nefer-Neferu-Anpu stieg ebenfalls ein, startete den Motor und fuhr zu der Felswand.
Schon bevor sie diese erreichte, fielen ihr die Fußabdrücke auf. Da es an diesem Tag nahezu windstill war, zeichneten sie sich im Sand deutlich ab.
»Du hattest recht«, gab Maraka zu, nachdem sie am Ausgangsort der Spuren standen. Deutlich war zu erkennen, wo sich die vier Timetraveller in den Sand gelassen hatten.
»Dann wollen wir mal.« Nefer-Neferu-Anpu hatte keine Lust auf den Antigrav-Transporter zu warten. Stattdessen begann sie, die Nischen zu erklimmen.
»Pass auf, dass du nicht runterfällst!«, rief ihr Maraka nach. »Pharao wäre nicht erfreut, würdest du dir bei einer solch sinnlosen Aktion den Hals brechen.«
»So fürsorglich heute«, knurrte die Agentin, während sie sich Stück für Stück nach oben arbeitete. Sie schaute sich die Spalten und Öffnungen an. Die meisten waren zu klein, als dass man ein Fluggerät hätte hindurchsteuern können.
Nur wenige Höhlen kamen in Frage. Bedachte man zudem, dass dieses Fluggerät aus größerer Höhe nach einem Landeplatz gesucht hatte, blieb letztlich eine einzige Wahl.
In der Ferne war bereits das Brummen des Antigrav-Transporters zu hören, als Nefer-Neferu-Anpu besagten Steinraum erreichte, sich über die Kante wuchtete und vor einem großen, silbernen Shuttle stand. Danke Anubis, dachte sie zufrieden.
Vorsichtig ging sie um den Glider herum. Sie sah die fremden Zeichen und Zahlen, die amerikanische Flagge sowie die Luken, welche ins Innere führten.
Sie versuchte, diese zu öffnen, aber es gelang ihr nicht. Vermutlich benötigt man dazu einen Codegeber oder ähnliches, dachte sie.
Das Brummen des Transporters wurde lauter. Kurz darauf schwebte der Transporter vor der Höhle. Ein Steg wurde ausgefahren und Maraka trat zu ihr.
»Du hattest recht. Wie machst du das?«, fragte er nahezu ehrfürchtig.
»Anubis schenkte mir Weisheit. Du weißt doch, dass ich ihm geweiht bin.«
»Ich wurde Maat geweiht. Und doch sehe ich weniger als du.« Er winkte ab, noch bevor die Agentin etwas erwidern konnte. »Gleichviel. Wir haben das seltsame Fluggerät gefunden. Was machen wir nun damit? Nach Memphis bringen und von unseren Experten zerlegen lassen?«
»Nein, wir lassen es hier – unter strenger Bewachung der Wachen. Sie sollen dieses Shuttle nicht aus den Augen lassen.«
»Ich stelle zwei Patrouillen dafür ab.« Maraka griff nach seinem Kommunikationsgerät und gab die Anweisung weiter. »Denkst du, es hat etwas mit unserem aktuellen Problem zu tun?«, fragte er anschließend. »Ist es ein Transportmittel dieser Sekte?«
»Nein, das eher nicht.« Sie deutete auf das Sternenbanner am Heck des Thunderbirds. »Das hier habe ich schon einmal gesehen. Es ist schon eine Weile her, aber ja – ich kenne es.«
»Und was ist das für ein Symbol? Steht es für einen Gott?«
»Für ein Land«, wisperte Nefer-Neferu-Anpu. »Für ein Land in einer anderen Welt. Ich sah es in der Kleidung eines Mannes, der von sich behauptete, durch die Welten zu reisen.«

Kapitel 5

I

Kemet, 2009/RPZ

Das Team um Agent Carpet lief durch die Wüste. Dank ihrer PDAs wussten sie, wo die Trümmer lagen. Ob sie dort auch Leichen, Leichenteile oder gar Überlebende der Katastrophe finden würden, war ihnen jedoch nicht bekannt.
Gab es kein Anzeichen dafür, dass ein Mitglied der T-Rex-Crew überlebt hatte, würden sie jeglichen Kontakt mit den Menschen dieser Welt meiden, die Trümmer einsammeln und zurückkehren.
Gab es jedoch Hinweise darauf, dass einer der Wissenschaftler hier in dieser Welt gestrandet war, dann würden sie ihn suchen.
Hierzu hatte die MTDR genaue Regeln ausgearbeitet. Ein Plan, wie man bei minimalem Kontakt zu fremden Kulturen ein Maximum an Effizienz erreichen konnte.
Theoretisch zumindest, denn praktisch hatte es noch niemand erproben können.
Sie waren knapp dreißig Minuten durch den Sand gegangen, als alle Regeln und Pläne plötzlich obsolet wurden.
Dort, wo sich die Trümmer laut ihren Geräten befanden, erstreckte sich eine Oase. Palmen wuchsen in den blauen Himmel, aus einer Quelle floss klares, kühles Wasser in einen kleinen See. Einfache Häuser standen am Ufer, auf einem Feld wuchs Getreide. Kinder spielten, Männer und Frauen gingen ihrer Arbeit nach. Etwas abseits grasten Rinder auf einer Weide.
Dem Anschein nach zu urteilen war diese Siedlung auf Landwirtschaft ausgerichtet. Ein paar Farmer, die diese hübsche Oase nutzten, um ihrem Tagwerk nachzugehen.
»Wir werden Kontakt mit den Einheimischen aufnehmen müssen«, erklärte Ken, der einen Blick auf seinen PDA geworfen hatte. »Die Trümmer liegen irgendwo in der Oase.«
»Die liegen nicht irgendwo«, korrigierte ihn Dan, der deutlich geschickter mit dem Minicomputer umging als sein Freund, »sondern nord-westlich. Direkt hinter dem Ufer.«
»Dort stehen die Gebäude«, erkannte Claire. »Das bedeutet dann wohl, dass jemand die Trümmer geborgen hat.«
»Shit«, knurrte die Agentin. »Das hat uns gerade noch gefehlt. Ich dachte, wir könnten uns einen Erstkontakt ersparen. Dazu sind wir weder hier noch ausgebildet.«
Claire zuckte mit den Schultern. »Viele Menschen, die wir bei unseren Reisen trafen, waren hilfreich und freundlich.«
Ken verzog den Mund. Zwar hatte seine Freundin recht. Sie vergaß jedoch zu erwähnen, dass sehr viele Menschen das genaue Gegenteil gewesen waren. Narben und böse Erinnerungen in ihren Köpfen waren die Folgen.
Sie näherten sich dem See, fanden dort einen Weg und folgten ihm. Mehrere Frauen und Männer hielten in ihrer Arbeit inne und schauten zu ihnen rüber.
Claire nickte ihnen freundlich zu. Dass niemand diesen Gruß erwiderte, ignorierte sie nach Kräften. Sie wollte nicht daran glauben, dass man ihnen prinzipiell feindlich gesinnt war.
Sie erreichten das Dorf und gingen auf einen Mann zu, der vor einem Haus stand und sie anstarrte. Aufgrund seiner Körperhaltung, der Mimik und auch aufgrund seiner Kleidung – er trug einen weißen Kaftan und einen hohen Hut, um seinen Hals hing eine Kette mit einem verschlungenen Symbol – wirkte er wie jemand, der in diesem Dorf das Sagen hatte.
»Guten Tag«, grüßte Claire. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus glaubte sie, die diplomatische Rolle übernehmen zu müssen. »Wir …«
»Schweig, Weib!«, grollte der Einheimische mit tiefer, knirschender Stimme. »Ich weiß, wer ihr seid und was ihr wollt. Auch wenn mir nicht klar ist, wie ihr uns so schnell finden konntet. Elende …«
Obwohl die vier Timetraveller begriffen, dass ihnen diese Menschen alles andere als freundlich gesonnen waren, konnten sie nicht mehr rasch genug reagieren.
Plötzlich waren sie von bewaffneten Männern umringt. Mündungen modern und gleichzeitig bizarr aussehender Schusswaffen waren auf sie gerichtet.
Jener, den die Gruppe als Anführer ausgemacht hatte, trat vor und entwaffnete die Reisenden. Anschließend gab er seinen Freunden einen Wink.
»Wir wollen nichts Böses!«, rief Claire verzweifelt, während ihre Begleiter schwiegen und sich der Situation vorerst ergeben wollten. »Bitte, das ist …«
Sie kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Ein scharfer Schmerz zuckte plötzlich in ihrem Nacken auf, dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Sie wusste nicht, dass sie von dem Kolben eines Gewehrs niedergeknüppelt worden war; ebenso wie Ken und Francine.
Einzig Dan wurde verschont.
Der junge Mann stand neben seinen bewusstlosen Freunden und starrte in die Waffen. »Was soll die Scheiße?«, fragte er wütend. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Am liebsten hätte er zugeschlagen. Es fiel ihm schwer, sich zu beherrschen.
»Wir wissen, dass ihr für die Stadtwachen oder den Sicherheitsdienst arbeitet. Ihr tragt sogar eine Uniform.«
»Wir …«
»Schweig!«, donnerte der Kaftanträger. Er trat näher an Dan heran. Er stank nach Tabak und Schweiß. »Du gehst in die Stadt und sagst dem Sicherheitsdienst, dass wir drei seiner Leute haben. Wir bringen sie an einen geheimen Ort und werden ihnen Schmerzen zufügen, wenn unsere Forderungen nicht erfüllt werden.«
»Welche Forderungen?«, fragte Dan niedergeschlagen. Im war klar geworden, dass er mit diesem Mann nicht debattieren konnte. Zum einen würde ihm der Kaftanträger kein Wort glauben, zum anderen interessierte ihn die Wahrheit wahrscheinlich nicht. Er hatte Ziele, die er durchsetzen wollte. Der Fanatismus stand ihm ins Gesicht geschrieben.
»Das erfahrt ihr bald. Wir sind zahlreich und mächtig. Kommt heute um 20:00 Uhr zur Quelle der göttlichen Milch. Kommt … und seht.«
Dies war der Schlusssatz, wie Dan begriff, denn der Kaftanträger wandte sich ab. Zudem stießen ihn zwei Männer an. Da sie ihre Waffen benutzten, beeilte sich Dan, der Aufforderung nachzukommen.

II

Die Ausläufer der großen Stadt erinnerten Dan an jedes andere Suburb, welches er im Laufe der Zeit gesehen hatte. Als Kind war er herumgekommen; Des Moines, Newark, Seattle und Philadelphia waren Stationen in seinem noch jungen Leben gewesen.
Er kannte die Vororte der großen Städte, hatte in einigen von ihnen gewohnt. Kleine Häuser, gepflegte Rasen und saubere Straßen. Die Blicke der neugierigen Nachbarn, vor denen man nichts verbergen konnte, der sonntägliche Gottesdienst und Gemeindearbeit. Die große, weiß-rosa Torte, deren Zuckerguss nur dann einen Riss bekam, wenn die Nachbarsfrau eine Affäre mit dem Milchmann hatte oder jemand seinen Job verlor und plötzlich in die ärmeren Gegenden der Stadt ziehen musste.
Das wahre Amerika; Dan hatte es zu verabscheuen gelernt.
Hier, in Memphis, sah es kaum anders aus. Die Häuser gepflegt, die Gärten ordentlich. Männer und Frauen in spärlicher Kleidung bei der Arbeit, Wagen in Zufahrten und Spielzeug auf dem Rasen.
Anstelle einer Kirche erhob sich ein kleiner Tempel in der Mitte des Suburbs, ein Lieferservice brachte große Flaschen Mineralwasser zu den Häusern.
Wo immer der Mensch auch lebt, er richtet sich auf eine vergleichbare Weise ein. Und die Sprache ist auch hier verständlich. Eines der großen Phänomene
Dan spürte Hunger und Durst. Er war erschöpft, denn hinter ihm lag ein langer Marsch. Dennoch musste er weiter.
Hin und wieder schaute er sich um. Er hätte jeden der Menschen auf der Straße nach dem Büro des Sicherheitsdienstes fragen können, war sich jedoch sicher, dass dieses im Zentrum lag.
Und dorthin waren es noch ein paar Meilen.
Er bog auf eine große Straße ein und sah ein paar Geschäfte sowie einen Supermarkt. Der Durst wurde zunehmend quälender. Die Hitze lag jenseits der 30 Grad, er schwitzte in seiner Uniform.
Er wollte den Markt bereits passieren, als ihm ein rot-schwarz-goldener Wagen auffiel, der langsam vom Parkplatz rollte. Das Blaulicht auf dem Dach und die Schrift bewiesen, dass es sich bei dem Gefährt um einen Wagen der Stadtwache handelte; wahrscheinlich die Polizei dieser Stadt.
Er winkte den beiden Insassen zu.
»Was gibt es?«, fragte der Fahrer misstrauisch, nachdem er das Fenster heruntergelassen hatte. Dabei musterte er die Uniform des jungen Mannes.
»Freunde von mir wurden entführt. Wir … Ich habe eine Nachricht für den Sicherheitsdienst. Bitte, können Sie mich …«
Der Beamte stieg aus und gab Dan einen Stoß vor die Brust. »Wo kommst du her, Bursche? Und was willst du vom Sicherheitsdienst?«
»Wir … kommen von außerhalb«, hielt sich der Timetraveller an die vorgegebene Floskel. »Bitte, ich habe keine feindseligen Absichten. Wenn Sie mich nur zum …«
»Hier kam eben eine Nachricht vom Sicherheitsdienst durch«, rief der im Wagen verbliebene Beamte. »Wenn Fremde aufgegriffen werden, die nicht belegen können, woher sie kommen, sollen wir sie zu Nefer-Neferu-Anpu bringen.«
»Du hast Glück, Bursche. Oder Pech; je nachdem. Wir bringen dich direkt zum Sicherheitsdienst.« Er packte Dan am Arm und stieß ihn derb auf den Rücksitz des Wagens.
Zumindest muss ich nicht mehr laufen

III

Dan schaute sich um.
Man hatte ihn in einen Container gebracht, vorbei an Schreibtischen, Computern und Beamten, die allesamt verdammt ernst und verdammt angespannt wirkten.
Nun saß er in einem kleinen, stickig-heißen Raum und starrte in die dunklen Augen einer hübschen Frau.
Noch hatte er keine Gelegenheit gehabt, seine Geschichte zu wiederholen. Der kalte Blick der Agentin flößte ihm Respekt ein. Die Frau ihm gegenüber war nicht nur hübsch, sondern stolz und sich ihrer eigenen Stärke bewusst.
Sie schüchterte ihn allein dadurch ein, dass sie nicht die geringste Neugier, nicht eine Spur von Ungeduld zeigte.
»Woher kommst du?«, fragte sie und unterbrach die Stille nach einer Weile, die Dan wie eine Ewigkeit erschienen war.
»Von außerhalb. Wir wurden …«
Nefer-Neferu-Anpu hob die Hand.
»Von außerhalb?«, fragte sie. »Von wo genau?«
»Das ist ein bisschen kompliziert«, erwiderte der Timetraveller. Hören Sie, wir …«
Abermals hob sie die Hand und hieß ihn schweigen. Sie nahm ihren PDA zur Hand und rief ein Bild auf, welches sie mit der integrierten Kamera geschossen hatte.
Dann legte sie das Gerät auf den Tisch. Deutlich war der Donnervogel zu erkennen.
»Das ist …«, murmelte Dan. Er war nicht darauf gefasst, dass jemand derart rasch den Glider entdeckt hatte. »Nun ja, das …«
»Ein hübsches Stück Technik«, erklärte Nefer-Neferu-Anpu. »Wir schafften es nicht, ins Innere zu gelangen. Noch nicht. Aber ich könnte unsere Experten an den Schließmechanismus setzen. Dann haben wir die Kiste ruckzuck auf.«
»Nun ja, ich weiß nicht …« Dan fühlte sich in diesem Moment hilflos. »Wir müssen …«
»Wir könnten das Ding auch zerstören«, sinnierte die Agentin. »Wer weiß, welche Gefahren von ihm ausgehen. Es geschieht viel in den letzten Tagen. Unser Bürogebäude wurde gesprengt, wüste Drohungen gegen Pharao machen die Runde, RTM sucht unter jedem Stein einen Funken, um den Brand der Sensation am Leben zu halten … Besser, wir gehen kein Risiko ein …«
»Nein, bitte … Der Glider stellt keine Bedrohung dar. Wir wollen niemandem schaden.«
Nefer-Neferu-Anpu schlug auf den Tisch. »Also schön, dann wollen wir Klartext reden. Du und deine Freunde – ihr kommt aus einer fremden Welt. Ihr habt eine Weltenreise hinter euch und sucht etwas. Ihr habt eine bestimmte Mission und die hat nichts mit Forschung zu tun.«
»Woher …?«, rief Dan verblüfft.
»Ich kenne die Flagge auf dem Glider.« Sie benutzte seinen Ausdruck. »USA, nicht wahr? Vor einiger Zeit war schon einmal ein Reisender hier. Er sagte, er suche seine Schwester.«
»Markui!«, entfuhr es Dan. »Hat er …«
»Nein, hat er nicht. Aber er trug Kleidung, in der eine solche Flagge zu sehen war. Gleichviel; er verschwand wieder. Trug nur ein Armband, mit dem er in seine Welt zurückkehren konnte.«
»Einst waren wir gemeinsam unterwegs. Aber das ist eine andere Geschichte.« Dan lächelte verkrampft. »Ist es nicht komisch für Sie, dass wir durch Welten reisen?«
»Komisch?« Nefer-Neferu-Anpu lachte. »Nein, eher dämlich. Wir gaben die Projekte, die sich mit Weltenreisen befassten, schon vor Jahren auf. Zu große Risiken bei zu geringem Nutzen. Nach ein paar Ausflügen in andere Welten stellten wir die Forschung auf diesem Gebiet ein. Wir stecken unsere Energien und Ressourcen in wichtigere Themen.«
Sie setzte sich. »Was wollt ihr in dieser Welt?«
»Vor einiger Zeit startete ein erstes Team. Der Glider ist neu, wir sind noch am Beginn der Erforschung«, gab Dan zu. »Nun ja, dieser Glider ging verloren. Er wurde zerstört, die Trümmer auf verschiedene Welten verstreut. In einer Oase mehrere Meilen außerhalb liegen ein paar dieser Trümmer. Diese wollten wir bergen sowie nach der Crew des verunglückten Gliders suchen.« Er kniff die Augen zusammen. »Woher wussten Sie, dass wir nicht kamen, um diese Welt zu erforschen?«
»Weil es dämlich wäre, eine fremde Welt in solch einer Aufmachung erforschen zu wollen. Du hättest unsere Kleidung tragen müssen, dich unauffällig in die Stadt schleichen … Nicht wie ein Clown vor der Vorstellung durch die Straßen gehen und einen Wagen der Stadtwachen aufhalten. Das passt nicht zu einem Forscher.«
»Stimmt.« Dan atmete tief durch. »Wir kamen zu dieser Oase, sprachen die Bewohner an – und gerieten damit offenbar an die Falschen.«
In knappen Sätzen schilderte Dan, was ihm und den anderen widerfahren war. Zum Schluss wiederholte er die Forderung des Kaftanträgers.
»Das ist sehr hilfreich«, erklärte die Agentin. »Auch wenn ich nicht weiß, was diese Spinner wollen. Aber das finden wir nun wohl raus.«
Nefer-Neferu-Anpu bedeutete Dan, auf seinem Platz zu bleiben, während sie selbst das Büro verließ. Seit dem Anschlag suchten sie nach einem konkreten Hinweis.
Nun hatten sie ihn und würden die Bastarde in den Duat schicken, damit sich der Seelenfresser ihrer annehmen konnte.

Kapitel 6

I

Kemet, 2009/RPZ

Francine Carpet erwachte und blinzelte in eine wattige Finsternis. Ihr Kopf schmerzte, ihr Nacken war steif.
»Claire?«, fragte sie mit heiserer Stimme, »Ken? Dan?«
»Dan ist nicht hier«, kam eine leise, weibliche Stimme aus der Dunkelheit zurück. »Keine Ahnung, was sie mit ihm gemacht haben, aber hier unten sind nur wir drei.«
»Gut.« Die Agentin griff nach ihren Waffen, aber diese waren nicht vorhanden. Wäre auch zu schön gewesen
Sie stand auf, kämpfte kurz gegen den Schwindel an und durchmaß dann den Raum. Nach nur sechs Schritten stieß sie gegen eine Wand.
Die Agentin blinzelte mehrmals, konnte aber die Finsternis nicht durchdringen. Darum verließ sie sich auf ihre Hände und begann, die Wand abzutasten.
Lange dauerte es nicht, bis sich der raue Untergrund unter ihren Fingern änderte. War er zuerst rau und hart, wurde er nun glatt und kalt.
Eine Metalltür.
Francine tastete sich weiter und fand das Schloss.
»Claire, hast du deine Haarspange noch?«
Die junge Frau tastete nach ihrem Kopfschmuck, der gleichzeitig die Haare im Zaum hielt. Sie fand die Spange, nahm sie zur Hand und tappte zu Francine.
»Kann ich mich nützlich machen?«, fragte Ken aus dem Hintergrund. Er streckte sich, stöhnte dann aber, da auch ihm der Schädel brummte.
»Wenn wir die Tür aufhaben, brauchen wir vielleicht jede Faust«, erwiderte die Agentin. Sie nahm die Spange entgegen, kauerte sich vor die Tür und begann, sich an dem Schloss zu schaffen zu machen.
Es dauerte einen Moment, bis sie das charakteristische Klicken hörte.
Kurz darauf konnte sie die Tür vorsichtig einen Spalt öffnen. Sofort fiel ein heller Lichtstreifen in die Zelle.
Francine beging nicht den Fehler, die Tür sofort aufzureißen. Zum einen hätte sie das grelle Licht geblendet, zum anderen hätte man sie leicht überwältigen können.
Darum wartete sie einen Moment, um sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Sie blinzelte, schaute sich um und sah, dass sie sich in einer Zelle befanden, kaum drei Meter im Quadrat. Es gab keine Stühle, Pritschen oder sonstige Möbel. Man hatte sie einfach in das Verließ geworfen und die Tür abgesperrt; fertig.
Ken beeilte sich, zu den beiden Frauen aufzuschließen. Auch er blinzelte. Die Nachwirkungen des Schlags spürte er kaum noch; seine durch die Medizin verbesserte Konstitution sorgte dafür, dass er den Hieb wegsteckte.
Nach ein, zwei Minuten drückte Francine die Tür weiter auf, Stück für Stück. Sie rechnete damit, dass jemand auf sie aufmerksam würde, aber das geschah nicht.
Erst, als sie die Tür zur Gänze geöffnet hatte, sah sie die beiden Wärter. Sie hockten nebeneinander auf einfachen Stühlen und starrten gebannt auf den Screen eines kleinen PDAs. Hin und wieder lachten sie auch.
Ken grinste boshaft, während er sich gemeinsam mit Francine anschlich. Sie nickten einander zu, dann räusperten sie sich.
Die Wachen fuhren herum, erschrocken, die Gefangenen auf freiem Fuß zu sehen.
Noch bevor sie reagieren konnten, schlugen die beiden Timetraveller zu, Ken schickte einen von ihnen mit einem harten Schlag zu Boden, während sich Francine aus dem Stand in die Höhe wuchtete, das Bein ausstreckte und einen Kick ansetzte, der ihren Gegner auf der Stelle niederstreckte.
Anschließend nahmen beide ihre Waffen an sich und gaben Claire ein Zeichen.
Zu dritt eilten sie einen engen Gang entlang. Die Wände bestanden aus grob behauenem Fels, ebenso Boden und Decke. Lampen erhellten den Tunnel, der stetig bergan führte.
Nach mehreren Minuten tauchte in der Ferne ein heller Lichtschein auf, der sich stetig vergrößerte.
»Der Ausgang!«, rief Claire.
Unwillkürlich beschleunigten sie ihre Schritte, verließen wenig später den Gang und standen auf einer Plattform gut zehn Meter über dem Boden.
Unter ihnen floss ein breiter Fluss, in dessen Mitte sich jedoch eine Insel erstreckte. Palmen wuchsen dort. Sie umrahmten einen großen Tempel.
»Dort unten sind sie!«, zischte Francine, als sie die Männer und Kaftanträger entdeckte. Sie hatten sich vor dem Tempel versammelt und schienen zu warten.
»Dan kann ich aber nicht sehen. Wo ist er? Nicht bei uns, nicht bei denen.« Claires Augen weiteten sich. »Die wollen ihn doch hoffentlich nicht opfern oder etwas in der Art.«
»Das glaube ich nicht«, widersprach Ken. »Warum sollten sie das tun? Diese Gesellschaft wirkt nicht, als würden sie sich archaischen Riten hingeben. Andererseits …« Er zuckte mit den Schultern. Moderne Wagen, Schnellfeuergewehre und PDAs schlossen Opferungen nicht automatisch aus. Islamische Staaten waren schließlich auch modern, ohne aber auf Unterdrückung und Mord zu verzichten.
»Wir sollten da hinabsteigen und zu der Insel gelangen«, sinnierte Francine. »Schließlich müssen wir uns Gewissheit verschaffen, was das Schicksal unseres Freundes anbelangt.«
Ken schaute über die Kante der Plattform. »Hier befindet sich eine Strickleiter. Sie führt hinab in die Tiefe.«
Er drehte den Kopf und schaute an der Felswand hinauf. »Und dort oben ist ein … Hubschrauber … oder so. Eine Straße oder einen normalen Weg gibt es scheinbar nicht.«
»Dann hangeln wir uns mal hinab und schauen, wie weit wir kommen.« Francine schob die Waffe in den leeren Halfter an ihrem Gürtel, schwang sich über die Kante und hangelte sich hinab.
Claire folgte ihr, den Abschluss bildete Ken.
Dank der Leiter war es nicht schwer, die Plattform zu verlassen.
Am Fuße des Berges, den sie soeben hinter sich gelassen hatten, eilten sie zum Ufer des Flusses. Noch hatte man sie nicht gesehen, denn die Männer vor dem Tempel waren inzwischen damit beschäftigt, Fässer zu verdrahten.
Francine kniff den Mund zusammen, als sie begriff. »Die wollen das Gebäude sprengen. Ein verdammter Anschlag.« Verdammt. Ich habe mich zu dieser kleinen Abteilung versetzen lassen, um nicht länger mit dem Terrorismus konfrontiert zu werden. Und jetzt? Das kotzt mich an
Sie deutete auf einen Steg, der vom Ufer in den See reichte. Mehrere Boote waren an ihm befestigt.
Sie nahmen eines davon, schalteten jedoch nicht den Außenbord-Motor ein, sondern paddelten mit Notrudern gegen die Strömung an. Dabei hielten sie sich so, dass zwischen ihnen und den Männern auf der Insel hohe Büsche und Palmen wuchsen. Auf diese Weise gelangten sie unbemerkt an das westliche Ufer, ließen das Boot auf Sand laufen und glitten in den weichen, feuchten Sand.
»Vorsichtig«, mahnte Francine leise. Ihr Blick hatte sich verändert, war hart und kalt. »Wir haben es mit Terroristen zu tun.«
Sie sah ihre Begleiter nicken, hob dann aber den Kopf, als sie aus der Ferne das laute Summen von Fluggeräten hörte.
Sie sahen die Maschinen aus südlicher Richtung einschweben. Es waren seltsame Gebilde, die einerseits an Luftkissenschiffe, andererseits aber auch an Helikopter erinnerten.
Auf der Insel brachen die Männer in Hektik aus. Sie vollendeten ihre Arbeit, während die Flugmaschine, die zuvor über der Plattform gestanden hatte, abhob und die Insel ansteuerte, um die Männer aufzunehmen.
Francine, Claire und Ken lagen auch weiterhin hinter Büschen im Versteck und beobachteten die Aktion. Sie ahnten, worauf das hinauslaufen würde.
Die Terroristen planten die Zerstörung des Tempels vor den Augen jener, die sich von Süden her näherten.
Sie warteten, bis die Männer in ihr Fluggerät gestiegen waren. Kaum gewann dieses an Höhe und jagte in nördlicher Richtung davon, als Francine auch schon aufsprang und zu den Fässern eilte.
»Wir müssen die Bombe entschärfen!«, rief sie dabei. »Wer weiß, ob Dan in dem Tempel ist. Los, beeilt euch!«
Claire starrte Ken ängstlich an, nickte dann aber und lief ebenfalls los. Noch waren die Fluggeräte nicht über der Insel. Sie wussten aber, dass ihnen nur wenige Minuten blieben, bis jemand die Zündung auslösen und den Tempel, vielleicht sogar die gesamte Insel, sprengen würde.
Sie hetzten zu den Fässern und sahen, dass Sprengstoff in einer klaren, stechend riechenden Flüssigkeit schwamm. Die Fässer waren nicht nur um den Tempel herum aufgestellt worden, sondern auch in seinem Inneren.
Leichen lagen auf dem Vorplatz sowie auf dem Weg, der von der Anlegestelle zum Heiligtum führte. Wahrscheinlich Priester und Besucher, wie die Timetraveller annahmen.
Der Sprengstoff war durch Schnüre verbunden, die wiederum in einen kleinen, grauen Kasten führten.
Dioden leuchteten auf der Vorderseite der Box, zwei Antennen ragten in die Höhe.
»Der Empfänger!«, erkannte Ken. Er ließ die beiden Frauen allein, zog seine Waffe und wollte auf das Gerät schießen.
»Nein!«, rief Francine. »Nicht, dass ein Kurzschluss die Zündung auslöst.« Sie deutete auf die Schnüre, während die Maschinen näher und näher kamen. »Wir müssen sie durchtrennen. Los!«
Sie begann, an den Kabeln zu reißen.
Claire und Ken taten es ihr gleich. Wieder und wieder schauten sie zu den Fluggeräten, die nun im Tiefflug über den Fluss jagten, während sie die dünnen Kabel durchtrennten.
Dies ging besser als gedacht, wie Claire feststellte, denn die Verbindungen waren nicht sonderlich haltbar.
»Gleich haben wir es«, stieß Ken hervor. Er packte die letzten Kabel und zerriss sie mit einem kräftigen Ruck.
Keine Sekunde zu früh, wie ein helles Signal aus der Empfängerbox bewies. Die Hubschrauber waren fast heran. Zu nah, um der Druckwelle zu entgehen, die hätte entstehen sollen.
Das Signal war durchdringend – ein schrilles Piepen, das in den Ohren schmerzte. Dann erlosch es, die grünen Dioden an der Vorderseite des Empfängers schalteten um auf rot und ein Funke jagte über die losen Enden der Kabel.
Die Timetraveller schauten sich an, keuchend und ängstlich. Fast wäre es zu spät gewesen. Ein paar Sekunden, und sie hätten die Katastrophe nicht verhindern können. Mehr noch; sie wären ihr in einem grellen Blitz zum Opfer gefallen.
Die Flugmaschinen setzten zur Landung an. Noch in der Luft, kurz über dem Boden, wurden die Türen der Maschinen aufgerissen und mehrere Männer in Uniform sprangen heraus. Sie richteten ihre Waffen sofort auf die drei Reisenden und zwangen sie, sich auf den Boden zu legen.
»Nur eine Bewegung, und ihr seid tot!«, zischte einer von ihnen.
»Lasst sie!«, befahl eine weibliche Stimme. »Sie gehören nicht zu den Terroristen. Oder sehe ich das falsch?«
Francine drehte den Kopf und sah eine junge Frau auf sie zukommen. Dicht neben ihr ging Dan, ein breites Grinsen auf dem Gesicht.
»Nein, das sehen Sie völlig richtig. Unsere Entführer wollten den Tempel in die Luft sprengen. Wir konnten das verhindern.«
»Dann hoch mit euch.« Die Agentin des Sicherheitsdienstes streckte ihre Hand aus. »Nefer-Neferu-Anpu.«
»Oben in der Höhle sind noch zwei von denen. Zumindest, wenn die niemand befreit hat!«, rief Claire. Sie war froh, Dan gesund und munter zu sehen, ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen.
»Dann wollen wir mal nachschauen.« Nefer-Neferu-Anpu gab ihren Leuten einen Wink. Sofort machte sich ein Team auf, die Höhle zu durchsuchen.
»Wir fliegen nach Memphis. Dass der Anschlag vereitelt wurde, wird denen nicht ins Konzept passen!« Die Agentin schaute sich um. »Wir müssen damit rechnen, dass heute Nacht noch etwas geschieht.«

Kapitel 7

I

Kemet, 2009/RPZ

Schreie hallten durch die Nacht.
Claire schaute zu Francine und senkte den Kopf. Sie wusste, dass die Laute von den beiden Gefangenen stammten, die man in der Höhle gefunden hatte. Sie befanden sich in einem Container neben ihrer behelfsmäßigen Unterkunft und wurden dort befragt.
Die Agenten des Sicherheitsdienstes waren nicht zimperlich, wie es schien. Schläge, Wasser und Strom. Das zumindest glaubte die junge Frau gehört zu haben.
Es war eine harte Kultur, die jedoch funktionierte. Das zumindest hatte ihnen Nefer-Neferu-Anpu versichert.
»Es ist barbarisch«, wisperte sie, als einer der Männer gellend schrie. »Wie können sie das tun? Haben sie hier keine Menschenrechte?«
Francine stieß unwirsch die Luft aus. »Du denkst an die Grundregeln, die zu Hause in den Staaten gelten? Nun ja, wenn wir Terroristen verhören, dann bringen wir sie nach Guantanamo Bay, um ihre Rechte auf diese Weise zu umgehen. Wir sind ja so human.«
»Oder die USA wirft Atombomben auf unschuldige Kinder und Frauen. Ja, wir Menschen wissen, wie man sich benimmt.«
»Aber das …« Claire schaute zu Boden, als ein hässliches Knacken zu hören war, gefolgt von Stille. Dann erklangen Stimmen. Einer der Gefangenen redete, schnell und eindringlich. So, als wolle er ganz sicher sein, dem Grauen weiterer Foltermethoden zu entgehen.
Nachdem er geendet hatte, trat Stille ein. Dann, unvermittelt, ein Schuss.
Sekunden später betrat Nefer-Neferu-Anpu den Raum. Sie steckte dabei die Waffe in den Halfter. »Die Oase ist verlassen. Unsere Leute haben keine Spuren von Trümmern einer Zeitmaschine gefunden. Aber wir wissen nun, wo sich die Verschwörer verborgen halten. Möchtet ihr uns begleiten?«
»Jetzt?«, fragte Dan. »Es ist bereits Nacht.«
»Wir schlagen zu, ehe sie sich ein anderes Versteck suchen. Ihr könnt aber auch hier bleiben, wenn ihr wollt.«
Francine stand auf. »Nein, wir kommen mit. Wir müssen die Trümmer finden und wissen, ob es Überlebende gab.«
»Keine Überlebenden, keine Toten. Sie fanden nur ein paar Teile in der Wüste, darunter wohl ein Stück des Antriebs samt Energiequelle.« Nefer-Neferu-Anpu schüttelte den Kopf. »Sie wollen daraus eine Waffe basteln, um Pharaos Palast in Schutt und Asche zu legen. Das muss man sich mal vorstellen.«
Die Agentin verließ den Raum und gab ihrem Partner ein Zeichen. »Wir brauchen zwei Teams. Machen wir es schnell und sauber. Wir wollen doch nicht, dass diese Mörder die Chance bekommen, sich in einem Prozess zu rechtfertigen.«
»Was soll denn das heißen?«, fragte Claire aufgebracht. »Ihr wollt sie …«
»Sie wollen an den Grundfesten unserer Gesellschaft rütteln. Nur ein Gott, den sie Belah nennen. Er habe ihnen befohlen, die falschen Götter und ihre Diener auszumerzen, in einem selig machenden Krieg.« Nefer-Neferu-Anpu grinste böse. »Machen wir sie selig!«
»Das ist genau die Scheiße, der ich entfliehen wollte«, stöhnte Francine. »Darum verließ ich die Abteilung, bei der ich vorher war. Religiöser Wahn – verdammt.«
Sie folgten der Agentin des Sicherheitsdienstes zu den großen Antigrav-Transportern und kletterten in einen von ihnen.
Eine zweite Maschine war ebenfalls bereit, in den dunklen Himmel zu steigen. Schwer bewaffnete Männer und Frauen stiegen ein. Weder Claire noch Francine oder die beiden Männer hatten die geringsten Zweifel daran, dass dies eine Schlacht werden würde.
»Wir halten uns aus den Kämpfen raus!«, erklärte Francine, während die Maschine stieg. »Wir suchen die Trümmer und bergen sie. Darum sind wir hier.«
Nefer-Neferu-Anpu nickte. »Einverstanden. Ihr könnt die Trümmer in diesen Antigrav bringen. Sobald ihr sie habt, fliegt euch der Pilot zu eurem Glider
Sie jagten inzwischen über die Wüste dahin. Über ihnen funkelten die Sterne, unter ihnen war es hingegen dunkel. Nur vereinzelt waren die Lichter von Wagen oder kleinen Siedlungen zu sehen. Der Fluss, er hieß Nil wie in ihrer Welt auch, zog sich als schwarzes Band dahin. Auch auf ihm blitzten manchmal Lichter auf, denn der Strom wurde von vielen zivilen und geschäftlichen Schiffen befahren.
»Wir erreichen in zehn Minuten unser Ziel. Bereitmachen!«, rief Nefer-Neferu-Anpu nach einem Blick auf ihren PDA. »Machen wir es sicher und sauber, damit Pharao stolz auf uns ist!«

II

Der Kampf begann, noch bevor die Antigrav-Transporter den Boden berührten. Aus dem Dunkel einer verlassen wirkenden Siedlung prasselten Schüsse auf die Maschinen ein.
Sofort erwiderten die Piloten den Beschuss. Schwere Kugeln hämmerten in die alten Mauern der Häuser und zerstörten sie.
Die Türen der Antigravs wurden aufgerissen und die Mitglieder des Sicherheitsdienstes sprangen ins Freie.
Francine wartete, dann gab sie ihren Begleitern das Zeichen, den Agenten zu folgen. Dabei warf sie einen Blick auf die Anzeige – die Trümmer waren hier.
»Sie warten. Sobald wir haben, was wir brauchen, kommen wir zurück«, rief sie dem Piloten zu.
Dieser nickte. »Ich habe meine Befehle und weiß, dass ich Sie und Ihr Team transportieren soll. Viel Glück!«
Die MTRD-Agentin nickte und sprang ebenfalls ins Freie. Inzwischen war die Schlacht vollends entflammt. Mitglieder des Sicherheitsdienstes hatten sich bis auf fünfzig Meter an die Siedlung herangeschoben und schossen, während Terroristen hinter den Mauern in Deckung lagen und ihre Stellung verteidigten.
»Die Trümmer befinden sich südwestlich von uns, irgendwo innerhalb der Siedlung.« Francine schaute zu Ken. »Du begleitest mich. Claire und Dan bleiben zurück. Wir brauchen Rückendeckung.«
Die Agentin lief geduckt in die entsprechende Richtung. Dabei achtete sie darauf, so wenig Geräusche wie möglich zu machen.
Ken schloss zu ihr auf. Er bewegte sich leichtfüßig und zielstrebig. Seine Waffe hielt er bereits in Händen, bereit jeden auszuschalten, der vor ihnen auftauchen würde.
Sie glaubten schon, unbehelligt zwei Häuser umrunden zu können, um auf diese Weise unbemerkt ans Ziel zu gelangen, als plötzlich drei Männer wie aus dem Nichts vor ihnen erschienen.
Für ein, zwei Sekunden schien die Zeit eingefroren. Dann schlug Ken zu und zertrümmerte mit dem Lauf seiner Waffe die Stirn eines Gegners. Blut spritzte auf, ein unartikulierter Laut kam aus dem Mund des Verletzten. Dann sackte er zusammen, während Ken bereits die Waffe auf einen weiteren Gegner richtete und abdrückte.
Francine tat es ihm gleich.
»Du bist schnell!«, lobte die Agentin, nachdem die drei Männer in ihrem Blut lagen. »Den ersten Schlag habe ich nicht mal gesehen. Ist das so ein japanisches Karate-Ding?«
»Nein, ein Ryk-Medizin-Ding aus einer fremden Welt.« Er steckte die Waffe ein, schaute sich um und deutete nach einem Blick auf den PDA zu einem kleinen, längst aufgelassenen Tempel. »Dort drinnen.«
Sie liefen weiter, während der Kampf tobte. Die Nacht war erhellt von den grellen Blitzen des Mündungsfeuers. Hin und wieder explodierten Granaten.
»Hätten wir unsere Ausrüstung, dann könnten wir mit den beiden anderen sprechen. Aber nein, sie mussten uns ja alles nehmen.« Ken schürzte die Lippen.
»Nefer-Neferu-Anpu hätte uns Headsets geben können. Ich frage mich, warum sie nicht wollte.«
»Gute Frage.« Ken ging neben dem Eingang des Tempels in Stellung. Er schaute durch die halb angelehnte Tür ins Innere. »Licht, aber nur spärlich.«
Mit der Schulter stieß er den Eingang vollends auf, drehte sich hinein und sprang auf. Zwei Wachen waren zurückgeblieben; sie starben in einem kurzen aber gezielten Kugelhagel.
»Da haben wir die Trümmer. Viel ist es nicht«, sagte Francine, als sie die Teile auf einem Altar liegen sah. »Eine der Energiequellen, ein Stück der Konsole und zwei Speicherchips.«
Sie nahmen die Teile an sich und verließen den Tempel wieder.
Claire und Dan lagen in Deckung. Sie hatten sich aus den Kämpfen raushalten wollen, waren jedoch angegriffen worden.
Nun verteidigten sie nicht nur ihre Stellung, sondern auch den Rückzugsweg zum Antigrav.
Als Ken und Francine zurückkehrten, gaben sie ihre Stellung auf und eilten zum Antigrav.
Der Pilot sah sie bereits kommen und hob ab. Er deckte ihren Rückzug durch eine Salve aus seinen Bordkanonen, wartete, bis die Timetraveller an Bord waren. Dann zog er die Maschine steil nach hinten und nach oben, drehte sie und jagte zu jener Höhle, in der der Glider nach wie vor stand.
Claire schaute aus dem Fenster und sah die Dunkelheit unter sich. Sie hatten es geschafft; die Trümmer waren geborgen und sie flogen just in diesem Moment zu ihrem Donnervogel. Nun mussten sie nur noch die Heimreise überstehen. Gelang ihnen das, konnten sie einen kleinen Triumph feiern.
Sie wollte ihre Hand auf Kens Arm legen, hielt aber inne, als sie das Blut auf seiner Uniform sah. Der Blick ihres Freundes wirkte zudem ernst; er hatte nichts von dem Fröhlichen und Ausgelassenen, das sie so an ihm liebte.
Hätte sie gewusst, wie kompromisslos er und Francine sich ihren Weg gebahnt hatten, sie wäre entsetzt gewesen.
Der Pilot stoppte den Antigrav dicht vor jener Höhle, in der sich der Glider befand. Er fuhr den Steg aus und öffnete die Luke. »Viel Glück!«, rief er den Vier nach.
Diese nickten und verließen den Antigrav-Transporter.
Die Wachen, welche rechts und links des Gliders standen, grüßten kurz. Auch sie hatten ihre Befehle und wussten, dass sie die Timetraveller ziehen lassen sollten.
»Bereit zur Heimreise?«, rief Ken, als er auf den Pilotensitz kletterte und sich anschnallte. »Hoffen wir, dass der Thunderbird diesmal keine Zicken macht.«
Claire nickte, während sie sich neben ihn setzte. »Ist alles in Ordnung bei dir?«, fragte sie dabei leise. »Du wirkst niedergeschlagen.«
»Ich habe Menschen getötet, Claire. Und das aus nächster Nähe. Ich habe sie sterben sehen. Glaub mir, ich bin angespannt.«
Die junge Frau nickte nur, während sich Francine auf dem Rücksitz räusperte. »Du hast deinen Job erledigt, und das verdammt gut. Ohne deine rasche Reaktion wären wir vielleicht gestorben. Mach dir keine Vorwürfe. Manchmal heißt es du oder ich. Im Zweifelsfalle ist es besser, wenn der andere stirbt.«
»Ja …« Ken startete den Motor und steuerte den Glider aus der Höhle. Er zog ihn in die Höhe, aktivierte den Transworld-Antrieb und wartete auf Claires Okay, den Flug einzuleiten.
Seine Freundin gab derweil die Zielkoordinaten ein; Welt 001–Zentrale der MTRD.
Kaum gab Claire das Zeichen, als er auch schon beschleunigte. Sekunden später trat der Donnervogel in den Zeitstrom ein.
Der Spuk war endgültig vorbei.

Epilog

I

Kemet, 2009/RPZ

Nefer-Neferu-Anpu betrat ihre Wohnung. Blut, Schweiß und Schmutz klebten auf ihrer Kleidung. Einerseits war sie müde, andererseits aufgekratzt.
Sie hatten die Terroristen ausgelöscht.
Nachhaltig.
Keiner war ihnen entkommen, sie alle weilten nun im Duat. Sofern sie nicht bereits dem Seelenfresser zum Opfer gefallen waren.
Alysha verließ das Schlafzimmer und eilte ihr entgegen. Sie trug einen dünnen Umhang; darunter schwarze Wäsche, die ihrer Figur schmeichelte.
Trotz des Geruchs, der von der Agentin ausging und trotz des Schmutzes schmiegte sie sich an ihre Gefährtin und küsste diese auf den Mund. »In den Nachrichten berichteten sie von euren Kämpfen. Ich bin so froh, dich lebend und unversehrt begrüßen zu dürfen.«
»Ich brauche einen Drink und sehr viel Nähe«, wisperte die Agentin. »Ich möchte vergessen, was heute geschehen ist.«
Sie ging in das große Bad und streifte ihre Kleidung ab, ehe sie in das Becken stieg und sich von warmem Wasser umschmeicheln ließ.
Mit geschlossenen Augen dachte sie noch einmal an die Menschen, die gestorben waren. Dann jedoch wanderten ihre Gedanken zu den Reisenden. Sie hatten ihre Mission erfüllt und waren aufgebrochen. Ich hoffe, ihr habt einen angenehmen Flug, dachte sie bei sich.

II

Ken steuerte den Glider durch den Zeitstrom. Er behielt die Anzeigen im Blick; keinesfalls wollte er noch einmal eine solche Krise erleben wie bei der Hinreise. Fast hätten sie das Schicksal der ersten Crew geteilt.
Fast.
Im letzten Moment war es ihm gelungen, den Thunderbird und die Insassen zu retten. Offenbar hatte der Glider einen Defekt. Etwas Grundlegendes lief falsch.
»Wir erreichen Austrittspunkt in zwei Minuten!«, meldete Claire. Sie schaute zu ihrem Freund, sagte aber nichts. Mit seinen Taten musste Ken selbst klarkommen. Sie konnte ihm helfen, nicht aber sein Gewissen entlasten. Sie glaubte nicht einmal, dass ein Priester in der Lage war, Ken wirklich zu helfen.
»Bisher alles normal«, meldete Dan. Er behielt die Sensoren im Blick. »Aber das war es beim Hinflug auch.«
»Nicht unken!«, mahnte Francine. »Wir müssen vor allem die Elektronik überprüfen lassen. Offenbar hat der Computer beim Wiedereintritt in Zeit und Raum ein Problem.«
»Darum steuere ich ihn auch von Hand und lasse den Computer aus!«, erklärte Ken bestimmt. Er umfasste das Steuer fester. Noch flog der Computer den Thunderbird.
Dies änderte sich, als der Countdown zum Eintritt begann. Claire deaktivierte den Bordcomputer, sodass Ken die Steuerung übernehmen konnte.
Dieser überprüfte die Anzeigen, während sie bereits den Austrittspunkt sahen. Licht, das größer wurde.
»MTRD, hier Thunderbird. Wir kommen jetzt rein!«, meldete Florence dem Flugoffizier in der Zentrale.
»Sind bereit für Rückkehr, Thunderbird. Willkommen zurück.«
»Austritt in zehn, neun, acht, sieben …«, meldete Claire, während Ken die Steuerung fester umfasste. Vibrationen liefen durch den Rumpf, die Maschine brach nach links und rechts aus. Die Belastungen waren besonders bei Ein- und Austritt besonders hoch. Das merkte der Timetraveller nun. Es wurde ein harter Ritt, der diesmal zumindest nicht durch die Versuche des Bordcomputers erschwert wurde, zurück in den Zeitstrom springen zu wollen.
»Austritt!«, presste Claire hervor, als der Glider in die reale Welt zurückkehrte, auf das weit offen stehende Tor der Landezone zuraste und dort, kaum dass er die Öffnung passiert hatte, abgebremst wurde.
Ken brachte den Donnervogel zum Stehen; unmittelbar unter dem großen Fenster der Flugkontrolle. Techniker eilten herbei, die Luken glitten auf.
»Vielen Dank, dass sie mit der MTRD geflogen sind. Wir freuen uns, sie bald wieder an Bord begrüßen zu dürfen«, scherzte Dan, während er ausstieg.
»Wir werden da sein«, erwiderte Claire. Sie griff nach Kens Hand. »Das werden wir doch, oder?«
»Auf jeden Fall«, bestätigte ihr Freund. »Ich brauche eine Mütze voll Schlaf, einen Drink und ein Steak. Dann geht es mir wieder gut.«
Francine stieg aus und streckte sich. Sie hatte eine fremde Welt besucht. Die erste Mission des jungen Teams war ein voller Erfolg – auch wenn dieser Sieg mit Schmerzen, Schweiß und Blut erkämpft worden war.
Sie konnte es kaum erwarten, zur nächsten Mission aufzubrechen …

Ende dieses Teils

Fußnoten:

1 Das Jahr 2009 nach der Restauration des Pharaonischen Zeitalters

2 Anpu: ägyptisch für Anubis

Zurück zum Text

Vorschau auf Episode 22

Erwartet mit Spannung die am 1. November 2010 erscheinende 22. Episode.

Der Titel lautet:
»Öde und leer«

von Gloomy Tomb

Die Suche nach den Trümmern der Zeitmaschine und den Überlebenden geht weiter. Erschwert wird diese durch die Tatsache, dass die Timetraveller nie wissen, was für eine Welt sie erwartet, ob die Bewohner ihnen feindlich gesinnt sind. Auf ihrer zweiten Mission sind die Bewohner das kleinste Problem, denn die klimatischen Bedingungen haben dafür gesorgt, dass diese Welt beinahe ausgerottet ist. Wasser ist das kostbarste und teuerste Gut, welches es gibt und die Hitze tut ihr Übriges, um die Timetraveller an den Rand der Verzweiflung zu bringen. Denn auf solche Lebensumstände sind sie nicht vorbereitet und die Suche nach den Trümmern wird überlagert von der Suche nach Wasser. Doch danach suchen auch andere Wesen …

 

© by 2010
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox